Wednesday, 7 January 2026

Wie Journalisten ticken

Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Warzen der Welt sehen, die Unzulänglichkeiten von Menschen und Orten. Die gesunde Normalität, die unser Leben zumeist ausmacht, der Grossteil unseres Planeten, der nicht dem Wahnsinn verfallen ist, reizt sie weniger als Aufstände und Razzien, zusammenbrechende Staaten und sinkende Schiffe, nach Rio geflohene Banker und brennende buddhistische Nonnen – Unglück ist ihr Geschäft, das Spektakel ihre Leidenschaft, die Banalität ihr Erzfeind.

Journalisten treten stets im Rudel auf, eine Meute, deren Spannung jederzeit auf ihre Umwelt überspringen kann, und es lässt sich nur erahnen, inwiefern ihre geballte Anwesenheit ein Ereignis nicht erst auslöst, Leute erst zu ihren Taten anstachelt.

Neuigkeiten, über die nicht berichtet wird, zeitigen nun mal keine Konsequenzen, ja, es ist, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben. Deshalb ist der Journalist ein solch wichtiger Verbündeter der Ehrgeizigen, er ist die Zündfackel, die den Star zum Leuchten bringt.

Manch ein Journalist gibt sich dem Irrglauben hin, es sei sein Charme, nicht seine Nützlichkeit, dem er seine Privilegien verdankt; doch die meisten Journalisten sind Realisten, die sich nichts vormachen lassen. Sie benutzen andere, so wie sie selbst benutzt werden.

Gay Talese. Das Reich, die Macht und die Herrlichkeit der New York Times

Sunday, 4 January 2026

Am Rande des Grönland-Eises

„Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die verblüffenden Kunstwerke erkundet“, schreibt der Geologe William E. Glassley in „Eine wildere Zeit“. Und genau das tut er denn auch. Zusammen mit zwei Kollegen macht er sich auf, um nach Beweisen für die These zu suchen, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben.
 
Doch was genau tun eigentlich Geologen, wie gehen sie vor? Im Falle der drei Grönland-Erkunder sieht das so aus, dass sie zu Fuss oder per Boot durch eine Welt unterwegs sind, in der grossteils noch nie ein Mensch gewesen ist. Und das ist, wie die drei erfahren, nicht ungefährlich. Sie nehmen Proben, fotografieren und vermessen uralte Felsen – sie sammeln Daten.
 
In „Eine wildere Zeit“ schildert William E. Glassley fünf Expeditionen, die er zu den Gesteinen Grönlands gemacht hat. Dabei schreibt er unter anderem von Erwartungen, die zerbröckeln. Als er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“ Der zerstörerische Akt der Probenentnahme beschäftigt ihn.
 
Er stört sich an seinem Eindringen in die Stille, macht sich Gedanken über die Folgen seiner schweren Schuhe für diese empfindliche Welt. Und er denkt über die Wissenschaft nach, dieses eigenartige Geschäft, die mit einem vereinfachten und zwangsläufig fehlerhaften Abbild der Wirklichkeit arbeitet.
 
„Die Linien auf unseren Karten suggerieren Grenzen, die unsere Erwartungen bestimmen und einengen. Grenzen vereinfachen, kategorisieren und verleiten uns dazu, zu reagieren, ohne zu überlegen. In der Natur aber ist alles ein Fliessen, ein Prozess, der keine Grenzen kennt.“ Was bestenfalls möglich ist, ist eine Annäherung. Wesentlich ist, zu begreifen, „dass Grenzen eine andere Form der Fata Morgana sind.“
 
William E. Glassley ist nicht nur wissenschaftlich unterwegs, er beschreibt auch, wie er die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises erlebt und erfährt. Wie er das eiskalte Bad in arktischen Gewässern schildert, lässt einen selber fast vor Kälte erzittern; wie er bei seiner Rückkehr Licht, Luft und Geräusche mit geschärften Sinnen wahrnimmt, regt einen dazu an, die eigenen Sinne zu schärfen.
 
„Während ich halb gedankenverloren durch die Gräser und kurzstieligen Blumen des Tundrateppichs spazierte, breitete sich in mir ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, als hiesse mich der weite Raum willkommen.“ Es sind solche Passagen, die diesen schmalen Band zu weit mehr als einem geologischen Bericht vom Rande des Grönland-Eises machen.
 
Als er sich einmal mit seinem Gesicht dem Boden nähert, wird er ganz unvermutet von süssem Blumenduft überschwemmt. Dabei realisiert er unter anderem, dass wir Menschen üblicherweise nur einen winzigen Teil der Welt erleben. „Evolutionär sind wir mehr oder weniger optimal an einen Raum angepasst, der etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen ist hilfreich, wenn wir über unseren Platz auf diesem Planeten etwas erfahren wollen.
 
William E. Glassley führt vor, dass Wissen und Erleben ganz verschiedene Dinge sind. Am Ende seiner Expeditionen ist er ein anderer Mensch geworden. Gewissheiten, die er für unumstösslich hielt, haben sich in der Abgeschiedenheit der Wildnis gewandelt. „Hier müssen wir uns nicht unermüdlich anstrengen, alles in richtig und falsch einzuteilen, denn die ungestüme Wildnis kennt keine Urteile, nur das Sein.“
 
„Eine wildere Zeit“ ist eine höchst eindrückliche Einladung, sich mit dem Wunder der Existenz auseinanderzusetzen.

William E. Glassley
Eine wildere Zeit
Verlag Antje Kunstmann, München 2018