Wednesday, 28 September 2016

Palfries


Palfries, am 14. September 2016, um 18 Uhr 30

Palfries liegt nahe bei meinem Wohnort. 
Deshalb gehe ich kaum einmal dahin. 
Ich nehme mir vor, das zu ändern.

Wednesday, 21 September 2016

Lee Lockwood: Castros Kuba

"Ich bezweifle, dass irgendjemand, der damals in Kuba zugegen war, egal ob Einheimischer oder Ausländer und ungeachtet seiner heutigen Meinung über Castro, je die von Begeisterung und Hoffnung geprägte Stimmung vergessen wird, die sich in den ersten Tagen nach dem Sieg der Revolution ausbreitete", schreibt Lee Lockwood im Vorwort zu seinen Reportagen aus den Jahren 1959-1969 aus Kuba. Und genau davon legen die Bilder in diesem eindrücklichen Band Zeugnis ab. Eine überwältigende Aufbruchsstimmung vermitteln diese Aufnahmen, der Enthusiasmus ist gleichsam mit Händen zu greifen.

Bei Fidel Castro hat man ja das Gefühl, er sei so recht eigentlich immer schon dagewesen. Beim Betrachten von Lee Lockwoods Fotos staunt man jedoch nicht wenig darüber (zugegeben, ich spreche von mir), wie jung der Mann (33), sein Bruder Raúl (28) und Che Guevara (32) waren, als sie die Macht übernahmen.
Saul Landau, ehemals Journalist, Filmemacher und Uniprofessor, bringt mit nur gerade einem Satz (der aus einem längeren Text stammt) auf den Punkt, warum diese Revolution eine besondere war: "Während die Vereinigten Staaten Nuklearsprengköpfe konstruierten, baute man in Kuba Strassen in die unerschlossenen Berge und dazu Schulen und Krankenhäuser."

Lockwoods Buch erschien zunächst in einem üblichen Hardcoverformat mit etwa hundert kleinen Schwarz-Weiss-Fotos und "war vor allem ein Buch zum Lesen, so lang wie ein Roman oder eine dicke Biografie", schreibt Herausgeberin Nina Wiener. Für die nun vorliegende prächtige Bildausgabe "war es nötig, Teile des Originaltexts leicht zu kürzen, einige Fussnoten zu aktualisieren und Bildlegenden hinzuzufügen, die es vorher nicht gab. Ansonsten wurde der Text seit der Erstauflage 1967 nicht verändert."

Im Zentrum des Buches stehe, so Nina Wiener, "eines der aussergewöhnlichsten Interviews, die im ganzen 20. Jahrhundert mit einem regierenden Staatsmann geführt wurde." Castro war während Wochen mit dem Redigieren der Mitschriften beschäftigt. Diese legte er dann wiederum Lockwood vor, dem jedoch ein, zwei Abweichungen von der Mitschrift nicht gefielen, die er auf eigene Verantwortung zurückoperierte und sie dann wiederum Castro vorlegte, worauf es noch einmal drei Tage intensiver Durchsicht durch Castro und seinen Vertrauten Vallejo bedurfte, bevor das autorisierte Manuskript vorlag. Heutzutage ist das alles schwer vorstellbar.
Die Wohnanlage "José Martí", Santiago de Cuba, 1967

In einer ähnlichen Plattenbauanlage, in Alamar, einem Vorort von Havanna, habe ich dreissig Jahre später, in regelmässigen Abständen, jeweils mehrere Wochen verbracht, weshalb ich denn auch die Aufnahmen in diesem Band mit mehr als nur einem beiläufigen Interesse betrachte. Natürlich sind Lee Lockwoods Fotografien in erster Linie aufschlussreiche Zeitdokumente, doch wirken viele davon eben auch berührend zeitlos, weil sie einerseits wunderbar illustrieren, was Aufbruch, Würde und Hoffnung heisst und andererseits das typisch Kubanische erfassen.
Castros Kuba ist exzellenter Fotojournalismus und das meint: herausragende Bilder und herausragende Texte. Wie die Fotos so vermitteln auch Lockwoods Reportagen und Interviews, dass die damalige Zeit für die Mehrheit der Kubaner (nein, nicht für alle; auch von den politischen Gefangenen ist ausführlich die Rede) eine der Freude und Zuversicht gewesen ist. Ähnliches strahlten jedoch auch die Gesichter der Männer am Hafen von Camarioca aus, die dort 1965 auf die Ausreise in die USA warteten ...

