Notes on things intercultural, photography, the media, and other things that interest me
Sunday, 13 September 2026
Vier Minuten
Wednesday, 9 September 2026
Leonard Cohen SO LONG
Mit Leonard Cohen verbinde ich in erster Linie die Songs Suzanne und So long Marianne sowie Raubdrucke seiner Texte, die ich im damals geteilten Berlin erstanden hatte. Obwohl ich keinen Zugang zu diesen Texten fand, fühlte ich mich trotzdem in guter Gesellschaft, denn da war so ein Nimbus um diesen attraktiven Mann, von dem ich letzthin las, dass er recht klein geraten war (auf mich hatte er immer gross gewirkt). Erst viel später entdeckte ich sein grossartiges Halleluja. Wichtig und leitend sind mir diese Zeilen von ihm: There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in.
Das erste Gespräch in diesem Band ist aus dem Jahr 1988. Wobei: Ein Gespräch ist das nicht, denn da hakt einer einfach ziemlich einfaltslose Fragen ab. Als Cohen sagt, er lese wenig, jedoch gerade jetzt alle Bücher von Robertson Davies, gegen den er sich lange Zeit gesträubt habe, fragt Christian Fevret nicht einmal nach dem Grund dieses Sich-Sträubens.
Ein nachdenklicher Mensch spricht hier, einer, der viel nachgedacht hat. „Ich glaube, jeder zahlt einen hohen Preis für sein Leben, nichts ist gratis, alle müssen zahlen, alle müssen für ihr Leben das Maximum bezahlen. Ich glaube, verglichen mit dem, was andere ertragen müssen, ist mein Maximum eher bescheiden. Aber für mich ist es das Maximum.“
Als nüchtern und realistisch nehme ich ihn wahr, als einer, der die Welt recht illusionslos betrachtet. Zen-Buddhisten sind so. Und Leonard Cohen ist ja dann auch einer geworden. „Die Dichter sind keineswegs erfahrungsgesättigt, nur wenige dringen wirklich ins Innerste vor und wollen genau sehen, was dort stattfindet. Das wäre ihre Aufgabe, aber nur die wenigsten stellen sich ihr.“
„Ich habe mich nie sonderlich für mich selbst interessiert“ ist das zweite Interview mit Christian Fevret aus dem Jahre 1991 betitelt. Er fragt nach Cohens jüdischer Familie, seiner privilegierten Herkunft, nach Perfektionismus, der Religion, den Mädchen, Drogen, seiner Beziehung zur Lyrik und zur Musik, seiner Zeit in London, Dublin, Kuba, New York und auf Hydra. „Hydra war Liebe auf den ersten Blick: die Leute, die Architektur, der Himmel, die Maultiere, die Gerüche, das Leben. Egal, wo man hinschaute, alles war schön: Jeder Winkel, jede Lampe, alles, was man in die Hand nahm, alles, was man brauchte, war an seinem Platz.“ Eine Liebesgeschichte, die mich auch deshalb anspricht, weil ich vor mehr als dreissig Jahren Bangkok so erfahren habe.
Da hat sich einer mit dem Leben wirklich auseinandersetzt, geht mir bei Cohens Antworten immer wieder durch den Kopf. „Ich lebe heute bereits länger, als mein Vater gelebt hat. Er ist mit zweiundfünfzig gestorben. Ich hatte mit zweiundfünfzig praktisch von nichts eine Ahnung (...) Ich denke nicht oft an meine Kindheit zurück. Ich glaube nicht, dass sie eine legitime Erklärung für mein Leben ist. Ich glaube vielmehr, dass man, um zu überleben, neu geboren werden, die Kindheitserlebnisse, Ungerechtigkeiten, ja sogar die Privilegien hinter sich lassen muss.“
Aufschlussreich fand ich insbesondere die Kluft zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung. „Was die Leute sofort beeindruckt hat, war Ihre Fähigkeit, ganz offen über Schmerz, Kummer und Angst zu reden. Haben Sie nie davor zurückgescheut, solche Gefühle so offen auszudrücken?“, fragt Christian Fevret. „Das Einzige, wofür man sich schämen sollte, ist, nicht die Wahrheit zu sagen. Ich habe nicht den Eindruck, tiefe Bekenntnisse abgelegt zu haben, sondern an der Oberfläche geblieben zu sein.“
Immer wieder streicht Christian Fevret heraus, wie speziell und aussergewöhnlich Leonard Cohen doch sei. Doch der will nichts davon wissen. Er sei noch nie einem Menschen begegnet, dessen Innenleben ganz anders gewesen sei als sein eigenes, sagt er einmal. Das vermeintlich so Persönliche ist universeller als wir gemeinhin annehmen.
Das dritte Interview führte Paul Zollo im Jahre 1992. Es ist mit „Im Turm des Gesangs“ überschrieben und handelt wesentlich von Cohens Songs. Warum er vom Schreiben von Romanen und Gedichten zum Songwriting gewechselt habe? „Ich habe nie den Unterschied gesehen.“ Es ist auffällig, wie wenig sich Cohen von den Fragen in eine bestimmte Richtung drängen lässt, wie oft sie ihm ganz einfach Anlass sind, eigenständig seine Gedanken zu entwickeln. Mich beeindruckt, dass er ganz offenbar nicht die Notwendigkeit spürt, auf alles Mögliche Antworten zu haben.
