Wednesday, 3 February 2016

Morning Sun on the Pizol



As seen from my balcony in Sargans on 24 November 2015

Wednesday, 27 January 2016

My Brazilian Zen Pics


These pics were taken in the beginning of January 2016; the one below in front of the cathedral in Santa Cruz do Sul, the other two at a pond on a private property outside of town.


I call them my Brazilian Zen pics. They were taken without much thinking, just looking.


Why Zen pics? Because they show nothing special but radiate calm.
And, they bring me back to the moment I was taking them.

Wednesday, 20 January 2016

Revisiting Santa Cruz do Sul

It has been six years since I was last here. Some things have changed, some seemingly not. And in quite some cases I'm not sure whether I'm seeing something for the first time or whether I've seen it before. The building over there, for instance, on that hill. Surely, I would remember it if I had seen it before. So, is it new? But it does not look new, not at all ... well, it could still be, you never know. Like the concrete tower in which I lived in China that, I was told, was only one year old but looked like it had been there much, much longer.

What is however definitely very different is the weather. The first few days, that is. It is overcast, and raining, and I'm not enchanted. There used to be sunshine at this time of the year. And, as far as I'm concerned, there should be sunshine. I don't like things changing. And then, two days later (patience is not one of my virtues), there is sunshine. There are times when I do like things changing ...

Stepping onto the street, first I see is this:
It happens to be the entrance to a garage, the gate is locked, it is Sunday.

I cannot imagine colours being used like that in Switzerland. But I might be wrong. For abroad I often see people, places and things with different eyes.

This happens to be the façade of the adjacent building.

It is a totally unremarkable shot, I know. And askew. So why do I put it here? Because I cannot take my eyes off the trees reflected in the windows. I was not aware of them when taking the pic, I discovered them only afterwards.

And this, I think, should make it perfectly clear that corrugated iron is not just corrugated iron. The Santa Cruz version presents itself most definitely much more joyful than, say, the grey European version. Which is one of the reasons I like it here.

Wednesday, 13 January 2016

Brasilien. Eine Kulturgeschichte

"Wir halten es nicht mit Stefan Zweigs Bemerkung, der sagte: 'Nichts ist so sehr typisch für den Brasilianer, als dass er ein geschichtsloser Mensch oder zum mindesten einer mit einer kurzen Geschichte ist.' Im Gegenteil, 515 Jahre sind eine lange Geschichte", schreiben Ursula Prutsch und Enrique Rodrigues-Moura im Vorwort zu "Brasilien. Eine Kulturgeschichte". Und sie halten fest: "Wir wissen, dass Brasilien vor 1498 nicht geschichtslos war; doch würden wir uns mit der Geschichte davor auf ein Terrain begeben, für dessen Analyse uns die Kompetenzen fehlen."

Mit anderen Worten: Um die kulturelle Vielschichtigkeit Brasiliens von 1498 bis 2013 beurteilen zu können. halten sich die beiden für kompetent. Und das sind sie nach gängiger Auffassung durchaus. Ursula Prutsch (Prof. Dr.) und Enrique Rodrigues-Moura (Prof. Dr.) haben lange Jahre darüber geforscht und publiziert.

Ich selber finde Stefan Zweigs Bemerkung sehr befreiend. Endlich mal ein Land, deren Menschen nicht andauernd mit Hinweisen auf Geschichte, Traditionen, Kultur etc. gegängelt und an der kurzen Leine gehalten werden. Dass Zweig das Land, "in Anbetracht der acht Monate, die er dort verbrachte, wenig kannte" und deswegen für die beiden Autoren nicht so recht qualifiziert scheint, sich dazu zu äussern, halte ich für einen Irrtum. Die Lebenserfahrung lehrt, dass je länger man sich mit einem Land befasst, je weniger man davon versteht.

Dass Menschen, die Geschichte lehren, das anders sehen und anders sehen müssen (argumentiert nicht jeder und jede letztendlich für den Erhalt und die Wichtigkeit seines Fachs/Jobs und Einkommens?), versteht sich. Und wenn dabei ein Werk entsteht, das auch "den Avantgarden in Wissenschaft, Kunst und Kultur Rechnung" trägt, wie es im Vorwort heisst, ist das nur zu begrüssen.

