Wednesday, 11 September 2019

Desperation Road

Es gibt Bücher, die ich gar nicht besprechen mag – weil sie so gut sind. Genauer: nicht auf eine konventionelle Art besprechen mag, also schildern, worum es geht, wer darin und wie vorkommt etc. etc. Desperation Road von Michael Farris Smith ist so ein Buch, das mich nicht wegen der Geschichte, die da erzählt wird, in seinen Bann schlägt, trotz der cleveren Rahmenhandlung: Zwei ganz unterschiedliche Leben treffen aufeinander; das von Russell Gaines, der elf Jahre im Gefängnis sass, doch nun feststellen muss, dass ihn die Vergangenheit nicht ruhen lassen wird, und das von Mabel, einer jungen Mutter, die gerade einen Deputy erschossen hat. Doch auch wenn ich nicht die Geschichte nacherzählen will, soviel sei verraten: vor allem in der zweiten Hälfte wird es spannend.

Es ist das Atmosphärische, das mich für diesen Roman einnimmt, der mich auf eine Kopfreise in den gewalttätigen Süden der Vereinigten Staaten mitnimmt, einem Amerika, das man nicht findet in den politischen Sendungen einschlägiger Fernsehstationen, einem realistischen Amerika. Schon nach den ersten paar Seiten fühle ich mich vor Ort, tauchen diese ungeheure Weite, die Diners, die Parkplätze vor den Supermärkten, die billigen Motel-Ketten in meinem Kopf auf. Und ein paar Seiten später  bricht sich dann bereits wieder die allüberall in diesem Amerika lauernde Gewalt Bahn. Was für ein brutales Tier ist doch der Mensch!

Desperation Road lese ich langsam. "Aus dem Truck steigen, das .22er Gewehr aus der Halterung hinter dem Sitz nehmen und einen knappen Kilometer weit gehen, bis der Boden weich und sumpfig wird, und dann mit hohen Schritten weiter, um nicht einzusinken, bis zu einem Ein-Mann-Boot, das an einer Weide vertäut ist. Schmutzig bis zu den Knien hineinsteigen und hinauspaddeln in den Sumpf und lauschen und beobachten und spüren, wie man ein Teil des Ganzen wird."

Michael Farris Smith ist ein talentierter Beobachter. "Zwischen ihnen Stille. Aber eine andere Art von Stille. Eine geteilte Stille." Und ein Meister der No-Nonsense Dialoge 
"Ich hab etwas getan, was jeder andere auch getan hätte, 
und es ist vorbei, und das war's auch schon."
"Würdest du es wieder tun?"
"Ich wüsste nicht, warum nicht."
"Dann hör auf, dir einen Kopf zu machen."
"Wir wissen beide, dass es so nicht läuft."

Desperation Road ist  auch ein Roman über Moral. Die christliche Idee der Vergebung stösst Russell auf. "Es war immer wieder die gleiche Geschichte. Ja, ich habe vergewaltigt. Ja, ich habe ein Leben genommen. Ja, ich habe gestohlen. Ja, ich habe eine Faust gegen meinen Mitmenschen erhoben. Aber jetzt habe ich die Liebe Gottes gefunden. Jetzt kann ich das Licht sehen. Ich habe den rechten Weg gefunden und so weiter und so weiter, das Ganze zu zig Amens und Hallelujas und Lobet den Herrn. Er glaubte nicht, dass es so funktionierte, und wenn doch, dann schien irgendwas nicht richtig zu sein."

Nicht zuletzt handelt Desperation Road von der Vergangenheit, die nie wirklich vergangen ist und auch nicht vergeht, sondern immer präsent ist. Seien es die Wut und die Ressentiments, die man nicht verlieren will, sei es die Liebe, der man an- und nachhängt, auch wenn die Beziehungen schon längst in die Brüche gegangen und durch neue ersetzt worden sind.

Die Vorstellung, dass letztlich die Wahrheit obsiegt, ist falsch, denn bestimmend ist, was die Menschen glauben und nicht das, was wirklich geschehen ist. Doch manchmal deckt sich das ja auch.

