Wednesday, 21 June 2017

Mat Hennek: Woodlands

D_Kanzern_01_20-09 @ Mat Hennek, Steidl 2017

Bilder brauchen nicht immer Worte. Jedenfalls dann nicht, wenn jeder und jede weiss, was er und sie vor Augen hat. Und für diejenigen, die sich im vorliegenden (für mich offensichtlichen) Fall nicht wirklich sicher sind, gibt es ja auch noch den Buchtitel: Woodlands, also Waldgebiete.

Ausser den für den Betrachter wenig informativen Bildlegenden, die wohl eher den Fotografen erinnern sollen, wann und wo er seine Aufnahmen gemacht hat, liefert dieser Band keine Begleitinformationen. Verlag und Fotograf überlassen es also dem Betrachter, was er damit machen will. Und so lasse ich meine Augen über diese mich sehr ansprechenden Fotografien wandern: sie gefallen mir nicht nur, sie ziehen mich geradezu magisch an. Der Satz eines amerikanischen Pastors aus einem vor Jahren sehr bekannten Selbsthilfebuch (der Titel wie auch der Name des Pastors sind mir entfallen) geht mir durch den Kopf. Sinngemäss lautet er so: 'Von Menschen Gemachtes beginnt uns sehr schnell zu langweilen, die Natur hingegen langweilt uns nie.' Der Gedanke hat viel für sich, obwohl: ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass diese Naturaufnahmen mich einmal langweilen werden.
D_Silberberg_07_2015 @ Mat Hennek, Steidl 2017

Für mich sind diese Aufnahmen höchst inspirierende Einladungen zur Kontemplation. Mat Hennek hat ganz unterschiedliche Ausschnitte des Waldes eingerahmt, zu verschiedenen Jahreszeiten. Ich fühle mich eigenartig hineingezogen in diese Bilder, sie lassen mich ruhig werden. Auch wähne ich mich vor Ort, obwohl ich gleichzeitig weiss, dass das, was ich sehe, kein realer Wald ist, denn ein solcher ist voller Geräusche und Gerüche. Anders gesagt: ich weiss, dass ich Bilder von einem Wald betrachte und trotz meines besseren Wissens vermeine ich einen richtigen, echten  Wald vor Augen zu haben.
D_Kliffkueste_01_2015 @ Mat Hennek, Steidl 2017

Ich staune über das Licht und die umwerfende Formenvielfalt. Und denke so bei mir: der wahre Künstler hier ist die Natur. Das soll die Leistung des Fotografen nicht etwa schmälern, denn ohne diese einfühlsam komponierten Bilder hätte ich den Wald so wohl nie gesehen. Auch wäre ich nicht so überzeugend angeregt worden, mich selber wieder öfter in Wälder aufzumachen. Um dort das zu tun, was Mat Hennek getan hat: sehen, was es zu sehen gibt; staunen darüber, was es alles gibt.

Mat Hennek
Woodlands
Steidl, Göttingen 2017

Wednesday, 14 June 2017

Rückkehr nach Libyen

Dreissig Jahre lang hatte Hisham Matar das Land seiner Kindheit nicht mehr betreten, als er sich im März 2012 zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter nach Libyen aufmacht, um herauszufinden, was mit seinem Vater geschehen ist, der in Gaddafis Gefängnissen verschwunden war. "Mutter wusste, dass mein Wille, herauszufinden, was geschehen war, zu einer Obsession geworden war."

Hishams Vater, Diplomat, Politiker und Widerstandskämpfer gegen Gaddafis Regime, war im März 1990 vom ägyptischen Geheimdienst aus seiner Kairoer Wohnung entführt und an Gaddafi ausgeliefert worden (der Klappentext spricht fälschlicherweise davon, dass der libysche Geheimdienst ihn im Kairoer Exil mitten auf der Strasse entführt habe).

Vor allem beschäftig den Sohn, wie es seinem Vater in den ersten Tagen, ja, den ersten Stunden der Gefangenschaft ergangen ist. Bei seinen Nachforschungen stösst er jedoch auch immer wieder auf kulturelle Eigenheiten, die seiner Wahrheitssuche entgegen stehen. "Als Erregung und Nervosität nichts zu sagen übrig liessen, taten wir, was die meisten Leute tun und worin die libysch-beduinische Gesellschaft besonders gut ist: Wir wiederholten die höflichen, unpersönlichen Allgemeinplätze und Fragen, die, so verlangt es die Etikette, nicht zu spezifisch sein dürfen, wobei der Hauptzweck darin liegt, dem aus dem Weg zu gehen, was die männlichen Mitglieder meiner Familie väterlicherseits stets sorgfältig vermeiden: Einmischung und Klatsch."

In Libyen waren Geschichten im Umlauf, "die zu abstrus wirkten, als dass man sie glauben konnte", doch die sich als wahr erwiesen. So sollten sich etwa unter dem Gelände des militärischen Komplexes in Tripolis, in dem Gaddafi sich aufhielt, Gefängnisse befinden, in denen die heftigsten Widersacher des Dikatators eingesperrt waren, denn er "hatte seine grössten Gegner gerne nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden."

Die Rückkehr findet in der Zeit nach Gaddafis Sturz und vor dem neuen Bürgerkrieg statt und beschert dem 42jährigen Hisham Matar auch ein recht aufreibendes Familienbesuchsprogramm. Er hat zwar nur einen Bruder, jedoch einhundertdreissig Cousins und Cousinen, die alle besucht werden wollen. Sein Onkel Mahmoud (geboren 1955), der jüngste Bruder seines Vaters (geboren 1939) verbrachte einundzwanzig Jahre in Abu Salim, dem berüchtigsten Gefängnis des Landes, und erweist sich als eine wichtige Informationsquelle. Er war auch ein grosser Leser, der immer wieder bestimmte Einzelheiten aus den Brüdern Karamasow, Candide oder Madame Bovary zitierte, "was er aus dem gleichen Grund heraus tat, der freie Menschen ein Buch erneut lesen lässt: um den Genuss zu wiederholen und zu vertiefen." 

