Wednesday, 19 April 2017

Daniel Rohner: Dialog mit Mi Fu

Der 1955 in Basel geborene Fotograf und Kunstmaler Daniel Rohner, lese ich in der Presseinformation, sei in die Rheinschlucht zwischen Reichenau und Ilanz hinabgestiegen und habe am Churer Hausberg, dem Calanda, und im Laufental fotografiert. Ich war gespannt, sehr sogar, denn diese Gegenden sind mir bekannt, ganz besonders die Rheinschlucht zwischen Reichenburg und Ilanz, wo ich oft zu Fuss unterwegs bin. Beim ersten Durchblättern von Dialog mit Mi Fu war meine Überraschung gross: Was ich sah, hatte ich so noch nie gesehen, jedenfalls nicht bewusst. Beim zweiten und dritten Hinschauen entdeckte ich dann einige wenige mir nicht ganz unvertraute Ansichten. Mit anderen Worten: Die Beschäftigung mit Daniel Rohners Aufnahmen zeigten mir wiedereinmal, weshalb Fotografien zu betrachten horizonterweiternd sein kann: Diese Bilder zeigten mir Ansichten und Sichtweisen, die mir gefielen und die mir sonst wohl entgangen wäre. 
Aus dem Begleittext von Andres Pardey erfahre ich unter anderem, dass Mi Fu, der von 1051 und 1107 gelebt hat und als einer der Väter der chinesischen Tusche- und Aquarellmalerei gilt, "als derjenige, der die Landschaften mit ihren vernebelten Tälern und den spitzen, hintereinander geschichteten Hügelzügen als einer der Ersten so dargestellt hat, wie wir sie gemeinhin von Bildern kennen."

Da macht also einer in der Schweiz Fotos im Stile eines chinesischen Malers (oder zumindest von diesem inspiriert), denkt es so in mir. Ein interessanter Ansatz, nicht zuletzt, weil es in China Landschaften gibt, die einen an die Schweiz erinnern. Jedenfalls ist es mir während eines mehrmonatigen Aufenthalts in der Provinz Fukkien so ergangen. Doch wie muss ich mir das Vorgehen des Fotografen vorstellen? Ist er mit einem Bild im Kopf hingegangen und hat dann versucht, dieses in der Schweizer Realität zu finden? Oder hat er ganz einfach genau hingeschaut und (vielleicht beeinflusst von an Mi Fu geschulten Sehgewohnheiten) gesehen, was vor langer Zeit auch Mi Fu so ähnlich gesehen haben mag?
Lothar Ledderose macht in seinem Beitrag "Reisende zwischen Giessbächen und Bergen" auf zwei Landschaftsbilder (das eine entstand um das Jahr 1000 und stammt von Fan Kuan, das andere, datiert 1072,  von Guo Xi) aufmerksam, die an Daniel Rohners Fotos gemahnen und hält fest: "Über die Jahrhunderte hinweg besteht eine eigentümliche Affinität zwischen den Werken der song-zeitlichen Maler Chinas und den suggestiven, enigmatischen, mit bewundernswerter fotografischer Technik gestalteten Bildern von Daniel Rohner. Auch er zeigt eine unberührte Bergwelt: schroffe Felsen, komplexe Oberflächen in unendlich vielfältigen Abstufungen von Grau, wabernde Nebel, winzige Behausungen; auch seine Fotografien führen uns die schöpferischen, kosmischen Kräfte der Natur vor Augen."

Mich erstaunen die Gemeinsamkeiten von Malern, die vor gut 1000 Jahren in China lebten, und dem Schweizer Fotografen Daniel Rohner nicht, denn wir Menschen haben mehr miteinander gemein, als uns bewusst (und möglicherweise lieb)  ist. Üblicherweise betonen wir die Unterschiede. die geografischen, die kulturellen und die zeitlichen. Für mich hat Daniel Rohner mit diesen Fotos sein Augenmerk auf das Verbindende gelegt.
Der dritte Textbeitrag stammt von Andrin Schütz. Er ist mit "Transformationen des Augenblicks" überschrieben und führt unter anderem aus: "Bleibt der Bildraum – trotz zuweilen nahezu naturalistischer Fasssung – dem historischen Asiaten stets Idealraum und diesseitige Metapher des jenseitig Metaphysischen und Philosophischen, scheint sich Rohner vorerst ganz auf die diesseitige Realität zu konzentrieren." Nun ja, das ist bei Fotografen so recht eigentlich zwangsläufig der Fall. Schliesslich können Fotografien nur abbilden, was zu sehen ist.