Michael Farris Smith
Desperation Road,
ars vivendi, Cadolzburg 2018

Sunday, 8 September 2019

Keine Kompromisse

Lee Child, 1954 im englischen Coventry geboren, studierte Jura und arbeitete anschliessend zwanzig Jahre lang beim Fernsehen. 1995 gab er alles auf, zog in die USA und begann seine Jack-Reacher-Thriller zu schreiben, die zu internationalen Bestsellern wurden. Keine Kompromisse ist Buch Nummer 20.

Jack Reacher ist unterwegs nach Chicago. Als der  Zug in einer Kleinstadt namens Mother's Rest anhält, beschliesst er aus einer Laune heraus auszusteigen. Am ansonsten verlassenen Bahnhof spricht ihn die Privatermittlerin Michelle Chang an, die ihn für ihren Arbeitskollegen Keever hält. Doch dieser bleibt verschwunden, nur eine Notiz mit dem Vermerk '200 Tote' hat er hinterlassen. Reacher beschliesst, Michelle Chang bei der Suche nach ihrem Kollegen zu helfen. Auf ihre Frage, weshalb er ihr helfe, antwortet er: "Ich finde, dass alle Leute einander helfen sollten."

Die beiden merken bald, dass sie unerwünscht sind, dass einige Leute in dieser Kleinstadt sie weghaben wollen. Die Hinweise verdichten sich, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht, was Chang und Reacher zunehmend motiviert, sich auf diesen Kampf einzulassen. Und zwar gemäss Reachers Philosophie: "Die einzigen Kämpfe, die man wirklich gewinnt, sind die, in die man sich nicht verwickeln lässt." 

Nicht, dass er sich selber immer daran halten würde. "Chang sagte: 'Wenn wir hier lebend rauskommen wollen, sollten wir sie nicht provozieren, glaube ich.' 'Da bin ich anderer Meinung', erwiderte Reacher." Ihre Suche nach Keever bringt sie auch mit dem Wissenschaftsjournalisten Westwood zusammen, von dem beziehungsweise von einer seiner Quellen sie auch vom Deep Web erfahren, in dem sich unter anderem am Selbstmord Interessierte austauschen und Snuff Filme bestellt werden können.

Wie schafft es dieser Lee Child bloss, zwanzig spannende (ich habe nicht alle gelesen, aber doch einige) Jack Reacher-Geschichten zu schreiben? Eine, zwei vielleicht auch drei oder vier,  sicher, das geht, aber zwanzig! Möglicherweise auch deswegen, weil Reacher immer sehr systematisch vorgeht. Und sein Kreator Child ein genauer, ja, ein sehr genauer, sich Fragen stellender Beobachter ist, dem deswegen auch immer Dinge auffallen, die die meisten nie wahrnehmen. 

Hier ein Beispiel: "Der in dem Hardcover Buch liegende Zettel war unbeschriftet bis auf eine einzelne hingekritzelte Zahl 4. Die eine Zahl von bescheidenem technischen Interesse und vor allem dafür bekannt, dass sie die einzige Zahl des Universums darstellte, die im Englischen wie im Deutschen die Zahl ihrer Buchstaben angab: four/vier."

Dass Reacher ein cooler Typ ist, bei dem sich systematisches Vorgehen und Intuition kongenial ergänzen ("Es war besser, sich nicht zu sehr zu konzentrieren und das Unterbewusstsein arbeiten zu lassen."), weiss jeder, der schon mal zu den Büchern von Lee Child gegriffen hat. Und diejenigen, die das bislang noch nicht getan haben, wissen es jetzt auch.

Keine Kompromisse besticht über dies durch seinen immer mal wieder aufschimmernden intelligenten Witz. So werden drei Kerle, die Reacher, Chang und einer dreiköpfigen Familie ans Leder wollen, so beschrieben: "Der Staatsanwalt in Maricopa County würde sie zweifellos als Eindringlinge bezeichnen. Ein bewaffneter Überfall in einer exklusiven, bewachten Wohnanlage im Nordosten der Stadt hat heute Abend ein tragisches Ende genommen. Filmbericht um 23 Uhr. Die Cops würden sie Täter nennen, ihre Anwälte sie als Mandanten bezeichnen, Politiker würden von Abschaum sprechen, Kriminologen von Soziopathen, Soziologen würden sie als missverstanden charakterisieren."