Für mich, der ich so ziemlich gar keine Vorstellung von Libyen habe, ist Die Rückkehr eine höchst aufschlussreiche Lektüre. Und das hat nicht zuletzt mit den vielen Anekdoten zu tun, die Hisham Matar erzählt. So war etwa sein Vater Bayern München-Fan und wenn er ausser Haus war, nahm die Mutter die Spiele auf, auch die Fussballübertragungen im Radio, einschliesslich der zweiten ägyptischen Liga, sogar nachdem er entführt worden war. Die mir liebste Anekdote ist diese hier: "Ein achtzehnjähriger arabischer Muslim betete in einem englischen Pub für eine schottische Mannschaft, weil sie einen möglicherweise aus Afrika stammenden schwarzen Spieler hatte, während die libysche Familie des Muslims im Exil in Kairo die deutsche Mannschaft anfeuerte."

Da Hisham Matar ein belesener Mann ist, kommt auch Literarisches nicht zu kurz. So zitiert er etwa Jean Rhys: "Nie würde ich zu irgend etwas gehören. Nie würde ich wirklich irgendwohin gehören, und das wusste ich, und mein ganzes Leben lang würde es nie anders sein - ich würde versuchen, irgendwohin zu gehören, und dabei scheitern. Immer würde irgend etwas schiefgehen. Ich bin eine Frede und werde es immer bleiben, und im Grunde genommen machte es mir so gut wie nichts aus." Er kommentiert das Zitat wie folgt: "Als ich diese Zeilen von Jean Rhys zum ersten Mal las, dachte ich, ja, und dann, fast sofort, ärgerte ich mich über dieses Einverständnis. Deshalb ist die Rückkehr in jenes frühere Leben wie das Entdecken eines Spiegelbildes an einem öffentlichen Ort. Deine erste Reaktion, noch bevor du es begreifst, ist Argwohn. Du kommst aus dem Tritt, findest aber gerade noch rechtzeitig das Gleichgewicht wieder."

Er soll in der Bibliothek auftreten, ein Gespräch vor Publikum. Ein alter Mann aus dem Publikum stellt sich als Freund seines Vaters vor und übergibt ihm Kurzgeschichten, die dieser geschrieben hatte. "Ich wusste zwar von den Versuchen meines Vaters, Gedichte zu schreiben, hatte aber nicht geahnt, dass er sich als Student in Paris auch in Prosa versucht hatte." Auch erfährt er erst von Fremden, dass seine Mutter Mütter von politischen Gefangenen bei sich aufgenommen hatte.

Die Rückkehr informiert auch über die Verbindungen des britischen Establishments mit Gaddafi sowie über die Besatzung Libyens durch die Italiener, die 1911 ins Land kamen und jeden sechsten Bewohner der Hauptstadt auf kleine Inseln rund um Italien, zum Beispiel die Tremiti-Inseln, Ponza, Ustica und Favignana, verschleppten. "Das Land sollte entvölkert werden. Die Geschichte erinnert sich an Mussolini als den clownesken Faschisten, den wirkungslosen, tumben Italiener, der im Zweiten Weltkrieg kaum überzeugte; in Libyen verantwortete er einen Genozid."

Gegen Ende des Buches wähnt man sich plötzlich in einem veritablen Thriller. Nach neunzehn Jahren des Stocherns im Nebel, meldet sich ein Mann telefonisch bei Hisham – er habe seinen Vater gesehen, im Jahre 2002. "Noch nie hatte jemand behauptet, meinen Vater nach 1996, dem Jahr des Massakers gesehen zu haben. Wenn das stimmte ...". Der britische Aussenminister David Miliband und Gaddafis Sohn Saif al-Islam kommen ins Spiel ...

Die Rückkehr ist ein bewegendes Buch.

Hisham Matar
Die Rückkehr
Auf der Such nach meinem verlorenen Vater
Luchterhand Verlag, München 2017

Wednesday, 7 June 2017

Entryways of Milan / Ingressi di Milano

First things first: This is a most wonderful book! Every time I open it and look at these stunning photographs by Matthew Billings, Delfino Sisto Legnani, and Paola Pansini, I feel impressed, delighted, enchanted.

Entryways of Milan, edited and directed by Karl Kolbitz comprises also texts by Fabrizio Ballabio (Milan's Ingressi as Liminal Spaces for Architectural Expression), Daniel Sherer (The Discreet Charm of the Entryway), Penny Sparke (Nature Inside: Plants in Interior Spaces), and Lisa Hockemeyer (Ceramics Everywhere: An Italian Heritage). The stone identification was done by Angela Ehling and Grazia Signori, the stone commentary by Grazia Signori, and the design identification and commentary by Brian Kish.
via Gabrio Srebelloni 10
Palazzo Sola-Busca
Aldo Andreani, 1924-30
walls: Ceppo dell'Adda, mediano (i.e. medium coarse-grained)
stairs: Botticino limestone

 "Few conventions of architecture are as omnipresent, and at the same time as taken for granted, as the threshold. The purpose of the threshold seems straightforward enough: to allow passage between interior and exterior while establishing a formal demarcation between the two domains. However, it should be remembered that the threshold, as a liminal zone – indeed, as a decisive paradigm of liminality itself – is riven by ambiguity; simultaneously joining and separating, it generates a space that is neither inside nor outside, but partakes of both. In this respect, the threshold, which might seem to sanction a clear-cut spatial division, actually disrupts any unequivocal categories of interior and exterior", writes Daniel Sherer.

I've never thought about thresholds in this way yet it reminded me of quite similar thoughts that I entertained a few years ago in Southern California. My host and I were crossing the desert when all of a sudden he stopped at an oasis that served as a stopover for migrating birds. Looking at the  fringes where the green grass met the sand, I wondered where the desert ended and the oasis started or vice versa. In other words, the categories we make up are just categories. If you look at the thresholds in this book with this in mind you might very likely see a connection and not a division.
corso di Porta Nuova 2
Giuseppe Roberto Martinenghi, 1937
floor: Arabescato Carrara marble
walls: Nero Assoluto d'Talia limestone
and Calacatta marble

To me, looking at these entryways is like watching a movie. For what my eyes are registering is one thing, to where however my imagination/my brain is transporting me quite another. Needless to say, I cant't stop wondering where these entryways lead to and keep asking myself what may lie behind these doors.

Apart from the stunning designs, it is the colours and the colour combinations respectively I'm fascinated by. And, how the photographers chose to frame these entryways. I've tried to put myself into their shoes and stepped mentally back and forth, away fom the doors and then again closer to them. In other words, I've mentally played with the frames, imagined myself to slightly alter them only to realise how brilliantly the photographers had done their work. These compositions are simply marvelous!