Daniel Rohner
Dialog mit Mi Fu
Kehrer Verlag, Heidelberg Berlin 2017

Wednesday, 12 April 2017

Essays über Fotografie und Medien

Die Annahme, dass Medien, wenn sie es denn wirklich wollten (und einige wollen das in der Tat und geben sich auch ent­sprechend Mühe), die Wirklichkeit abzubilden vermöchten, wird zwar allgemein angenommen, ist deswegen jedoch noch lange nicht wahr. Wahr ist, dass die Medien die Wirklichkeit, die in den Medien vorkommt, erst schaffen. Sie tun dies, zuallererst, indem sie auswählen, was sie zeigen wollen und, vor allem, was sie nicht zeigen wollen. Sie definieren Bezugspunkte, stellen Ordnung und Sinn her, geben Kontext vor. Die Realität wird ersetzt durch eine Medienrealität – und diese wird zu einem Selbst­gänger, da sich die Medien vorwiegend daran orientieren, was andere Medien machen.

... aussergewöhnlich an den Essays ist die Breite, Intensität und das persönliche Engagement des Autors, das stets präsent ist, namentlich dann, wenn Durrer auch seine Befindlichkeit als Publizist einfliessen lässt, der sich mit den Mechanismen, wie Bilder wirken, auseinander setzt. Wer so kenntnisreich argumentiert, schöpft aus einem Fundus, der weit über das fotografische und journalistische Metier hinaus geht.
Henri Leuzinger in www.fotointern.ch

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Nachdruck der Originalausgabe von 2011.

Hans Durrer
Essays über Fotografie und Medien
Somedia Buchverlag, Edition Rüegger, 2016

Umfang: 122 Seiten, broschiert
ISBN-Nr.: 978-3-7253-0966-5

Wednesday, 5 April 2017

Johann Schär, Dorffotograf, Gondiswil

"So guet!", dieses Cover, war meine erste Reaktion auf diesen schön gestalten (abgerundete Coverecken und Inhaltsseiten sowie Fadenheftung) Band und es dauerte eine ganze Weile, bis ich meinen Blick wieder von dem Porträt auf dem Umschlag lösen konnte. Ja, je länger ich hinschaute, desto fasziniernder fand ich dieses Bild – sowohl die Komposition als auch die Kleidung und den Blick des jungen Mannes. 

Markus Schüpf vom Fotobüro Bern, dem dieser Band zu verdanken ist, hat sich für eine Gliederung in Ortsbilder, Landleben, Augenblicke, Werken, Kohle und Fernab entschieden. Als ich mir die Bilder zum ersten Mal ansehe, denke ich bei den Ortsbildern ganz automatisch an appenzellische Wandteppiche (ich weiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Gondiswil im Kanton Bern liegt). Mit anderen Worten: Bildlegenden sind wichtig, möglichst aussagekräftige. "Kleines Mädchen mit Kuh, um 1925", die Legende, die der untenstehenden Aufnahme (dieses ganz wunderbare Foto allein lohnt den Kauf dieses Buches!) beigegeben ist, ist nicht nur (abgesehen vom Jahr) überflüssig, sondern fast schon absurd. Sicher, ich weiss, man arbeitet eben mit dem, was man vorgefunden hat und weiss eben häufig wenig bis gar nichts über die Entstehung der Aufnahmen ... Trotzdem: Bilder, die selbst erklärend sind, brauchen keine Legenden. 
Markus Schüpf weist in seinem höchst anschaulichen und informativen Text unter anderem darauf hin, "dass bei Schär Hochzeitsfotografien vergleichweise rar sind. Offensichtlich nahmen die Gondiswiler dafür lieber die Dienste professioneller Fotografen in Anspruch. Rührend sind die Aufnahmen älterer Menschen und Paare sowie von kranken und beeinträchtigten Menschen. Will man den Zeitungsmeldungen glauben, die im 'Unteremmentaler' regelmässig erschienen, war Gondiswil ein Dorf mit besonders vielen teils hochbetagten Menschen. Schliesslich wuurde Schär hn und wieder geholt, wenn es darum ging, Tote zu fotografieren."
Wie es bei Fotobüchern oft der Fall ist, so kann der Begleittext so recht eigentlich meist ohne die Bilder auskommen. Der Text liefert häufig nur den Kontext, ein direkter Bezug zu den einzelnen Bildern ist selten. So auch im vorliegenden Band, der allerdings einleitend erläutert, wie es zu diesem Buch gekommen ist. Das ist höchst verdienstvoll.

