Wednesday, 27 May 2020

Mind your language

Enric Gonzalez, author of a perceptive and hilarious book on London, Historias de Londres, and former correspondent of El País, says the English are the most articulate people he has ever met, but that we use language as a shield. As a result a certain type of English person, whom he defines as cultivated middle class, is uncomfortable conversing with foreigners who command only basic English and cannot aspire to irony. They are invariably too blunt, like children, some Americans and most Australians.

The opposite is the case in Spain. Spaniards thrive on bluntness, on simple concepts that have to be communicated, and they warm to foreigners struggling to express their most basic thoughts or feelings. This is because it is not so much the idea that interests them as the person behind it, and they know speaking a language badly can be especially revealing.

Justin Webster
Mind your language
The Independent Magazine, March 4, 2000.

Wednesday, 20 May 2020

Windows of Sargans





The above photos were taken in March and April 2020.

Wednesday, 13 May 2020

"Ich lass mir den Mund nicht verbieten!"

Dieses Buch kommt entschieden zum falschen Zeitpunkt, denkt es so in mir, denn nichts steht mir in diesen Corona-Zeiten viel ferner als Pressefreiheit und Demokratie. Zum einen halte ich beide nicht für wirklich existent – Pressefreiheit: Die Freiheit einiger Begüterter ihre Meinung veröffentlichen zu lassen / Demokratie: "The best democracy money can buy", so Greg Palast über die amerikanische Variante – , zum anderen erschöpft sich der Grossteil der Medien, denen es in erster Linie um den Profit geht, im Zur-Verfügung-Stellen einer Plattform für eitle Wichtigtuer. 

Soviel zu meinen Voreingenommenheiten. Dass ich dieses Werk trotzdem mit Gewinn gelesen habe, liegt wesentlich daran, dass ich eine Reise in die Vergangenheit habe machen dürfen, die mich vielfältig informiert und einiges gelehrt hat. Zudem hat sie mir in Erinnerung gerufen, dass der Qualitätsjournalismus, wie Wolfgang R. Langenbucher meint, auf derselben kulturellen Stufe steht wie Literatur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft, auch wenn ich diese Unterteilungen für willkürlich erachte. So berichtete etwa Johann Gottfried Seume ganz einfach davon, was ihn auf seinen ausgedehnten Wanderungen beschäftigte – das tun übrigens viele, die schreiben; das Einordnen überlassen sie den Universitätslehrern. "Es ist ein assoziatives Erzählen in scheinbar sprunghafter Zusammenschau von Reiseerlebnissen, Geschichte, privaten Bekenntnissen und gesellschaftspolitischen Wertungen", kommentiert Otto Werner Förster.

Als Herausgeber dieses Bandes fungieren die Professoren Michael Haller und Walter Hömberg, die in ihrer Einführung den Wiener Sozialreporter Max Winter zitieren, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Aufgabe des Reporters so beschrieb: "Überall eindringen, selber neugierig sein, um die Neugierde anderer befriedigen zu können, alles mit eigenen Augen schauen und was man sich nicht zusammenreimen kann, durch Fragen bei Kundigen herausbekommen, dabei aber nie vergessen, mit welchen persönlichen Interessen der Befragte an die Sache gekettet ist." Besser und umfassender geht kaum.

Als ich vor Jahren eine Journalismus-Reihe herausgegeben habe, begriff ich gute Journalisten vor allem als Aufklärer. Herbert Riehl-Heyse, Jürgen Leinemann, Ernst Müller-Meiningen jr. und Sibylle Krause-Burger gehörten dazu. "Ich lass mir den Mund nicht verbieten!" machte mich mit vielen anderen Journalisten bekannt, die ich als Aufklärer begreife – und überdies in Zeiten, in denen das um einiges gefährlicher war als heute. Das will nicht heissen, dass Journalismus heute ungefährlich sei, ganz und gar nicht.