Keine Kompromisse ist nicht nur ein temporeicher, cleverer und informativer Thriller, sondern auch eine Liebesgeschichte. Da war ein Könner am Werk!

Lee Child
Keine Kompromisse,
Blanvalet, München 2019

Wednesday, 4 September 2019

„Am Vorabend des Attentats war ich mit Nina im Theater.“

Am 7. Januar 2015 stürmten zwei maskierte Attentäter in Paris das Gebäude, wo sich die Redaktion von 'Charlie Hebdo' befand und richteten ein Blutbad an. Der Autor Philippe Lançon sass am Redaktionstisch und wurde schwer verletzt.

„Am Vorabend des Attentats war ich mit Nina im Theater.“ Gelungener könnte ein erster Satz gar nicht sein und natürlich bin ich sofort drin, in diesem hoch differenzierten, spannend zu lesenden und höchst persönlichen Buches. 'Was ihr wollt' von Shakespeare wurde an diesem Abend gegeben.

Rückblende: Bagdad vor dem amerikanischen Ultimatum. Der Autor, damals  siebenundzwanzig, ist als Journalist vor Ort. „Mein Sinn für die Geschichte war durch das, was ich sah, begrenzt, mein Respekt für ihre Macher tendierte gegen null – zumindest in dieser männlichen, schnauzbärtigen Region der Welt.“ Eitle Egomanen, mit denen uns die Journalisten, diesen häufig nicht unähnlich, täglich füttern.

Houellebecqs 'Unterwerfung', Hemingways 'Paris, ein Fest fürs Leben', des Autors Bewunderung für Raymond Aron, „der für mich all das repräsentierte, was mir selbst zu fehlen schien: mit Vernunft gepaarte Bildung“, die morgendliche Konferenz bei 'Charlie Hebdo', reich an Humor und Pöbeleien ... Philippe Lançon beschreibt, was ihm so durch den Kopf geht, hin und her, vor und zurück, wie das eben im richtigen Leben, im Kopf und in den Gefühlen so ist. Sehr dicht, der Mut zur Lücke fehlt, er will die Kontrolle über sein Leben wieder gewinnen.

Und er stellt 'Charlie Hebdo' in den „richtigen“ Zusammenhang: „Die Zeitung zählte nur noch für ein paar Getreue, für die Islamisten und für alle möglichen mehr oder weniger zivilisierten Feinde: angefangen bei den Jugendlichen aus der Banlieue, die sie nicht lasen, bis hin zu den ewigen Freunden der Verdammten dieser Welt, die sie gerne als rassistisch titulierten.“

Das Attentat, bei dem ihm der Unterkiefer zerschossen wurde („Die beiden oberen Drittel des Gesichts waren intakt“, sagte die Krankenschwester im Spital), schildert er als etwas gänzlich Unwirkliches. Schüsse und 'Allah Akbar' Rufe sind zu hören. Er liegt am Boden und erkennt in einem Meter Entfernung den Freund und Kollegen Bernard, dessen Gehirn „leicht aus dem Schädel quoll. Bernard ist tot, sagte mir derjenige, der ich war, und ich antwortete, ja, er ist tot, und genau hier wurden wir eins, an jenem Punkt, an dem dieses Gehirn hervorquoll, das ich am liebsten wieder in den Schädel zurückgestopft hätte und von dem ich mich nicht mehr losreissen konnte, denn seinetwegen habe ich in diesem Moment endlich gespürt und begriffen, dass etwas nicht rückgängig zu Machendes geschehen war.“

Er selbst ist getroffen, verletzt, steht unter Schock („ich war in einer anderen und doch in dieser Welt“), will seine Mutter anrufen, kann nicht reden, was er aber nicht wirklich wahrnimmt „Ein paar Zahnstücke schwirrten von rechts nach links und von links nach rechts durch meinen Mund, meine Zunge spielte damit wie mit Krümeln, und ich merkte, dass ich mich möglicherweise undeutlich artikulierte.“ Sanitäter kommen, er will sich nicht von seinem Handy trennen, versucht die Krankenversicherungskarte und seinen Personalausweis herauszunehmen – die müssen doch wissen, wer er ist!