Do the inhabitants of these buildings pay attention to these stunning entryways or, and this is what I actually suppose, do they take them for granted? If it were the latter, they'd be well advised to consult this extraordinary work.
via Giuseppe Dezza 49
Gio Ponti, Antonio Fornaroli, Alberto Roselli, 1952-56
Sconce by Gio Ponti
floor: serpentinite Verde Acceglio, Porta Santa limestone
Carrara Bardiglio marble, Carrara Bianco marble

Some years ago, I aimed my camera for a while at chairs, then at doors and windows. Entryways of Milan inspires me to again pursue a project that focuses on a specific topic. Dorothea Lange once said that the camera taught her to see without a camera. The cameras of photographers Billings, Legnani, and Pansini made me see what I otherwise would very probably never have been able to see. Thank you! It was a mosr joyful and rewarding experience.

Karl Kolbitz
Entryways of Milan
Ingressi di Milano
Taschen, Cologne 2017

Wednesday, 31 May 2017

George Rodger: Nuba & Latuka

George Rodger (1908-1995), born in Hale. Cheshire, was one of the co-founders of Magnum Photos Inc., "a cooperative photographic agency intent on collectively supporting its members and protecting their copyrights as well as efficiently distributing and selling their work internationally", as Aaron Schuman of SeeSaw Magazine writes. The other founders I had so far thought to be Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, and David 'Chim' Seymour yet, as Aaron Schuman informs me, Bill Vandivert and others also belonged to the founders.

The photographers he admired, writes Chris Steele-Perkins in The Sudan in Colour, all worked in black and white and Rodger's most famous shot from his time in the Sudan is a black and white picture that depicts a victorious Korongo Nuba wrestler being carried through a crowd on the shoulders of his defeated opponent.
The champion of a Korongo Nuba wrestling match, 
Kordofan, Southern Sudan 1949
@ George Rodger / Magnum Photos

Aaron Schuman's description of this photograph helps me see aspects that might have escaped me. "The subject's posture is impressively dominant and proud. Furthermore, rendered in black and white, his body – dusted with white wood ash and naked apart from two small nose rings, a thin bracelet on his right wrist and a hoop earring in his left ear – appears solid and heavy, the varying grey tones of each muscle and vein mimicking the smooth monochromatic contours of expertly chiselled marble. His expression is more ambiguous though, both profoundly authoritative and intensely curious, and because of deep shadows that fall across his eyes in many reproductions of the image, it often appears as if he is staring directly down Rodger's lens (when in fact, on closer inspection of finer prints, it becomes clear that he is gazing intently over the head of the photographer." 
Bracelet fighters of the Kao-Nyaro. 1949 
@ George Rodger / Magnum Photos

In the late 1940s, colour technology, while present in print media and especially in fashion and advertising, was not dominant in documentary and reportage photography. The colour images in this tome, that Rodgers had made alongside his black-and-white work, had until now been unknown and unpublished. 

"It seems appropriate", writes Chris Steele-Perkins, "that in Magnum Photos' seventieth year, after seventy years of turmoil and fellowship, the 'lost' colour photographs of George should be published, to celebrate this seminal work on the Nuba, Latuka and other Sudanese peoples and also remind us that this is the Magnum that George had co-founded seven decades ago, a Magnum that is still very much alive and can surprise with these archive treasures misplaced by history."

 "What these images reveal, apart from an added visual vibrancy", argues Aaron Schuman, "are fascinating clues into the working practices of a professional photographer at the top of his game in the mid-twentieth century."
Dinka and Nuer girls dressed for a ceremonial dance. 1949
@ George Rodger / Magnum Photos

I'm not into ceremonial dances or into ritual fights, neither at home nor abroad, yet I thought the photographs in this tome strikingly fascinating. I would have very much liked to know what was going on in the heads of these boys and girls, women and men. Wouldn't they have it thought strange that a white Englishman in his early forties was taking pictures of them?

As ever so often when looking at photographs of attractive men and women I'm not too sure whether it is the photographs that I'm fond of or the ones depicted. I guess it's the fit bodies and the confident manner that these Southern Sudanese display that I'm mainly impressed by.

To me, these photographs radiate dignity and pride.

George Rodger
NUBA & LATUKA
The Colour Photographs
Essays by Aaron Schuman
and Chris Steele-Perkins

Prestel; Munich-London-New York 2017

Wednesday, 24 May 2017

Anne Loch: Künstliche Paradiese

Anne Loch, Künstliche Paradise,

Hrsg: Bündner Kunstmuseum, Chur 2017


Anne Loch wurde 1946 in Minden, Nordrhein-Westfalen geboren und starb 2014 im bündnerischen Promontogno. Sie lebte viele Jahre in Thusis und war eine sehr eigene und eigenständige Person.

Es sei gleich gesagt: Meine Absicht ist weder Anne Loch vorzustellen, noch ihr Werk in einen Zusammenhang zu stellen, und schon gar nicht, ihre Arbeit zu würdigen. Das sollen Berufenere tun. Mir geht es hier einzig darum, ein paar (der mir bewussten) Gründe darzulegen, was mich an Anne Loch und an einigen ihrer Bilder anspricht, ja, wie diese auf mich wirken beziehungsweise was sie bei mir auslösen.

Es sind Tagebucheinträge auf Ihrer Homepage http://anne-loch.net/, die mir den Ärmel reingenommen haben. "Oft denke ich, ein Psychiater würde ganz viele Gründe haben, warum ich so lebe. Warum ich mit dieser Liebe lebe, zum Beispiel, ich würde das Leiden lieben oder sonst was. Mir sind schon so viele Erklärungen gesagt worden. Aber ausserhalb der Analyse gibt es noch etwas Anderes: Das sind die Momente der Wahrheit, und die zu fühlen, das kann nur ich. Und die Entscheidung zu treffen, das kann auch nur ich." (Tagebuch, Juni 1990)

Anne Loch 580,1993, Acryl auf Leinwand, 1.80x1.30m ·

 © Nachlass Anne Loch, Bern


Einer dieser Tagebucheinträge hat mich dermassen gepackt, dass ich wusste, ich würde mir die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur ansehen gehen und war dann überrascht, dass die Bilder im Buch mich stärker anzogen. Das ist so recht eigentlich noch nie vorgekommen, immer war es bisher umgekehrt gewesen. Vielleicht war es diesmal deswegen anders, weil ich die Farben im Buch, so ganz nah vor Augen und nicht von anderen Besuchern abgelenkt, satter und intensiver erlebte und es sind die Farben, die mich für die Arbeiten von Anne Loch einnehmen.

