Wednesday, 26 February 2020

Moments in Switzerland

Filisur, 6 February 2020

Sadly, not to see what is in front of me seems one of the characteristics of my life. Until recently, the farther away, the better has been my guiding principle. This has not changed but I've been able to slightly modify it by increasingly becoming aware that I've been almost constantly on autopilot, a fact that I find at the same time fascinating and irritating. So, in order to become more aware of the present moment, I've started to make my camera (and mostly my cell phone camera) my companion. And, to ask local people what in their neighbourhood they would recommend to go and see.
Obersays, 14 October 2019

One day, I happened to visit Trimmis, a village near Zizers, where my mother was from, and discovered a street sign that pointed to Obersays, a place up in the mountains I had never heard of. Up there, I learned from a middle-aged wanderer that Pany (where she lived) had the most beautiful public outdoor swimming pool of Switzerland. And, so I decided my next trip would be to Pany (the swimming pool from where you have a splendid view of the Prättigau valley is indeed a gem). When I boarded the bus in Küblis, I got into a conversation with two women, a mother and her teenage daughter from Yverdon, who were on their way to St Antönien, another place I had never heard of and decided soon to visit.
Pany, 16 October 2019

My picture taking does not aim at documenting something typical, whatever that might be. Instead, I frame what pleases my eyes. Differently put, my photos often could have been taken almost anywhere. Fact is, however, they were not and the captions (that might be irrelevant for most) bring me back to the time and place where I once had been. It does not cease to baffle me how photographs create memories and can make me see moments in time.

Wednesday, 19 February 2020

Aenne Biermann: 60 Fotos

"Mit Aenne Biermann: 60 Fotos wird nun ein weiteres fotogeschichtlich bedeutsames Werk in authentischer Fassung wieder aufgelegt", lese ich in den Anmerkungen von Hans-Michael Koetzle, die dieses eigenartige Zitat (aus Das Magazin vom August 1931) als Titel tragen: "Behutsam fasst sie die Dinge an, die ihre Augen sehen". Wie soll das bloss gehen? Sie fotografiert doch, was ihre Augen sehen, sie bildet diese Dinge ab. Zugegeben, Metaphorik ist nicht mein Ding, überhaupt nicht; Zuschreibungen auch nicht. Und schon gar nicht bei einer der Neuen Sachlichkeit (nüchtern, realistisch, 'objektiv', gleichsam wissenschaftlich) verpflichteten Fotografin.

Aenne Biermann wurde 1898 als Anna Sibylla Sternefeld in Goch am Niederrhein geboren. Sie entstammte einem begüterten jüdischen Elternaus, heiratete Herbert Biermann, der zusammen mit seinem Bruder ein florierendes Textilkaufhaus führte und lebte ein privilegiertes Leben mit ausreichend Personal und viel freier Zeit. Als Fotografin war und blieb sie Autodidaktin. Sie starb mit 34 Jahren, vermutlich an einem Leberleiden.

Die Breite ihres Schaffens reicht von Landschaftsstudien zu Strassenszenen, von arrangierten Objektiven zu Pflanzenstudien, von Porträts (inklusive Akte) bis zu Aufnahmen ihrer Kinder. Besonders eindrücklich sind dabei ihre häufig ungewöhnlichen Perspektiven.

Der detailreiche Text von Hans-Michael Koetzle, eine beeindruckende Fleissarbeit, wird ergänzt durch einen Vorspann von Franz Rohs Essay Der literarische Foto-Streit, der jedoch keinen Bezug zu den Fotografien in diesem Band nimmt und sich mit "Thesen und Gegenthesen zum Thema 'Mechanismus und Ausdruck'" beschäftigt. 

Erwähnt seien eine der Thesen: "Die freiheitlichen Möglichkeiten (gegenüber der Grafik) sind so gering und festgelegt, dass sie niemals genügen können, um ausdruckerfüllte Gebilde zu rzeugen" sowie die Gegenthese: "Die Menschheit überschätzt meist die geringe Zahl von freiheitlichen Möglichkeiten fester Mittel, die bereits genügen, um Individuation und wirkliche Gestaltung zu verbürgen. (Beispiel aus ganz anderer Zone: Welch simpler, festgelegter Apparat ist das Klavier mit seinen immer wiederkehrenden Oktaven, und wieviel individualisierte Gestaltung ist hier möglich!)"

