Wednesday, 25 March 2015

Foto Fetzer

Foto Fetzer, das bedeutet für mich ein Familienfoto, ähnlich dem, das die untenstehende Aufnahme der Familie Fetzer zeigt. Aufgenommen wurde unsere Familie etwa um 1970. Ich weiss nicht mehr wo sich dieses Familienfoto befindet, doch ich erinnere mich daran, dass wir alle gut platziert worden waren und ich mir selber darauf nicht gefallen habe (welcher 17Jährige gefällt sich schon?). Auch schien mir die Aufnahme gekünstelt, sie wurde stark retouchiert. Ich meine das keineswegs kritisch, denn das ist, so denke ich, bei Aufnahmen im Fotostudio üblich. Schliesslich geht man ja dorthin, weil man ins beste Licht gerückt werden will.
Familie Fetzer 1976

Eveline Suter, die Autorin von Foto Fetzer. Die Fotografendynastie Fetzer in Bad Ragaz, reichert ihre Familiengeschichte – wer hätte gedacht und kann sich heute noch vorstellen, dass es in den 1880er- und 1890er-Jahren in Walenstadt, Bad Ragaz, Mels, Flums und Buchs Fetzer-Geschäfte gegeben hat – mit aufschlussreichen Informationen zur Entwicklung der Fotografie an. Dass etwa im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die abgebildeten Personen oft wie eingefroren wirkten, hatte wesentlich mit den langen Belichtungszeiten zu tun. Dazu kam, dass der Aufbau der schweren Plattenkameras seine Zeit brauchte und "Schnappschüsse" kaum möglich waren.
Das Fotogeschäft Fetzer in Bad Ragaz, 1924

Die in diesem Band versammelten Aufnahmen – viele aus den ersten 90 Jahren gibt es nicht mehr, sie fielen diversen Räumungsaktionen zum Opfer  sind "kultur- und sozialhistorische Dokumente", schreibt Suter, die mit ihrem kenntnisreichen Text auch aufzeigt, wie man die Geschichte des Sarganserlandes anhand einer Fotografendynastie erzählen kann. So erfährt man etwa, dass es in der Anfangszeit der Fotografie vor allem Abenteurer waren, die sich von den neuen Möglichkeiten angezogen fühlten. Und es geht einem auf, dass Johann Fetzer mit Walenstadt als dem ersten Standort seines Geschäfts ein strategischer Meisterstreich gelungen war – der dortigen Kaserne wegen, denn das Porträt in Uniform war begehrt und so gab es Kundschaft zuhauf.
Veloclub Bad Ragaz, um 1935

Der Bildteil ist in fünf Kapitel unterteilt: Tourismus, Region, Menschen, Arbeit und Freizeit, Gemeinschaften. Schwarz/Weiss-Aufnahmen herrschen vor, doch auch farbige Bilder sind zu sehen. Nach welchen Kriterien die Bilder angeordnet worden sind, hat sich mir nicht erschlossen. Doch ich staunte nicht schlecht, dass ich bei den Familienbildern (auf Seite 188) eine Aufnahme mit der nicht wirklich treffenden Bildlegende "Familienbild, um 1950" entdeckte, die meine Mutter und ihre Geschwister zeigte, denn zu einer Familie würden doch so recht eigentlich die Eltern mit dazu gehören. Mit Vorschlag für die Zweitauflage: "Die Geschwister Engler aus Zizers, um 1950".

Eveline Suter
Foto Fetzer
Die Fotografendynastie Fetzer in Bad Ragaz
Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Wednesday, 18 March 2015

Herr Huang in Deutschland

Der chinesische Unternehmer, Bergsteiger und Dichter Huang Nubo möchte so viel wie möglich von der Welt sehen und nimmt sich vor, innerhalb von zehn Jahren alle 759 UNESCO-Weltkulturerbestätten zu besuchen. Ausgestattet mit Kamera und Diktiergerät beginnt er mit Deutschland, für das er grosse Bewunderung hegt, der effizienten Arbeitsweise und Höflichkeit der Deutschen wegen. Herr Huang in Deutschland berichtet von seiner Begegnung mit der Realität.

Herr Huang reist mit einem Punktesystem. Das Gepäcksystem der Lufthansa erhält auf einer Skala von eins bis zehn gerade mal einen Punkt, der Service am Schalter hingegen neun. "Die junge Chinesin kommunizierte kompetent, war sehr freundlich, zwischenmenschlich absolut fit und gab uns geduldig Anweisungen zur Gepäckabgabe." Von der ersten Klasse zeigt er sich dann regelrecht begeistert. "Es gab alles, was das Herz begehrte."

