Sunday, 28 December 2025

Der letzte Mensch

Es liegt noch nicht lange zurück seit ich Mary Shelleys Frankenstein oder der neue Prometheus gelesen habe, schwer beeindruckt, dass eine so junge Frau (sie war 18 als sie damit begann, 21 als sie es zu Ende gebracht hatte) über eine derartige Hellsichtigkeit verfügen kann. Seit dieser Lektüre weiss ich wieder einmal, dass es Klassiker gibt, die diese Bezeichnung zu Recht tragen.

Den Roman Der letzte Mensch aus dem Jahre 1826, habe Mary Shelley für eines ihrer wichtigsten Werke gehalten, erfahre ich aus dem Klappentext. Das mag mit ein Grund sein, weshalb ich mich dafür interessiere, der wichtigere jedoch ist, dass mich Dystopien faszinieren und dieses Buch als die erste Dystopie der Weltliteratur bezeichnet wird.

Worum geht’s? Adrian und Idris, die Kinder des abgedankten Königs, befreunden sich mit den Waisenkindern Lionel und Perdita, deren Vater mit dem König gut bekannt gewesen war. Lionel und Idris werden ein Paar, Perdita heiratet den kriegerischen Lord Raymond.

Der Idealist Adrian („Dass Hass, Tyrannei und Furcht nicht länger ihre Zuflucht in menschlichen Herzen fänden! Dass jeder Mann einen Bruder in seinem Gefährten finden würde …“) und Lord Raymond („… er handelte stets voller Selbstsucht. Er betrachtete die Struktur der Gesellschaft als einen Teil der Maschinerie, die das Netz, auf dem sein Leben beruhte, stützte.“) könnten unterschiedlicher nicht sein, doch zusammen mit Lionel, Perdita und Idris bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, die Raymond zum Lordprotektor von England macht. Diese Wahl wird ausgesprochen spannend geschildert und offenbart auch die ausgeprägten psychologischen Einsichten der Autorin – es war Raymonds ursprüngliche Absicht gewesen, Adrian für diesen Posten zu nominieren, ohne sich bewusst zu sein, dass er ihn für sich selber erhoffte.

Wieder einmal bin ich erstaunt, wie ähnlich die Zeit, die hier geschildert wird, der heutigen ist. „Der physische Zustand des Menschen würde bald nicht mehr hinter der Schönheit der Engel zurückstehen; Krankheit sollte verbannt; die Arbeit ihrer schwersten Last entledigt werden (…) Das Böse hatte freilich überlebt, und die Menschen waren nicht glücklich, nicht weil sie es nicht konnten, sondern weil sie sich nicht dazu aufraffen wollten, selbstauferlegte Hindernisse zu überwinden.“

Andererseits würde man heutzutage kaum mehr so romantisch überschwänglich schreiben. Die Gefühle sind edel, da wird auch viel geweint und viel idealisiert. „ …in Perdita besass er alles, was sein Herz begehren konnte. Ihre Liebe brachte Zuneigung hervor; ihre Klugheit liess sie jedes seiner Worte verstehen; ihre Geistesgaben befähigten sie, ihn zu unterstützen und zu führen.“

Gelegentlich kam mir diese Dichtung auch arg melodramatisch vor, was jedoch von den ewigen Wahrheiten gemildert wurde, die von grosser Weisheit zeugen. „Wir nennen die überirdischen Lichter unbeweglich, aber sie wandern auf jener Ebene umher, und wenn ich wieder hinsehe, wo ich vor einer Stunde hingesehen habe, ist das Antlitz des ewigen Himmels verändert: Der törichte Mond und die unbeständigen Planeten ändern nämlich ihren unberechenbaren Tanz, die Sonne selbst, die Herrscherin des Himmels, verlässt ihren Thron und überlässt ihre Herrschaft der Nacht und dem Winter.“

Im zweiten Teil dann tritt die Pest auf. „Sie wurde eine Epidemie genannt. Aber die grosse Frage war noch immer ungeklärt, wie diese Epidemie erzeugt und verstärkt wurde.“ Unweigerlich denkt man an Covid-19. Dazu Rebekka Rohleder in ihrem Nachwort: „Die Welt von Shelleys Roman und nicht zuletzt die Pest, um die es darin geht, unterscheiden sich doch zu stark von Covid-19 und die Welt des 21. Jahrhunderts, als dass eine gründliche Lektüre von Der letzte Mensch als erschöpfende Vorbereitung für die Corona-Pandemie hätte gelten können.“ Was für die Literaturwissenschaftlerin stimmen mag, trifft auf mich nicht zu. Das liegt nicht nur daran, dass meine Lektüre wenig gründlich war und ich beim besten Willen nicht weiss, was eine „erschöpfende Vorbereitung“ hätte sein können, es liegt wesentlich daran, dass ich anders lese. Konkret: Mich interessiert weder der historische Kontext noch die Absichten der Autorin, mich interessiert alleine, wie ein Buch auf mich wirkt. Natürlich auch deswegen, weil ich unsere Unterteilungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für eine Illusion halte. Zugegeben, eine ziemlich beständige.

Sätze wie diese machen für mich deutlich, dass sich die letzten zweihundert Jahre nichts Wesentliches geändert hat. „ … ein Gefühl der Ehrfurcht, eine atemlose Empfindung des Staunens, eine schmerzliche Erniedrigung der Menschheit schlich sich in jedes Herz. Die Natur, unsere Mutter und Freundin, blickte uns drohend an. Sie zeigte uns deutlich, dass sie uns zwar erlaubte, ihre Gesetze anzuerkennen und uns ihren sichtbaren Kräften zu unterwerfen, doch wenn sie nur einen Finger höbe, müssten wir beben.“

Und auch wie die Behörden auf die Pest reagierten, scheint mir nicht gross anders als in unseren Corona-Zeiten: Ignorant und überfordert (auch die Intelligenten unter ihnen, denn ihre Vernunft reicht nur für den üblichen Lauf der Dinge, nicht jedoch für Unvorhergesehenes), denen nachgebend, die am lautesten schreien.

Ausführlich werden die Auswirkungen der Seuche beschrieben. Die Angst, Panik und Hilflosigkeit, aber auch die Beherztheit einiger. „War die Seuche einmal in den ländlichen Gebieten aufgetreten, erschienen ihre Auswirkungen schrecklicher, gefährlicher und schwieriger zu heilen als in den Städten.“ Das ist heutzutage sicher anders, jedenfalls in der kleinen, industrialisierten Schweiz. In Malawi, wie ich letzthin vernommen habe, scheint es hingegen nach wie vor so zu sein. Wie auch immer: Den Überblick hat niemand, mir scheint es auch unwahrscheinlich, dass ihn jemand haben könnte. Umso beeindruckender, dass Der letzte Mensch eine so recht eigentlich ziemlich umfassende Schilderung zustande bringt.

Mary Shelley ist eine Kennerin der menschlichen Seele. Eindrücklich versteht sie zu vermitteln, wie die Seuche das Beste wie auch das Übelste in den Menschen hervorbringt. Sie weiss um die Fragilität unseres angelernten Wissens, weiss, dass wir für Unerwartetes nicht gewappnet sind.

Fazit: Gescheit, empathisch und horizonterweiternd.

Mary Shelley
Der letzte Mensch
Reclam Verlag, Ditzingen 2021

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