Es mutet beängstigend surreal an, wie Philippe Lançon seine Situation und Wahrnehmung beschreibt, obwohl er instinktiv nichts anderes tut, als sich an Vertrautes zu halten. So will er im Krankenhaus den Air France-Flug nach New York stornieren. Er hält fest: „Ich wäre fast gestorben und will mir von Air France mein Ticket erstatten lassen. Der Kleinbürger überlebt alle.“ Nun ja, mit Kleinbürger hat das wenig zu tun, eher mit Sich Orientieren an dem, was man kennt und in den Griff kriegen kann, da alles andere uns überfordert.

282 Tage bleibt er insgesamt im Krankenhaus gefangen. Er beobachtet, denkt nach, sein Geist wandert, seine Überlegungen entbehren nicht des Humors. Über eine junge Krankenschwester notiert er: „Jemand mit mehr Erfahrung half ihr eine Vene zu finden. Sie war verärgert. Während ich schwer atmend in meinem Bett lag, sah ich ihr zu und fragte mich, ob mein Leben tatsächlich von jemandem abhängen konnte, der derartig stur und, mehr noch, derartig jung war.“

Unter anderen besucht ihn auch Gabriela, die er vorgehabt hatte, in New York zu besuchen. Sie will nicht, dass er sich mit dem Attentat beschäftigt und ermuntert ihn, an etwas Positives zu denken, zum Beispiel an eine Landschaft, die er mag. Doch er funktioniert anders und sucht nach allem, „was nach und nach, ungeordnet und aus unterschiedlichen Gründen leichenartig wieder an die Oberfläche trieb.“

Sein Unterbewusstsein fabriziert dabei einen faszinierenden (immer auch ausgesprochen literarischen – von Balzac, Proust, Queneau zu Gérard de Villiers) Mix und an diesem lässt Philippe Lançon den Leser in „Der Fetzen“ teilhaben. Eine Lektüre, die lohnt!

Philippe Lançon
Der Fetzen
Tropen, Stuttgart 2019

Sunday, 1 September 2019

Sei Shōnagon: Kopfkissenbuch

Sei Shōnagon, geboren um 966; gestorben um 1025, war eine Schriftstellerin und Hofdame am japanischen Kaiserhof. Ihre Impressionen von ihrer Zeit am Hofe hat sie im 'Kopfkissenbuch' niedergeschrieben. Dabei handelt es sich nicht um ein chronologisch angelegtes Tagebuch, wie Herausgeber und Übersetzer Michael Stein im Nachwort schreibt, „sondern um eine lose Aneinanderreihung assoziativ thematisierter Erinnerungen, die überwiegend undatiert sind.“ Hochtrabender kann man sich kaum ausdrücken.

Die Autorin selber schreibt hingegen klar und unprätentiös. Und erfreulich meinungsstark. „Auch wenn zwei Personen genau das Gleiche sagen, kann es je nach Sprecher völlig unterschiedlich klingen: in der Sprache von Priestern, in der Ausdrucksweise von Männern oder in derjenigen von Frauen. Wenn Ungebildete sprechen, machen sie garantiert zu viele Worte.“

Ich war bass erstaunt und freudig überrascht, als ich bereits auf den ersten Seiten las (denn so freimütig hatte ich mir eine Hofdame nicht vorgestellt): „Wenn Eltern ihren geliebten Sohn zum Priester machen, ist dieser wirklich zu bedauern. Und zwar deshalb, weil die Menschen einen Priester leider bestenfalls wie ein Stück Holz oder dergleichen ansehen. Priester essen abscheuliche vegetarische Kost, und darüber, dass sie gern ein Nickerchen halten, wird ebenfalls häufig gelästert. Wie ist es nur möglich, dass junge Männer, die doch sonst immer hinter den Frauen her sind, als Priester plötzlich einen extragrossen Bogen um Damengemächer schlagen und nicht einmal hineinzuspähen versuchen?“

Es ist allgemein üblich, ein Werk, das vor gut 1000 Jahren entstanden ist, aus historischer Perspektive zu betrachten. So weist Herausgeber Stein, der laut Verlagsinformation über die Heinan-Zeit (794-1185), die Epoche also, in der das 'Kopfkissenbuch' entstand, promovierte, im Nachwort darauf hin, dass dieses Werk „in erster Linie als Hommage und Reminiszenz an die verehrte Kaiserin Sadako verfasst worden ist und eine dunkle, ja, man kann wirklich sagen tragische Dimension besitzt, die im Text nur in Andeutungen durchschimmert.“