"Facettenreich" nennt Hans-Michael Koetzle das Werk von Aenne Biermann. Das trifft es meines Erachtens gut. Mir scheint auch, sie habe mittels der Kamera ihr Sehen geübt. Nicht zuletzt deswegen lohnt eine Beschäftigung mit ihren Fotografien auch heute noch.

Aenne Biermann
60 Fotos
Klinkhardt & Biermann Verlag, München 2019

Wednesday, 12 February 2020

A Sense of Place

In 2003, Charlotta María Hauksdóttir moved from her native Iceland to California to study photography. “The relocation stirred in her a sense of rootlessness and a yearning for the landscapes of her childhood,” the press release says. She began to make regular trips to Iceland to take photographs “that she would then reconstruct and repurpose in her studio.”
Although having myself lived in a number of countries far from my native Switzerland but never experienced a sense of rootlessness, I nevertheless felt occasionally a yearning for the landscapes of my childhood or, to be more precise, for the familiar smells that I associate with my youth. In other words, I can partly identify with Charlotta María Hauksdóttir Californian longing for Iceland. Yet why, I wonder, did she not just record what she found? Why did she reconstruct and thus repurpose the photographs taken?
In an interesting read at the end of this nicely done tome she gives quite some hints in which she recounts early memories and specifically mentions a roadtrip during a snowstorm with her father. “In later years, he was often my driver on photography excursions, where he would tell me the names of every landmark we saw – which, sadly, I would promptly forget.” Same with me, I automatically thought, some things (as interesting as I might find them) I almost immediately forget, others however (and among them quite some things I do not think interesting at all) will stay with me forever.
For the full review, go here

Wednesday, 5 February 2020

Im Schatten des Kreml


Der ehemalige ARD-Korrespondent Udo Lielischkies ist in dem Riesenland Russland viel herumgekommen, seine Familie (seine Frau Katia, gebürtige Russin, und die beiden Töchter) kennt vor allem die Perspektive der Grossstädte. Moskau sei „ein vom Rest des Landes abgekoppeltes Raumschiff, das Zentrum strahlend, glitzernd, ein filmreifes Panoptikum neureicher Selbstdarstellung“, erfahre ich. Und dass der Satz von Churchill immer noch gelte: „Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium.“

Als ich lese, dass in Putins Russland Loyalität und Selbstbereicherung eng miteinander verwoben seien, musste ich an Trumps Amerika denken. Ebenso bei der Schilderung des Chefs der Nationalgarde, der offenbar wie ein Mafiaboss klingt, drängte sich das Grossmaul im Weissen Haus in mein Bewusstsein. Auch dass sich die Russen als auserwähltes Volk betrachten, kenne ich von den Amerikanern. Und den Chinesen, den Franzosen und und und ... Nationalstaaten orientieren sich an Mythen; die Menschen ziehen diese der Realität vor. Sieht es also überall auf der Welt gleich aus? Ja und nein, doch natürlich gibt es Unterschiede, Udo Lielischkies benennt viele von ihnen. Einer davon ist der russische Unrechtsstaat. „Ich weiss, dass russische Gerichte über 99 Prozent aller Angeklagten schuldig sprechen. Dass Verteidiger mit Staatsanwälten zusammenarbeiten und ihre Mandanten betrügen.“

Udo Lielischkies startet in sein Russland-Abenteuer wie das Korrespondenten so tun: Mit sehr rudimentären Sprach- und Landeskenntnissen. Qualifiziert hat er sich für diese Stelle, weil er sich für die ARD als verlässlich erwiesen hat, er in ihr System passt. Dass ist bei allen Medien, ja, bei allen international operierenden Organisationen so – nicht die Sachkenntnis ist gefragt, sondern dass das bestehende System weiter funktioniert wie bisher.

Der Neuling merkt schnell, dass, was man so über Russland hört, Realität ist – dieses Land ist in vielerlei Hinsicht anders als man es für möglich hält, genauer: Regeln, die man gemeinhin für selbstverständlich hält, sind es in diesem Land nicht. Die überaus anschaulichen Beispiele in diesem spannenden Buch zeugen davon – es ist eine Reise in eine Welt, die wohl niemand auch nur annähernd verstehen kann, der nicht da geboren und aufgewachsen ist. Und selbst dann ist es fraglich.

