Wednesday, 23 July 2014

The blue guitar

They said, ‘You
have a blue guitar,
You do not play
things as they are.’
The man replied,
‘Things as they are
Are changed upon
the blue guitar.’

Wallace Stevens

Wednesday, 16 July 2014

Tobias Madörin: Topos

Anlässlich der Buchvernissage in der Photobastei in Zürich stand ich längere Zeit vor einer grossflächigen Aufnahme, die ein Meer von Hochhäusern zeigte und die, wäre da nicht auf einem der Wolkenkratzer Banco do Brasil gestanden, eigentlich überall auf der Welt hätten stehen können. Und wenn man es recht bedenkt, ändert auch die Aufschrift Banco do Brasil nichts daran, denn diese Bank hat auch Aussenstellen in anderen Ländern. Nur eben: die Bildlegende sagte, es handle sich um die Avenida Paulista in São Paulo, aufgenommen im Jahre 2002. Wie Schubladen kämen ihm einige dieser Gebäude vor, sagt der Mann neben mir und kaum hat er dies gesagt, sehe ich überall Schubladen auf dem Bild.
Jänschwalde, Deutschland, 2005 © Tobias Madörin

Vor dem obigen Bild, das die ganze Wand einnimmt, steht eine Frau, die mir gefällt. Ich spreche sie an. Wüsste man nicht, wo das aufgenommen worden sei, könnte das eigentlich überall stehen, auch in Hong Kong (ich zeige auf eine Aufnahme an der gegenüberliegenden Wand; ich habe gelesen, sie sei in Hong Kong gemacht worden), sage ich. Nein, nein, erwidert sie, hier werde Kohle gefördert, das sei ein Tagebauwerk, als Kind habe sie in einem solchen gespielt. Sie stammt aus dem Osten Deutschlands, lebt aber schon länger in Zürich. Ich kann mir bestens vorstellen, wie sie als Kind in dieser Umgebung gespielt hat. Und sehe jetzt eine ganz andere Aufnahme als noch kurz zuvor. 
Salinas Grandes, Argentina, 2011 © Tobias Madörin

Häufig ist es die Information zum Bild, die meine Wahrnehmung lenkt, beeinflusst, ja bestimmt. Weswegen denn auch eine Bildlegende wie "Salinas Grandes, Argentina" einigermassen problematisch ist, denn in Argentinien gibt es drei solcher Salzwüsten, eine im Osten, eine im Nordosten und eine im Süden. Um welche es sich bei diesem Bild handelt ist nicht klar, aber vielleicht ist es ja auch egal, vielleicht sehen die ja alle ähnlich aus.
Playa de Levante, Benidorm, España, 2002 © Tobias Madörin

 Ich weiss nicht, was ich mit diesem Bild machen soll, was ich davon halten soll. Doch die Komposition gefällt mir; ich stelle mir vor, dass die Badenden wohl alle in diesen Gebäuden Platz finden würden. 
Weesen, Schweiz, 1999 © Tobias Madörin

Es ist das Privileg des Fotobetrachters, dass ihm egal sein kann, was der Fotograf für Absichten gehabt hat, als er seine Aufnahmen gemacht hat. Und so betrachte ich nun also einige halb im Wasser stehende Häuser in Weesen. Ich irre mich, denn offenbar handelt es sich um eine Landhausvilla mit Garage, wie ich aus dem Begleittext von Nadine Olonetzky erfahre. "Der Pegelstand zieht eine Linie durch das Anwesen, das Inbegriff ist einer neureich-kleinkarierten Wohnidylle. Er bildet zugleich die Spiegelachse, an der die Szenerie nach unten geklappt und auf den Kopf gestellt ist: Zedern, Buchen, Föhren, ein Berg und Wolken spiegeln sich malerisch in der Wasserfläche, und so wird das Anwesen zu jenem Wolkenkuckucksheim, das es eigentlich auch ohne Flut schon ist. Als gebaute Fiktion ist es beispielhaft für viele Material gewordene Lebensentwürfe oder Wunschträume. Gleichzeitig stellt das Haus im Wasser einen Topos dar für die existenzielle Gefährdung, in welcher der Mensch nun einmal zu leben hat und die letztlich durch kein noch so hübsch konstruiertes Privatparadies zu eliminieren ist." Es versteht sich: die Häuser, die ich jetzt sehe, sind etwas ganz anderes als die Häuser, die ich zuvor gesehen habe. Auch wenn die Aufnahme noch immer dasselbe zeigt: einige halb im Wasser stehende Häuser.