„Wo die Landschaft in Flammen steht“, das Gespräch mit Alberto Manzano von 1993, mochte ich ganz besonders. Auch weil ich hier auf längere, schlaue und lebensweise Ausführungen zu Themen stosse, die ich für zentral halte, doch selten persönlich thematisiert finde wie etwa Demokratie und Faschismus. Zudem: „Welche Rolle auch immer man lebt, sie hat ihren eigenen Antrieb, läuft von selbst, eine Energie mit eigener Bewegung (...) Ich gehe einfach dorthin, wo in meiner eigenen Landschaft die Energie zu finden ist.“
„Ich bin der kleine Jude, der die Bibel geschrieben hat“, so der Titel zu den Fragen von Arthur Kurzweil aus dem Jahre 1994. „Glauben Sie, dass Ihr Schreiben davon beeinflusst ist, dass Sie jüdisch sind?“ Es gibt wirklich Fragen, die eigentlich keine sind! Was um Himmels Willen antwortet man darauf? Cohen: „Ich habe keine Ahnung. Ich war nie etwas anderes. Ich weiss also nicht, wie es wäre, wenn ich diese Bezüge nicht hätte.“
Das letzte Gespräch mit Jian Ghomeshi („Vielleicht gibt es einen vierten Akt“) stammt aus dem Jahr 2009. Unter anderem äussert er sich darin zur Political Correctness und zum Tod.
Fazit: Leonard Cohen ist kein Mann der üblichen Erklärungsmuster. Stattdessen: Klar, differenziert, eigenständig und unprätentiös.
Leonard
Cohen
SO LONG
Ein Leben in Gesprächen
Kampa Verlag, Zürich
2020
Sunday, 6 September 2026
Mit Gunter Sachs in Andiast
Im
Postauto nach Andiast der Gedanke: Wie alt war eigentlich Gunter
Sachs, als er sich erschoss? Keine Ahnung, warum ich mich das fragte
und auch gleich wieder vergass.
Kurz nach meiner Ankunft kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der eine gute halbe Stunde auf mich einredete, ohne Pause und ohne auf meine gelegentlich eingeworfenen Bemerkungen auch nur im geringsten einzugehen. Eine einzige Frage stellte er mir: Woher ich sei? Ich wohne in Sargans, sagte ich, worauf er von Niederweningen, das nicht gerade in der Nähe liegt, zu erzählen begann. Freundlich war er gleichwohl.
Mariana aus Bahia, die in Lima pausenlos auf mich einredete, ging mir durch den Kopf: Mein Sohn sagt, ich könne genauso gut mit einer Wand reden, lachte sie. Soviel Eigenwahrnehmung geht dem Mann aus Andiast definitiv ab.
82 war er, ehemals Bauer in Andiast, dann Chauffeur in Chur und schliesslich 25 Jahre bei der Ems Chemie. Zwei Töchter, die eine in Chur, die andere in Vella. Vom Skifahren redete er, von den Jungen, die weggehen, den Unterländern, die sich im Ort Häuser kauften, bis er ganz unvermittelt sagte: Dort drüben, in Surcuolm, hat sich Gunter Sachs eingebürgert.
Wie ist es nur möglich, dachte es so in mir, dass ein Mann ohne Unterbruch redet? Hört ihm sonst niemand zu? Hört er sich gerne reden? Oder ist einfach ein Automatismus am Werk, den er nicht kontrolliert?
Dass er Gunter Sachs erwähnte, hat mich zwar verblüfft, eine mögliche Erklärung dafür habe ich jedoch nicht gesucht, da ich nicht davon ausgehe, dass man wissen kann, warum einem durch den Kopf geht, was einem durch den Kopf geht. Trotzdem habe ich dem Mann davon erzählt, dass ich erst vor ein paar Minuten an Gunter Sachs gedacht hätte. Er ging nicht darauf ein. Später dann fiel mir ein, dass ich mich Brigitte Bardot, mit der Gunter Sachs, von dem ich sonst nicht viel mehr weiss, als dass er in Lausanne Mathematik studiert und eine Passion für Fotografie hatte, einmal verheiratet gewesen war, verbunden fühle, weil sie am selben Tag wie ich Geburtstag hat, wenn auch zu unterschiedlichen Jahren.
Schon eigenartig, was das Hirn im Nachhinein so alles zusammenbringt. Von sich aus, ohne dass ich den Eindruck hatte, etwas dazu beigetragen zu haben.
Wednesday, 2 September 2026
In Brasília
Nach Brasília wollte ich schon lange. Bilder der architektonischen Perlen habe ich schon viele bewundert. Dazu kommt: Mich faszinieren Städte, die auf dem Reissbrett entstehen und dann umgesetzt werden.
„Mein“ Hotel liegt in einer ausgesprochen tristen Gegend, den Swimmingpool, den ich meinte, mitgebucht zu haben, gibt es nicht, und das Spa im Hotelnamen, erläutert mir der junge, hilfsbereite Mann an der Rezeption, stehe für Wassermassage; ich bin unentschlossen, ob er wohl Whirlpool meint oder ob ich in einem Puff gelandet bin – die Ausstattung ist dermassen geschmacklos, dass Letzteres naheliegt. Doch es erweist sich dann, dass ich mich geirrt habe.
Ob es eine Bäckerei oder einen Supermarkt in der Nähe gebe? Er muss nachschauen, er wohnt in einer anderen Gegend. Er wird rasch fündig und ich mache mich auf den Weg. In der Bäckerei gibt es Mousse de Maracujá (wenn auch nicht die beste), im Supermarkt Wassermelonenscheiben – und ich bins zufrieden.