1999 kam Putin an die Macht. Die eindrückliche Schilderung, wie dies geschah, lohnt schon alleine die Lektüre von Im Schatten des Kreml, auch weil davon auszugehen ist, dass staatliches Mitmischen bei der Herstellung von Krisen, die dann unter Einsatz drastischer Mittel gelöst werden müssen, nicht nur in Russland gang und gäbe sind. Apropos drastische Mittel: Diese scheinen gängig in Putins Russland – Gegner werden als Terroristen bezeichnet, mit denen nicht verhandelt wird. Dass auch zu Vergiftungen gegriffen wird, um mit sogenannt missliebigen Bürgern (und Bürgerinnen) klarzukommen, scheint gängige Praxis.

Auf mich wirkt dieses Russland schon in Friedenszeiten ausgesprochen chaotisch, kommt dann noch ein Krieg dazu, wie vor mittlerweile zwanzig Jahren in Tschetschenien, wird es noch um einiges chaotischer und man kann sich fragen, ob da eine nüchterne Einschätzung überhaupt möglich ist. Ich fühlte mich bei den Erkundungsfahrten der ARD-Equipe gelegentlich an meine Zeit beim IKRK in Afrika erinnert, wo mein lokaler Mitarbeiter und ich selber oft nicht wussten, wo wir überhaupt waren – obgleich wir als die Experten vor Ort galten.

Entführungen mit Lösegeldforderungen als Geschäftsmodell, Folter im Vollzugssystem, Arbeitslager für geringfügige Vergehen – Russland unter Putins sogenannt gelenkter Demokratie (im Klartext: die Herrschaft einer Clique) hat mit europäischen Vorstellungen von Zivilisation wenig zu tun. Es braucht eine Lebenskünstler-Mentalität, um in solchen Verhältnissen zu überleben. Auch auf dem Dorf, wo gerade einmal 30 Prozent eine Arbeit haben und die Kombination Elend und Alkohol nach wie vor Tradition hat.

Was wir von der Welt wissen, wissen wir von den Medien, hat Niklas Luhmann einmal geschrieben. Mit anderen Worten: Wer nicht versteht, wie die Medien funktionieren, kann die Welt nicht verstehen. Die Schwierigkeiten aus und über Russland zu berichten sind mannigfaltig, weshalb mich denn auch die Schilderung der journalistischen Arbeitsbedingungen (Kontrollen, Behinderungen, Irreführungen, Propaganda etc. sind an der Tagesordnung) besonders aufschlussreich dünkte. Wer glaubt, die Wirklichkeit liesse sich medial abbilden, irrt. Und zwar gewaltig. Bemühen kann und soll man sich trotzdem, wobei: Enthüllungen bezahlen Journalisten in diesem Land häufig mit ihrem Leben.

So aufrichtig wie möglich davon zu berichten, wie man die Realität erlebt (natürlich subjektiv, objektives Erleben ist bis jetzt nicht erfunden worden), halte ich für den einzigen Journalismus, der seinen Namen verdient. Als Beispiel möge des Autors Kommentar über seine Beslan-Berichterstattung dienen, als eine ganze Schule in Geiselhaft genommen wurde: "Es ist sicher keine Sternstunde des Journalismus. Denn ich schilderte atemlos das Geschehen, beschreibe die aufgeregten Polizisten, Sanitäter, Soldaten, die schreienden Angehörigen, bewaffnete Osseten aus Beslan, die mit Gewehren in Richtung Schulgebäude laufen – doch ohne zu wissen, was sich tatsächlich abspielt."

Was dieses Buch auch klar macht: Man muss in die Welt hinaus, um sich aus seinen Konditionierungen zu befreien. Nur dann haben wir die Chance, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist – meist sehr anders als unsere  antrainierten Vorstellungen uns glauben machen.

Udo Lielischkies
Im Schatten des Kreml
Unterwegs in Putins Russland
Droemer, München 2019

Wednesday, 29 January 2020

Eine Geschichte des Gehens

Die 1961 in den USA geborene Rebecca Solnit ist mir vor allem als geistreiche Essayistin ein Begriff. Auf dem Umschlag von Wanderlust wird sie als Kulturtheoretikerin bezeichnet. Vermutlich ist sie beides und noch einiges mehr. Die Erstveröffentlichung erschien vor zwanzig Jahren.