Tobias Madörin
Topos
Herausgegeben von Nadine Olonetzky
Scheidegger & Spiess, Zürich 2014

Wednesday, 9 July 2014

In Chiang Mai

It's probably twenty years since I've last been to Chiang Mai and, needless to say, the city has considerably changed and is by now, I'm told, four times bigger than it then was. There are however also things that feel pretty much the same - the early morning hours, for instance, that I feel attracted to because of the light, the calm, the people sweeping their house entrance ... I love taking part in how a day comes into being ...
I almost always feel good in Thailand. I like the climate, the food, and I like the people. It's to do with their easy-going manners. Many years ago, I landed at Phitsanulok airport. There was no bus, no taxi, no tuk tuk. I asked an airport official how I could get to town. Moment please, she said, left the room and came back after a few minutes: My master will drive you, she let me know. Her master turned out to be the airport chief who wanted to know what my plans were. I think of going to Mae Hong Song, I said. How? By bus I think. No good idea, he informed me, many curves. You better do it the Thai way. And what is the Thai way? Easy, he said, you fly. And that is what I eventually did.
Some weeks ago, the military took over governing the country, there are soldiers on the streets, they appear friendly. A charm offensive, comments a New Zealander who welcomes the military presence. It was really dangerous in Bangkok before the coup, he says.

A lady in her sixties from Geneva tells me that the Swiss embassy in Bangkok discourages tourists from visiting. It wouldn't occur to me to seek advice from an embassy when wanting to know what is going on in a country.
At the hotel swimming pool: A cute couple in their early twenties from Scotland - he's very white, tattoos cover almost his entire body, she's got light-brown skin and a tattoo on her left thigh - ask me whether the water in the pool is cold. I'm not sure whether they are joking but they are not. About 23 degrees, I would guess. Too cold, says the young guy, his girlfriend eventually jumps in and survives.

Carol Hollinger, in her wonderful Mai Pen Rai Means Never Mind describes how the school where she was teaching went on a trip to the sea. The totally overloaded bus was eventually stopped by a police officer ... who objected that the number plates were upside down.

In order to understand Thai mentality, it is useful to have a closer look at Thai traffic. To be sure, there are rules but don't count on them being diligently observed. It would be against Thai mentality to enforce traffic rules, I remember a Thai police general once saying. Another Thai general, many years ago, suggested that to avoid traffic jams all traffic lights should be permanently put on green.

Muddling through does not seem to be an option in business plans, Chris Patten, the last Governor of Hong Kong, wrote in East and West, it is however good advice for surviving Thai traffic. Moreover, it will help you go through it creatively and elegantly.

Wednesday, 2 July 2014

Fotos für die Pressefreiheit 2014

Artikel 19 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 sagt: "Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäusserung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten zu vertreten sowie Informationen und Ideen mit allen Kommunikationsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten."

Ausdruck dieser Meinungsäusserungsfreiheit ist auch die Pressefreiheit, die im vorliegenden Band, der aus Anlass des 20jährigen Bestehens von "Reporter ohne Grenzen" erscheint, ihren visuellen Ausdruck findet.

Das Titelbild zeigt Edward Snowden, der mit seinen Enthüllungen über die weltweiten Aktivitäten des US-Geheimdienstes NSA klar gemacht hat, dass das Freiheitsgeschwafel von Politikern nichts als Propaganda ist und wir schon längst in einem Überwachungsstaat leben.

Ich bin diesen Band mit einiger Skepsis angegangen, da ich wie der deutsche Journalist Paul Sethe (1901-1967) der Meinung bin, bei der Pressefreiheit handle es sich um "die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten."  Umso überraschter war ich dann, dass mich die Beschäftigung mit den Fotos für die Pressefreiheit 2014 nachhaltig beeindruckte.

Erwartet hatte ich die üblichen Pressebilder aus den mittlerweile vertrauten Kriegsgebieten und natürlich finden sich solche Aufnahmen auch in Fotos für die Pressefreiheit 2014, doch eben nicht diese sattsam bekannten, in denen man zielende Scharfschützen zu sehen kriegt, sondern einen schweren Wintersturm in Damaskus oder eine Schulklasse afghanischer Flüchtlingskinder ausserhalb von Jalalabad im Sand auf einem Teppich sitzend ihrem Lehrer lauschend.