Fotos anzuschauen beziehungsweise Bilder zu lesen ist ein sehr subjektiver Vorgang. Damit er nicht nur subjektiv bleibt, braucht es möglichst viele Informationen zu den Bildern, den Verhältnissen der Zeit und zum Fotografen. Schär war um 1900 offenbar der häufigste Name in Gondiswil, weshalb man denn auch zu Übernamen griff, um die verschiedenen Schärs voneinander zu unterscheiden. Der Fotograf Johann Schär lief unter "Dängi Hannes", war ein einziger Sohn, der mit einer jüngeren und einer älteren Schwester zusammen auf dem elterlichen Hof aufwuchs. Wie sein Vater amtete er während vieler Jahre als Genossenschaftssekretär.
"Wie die meisten Dorf- und Wanderfotografen hatte sich Schär das Fotografieren weitgehend selbst beigebracht." Seinem Onkel sei ein friedfertiger Charakter eigen gewesen, schreibt Wilhelm Iff, was wahrlich eine gute Voraussetzung ist für einen Dorffotografen, der, wie ja auch der Lokaljournalist, ständig darauf bedacht sein muss, es sich mir den Leuten nicht zu verderben.

Bei den Porträts fällt nicht zuletzt auf, dass da kaum einmal jemand lacht oder lächelt. Man zeigt zwar stolz, was man hat, doch die heutzutage gängige Auffassung, dass das Leben fun zu sein habe, hat Gondiswil um 1900 eindeutig noch nicht erreicht.
Johann Schär, Dorffotograf, Gondiswil zeigt nicht nur, wie etwas einmal gewesen ist, sondern auch wie die Menschen sich damals dargestellt sehen wollten. Ein rundum gelungenes Zeitdokument!

Markus Schürpf
Johann Schär
Dorffotograf, Gondiswil
1855-1938
Limmat Verlag, Zürich 2017

Wednesday, 29 March 2017

The Lumen Seed

My way of approaching photo books isn't systematic, doesn't follow any rules. Sometimes, I start with the beginning, sometimes, I read the press release first, sometimes, I look at the photographs first. In the case of The Lumen Seed by Judith Crispin I did all of the three almost simultaneously.

I've very much warmed to the photographer's quote that precedes the press release:
... Warlpiri people move through the landscape, they introduce themselves. They apologize to that country for breaking twigs. They ask permission to take water from the creeks. If humanity ever transcends its selfish and murderous nature, it will be because of people like the Warlpiri.“

I can easily identify with the Warlpiri take on things for as a young boy I was convinced, like the native Indians in North America, that to tear a branch from a tree meant to hurt the tree. This feeling of being connected (to be more precise: that all things – including human beings – are connected), I've never really lost. When, a few years ago, the only reason I did not give in to the urge to embrace the two tall trees I was passing by when going to the beach (near Havana, Cuba) was my fear people would think I'm nuts or from California.

The Lumen Seed“ was „created in close consultation with the Warlpiri community elders“, I learn. And so I imagined Judith Crispin sitting devoutly on the floor listening to an old wrinkled man in an armchair smoking a pipe ... well, I was wrong. Just look at the pic on page 72 and read the caption and you will get a sense of the thoroughly relaxed and easy-going atmosphere that this tome conveys. Is there anything more desirable than to go through life feeling at ease?

For the full review, please see here

Wednesday, 22 March 2017

The Drum Thing

Photographers are well advised to concentrate on a chosen topic before taking hold of their cameras in order to explore the world. Even better, of course, is to feel passionately about a topic one sets out to photograph. Deirdre O'Callaghan's passion is everything that revolves around drumming:

"I love the rhythm section. Drummers are underrated and underappreciated. They are the leaders even though they sit at the back. They are a band's foundation. They express the intuitive rhythm we all have inside us, connecting us to our primal instincts. They also display respect and restraint, managing time with intelligence and skill."