Castros Kuba ist, wie der Titel sagt, vor allem ein Buch über Fidel Castro, einen charismatischen Anführer mit diktatorischen Zügen, der sich, wie viele starke Persönlichkeiten, die Kritiker vom Leibe hielt und sich zunehmend mit Jasagern umgab. "Heute steht nach sieben Jahren fest, dass wir immer noch nicht ohne Fidel Castro über die Revolution reden können. Er dominiert sie total, von oben bis unten. Niemand in der Gesellschaft kann sich mit ihm an Macht oder Einfluss messen, denn die wahre Quelle seiner Stärke liegt in seiner Fähigkeit, direkt mit den Menschen zu kommunizieren und sie mittels seiner Persönlichkeit zu dominieren."

Castros Kuba ist ein wunderbar informatives und höchst eindrückliches Buch.

Lee Lockwood
Castros Kuba
Ein Amerikaner in Kuba
Reportagen aus den Jahren 1959-1969
Taschen, Köln 2016

Wednesday, 14 September 2016

Roberto Donetta, Fotograf und Samenhändler

Da ich nicht weiss, wo das Bleniotal liegt, mache ich mich kundig. Und dann fahre ich hin. Mit dem Bus der Autolinee Bleniesi vom Lukmanier hinunter ins Tal nach Olivone. Und von dort weiter nach Biasca. Ich bin nicht der Einzige, der an diesem prächtigen Sommertag des Jahres 2016 auf dieser Strecke unterwegs ist, sie scheint bei Touristen beliebt, ich selber staune, dass mir sämtliche Namen der teils schmucken Dörfer unvertraut sind. Motto, Campo, Campro, Dangio, Dongio ... noch nie gehört, genauso wenig wie Castro, wo Roberto Donettas Vater als Militärbeamter arbeitete. Nach dem Tod des Vaters erbte Roberto dessen Posten ("eine 'sitzende' Arbeit"), gab ihn jedoch weniger als ein Jahr später wieder auf, wie Gian Franco Ragno in "Donetta und seine Zeit" schreibt.
Familienporträt, Bleniotal 
@ Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzonesco

Ich betrachte die Porträtaufnahmen mit einer Mischung aus Verwunderung und Rührung. Fotografiert zu werden war damals (Donetta lebte von 1865 bis 1932) offenbar eine ernste Angelegenheit. Niemand lacht, das Sich-In-Szene-Setzen geschah anders als heute, es war wohl dirigiert vom Fotografen.

Auffallend sind die vielen Kinderporträts. Peter Pfrunder ist diesem Phänomen in "Donettas Kinder" nachgegangen. Speziell geht er dabei auf das Porträt eines Kleinkindes ein, das auch mich ganz besonders angesprochen und sehr eigenartig berührt hat. Mir gefällt seine Auseinandersetzung mit der Aufnahme, macht sie doch deutlich, dass Fotografien vor allem dazu einladen, Fragen zu stellen. 