Es sind übrigens nicht nur Journalisten, die sich um die Pressefreiheit verdient gemacht haben, auch der Drucker Peter Zenger, ein deutscher Einwanderer in New York, und Verleger wie Marion Dönhoff und Curt Frenzel gehörten dazu. Aufgeklärt wurde ich auch darüber, dass einige illustre Namen, die ich bisher nicht als Journalisten wahrgenommen habe, auch journalistisch unterwegs gewesen waren – von Daniel Defoe über Henry Morton Stanley und Joseph Roth zu Karl Marx.

Mit besonderem Interesse las ich über die mich schon lange faszinierende Martha Gellhorn ("Während die Kollegen an der Hotelbar mit ihre Abenteuern prahlen, geht Gellhorn zu den Menschen, spricht direkt mit ihnen, hört zu, packt mit an, hilft und berichtet: aus Indochina, Vietnam, dem nahen Osten, Panama, Nicaragua, der Golfregion, Afrika …"),  konnte fast nicht glauben, dass am 1. August 1937 in Paris um die 100 000 Menschen dem Sarg der 27jährigen Gerda Taro folgten, die im Spanischen Bürgerkrieg als Fotoreporterin zu Tode gekommen war, und war mehr als nur verblüfft über den einstmals originellen und engagierten Nordwestdeutschen Rundfunk, der sich als Anwalt der Hörer begriff.

"Hätte ich es verhindern können?" ist der Beitrag über den amerikanischen Fotografen Ronald Haeberle überschrieben, der im Vietnamkrieg (der in Vietnam übrigens 'Der amerikanische Krieg' genannt wird) Aufnahmen vom My Lai-Massaker gemacht hatte, bei dem "182 Frauen, 172 Kinder, 60 Männer über sechzig, 90 jüngere Männer" ermordet wurden. Erst als der Journalist Seymour Hersh sich der Geschichte annahm, gelangte sie an die Öffentlichkeit.

Die beiden Herausgeber und die zahlreichen Autorinnen und Autoren dieses Bandes präsentieren mit "Ich lass mir den Mund nicht verbieten!" eine eindrückliche Aufklärungsgeschichte, die nicht zuletzt klar macht, dass was heutzutage viele für selbstverständlich halten (den Mund aufzumachen und deswegen nicht im Gefängnis zu landen), sich nur mühsam durchgesetzt hat – und nach wie vor von Interessengruppen bekämpft wird.

"Ich lass mir den Mund nicht verbieten!"
Journalisten als Wegbereiter der
Pressefreiheit und Demokratie
Herausgegeben von Michael Haller
und Walter Hömberg
Reclam, Stuttgart 2020

Wednesday, 6 May 2020

Das Leben der Surrealisten

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Desmond Morris, geboren 1928, ist mir als Autor von Der nackte Affe bekannt. Das 1967 erschienene Werk wurde weltweit über 12 Millionen Mal verkauft. Dass er nicht nur Verhaltensforscher, sondern auch surrealistischer Künstler war, wusste ich nicht. Dass er zudem auch als Autor und Filmemacher hervorgetreten war, wusste ich genau so wenig, doch dass er so vielfältig unterwegs ist, nimmt mich für ihn ein. Schliesslich ist das Leben zu vielfältig, um sich nur einem Fachgebiet zu widmen.

Ich weiss so recht eigentlich gar nichts über die Surrealisten, als ich dieses Buch zur Hand nehme – gerade mal einige Namen sind mit bekannt und natürlich die Bilder von Salvador Dalí. Von Man Ray habe ich eine recht gute Vorstellung, da er einige Jahre  mit der Fotografin Lee Miller, die später Roland Penrose heiraten sollte, zusammen gewesen war – , was Desmond Morris von ihm berichtet, lässt ihn mich wieder anders sehen.

Die wichtigste Regel der Surrealisten war, mit dem Unbewussten zu arbeiten, also nicht zu planen, nicht zu analysieren. "Lass deine dunkelsten, irrationalsten Gedanken aus deinem Unbewussten aufsteigen und sich auf deiner Leinwand ausbreiten (....) handelt es sich doch um jene tieferen Schichten, in denen wir alle die gleiche Hoffnung, die gleiche Angst, den gleichen Hass, die Liebe und die Sehnsucht spüren."