Blicke ich aus dem Fenster, sehe ich diesen unfassbar weiten Himmel, dessen Anblick stets mit einem Gefühl von Freiheit einhergeht. Flüge setzen zur Landung an, die Wolken formieren sich immer wieder neu. Nach einer Weile gehe ich online, klicke mich kurz durch einen Artikel über Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss – ich nicht mehr. Und dabei konnte ich von den sogenannt richtigen Büchern einst nie genug kriegen. Heute ist es selten, dass ich einen Schriftsteller (Frauen inklusive) keinen eitlen, sich übermässig wichtig nehmenden Langweiler finde. Selbst die glänzendesten Debattierer, wie etwa Christopher Hitchens, erlebe ich als unangenehme Rechthaber, mit einem Stolz und Vertrauen in ihre Intelligenz, die mir unbegreiflich ist.
Der Uber-Fahrer zum Pontão Lago Sul, einer Parkanlage am Seeufer, sieht aus wie ein jüngerer Bruder von Eddie Murphy und wundert sich, was mich denn bloss in diese nicht gerade tolle Gegend getrieben habe. Die Hotelwerbung habe von Flughafennähe gesprochen, sage ich lahm, worauf er lacht, da stimme, allerdings liege das Hotel weit entfernt von allem anderen. Er redet wie ein Maschinengewehr und bestätigt wieder einmal, dass die Brasilianer begeisterte Plauderer, doch wenig begabte Zuhörer sind, sonst müsste dem Mann doch auffallen, dass ich fast ausschliesslich mit undefinierbaren Lauten antworte. Viellleicht hat er es ja gemerkt, doch gekümmert hat es ihn nicht.
Die Fahrt zum Pontão Lago Sul dauert im Morgenverkehr eine gute Stunde und kostet mich gerade mal 6 Schweizer Franken; die Rückfahrt dauert 20 Minuten und kostet mich dasselbe. Wechselgeld haben Uber-Fahrer nicht: Entweder man hat den genauen Betrag zur Hand oder man zahlt mit Pix.
Am Pontão Lago Sul verwickelt mich ein Sicherheitsangestellter in ein Gespräch. Er war früher Sportlehrer in einer Schule, doch im Sicherheitsdienst habe er mehr Sicherheit (!).
Tags zuvor hatte ich nahe beim Hotel eine Reklame für Manicure und Pedicure gesehen. Wo das sei, erkundigte ich mich beim Rezeptionisten, der zum Telefon griff, mir den Preis nannte, und als ich nickte und zwei Uhr sagte, die Sache finalisierte. Der Uber dorthin koste 13 Reais, sagt er dann, und ich wundere mich, da ich angenommen hatte, der Salon sei in der Nähe. Kurz vor meiner Ankunft vor Ort ereignete sich ein Wolkenbruch und es schüttete massiv. Obwohl mir die Saloninhaberin, die ich auf Mitte fünfzig schätzte, mit einem Schirm zu Hilfe eilte, war ich nach ein paar Metern bereits durchnässt.
Während der Nagelbehandung, bei der ich zweimal vor Schmerzen kurz aufschrie, was die Frau wortlos überging, ergoss sich eine Geschichte nach der andern über mich, von denen mir vor allem geblieben ist, dass ihr Mann, als Covid wütete, verstarb und ihr Sohn in eine Depression verfiel. Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern, als sie dies erzählte, obwohl wir die beiden einzigen im Raum waren.
Dass dies einmal mein Einstieg in Brasília sein würde, hätte ich mir nicht vorstellen können. Doch es gefällt mir, auch dieses Brasília erlebt zu haben.
Sunday, 30 August 2026
In Milano
Ich bewege mich ausschliesslich in der Gegend um mein Hotel (dunkle Zimmer, in Marmor, selbst die Lichtschalter sind schwarz, kaum zu sehen und nur zu ertasten; die Bauherren, denen dies zu verdanken ist, waren definitiv nicht von Nützlichkeitserwägungegn geleitet), also in der Gegend Piazza Lima, Corso Buenos Aires, Porta Venezia, mehrmals besuche ich die Giardini Pubblici, schaue durch die Gitter, um im Garten der Villa Invernizzi die rosa Flamingos zu sehen. Bedauerlicherweise ist das Licht ungünstig, gute Fotos sind so nicht möglich.
Ich gehe durch Häuserschluchten und frage mich, wer wohl diese städtischen Wohnkomplexe einst geplant und gebaut hatte (und wem sie heute gehören), komme an vielen Cafés vorbei und auch an Parkanlagen, die lange Strassen unterteilen, und wo unter Baumkronen Gruppen von Senioren an Tischen sitzen und Karten spielen.
In der Nähe gibt es auch eine Pizzeria Spontini (gemäss Internet gibt es drei in der Stadt), wo es traditionell zu und her gehe, wie ich lese, ohne Chichi, zu günstigen Preisen. Stimmt alles, die Gäste sind ausschliesslich Italiener (stelle ich mir vor), die Pizzaioli und die Bedienung Asiaten.
Der Mann in der Gelateria glaubt in meinem Italienisch einen spanischen oder portugiesischen Akzent auszumachen. Er selber stammt aus Brasilien, aus Paraná.