It is for words like these that I do read books – sentences that make me consider what I otherwise very probably would have never considered. Moreover, I did not expect to find them in a photographic tome on drummers. What did I expect then? I don't really know, I was just sort of curious in some vague way ... and felt hit immediately when reading the introduction (from which the above quote stems) and then once again when letting sink in the reflections of the first drummer shown, Zach Hill (Death Grips):

"Just thinking about the universe humbles me. Thinking about space, the ocean, about atoms – thinking about all these things inspires me. When I'm playing my mind is clear of the things that are normally eating away at me or doing unhealthy things to my mind and my body. Playing takes me away from that."
Zach Hill / Copyright @ Deirdre O'Callaghan

The Drum Thing transported me back to the years when music, rock music, that is, meant everything to me. Jaki Liebezeit of Can defined the spirit of these times well: "It was 1968; it was a year of revolution. That started with some student riots in Berlin and something happened in my mind, worldwide, I think, at that time. Also in music and art and painting – Pop art came and that's why we all had the idea to do something new."

It was this spirit of 68 that defined my youth. In the 1970s I was singing in a rock band (Benni and Others) – we were playing Benni's compositions and did cover versions of Dylan, Little Feat, Byrds, and Elvis Costello songs. And, I was listening to all sorts of music which is to say that some of the drummers in The Drum Thing are not unfamiliar to me. Jack DeJohnette, for instance, who, I learned, has been playing with Miles Davis, John Coltrane, Bruce Hornsby, and Paul Simon   quite a mix, I thought yet was then told that "everything is connected but it takes time for us, the human species, to make those connections; all music is world music. I look at all the so-called genres and incorporate them all into my music: electronic, reggae, folk, rhythm and blues, classical."
Julie Edwards / Copyright @ Deirdre O'Callaghan

Most drummers in this tome are unknown to me. The familiar ones include Sly Dunbar, Stewart Copeland, Ginger Baker, Jim Keltner, Steve Gadd ("I held on to music for dear life because that's the only thing that made me feel that I was still connected."), Ringo Starr, Bill Bruford ("I was influenced by almost anyone who crossed my record player. Miles Davis for economy and style; David Bowie because he was always moving and would never quite let his audience catch up."), John Densmore and Airto Moreira

Needless to say that I've read with interest what they had to say yet my attention shifted soon to the ones I so far hadn't heard of. That's of course less to do with their popularity than with my over time fading interest in rock music (my focus in recent years was more on Latin American and classical music). 

I've looked at Deirdre O'Callaghan very varied shots   you will probably be as amazed as I was to discover how differently drummers can be portrayed (not always with their drums!)   with sympathy and simply loved quite some of the drummers' statements. "I've always been kind of fascinated with the Ringo debate. Was Ringo Starr a great drummer? Of course he was a great drummer: you hear three and a half seconds of his playing and you immediately know that it's him (...) To me that's what it was always about. It's about establishing your sound or being able to get your personality, your sense of humour and your passion, or whatever it is, your voice, out of you, through your hands and into this instrument. It goes for any instrument. There's no wrong or right, as long as it's an accurate representation of yourself." (Dave Grohl, Nirvana and Them Crooked Vultures).
Pauli / Copyright @ Deirdre O'Callaghan

One of my favourite pics shows Carla Azar who was photographed in her studio in California for the shot illustrates perfectly (she appears present and aloof at the same time) how she described her drumming. "I feel the most satisfaction when I finish playing and I don't understand how I played some of the things I played or where those things even came from, yet it all worked better than I'd planned."

Deirdre O'Callaghan's goal was to capture "the true essence of these artists' personalities and lifestyles." Should there really be such a thing as "the true essence" of a person, I have no doubt that Deirdre O'Callaghan did indeed manage to capture it.

Deirdre O'Callaghan
The Drum Thing
Prestel, Munich-London-New York 2016

Wednesday, 15 March 2017

Schweizer Pressefotografie

Ein gelungenerer Bilder-Einstieg (die allererste Aufnahme zeigt eine mit einem Staubsauger bewehrte Putzfrau im Bundeshaus, die 1980 den Besuch von Königin Elisabeth II. mitvorbereitet – Hier Wird Aufgeräumt!, scheint diesem Band als Motto vorangestellt) ist kaum vorstellbar. Ich bin ganz begeistert!