Es versteht sich: Jeder dieser Idealisten tat das auf seine Art. Und auch ihr Leben lebten sie nach ihren jeweils eigenen und unterschiedlichen Vorstellungen. "Eine kleine Gruppe ungebärdiger Intellektueller, die in einem Café palaverte und eine Zeitschrift herausgab", meinte der spanische Regisseur Luis Buñuel. Was ist von ihnen geblieben? Desmond Morris formuliert es für sich so: "Geblieben ist mir vor allem der freie Zugang zu den Tiefen des menschlichen Wesens, der uns wichtig war und den wir ersehnten, dieser Ruf nach dem Nicht-Rationalen, nach dem Dunklen, nach den Impulsen, die aus den Tiefen unseres Ichs kommen."

Das Leben der Surrealisten ist kein Versuch, die Werke der Surrealisten zu analysieren. Vielmehr geht es um die Surrealisten als Menschen, als Individuen. "Wie war ihre Persönlichkeit, was waren ihre Vorlieben, ihre Charakterstärken, was ihr Schwächen? Haben sie sich ins Gesellschaftsleben gestürzt oder waren sie einsam? Waren sie kühne Exzentriker oder ängstliche Eremiten? Waren sie sexuell normal oder erotisch pervers? Waren sie Autodidakten oder besassen sie eine akademische Ausbildung?" Kurz und gut: Dieses Buch handelt von den Fragen, die mich am allermeisten interessieren.

Zweiundzwanzig Lebensbilder hat Desmond Morris geschaffen; seine Auswahl war subjektiv – wie sollte es auch anders sein? – , es sind die für ihn interessantesten, die er hier vorstellt. Alberto Giacometti und Meret Oppenheim gehören dazu wie auch Dorothea Tanning und Pablo Picasso. Vieles, was ich erfuhr, dünkte mich spannend und anregend; Einiges hinterliess starke Bilder in meinem Kopf. Etwa, dass Hans Arp nach dem tragischen Tod seiner Frau sich eine Zeit lang in völliger Einsamkeit in einem Dominikanerkloster aufhielt, den Rat von C.G. Jung suchte und sich für Mystizismus zu interessieren begann.

Das Leben der Surrealisten ist voller anregender Anekdoten, reich an spannenden Details wie etwa diesem: "Der Hollywoodstar Marlene Dietrich kam mit vierundvierzig koffern und dem intensiven Wunsch in Paris an, Giacometti kennenzulernen, dessen arbeiten sie in New York gesehen und bestaunt hatte." Oder diesem: Dass Meret Oppenheim die Idee zur Pelztasse samt Untertasse und Löffel, die sie berühmt gemacht hatte, einer beiläufigen Bemerkung Pablo Picassos verdankte.

Ausgesprochen erhellend sind Morris' Ausführungen über Francis Bacon, der sich selber als Surrealist verstand, jedoch von der Londoner Gruppe 1935/36 abgelehnt wurde. Ein wesentlicher Teil dessen, was über Bacons Werk geschrieben worden sei, gehe am Kern vorbei. "In seiner Kunst nahm er alles schwer, während er im Leben alles leicht nahm." Allerdings: "Er war boshaft, eitel, beleidigend, arrogant, illoyal und wenig zuverlässig …".

Immer mal wieder habe ich mich gefragt, ob Künstler per definitionem höchst unangenehme (nein, nicht einfach nur schwierige, denn das sind wir alle) Menschen seien. Von keinem einzigen in diesem Werk könnte ich sagen, er sei mir sympathisch. Die andere Frage, die sich mir stellte: Kann/will ich das Werk von seinem Schöpfer trennen? Nein, will ich ich nicht, doch es ist möglich, sie nebeneinander stehen zu lassen. Desmond Morris zeigt in diesem Buch exemplarisch, wie das geht. So beschreibt er André Breton als kleinlichen Diktator, "arrogant, widersprüchlich, verlogen, aufgeblasen und rachsüchtig, aber gleichzeitig war er die treibende und wichtigste Kraft der surrealistischen Bewegung – sie wäre ohne ihn wesentlich glanzloser verlaufen."

