Wednesday, 22 October 2014

Elena Perlino: Pipeline

Elena Perlino, a documentary photographer, born 1972 in Italy, lives in Paris and attempts, I read on the back cover of her book Pipeline, "to show the complexities and contradictions" of migrant Nigerian prostitutes' experiences in Italy. I'm not really sure how photographs can actually show that ... I'm not saying that the life of "sex slaves" or "victims of trafficking", as they are mostly referred to in this book, is not full of complexities and contradictions – it is, it is (and, by the way, what is not?) – yet photographs, by their very nature, are reductions of complexities and thus not exactly apt at showing them. 

Elena Perlino seems to be aware of this which is why the book comes with texts that, in addition to the pictures, try to express that complexity with words. The one text I warm to most is The Girls from Benin City ...

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Wednesday, 15 October 2014

Interkulturelle Kommunikation

Zuerst aufgefallen ist mir, dass dieses Buch von einem emeritierten Lehrstuhlinhaber für Marketing (Stefan Müller) und einer Lehrstuhlinhabern für Internationales Management (Katja Gelbrich) verfasst worden ist, von Leuten also, die nicht unwesentlich mit Fragen des Verkaufens befasst sind und damit speziell geeignet scheinen, sich über interkulturelle Kommunikation auszulassen. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass der Teil über kommerzielle Kommunikation, der praktischen Relevanz wegen, der ergiebigste ist.

Meinen ersten Blick warf ich ins Literaturverzeichnis, wo ich, wie zu erwarten war, mein eigenes Buch nicht fand. Doch auch einige der Autoren, von denen ich viel halte und einiges gelernt habe, waren dort nicht zu finden: Christoph Antweiler, Norbert von Mecklenburg und ganz besonders Elmar Holenstein. Dafür waren natürlich ganz, ganz viele andere dort vermerkt ...

Interkulturelle Kommunikation wendet sich an Studierende und Doktoranden. Da wird also unterschieden, was unterschieden werden kann, werden Begriffe erfunden, um dann wieder geklärt zu werden, wird das akademisch Gefragte präsentiert – damit Studierende und Doktoranden ihre Prüfungen bestehen können. Doch was hilft es dem interkulturell Interessierten, wenn er oder sie weiss, dass es nicht nur verbale und nonverbale, sondern auch paraverbale, und extraverbale Kommunikation gibt?

Die Fülle an Informationen, die Eingang in dieses umfangreiche Werk gefunden hat, ist beeindruckend. Ob die gewählten Beispiele zutreffend dargestellt worden sind, vermag ich nicht generell zu beurteilen, in Einzelfällen hingegen schon. Dass etwa in Thailand "abfällige Bemerkungen über den König und dessen Familie" zu "den ungeeigneten Gesprächsthemen zählen" sollen, gehört jedenfalls zu den Untertreibungen des Jahres, denn Majestätsbeleidung kann in Thailand (laut Wikipedia) mit Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren geahndet werden.

Schade auch, dass die Ausführungen zu "Sprachrelativismus vs. Sprachuniversalismus" so dürftig ausgefallen sind: Sollte 'die Realität' "nicht unterschiedlich wahrgenommen, sondern unterschiedlich kategorisiert und benannt werden", wäre das ja nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Diskussion, denn so recht eigentlich wird doch 'die Realität' erst nachdem sie unterschiedlich kategorisiert und benannt worden ist, auch unterschiedlich wahrgenommen.

Es versteht sich: man kann auf 500 Seiten unmöglich umfassend über ein so weites Feld wie die interkulturelle Kommunikation informieren, doch dass ich da überhaupt gar nichts von Grundkonzepten wie etwa dem thailändischen sanug oder dem brasilianischen jeito las, ohne die diese Kulturen kaum verständlich sind, schien mir dann doch reichlich seltsam. Noch seltsamer ist hingegen die Logik dieser Sätze: "An den zahllosen Ahnenschreinen kann jeder Thailand-Reisende die Toleranz des Buddhismus erkennen. Denn obwohl 94% der Thais sich zum Theravada-Buddhismus bekennen, bestimmen nach wie vor die ursprünglich animistischen Rituale – wie die Ahnenverehrung – das tägliche Leben insb. der Dorfbevölkerung." Nun ja, die Lebenserfahrung lehrt, dass das, wozu man sich bekennt und das, was man praktiziert, sich eher selten decken.