Herr Huang in Deutschland ist höchst vergnüglich zu lesen. Und das hat viel mit Huang Nubo zu tun, der weniger durch seine Schreibkunst überzeugt, als dadurch, dass er über so ziemlich alles und jedes eine Meinung hat und diese auch ungeniert zum besten gibt. Was mich für ihn einnimmt, ist seine Neugier und sein breiter Horizont.

In Wismar macht er sich Gedanken über den Tod, die fehlende Achtung der Menschen voreinander ("Ein Leben wird nicht mehr als wertvoll erachtet, eine andere Person wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, man sieht in jedem nur noch den Feind.") und darüber, dass in China die Städte keine eigenen Merkmale mehr haben und alle gleich aussehen: "Ein Phänomen wie in Korea, wo sich die Mädchen alle künstlich verschönern lassen und am Ende nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind, weil sie alle gleich aussehen. Wenn aber alles gleich schön aussieht, was bedeutet diese Schönheit dann überhaupt noch'."

Er sieht hin, stellt Fragen und vergleicht was er sieht und hört mit dem heimatlichen China. Er setzt sich zu ein paar Punks auf die Strasse, trinkt mit ihnen ein Bier und denkt über Foucault nach, der gemeint hat, jeder moderne Mensch sei geformt und diszipliniert und in seiner ursprünglichen Form im Grunde genommen ausgelöscht worden.

In Lübeck besucht er das Buddenbrookhaus und ist enttäuscht, auch darüber, dass alle Hinweisschilder auf Deutsch waren. "Hinterher habe ich mir gedacht: Es wäre doch toll, wenn man sich gleich beim Eingang eine chinesische Broschüre mitnehmen könnte. Dann würden die Touristen mehr erfahren, anstatt genau wie ich nur verwirrt auf Bilder zustarren, nicht zu wissen, wer da eigentlich wer auf dem Foto ist, danach eine kleine Runde umherzuirren, nur um dann genauso klug wie zuvor das Museum wieder zu verlassen."

Meine Erfahrung mit offiziellen chinesischen Essen ist, dass ein solches genau eine Stunde dauert. Kein Wunder also, dass es Herr Huang fast nicht fassen kann, dass ein viergängiges Menu in Deutschland geschlagene vier Stunden dauert. "Ein ganz ermattender Prozess - man isst sich müde ..."

Was ich hier gerade auszugsweise wiedergegeben habe, sind einige der Ereignisse der ersten beiden Tage von Huangs insgesamt 26 Tage dauernden Reise. Mögen sie zur Lektüre dieses wunderbar informativen und unterhaltenden Buches anregen!

Doch beifügen will ich noch dies: so unterhaltsam und zum Schmunzeln verführend dieses Buch auch ist, es ist viel mehr als das. Nämlich eine höchst instruktive Anregung, einmal einen kritischen Blick auf das eurozentrische Denken zu werfen. Ich jedenfalls fand in Huangs Ausführungen ganz vieles, das mich auf noch nie bedachte Selbstverständlichkeiten aufmerksam machte. Ein Beispiel: "Im Westen gibt man sich zur Begrüssung die Hand wie früher verfeindete Parteien, weil man dadurch signalisiert, keine Waffe zu tragen. Es ist eine Methode, um Hass zu vermeiden. Im Osten, zum Beispiel in China, faltet man die Hände und verbeugt sich leicht. Damit drückt man aus: 'Ich bin höflich zu dir, sei auch du nett zu mir'."

Huang Nubo
Herr Huang in Deutschland
Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe
Georg Olms Verlag, Hildesheim-Zürich-New York 2015

Wednesday, 11 March 2015

Photographic Composition

Albrecht Rissler worked as a professor of drawing and illustration at the University of Applied Sciences in Mainz, Germany. The subject of image composition, I read, „often informed by photography, is a key topic in his courses on illustration and in his publications.“

Isn't image composition a bit of a big word when it comes to photography? For what photographers basically do is to frame. As John Szarkowski once penned, the photographer's "central problem is a simple one: what shall he include, what shall he reject? The line of decision between in and out is the picture's edge. While the draughtsman starts with the middle of the sheet, the photographer starts with the frame. The photograph's edge defines content." 

Albrecht Rissler defines composition as "bringing together individual elements into a cohesive whole" and does not differentiate between painting, drawing, graphic design, and photography. In all of these fields, he writes, "composition pertains to the organization of two-dimensional elements within a predefined image-area."

