Sunday, 3 May 2026

Die kürzeste Geschichte Japans

Ein cleverer Einstieg in die Geschichte Japans als Christopher Harding, Dozent für Asiatische Geschichte an der University of Edinburgh, hier vorlegt, ist schwer vorstellbar. "Der japanische Reisepass ermöglicht es seinen Inhabern, visafrei in 194 Länder und Regionen der Welt zu reisen (...) Und dennoch besitzen in Japan nur 20 Prozent der Einwohner einen Pass." Als wichtigen Grund hat Harding die geografische Lage des Landes ausgemacht, die allein schon der Klimazonen wegen eine derartige Vielfalt bietet (vom sibirischen Norden zum subtropischen Süden), dass man so recht eigentlich nirgendwo hin reisen braucht, da man alles vor der Nase hat.

Kritiker sprechen von einer Inselmentalität, was allerdings ausser Acht lässt, worauf Sushaku Endo in The Samurai hingewiesen hat: Although their country is surrounded by the sea, the Japanese have always lived as people of the land. The only sea they know is the narrow strip of home waters close to shore.  Dazu kommt, dass die  Wahrscheinlichkeit von Erd- und Seebeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen, Taifunen und Schlammlawinen sehr hoch ist

Filmsequenzen laufen vor meinem inneren Auge ab (Der Hafen von Hiroshima, die Sanddünen von Tottori, die Kirschbäume in Kakamura ...), weltanschaulich Grundsätzliches wird mir nahegebracht. "Der Einfluss des Christentums mit seiner Hoffnung auf künftige Erlösung war in Japan nie allzu gross. Stattdessen lässt sich feststellen, dass das Streben der Menschen durch die buddhistische Vorstellung einer zyklischen Zeit, eine shintoistisch geprägte Betonung auf Erneuerung sowie den konfuzianischen Respekt vor anderen und den Lebensentwürfen der Vorfahren geformt wird."

Der Shintoismus, die ursprüngliche Religion Japans, begreift "die Naturlandschaften als Heimat der Götter, Göttinnnen und aller Arten von seltsamen Wesen (...), denen man in der Dämmerung oder an einem einsamen Bergpass flüchtig begegnen könnte." Es sind solche aufs Wesentliche beschränkte Informationen, die in einfacher Sprache dargeboten werden (eine Kunst!), die mir dieses Werk sympathisch machen.

Wie so oft bei der Lektüre historischer Werke, staune ich nicht schlecht darüber, was der Mensch alles zu wissen glaubt. Etwa, dass die ersten Menschern um etwa 35'000 v. Chr  auf dem japanischen Archipel ankamen ("wohl zu Fuss") oder dass vor etwa 13 000 Jahren der Meeresspiegel anstieg und sowohl Sibirien als auch die koreanische Halbinsel abtrennte. Im Gegensatz zu vielen anderen Historikern erläutert Christopher Harding seine Vorgehensweise.

Die kürzeste Geschichte Japans lehrt einen auch wie bzw. mit welchen Mitteln einst Krieg geführt wurde. Als 1274 die Mongolen heranstürmten, nutzten sie "ohrenbetäubende Gongs und Trommeln. Regelrechte Schwärme aus giftgetränkten Pfeilen flogen auf ihre Stellungen zu, und explodierende Bomben versetzten Pferde und Samurai gleichermassen in Panik." Doch die Samurai wussten sich zu helfen und genossen zudem den Schutz der Götter, wurden doch die mongolischen Truppen bei ihrer Rückkehr von heftigen Stürmen heimgesucht: ein Drittel der Invasionsarmee kehrte nicht nach Hause zurück.

Mein Interesse an Japan hat mit dem Zen-Buddhismus zu tun, der mich seit meiner Jugend fasziniert. Dieser will "die Menschen von den Fantasien und Illusionen befreien, die sie davon abhalten, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist." Gemäss Zen kommt es darauf an, durch disziplinierte Praxis die eigene Erleuchtung zu erlangen. "Als ethisches Prinzip war dies für die Samurai der Kamakura- (1185-1333) und Muromachi-Zeit (1336-1573) äusserst attraktiv. Und auch als formale Grundlage, um Kunst zu schaffen und zu würdigen – wortlos und intuitiv – erwies sich Zen als ungewöhnlich fruchtbar." Man denke etwa an Zen-Gärten und die Teezeremonie.

Christopher Harding berichtet von der politischen Macht des japanischen Adels, den Kämpfen um die kaiserliche Stadt Kyoto, den prägenden Einfluss des Buddhismus, die Ankunft der Portugiesischen, die Gemeinsamkeiten mit China und Korea  "prägnant und umfassend zugleich", wie der Historiker Tom Holland zu Recht befand.

"Für den Westen beruht ein grosser Teil der Faszination für die japanische Kultur auf der Unbedingtheit, mit der gewisse Regeln eingehalten werden, um diese oder jene Kunstform zu perfektionieren", fasst der Autor meine eigene Faszination treffend zusammen. Auch gibt er seiner Hoffnung Ausdruck, das Land möge sich vom ethnischen Nationalismus der Vergangenheit zu einem staatsbürgerlichen Nationalismus entwickeln, der die Einwanderer vollständig integrieren würde. "Andernfalls ist zu befürchten, dass Japan in fünfzig Jahren in drei Gruppen aufgeteilt sein wird: eine schwindende einheimische Bevölkerung, eine schlecht bezahlte migrantische Unterschicht, vor allem aus Südostasien, und ein Heer von KI-gesteuerten Pflege-Bots – wobei sich Letztere trotz des Techno-Optimismus der 2010er-Jahre erst noch als realisierbare Lösung für Japans Probleme bewähren müssten."

Fazt: Überaus lehrreich und erhellend, insbesondere die Darstellung japanischer Werte.

Christopher Harding
Die kürzeste Geschichte Japans
Ullstein Taschenbuch, Berlin 2026

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