Ich lande auf einem grossen Kleider- und Gemüsemarkt und in diversen Cafés, wo man hervorragenden Cappuccino bekommt, für 2 Euro 10 bis 2 Euro 30! Mein amerikanischer, ursprünglich aus Äthiopien stammender, Sitznachbar wundert sich im Zug nach Zürich über die Preise in der Schweiz. Die kleine Flasche Wasser kostet ihn satte 5 Euro! Wahrscheinlich Hahnenwasser, kommentiere ich ...
A person's life is like a heavy burden carried on a long road, one should not rush through, steht auf einem Schild in Hiroshima, das am Fuss einer 600stufigen Treppe angebracht ist, die zu einem Mahnmal hochführt. Warum mir das gerade jetzt durch den Kopf geht? Egal, besser ich halte mich daran.
Mich mehrmals täglich ermahnend, das hier, das jetzt, das ist dein Leben. Doch mein Hirn will davon nichts wissen, rennt davon, wie es so seine Art ist. Ich bemühe mich trotzdem, den Wind auf der Haut zu spüren, das Auftreffen der Füsse auf dem Asphalt wahrzunehmen. Die Momente, in denen es gelingt, sind selten und wunderbar.
Ich bin viel zu früh am Bahnhof (viel Polizei, es gibt eine Sicherheitsschleuse, um auf die Bahnsteige zu gelangen), traue den italienischen Zügen nicht, stelle mich darauf ein, dass „meiner“ ausfallen könnte (wie letzthin in Trento), will darauf vorbereitet sein, mich nach einer alternativen Verbindung umtun zu müssen. Es war unnötig, alles klappte bestens, der Zug fuhr pünktlich.
Wednesday, 26 August 2026
In Montbéliard
Die junge Frau an der Rezeption wirkt sehr scheu und sagt, sie sei neu hier, es könne also etwas dauern. Ob dies heute ihr erster Tag sei? Nein, nein, sie sei bereits seit letzten September hier. Ob ich wisse, was Autismus sei? So in etwa, erwidere ich. Das sei nicht erblich, sondern eine Laune der Natur. In ihrem Fall hätte es sie mit drei Jahren erwischt. Was so alles auf sie einstürze, sei häufig zuviel für sie, deshalb brauche sie dann einige Zeit, um es zu ordnen. Ich bedanke mich für die hilfreiche Information, und fühle mich sehr berührt.
Ich wolle aus der Stadt raus, zu Fuss, Richtung Héricourt. Da gebe es keinen Fussweg, auch sei es viel zu weit. Im Parc du Près-la-Rose gebe es Fuss- und Velowege, möglicherweise bis nach Belfort, wurde mir gesagt. Im Parc du Près-la-Rose stiess ich dann jedoch auf Wege, die in eine ganz andere Richtung führten, und so landete ich im Parc de l'Île-en-Mouvement, einer grosszügigen Anlage für Jung und Alt, in der viele Hündeler unterwegs sind.
Entlang
des Doubs gibt es einen Radweg (Veloroute Nantes Budapest) sowie eine
Beschilderung auf Französisch (Nous sommes sur une véloroute,
partageons la!), Englisch (This is a cycle route, let's share the
road!), Deutsch (Das ist ein Radweg, bitte Rücksicht aufeinander
nehmen!), die aufschlussreich Zeugnis über die unterschiedlichen
Mentalitäten gibt.
Wieder auf der Hauptstrasse folge ich dem Allan, in der Annahme irgendwann zu einer Brücke zu gelangen, was dann auch der Fall ist. Viel Schöneres als unter Baumkronen, durch die die Sonne scheint, einem Fluss entlangzugehen, gibt es für mich selten.
Das Café de la Poste ist fest in arabischer Hand. Ein Neunkömmling geht von Tisch zu Tisch und gibt ausnahmslos jedem (Frauen sehe ich heute keine; später merke ich, dass ich eine alte Dame übersehen habe) die Hand.
Ein Mann um die fünfzig, zwei Einkaufstaschen neben sich, pinkelt mitten in der Stadt an eine Hauswand, bevor er sich zur Busstation aufmacht. Eines der Merkmale der heutigen Zeit, ist die Absenz jeglichen Schamgefühls.
Sunday, 23 August 2026
Transkription
Wednesday, 19 August 2026
Soziale Brennpunkte
Sunday, 16 August 2026
Die Liebeshungrigen
Wednesday, 12 August 2026
Bücher und ihre Zeit
Raum und Zeit sind menschliche Erfindungen, zudem überaus beständige. Dies zu wissen, ist nicht besonders hilfreich, denn wir orientieren uns an dem, was wir kennen, und nicht am Unbekannten, auch wenn sich aufs Unbekannte einzulassen zu den faszinierendsten Erfahrungen eines Menschenlebens zählt. Ja klar, ich spreche von mir, von wem denn auch sonst?
Die Zeit kann erfahren werden. Aufgegangen ist mir das unter anderem am Beispiel der Zeit in Frank Wilczeks Fundamentals. „Die Beobachtung, dass es ein gemeinsames, universelles Tempo gibt, ist eine tiefgreifende Erkenntnis über die Art und Weise, wie die physikalische Welt funktioniert.“ So entwickeln sich etwa Säuglinge weltweit „ungefähr nach dem gleichen Zeitplan und beginnen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten zu laufen, zu sprechen und andere Fähigkeiten an den Tag zu legen.“ Auch im gemeinsamen Musizieren, bei dem alle Beteiligten synchron agieren müssen, zeigt sich, „dass wir eine gemeinsame sehr präzise Vorstellung davon haben, wie die Zeit vergeht.“
Mit der Zeit vergeht noch ganz viel anderes. Was mich einst interessierte, interessiert mich heute nicht mehr. Bücher, die ich einst verschlungen habe, sind mir heute nicht mehr zugänglich. Ich lese heute anders als mit zwanzig; so ist mir etwa das Bedürfnis nach Identifikation und Orientierung weitestgehend abhanden gekommen.