Mir selber liegt an der historischen wie auch der kulturellen Einstufung wenig, ich bin eher in Sachen „ewiger Wahrheiten“ unterwegs oder, weniger hoch gegriffen, an Weisheiten, die weder an Zeit noch an Ort gebunden sind. Wobei, es müssen auch nicht unbedingt weise Gedanken sein, oft genügen mir auch launisch-treffende Einschätzungen, die einigen immer schon eigen waren. So notiert Sei Shōnagon unter der Überschrift „Was selten gut ausgeht“ unter anderem: „Wenn ein notorischer Lügner eine wichtige Aufgabe mit einer Miene annimmt, als könnte er sie ebenso gut meistern wie andere.“ Oder besser als andere, ist man da, an Donald Trump (D.T.) denkend, versucht anzufügen.

Es ist gleichzeitig wohltuend und beunruhigend zu konstatieren, dass der Mensch seit 1000 Jahren (und mehr) offenbar noch immer dasselbe zu lernen hat – die Bereitschaft, zu staunen. So führt die Autorin zum Thema „Was man sich anschauen sollte“ etwa aus: „Die Schwertlilien, die vom 5. Monat her den Herbst und den ganzen Winter überdauert haben, sind unansehnlich, völlig ausgeblichen und vertrocknet, aber wenn man sie öffnet, ist es wundervoll, dass darin der Duft von einst noch enthalten ist!“

Immer wieder stosse ich bei der Lektüre auch auf Erheiterndes. Zum Thema „Was es leider nur selten gibt“ bemerkt sie unter anderem: „Leute, die überhaupt keine Macken haben.“ Und unter der Überschrift „Was einen trostlosen Anblick bietet“ hält sie etwa fest: „Jemand, der im 6. oder 7. Monat zur Stunde des Pferdes oder des Schafs einherschlurft und einen ausgemergelten Ochsen einen schäbigen Wagen ziehen lässt.“

„Mit ihrem 'Kopfkissenbuch' hat sich die Hofdame Sei Shōnagon dauerhaft in die Herzen ihrer Landsleute, in die japanische Literaturgeschichte und zugleich in die Weltliteratur eingeschrieben“, konstatiert Michael Stein im Nachwort, weist aber auch darauf hin, dass der Beifall für dieses Werk nicht einhellig war. So kritisierte die Schriftstellerin und Zeitgenossin Murasaki Shikibu Sei Shōnagon als eingebildet und oberflächlich. Mit anderen Worten: An der Heinan-Zeit Interessierte werden diesem Werk noch ganz anderes abgewinnen können, als ein historischer Banause wie ich. Dafür hat Herausgeber Michael Stein mit seinen umfangreichen und hoch differenzierten Ausführungen am Schluss dieses schön gemachten Bandes gesorgt.

Sei Shōnagon
Kopfkissenbuch
Manesse Verlag, München 2019

Wednesday, 28 August 2019

Lisbeth Salander, Kriegerin

Ein Obdachloser asiatischer Herkunft lehnt tot an einer Birke in Stockholm. In seiner Hosentasche befindet sich ein zerknüllter Zettel mit der Telefonnummer des Investigativjournalisten Mikael Blomkvist, der in der Folge von der Rechtsmedizinerin Fredrika Nyman kontaktiert wird.

David Lagercrantz hat schon in seinen drei Stieg Larsson Weiterführungen gezeigt, dass er spannend zu erzählen weiss und darin Larsson in nichts nachsteht. Was er überdies genauso gut beherrscht, ist das Vermitteln psychologischer Befindlichkeiten. So leidet die neunundvierzigjährige Rechtsmedizinern Nyman, alleinstehend mit zwei Kindern, nicht nur an Rückenschmerzen und Schlaflosigkeit, sondern auch an einem Gefühl allgemeiner Sinnlosigkeit und auch Journalist Blomkvist, „versuchte sich einzureden, dass das Leben vielleicht doch nicht ganz so beknackt war“, was ihm allerdings nicht sonderlich gut gelingt.