Nichtsdestotrotz, ich finde Interkulturelle Kommunikation auf vielfältige Art und Weise informativ und anregend. So erfährt man etwa, dass die Sprache nicht nur für die Konstruktion der Wirklichkeit entscheidend ist, sondern ebenso "um den sozialen Status der Sprecher zu steigern und (Sexual)Partner zu gewinnen." Oder dass die Variante "Blutspenden verhindern Todesfälle" offenbar mehr Menschen dazu bewegt, Blut zu spenden als die Variante "Blutspenden retten Leben". Oder dass die Effizienz interkultureller Teams "im Prinzip nicht schlechter, zum Teile sogar besser" sei, als die von monokulturellen Gruppen, nur müssten erstere "in der Anfangszeit mehr Probleme bewältigen."

PS: Die Schweiz wird übrigens zweimal erwähnt, beide Male mit einem weitestgehend identischen Text: "Es ist für Schweizer normal", lese ich da, "sich schon vor dem Treffen mit allen Beteiligten über ihre Standpunkte auszutauschen. Das Ergebnis steht oft zum grossen Teil schon vor dem Beginn des Meetings fest." Das liegt vermutlich auch daran, dass man in der Konsens-Schweiz den Kompromiss sucht, bevor man das Problem erkannt hat, nur scheint diese Konsens-Schweiz seit einiger Zeit in Auflösung begriffen ...

Stefan Müller / Katja Gelbrich
Interkulturelle Kommunikation
Verlag Franz Vahlen, München 2014

Wednesday, 8 October 2014

In Amsterdam

At Schiphol airport, a middle-aged woman who speaks a language I cannot really place (something Eastern European, probably a Southern Hungarian dialect) waves a piece of paper in front of my nose, points at the barcode on the paper and makes gestures that indicate I should talk to the ground hostess on behalf of her. The ground hostess asks whether I speak Spanish (the next plane is due to leave for Barcelona) but the woman I'm sort of representing says no, no Spanish and is then told (the gound hostess jots it down next to the barcode) to go to transfer 3 ...

It's warm and sunny, lots of people are on the streets. Holland is a very densely populated country, the same size as Switzerland with a population twice as big as the Swiss.
The shuttle bus from my hotel to the airport leaves every 30 minutes. Shortly before the scheduled departure time, an Italian man in his fifties is getting nervous, he consults his watch and when the bus doesn't arrive exactly on time he heads towards the reception to complain. I feel slightly irritated when Italians behave more Swiss than the Swiss and readily admit that I expect them to meet my expectations and be good-looking, well-dressed, loud and chaotic.

The young man says he's from the Czech Republic and wants to know where I'm from and whether I'm alone here, have family and and and  ... Could I take a photo of him? He hands me his camera, I focus on him ... when all of a sudden two big guys are standing next to us. "Police", they say, "where are you from, can we see your passports?" They check the passport of the Czech, they see my red one and don't bother checking it. "Please show us your money", they say. We do as we are told. I ask why they check our money. There are quite some people coming to Amsterdam in order to buy drugs, they say, and people with lots of cash are usually in that line of business.
The Foam Photography Museum at Keizersgracht showed "Under Construction - New Positions In American Photography" as well as "Shadows, Patterns, Pears" and "Close Surrounding". I could not only have done without these exhibitions (what the titles suggest, you get to see: utterly pretentious stuff) but strongly felt that this was very probably my last visit to a museum.

At Schiphol airport, on the day of my departure, I spotted a sign that read: 
Smoking area. 
Inside Sportscafé

Wednesday, 1 October 2014

Erich Lessing: Anderswo

Für mich sind die Bilder des 1923 in Wien als Sohn eines Zahnarztes und einer Konzertpianistin geborenen Erich Lessing eine Entdeckung, mir waren der Mann und sein Werk bisher nicht bekannt.