Da mich Wissenschaft und Kultur mehr interessieren als Politik und Ökonomie, gehe ich die Lektüre einigermassen erwartungsfroh an, bin dann aber recht schnell ziemlich ernüchtert, denn "das Kulturelle" erschöpft sich häufig im reinen Aufzählen und wird etwas arg summarisch abgehandelt. So heisst es etwa über Clarice Lispector, sie verorte "ihre introspektiven Texte hauptsächlich in urbanen Welten. Anspielungsreich werden die Wahrnehmungen der äusseren Welt aus der Person des Ich-Erzählers gestaltet, in vieldeutiger Weise." So korrekt und richtig das sein mag, nichtssagender geht es kaum.

Die Fülle an Informationen, die die beiden Autoren vorlegen, ist beeindruckend. Das geht vom Goldrausch in Minas Gerais um 1700 zur Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1888, vom Einfluss der Telenovelas zu den Indio-Welten und der Ressource Natur, speziell im Amazonasraum. Und und und ...

"Brasilien. Eine Kulturgeschichte" ist vor allem eine eindrückliche Fleissarbeit, eine spannende Lektüre ist das Buch nicht. Interessante Aufklärung und (jedenfalls mich) immer wieder verblüffende Details liefern die beiden Autoren gleichwohl. Und nicht zuwenig. Etwa, dass Brasilien 1917 als einziges Land Lateinamerikas dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Oder, dass während des Zweiten Weltkrieges Japaner (auf Betreiben der Amerikaner) und Deutsche (darunter der spätere Autor und Kulturvermittler Curt Meyer-Clason) interniert wurden. Oder, dass Henry Kissinger informell beim brasilianischen Aussenminister vorstellig wurde, weil die New York Cosmos Pelé unter Vertrag nehmen wollten.

Des Weiteren erfährt man, dass im Juli 1819 Schweizer Bauern und Handwerker die ersten waren, "die das riskante Experiment der Brasilienwanderung wagten." Und dass Manaus um 1900 mehr Theater als Rio de Janeiro hatte und Christoph Schlingensief im dortigen "Teatro Amazonas im Rahmen des Festivals Amazonas de Opera den 'Fliegenden Holländer' von Richard Wagner als fantasmagorisches Gesamtkunstwerk mit einer Menge von Brasilien-Klischees, um sie nicht alle zu brechen" (was auch immer das heissen mag) inszenierte.

Eines der langlebigen Klischees ist die "Rassendemokratie", die Überzeugung vom "konfliktfreien Schmelztiegel indianischer, afrikanischer und europäischer Elemente", halten die beiden Autoren zu Recht für einen Mythos. Weil es sie, bedenkt man, wie der Menscfh nun einmal ist, wohl gar nicht geben kann. Aber auch deswegen, weil Demokratie (das beste Argument dagegen, so Churchill, sei ein fünfminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler) als Ideal und als Praxis allüberall weit auseinanderklaffen. Doch das ist eine andere Geschichte ...

"Brasilien. Eine Kulturgeschichte" bietet ganz viel solide Information der traditionellen Art, in der etwa einzelnen Politikern ein Einfluss beziehungsweise eine Macht zugeschrieben wird, die Männer und Frauen in politischen Ämtern schlicht nicht haben können, denn gegen die mächtigen bürokratischen Einrichtungen kommen auch noch so fähige Einzelne kaum an. Schmunzeln machten mich etwa Formulierungen wie diese, die Universitätslehrern eine Bedeutung geben, die sie im akademischen Leben haben mögen, aber eben höchstens da: "Cardoso bezeichnete Brasilien zu Recht viel mehr als ungerechtes denn als unterentwickeltes Land. Als Soziologe, der bei Florestan Fernandes studiert hatte, wusste er genau, wie sehr sozialer Aufstieg und Hautfarbe miteinander verknüpft sind." Für solche Erkenntnissse braucht man nicht Soziologie studiert zu haben, sie sind jedem klar.

Ursula Prutsch / Enrique Rodrigues-Moura
Brasilien. Eine Kulturgeschichte
Transcript Verlag, Bielefeld 2013

Wednesday, 6 January 2016

War Is Beautiful

It is not often that one comes across a photo book cover that is meant to be read. In fact, among the many photo books that have passed through my hands I do not recall a single one that provided, next to the praise of some well known people, a brief introduction. The one by David Shields starts with: "Yes, of course, from Homer to Matthew Brady to Robert Capa, war photographers have aestheticized war, but nothing prepared me for the hundreds of full-color pictures that appeared on the front page of the New York Times from the invasion of Afghanistan in 2001 and Iraq in 2003 until now."