Neben Mikael Blomkvist gehört auch Lisbeth Salander, eine Frau von „kompromissloser Unabhängigkeit“ zum Personal von Lagercrantz/Larsson. Lisbeth, die seit der Kindheit mit ihrer Schwester Camilla verfeindet ist, plant in Moskau ein Attentat auf ihre Schwester, die unter dem Schutz der russischen Mafia steht – der Anschlag geht fehl.

Neben der Fehde zwischen Lisbeth und Camilla handelt „Vernichtung“ zentral von einem Sherpa (die Sherpas sind eine Ethnie, die überwiegend im Osten Nepals lebt und glaubt, dass in den Bergen Götter und Geister leben und mittels religiöser Rituale respektiert und verehrt werden müssen), und einem schwedischen Verteidigungsminister, der an einer dramatischen Mount-Everest-Besteigung beteiligt war. Auch eine Rolle spielen Politik, Spionage und Verrat. Und die Medien. Als dann Mikael Blomkvist plötzlich spurlos verschwindet, macht sich Lisbeth Salander auf die Suche nach ihm ...

Einer der wesentlichen Gründe, weshalb ich Lagercrantz/Larsson so sehr mag, ist (neben den absolut genialen Übergängen – es werden mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt) die no-nonsense Lisbeth Salander, diese Kriegerin. „Sie musste wieder stark werden und fokussiert.“ Und: „Doch in einem fort suchte die Vergangenheit sie heim, und das behagte ihr nicht. Sie hatte keine Zeit für Vergangenes.“ Mut, Entschlossenheit und Gegenwärtigkeit machen diese Kriegerin aus.

Aufschlussreich an „Vernichtung“ sind auch die Beobachtungen über menschliches Verhalten, die Lagercrantz immer wieder einfliessen lässt. „Wenn man hier schon so lange wohnt wie ich, dann sieht man nichts mehr. Man läuft herum wie ein Blinder“, sagt Mikael Blomkvist einmal, der ein andermal von einer Journalisten-Kollegin darauf hingewiesen wird, dass eine Leitartiklerin und Kolumnistin, die er nicht mag, weil sie ihm zu konservativ und perfekt ist, aus gutem Grund sich für Recht und Ordnung stark mache. „Sie ist in der Gosse aufgewachsen. In einem drogenversifften Hippiekollektiv in Göteborg. Ihre Eltern waren in einer Tour auf LSD und Heroin. Zu Hause das reinste Chaos aus Müll und vollgedröhnten Junkies. Die Klamotten und diese Ordentlichkeit – das war ihre Art zu überleben. Sie ist eine Fighterin, auf gewisse Weise ist sie eine Rebellin.“

Es sind, neben der spannenden Erzählung, diese kämpferischen Charaktere, die jedoch nie eindimensional daher kommen – so heisst es etwa über die gerade geschilderte Frau „.... und selbst wenn sie nie darüber nachgedacht hatte, sich das Leben zu nehmen, verlor sie doch hie und da den Boden unter den Füssen und litt wie ein Tier.“ – , die „Vernichtung“ überzeugend machen.

"Vernichtung" ist ein temporeicher Thriller zum mitfiebern

David Lagercrantz
nach Stieg Larsson
Vernichtung
Wilhelm Heyne Verlag, München 2019

Sunday, 25 August 2019

Stephen Wilkes: Day to Night

Diesem prächtigen, grossformatigen Band ist ein Zitat von Walt Whitman vorangestellt: "To me, every hour of the day and night is an unspeakably perfect miracle." Bei diesem Satz zu verweilen, ihn nicht nur kurz wirken zu lassen, sondern sich ihm hinzugeben, führt unweigerlich zum Staunen darüber, dass, wie Heidegger einmal geschrieben hat, es überhaupt etwas gibt anstatt gar nichts.

Fotografie zeichnet vor allem aus, dass sie aus dem endlosen Strom von Sinneseindrücken einen Moment einfangen, fixieren und festhalten kann. "A moment in time" nennen wir das, ganz so, als ob es die Zeit auch wirklich geben würde, und man ihr Momente entreissen könnte. Doch auch wenn die Zeit eine Erfindung ist, gilt für sie, was Einstein über die Realität gesagt hat – sie sei eine  sehr beständige Fiktion.

