Neige, die Ich-Erzählerin aus einem Dorf in den französischen Alpen, und Maga, aus Andalusien, schlecht bezahlte Sprachlehrerinnen an einer Universität in Michigan, machen sich auf nach Chiapas, wo sie, vor allem aber Maga, den Sub-Commandante Marcos zu treffen hoffen. Das war 2003, die Geschichte wird im Rückblick, aus der Erinnerung, erzählt, und diese ist bekanntlich unzuverlässig. Neige trägt dem Rechnung, "kann ich mir nicht ganz sicher sein, dass alles zu einer bestimmten Zeit genau auf diese Weise stattgefunden hat. Aber wenn ich es gar nicht erzähle, wenn ich nicht versuche, genau zu sein, auch auf die Gefahr hin, ein bisschen was auszuschmücken, dann könnten wir nicht an diese Orte zurückkehren, dann blieben wir im Ungefähren ...".
Neige Sinno versteht es ausgezeichnet, die Atmosphäre Mexikos, erlebt von jungen Backpackerinnen, zu vermitteln. Eingezwängt in überfüllten Bussen, hinter zugesperrten Türen in schmuddeligen Unterkünften, die Angst vor übergriffigen Männern – man wähnt sich vor Ort mit dabei.
Die beiden jungen Frauen sind sehr verschieden. Maga, sehr feinfühlig für Situationen, die aus dem Ruder zu laufen scheinen; Neige, die die Gefahr immer erst bemerkt, wann es zu spät ist, dann aber die Ruhe behält. "Wir bildeten zwar ein komplementäres Du, doch unsere Komplementarität schützte uns nicht, sie brachte uns in den heiklen Momenten, von denen es auf dieser Reise einige gab, keine grössere Klarheit und half uns auch nicht dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Im Grossen und Ganzen nutzte sie uns gar nichts." Subtil, klarsichtig, selbstreflexiv. Und auch dies: Ohne, dass man handelnd eingreift, kann sich nichts entwickeln.
Sie brechen ihre Reise ab, verzichten auf ihr Vorhaben, La Realidad zu erreichen. "Ustedes no entienden nada", wurde ihnen gesagt, was wohl mit dafür ein Grund war, dass sie aufgaben. Sie hatten keinen Kompass mehr, was die Mexikaner mit desmadre bezeichnen, als "eine Situation, in der es keine Mutter mehr gibt." Manchmal sagt der Gebrauch der Sprache sehr viel über das Denken der Leute aus.
Neige kehrt nach Mexiko zurück, zu Luis, der an der Küste Oaxacas ein Hippieleben, mit vielen Drogen, führt. Doch sie muss zurück, ihre Sachen in Ordnung bringen, und will dann wiederkommen, als sie erfährt, dass Luis der Drogentod ereilt hat. So dramatisch das auch ist, was an Neiges mexikanischen Schilderungen, es sind ganz viele, ganz unterschiedliche, so berührend ist, ist ihre rücksichtsvolle und aufmerksame Art, die sie ausgesprochen reflektiert beschreibt, und dadurch deutlich macht, dass Eindeutigkeiten so recht eigentlich nicht zu haben sind, dass wir uns mit der Komplexität des Lebens arrangieren müssen.
Das einzig Beständige ist der Wandel – und genau dem trägt das Erzählen Neige Sinnos Rechnung. "Wir verändern uns dermassen, dass selbst eine subjektive Wahrnehmung nicht einzig, sondern multipel ist, denn sie muss einer der vielen Rollen entsprechen, in die man je nach den Umständen schlüpft. (...) Man reist nicht von der Unwissenheit zur Wahrheit, sondern von einer Unwissenheit zu einer anderen, vielleicht besser belegten." Dieses Schreiben kommt der Wirklichkeit sehr nahe – und das ist ausgesprochen selten.
Zehn Jahre, nachdem sie mit Maga versuchte, nach La Realidad zu reisen, ist Neige nach Chiapas zurückgekommen, diesmal mit Max und ihrer zweijährigen Tochter. Dieses Buch verschafft einem auch vielfältige Einblicke in ganz verschiedene Aspekte Mexikos. Unweigerlich tauchen dabei ständig Bilder meiner zwei mexikanischen Monate, die ich vor Jahren mir meiner damaligen, aus Havanna stammenden Frau, dort verbracht habe, in meinem Kopf auf.
Noch ein paar Jahre später kehrt Neige wiederum nach Chiapas zurück, dieses Mal ohne Max, doch mit ihrer Tochter. Dieses Kapitel ist mit Begegnungen kämpfender Frauen (nachträglich gebildete Meinung) überschrieben. "Ich folgte einer Gruppe von Freundinnen, ohne recht zu wissen, wohin es ging." Es gehört mit zum Anregendsten in diesem Buch, wie die anteilnehmende und aufrichtige Autorin, sich auf Unvorhergesehenes einlässt.
So recht eigentlich ist La Realidad eine Erzählung übers Reisen, keine klassische, mit Anfang, Mittelteil und Ende, in der sich alles irgendwie folgerichtig ergibt, sondern eine der Suche nach dem Leben, die auch eine Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen ist. Dabei lernen wir auch, dass wir gerade dabei sind, "alles, was uns das Leben auf der Erde ermöglicht, zu vernichten. Unsere Wissenschaft, unsere Vernunft erreichen einen absurd hohen Entwicklungsstand. Statt uns zu retten, reiten wir uns jeden Tag ein wenig tiefer hinein." Und wir machen Bekanntschaft mit Antonin Artaud, der nach Mexiko flüchtete, eine Revolution des Bewusstseins forderte, und kein schriftstellerisches Werk hervorbringen wollte. "Keine Werke, keine Sprache, kein Sprechen, kein Geist. Er will nur leben."
Neige Sinno
La Realidad
Ort der Frauen
dtv, München 2026