Glänzend gelungen ist Misha Friedman die visuelle Darstellung der Korruption in Russland. So zeigt ein Bild eine von Autoscheinwerfern beleuchtete Strasse, deren Asphalt reparaturbedürftig ist. Der Text dazu sagt, dass trotz Investitionen in Milliardenhöhe zur Sanierung des russischen Strassennetzes zentrale Landstrassen schwer befahrbar geblieben sind. Auf einem anderen Foto sieht man einen Mann in einem Saal an einem Fenster stehen. "Ein Mann blickt im Konstantin-Palast in St. Petersburg gelangweilt aus dem Fenster", liest man in der Bildlegende. Mir gefällt das Bild, mir kommt der abgebildete Mann einsam vor, doch woher will der Fotograf wissen, ob er "gelangweilt" war?

Überzeugend auch die Porträtierung des Teams der Tageszeitung Folha de S. Paulo durch den Brasilianer André Vieira, dessen Reportage sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass es neben den Bildlegenden auch einen höchst informativen Begleittext zu lesen gibt, der Auskunft über den Fotografen, sein Herkommen, seine Interessen sowie das Entstehen des Folha de S. Paulo-Porträts gibt. Dasselbe lässt sich auch sagen über Zhang Keghuns Bericht über die Verschmutzung des Gelben Flusses und Poulomi Basus Reportage über die Arbeit der Soldatinnen beim indischen Grenzschutz. Und über so recht eigentlich alle Beiträge in diesem anregenden, informativen und sehr empfehlenswerten Band.
Copyright @ Poulomi Basu
Eine Einheit von 118 Frauen wartet im Morgengrauen
im Herlager Khatka, Punjab, auf den Beginn ihres Trainings.

Fotos für die Pressefreiheit 2014
20 Jahre Reporter ohne Grenzen
taz Verlags- und Vertriebs-GmbH, Berlin
Vertrieb Schweiz: Benteli Verlag, Sulgen

Wednesday, 25 June 2014

Impressions from Ecuador

Some time ago, John Daniel returned from three weeks in Ecuador to his home in Bakersfield, California. We know each other from Schütz & Kanomata, a language school in Santa Cruz do Sul, where I taught English and John was an eager student of Portuguese. The photos below were taken in mid-May 2014, in Cuenca. The texts that accompany the shots were written by John.

Copyright @ John Daniel

Ecuadorians apparently have a sense of humor. A crab was served to me this way. Why did the crab offer the diner a salad? So he could get his body smashed with a wooden mallet.

Copyright @ John Daniel

Why did the goose go in the store? Because his mistress, an elderly indigenous woman, brought him in there in a blue bag along with other shopping bags. She apparently did not want him to bite anyone.

Copyright @ John Daniel

Overhead shot of the 9 de octubre mercado.

Wednesday, 18 June 2014

Magnum Revolution

Magnum Photos wurde 1947 in Paris als weltweit erste kooperativ geleitete Agentur freischaffender Fotografen ins Leben gerufen; die vier Gründungsmitglieder waren Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David "Chim" Seymour.

Magnum Revolution dokumentiert rund 30 Revolutionen mit Hunderten von Schwarz-Weiss und Farbaufnahmen von 40 Fotografen, vom Ungarischen Aufstand  im Jahre 1956 bis zum Arabischen Frühling von 2011-2012. Einige der Bilder in diesem eindrücklichen Band sind Teil des kollektiven visuellen Gedächtnisses geworden, andere wiederum liessen mich einigermassen verblüfft zurück. So war ich beim Fall der Berliner Mauer vor Ort und musste/durfte beim Betrachten dieser Fotos verwundert zur Kenntnis nehmen, dass die Bilder in meinem Kopf mit den Bildern in diesem Band (bis auf eins) absolut gar nicht zu vereinbaren waren.

Der Untertitel Fünfundsechzig Jahre Freiheitskampf macht klar, dass es sich um ein historisches Dokument handelt. Und möglicherweise wird es auch eines der letzten dieser Art sein. Denn, wie Jon Lee Anderson in seinem einleitenden Essay ausführt: "Kein Magnum-Fotograf hielt die letzten Momente im Leben Gaddafis nahe der Stadt Sirte fest, doch konnten wir alle sehen, was geschah. Mehr und mehr werden die Realitäten heutiger Konflikte auf diese Weise aus nächster Nähe in die Welt getragen, entweder durch unbeteiligte Bürger oder durch die Kämpfenden selbst. Sie filmen und fotografieren, was sie sehen und tun, und stellen es dann über das Internet Millionen Nutzern zur Verfügung."