Die Fotografie hilft uns, diese Fiktion aufrecht zu erhalten, jedenfalls die Fotografie, die versucht möglichst unverfälscht abzubilden, was sich der Kamera präsentiert. Stephen Wilkes macht in Day to Night etwas anderes, er versucht eine Vision bildlich umzusetzen. Er komprimiert Landschaften wie Stadtansichten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, indem er aus Tausenden von Einzelaufnahmen Gruppen von Fotos zu einer Collage zusammengefügt.
Brooklyn Bridge Park 2016

Ist das überhaupt noch Fotografie?, mag man sich da fragen. Nur eben: das ist eine dieser Fragen, die sich so recht eigentlich nicht wirklich beantworten lassen, da sie suggeriert, es wäre darauf eine autoritative Antwort möglich. Sinnvoller wäre zu fragen, was lösen diese Bilder beim Betrachter aus?

Zuallererst: Man schaut genauer hin. Zugegeben, ich spreche von mir. Die meisten Bilder überfliege ich heutzutage nur noch, doch diese "Ein Tag im Leben"-Porträts zwingen mich geradezu, inne zu halten und verleiten mich damit, zu tun, was in unseren aufgeregten Zeiten vor allem Not tut – mir Zeit zu nehmen.
Champs de Mars and Eiffel Tower 2014

Lyle Rexer weist in seinem Beitrag "Stephen Wilkes: Die ausgedehnte Zeit" unter anderem darauf hin, dass bei eingehender Betrachtung der Aufnahme des Römer Petersdoms man den Pontifex nicht weniger als zehn Mal entdecken kann. Es ist ein vielfältig informativer Text, der sich unter anderem auch über die Wiedergabe von Grössenverhältnissen auslässt, doch gestört hat mich, diese unsägliche Behauptung, ohne die offenbar kein Text über Fotografie auskommt: "Stephen Wilkes ist ein Geschichtenerzähler und seine Geschichten sind vieldeutig, ihr Ende bleibt offen."

Hier nur soviel: Fotos  erzählen gar nichts; sie zeigen uns, was ein Fotograf entschieden hat, uns zeigen zu wollen.
Central Park, New York 2010

Zum für mich Faszinierendsten gehört, sich dem Wandern des Lichts hinzugeben. Besonders eindrücklich lässt sich Tagesanfang und Nachtbeginn bei der Aufnahme des  Kreuzfahrtschiffs bei Robson Bight, Canada, 2016 verfolgen – nicht nur die Sonne geht da am Morgen auf, sondern auch die Fische kommen hervor. Ebenso beeindruckend empfand ich das in ganz unterschiedliches Licht getauchte Rockefeller Center in New York von 2013. Und dann das ausklappbare Bild von der Serengeti in Tanzania ebenfalls aus dem Jahre 2013 ... und und und ...

Day to Night lädt ein zu "one day at a time".

Stephen Wilkes
Day to Night
Taschen, Köln 2019

Wednesday, 21 August 2019

Reinhold Messner: Gobi

Wüsten habe mich schon immer magisch angezogen, das Bedürfnis, sie zu durchqueren hatte ich hingegen nie. Doch ich habe mich mehrere Monate in Wüstengebieten aufgehalten, im argentinischen Mendoza und im südkalifornischen Twenty-Nine Palms; in letzterem wurde mir dann auch bewusst, dass meine Vorstellung von Weite, Leere und Stille ergänzt werden musste, denn die Wüste vor meiner Haustür war sehr belebt – Hasen, Schlangen und Coyoten zuhauf, vom Grünzeug und Gestrüpp, das da wuchs, gar nicht zu reden.

Die Wüste, die Reinhold Messner durchquerte, "ist mehr oder weniger eine einzige Mondlandschaft. Trotzdem leben 100 000 und mehr Familien in den Steppenzonen am Rande der reinen Steinscherbenwüsten, die wie Todeszonen zwischen den Wasserläufen liegen. Dazu Gazellen, Argali- und Marco-Polo-Schafe, Wölfe, Bären, Wildpferde und Wildesel sowie Rentiere, seit Kurzem sogar wieder Wildkamele."