Das Leben der Surrealisten ist ein sehr schön gestaltetes Buch, mit Foto-Porträts der Künstler sowie einem für ihr Gesamtwerk charakteristischem Bild, das dem Lebensgefühl der Surrealisten wunderbar gelungen Ausdruck gibt. Eileen Agar hat es für sich so formuliert: "Ich habe mein Leben in der Revolte gegen die Konvention verbracht und dabei versucht, in die alltägliche Existenz Farbe, Licht und ein Gefühl für das Geheimnisvolle zu bringen."

Fazit: Ein Juwel von einem Buch!

Desmond Morris
Das Leben der Surrealisten
Unionsverlag, Zürich 2020

Wednesday, 29 April 2020

Die Zeit des Lichts

Die Zeit des Lichts (The Age of Light im englischen Original) ist ein überaus treffender Titel, um das Leben einer Fotografin zu beschreiben, vor allem einer so vielfältig begabten wie Lee Miller, die sich sowohl als Mode-, Porträt- wie auch als Kriegsfotografin einen Namen gemacht hatte.

Der Auftakt zu diesem Debütroman könnte gelungener kaum sein. Es ist das Jahr 1966 und Lee Miller lebt mit ihrem Mann Roland Penrose auf der Farley Farm im englischen Sussex. Sie erwarten Gäste, Lee ist in der Küche zugange und trinkt. Als Leser glaubt man bei diesem Alkoholabsturz mit dabei zu sein, so realistisch wird er von Whitney Scharer geschildert.

Rückblende: Paris 1929. Die dreiundzwanzigjährige Lee, die zuvor in New York für Edward Steichen und Condé Nast als Model gearbeitet hatte, lernt Man Ray kennen und will von ihm das Fotografieren lernen. "Hier in Paris, wo sie noch einmal von vorn anfangen will, wo sie Kunst machen will, statt dazu gemacht zu werden, kümmert sich niemand gross um ihre Schönheit." Wobei: Letzteres ist irgendwie schwer vorstellbar.

Ein Zeitensprung. London 1940. Es herrscht Krieg, beim Pfeifen der Bomben wird ihr regelmässig schwindelig. "Niemand, dem sie erklären kann, wie sehr sie sich nach dem Morgen danach sehnt, wenn sie mit der Kamera durch die ausgebombte Stadt läuft, die sich wie von einem surrealistischen Bühnenbildner vor ihr ausbreitet. Eine zerstörte Kirche, und auf den Trümmern schwankend eine völlig unversehrte Schreibmaschine. Eine Statue, von der nur noch der flehende Arm übrig ist. Ihre dunkle Seite, die sich an der Ungezügeltheit der Explosionen erfreut." Besser kann man kaum zeigen, wie Worte Bilder im Kopf entstehen lassen.

Die dunkle Seite, die Whitney Scharer an Lee Miller wahrnimmt, manifestiert sich als eine Art Abgespalten-Sein. Im Hotelzimmer mit einer Zufallsbekanntschaft: "Lee spürt, wie ihr Geist sich von ihr löst, wie so oft beim Sex, und sie schwebt über dem Bett und blickt auf sich herab." Am nächsten Morgen fühlt sie "sich so wie meistens: eingesperrt, erdrückt und vor allem unglaublich gelangweilt."

Doch zurück nach Paris, wo Man Ray sie in die verschiedenen Aspekte der Fotografie einführt. Sie verliebt sich in ihn, sie werden ein Paar, sind sich ähnlich in ihrer Besessenheit. "Tagelang nimmt Man keine Kunden an. Sie schliessen die Tür zum Studio ab. Lee geht nichts ans Telefon." Woher weiss die Autorin das? Immer wieder muss ich mich daran erinnern, dass dies ein Roman beziehungsweise eine Romanbiografie ist. Die Zeit des Lichts ist auch die Geschichte zweier talentierter, egomanischer und obsessiver Menschen.