"Obschon es offensichtlich noch kaum in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen, erscheint es, aufrecht, ganz allein im Bild. Mit seinem weissen Festtagskleid hebt es sich deutlich ab von der verwitterten Steinmauer im Hintergrund und von einem schwarz drapierten Sockel, der ihm doch irgendwie Halt gibt. Aber warum wirkt das Bild so unheimlich? Bei genauerer Betrachtung erahnt man, dass hinter dem schwarzen Tuch eine Person – wohl die Mutter – steckt, die das Kind mit beiden Händen fest im Griff hat und es von hinten ruhig stellt. Dies erklärt freilich nicht, warum sie sich unter dem Tuch verbirgt. Ihre Unsichtbarkeit, ihre Abwesenheit bei gleichzeitiger Anwesenheit, verleiht der Szene etwas Geheimnisvolles. Wollte die Mutter nicht in Erscheinung treten, um die volle Aufmerksamkeit auf das Kind zu lenken? Ging es darum, die Reinheit des Kleinkindes zu betonen, das den Gefahren des Lebens trotzt, die im dunklen Untergrund lauern? Oder folgte die Mutter den Anweisungen des Fotografen, der sich bei der Komposition von seiner Intuition leiten liess?"
Arbeiterinnen der Schokoladefabrik Cima Norma, Dangio-Torre
@ Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzonesco

Roberto Donetta machte jedoch nicht nur Porträts, sondern fotografierte so recht eigentlich das ganze Tal und schuf damit ein aussergewöhnliches sozialhistorisches Dokument, denn "Fotografie war nicht unbedingt das, was man von einem Bewohner des Bleniotals als Brotberuf erwartete", wie Matthias Böni in seinem Beitrag "Spuren eines Sonderlings" schreibt.

Abgesehen von den bereits erwähnten Texten, finden sich in diesem Band noch weitere: Marco Franciollis "Wiedergeburt eines fotografischen Vermächtnisses", David Streiffs "Donetta, der Erzähler" sowie Antonio Marottis "Ein moderner Fotograf?". Es sind anregende und aufschlussreiche Ausführungen, auch wenn sie womöglich mehr über die Autoren als über Roberto Donetta und seine Fotos aussagen.

Schön, dass es dieses Buch gibt!

Roberto Donetta
Fotograf und Samenhändler aus dem Bleniotal
Limmat Verlag, Zürich 2016

Wednesday, 7 September 2016

In Estonia

Tartu, Estonia, August 2016

What brings you here?, asks the young woman in charge of personnel at one of the many coffee places in Tallinn. Well, I've had this vague idea I would explore the country by train for I had recently been to Latvia and loved the old Soviet trains there. Unfortunately, I added, I've then discovered that the trains here are Swiss made and not any different from the S-Bahn I know from back home, comfortable but unexciting. If you're fond of old trains, she says, you should go to Georgia or the Ukraine. And, Saint Petersburg is definitely worth a visit. A totally different culture, including dancing in the streets. You probably speak Russian, I say. Yes, she answers, I do, enough to get by. And that much Russian is a must if you want to go there ...

What did you do today?, she wants to know. Walking around the old town for a few hours and I think that by now I've seen it. I felt reminded of a museum, hordes of tourists stare at buildings, take photos, listen to history lessons by tour guides – very definitely not my cup of tea.

And what about the people? They seem a rather sullen lot, I say. Right, she laughs, I'm myself from Vilnius and in Lithuania we're totally different. How's Tartu?, I ask. Cozy, she says. And so I go there.

Upon my arrival I learn that I had booked a hotel on the outskirts of town. My taxidriver has been around, he is a collector. Thailand, he says, four times. United States, three times. Fishing in Finland, three to four times a year. But isn't Finland expensive? Well, one hundred euros per day for a house on an island, divided by four. Food and drinks we bring along from Estonia. His hobby, he says, is barbecue. He does it every day. Even in winter? Yes, five below zero is no problem, twenty below zero is however too much.
The view from my hotelroom in Tartu, August 2016

I take the bus to Pärnu, a popular seaside resort. My hotel (compared to everything else, hotels are expensive in this country, reservations via the internet do often result in bargains) turns out to be an old sanatorium that also accommodates tourists. Old people (quite probably younger than I am) on crutches or with walking frames are all over the place. The very friendly lady at the reception informs me that it was built in the 1920 by a Swedish company and enlarged in the 1970s by the Russians  –  it looks like it, it feels like it, I love it!