Den Rundweg auf einer Landzunge bei San Francisco, den sie "vor einem Jahrzehnt zu wandern begann, um meine Existenzängste in einem schwierigen Jahr hinter mir zu lassen", kenne ich zwar nicht, doch die Gegend ist mir bekannt und das Wandern als Methode der Angstbewältigung ebenso. Auch ihre Grunderfahrung beim Gehen ist mir vertraut. "Gelegentlich konzentriere ich mich auf den Akt des Gehens, doch meist bleibt es ein unbewusstes Tun, bei dem sich meine Füsse mittels ihrer eigenen Kenntnisse über Geschwindigkeit, das Halten des Gleichgewichts und das Umgehen von Steinen und Spalten fortbewegten. Das verschaffte mir die Freiheit, die Hügellandschaft in der Ferne und den Überfluss an Blumen um mich herum zu betrachten ...".

Beim Gehen gehe es darum, sich draussen aufzuhalten, im öffentlichen Raum. Und dieser ist ihr denn auch Anlass über Atomkraft, Malls, die Landschaft wie auch die Effizienzrhetorik nachzudenken. Von letzterer schreibt sie, dass sie suggeriere, dass nicht wert geschätzt werden könne, was nicht quantifizierbar sei. Ein sehr amerikanischer Gedanke, finde ich.

Zu den Philosophen, die das Wandern schätzten, gehörte auch Thomas Hobbes, der sogar einen Wanderstock mit einem integrierten Tintenfass besass, damit er unterwegs Ideen niederschreiben konnte, und der junge Nietzsche erklärte: "Drei Dinge sind meine Erholungen, aber seltne Erholungen: mein Schopenhauer, Schumann'sche Musik, endlich einsame Spaziergänge." Bei Rousseau und Kierkegaard macht Solnit grosse Ähnlichkeiten aus: "die gesellschaftliche Isolation".

Die meisten der englischen Autoren, die sich übers Wandern ausliessen, seien privilegiert gewesen und "schreiben, als hätte jedermann in Oxford oder Cambridge studiert, und sogar Thoreau war in Harvard", notiert sie. Nun ja, sich die Zeit zum Wandern zu nehmen und anschliessend davon zu berichten, fällt einem körperlich arbeitendem Menschen möglicherweise weniger ein. Auch die Art gelehrten Schreibens, das Wanderlust kennzeichnet, ist wohl eher Privilegierten zugänglich.

Besonders angesprochen haben mich die Ausführungen übers Pilgern, das für viele mit etwas Beschwerlichen verbunden scheint, das es zu erleiden gilt (travel - travail). Mir stehen diese Ausführungen von Allan G. Grapard, den Solnit zitiert, näher: "Je weiter sich Pilger von ihrer gewohnten Welt entfernen, desto näher kommen sie dem Reich des Göttlichen. Wir sollten erwähnen, dass im Japanischen das Wort für 'gehen' zugleich benutzt wird, um die buddhistische Praxis zu bezeichnen; der Praktizierende ist somit zugleich der Gehende, der nirgendwo wohnt, der in Leere verweilt. All dies hängt natürlich mit der Idee des Buddhismus als Weg zusammen: Praktizieren ist ein konkreter Zugang zur Erleuchtung."

Mit "Tausend Meilen konventionelles Empfinden" ist mein Lieblingskapitel überschrieben, worin ausgeführt wird, dass das Wandern für 'Das Reine', 'Das Einfache' und 'Das Ferne' stehe. Apropos 'Das Einfache': Als bei einem Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow die Verhandlungen ins Stocken kamen, soll Reagan (so die Legende) Gorbatschow zu einem Spaziergang am Genfersee eingeladen haben, bei dem der Engpass erfolgreich überwunden worden sei. So einfach, kann das Leben sein, wenn zwei vernünftige Männer zusammen spazieren gehen ...  Nein, das sollen wir nicht glauben, meint Solnit. Nur schon, dass die beiden über keine gemeinsame Sprache verfügt haben, ist ein Detail, das solcher Legendenbildung im Wege steht.

Ich erlebe Solnits Texte als Augenöffner; oft drücken sie aus, was ich selber einmal wahrgenommen, doch nur noch unbewusst in mir trage. So notiert sie übers Stadtwandern in San Francisco: "Wie ein Bücherregal japanische Dichtung, mexikanische Geschichte und russische Romane miteinander in Berührung bringt, enthielten die Gebäude meiner Stadt Zen-Zentren, Kirchen der Pfingstgemeinde, Tätowiersalons, Lebensmittelgeschäfte, Burritoläden, Filmpaläste und Dim-Sum-Restaurants." Und in Paris fällt ihr unter anderem auf, dass die Cafés nicht nur der Strasse zugewandt sind, sondern gleichsam in sie übergehen, "als wäre das Theater der Passanten selbst für die Dauer eines Getränks viel zu interessant, um ihm den Rücken zu kehren."