Schweizer Pressefotografie / Photographie de  presse en Suisse ist ein Band mit Texten in Deutsch, Französisch sowie erstaunlich nichtssagenden Kurzzusammenfassungen in Englisch. Gilbert Courtaz und Nora Mathys charakterisieren den Band in ihrer Einleitung  "un livre militant, informatif et engagé", was in der englischen Zusammenfassung dann als "a militant, informative and responsible book" rüberkommt. Mir ist zwar schleierhaft wie 'militant' und 'engagé' zusammengehen, doch noch weniger verstehe ich, inwiefern es sich hier um ein 'responsible book' (was auch immer das sein mag) handeln soll.

Wie auch immer, dies sind Details und sollten dem verdienstvollen Unterfangen, einen Überblick über die Pressebildarchive der Schweiz zu geben, keinen Abbruch tun. Und es gibt einige solcher Archive, übers ganze Land verteilt, wie man das in einem föderalistischen Staat erwartet. Das ist überaus erfreulich.

Schweizer Pressefotografie / Photographie de  presse en Suisse ist ein lehrreiches Buch. So erfährt man etwa, dass bei Pressebildern nicht allein der Fotograf als Autor wesentlich ist, sondern dass ein ganzes Netzwerk hinter den Aufnahmen steht. "Pressebilder sind ein Produkt, das durch die Rahmenbedingungen der jeweiligen Epoche und des Verlags respektive der Agentur geprägt ist ... Erst mit der Anerkennung  der Fotografie als künstlerisches Produkt in den 1970er-Jahren sind die Fotografen in den Fokus gerückt."(Nora Mathys, Ricabeth Steiger).

Nichtsdestotrotz spielt die Beziehung des Fotografen zu den Fotografierten ein wichtige Rolle. Anders gesagt: Ein Vertrauensverhältnis erlaubt Bilder, die ohne dieses weder gewährt werden, noch möglich sind. So durfte etwa Edouard Baumgartner, aufgrund persönlicher Beziehungen zur Familie des General, den zu Hause aufgebahrten Leichnam von Henri Guisan fotografieren. Aus mir unerfindlichen Gründen fehlt die Aufnahme im Buch.

Zu den Themen, die in diesem Band behandelt werden, gehören, neben einem historischen Abriss zur Pressefotografie, auch Ausführungen zu Bildtypen, Ablagesystemen, Bildrechten sowie der Problematik der Materialvielfalt für die Erhaltung in den Archiven

Pressebilder sind Massenprodukte, nicht nur, weil sie massenhaft vervielfältigt werden, sondern auch durch "die Art der Herstellung und der Aufbewahrung", schreibt Thomas Bocher. Das klingt zwar, als ob Pressefotografen nicht viel mehr als Maschinen wären, obwohl, gemeint ist etwas anderes. "Die nicht publizierte – und meist unsichtbare – Mehrheit ist es aber, welche die Pressebildarchive anschwellen lässt und zu dem macht, was sie sind: ein Fundus an weiteren Darstellungsversionen der dokumentierten Ereignisse, Themen und Personen."

Dass es da zu Überschneidungen kommt, versteht sich. Dass man, schon aus Platzmangel, nicht alles lagern kann und will, ebenso. Dass man dabei Bewertungen vorzunehmen hat, ist klar. Dass jedoch in diesem Band nicht aufgezeigt wird, wie eine solche Bewertung vonstatten gehen kann/könnte/sollte, ist bedauerlich.

Doch neben der Theorie gibt es ja auch noch die Praxis. Und da kommt man um die Bewertung nicht herum, was ja auch die hervorragende Bilderauswahl (Wer hat die gemacht?) in diesem Band zeigt. Dabei wurden die Fotografien unter anderem in drei Hauptblöcke gruppiert. Der Kampf ums Frauenstimmrecht, 1945-1989, Schweizer Fussballcupfinals, 1942-1988 und Überschwemmungen, Lawinen und Unwetter, 1965-1991.