Von Zeit zu Zeit schenkt mir mein jüngerer, in Kalifornien lebender Bruder, Bücher, von denen er annimmt, sie würden mir gefallen. Da unser Geschmack ähnlich ist, trifft das auch regelmässig zu. Letzthin war es Pico Iyers Aflame: Learning from Silence. Ich habe Einiges von Iyer gelesen und auch geschätzt. Und auch bei diesem Buch war es nicht anders, habe ich viel Hilfreiches gelernt, bis mich dann so gegen Ende etwas zu stören begann. Mir war das alles etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Und dann diese unsägliche Wichtigtuerei: Gib es eigentlich ein Buch von dem Mann, in dem er nicht betont, beiläufig natürlich, dass er mit dem Dalai Lama auf Du und Du ist?
Einige Zeit später lieh ich mir in der Schulbibliothek in Santa Cruz do Sul Iyers The Lady and the Monk aus, das ich vor vielen Jahren ganz toll gefunden habe. Nach gut einer Stunde gab ich auf; auch dieses Werk war mir etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Mir war unerfindlich, was mich einst daran so fasziniert hat, ausser natürlich, dass ich damals selber so drauf gewesen bin.
Thomas Manns Buddenbrooks habe ich einst gefressen, den Zauberberg, trotz zahlreicher Anläufe nicht geschafft. Von David Foster Wallace habe ich viel gelesen und gut gefunden, doch die beiden Hauptwerke Infinite Jest und The Pale King sind mir bis heute unzugänglich geblieben.
Meine Lesepräferenzen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, weil ich mich, ohne das gross zu merken, verändert habe. Das einzig Beständige sei der Wandel, heisst es bei den Buddhisten. Und ab und zu nehme ich diesen Wandel sogar wahr!
Sunday, 9 August 2026
"Hijacking Memory"
Ich habe einige Stunden mit diesem Buch zugebracht. Fasziniert und frustriert, ärgerte ich mich zunehmend über diese Ansammlung akademischer Eitelkeiten. Zugegeben, das ist alles sehr differenziert und sehr gescheit, aber eben vor allem academic. Da wird zitiert, was man gelesen hat, werden Kollegen und Konkurrenten begrüsst, wird darauf hingewiesen, worauf man schon in früheren Schriften hingewiesen hatte. Nein, uninteressant ist das nicht, auch immer mal wieder anregend, doch das reicht mir nicht, ich will mehr und anderes, doch was genau, weiss ich leider auch nicht so recht.
Arundhati Roy geht mir durch den Kopf, die in "Aus der Werkstatt der Demokratie" geschrieben hat: "Als Schriftstellerin, Romanschriftstellerin, habe ich mich oft gefragt, ob der Versuch, immer präzise zu sein, alles faktisch richtig darzustellen, das epische Ausmass dessen, was gerade geschieht, schmälert. Verschleiert er womöglich eine grössere Wahrheit?"
Zugegeben, der Fehler liegt bei mir. Ich hätte mich tunlichst besser informieren sollen, bevor ich beim Verlag um ein Rezensionsexemplar nachsuchte, denn dann hätte ich gewusst, dass es sich bei diesem Werk um einen Tagungsband handelt – und das ist nun wirklich nicht meine Welt. So recht eigentlich wüsste ich nicht einmal zu sagen, was mich an diesem Thema interessiert, womöglich das mir vollkommen unverständliche Phänomen des Antisemitismus, wobei dieses Interesse allerdings nicht so gross ist, dass mich Überlegungen wie "Vom Antisemitismus zum Philo-Zionismus" oder "Der Aufstieg des proisraelischen Antisemitismus" beschäftigen.
Kurz und gut: Mir fehlt das einschlägige Wissen, um mich zu den Themen, die in diesem Buch aufgegriffen werden, äussern zu können. Dazu kommt, dass mir Analysen schlicht nicht genügen. Weit beunruhigender als die Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte erachte ich die vorhersehbare, einfaltslose Reaktion der Politik. Als Nicht-Historiker, der nicht davon ausgeht, dass der Mensch Wesentliches aus der Geschichte lernt, denn das müsste sich in seinem Verhalten zeigen, ist mir zudem vollkommen egal, warum jemand Verwerfliches, Böses etc. tut; mich interessiert allein, wie man das sofort abstellen kann. Diesbezüglich bin ich in diesem Werk allerdings kaum fündig geworden.
Susan Neiman kommt in ihrer Einleitung zu folgendem, bestens nachvollziehbarem Schluss: "Der Antisemitismus wird nicht wirklich bekämpft, sondern, im Gegenteil, von Massnahmen gefördert, die angeblich zu seiner Bekämpfung eingesetzt werden. Es geht nicht nur darum, dass Juden besonderen Schutz geniessen sollen, während andere Minderheiten diskriminiert, mundtot gemacht, gar deportiert werden. Noch schlimmer sind die Gründe für diese Deportationen: Proteste gegen die mörderischen und menschenrechtswidrigen Bedingungen, die seit Herbst 2023 in Gaza herrschen. Wer die Proteste dagegen als antisemitisch diffamiert, wirft alle Juden mit Netanyahus Regime in einen Topf. Wer soll sich da noch wundern, dass der Antisemitismus steigt?"