Agreed yet I do prefer "framing" to "composing" when trying to characterise what a photographer does. But let us not split hairs for I do find Photographic Composition an inspiring work.
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For more, see my review on http://www.fstopmagazine.com

Wednesday, 4 March 2015

Superman Comes to the Supermarket

Mailer's essay on John F. Kennedy's 1960s presidential campaign that was published by Esquire just a few weeks before the election is one of the first examples of the so called "new journalism" in which the reporter is a participant in the story that he is describing. Needless to say, this is completely different from traditional journalism that claims to give an objective and balanced account of what has been taking place. "New journalism" is subjective, opinionated, and fierce.

And, in the case of Mailer, it sounds like this: "He had the deep orange-brown suntan of a ski instructor, and when he smiled at the crowd his teeth were amazingly white ... one expected at any moment to see him lifted to its shoulders like a matador being carried back to the city after a triumph in the plaza." And this: "If elected he would be not only the youngest President ever to be chosen by voters, he would be the most conventionally  attractive young man ever to sit in the White House, and his wife ... might be the most beautiful first lady in our history ...".
It is a heavy book (5 kilos), and it is a big book (29 x 39,5 centimeters), and one might of course wonder whether Mailer's reportage really merits such a tome. Well, JFK. Superman Comes to the Supermarket comprises not only one of the most unique and influential texts probably ever written about a political campaign but also lots of superb photographs by some of the then most renowned photographers, among them Cornell Capa, Lawrence Schiller, and Garry Winogrand. 

The book is divided into three parts. Part one comprises the intro by J. Michael Lennon and Mailer's text. Part two includes photos and informative captions of the primary campaign, the Democratic National Convention in July 1960, and the inauguration as the 35th President. Part three documents the road to the White House as well as JFK's life; it also contains Mailer's "An Evening with Jackie Kennedy ... or, the Wild Wild West of the East".

Some of the photographs, in order to really sink in, require the large format that this tome provides. The shot of the Beverly Hilton façade by Garry Winogrand on page 41, for instance, – that for some reason made me think of René Burri's famous São Paulo-roof/street photograph – can only be fully appreciated in such a large format.
Photographs primarily convey feelings and looking at these pics of a time long gone makes emotions come alive that are linked to my youth. And, although I have no conscious memory of the events depicted in this impressive work (how could I? I did not live in America but in Switzerland), these mostly black-and-white images radiate a wonderfully innocent and upbeat spirit.

While I was too young to have a clue what politics is all about I for many years seemed to clearly recall where I was when the news of Kennedy's death in Dallas broke. Yet I was wrong, my memory had fooled me.

In other words, looking at these photographs does not bring back memories of specific moments but arouses promising feelings of a general nature in me. Mailer's powerful and eloquent text fortifys these feelings, not least by highlighting what in so called democratic elections counts: "That Kennedy was young, that he was physically handsome, and that his wife was attractive were not trifling accidental details but, rather, new major political facts."
Superman Comes to the Supermarket is a pioneering text about politics, about America in the sixties. about JFK, his wife Jackie, Adlai Stevenson, and the Nixons, about Los Angeles, and, above all, about Mailer's ponderings on whatever happened to cross his mind.

Mailer was a writer, not a journalist, and not a reporter. He was openly partisan, he wanted to help Kennedy to get elected, and his wife to become first lady. And, as J. Michael Lennon wrote in his introduction, he felt he was owed for his services. "He wanted a seat at the Camelot roundtable."
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Norman Mailer
JFK
Superman Comes to the Supermarket
Taschen, Cologne 2014

Wednesday, 25 February 2015

Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges

Eine bekannte Regel für Auslandskorrespondenten lautet sinngemäss so: einen Tag vor Ort ergibt einen Artikel, eine Woche einen vertieften Hintergrundbericht, ein Monat ein Buch und was darüber hinaus geht, ergibt rein gar nichts mehr, denn dann weiss man bereits zuviel, um die Kriterien von journalistischen Meldungen (klare Zuordnungen und dergleichen) erfüllen zu können. Bei Joris Luyendijks heisst die einem alten Hasen zugeschriebene Variante so: "Ein Buch über den Nahen Osten musst du in der ersten Woche schreiben. Je länger du dich hier rumtreibst, desto weniger kapierst du."

Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges ist allerdings kein Buch über den Nahen Osten, sondern etwas ganz anderes, nämlich "ein Buch, das sagt, warum es so schwer ist, über die grossen Fragen in Nahost etwas Sinnvolles zu sagen."