Schweizer Pressefotografie
Einblick in die Archive
Photographie de presse en Suisse
Regards sur les archives
Herausgegeben vom Netzwerk Pressebildarchive
Edité par le Réseau Archives Photographiques de Presse
Limmat Verlag, Zürich 2016

Wednesday, 8 March 2017

Marcel Gautherot. Die Monografie

Marcel Gautherot, geboren 1910 in Paris als Sohn eines Fabrikarbeiters und einer Näherin, begann als Fünfzehnjähriger (!) ein Abendstudium der Architektur, das er zwar nicht abschloss, doch der Architektur blieb er verbunden. Er entwarf Möbel, interessierte sich für modernes Wohnen, nahm an einem Möbeltischlerei-Wettbewerb teil. Als er später als Fotograf in Brasilien lebte, erklärte er: "Fotografie ist Architektur." Le Corbusier, für den in der Architektur das Licht das entscheidende Moment war, inspirierte ihn zu dieser Aussage – denn auch die Fotografie ist eine Lichtkunst.

Was der Architektur und der Fotografie überdies gemeinsam ist, ist die Komposition. Allerdings in ganz unterschiedlicher Form, denn in der Fotografie wird nichts physisch Neues erschaffen (wie in der Architektur), sondern bereits Vorhandenes eingerahmt.
Im vorliegenden Band finden sich neben eindrücklichen Architektur-Aufnahmen (besonders gelungen finde ich die aus Brasilia und Rio de Janeiro) auch ganz andere Motive: Pflanzen, Landschaften, Boote sowie Menschen, junge und ältere, in ganz unterschiedlichen Situationen. Etwa bei einem Fest, bei einer Prozession oder an der Bushaltestelle. Diese Bilder geben auch einen quasi ethnologischen Einblick in das Leben der Brasilianer  auf den Strassen, beim Volkstanz, beim Karneval, vor einer Wallfahrtskirche. Besonders angesprochen haben mich die Makrelenfischer beim Einholen der Netze in Bahia.

Marcel Gautherot ist in diesem riesigen Land viel herumgekommen. Aufnahmen aus Belém, Manaus, Belo Horizonte, São Paulo, Salvador, Minas Gerais, Alagoas, Maceió und und und zeugen davon. Neben den brasilianischen Fotografien gibt es auch Bilder aus Mexiko, aus den 1930er-Jahren, zu entdecken. Man glaubt gleichsam zu spüren, wie fasziniert er von der Exotik dieser beiden Länder gewesen ist.
Michel Frizot weist in seinem Beitrag "Der Meister des magischen Quadrats" unter anderem darauf hin, dass die wesentlichen Elemente des "Stils" von Marcel Gautherot den Merkmalen der Rolleiflex zu verdanken seien.

In den Jahren 1925-1930 bestimmten drei Handkameras mit kleinem Negativformat den Markt. Die Ermanox (die sich durch ein lichtstarkes Objektiv auszeichnete), die Leica (deren Mikrosucher eine der menschlichen Sicht entsprechende Bildwirkung ermöglichte) und die Rolleiflex (die vor dem Bauch getragen wurde und dem Fotografen erlaubte, auf der horizontalen Mattscheibe des Apparats 'das endgültige Sucherbild' zu sehen).

Die Rolleiflex verfügt jedoch noch über eine andere, mich ausserordentlich faszinierende Eigenart: Das Format der Bilder ist quadratisch (das gebräuchliche Format ist rechteckig) und das bedeutet, dass ein Bild anders als üblich aufgebaut werden musste. "Try to use all of the square" lautete die Devise der Rollei-isten. Und Gautherot beherrscht sie!

Neben dem aufschlussreichen Text von Frizot finden sich noch weitere Texte, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Gautherots Werk befassen. 'Die moderne Synthese: Gautherot in Brasilien' von Samuel Titan Jr., 'Gautherot in den Gärten von Burle Marx' von Jacques Leenhardt und 'Die Konstruktion des Schattens' von Lorenzo Mammi.

Fotos laden nicht nur zu Zeitreisen ein, sie erwecken oft auch Sehnsüchte. Ich war schon einige Male in Brasilien (und das ist mit ein Grund, weshalb ich diese Bilder mit Sympathie betrachte), doch noch nie in Brasilia. Dass ich beim nächsten Mal jetzt endlich einmal dahin will, hat auch mit Marcel Gautherots Aufnahmen zu tun ...

Marcel Gautherot
Die Monografie
Herausgegeben von Samuel Titan Jr. und Sergio Burgi
Scheidegger & Spiess, Zürich 2016