Dieser Roman erzählt die Geschichte der Magnum-Fotografin Eve Arnold und Marilyn Monroe. "Unfassbar, aber unter den Hunderten von Fotografen, die Marilyn abgelichtet hatten, war nur eine einzige Frau gewesen. Eves Fotos von Marilyn sehen anders aus als alle anderen, sie sind leicht zu identifizieren, wenn man sie neben den Bildern anderer Fotografen sieht." Umso schwerer zu begreifen, dass in diesem Roman kein einziges dieser Fotos abgebildet wird!
Mein Interesse an diesem Werk liegt in der Fotografie begründet. Und so bleibt mir nichts anderes, als Eve Arnolds Fotos von Marilyn zu googeln: Diese Fotos sind in der Tat anders als die ihrer männlichen Kollegen. Eve Arnold hat ein gutes, ein sehr spezielles Auge. Und viel Sinn für Ästhetik. Im Gegensatz etwa zu Cartier-Bresson, dem es gefiel, die Leute zu überrumpeln, bedient sie sich keiner Tricks. Sie weiss, dass es darum geht, präsent zu sein.
"Würden Sie also sagen, dass sie die Menschen benutzen?", wird sie anlässlich einer Veranstaltung zu ihrem Lebenswerk gefragt. Worauf sie antwortet: "Vielleicht benutzen die Leute mich." Allerdings kann man auch zusammenarbeiten. Und genau das ist es, was Marilyn Monroe Eve Arnold vorgeschlagen hatte.
Der Anfang gestaltet sich für Eve eher schwierig, was weniger mit Marilyn als mit ihr selber zu tun hat. Was den beiden gemeinsam ist: "Beide sind Aussenseiterinnen, beide werden unterschätzt, und beide hungern nach Anerkennung." Wer sich derart von der Meinung anderer abhängig macht, scheint es an einem intakten Selbstwertgefühl zu mangeln.
Keinesfalls wolle sie ein weiblicher Fotograf genannt werden, so Eve zu Marilyn. +Wie soll ich Sie dann nennen?" "Eine Fotografin, Punkt." "Okay, eine Fotografin, Punkt." Das ist elegant gelöst, heisst die Fotografin (oder der Fotograf) im Englischen doch genderneutral (da der Akzent auf der Tätigkeit und nicht auf dem Geschlecht der Person liegt) the photographer. Kompliment an die Übersetzerin Maria Poets,
Geschrieben ist Unsere leuchtenden Jahre aus der Perspektive von Eve Arnold, die noch neu bei Magnum ist und sich durchsetzen muss. "Wie merkwürdig musste es sein, so verehrt und zugleich so verachtet zu werden." "Wie musste es wohl sein, sich in dieser Welt zurechtzufinden, ohne einen anderen Kompass als die eigene Verzweiflung?" Solche (und viele andere) Überlegungen schreibt die Autorin Lynn Cullen Eve Arnold zu. Ob diese wirklich so gedacht hat, kann sie natürlich nicht wissen. Mit anderen Worten: Dieses Buch ist Fiktion, gut recherchierte, mit der Tendenz zu Klischees.."Da waren Capas Aufnahmen vom Omaha Beach und The Fallen Soldier; Chims Pablo Picasso in Front of Guernica; Henri Cartier-Bressons Seville, Spain, das spielende Kinder 1933 in den Ruinen ausgebombter Gebäude zeigt. Alle Fotografen hatten ihre Welt, ihre Zeit in einem Bild festgehalten ...". Die Vorstellung, die Zeit liesse sich in einem Bild festhalten, ist absurd; sie hat mit der Realität rein gar nichts zu tun.
Andererseits: Von einem Roman (oder von Fotos) ein wirklichkeitsgetreues Abbild eines Geschehens zu erwarten, ist eine Wunschvorstellung. So ist etwa die durchaus plausible Behauptung, hauptsächlich basierend auf der Einschätzung eines Fernsehinterviews, der Fotograf Milton Greene habe mit Marilyn eine Affäre gehabt, mit Internet-Recherchen nicht zu belegen, eher das Gegenteil.
Was Lynn Cullen mit ihrem Roman leistet, ist eine empathievolle, differenzierte Darstellung zweier berühmter Frauen und ihrer Verbindung miteinander. Dass da auch viel Projektion mit dabei ist, lässt sich nicht vermeiden. Wichtiger (und letztlich entscheidend) ist jedoch, ob sie es schafft, uns Eve Arnold und Marilyn Monroe in einem neuen, ungewohnten Licht zu zeigen. Und das tut sie in der Tat!