Well, to rank Homer among war photographers I do find a bit far-fetched but, obviously, what David Shields deplores is the aestheticisation of war and the subtitle of his "War Is Beautiful" sums his view up succinctly: "The New York Times Pictorial Guide to Armed Conflict."

Shields reviewed The New York Times front pages from the invasion of Afghanistan in 2001 until the present. What he found was that "the governing ethos was unmistakably one that glamorized war and the sacrifices made in the service of war."

I must admit that I do not find this in the least astonishing for newspapers are primarily meant to entertain and not to educate us. And, above all, they should be profitable. In other words, nobody would want to be confronted with pictures of war atrocities over breakfast. Such newspapers simply wouldn't sell, I imagine newspaper owners to argue behind closed doors.

That major news organisations such as The New York Times "and the U.S. government use each other to instantiate their own authority" doesn't come as a surprise either: newspapers owners are pillors of society and not primarily given to challenging inquiry.

Nevertheless ... 

For the full review, see http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 30 December 2015

Sri Lanka - Jahre danach

Am 26. Dezember 2004 löste ein gewaltiges Erdbeben im Indischen Ozean eine Kaskade von Flutwellen aus. Dieser Tsunami traf auch auf die Küsten Sri Lankas. Die Stiftung Tamils-Aid (STA) beschloss sich direkt für die Opfer einzusetzen. "Das Buch von Judith Wirz vermittelt einen Blick auf die bestehenden STA-Hilfsprojekte und soll motivieren, den Bestand und den Ausbau dieser sinnvollen Werke auch in Zukunft zu unterstützen", schreibt Projektorganisator Adrian Wirz im Vorwort.

Ich will hier nicht auf die Arbeit der Stiftung eingehen, ich will hier die Eindrücke schildern, die die Beschäftigung mit den Fotos und dem Text von Judith Wirz bei mir auslösten.

Sri Lanka ist mir nicht ganz unbekannt, ich war zweimal, das erste Mal vor etwa 25 Jahren, das zweite Mal vor gut einem Jahr, als Tourist auf der Insel, hauptsächlich im Süden, aber auch im Hochland von Kandy.
Mir ist nie so recht klar, weshalb mich gewisse Bilder ansprechen und andere nicht. Die Gründe, die ich mir im Nachhinein zurecht lege, überzeugen mich nicht immer. Möglich, dass mich am obigen Bild der Gegensatz der ganz unterschiedlich bekleideten Frauen faszinierte, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, dass mir ganz einfach Wellen und Licht gefallen haben, die Weite und Ruhe, die ich häufig am Meer empfinde.

Die hier gezeigten Bilder sind nicht typisch für diesen Band, es sind die, die mir beim ersten Durchblättern hängengeblieben sind, wohl auch, weil es sich bei den beiden Meeresaufnahmen im Buch um grossformatige Fotos handelt.

Und da sich diese Aufnahmen in einem Fotoband über Hilfsprojekte in Sri Lanka findet, gehen meine Gedanken auch zum Tsunami im Jahre 2004, als dieses Meer alles andere als ruhig war, ganz heftige Wellen aufs Land trafen und Tod und Verwüstungen zurückliessen. Und wie immer sind es fast mehr die Informationen, die ich zum Bild bringe, als die Bilder selber, die dann wiederum andere Bilder in meinem Kopf auslösen
"Es ist heiss und feucht! Ich bin in Sri Lanka, Colombo Flughafen, gelandet. Es ist März, Ankunftszeit 05.00 Uhr", so beginnt Judith Wirz ihren Reisebericht. Und so schildert sie die Fahrweise auf der Insel. "Nur nicht anhalten! Es wird auch an engen Stellen, sogar vor unübersichtlichen Kurven überholt, immer begleitet von Hupen. Der, der überholt, hupt, der Überholte hupt und der, welcher entgegenkommt, hupt auch und weicht irgendwie aus. Schlimmstenfalls bremst der Überholte und wenn es kein Ausweichen gibt, steht einfach der Verkehr still. Aber sie schaffen es, aneinander vorbei zu kommen. Und immer ruhig, nie würde einer die Fahrweise des anderen kritisieren."