Doch zum gerade erwähnten Tagebucheintrag, wo sie schreibt, dass sie "nie ein Landschafter war. Ich habe nicht meine Kindheit oder meine Jugend oder später meine Zeit in der Landschaft verbracht und dann sehnsuchtsvoll darauf hin Landschaften gemalt, sondern die Landschaft war so dieser Schmerz, das zu sehen, was dann auslöst zu bemerken, was wir verkehrt machen. Also wenn ich ein Foto von einer Landschaft sehe oder ich sehe eine Landschaft im Fernsehen, dann rührt das diesen Schmerz eher als die Landschaft an sich. Die Landschaft an sich ist ja eher eine tiefe Beruhigung und Befriedigung, und so habe ich meine Landschaften nur aus der Idee heraus gemalt, also nach Fotos ..." (Tagebuch, Mai 1990).

Was der Mensch erschafft, erfüllt ihn mit Schmerz. Eindrücklicher habe ich selten gelesen, was Entfremdung bedeutet und wie wir darunter leiden. Zudem: Mit dieser Einsicht im Kopf wirken diese so ungemein starken Farben noch stärker.

Anne Loch 182,1986, Acryl auf Nessel, 1.55x2.85m 

· © Nachlass Anne Loch, Bern


Wie Anne Loch aus kunstgeschichtlicher Warte gesehen werden kann erläutern Texte von Stephan Kunz, Annelie Pohlen, Konrad Tobler und André Born, die durch ein Gespräch von Stephan Kunz und Albrecht Schnider ergänzt werden.

Anne Loch 
Künstliche Paradiese
Bündner Kunstmuseum Chut
Scheidegger & Spiess, Zürich 2017

Wednesday, 17 May 2017

Sibylle Bergemann: Beauty and Doubt

Lily, Berlin, 2009

It doesn't happen often that I feel immediately drawn to the photographs I'm looking at. And, even less often such photographs are by one and the same person.

It was in 2011 that I came across Sibylle Bergemann. It was a collection of polaroids which fascinated me for I didn't think it possible that they could radiate poetic quality – but they do. 

The tome Sibylle Bergemann 1941 - 2010 not only shows photographs that I can't take my eyes off, it also comes with most impressive texts. Here's how Sonia Voss comments on the cover (shown above):  "Midnight blue walls, dress the color of light. Seated in the corner of a room, illuminated by the half-light of a window, off-camera to the left, a woman traces the diagonal of a frame. Her arms extended the length of her body, the folds of her skirt spread carefully in front of her, she is tipped back on a bench, photographed slightly from above, delivered up to the lens. Her eyes are closed: one sees only their graceful design, large black accents, shadowed lids. Thus styled, she shrinks from our grace. Offered up, she seduces us and simultaneously resists us. From the interior world in which she has taken refuge, we get to know nothing. The deepest thing in man, Paul Valéry wrote, is the skin."

Wonderful! Words like these help me see what I would very likely have missed.
Dakar, 2001

I feel deeply touched by Sibylle Bergemann's photographs, by virtually all of them. I'm not sure why yet I can identify here the most prominent sensation that I'm experiencing when spending time with them: a kind of vague longing.

It's probably also to do with what Jutta Voigt expressed like this: "Every portrait is also a self-portrait of this photographer with the literary gaze; she sees what she knows and feels: beauty and doubt." And a distinct sadness, I feel like adding.

Quite some of Sibylle Bergemann's pics reminded me of paintings, especially the color photographs. There's an elusive magic that they exude and that makes me pause.
Lily, Margaretenhof, 2009

This tome was published on Sibylle Bergemann's 75th birthday in August 2016. It contains mostly portraits and man-made environments (buildings, broken-down cars). The last chapter shows a photo documentary of the creation (from 1975 until 1986) of the Marx and Engels Monument.

"After the fall of the Berlin Wall, the sculpture of Friedrich Engels, dangling from a crane, was frequently viewed in photo-historical reception as a symbol of the GDR's dismantlement. At the time the image was taken, however, the sculpture was held to be a portrayal of construction. Bergemann commented laconically: 'We just showed how it really was.'"
Das Denkmal, Berlin Februar 1986

The texts come in German, English, and French; the translations are excellent.

Sibylle Bergemann 1941 - 2010
Zum 75. Geburtstag / On her 75th Birthday / Pour son 75e anniversaire
Kehrer Verlag, Heidelberg 2017

Wednesday, 10 May 2017

World Press Photo 2017

Burhan Ozbilici for The Associated Press

"Trust is at the heart of what we do and can never be taken lightly. World Press Photo relies on visual journalists to give us the information necessary to verify their photographs and stories. They all do so willingly. We play our part by having a rigorous verification process that ensures our winners are as accurate as possible. Together we produce the best in visual journalism", writes Lars Boering, Managing Director, World Press Photo Foundation.

Trust is indeed important, it is essential. Not just in press photography but in very probably everything. Boering's claim to "produce the best in visual journalism" is however not much more than a claim (or wishful thinking) for there are no hard criteria as to what may be "best". Moreover, making such a claim doesn't exactly inspire the aformentioned trust that photojournalism relies upon but risks eroding it.

To be more specific: I'm not even sure that Burhan Ozbilici's World Press Photo of the Year 2017 is a good photograph. Don't get me wrong: I think the story of this assassination (the combination of photographs and the accompanying text and captions) deeply irritating and moving. In other words: excellent photojournalism. But a good photograph? In my view, a good picture is more than a snapshot, factors such as light and composition need to figure prominently.

I very much liked what Stuart Franklin, Chairman of the 2017 Jury, had to say for I thought his elaborations informative and clarifying. "Viewing the pictures, and despite a desire for objectivity, differing filters are applied by each juror. These relate to aesthetics, news value, cultural bias, social or environmental significance and so forth. Personally, I looked for an empathetic eye, and am very pleased to have found that in so many of the photographs that made the cut. Photographs need to be of a professional standard and uncontrived, although the People category is open to the established practice of portraiture. Despite efforts to counter stereotypes, they sometimes slip through. The tension between art and journalism, deeply embedded in the medium, is also an unavoidable contingent."
Tomás Munita for The New York Times

When selecting the pics for this blogpost, I decided to let myself be guided by instinct. The above picture shows members of the Ejército Juvenil del Trabajo, a youth auxiliary wing of the Revolutionary Armed Forces, waiting along the road to Santiago de Cuba at dawn for Castro's funeral procession to pass.