Messner ist 60, als er sich auf die 2000 Kilometer lange Wanderung durch die Westgobi und das Altai-Gebirge aufmacht. Was er dabei erlebt hat, schildert er in seinem höchst anregenden Gobi, das den wenig glücklichen Untertitel trägt: 'Die Wüste in mir'. Eher suboptimal ist auch das Umschlagbild, das die Frage aufwirft, was der angestrengte Gesichtsausdruck, für den sich der Autor hier entschieden hat, den Lesern bloss zeigen soll. Lebensfreude jedenfalls nicht.

Zum Positiven: Hier ist ein Denker unterwegs, der sich mit den Grundfragen der menschlichen Existenz auseinandersetzt. "Worum es mir geht, ist die Frage nach der Natur des Menschen und meine Vorstellung von mir selber." Dabei hat er beobachtet und akzeptiert: "Zum Wesen meiner Existenz gehört es offensichtlich, immer wieder einer Obsession zu folgen und diese von Mal zu Mal zur Profession zu machen, im Fels, im Eis, im Sand."

Doch weshalb immer wieder etwas Neues? "Es geht mir auch um den Ausbruch aus den Normen, darum, immer wieder neue Erfahrungen zu machen und dem eigenen Leben selbst eine Form zu geben." Daraus, so seine Erfahrung, resultiert Lebenslust.

Zweifel, ob ein 60-Jähriger, Ehemann und Vater von vier Kindern, eine solche Wüstenwanderung machen soll? Sowieso, und nicht zuwenig. Hin und Her gerissen zwischen Bleiben-Wollen und Fortgehen-Müssen, dreht er gelegentlich fast durch. Er hadert mit den eigenen Unzulänglichkeiten, doch er stellt sich ihnen auch und tut schlussendlich, was er glaubt, tun zu müssen.

In Ulan-Bator besteigt er den Zug, nach 600 Kilometern Fahrt erreicht er Buyant-Uhaa. "Die Leute hier sind nicht neugierig oder hilfsbereit oder nachsichtig mit einem Fremden. Sie mustern mich beiläufig und gehen ihres Weges. Als gehörte ich nicht zu ihrer Wirklichkeit." 

Gobi ist auch ein sehr instruktives Buch. "Die Wüste besteht aus erodiertem Gestein. Gebirge, die in Jahrmillionen zu Steinscherben und Sand zerbröselt sind. In ihrer stofflichen Substanz ist die Wüste zerfallendes Gebirge  ... Es gibt keinerlei Ablenkung dort, weit und breit bietet sich immer dasselbe Bild ... Eine Ahnung von Unendlichkeit und Ewigkeit trifft hier auf unsere eigene Begrenztheit und Verletzlichkeit."

Zu Fuss in der Wüste unterwegs zu sein, erfährt Messner als ein emotionales Rauf und Runter. Schmerzen, Angst und Müdigkeit wechseln sich ab mit Beschwingtheit und Zuversicht. Er trifft auf Nomaden, die ihn bewirten. "Ohne ihre Gastfreundschaft würde ich nicht weit kommen." Oft wandern seine Gedanken auch zurück in die Vergangenheit, in die Enge des Villnösstals, wo Messner herstammt, "ist nicht enger als die Möglichkeiten aller anderen Menschen, denke ich ...", zur Wohnküche seiner Eltern, wo seine Mutter acht Söhne und eine Tochter grossgezogen hat, und zu seiner Frau und seinen Kindern.

Übrigens: Messners  Mutter respektierte sein Getriebensein, obwohl sie es mit Sorgen und Ängsten betrachtet, als Lebensgesetz, der Vater kritisierte es als Sucht: "Ich möchte wissen, ob das Bergsteigen irgendwem helfen kann, sein Leben zu meistern." Hat es, hat es; jedenfalls seinem Sohn seins.

Gobi ist weit mehr als der Bericht einer Wüstendurchquerung, es ist ein eindrückliches Dokument der Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens. Heute weiss Reinhold Messner "dass es nirgends auf der Welt anders und besser ist."

Reinhold Messner
Gobi
Die Wüste in mir
DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2018