Für mich ist das überaus willkommener common sense (also bedauerlicherweise nicht besonders verbreitet), und so recht eigentlich ist damit alles wirklich Wichtige bereits gesagt. Wer es jedoch gerne wortreicher ausgeführt, detaillierter und an vielen Beispielen erläutert haben möchte, greife zu diesem Buch.
Zum Einstieg sei das Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Peter Beinart ("Ich akzeptiere nicht, dass ich ein Antisemit bin, wenn ich Israel kritisiere") empfohlen: Wesentliche, differenzierte und engagierte Aufklärung vom Feinsten!
"Hijacking Memory"
Zur Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte
transcript Verlag, Bielefeld 2026
Wednesday, 5 August 2026
Nicht länger ein Mensch
Dieses Buch ist ein Klassiker, und von Klassikern weiss man, dass sie nicht gelesen werden. Doch: "In Japan ist das Buch millionenfach verbreitet, dort entdeckt jede Lesergeneration aufs Neue die Aktulaität dieser zeitlosen Geschichte", lässt der Verlag wissen. Es wird wohl daran liegen, dass Autor Osamu Dazai existenzielle Probleme überzeugend darzustellen weiss.
Für den Ich-Erzähler Yozo Oba ist das Leben ein Rätsel, ihm ist das Tun und Lassen der Menschen unbegreiflich. "... mir schien, ich würde niemals die Beweggründe menschlichen Handelns verstehen können." Wie konnte man bloss das Dasein ertragen oder sich für Politik interessieren, ohne wahnsinnig zu werden? Schon als Bub ist ihm klar, dass er sich verstecken muss, seine Gedanken nicht preisgeben kann. Er setzt sich eine Clownmaske auf. Und benimmt sich wie ein Clown
„Sie spielen ein
Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel
zu spielen. Zeige ich ihnen,
dass ich sie spielen sehe, dann
breche ich die Regeln, und sie
werden mich bestrafen.
Ich muss ihr Spiel, nicht zu sehen, dass
ich das Spiel sehe, spielen.“
schrieb Ronald Laing in „Knoten“
Der einzige, der erkennt, dass Yozo Theater spielt, ist der leicht zurückgebliebene Schwächling der Klasse, Take'ichi, der ihm prophezeit: "Die Frauen werden sich bestimmt alle in dich vergucken." Ihm gegenüber traut sich Yozo auch, seine "empfindsame, leicht verletzbare und fragile Verfassung zu offenbaren."
Er tut, was von ihm erwartet wird. Er besucht die Zeichenschule, kann sich jedoch mit dem Leben im Studentenverband nicht anfreunden. Einer der Schüler, Horiki Masao, war ihm jedoch ähnlich: "irrten wir doch beide ziellos weit abseits der Lebenswelt gewöhnlicher Menschen herum." Jedoch: "Er gab den Narren, ohne es zu merken, schien sich der Tragödie seiner Existenz nicht einmal bewusst zu sein – das unterschied ihn essenziell von mir."
Als Student schliesst er sich den Kommunisten an. Nicht, weil er mit Marx viel anfangen kann, sondern, weil es illegal ist, und damit nicht den sogenannt normalen Menschen zugehörig. Ablenkung von seiner Urangst, die ihn überall hin verfolgt, findet er im Alkohol, im Tabak und bei Prostituierten. Er wird zum Säufer.
Eine starke Verbindung spürt er zu einer Hostess eines Nachtcafés auf der Ginza. Tsuneko stammt aus Westjapan, ist verheiratet, und trägt, wie er selber auch, "eine tiefe Einsamkeit in sich, gleich einem eisigen Windstoss, der das Laub wirr herumwirbelt." Zusammen mit ihr versucht er einen Doppelselbstmord; sie stirbt, er wird gerettet.
Seine Familie verstösst ihn, eine verwitwete Redakteurin nimmt sich seiner an. Doch was auch immer geschieht, die Angst und das Gefühl seiner Unzulänglichkeit lassen ihn nicht los. "Selbst vor Gott zitterte ich vor Angst und Bangigkeit. An seine Liebe konnte ich nicht glauben, nur an seine Strafen. Der Glaube. Das schien zu heissen: brav auf dem Richtstuhl den Kopf senken, um die Peitsche Gottes zu empfangen. Die Existenz der Hölle schien mir glaubhaft, doch das Himmelreich konnte unmöglich existieren."
Nichts und niemand, so scheint es, vermag ihm wirklich zu helfen. Was die Gesellschaft und die Religion zu bieten hat, erreicht ihn bestenfalls gedanklich, emotional hingegen nicht. Er bleibt gefangen in seinen Sinnlosigkeitsgefühlen
Wir zeigen der Welt nicht, was und wie wir empfinden. Wir schützen uns. Yozo Oba tut das mittels einer Clownmaskerade, die ihn jedoch unsäglich erschöpft. Und so ergibt er sich dem Suff. Erholt sich, und stürzt dann erneut ab.