Needless to say, impulses do not always come out of the blue. The reason I feel drawn to this pic might have to do with the fact that I sort of have a special relationship with Cuba for, many years ago, I got married in La Habana.
Daniel Berehulak for The New York Times

This is what Rodrigo Duterte's anti-drug offensive in the Philippines looks like. The photo shows Jimji Bolasa (6) crying before funeral parlor workers remove the body of her father, Jimboy, who was found dead after being abducted by unidentified men.
Sergey Ponomarev for The New York Times

Residents of Mosul flee the city in November 2016.

There were many more pics that I thought captured touching moments. World Press Photo 2017 presents a veritable tour d'horizon to the trouble spots of this world and in so doing reminds us of what we need to be reminded of. For photographs in combination with explanatory words can help us feel the pain and sufferings of our fellow human beings.

World Press Photo 2017
Schilt Publishing, Amsterdam 2017

Wednesday, 3 May 2017

Tuol Sleng Genocide Museum

From 1975 to 1979, the Khmer Rouge were responsible for the death of approximately 2 million people. They died because of political executions, disease, starvation, and forced labour. The then notorious Security Prison 21 (S-21) serves today as a museum, the Tuol Sleng Genocide Museum.

Shaded Memories by photographer Ann-Christine Woehrl shows how she sees the museum and what she wants us to see, to look at, to think about and reflect upon. This is what I at least suppose ... for she does not comment on her photographs. There are however others who contributed texts to this tome; the most informative is by journalist Anne-Laure Porée.
Tuol Sleng Main Gate

Having read a number of books on the murderous Khmer Rouge regime, I do have a fairly good idea what that period in Cambodian history is about or, in other words, I sort of know what I'm looking at when going through the pages of Shaded Memories: Nevertheless, I'm stunned and irritated (to put it mildly), how such a tome can be presented with practically no background information. 

Well, one might argue, photographs are an invitation to ask questions. And, if you take this tome into you hands and start to wonder what these photographs are all about, then it will be inevitable for you to learn about the Cambodian genocide.
So what do we get to see? Photographs of prisoners (male and female, young and old), dead persons, skulls of executed prisoners, cell blocks, razor wire, cell keys numbering, an interrogation room, a stairwell, a food bowl, bones and clothes of victims, a scene from a propaganda video ... Needless to say, without the captions I would have often been at a complete loss.

Quite some of the pics are thoughtfully, and cleverly, taken. The hearing of case 002/02, for instance, is illustrated by earphones hanging in front of a wall. Or Human Rights Day that shows a faceless uniformed man holding a walkie-talkie while approaching an iron fence.
The idea to document what one was touched by in a museum, and especially in such an extraordinary museum such as Tuol Sleng, I regard as a laudable and most useful undertaking. What I do however miss in this tome is the voice of the photographer for pictures do not speak for themselves. They can't. They need a voice. And preferably the voice of their creator. Without being told about the feelings and thoughts of the photographer, I'm left to guessing. That is fine, of course, but I definitely expect more from a photo book.

Ann-Christine Woehrl
Shaded Memories
Edition Lammerhuber, Baden, Austria 2017

Wednesday, 26 April 2017

waterforms

„My photography depends on access to protected open spaces and would not be possible without it. It is the quiet, natural landscape that inspires and nurtures. Behind that experience is the dedication and advocacy of local and national conservation groups, along with all who value land protection and contribute in any way“, writes Dorothy Kerper Monnelly in the acknowledgements section of her „waterforms“

There are two major subjects that „waterforms“ portrays: the forms and patterns that water creates on the land and the ice patterns that form in fresh water streams. Both are subjected to changes in temperature and powerful winter winds. „I quickly learned that to photograph ice patterns, the critical extra ingredient is warm clothes!“

Dorothy Kerper Monnelly also writes (in her artist's statement) that „Fine Art Photgraphy is the language of the inner eye – the inner self that responds without knowing. It is an intuitive dialog that speaks as an image. It is a search for truth ... for the song!“

„waterforms“ starts with a series of pictures with captions such as „Ice Pattern 26, Ipswich, MA, 1/2016“, „Ice Pattern 25, Saco River, NH, 12/2014“ or „Ice Pattern 13, Ipswich, MA, 1/2003“. Without knowing that I'm looking at ice patterns I would have very probably never guessed it. In other words, I'm glad I'm told that there are ice patterns in front of my eyes although the additional caption information is probably more of interest to the photographer (reminding her when and where the picture was taken) than to the reader.

For the full review, please see here

Wednesday, 19 April 2017

Daniel Rohner: Dialog mit Mi Fu

Der 1955 in Basel geborene Fotograf und Kunstmaler Daniel Rohner, lese ich in der Presseinformation, sei in die Rheinschlucht zwischen Reichenau und Ilanz hinabgestiegen und habe am Churer Hausberg, dem Calanda, und im Laufental fotografiert. Ich war gespannt, sehr sogar, denn diese Gegenden sind mir bekannt, ganz besonders die Rheinschlucht zwischen Reichenburg und Ilanz, wo ich oft zu Fuss unterwegs bin. Beim ersten Durchblättern von Dialog mit Mi Fu war meine Überraschung gross: Was ich sah, hatte ich so noch nie gesehen, jedenfalls nicht bewusst. Beim zweiten und dritten Hinschauen entdeckte ich dann einige wenige mir nicht ganz unvertraute Ansichten. Mit anderen Worten: Die Beschäftigung mit Daniel Rohners Aufnahmen zeigten mir wiedereinmal, weshalb Fotografien zu betrachten horizonterweiternd sein kann: Diese Bilder zeigten mir Ansichten und Sichtweisen, die mir gefielen und die mir sonst wohl entgangen wären. 
Aus dem Begleittext von Andres Pardey erfahre ich unter anderem, dass Mi Fu, der von 1051 und 1107 gelebt hat und als einer der Väter der chinesischen Tusche- und Aquarellmalerei gilt, "als derjenige, der die Landschaften mit ihren vernebelten Tälern und den spitzen, hintereinander geschichteten Hügelzügen als einer der Ersten so dargestellt hat, wie wir sie gemeinhin von Bildern kennen."