Viele Bilder zeigen Alltagsszenen  einen Busstop, Mittagessen in einer Bar, einen Bahnhof, einen fahrenden Zug, Männer beim Fischfang, Tuk Tuks, Verkaufsstände etc. – und sie gewinnen durch den gänzlich unprätentiösen, sachlich und nüchtern beschreibenden Text, weil dieser ihnen eine Dimension hinzufügt, die Bildern naturgemäss fehlt. Geräusche etwa. "Um 23.00 Uhr wird es ruhiger. In meinem Zimmer hat es zuwenig Licht zum Lesen. Ein riesiger Laster dröhnt vorbei. Der Benzingestank dringt durch die Öffnung im Badezimmer. Um 01.30 Uhr ein lautes Scheppern aus der Küche, Essen wird in Blechpfannen hin- und hergeklopft. Dann endlich Stille."
Die mir liebsten Aufnahmen sind die Porträts. Eine junge Frau an der Nähmaschine, ein Mädchen beim Schreiben, der Leiter eines Kinderheims in seinem Büro, ein vielleicht fünfjähriges Mädchen beim Tanzen, ein lachender junger Mann mit Elektrokabeln. Oder eben das obige Bild, das mich automatisch zum Strahlen bringt.

Judith Wirz
Sri Lanka   Jahre danach

Wednesday, 23 December 2015

René Burri: Mouvement

Als der Magnum-Fotograf René Burri sich vor einigen Jahren als Patient im Zürcher Universitätsspital aufhielt, wurde er unter anderem auch von meiner Schwägerin Nadja, die damals dort als Krankenschwester arbeitete, betreut. Eines Tages fragte sie ihn, ob er mich kenne, da ich ja regelmässig über Fotografie publiziere. Ich war ihm nicht bekannt, doch er schenkte Nadja eines seiner Bücher, mit Widmung, als er das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Ich erzähle das, weil ich deutlich machen will, dass mein Burri-Bezug sich nicht nur auf Fotos beschränkt ...

Meine lange Zeit liebsten Burri-Bilder waren die brasilianischen und das hat natürlich auch ganz viel damit zu tun, dass mich Brasilien und die Brasilianer ungemein faszinieren. Ich war schon einige Male dort, habe sowohl den Nordosten als auch den Süden ausgiebig bereist und bin gerade eben wieder auf dem Sprung nach Santa Cruz do Sul, einer Stadt  mit etwa 120'000 Einwohnern, zwei Stunden von Porto Alegre, im Landesinneren, gelegen, wo ich einmal während eineinhalb Jahren Englisch unterrichtet habe.

In den beiden vorliegenden, edel gestalteten Bänden, einer mit schwarz/weiss, der andere mit farbigen Aufnahmen, entdecke ich viele, mich sehr ansprechende und bis anhin unbekannte Burri-Fotos, die beeindruckend vorführen, dass Fotografie Kunst sein kann (und das ist sie für mich selten). Woran das liegt, kann ich nicht wirklich erklären, doch Verstehen sei ein Gefühl, habe ich einmal bei Robert Adams gelesen (In "Beauty in Photography") und dieses sagt mir, dass ich es bei vielen dieser Aufnahmen mit qualitativ Hochstehendem zu tun habe.

Der schwarz/weiss-Band von Mouvement wird von zwei Vorworten eingeleitet. Das eine stammt vom Kurator und Kritiker Hans Ulrich Obrist, ist mit "Fotografie ist Zugang zum Leben" überschrieben, wenig inspirierend und voller ziemlich leerer Behauptungen wie: "In all seinen Fotografien verleiht er den Architekturen ein Moment der Lebendigkeit. Und dennoch sind seine Architektur- und Künstlerporträts immer eine Hommage an das Werk und den Geist ...". Das zweite Vorwort, vom Verleger, Künstler und Autor Philipp Keel, ist wesentlich ansprechender: es berichtet von ganz unterschiedlichen persönlichen Begegnungen mit dem schwierigen und sehr widersprüchlichen Menschen René Burri.

Dem farbigen Band ist ein Vorwort von Hans-Michael Koetzle, der mehrere Bücher mit dem Fotografen konzipiert hat, beigegeben. Man erfährt da unter anderem, dass Burri die Schweiz zu eng war. "Die Kamera, so glaubte ich, sei meine Chance, mich aus den Schweizer Bergen herauszuwuchten." Und wie er nach dem Abschluss der Fotoklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule ("wo wir nur Kaffeetassen im Licht fotografiert hatten") völlig unvorbereitet auf den Fotojournalismus war und sich den Weg in diesen hinein mühsam erarbeiten musste.
René Burri, Brasilia, 1977 @ Fondation René Burri/Magnum Photos
Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich

Als Burris Stärke bezeichnet Koetzle, "dem Augenblick eine klar gegliederte, gleichwohl komplexe, an Bezügen reiche Bildaussage abzuringen. Burris Bilder sind gedachte, gestaltete Bilder von klarer, strenger Form, was mit 'Formalismus' nichts zu tun hat. Eher schon mit dem Willen, die Welt über sehr persönliche, dabei überlegt gebaute Bilder zu erklären."