Wiederum ein Zeitensprung. Juli 1944. Normandie. Lee knipst Fotos in einem Lazarett. Die Logik dieser Zeitensprünge erschliesst sich mir nicht; mein Interesse, ja, meine Neugier für diese Biografie schmälert das allerdings nicht. Die Passagen über ihre Zeit als Kriegsfotografin liefern auch historische Aufklärung. "Lee erfährt, wie die Nazis sich der Gefangennahme entziehen. Gift, Kugeln, Stricke (…) Jemand erzählt ihr, jeder einzelne Nazi im Leipziger Rathaus habe Selbstmord begangen. Dafür hasst sie sie nur noch mehr, die Feiglinge." (Leipzig, 20. April 1945).

Sie lernt Jean Cocteau und andere Surrealisten kennen. Und entdeckt, dass ihr die Schauspielerei liegt. Sie modelt  für den Perfektionisten George Hoyningen-Huene, zusammen mit Horst P. Horst, der wie sie auch lieber auf der anderen Seite der Kamera arbeiten würde. "Neben dem Modeln nimmt sie kleine Schreibaufträge an, hauptsächlich belangloses Zeug, aber es macht ihr Spass, die Storys in die Maschine zu hämmern, und noch schöner findet sie es, ihren Namen daneben stehen zu sehen."

Lee Miller, wie sie Whitney Scharer schildert, war eine überaus komplexe, rastlose und clevere, von starken Emotionen dominierte Frau voller Abgründe, deren Verständnis von Fotografie mir sehr sympathisch ist. "... sie glaubt eben nicht, dass Kunst immer eine Botschaft transportieren muss. Am besten findet sie die Sachen von Man, die keine Erklärung brauchen, keinen Kontext, die einfach nur ein Gefühl in ihr auslösen."

Fazit: Ein überaus einfühlsames, gut erzähltes, differenziertes und überzeugendes Porträt.

Whitney Scharer
Die Zeit des Lichts
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Wednesday, 22 April 2020

Walden oder Vom Leben im Wald

"So lasst uns unser Leben begreifend verbringen." Dieser Thoreau-Satz begleitet mich seit meiner Jugend – kein Satz hat mich mehr motiviert und angetrieben, kein Satz mich mehr geprägt beziehungsweise ausgedrückt, was in mir angelegt gewesen ist.

Thoreaus Walden wieder lesend bin ich überrascht wie viel ich auch heute noch genau so sehe wie anno dazumal (die Sätze, die ich in meiner damaligen Ausgabe unterstrichen habe, finde ich grösstenteils auch heute noch die für mich zentralen) – dass sich der Mensch im Laufe seines Lebens entwickelt, scheint in meinem Falle eine Illusion.

Henry David Thoreau war um die dreissig als er zwei Jahre in einer Hütte bei Concord im Staate Massachusetts verbachte und Walden schrieb und unter anderem festhielt. "Das Alter taugt nicht zum Lehrmeister der Jugend, hat es doch weniger gewonnen als engebüsst." Ein Gedanke, den man nicht einfach überlesen sollte, auch wenn ich ihm nicht vollumfänglich zustimmen mag.

Thoreau schreibt von sich, seinen Erfahrungen und Überlegungen. Sehr subjektiv und das ist gut so, denn diese Vorgehensweise ist ehrlich und überdies mutig. Der Mann versteckt sich nicht, er zeigt sich und das macht ihn natürlich auch angreifbar. Nur eben: Wer aufrichtig ist, weiss, dass er keine wirkliche Wahl hat. "Ich würde nicht so viel über mich selber reden, wenn es einen anderen Menschen gäbe, über den ich ebenso gut Bescheid wüsste."

Hier schreibt ein unabhängiger und origineller Geist. "Wer kann sagen, welche Aussichten die Welt einem anderen darbietet? Liesse sich ein grösseres Wunder denken, als sie vorübergehend mit den Augen eines anderen  sehen zu können?" Einer, der sich mit Grundsätzlichem auseinandersetzt, sich damit beschäftigt, was den Menschen ausmacht, seine Bestimmung ist. "Die Errungenschaften von Jahrhunderten haben nämlich nur wenig an den Grundgesetzen des Menschendaseins  geändert, wie sich wohl auch unser Skelett von dem unserer Urahnen nur wenig unterscheidet."

