Wednesday, 30 December 2015

Sri Lanka - Jahre danach

Am 26. Dezember 2004 löste ein gewaltiges Erdbeben im Indischen Ozean eine Kaskade von Flutwellen aus. Dieser Tsunami traf auch auf die Küsten Sri Lankas. Die Stiftung Tamils-Aid (STA) beschloss sich direkt für die Opfer einzusetzen. "Das Buch von Judith Wirz vermittelt einen Blick auf die bestehenden STA-Hilfsprojekte und soll motivieren, den Bestand und den Ausbau dieser sinnvollen Werke auch in Zukunft zu unterstützen", schreibt Projektorganisator Adrian Wirz im Vorwort.

Ich will hier nicht auf die Arbeit der Stiftung eingehen, ich will hier die Eindrücke schildern, die die Beschäftigung mit den Fotos und dem Text von Judith Wirz bei mir auslösten.

Sri Lanka ist mir nicht ganz unbekannt, ich war zweimal, das erste Mal vor etwa 25 Jahren, das zweite Mal vor gut einem Jahr, als Tourist auf der Insel, hauptsächlich im Süden, aber auch im Hochland von Kandy.
Mir ist nie so recht klar, weshalb mich gewisse Bilder ansprechen und andere nicht. Die Gründe, die ich mir im Nachhinein zurecht lege, überzeugen mich nicht immer. Möglich, dass mich am obigen Bild der Gegensatz der ganz unterschiedlich bekleideten Frauen faszinierte, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, dass mir ganz einfach Wellen und Licht gefallen haben, die Weite und Ruhe, die ich häufig am Meer empfinde.

Die hier gezeigten Bilder sind nicht typisch für diesen Band, es sind die, die mir beim ersten Durchblättern hängengeblieben sind, wohl auch, weil es sich bei den beiden Meeresaufnahmen im Buch um grossformatige Fotos handelt.

Und da sich diese Aufnahmen in einem Fotoband über Hilfsprojekte in Sri Lanka findet, gehen meine Gedanken auch zum Tsunami im Jahre 2004, als dieses Meer alles andere als ruhig war, ganz heftige Wellen aufs Land trafen und Tod und Verwüstungen zurückliessen. Und wie immer sind es fast mehr die Informationen, die ich zum Bild bringe, als die Bilder selber, die dann wiederum andere Bilder in meinem Kopf auslösen
"Es ist heiss und feucht! Ich bin in Sri Lanka, Colombo Flughafen, gelandet. Es ist März, Ankunftszeit 05.00 Uhr", so beginnt Judith Wirz ihren Reisebericht. Und so schildert sie die Fahrweise auf der Insel. "Nur nicht anhalten! Es wird auch an engen Stellen, sogar vor unübersichtlichen Kurven überholt, immer begleitet von Hupen. Der, der überholt, hupt, der Überholte hupt und der, welcher entgegenkommt, hupt auch und weicht irgendwie aus. Schlimmstenfalls bremst der Überholte und wenn es kein Ausweichen gibt, steht einfach der Verkehr still. Aber sie schaffen es, aneinander vorbei zu kommen. Und immer ruhig, nie würde einer die Fahrweise des anderen kritisieren."

Viele Bilder zeigen Alltagsszenen  einen Busstop, Mittagessen in einer Bar, einen Bahnhof, einen fahrenden Zug, Männer beim Fischfang, Tuk Tuks, Verkaufsstände etc. – und sie gewinnen durch den gänzlich unprätentiösen, sachlich und nüchtern beschreibenden Text, weil dieser ihnen eine Dimension hinzufügt, die Bildern naturgemäss fehlt. Geräusche etwa. "Um 23.00 Uhr wird es ruhiger. In meinem Zimmer hat es zuwenig Licht zum Lesen. Ein riesiger Laster dröhnt vorbei. Der Benzingestank dringt durch die Öffnung im Badezimmer. Um 01.30 Uhr ein lautes Scheppern aus der Küche, Essen wird in Blechpfannen hin- und hergeklopft. Dann endlich Stille."
Die mir liebsten Aufnahmen sind die Porträts. Eine junge Frau an der Nähmaschine, ein Mädchen beim Schreiben, der Leiter eines Kinderheims in seinem Büro, ein vielleicht fünfjähriges Mädchen beim Tanzen, ein lachender junger Mann mit Elektrokabeln. Oder eben das obige Bild, das mich automatisch zum Strahlen bringt.

Judith Wirz
Sri Lanka   Jahre danach

Wednesday, 23 December 2015

René Burri: Mouvement

Als der Magnum-Fotograf René Burri sich vor einigen Jahren als Patient im Zürcher Universitätsspital aufhielt, wurde er unter anderem auch von meiner Schwägerin Nadja, die damals dort als Krankenschwester arbeitete, betreut. Eines Tages fragte sie ihn, ob er mich kenne, da ich ja regelmässig über Fotografie publiziere. Ich war ihm nicht bekannt, doch er schenkte Nadja eines seiner Bücher, mit Widmung, als er das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Ich erzähle das, weil ich deutlich machen will, dass mein Burri-Bezug sich nicht nur auf Fotos beschränkt ...

