Sunday, 13 September 2026

Vier Minuten

Vier Minuten beginnt wie ein Krimi, und in einem gewissen Sinne ist es auch einer, da die Journalistin Lea Nowak, Mitte fünfzig, nach einem Zusammenstoss mit einem Auto, im Spital auwacht, und sich wundert, was wohl passiert sei. Vier Minuten war sie weg, tot. "Sie hatte das grösste Geheimnis, den Tod, erlebt und auch nicht. Es war ihr nicht vergönnt gewesen, dieses Nichts, wenn es denn eins war, zu fühlen, und auch an ihre Rückkehr, als sie aus dieser Untiefe wieder an die Oberfäche gespült worden war, erinnerte sie sich so wenig wie an ihr Leben als Embryo."

Ihre Rettung war dem Zufall zu verdanken. Jeder Tag, so dachte Lea im Krankenbett, sollte fortan ein geschenkter Tag sein. Sie beginnt, ihr Leben nach möglichen Zufällen zu durchforsten, die sie vielleicht geleitet hatten. Ein reizvolles Unterfangen, das für den einen oder die andere auch eine Anregung sein könnte, es auch selber zu tun. Lea Nowak wird sich dabei bewusst, was für ein Wunder es ist, dass es sie überhaupt gibt.

Werden wir vom Zufall geleitet oder vom freien Willen? Lea glaubt eher Ersteres, ihre Arbeitskollegin Cora Letzteres. Zufall, so notiert Lea einmal, sei vielen zu unpersönlich, und so zögen sie den Ausdruck Schicksal vor. Den Zufall erklären wollen, mag sie nicht, schon gar nicht von Psychiatern, die in geschlossenen Systemen denken.

Lea befindet sich in Rekonvaleszenz, ist dünnhäutiger und auch aufmerksamer, als es Ihre Berufstätigkeit als Journalistin erlaubt, Ihre reflektierte Wahrnehmung ist ausgesprochen anregend. Unter anderem konstatiert sie, was unsere Zeit wesentlich ausmacht: Die im Tiefschlaf sich befindende Vernunft.

Sie geht alte Fotos durch, erinnert sich an ihre Studienzeit, an den Fall der Mauer (wohl auch ein Zufallsentscheid, der dazu geführt hat), und stösst immer wieder auf Zufälle. Auch die Erinnerung erfolgt ja zufällig. Der Blick zurück offenbart ihr aber auch eine junge Frau, die ihr heute fremd ist, so verzweifelt und leichtfertig erscheint ihr heute die Glücksuche ihres jungen Ich – auch so ein Gedanke, der zur Eigenwahrnehmung einladen könnte.

Wie soll man mit einem Leben klarkommen, das wir nicht verstehen? Da unser Verstand bald an seine Grenzen stösst (das Kausalitätsprinzip habe unserem Geist sehr seltsame Streiche gespielt, so Paul Valéry), liegt ein Ausweg möglicherweise im Glauben? Auch damit setzt sich dieser Roman auseinander.

Auf vielfältige Art und Weise beschreibt Monika Maron des Menschen Bedürfnis nach Erklärungen, wobei vor allem sein Rätselraten deutlich wird. "Wir mutmassten, welche Instanz über die Milliarden Schicksale wohl entscheiden sollte, zumal das ganze System einen enormen bürokratischen Aufwand voraussetzte. Und was würden auch die Kriege, Seuchen und Erdbeben bedeuten, in denen auf individuelle Talente keine Rücksicht genommen wird." Auch wenn du verstehst, die Welt ist, wie sie ist. Und auch wenn du nicht verstehst, die Welt ist, wie sie ist, heisst es bei den Zen Buddhisten.

Vier Minuten spielt zur Zeit von Trump und des russischen Angriffs auf die Ukraine, mit Hinweisen auf selten erwähnte Aspekte. Und handelt unter anderem von dem Rätsel, dass der mit 23 Jahren verstorbene Büchner in diesem Alter bereits Arzt war, Dantons Tod sowie philosophische Aufsätze geschrieben hat. Woher konnte ein 22Jähriger bloss ein solches Wissen erlangt haben?

Fazit: Ein gelungener Roman über das informierte, gescheite und wunderbar anregende Sich-Wundern.

Monika Maron
Vier Minuten
Roman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2026

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