In Anderswo finden sich Aufnahmen vom Ungarn-Aufstand 1956 sowie aus Wien und Prag, aus Polen, Deutschland, der Türkei und und und. Es seien Dokumente von tiefer Menschlichkeit, bestechend durch das Zusammenspiel von Momentbeobachtung und Komposition, lese ich im Klappentext. Nun ja, so recht eigentlich ist doch jedes Foto ein "Zusammenspiel von Momentbeobachtung und Komposition", doch glaube ich zu erahnen, was mit der tiefen Menschlichkeit gemeint ist. Jedenfalls berühren mich  Lessings Bilder sehr und tun es jedesmal von Neuem, wenn ich zu diesem Band greife.

Verstehen sei ein Gefühl, habe ich bei Robert Adams gelesen. Viele der Aufnahmen in Anderswo lösen in mir sehnsüchtige und auch melancholische Gefühle aus. Das mag zum Teil an den Sujets liegen, doch möglicherweise eben auch daran, dass zum Beispiel das obige Titelbild vom Wiener Westbahnhof im Jahr meiner Geburt aufgenommen worden ist.

Dem Herausgeber Thomas Reche ist aufgefallen, "dass kaum eine der in diesem Band aufgenommenen Personen in die Kamera lächelt, wie es inzwischen längst auch bei Kindern auf Wunsch der Erwachsenen üblich geworden ist, weil man 'positive' Erinnerungsbilder von sich erzeugen und hinterlassen möchte." Das mag auch kulturelle Gründe haben. Letzthin vernahm ich, dass es in Georgien auch heutzutage nicht üblich sei, in die Kamera zu lachen.

Es sind mehrheitlich Alltagssituationen aus der Nachkriegszeit, die in Anderswo abgebildet sind, doch findet sich in dem Band auch etwas zu der Zeit ganz Neues und Ungewöhnliches: Aufnahmen von Polens erster Miss-Wahl im Seebad Sopot, zu der sich Tausende einfanden. "Auf einmal war man in einer anderen Welt, es war kein kommunistisches Regime mehr."

In Zeiten. in denen wir tagtäglich von Flüchtlingsschicksalen lesen und sehr oft mit Bildern von ganz vielen Menschen zusammengepfercht auf einem Boot konfrontiert werden, ist es besonders aufwühlend, Lessings Aufnahmen von mehrheitlich einzelnen Flüchtlingen im türkischen Edirne zu betrachten, weil sie eindrücklich das Verlorensein dieser Menschen vor Augen führen.

Anderswo gehört zu den seltenen Fotobüchern, bei denen sich Bilder wie auch die diese erläuternden Texte durch grosses Einfühlungsvermögen auszeichnen.

"Photographie ist für mich ein wunderbares Medium, um zu reisen und Menschen kennenzulernen. Sie ist aber nicht der Hauptinhalt des Lebens. Der Hauptinhalt des Lebens ist leben. Die meisten Photographen sehen die Welt immer nur durch den Sucher", wird Erich Lessing zitiert. An vielen Orten hat er dabei Stimmungen eingefangen – die mir liebsten, an Filmszenen gemahnend, im norwegischen Tromsö – , die Herausgeber Reche treffend mit "Leben fixieren und bewahren" bezeichnet hat. Schön, dass es diesen Band gibt, er hilft auf behutsame Art und Weise, uns an das Geschenk des Augenblicks zu erinnern.

Erich Lessing
Anderswo
Nimbus Verlag, Wädenswil 2014

Wednesday, 24 September 2014

Pamela Littky: Vacancy

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Many years ago, I was driving from Las Vegas to LA and quite a few of the scenes pictured in Pamela Littky's Vacancy brought back mental images and some of the accompanying feelings from back then. Spending time with this well-done book also triggered memories from a more recent trip though Death Valley that included a night at Marta Becket's Amargosa Opera House in Death Valley Junction and a visit to a casino at the Nevada border - the pics that Littky took in the town of Beatty bought vividly back this casino visit.

Although photography is said to bring time to a standstill, the pics in this tome radiate a strange absence of time and that probably has to do with the sensation of eternity that one can feel in the desert. "The desert air clears everything away", as Pamela Littky observes. 