Wanderlust ist ein enorm vielseitiges und wesentlich philosophisches Buch, das nicht am Stück gelesen werden muss, sondern das man immer wieder zur Hand nehmen, irgendwo aufschlagen kann und Perlen finden wird. "Die Geschichte des Gehens ist, in der Stadt wie auf dem Land, eine Geschichte der Freiheit und der Definition von Vergnügen." Weshalb denn auch das Bergsteigen und "Las Vegas, oder die längste Strecke zwischen zwei Punkten" darin ihren Platz finden. Genauso wie der Versuch, "den Rekord für die langsamste Überquerung eines Bergrückens auf der Insel Skye" aufzustellen sowie die Auffassung des New Yorker Tanzkritikers Edwin Denby, der über junge Römer schrieb: "Ihr Spaziergang ist eine Form der Kommunikation, als wäre er ein Gespräch mit dem Körper."

Fazit: Informativer, vielfältiger und anregender geht kaum.

Rebecca Solnit
Wanderlust
Eine Geschichte des Gehens
Matthes & Seitz Berlin, 2019

Wednesday, 22 January 2020

Alberto Giacometti & Isaku Yanaihara

Ich erwähnte, dass ich niemals einen Chinesen oder Japaner gut gekannt hätte, während er über einige Jahre mit Isaku Yanaihara eng befreundet gewesen war, dem japanischen Professor, der in dieser Zeit für viele Bilder und Skulpturen Modell gesessen hatte. Ich fragte, ob er jemals einen Unterschied zwischen sich und Yanaihara empfunden habe, eine grundlegende Verschiedenheit in ihren instinktiven Verhaltensweisen und Reaktionen, eine Verschiedenheit, die auf die Unterschiede in Herkunft, Nationalität und Rasse hätten zurückgeführt werden können.

"Überhaupt nicht", sagte er. "Er schien genau wie ich. In der Tat begann ich sogar, ihn als Norm und nicht als Ausnahme zu sehen, weil ich so oft mit ihm zusammen war. Wir waren immer zusammen: im Atelier, im Café, im Dôme und im Coupole, in Nachtklubs. Wir waren so oft zusammen, dass ich deshalb eines Tages ein merkwürdiges Erlebnis hatte. Yanaihara sass mir Modell, und plötzlich kam Genet ins Atelier. Ich dachte, er sähe sehr seltsam aus, mit einem so runden, sehr rosigem Gesicht und den vollen Lippen. Aber ich erwähnte nichts davon. Dann kam Diego ins Atelier. Und ich hatte das gleiche Gefühl. Auch sein Gesicht sah sehr rosig und rund aus, und seine Lippen wirkten sehr voll. Dann wurde mir plötzlich klar, dass ich Genet und Diego so sah, wie sie für Yanaihara ausgesehen haben mussten. Ich hatte mich so lange und so hart auf Yanaiharas Gesicht konzentriert, dass es für mich zur Norm geworden war, und für einen kleinen Moment – es war ein Eindruck, der nur kurz anhielt – konnte ich Weisse so sehen, wie sie Nichtweissen erscheinen müssen."

James Lord
Alberto Giacometti. Ein Portrait

Wednesday, 15 January 2020

Changing Times

Photography became prominent in my life while pursuing a Master's degree in Journalism Studies at the age of 46. When writing my thesis on documentary photography, one of the works I warmed to most was 'Let Us Now Praise Famous Men' by James Agee and Walker Evans, a book that, interestingly enough, I had acquired twenty years earlier but had no real recollection of. While my thesis progressed, I also became aware of the fact that as a youngster I had entertained the idea of becoming a photographer — something I had almost completely forgotten. Differently put, quite a lot of things seem to lie dormant for a long time before eventually coming to the surface.

In 1999, the only photography that interested me was documentary. And, especially photojournalism, "pictures with words", that is. This had doubtlessly to do with my enthusiastic and extraordinarily supportive thesis supervisor Daniel Meadows, but also with the fact that I understood documentary to essentially be storytelling which at that time I held very dear. Yet even then, I wasn't a fan of sayings such as "a picture tells more than a thousand words" for I do not think that pictures tell stories, I happen to believe that what we see in pictures we bring to them.

For the full text, see here