Unter dem Titel "Journalismus für Anfänger" räumt Joris Luyendijk mit den Vorstellungen auf, die er selber vom Journalismus gehabt hat. "Ich hatte mir einen Korrespondenten immer als eine Art Echtzeit-Historiker vorgestellt. Wenn irgendwo etwas Wichtiges geschah, zog er los, ging der Sache auf den Grund und berichtete darüber. Aber ich zog nicht los, um irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen. Das hatten andere längst erledigt. Ich zog nur los, um mich als Moderator an einen Originalschauplatz hinzustellen und die Informationen aufzusagen. Vorher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, aber es war eigentlich klar: Täglich gibt es Tausende von Pressekonferenzen, Gipfeltreffen, Beerdigungen, Demonstrationen, Anschlägen und Krawallen. Wie sollte eine einzige Redaktion das überblicken? Zugleich gibt es mindestens zehntausend Redaktionen auf der Welt. Was, wenn alle gleichzeitig auf einer Pressekonferenz oder einem Begräbnis auftauchen würden."

Als Joris Luyendijk in Kairo zur Uni ging wohnte er in einem Arbeiterviertel und blickte voller Verachtung auf die westlichen Ausländer auf der Nilinsel Zamalek, die den Eliten vorbehalten ist. Jetzt als Korrespondent lebt er selber dort. Und tut, was andere Korrespondenten auch tun. Er berichtet von Gipfeltreffen, Anschlägen, Bombardierungen oder diplomatischen Schachzügen.

Natürlich weiss er, dass das mit dem ägyptischen Alltag nicht viel zu tun hat. "Fotos und Fernsehen zeigten das Bild einer aufgewühlten Menschenmenge, an Ort und Stelle sah ich jedoch, dass es sich eigentlich nur um wenige aufgebrachte Männer handelte. Als die Kameras liefen, zückten sie wie auf Kommando ihr Feuerzeug, danach gingen sie zum Essen nach Hause. Überall sonst in der Stadt liefen in der Zwischenzeit die Kinder zur Schule, fuhren die Strassenbahnen ihre Runden und wurden auf dem Markt Tomaten feilgeboten."

Verlässliche Angaben darüber zu machen, wie die Dinge in einem Land so sind, ist ja bereits in sogenannten Demokratien (wo das Geld und nicht das Volk das Sagen hat, jedoch die Menschen sich frei äussern können) nicht ganz einfach, in einer Diktatur ist dies hingegen schlicht unmöglich. Und weil das unmöglich ist, beschreibt Luyendijk stattdessen, wie er die Diktatur unter Saddam Hussein erlebt. Das ist eindrücklich und wesentlich aussagekräftiger als die gängige Berichterstattung.

Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges sollte für alle Pflichtlektüre sein, die ihr Weltbild aus den Medien beziehen. Weil sie überzeugend vorgeführt kriegen, dass die Medienwelt mehr über die Medienmacher als über die reale Welt aussagt.

Joris Luyendijk
Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges
Aus dem Leben eines Kriegsberichterstatters
Tropen Verlag, Stuttgart 2014

Wednesday, 18 February 2015

What photography has taught me

1975, New Canaan, Conn. @ Copyright by Nicholas Nixon

It was in 1999, while studying at the School of Media, Journalism and Cultural Studies at Cardiff University, that I developed a serious interest in photography. This was due to my photography tutor, Daniel Meadows, who after almost thirty years of teaching hadn't lost his enthusiasm. 

My Master thesis was on documentary photography and that is still the photo field I warm to most. Dorothea Lange's quote: "The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera" defines my interest well.

Documentary photography means to go out into the world, to confront yourself with what is out there  and then tell us about it, with pictures, and with words. It can also mean  and that is one of the most intriguing aspects of photography – to document time.

One of the most impressive, and touching, documentary projects I've ever come across is Forty Portraits in Forty Years by Nicholas Nixon who makes me see, and feel, a reality I'm rarely aware of. The passing of time, that is. Understanding is a feeling, Robert Adams once noted, and never has this been more obvious than when spending time with Nixon's portraits of the Brown Sisters.

For more, see here

Wednesday, 11 February 2015

Vom Wunder des Sehens

John Berger gehört zu den Denkern, von denen ich am meisten über das Sehen mit und ohne Kamera gelernt habe. Sein Ways of Seeing war und ist für mich in jeder Hinsicht wegweisend. Und so gehe ich sein Vom Wunder des Sehens positivst gestimmt an. Und werde nicht enttäuscht. 

John Berger hatte sich an beiden Augen den grauen Star operieren lassen und berichtet nun in diesem dünnen Bändchen mit Zeichnungen von Selçuk Demirel von seinen Beobachtungen vor, während und nach dem Eingriff. Dabei entdeckt er nicht nur das Glück des Sehens aufs Neue, sondern ebenso die Welt.

"Die vertraute Vielfalt der Welt ist wiedergefunden. Es ist wie ein Wunder. Und beide Augen, vor denen der Schleier gefallen ist, registrieren Staunen, wieder und wieder."

John Berger
Vom Wunder des Sehens
Unionsverlag, Zürich 2014