Was ums Himmels Willen sind bloss gedachte Bilder? Und: Will der Fotograf uns wirklich mittels Bildern die Welt erklären? Können Bilder das überhaupt leisten? Ist es nicht eher umgekehrt, dass nämlich die Bilder erklärt gehören?

Nichtdestotrotz, Hans-Michael Koetzles Text ist höchst informativ und liest sich spannend. Am schwächsten ist er (jedenfalls für mich), wo er andere zitiert. Jan Thorn Prikker etwa, der einmal Burris Fotografieren so beschrieben hat: "Er legt seine Bilder so an, dass sie mehr zeigen, als sie enthalten. Er lädt sie auf eine geheimnisvolle Weise mit Sinn auf, der sich aus einem dokumentarischen Kern heraus entwickelt. Dabei gehen die Zeichen nie in blosser Ästhetik auf, obwohl alle seine Aufnahmen in hohem Masse auch schöne Bilder sind." Für mich ist das sinnfreies Geschwafel.
René Burri, Buenos Aires, 1960 @ Fondation René Burri/Magnum Photos
Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich

Zugegeben, es ist nicht einfach, über Fotos zu schreiben. Und so recht eigentlich würde man es besser lassen und gescheiter möglichst viele Informationen zum Entstehen der Bilder beisteuern. Und wenn man das nicht kann, ist immer noch besser, man beschreibt, was die Bilder in einem auslösen anstatt dem Fotografen zu erklären, was er gemacht/gemeint hat. Und überhaupt: Viel Zeit zum Nachdenken ist da häufig nicht. Vor allem bei der Reportagefotografie muss es meist schnell gehen. In Burris Worten: "Bilder sind wie Taxis zur Hauptverkehrszeit – wenn man nicht schnell genug ist, bekommt sie immer ein anderer."

Was also löst das Brasilia-Foto in mir aus? Zuallererst: Staunen über die Komposition, über Burris Händchen fürs Einrahmen, sein "gutes Auge". Dann der Gedanke, wie fast immer bei Brasilia-Bildern: Wie dominant diese Architektur ist, immer wirkt der Mensch verloren in ihr. Und schliesslich: Die beiden geschwungenen Linien sind mir zu prominent, wirken auf mich zu schwer (jedenfalls auf dem jpg auf dieser Seite, im Band selber kommen sie weniger schwer rüber, weil das Foto viel grösser ist). Da hätte ich gerne die Kontaktabzüge gesehen und mich vermutlich für eine andere Version entschieden.

Und das Buenos Aires-Bild? Ich kenne diesen Platz, war einmal vor Ort. Sofort wandern meine Gedanken zu der Zeit, als ich mich ein paar Wochen in dieser für mich schönsten Stadt der Welt aufgehalten habe: Bilder im Kopf lösen sich in schneller Folge ab, zwei bleiben hängen: Der Friedhof La Recoleta im Regen. Und auf dem Weg dorthin: eine junge, sehr schöne und sehr verloren wirkende Frau auf der Treppe eines Hauses sitzend und mit leerem (Drogen)-Blick auf die Strasse starrend.

Für mich sind Fotos vor allem Trigger. Warum sie auslösen, was sie auslösen, wer will das schon wissen? Ich jedenfalls bin kein Anhänger des Ursache-Wirkung-Erklärungsmodells für Vorgänge im Unbewussten. Eine berühmte Aufnahme von Cartier-Bresson zeigt ein Picknick am Ufer der Marne. In Mouvement gibt es auf Seite 29 des schwarz/weiss-Bandes ein Foto, das Kinder beim Hinaufklettern einer Rampe zeigt und mich innerlich jubeln macht. Ich kann nur raten, weshalb mich dieses Bild an Cartier-Bressons-Marne-Aufnahme erinnert: Liegt es vielleicht daran, dass beide Fotos Lebensfreude ausdrücken? 

Mouvement ist eines dieser raren Foto-Dokumente, bei dem ich intuitiv weiss, dass ich die Aufnahmen eines begnadeten Gestalters betrachte.

René Burri
Mouvement
Diogenes / Steidl