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Wednesday, 17 September 2014

Swiss Press Photo 2014

Photograph @ Mark Henley

Given the number of press photos that are taken in the course of a year, it is quite a task to choose the Swiss Press Photographer of the Year. In 2013 the award went for the second time to Mark Henley and inspired Philipp Mäder to his supremely uninspiring question: "Are there no other good photographers in Switzerland?" to which Henley ... well, I assume you will guess his answer ...  
Photograph @ Mark Henley

 I often wonder what makes a jury decide that a certain shot merits to be rewarded. Luc Debraine, member of the Swiss Press Photo 2014 jury, penned: "In a competition such as this, Mark Henley's talent is obvious. His composition skills, his mastery of light and movement, wrapped with a tinge of irony, simply outcompete all other entries. Mark Henley best embodies the qualities of photojournalism, especially through his unwavering professionalism at events as chaotic as the Geneva talks on Iran's nuclear programme."

I readily admit that it is indeed difficult to find words that convincingly express what makes an outstanding photograph but what Luc Debraine offers here is so generally put that his words hardly say anything that couldn't be said about a lot of press photographs. From a jury member I would have expected a bit more eloquence.
L'attente @ Jean-Claude Roh

L'attente by Jean-Claude Roh is one of my favourite series in this tome. Because of what it does to me –  it invites me to contemplate things as they are, it makes me feel calm. I guess that's to do with the fact that my eyes aren't showing me anything extraordinary: some man-made objects placed into nature, a tree, bushes, and a mountain range in the distance. No clue what these objects in the foreground are ... places to sit on? From the text accompanying this photo I learn that what I'm looking at is the lido in Vevey in march 2013.
Photograph @ Helmut Wachter

Another favourite is Helmut Wachter's series of Zurich's most international intersection where Rolandstrasse and Zinistrasse meet. In the Midway-Bar gather the Thai Ladies and the Swiss who would rather be in Phuket, in the Biondi the old Italians, and at the hairdresser's place the Central Africans.

There are lots of discoveries to be made in Swiss Press Photo 2014. And lots to be learned about what happened in 2013. Since press photography is not only about pictures but about pictures with words, Swiss Press Photo 2014 represents an illustrated history of the year 2013.

Swiss Press Photo 14
German / French / Italian / English
Benteli Verlag, Sulgen 2014

Wednesday, 10 September 2014

Mann trifft Frau

Ich bin ein Fan von Piktogrammen, der Reduktion auf erkennbare Gemeinsamkeiten. Man denke etwa an Flughäfen, wo man sie auf Schritt und Tritt antrifft. Und wo besonders augenscheinlich ist, wie hilfreich sie sind, denn Flughäfen sind Orte, wo sich Menschen ganz vieler und ganz unterschiedlicher Kulturen treffen und wo Piktogramme imstande sind ausnahmslos allen als Orientierung zu dienen.

Die 1976 in Peking geborene Grafikerin Yang Liu verwendet in ihrem Mann trifft Frau Piktogramme, um sich dem Verhältnis der Geschlechter anzunehmen.
Spiegelbild / Spiegelbild

Dass Mann und Frau die Dinge häufig verschieden sehen, ist bekannt. Das heisst, dass sie das, was sie sehen, verschieden interpretieren. Das sind doch Klischees, Stereotypen, Vereinfachungen also, die der Komplexität der Sache schlicht nicht angemessen ist, denn schliesslich ist Frau nicht gleich Frau und Mann nicht gleich Mann, werden jetzt einige vermutlich einwenden. Darauf kann ich nur sagen: Ich liebe Klischees, bin fasziniert von Stereotypen und nichts ist mir teurer als Vereinfachungen. Ich meine intelligente Vereinfachungen.
moderner Mann / Heimchen am Herd

Klar, nicht jede Vereinfachung geniesst meine Bewunderung, nicht jedes Simplifizieren ist hilfreich und selbstverständlich gibt es auch Klischees und Stereotypen die ausgesprochen dumm sind. Meine Faszination gehört den Generalisierungen, die Komplexes auf den Punkt bringen. Und zwar humorvoll auf den Punkt bringen.
mysteriöse Gegenstände / mysteriöse Gegenstände

Yang Liu führt uns gekonnt vor Augen, wie wir mit Stereotypen umgehen sollen: augenzwinkernd.

Yang Liu
Mann trifft Frau
Taschen, Köln 2014