Meine lange Zeit liebsten Burri-Bilder waren die brasilianischen und das hat natürlich auch ganz viel damit zu tun, dass mich Brasilien und die Brasilianer ungemein faszinieren. Ich war schon einige Male dort, habe sowohl den Nordosten als auch den Süden ausgiebig bereist und bin gerade eben wieder auf dem Sprung nach Santa Cruz do Sul, einer Stadt  mit etwa 120'000 Einwohnern, zwei Stunden von Porto Alegre, im Landesinneren, gelegen, wo ich einmal während eineinhalb Jahren Englisch unterrichtet habe.

In den beiden vorliegenden, edel gestalteten Bänden, einer mit schwarz/weiss, der andere mit farbigen Aufnahmen, entdecke ich viele, mich sehr ansprechende und bis anhin unbekannte Burri-Fotos, die beeindruckend vorführen, dass Fotografie Kunst sein kann (und das ist sie für mich selten). Woran das liegt, kann ich nicht wirklich erklären, doch Verstehen sei ein Gefühl, habe ich einmal bei Robert Adams gelesen (In "Beauty in Photography") und dieses sagt mir, dass ich es bei vielen dieser Aufnahmen mit qualitativ Hochstehendem zu tun habe.

Der schwarz/weiss-Band von Mouvement wird von zwei Vorworten eingeleitet. Das eine stammt vom Kurator und Kritiker Hans Ulrich Obrist, ist mit "Fotografie ist Zugang zum Leben" überschrieben, wenig inspirierend und voller ziemlich leerer Behauptungen wie: "In all seinen Fotografien verleiht er den Architekturen ein Moment der Lebendigkeit. Und dennoch sind seine Architektur- und Künstlerporträts immer eine Hommage an das Werk und den Geist ...". Das zweite Vorwort, vom Verleger, Künstler und Autor Philipp Keel, ist wesentlich ansprechender: es berichtet von ganz unterschiedlichen persönlichen Begegnungen mit dem schwierigen und sehr widersprüchlichen Menschen René Burri.

Dem farbigen Band ist ein Vorwort von Hans-Michael Koetzle, der mehrere Bücher mit dem Fotografen konzipiert hat, beigegeben. Man erfährt da unter anderem, dass Burri die Schweiz zu eng war. "Die Kamera, so glaubte ich, sei meine Chance, mich aus den Schweizer Bergen herauszuwuchten." Und wie er nach dem Abschluss der Fotoklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule ("wo wir nur Kaffeetassen im Licht fotografiert hatten") völlig unvorbereitet auf den Fotojournalismus war und sich den Weg in diesen hinein mühsam erarbeiten musste.
René Burri, Brasilia, 1977 @ Fondation René Burri/Magnum Photos
Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich

Als Burris Stärke bezeichnet Koetzle, "dem Augenblick eine klar gegliederte, gleichwohl komplexe, an Bezügen reiche Bildaussage abzuringen. Burris Bilder sind gedachte, gestaltete Bilder von klarer, strenger Form, was mit 'Formalismus' nichts zu tun hat. Eher schon mit dem Willen, die Welt über sehr persönliche, dabei überlegt gebaute Bilder zu erklären."

Was ums Himmels Willen sind bloss gedachte Bilder? Und: Will der Fotograf uns wirklich mittels Bildern die Welt erklären? Können Bilder das überhaupt leisten? Ist es nicht eher umgekehrt, dass nämlich die Bilder erklärt gehören?

Nichtdestotrotz, Hans-Michael Koetzles Text ist höchst informativ und liest sich spannend. Am schwächsten ist er (jedenfalls für mich), wo er andere zitiert. Jan Thorn Prikker etwa, der einmal Burris Fotografieren so beschrieben hat: "Er legt seine Bilder so an, dass sie mehr zeigen, als sie enthalten. Er lädt sie auf eine geheimnisvolle Weise mit Sinn auf, der sich aus einem dokumentarischen Kern heraus entwickelt. Dabei gehen die Zeichen nie in blosser Ästhetik auf, obwohl alle seine Aufnahmen in hohem Masse auch schöne Bilder sind." Für mich ist das sinnfreies Geschwafel.
René Burri, Buenos Aires, 1960 @ Fondation René Burri/Magnum Photos
Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich

Zugegeben, es ist nicht einfach, über Fotos zu schreiben. Und so recht eigentlich würde man es besser lassen und gescheiter möglichst viele Informationen zum Entstehen der Bilder beisteuern. Und wenn man das nicht kann, ist immer noch besser, man beschreibt, was die Bilder in einem auslösen anstatt dem Fotografen zu erklären, was er gemacht/gemeint hat. Und überhaupt: Viel Zeit zum Nachdenken ist da häufig nicht. Vor allem bei der Reportagefotografie muss es meist schnell gehen. In Burris Worten: "Bilder sind wie Taxis zur Hauptverkehrszeit – wenn man nicht schnell genug ist, bekommt sie immer ein anderer."