Doch nicht nur zu Marilyn muss Eve ein Verhältnis finden, auch zu ihren Arbeitgebern, worunter auch der Chefredakteur von Esquire gehörte. "Du darfst deine Bilder niemals den Leuten zeigen, die du fotografiert hast. Was, wenn es ihnen nicht gefällt? Oder ihnen gefällt eines, das du nicht magst? Du darfst ihnen nie das Ruder überlassen. Das ist der grösste Anfängerfehler, den du machen kannst." Doch Eve lässt sich nicht einschüchtern von diesem überheblichen Besserwisser und beharrt darauf, dass alle ihre Fotos veröffentlicht werden. "Und so kam es, dass ich meine erste Reportage veröffentlichte, in der die Fotos und der Text komplett von mir stammten."
Das Tolle an diesem Roman ist, dass man ganz viele Informationen darüber erhält, wie Eve Arnolds Fotos entstanden sind. Das geschieht äusserst selten und ist umso hilfreicher. Wer nichts oder nur wenig über die Entstehungsgeschichte von Fotos weiss, wird Dokumentarfotos kaum verstehen können, denn es geht nicht um den decisive moment (Cartier-Bresson), sondern darum, zu erkennen, dass ein Moment immer einem bzw. ganz vielen anderen Momenten folgt und von einem bzw. ganz vielen anderen anderen Momenten gefolgt wird. "Meine Aufgabe war es, den Moment festzuhalten. Der Betrachter sah darin, was er oder sie sehen wollte." Das ist zu kurz gedacht, da es die Wichtigkeit der Informationen zum Bild ausser Acht lässt. Was Eve Arnold nicht tut, im Gegenteil. (siehe auch den letzten Satz des vorangegangen Abschnitts).
Unsere leuchtenden Jahre dokumentiert auch die damalige Zeit. So wird uns etwa in Erinnerung gerufen, dass nicht nur der derzeitige amerikanische Präsident viele Menschen repräsentiert, die von dumpfen Gefühlen und wenig Verstand dirigiert werden, sondern, dass in den Vereinigten Staaten schon oft Primitivlinge sehr mächtig waren. Man denke an Senator Joe McCarthys Komitee für unamerikanische Umtriebe; Eve Arnold wehrte sich gegen ihn. McCarthys Handlanger war übrigens Roy Cohn, der wohl den weitaus grössten Einfluss auf den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten.ausübte. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Vereinigten Staaten schon immer so waren, wie sie heute sind. Nur wollte man das nie wahrhaben.
Was man auch oft nicht zu sehen bereit ist, und wir dank Lynn Cullen in diesem Roman vorgeführt kriegen: Weit schlimmer als Tiere waren die Reaktionen vieler Männer auf Marilyn Monroe. Und so sehr ich die Aufklärungen, insbesonders über die Arbeit der unterschiedlichen Fotografen schätze, die Glorifizierung von Robert Capa fand ich unangebracht, nicht zuletzt angesichts seines überaus stupiden, viel zitierten Satzes:„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“
Eve Arnold versteht sich als Dokumentarfotografin, was meint, dass ihre Fotos vom realen Leben und weniger von unserer Vorstellung, unserer Fantasie, unserem Bedürfnis nach Schönheit inspiriert sind. In den Worten von Marilyn: "Eve ist Dokumentarfotografin (...) Wie eine Kriegsfotografin, aber für Menschen."
Lynn Cullen ist mit Unsere leuchtenden Jahre eine überzeugende Darstellung zweier Frauen gelungen, von denen jede auf ihre jeweils eigene Art sich durchzusetzen wusste, gegen vielfältige Herabsetzungen, Niedertracht, Neid und Missgunst. Beide macht sie uns als komplexe und komplizierte Menschen erfahrbar. Gleichzeitig dokumentiert sie eine wenig erfreuliche Zeit, die wir fälschlicherweise überwunden glaubten, und verschafft uns vielfältige Einblicke in das Denken von Eve Arnold sowie der Magnum-Fotografen.
Lynn Cullen
Unsere leuchtenden Jahre
Fischer, Frankfurt am Main 2026