Ob ich die zustimmende Begeisterung, die mich beim erneuten Leser dieser Aufzeichnungen erfasst, schon bei meiner jugendlichen Lektüre verspürt habe, weiss ich natürlich nicht mehr, doch ich vermute es, denn wenn mir eines beim Älterwerden klar geworden ist, dann dies: dass ich mich emotional kaum verändert habe. Und auch meine Überzeugungen sind sich im Wesentlichen gleich geblieben. "Nur vom Standpunkt der freiwilligen Armut aus kommt einer heutzutage zu uneigennütziger Menschenkenntnis."

Thoreau guckt hin, lässt wirken, reflektiert und kommentiert, gelegentlich auch mit einem Schmunzeln. Über den Sonnenaufgang hält er fest: "Zwar habe ich der Sonne nie wesentlich beim Aufgehen geholfen – aber auch nur dabei zugegen zu sein, war von äusserster Wichtigkeit." Und über die Bohnen, die er "anbaute, behackte, erntete, enthülste, auslas und verkaufte", notierte er: "Auch gegessen habe ich davon, wollte ich doch die Bohnen in jeder Beziehung kennenlernen."

Er liest Klassiker, durchwandert die Geisteswelt, doch vor allem macht er Erfahrungen. "Wie ich so hemdsärmelig das steinige Seeufer entlanggehe, obwohl es kühl, bewölkt und windig ist, und nichts im Besonderen meine Aufmerksamkeit erregt, fühle ich mich allen Elementen ungemein verwandt." Thoreau plädiert für das Zelebrieren des Augenblicks, da wo man gerade ist. "Was bedeutet mir Afrika, was der Wilde Westen? Ist nicht unsere Innenwelt noch ein weisser Fleck auf der Karte?"

Walden ist sowohl Gesellschaftskritik als auch Naturbeobachtung, doch vor allem ist es eine Auseinandersetzung mit den Grundfragen der menschlichen Existenz. Simplify your life. Not yourself, hat Susanne Ostwald die Essenz seines Denkens in ihrem gescheiten Nachwort auf den Punkt gebracht.

Henry D. Thoreau
Walden
Manesse, München 2020

Wednesday, 15 April 2020

Human Planet

.Viel falsch machen kann man ja so recht eigentlich nicht, wenn man die Erde aus der Luft fotografiert, denn sie ist nun mal faszinierend, ja mehr: Ein veritables Wunder. Andererseits: Was Fotografien letztlich auszeichnet, ist der Blickwinkel des Fotografen im Zeitpunkt der Aufnahme und ein sensibles Gespür bei der anschliessenden Bildauswahl.

Die Luftbilder des im amerikanischen New Jersey ansässigen George Steinmetz wurden aus geringer Höhe aufgenommen. Dabei bediente er sich unter anderem eines Gleitschirms und eines durch einen Gasmotor angetriebenen Propellers auf dem Rücken. Die Bilder zeigen das Wirken der Menschen auf dem Planeten Erde.
. Luoping, Provinz Yunnan, China
Copyright @ geosteinmetz

In Luoping erheben sich Kalksteinkegel inmitten flacher Felder mit blühendem Raps und bilden so eine atemberaubende Landschaft der Formen- und Oberflächenkontraste. Rapssamen liefern in China den grössten Ölsamen-Ertrag. und die Stängel werden beim Hausbau für die Isolierung verwendet. Die Pflanzen erblühen im zeitigen Frühjahr, und ein paar kurze Wochen lang erstrahlen acht zusammenhängende Hektar in dieser Landschaft mit hellgelben Blüten. Neben Touristen werden die Felder von Luoping auch von reisenden Imkern und ihren Bienenstöcken bevölkert. Den Honig, den die Bienen von den Rapsblüten ernten, wird hoch geschätzt.
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Mit Der Beginn des Anthropozäns ist die Einleitung des Biologen Andrew Revkin überschrieben, was meint, so Wikipedia, dass "der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist." In den gegenwärtigen Corona-Zeiten sieht das zwar nicht so aus, denn momentan hat das Virus Covid-19 klar das Sagen. Nichtsdestotrotz, die Tatsache, dass der sich tendenziell selbst überschätzende Mensch eine bestimmende und häufig desaströse Rolle auf dem Planeten Erde eingenommen hat, ist eindeutig nicht zu begrüssen.
San Augustin, Andalusien, Spanien
Copyright @ geosteinmetz