Nicht länger ein Mensch ist ein vielschichtiger und überaus berührender Roman über einen Mann, der das Leben nicht erträgt, weder im Guten noch im Schlechten. Und der – erfreulicherweise – auf ein Happy End verzichtet. Dem Protagonisten bleibt das Dasein und besonders das Dasein und Tun seiner Mitmenschen bis zum Schluss unverständlich und fremd – auch wenn es immer mal wieder Lichtblicke bzw. Gefühle von Leichtigkeit gibt.
Gleichzeitig dokumentiert Nicht länger ein Mensch eine tiefe Tragik, die darin liegt, dass Yozo Oba Angst davor hat, seine wahren Gefühle zu zeigen – wie so recht eigentlich wir alle. Der Konformitätsdruck macht uns zu Lügnern.
Osamu Dazai
Nicht
länger ein Mensch
Anaconda, München 2025
Sunday, 2 August 2026
In Lyon und Montpellier
Im Zug nach Genf geht mir Laurence durch den Kopf, die vor zwei Jahren im Alter von 56 gestorben ist und die ich während vieler Jahre in Choulex bei Genf regelmässig besucht hatte. Ob ihre Mutter, die auch dort wohnte und mit der ich mich immer gerne ausgetauscht habe, noch lebt? Meine Google-Suche listet auch ihre Todesanzeige, sie ist vor einem Jahr im Alter von 90 gestorben. In Genf regnet es, der Himmel ist bewölkt, meine Stimmung auch. Es ist alles so traurig, pflegte mein lieber Freund Wamse bei unseren Telefonaten zu sagen.
Laurence habe ich zum letzten Mal im April 2019 in Zürich getroffen, als sie im Literaturhaus aus ihrem neuesten Buch las und gefragt wurde, ob, was sie beschreibe, auch so vorgefallen sei? Natürlich, erwiderte sie, auch wenn ihr klar sei, dass die von ihr geschilderte Absurdität unwahrscheinlich sei.
In Lyon. Vom Bahnhof zu meinem Hotel sei es zu Fuss gut vierzig Minuten, sagt Google. Die Leute, alt und jung, die ich unterwegs nach dem Weg frage, sind ausnahmslos freundlich. Dabei merke ich, dass wer mit einem Ziel durch die Stadt geht, nichts sieht. Erst als ich im Hotel eingecheckt, Kamera-bewehrt und offen für Fotomotive durch die Gegend spaziere, sehe ich etwas.
Am nächsten Tag, auf halber Strecke zum Bahnhof, vergewissere ich mich bei einer Schwarzen so um die 40, ob ich immer noch auf dem richtigen Weg bin. Zu welchem Bahnhof ich wolle? Part Dieu. Da solle ich die Metro nehmen, zu Fuss sei das viel zu weit. Höchstens eine halbe Stunde, sage ich. Viel zu weit, insistiert sie. Hält sie mich für zu alt, zu unfit für eine solche Stecke? Oder würde einfach sie selber eine solche Strecke nicht laufen? Ich laufe und entdecke Blumen am Strassenrand, die mir sonst entgangen wären.
Am Bahnhof warten zwei Afrikanerinnen um die 50/60 neben mir, goldene Ohrringe, Winterkleidung, unaufhörlich laut schwatzend. Als sie sich erheben und davongehen, verabschiedet sich die eine lachend, sie hat offenbar bemerkt, dass ich mich amüsiert habe.
So viele Leute am Bahnhof; die Zeiten in denen ich das Reisen als Abenteuer und mich selbst als Abenteurer empfand, sind passé ...
***
Montpellier. C'est vraiment mal indiqué, sagt der Mann, den ich nach dem Hotel frage, tout le monde demande. Die Sonne scheint, es hat um die 20 Grad
"Mein" Hotelzimmer hat zwar keinen Tisch oder sonst eine Ablage, dafür finden sich an den Wänden alte Schallplattencover und auf einem Gestell Bücher aufgereiht, darunter auch eine Biografie von Anne Sinclair, in die ich mich sofort vertiefe, die jedoch schon bald von der über Johnny Hallyday abgelöst und dann von einem Krimi verdrängt wird. Wunderbar, in Büchern zu blättern, auf die man selber nie gekommen wäre.
Am Nebentisch ein Mann, der während er isst, auf Spanisch telefoniert; seine Partnerin ist mit ihrem Handy beschäftigt.
Die Rue David Néel und die Rue Isabelle Eberhardt führen durch moderne Steinwüsten.
Zum Strand? Tram Nummer 3 ab Bahnhof Saint Roch, sagt man mir an der Rezeption. Mit der Nummer 3 zum Strand? Geht heute nicht, il y a une manifestation, informiert mich eine Verkehrspolizistin. Und so laufe ich durch die Strassen, mache Fotos, und finde alles Französische wie immer très sympa.
Die werden ja wohl nicht den ganzen Tag protestieren, denkt es so in mir, und so fahre ich dann am Nachmittag doch noch mit der Tram zum Meer. Und so sehe ich wieder einmal das Mittelmeer. Genauer: ich sehe viel Wasser, von dem ich weiss, dass man es Mittelmeer nennt.
Was fällt mir auf in Montpellier? Spontan: Die vielen Schwarzen. Und die freundlichen Leute.
Er staune, dass er überhaupt seinen Arm bewegen könne, las ich letzthin bei einem Zen-Meister. Seither taucht dieser Satz immer mal wieder in meinem Kopf auf. Und hilft mir, gegen den von den Medien verbreiteten Irrsinn, der darin besteht, Durchgeknallten eine Plattform zu geben, worauf die geneigte Leserschaft, den eigenen Irrsinn normal findet, nicht durchzudrehen.