Da macht also einer in der Schweiz Fotos im Stile eines chinesischen Malers (oder zumindest von diesem inspiriert), denkt es so in mir. Ein interessanter Ansatz, nicht zuletzt, weil es in China Landschaften gibt, die einen an die Schweiz erinnern. Jedenfalls ist es mir während eines mehrmonatigen Aufenthalts in der Provinz Fukkien so ergangen. Doch wie muss ich mir das Vorgehen des Fotografen vorstellen? Ist er mit einem Bild im Kopf hingegangen und hat dann versucht, dieses in der Schweizer Realität zu finden? Oder hat er ganz einfach genau hingeschaut und (vielleicht beeinflusst von an Mi Fu geschulten Sehgewohnheiten) gesehen, was vor langer Zeit auch Mi Fu so ähnlich gesehen haben mag?
Lothar Ledderose macht in seinem Beitrag "Reisende zwischen Giessbächen und Bergen" auf zwei Landschaftsbilder (das eine entstand um das Jahr 1000 und stammt von Fan Kuan, das andere, datiert 1072,  von Guo Xi) aufmerksam, die an Daniel Rohners Fotos gemahnen und hält fest: "Über die Jahrhunderte hinweg besteht eine eigentümliche Affinität zwischen den Werken der song-zeitlichen Maler Chinas und den suggestiven, enigmatischen, mit bewundernswerter fotografischer Technik gestalteten Bildern von Daniel Rohner. Auch er zeigt eine unberührte Bergwelt: schroffe Felsen, komplexe Oberflächen in unendlich vielfältigen Abstufungen von Grau, wabernde Nebel, winzige Behausungen; auch seine Fotografien führen uns die schöpferischen, kosmischen Kräfte der Natur vor Augen."

Mich erstaunen die Gemeinsamkeiten von Malern, die vor gut 1000 Jahren in China lebten, und dem Schweizer Fotografen Daniel Rohner nicht, denn wir Menschen haben mehr miteinander gemein, als uns bewusst (und möglicherweise lieb)  ist. Üblicherweise betonen wir die Unterschiede. die geografischen, die kulturellen und die zeitlichen. Für mich hat Daniel Rohner mit diesen Fotos sein Augenmerk auf das Verbindende gelegt.
Der dritte Textbeitrag stammt von Andrin Schütz. Er ist mit "Transformationen des Augenblicks" überschrieben und führt unter anderem aus: "Bleibt der Bildraum – trotz zuweilen nahezu naturalistischer Fasssung – dem historischen Asiaten stets Idealraum und diesseitige Metapher des jenseitig Metaphysischen und Philosophischen, scheint sich Rohner vorerst ganz auf die diesseitige Realität zu konzentrieren." Nun ja, das ist bei Fotografen so recht eigentlich zwangsläufig der Fall. Schliesslich können Fotografien nur abbilden, was zu sehen ist.

Daniel Rohner
Dialog mit Mi Fu
Kehrer Verlag, Heidelberg Berlin 2017

Wednesday, 12 April 2017

Essays über Fotografie und Medien

Die Annahme, dass Medien, wenn sie es denn wirklich wollten (und einige wollen das in der Tat und geben sich auch ent­sprechend Mühe), die Wirklichkeit abzubilden vermöchten, wird zwar allgemein angenommen, ist deswegen jedoch noch lange nicht wahr. Wahr ist, dass die Medien die Wirklichkeit, die in den Medien vorkommt, erst schaffen. Sie tun dies, zuallererst, indem sie auswählen, was sie zeigen wollen und, vor allem, was sie nicht zeigen wollen. Sie definieren Bezugspunkte, stellen Ordnung und Sinn her, geben Kontext vor. Die Realität wird ersetzt durch eine Medienrealität – und diese wird zu einem Selbst­gänger, da sich die Medien vorwiegend daran orientieren, was andere Medien machen.

... aussergewöhnlich an den Essays ist die Breite, Intensität und das persönliche Engagement des Autors, das stets präsent ist, namentlich dann, wenn Durrer auch seine Befindlichkeit als Publizist einfliessen lässt, der sich mit den Mechanismen, wie Bilder wirken, auseinander setzt. Wer so kenntnisreich argumentiert, schöpft aus einem Fundus, der weit über das fotografische und journalistische Metier hinaus geht.
Henri Leuzinger in www.fotointern.ch

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Nachdruck der Originalausgabe von 2011.

Hans Durrer
Essays über Fotografie und Medien
Somedia Buchverlag, Edition Rüegger, 2016

Umfang: 122 Seiten, broschiert
ISBN-Nr.: 978-3-7253-0966-5

Wednesday, 5 April 2017

Johann Schär, Dorffotograf, Gondiswil

"So guet!", dieses Cover, war meine erste Reaktion auf diesen schön gestalten (abgerundete Coverecken und Inhaltsseiten sowie Fadenheftung) Band und es dauerte eine ganze Weile, bis ich meinen Blick wieder von dem Porträt auf dem Umschlag lösen konnte. Ja, je länger ich hinschaute, desto fasziniernder fand ich dieses Bild – sowohl die Komposition als auch die Kleidung und den Blick des jungen Mannes. 

Markus Schüpf vom Fotobüro Bern, dem dieser Band zu verdanken ist, hat sich für eine Gliederung in Ortsbilder, Landleben, Augenblicke, Werken, Kohle und Fernab entschieden. Als ich mir die Bilder zum ersten Mal ansehe, denke ich bei den Ortsbildern ganz automatisch an appenzellische Wandteppiche (ich weiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Gondiswil im Kanton Bern liegt). Mit anderen Worten: Bildlegenden sind wichtig, möglichst aussagekräftige. "Kleines Mädchen mit Kuh, um 1925", die Legende, die der untenstehenden Aufnahme (dieses ganz wunderbare Foto allein lohnt den Kauf dieses Buches!) beigegeben ist, ist nicht nur (abgesehen vom Jahr) überflüssig, sondern fast schon absurd. Sicher, ich weiss, man arbeitet eben mit dem, was man vorgefunden hat und weiss eben häufig wenig bis gar nichts über die Entstehung der Aufnahmen ... Trotzdem: Bilder, die selbst erklärend sind, brauchen keine Legenden. 
Markus Schüpf weist in seinem höchst anschaulichen und informativen Text unter anderem darauf hin, "dass bei Schär Hochzeitsfotografien vergleichweise rar sind. Offensichtlich nahmen die Gondiswiler dafür lieber die Dienste professioneller Fotografen in Anspruch. Rührend sind die Aufnahmen älterer Menschen und Paare sowie von kranken und beeinträchtigten Menschen. Will man den Zeitungsmeldungen glauben, die im 'Unteremmentaler' regelmässig erschienen, war Gondiswil ein Dorf mit besonders vielen teils hochbetagten Menschen. Schliesslich wuurde Schär hn und wieder geholt, wenn es darum ging, Tote zu fotografieren."
Wie es bei Fotobüchern oft der Fall ist, so kann der Begleittext so recht eigentlich meist ohne die Bilder auskommen. Der Text liefert häufig nur den Kontext, ein direkter Bezug zu den einzelnen Bildern ist selten. So auch im vorliegenden Band, der allerdings einleitend erläutert, wie es zu diesem Buch gekommen ist. Das ist höchst verdienstvoll.

