Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Warzen der Welt sehen, die Unzulänglichkeiten von Menschen und Orten. Die gesunde Normalität, die unser Leben zumeist ausmacht, der Grossteil unseres Planeten, der nicht dem Wahnsinn verfallen ist, reizt sie weniger als Aufstände und Razzien, zusammenbrechende Staaten und sinkende Schiffe, nach Rio geflohene Banker und brennende buddhistische Nonnen – Unglück ist ihr Geschäft, das Spektakel ihre Leidenschaft, die Banalität ihr Erzfeind.
Journalisten treten stets im Rudel auf, eine Meute, deren Spannung jederzeit auf ihre Umwelt überspringen kann, und es lässt sich nur erahnen, inwiefern ihre geballte Anwesenheit ein Ereignis nicht erst auslöst, Leute erst zu ihren Taten anstachelt.
Neuigkeiten, über die nicht berichtet wird, zeitigen nun mal keine Konsequenzen, ja, es ist, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben. Deshalb ist der Journalist ein solch wichtiger Verbündeter der Ehrgeizigen, er ist die Zündfackel, die den Star zum Leuchten bringt.
Manch ein Journalist gibt sich dem Irrglauben hin, es sei sein Charme, nicht seine Nützlichkeit, dem er seine Privilegien verdankt; doch die meisten Journalisten sind Realisten, die sich nichts vormachen lassen. Sie benutzen andere, so wie sie selbst benutzt werden.
Gay Talese. Das Reich, die Macht und die Herrlichkeit der New York Times
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