Gut möglich also, dass Fotojournalisten, die uns Kriege visuell nahe bringen, bald überflüssig werden. Doch vielleicht eben auch nicht, denn Aussagen über die Zukunft ist bekanntlich eigen, dass sich die Zukunft nicht voraussagen lässt. Als das Fernsehen aufkam, glaubten viele, dass die sich bewegenden Bilder die unbewegten bald ablösen würden, stattdessen erlebte der Fotoapparat einen unglaublichen Aufschwung. Noch nie wurden mehr Fotos gemacht als heute.

Es gibt Fotos in diesem Band, die, was Bildkomposition und  Qualität angeht, von irgendjemandem, der eine Kamera zu bedienen weiss, hätten gemacht werden können. Es gibt aber auch solche, die so umwerfend sind, dass man instinktiv zu spüren glaubt, dass da ein Meister am Werk war. In meinen Augen gilt das speziell für Steve McCurrys Afghanistan-Bilder aus den Jahren 1979-2002.

Es ist gut, dass es Magnum Revolution. Fünfundsechzig Jahre Freiheitskampf gibt. Auch, weil ich an Konflikte erinnert werde, die mir schon lange nicht mehr gegenwärtig sind. Zum Beispiel durch  Abbas' Aufnahmen aus dem Iran von 1979 oder Susan Meiselas' (die einzige Frau in diesem Band) Fotos aus Nicaragua von 1978-1979. Oder weil ich von Ereignissen erfahre, von denen ich gar keine Kenntnis hatte (wie etwa San Marino 1957). Dann aber auch, weil es eine Wiederbegegnung mit Bildern ist, die mich, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe, jedes Mal von Neuem packen. Ganz besonders trifft das auf Josef Koudelkas 1968er-Aufnahmen aus Prag zu.

Magnum Revolution
Fünfundsechzig Jahre Freiheitskampf
Mit einem Essay von Jon Lee Anderson
Texte und Interviews von Paul Watson
Prestel Verlag
München-London-New York 2012

Wednesday, 11 June 2014

Guido Baselgia: Light Fall

Magical, this probably describes best the sensations I felt when spending time with Guido Baselgia's photographs. And, clearly, time is needed when going through this book for just glancing through the pages will definitely not result in a rewarding experience. While contemplating these images I sometimes wondered whether I needed to know what I was looking at. Needless to say, knowing what I'm looking at influences my perception and the texts by Nadine Olonetzky, and by Andrea Gnam, provided some useful information although I must admit that I approached Gnam's essay "The Occurrence of Light: A Geology of Photography" with quite some resistence for the title suggests the typical pretentiousness of many soft science academics.
A morning long, 2 March 2013, S53°, Argentina
Copyright © Guido Baselgia

From Gnam I learned that Baselgia "captured the course of the sun in bulb exposure" and so produced images that "the eye cannot see as a total process." And: "What we see returns with slight deviations a year later, and can be recorded once again if we are there and the weather permits." 

Photographer Guido Baselgia travels the world, decides to put his large-format camera in a place of his choosing, a place that is often not easy to access, and then lets the camera do the work it is supposed to do: to capture how the light falls on landscapes. What Baselgia's camera recorded is fascinating, stunning, awe-inspiring, the quality of the photographs superb, the well-produced tome an invitation to contemplate things as they are but that the naked eye is not able to see.
A morning long, 2 March 2013, S53°, Argentina
Copyright © Guido Baselgia

As intrigued as I am by what Baselgia shows us, it gets increasingly on my nerves that photographers seem to think it sufficient to present what their cameras recorded without any supporting information. In my view, photographers should inform their public why they decided to take or make that and that photograph, and how the photos came about. In other words, I think the photographers themselves should provide information about their creation process and not leave it to professional interpreters, except of course when the photographers haven't got a clue what they are actually doing and the professional interpreters have to explain it to them (and, needless to say, might get it all wrong).
Finis Terrae, 12 June 2005, 17:30 hrs, N70°, Norway 
Copyright © Guido Baselgia

Guido Baselgia
Light Fall
Photographs / Fotografien 2006-2014
Scheidegger & Spiess, Zurich 2014