Nur ältere Leute schauen beim Gehen nicht ständig aufs Handy. In einer Talkshow höre ich zum ersten Mal von einem anderen (einem israelisch-arabischen Muslim) als von mir, dass es bei Israel/Palästina um einem Kulturkrieg gehe.
Auch der Mann, der mit seinem Hund auf der Strasse lebt und mir freundlich Auskunft gibt, ist ständig mit seinem Handy beschäftigt.
Zu den Dingen, die ich mir im Ausland gönne, gehören McDonalds und der Besuch von Nagelstudios, deren Preise (bis auf eines, das jedoch ausgebucht war) allerdings Schweizer Niveau entsprechen, so dass ich es gelassen habe. Beim Abklappern der diversen Studios kriege ich ein Montpellier zu sehen, das mich (abgesehen von den Einkaufszentren, die auf der ganzen Welt gleich aussehen und die Uniformität des Menschen bezeugen) baulich und ästhetisch sehr anspricht. Sehr viel Grün, majestätische Architektur, enge Gassen, wunderschöne Alleen.
Am Bahnhof eine Pro-Palästina Demo, eine bunte Mischung aus alt und jung wie einst bei Ostermärschen, laut ist vor allem der Einpeitscher. Heutzutage finde ich das alles vor allem peinlich, naiv und verblendet.
Es könne morgen am Gare du Sud, von wo ich nach Lyon fahre, zu Verkehrsproblemen kommen, warnt mich die SNCF per SMS. Mir ist nicht klar, was ich da machen soll/kann.
Der Gare du Sud befindet sich an der Peripherie von Montpellier, erreichbar ist er mit Tram und Bus. Ein modernes Gebäude, das an einen Flughafen erinnert. Viele Leute warten, ausnahmslos alle starren auf ihr Handy und so tue ich es selber für einmal nicht, sitze einfach da, gucke vor mich hin und um mich rum. Kopfkino.
***
Zurück in Lyon. Die Ohrstöpsel, die im Hotel bereitliegen, finde ich wenig beruhigend. Kurz darauf rattert ein Zug durchs Zimmer.
Frühmorgens auf dem Weg zur Boulangerie, die Sonne scheint durch die von Baumkronen bedeckte Avenue. Wie in Mendoza, denkt es in mir. Wieder einmal das Gefühl, dass alles gleichzeitig geschieht.
Der Text wurde 2024 geschrieben.
Wednesday, 29 July 2026
On Documentary Photography
"In photographs," Susan Irvine wrote about the designer Calvin Klein, "he looks handsome, tanned, the all-American success story. In person, he looks withered, hunched, dancing nervily from foot to foot."
"Ceci n'est pas une pipe," the painter René Magritte explained his picture of a pipe, thus making the point that the picture of a pipe is nothing but a picture of a pipe. The same applies to photographs, although — and unlike paintings — we perceive them as strangely real. Moreover, despite us knowing that they can be, and sometimes are, manipulated, we trust them to be truthful — unless someone proves them to have been tampered with.
Essentially, photographs are documents, they are records. Even in our digital times in which we know less and less what to take for certain, our belief in the power of photographs to serve as evidence has not faltered. When, for instance, the death of Saddam Hussein's sons needed to be proven, it was done with photographs.
Photographs can thus serve as visual memories. And as much as they can become memory, they can also be used to block memory. It is precisely for this reason that the personalities of the people who contribute to the shaping of a photograph are important — it is the credibility of photographers as well as photo-editors and curators of photo-exhibitions that "guarantees" the authenticity of photographs. Yet, authenticity is not always relevant in photography — in advertising, for example, it is of no importance. In documentary photography, however, it is imperative for we want from documents what they, implicitly, promise — evidence of things observed.
Documentary does not mean television features about African wildlife or about historical events; neither does it allude to official documents such as passports, stamps, or school certificates. Documentary, as understood here, is about the things as they are, and not about how we would like them to be. It is about making personal records of events that take place in the physical world — for other people to see how the photographer has framed what he has witnessed. It is about telling a story. "Look at what my eyes have allowed me to see," as well as "Look at what I have allowed my eyes to see," such pictures exclaim. Moreover, they need to be taken with an open and respectful attitude towards the world we were born into. Documentary's task is to explore the world in a humanistic spirit — in a loving, caring and dignified way, that is. It is about discovery, not about creation; about finding out, not about inventing, it is about learning to become aware of the miracle called life.
Photography is still about the eye behind the lens. It is about being a filter, and it is about recording. It is about leaving one's home and seeing what is out there, it is about taking a look at the world that surrounds us. It is about reminding us of how things once have looked.
This, of course, can be done with any camera, yet it seems that the thinking of the digitalists has more to do with painting than with photography — for painting and digital imaging are about creating images, they are about being in command of the process of creation whereas documentary is mainly concerned with reflecting what is out there. Digital imaging, despite its making use of the camera, is a discipline of its own, for it is essentially about artistic arrangements of pixels on a computer screen; it is about the rearrangement of the world according to one's whims.
This is not to say that such undertakings can't be interesting, this is only to say that I find the world out there far more tempting than the prison of my own thoughts. Documentary photographers, as far as I'm concerned, should do what they've always done — in the words of Ken Brower "wander the world ... like the Zen archers we imagine them to be, with just thirty-six chances per roll."
