Fotos anzuschauen beziehungsweise Bilder zu lesen ist ein sehr subjektiver Vorgang. Damit er nicht nur subjektiv bleibt, braucht es möglichst viele Informationen zu den Bildern, den Verhältnissen der Zeit und zum Fotografen. Schär war um 1900 offenbar der häufigste Name in Gondiswil, weshalb man denn auch zu Übernamen griff, um die verschiedenen Schärs voneinander zu unterscheiden. Der Fotograf Johann Schär lief unter "Dängi Hannes", war ein einziger Sohn, der mit einer jüngeren und einer älteren Schwester zusammen auf dem elterlichen Hof aufwuchs. Wie sein Vater amtete er während vieler Jahre als Genossenschaftssekretär.
"Wie die meisten Dorf- und Wanderfotografen hatte sich Schär das Fotografieren weitgehend selbst beigebracht." Seinem Onkel sei ein friedfertiger Charakter eigen gewesen, schreibt Wilhelm Iff, was wahrlich eine gute Voraussetzung ist für einen Dorffotografen, der, wie ja auch der Lokaljournalist, ständig darauf bedacht sein muss, es sich mir den Leuten nicht zu verderben.

Bei den Porträts fällt nicht zuletzt auf, dass da kaum einmal jemand lacht oder lächelt. Man zeigt zwar stolz, was man hat, doch die heutzutage gängige Auffassung, dass das Leben fun zu sein habe, hat Gondiswil um 1900 eindeutig noch nicht erreicht.
Johann Schär, Dorffotograf, Gondiswil zeigt nicht nur, wie etwas einmal gewesen ist, sondern auch wie die Menschen sich damals dargestellt sehen wollten. Ein rundum gelungenes Zeitdokument!

Markus Schürpf
Johann Schär
Dorffotograf, Gondiswil
1855-1938
Limmat Verlag, Zürich 2017

Wednesday, 29 March 2017

The Lumen Seed

My way of approaching photo books isn't systematic, doesn't follow any rules. Sometimes, I start with the beginning, sometimes, I read the press release first, sometimes, I look at the photographs first. In the case of The Lumen Seed by Judith Crispin I did all of the three almost simultaneously.

I've very much warmed to the photographer's quote that precedes the press release:
... Warlpiri people move through the landscape, they introduce themselves. They apologize to that country for breaking twigs. They ask permission to take water from the creeks. If humanity ever transcends its selfish and murderous nature, it will be because of people like the Warlpiri.“

I can easily identify with the Warlpiri take on things for as a young boy I was convinced, like the native Indians in North America, that to tear a branch from a tree meant to hurt the tree. This feeling of being connected (to be more precise: that all things – including human beings – are connected), I've never really lost. When, a few years ago, the only reason I did not give in to the urge to embrace the two tall trees I was passing by when going to the beach (near Havana, Cuba) was my fear people would think I'm nuts or from California.

The Lumen Seed“ was „created in close consultation with the Warlpiri community elders“, I learn. And so I imagined Judith Crispin sitting devoutly on the floor listening to an old wrinkled man in an armchair smoking a pipe ... well, I was wrong. Just look at the pic on page 72 and read the caption and you will get a sense of the thoroughly relaxed and easy-going atmosphere that this tome conveys. Is there anything more desirable than to go through life feeling at ease?

For the full review, please see here

Wednesday, 22 March 2017

The Drum Thing

Photographers are well advised to concentrate on a chosen topic before taking hold of their cameras in order to explore the world. Even better, of course, is to feel passionately about a topic one sets out to photograph. Deirdre O'Callaghan's passion is everything that revolves around drumming:

"I love the rhythm section. Drummers are underrated and underappreciated. They are the leaders even though they sit at the back. They are a band's foundation. They express the intuitive rhythm we all have inside us, connecting us to our primal instincts. They also display respect and restraint, managing time with intelligence and skill."

It is for words like these that I do read books – sentences that make me consider what I otherwise very probably would have never considered. Moreover, I did not expect to find them in a photographic tome on drummers. What did I expect then? I don't really know, I was just sort of curious in some vague way ... and felt hit immediately when reading the introduction (from which the above quote stems) and then once again when letting sink in the reflections of the first drummer shown, Zach Hill (Death Grips):

"Just thinking about the universe humbles me. Thinking about space, the ocean, about atoms – thinking about all these things inspires me. When I'm playing my mind is clear of the things that are normally eating away at me or doing unhealthy things to my mind and my body. Playing takes me away from that."
Zach Hill / Copyright @ Deirdre O'Callaghan

The Drum Thing transported me back to the years when music, rock music, that is, meant everything to me. Jaki Liebezeit of Can defined the spirit of these times well: "It was 1968; it was a year of revolution. That started with some student riots in Berlin and something happened in my mind, worldwide, I think, at that time. Also in music and art and painting – Pop art came and that's why we all had the idea to do something new."

It was this spirit of 68 that defined my youth. In the 1970s I was singing in a rock band (Benni and Others) – we were playing Benni's compositions and did cover versions of Dylan, Little Feat, Byrds, and Elvis Costello songs. And, I was listening to all sorts of music which is to say that some of the drummers in The Drum Thing are not unfamiliar to me. Jack DeJohnette, for instance, who, I learned, has been playing with Miles Davis, John Coltrane, Bruce Hornsby, and Paul Simon   quite a mix, I thought yet was then told that "everything is connected but it takes time for us, the human species, to make those connections; all music is world music. I look at all the so-called genres and incorporate them all into my music: electronic, reggae, folk, rhythm and blues, classical."
Julie Edwards / Copyright @ Deirdre O'Callaghan

Most drummers in this tome are unknown to me. The familiar ones include Sly Dunbar, Stewart Copeland, Ginger Baker, Jim Keltner, Steve Gadd ("I held on to music for dear life because that's the only thing that made me feel that I was still connected."), Ringo Starr, Bill Bruford ("I was influenced by almost anyone who crossed my record player. Miles Davis for economy and style; David Bowie because he was always moving and would never quite let his audience catch up."), John Densmore and Airto Moreira

Needless to say that I've read with interest what they had to say yet my attention shifted soon to the ones I so far hadn't heard of. That's of course less to do with their popularity than with my over time fading interest in rock music (my focus in recent years was more on Latin American and classical music). 