Ein von Furchen durchzogenes Mosaik aus Gewächshäusern mit Plastikdächern breitet sich in der Küstenebene von Südspanien über eine Fläche von dreihundert Quadratkilometern aus. Eine Riesenmenge an Produkten wird hier kostengünstig angebaut und in ganz Europa verkauft. Die wichtigsten Kulturpflanzen sind Tomaten, Paprika, Gurken und Auberginen. Viele der Pflanzen werden hydroponisch mit wieder aufbereitetem Wasser angebaut. Die Intensivlandwirtschaft hat die Wirtschaft der Region Almeria zu neuem Leben erweckt, aber sie hat auch viele Kritiker, die auf die Entleerung wasserführender Schichten und den Beitrag zur Nitratverschmutzung im Boden ebenso hinweisen wie auf die Ausbeutung von Wanderarbeitern.
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Es spricht für diesen eindrücklichen Band, dass die Aufnahmen mit ausführlichen und informativen Legenden daherkommen. Das ist selten und auch deswegen begrüssenswert, weil man die Aufnahmen sonst nur ästhetisch einschätzen könnte. Andererseits, was soll ich mit folgender Information (sie bezieht sich auf das nachfolgende Bild aus Algerien) eigentlich anfangen? "Die Stadt Beni Isguen, eine konservativ-muslimische Ibaditengemeinde von Berbern, in der die Frauen weisse Haiks tragen, die nur ein Auge unbedeckt lassen, ist für Ausländer normalerweise verschlossen." Weder weiss ich, was Ibaditen und Haiks sind, noch ist mir geläufig, was Berber speziell auszeichnet. Mit anderen Worten: Mir sind Informationen wie diese zu spröde, zu trocken; sie kommen mir vor wie Einträge in einschlägigen Nachschlagewerken.
Ghardaia, Algerien
Copyright @ geosteinmetz

Die Stadt Beni Isguen, eine konservativ-muslimische Ibaditengemeinde von Berbern in der die Frauen weisse Haiks tragen, die nur ein Auge unbedeckt lassen, ist für Ausländer normalerweise verschlossen. Sie ist eine von fünf algerischen Hügelstädten, aus denen die Pentapolis im Tal von M'zab besteht. Sie ist so gut wie unberührt von der modernen Welt, und die Lebensweise der Bevölkerung ist seit dem 11. Jahrhundert mehr oder weniger gleich geblieben. Die 6800 Mozabiten, wie die Einwohner genannt werden, halten ihre antiken Häuser sorgfältig instand. Diese haben oft ein ummauertes Dach, das in heissen Sahara-Nächten als Schlafbereich gilt
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Andrerseits gibt es auch Bildlegenden, die ausgesprochen hilfreich sind. Einem im Abendlicht aufgenommenen Bild von Soweto, dem Township vor den Toren Johannesburgs, ist die Information beigegeben, dass der Boden voller giftigem Uran, Blei, Arsen und Schwermetall steckt – das „sieht“ man erst, wenn man es weiss.

Zudem staune ich über Ansichten von Weltgegenden, die mir gänzlich unbekannt sind, von denen ich noch nie gehört habe. Die Ilha de Moçambique, zum Beispiel. Oder die nordalgerische Stadt Timgad, deren Überreste der von den Römern erstellten Strassen und Gebäude von eleganter, mit geometrischer Präzision zeugen.

Fazit: Eindrückliche, lohnende Aufklärung.

Human Planet
Wie der Mensch die Erde formt
George Steinmetz
Texte von Andrew Revkin
Knesebeck, München 2020