
„Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil
sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen
nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte
Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in
der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die
verblüffenden Kunstwerke erkundet“, schreibt der Geologe William
E. Glassley in „Eine wildere Zeit“. Und genau das tut er denn
auch. Zusammen mit zwei Kollegen macht er sich auf, um nach Beweisen
für die These zu suchen, dass Grönland vor Urzeiten aus der
Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen
sich verdrängt haben.
Doch was genau tun eigentlich
Geologen, wie gehen sie vor? Im Falle der drei Grönland-Erkunder
sieht das so aus, dass sie zu Fuss oder per Boot durch eine Welt
unterwegs sind, in der grossteils noch nie ein Mensch gewesen ist.
Und das ist, wie die drei erfahren, nicht ungefährlich. Sie nehmen
Proben, fotografieren und vermessen uralte Felsen – sie sammeln
Daten.
In „Eine wildere Zeit“ schildert William E.
Glassley fünf Expeditionen, die er zu den Gesteinen Grönlands
gemacht hat. Dabei schreibt er unter anderem von Erwartungen, die
zerbröckeln. Als er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein
besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas.
„wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder
Wüstenstaub“ – seine Hammerschläge hatten die chemischen
Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen
durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-,
Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“ Der zerstörerische Akt
der Probenentnahme beschäftigt ihn.
Er stört sich an
seinem Eindringen in die Stille, macht sich Gedanken über die Folgen
seiner schweren Schuhe für diese empfindliche Welt. Und er denkt
über die Wissenschaft nach, dieses eigenartige Geschäft, die mit
einem vereinfachten und zwangsläufig fehlerhaften Abbild der
Wirklichkeit arbeitet.
„Die Linien auf unseren Karten
suggerieren Grenzen, die unsere Erwartungen bestimmen und einengen.
Grenzen vereinfachen, kategorisieren und verleiten uns dazu, zu
reagieren, ohne zu überlegen. In der Natur aber ist alles ein
Fliessen, ein Prozess, der keine Grenzen kennt.“ Was bestenfalls
möglich ist, ist eine Annäherung. Wesentlich ist, zu begreifen,
„dass Grenzen eine andere Form der Fata Morgana sind.“
William
E. Glassley ist nicht nur wissenschaftlich unterwegs, er beschreibt
auch, wie er die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises
erlebt und erfährt. Wie er das eiskalte Bad in arktischen Gewässern
schildert, lässt einen selber fast vor Kälte erzittern; wie er bei
seiner Rückkehr Licht, Luft und Geräusche mit geschärften Sinnen
wahrnimmt, regt einen dazu an, die eigenen Sinne zu
schärfen.
„Während ich halb gedankenverloren durch
die Gräser und kurzstieligen Blumen des Tundrateppichs spazierte,
breitete sich in mir ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, als hiesse
mich der weite Raum willkommen.“ Es sind solche Passagen, die
diesen schmalen Band zu weit mehr als einem geologischen Bericht vom
Rande des Grönland-Eises machen.
Als er sich einmal mit
seinem Gesicht dem Boden nähert, wird er ganz unvermutet von süssem
Blumenduft überschwemmt. Dabei realisiert er unter anderem, dass wir
Menschen üblicherweise nur einen winzigen Teil der Welt erleben.
„Evolutionär sind wir mehr oder weniger optimal an einen Raum
angepasst, der etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit ist.“
Sich dies zu vergegenwärtigen ist hilfreich, wenn wir über unseren
Platz auf diesem Planeten etwas erfahren wollen.
William
E. Glassley führt vor, dass Wissen und Erleben ganz verschiedene
Dinge sind. Am Ende seiner Expeditionen ist er ein anderer Mensch
geworden. Gewissheiten, die er für unumstösslich hielt, haben sich
in der Abgeschiedenheit der Wildnis gewandelt. „Hier müssen wir
uns nicht unermüdlich anstrengen, alles in richtig und falsch
einzuteilen, denn die ungestüme Wildnis kennt keine Urteile, nur das
Sein.“
„Eine wildere Zeit“ ist eine höchst
eindrückliche Einladung, sich mit dem Wunder der Existenz
auseinanderzusetzen.
William
E. Glassley
Eine wildere Zeit
Verlag Antje Kunstmann, München
2018