I've looked at Deirdre O'Callaghan very varied shots   you will probably be as amazed as I was to discover how differently drummers can be portrayed (not always with their drums!)   with sympathy and simply loved quite some of the drummers' statements. "I've always been kind of fascinated with the Ringo debate. Was Ringo Starr a great drummer? Of course he was a great drummer: you hear three and a half seconds of his playing and you immediately know that it's him (...) To me that's what it was always about. It's about establishing your sound or being able to get your personality, your sense of humour and your passion, or whatever it is, your voice, out of you, through your hands and into this instrument. It goes for any instrument. There's no wrong or right, as long as it's an accurate representation of yourself." (Dave Grohl, Nirvana and Them Crooked Vultures).
Pauli / Copyright @ Deirdre O'Callaghan

One of my favourite pics shows Carla Azar who was photographed in her studio in California for the shot illustrates perfectly (she appears present and aloof at the same time) how she described her drumming. "I feel the most satisfaction when I finish playing and I don't understand how I played some of the things I played or where those things even came from, yet it all worked better than I'd planned."

Deirdre O'Callaghan's goal was to capture "the true essence of these artists' personalities and lifestyles." Should there really be such a thing as "the true essence" of a person, I have no doubt that Deirdre O'Callaghan did indeed manage to capture it.

Deirdre O'Callaghan
The Drum Thing
Prestel, Munich-London-New York 2016

Wednesday, 15 March 2017

Schweizer Pressefotografie

Ein gelungenerer Bilder-Einstieg (die allererste Aufnahme zeigt eine mit einem Staubsauger bewehrte Putzfrau im Bundeshaus, die 1980 den Besuch von Königin Elisabeth II. mitvorbereitet – Hier Wird Aufgeräumt!, scheint diesem Band als Motto vorangestellt) ist kaum vorstellbar. Ich bin ganz begeistert!

Schweizer Pressefotografie / Photographie de  presse en Suisse ist ein Band mit Texten in Deutsch, Französisch sowie erstaunlich nichtssagenden Kurzzusammenfassungen in Englisch. Gilbert Courtaz und Nora Mathys charakterisieren den Band in ihrer Einleitung  "un livre militant, informatif et engagé", was in der englischen Zusammenfassung dann als "a militant, informative and responsible book" rüberkommt. Mir ist zwar schleierhaft wie 'militant' und 'engagé' zusammengehen, doch noch weniger verstehe ich, inwiefern es sich hier um ein 'responsible book' (was auch immer das sein mag) handeln soll.

Wie auch immer, dies sind Details und sollten dem verdienstvollen Unterfangen, einen Überblick über die Pressebildarchive der Schweiz zu geben, keinen Abbruch tun. Und es gibt einige solcher Archive, übers ganze Land verteilt, wie man das in einem föderalistischen Staat erwartet. Das ist überaus erfreulich.

Schweizer Pressefotografie / Photographie de  presse en Suisse ist ein lehrreiches Buch. So erfährt man etwa, dass bei Pressebildern nicht allein der Fotograf als Autor wesentlich ist, sondern dass ein ganzes Netzwerk hinter den Aufnahmen steht. "Pressebilder sind ein Produkt, das durch die Rahmenbedingungen der jeweiligen Epoche und des Verlags respektive der Agentur geprägt ist ... Erst mit der Anerkennung  der Fotografie als künstlerisches Produkt in den 1970er-Jahren sind die Fotografen in den Fokus gerückt."(Nora Mathys, Ricabeth Steiger).

Nichtsdestotrotz spielt die Beziehung des Fotografen zu den Fotografierten ein wichtige Rolle. Anders gesagt: Ein Vertrauensverhältnis erlaubt Bilder, die ohne dieses weder gewährt werden, noch möglich sind. So durfte etwa Edouard Baumgartner, aufgrund persönlicher Beziehungen zur Familie des General, den zu Hause aufgebahrten Leichnam von Henri Guisan fotografieren. Aus mir unerfindlichen Gründen fehlt die Aufnahme im Buch.

Zu den Themen, die in diesem Band behandelt werden, gehören, neben einem historischen Abriss zur Pressefotografie, auch Ausführungen zu Bildtypen, Ablagesystemen, Bildrechten sowie der Problematik der Materialvielfalt für die Erhaltung in den Archiven

Pressebilder sind Massenprodukte, nicht nur, weil sie massenhaft vervielfältigt werden, sondern auch durch "die Art der Herstellung und der Aufbewahrung", schreibt Thomas Bocher. Das klingt zwar, als ob Pressefotografen nicht viel mehr als Maschinen wären, obwohl, gemeint ist etwas anderes. "Die nicht publizierte – und meist unsichtbare – Mehrheit ist es aber, welche die Pressebildarchive anschwellen lässt und zu dem macht, was sie sind: ein Fundus an weiteren Darstellungsversionen der dokumentierten Ereignisse, Themen und Personen."

Dass es da zu Überschneidungen kommt, versteht sich. Dass man, schon aus Platzmangel, nicht alles lagern kann und will, ebenso. Dass man dabei Bewertungen vorzunehmen hat, ist klar. Dass jedoch in diesem Band nicht aufgezeigt wird, wie eine solche Bewertung vonstatten gehen kann/könnte/sollte, ist bedauerlich.

Doch neben der Theorie gibt es ja auch noch die Praxis. Und da kommt man um die Bewertung nicht herum, was ja auch die hervorragende Bilderauswahl (Wer hat die gemacht?) in diesem Band zeigt. Dabei wurden die Fotografien unter anderem in drei Hauptblöcke gruppiert. Der Kampf ums Frauenstimmrecht, 1945-1989, Schweizer Fussballcupfinals, 1942-1988 und Überschwemmungen, Lawinen und Unwetter, 1965-1991.

Schweizer Pressefotografie
Einblick in die Archive
Photographie de presse en Suisse
Regards sur les archives
Herausgegeben vom Netzwerk Pressebildarchive
Edité par le Réseau Archives Photographiques de Presse
Limmat Verlag, Zürich 2016