Was also löst das Brasilia-Foto in mir aus? Zuallererst: Staunen über die Komposition, über Burris Händchen fürs Einrahmen, sein "gutes Auge". Dann der Gedanke, wie fast immer bei Brasilia-Bildern: Wie dominant diese Architektur ist, immer wirkt der Mensch verloren in ihr. Und schliesslich: Die beiden geschwungenen Linien sind mir zu prominent, wirken auf mich zu schwer (jedenfalls auf dem jpg auf dieser Seite, im Band selber kommen sie weniger schwer rüber, weil das Foto viel grösser ist). Da hätte ich gerne die Kontaktabzüge gesehen und mich vermutlich für eine andere Version entschieden.

Und das Buenos Aires-Bild? Ich kenne diesen Platz, war einmal vor Ort. Sofort wandern meine Gedanken zu der Zeit, als ich mich ein paar Wochen in dieser für mich schönsten Stadt der Welt aufgehalten habe: Bilder im Kopf lösen sich in schneller Folge ab, zwei bleiben hängen: Der Friedhof La Recoleta im Regen. Und auf dem Weg dorthin: eine junge, sehr schöne und sehr verloren wirkende Frau auf der Treppe eines Hauses sitzend und mit leerem (Drogen)-Blick auf die Strasse starrend.

Für mich sind Fotos vor allem Trigger. Warum sie auslösen, was sie auslösen, wer will das schon wissen? Ich jedenfalls bin kein Anhänger des Ursache-Wirkung-Erklärungsmodells für Vorgänge im Unbewussten. Eine berühmte Aufnahme von Cartier-Bresson zeigt ein Picknick am Ufer der Marne. In Mouvement gibt es auf Seite 29 des schwarz/weiss-Bandes ein Foto, das Kinder beim Hinaufklettern einer Rampe zeigt und mich innerlich jubeln macht. Ich kann nur raten, weshalb mich dieses Bild an Cartier-Bressons-Marne-Aufnahme erinnert: Liegt es vielleicht daran, dass beide Fotos Lebensfreude ausdrücken? 

Mouvement ist eines dieser raren Foto-Dokumente, bei dem ich intuitiv weiss, dass ich die Aufnahmen eines begnadeten Gestalters betrachte.

René Burri
Mouvement
Diogenes / Steidl

Wednesday, 16 December 2015

Steve McCurry: Indien

Steve McCurrys Markenzeichen sind die Farben. Wie kriegt er die nur hin? Nachbehandlung, das ist doch ziemlich eindeutig, denke ich mir. Oder etwa doch nicht? Als ich einmal bei der Besprechung von Bangkok-Bildern eines deutschen Fotografen diese als übertrieben mit Photoshop bearbeitet bezeichnet hatte, liess mich der Fotograf wissen, ich würde mich irren, es handle sich um das Resultat langer Belichtungszeiten (es waren Nachtaufnahmen).

Auf Google erfuhr ich, dass McCurry jeweils tausende von Bildern schiesst und diese dann an seine Mitarbeiter weitergibt. Und dass er Film mit hoher Farbsättigung benutzt. Er scheine nicht viel von Nachbearbeitung zu verstehen, schrieb ein Teilnehmer eines McCurry-Kurses. Vielleicht sind ja seine Mitarbeiter für die Nachbearbeitung zuständig.  

Wie auch immer: in Indien sind die Farben sehr intensiv, in McCurrys Fotos ebenso. Eine idealere Kombination ist kaum zu finden.
"Rennender Junge" lautet die Bildlegende. Flieht er etwa vor der Kamera?
Hilfreicher wäre gewesen, die Hände an der Wand zu erläutern

Doch ich will McCurry nicht auf die Farben reduzieren, denn er hat auch ein wirklich aussergewöhnliches Auge für spezielle Szenen, die zu immer weiteren Bildern im Kopf führen und unsere visuelle Imagination nicht nur zum Laufen bringen, sondern ihr die Richtung vorgeben. Wohin rennt der Junge im obigen Bild? Was erwartet ihn dort? Und warum rennt er überhaupt?

Die Einleitung zum vorliegenden Indien-Band stammt von William Dalrymple, der unter anderem anhand der im Süden Neu Delhis liegenden Fünf-Millionen-Stadt Gurgaon die ungeheuren Diskrepanzen und Widersprüchlichkeiten Indiens beschreibt. Und dabei auch eine im Jahre 2011 in der New York Times veröffentlichte Langzeitstudie zitiert, die Gurgaon als "totales Chaos und Wirtschaftsmotor zugleich und damit im Kleinen ein Abbild des typisch indischen Nebeneinanders von Dynamik und Misswirtschaft" charakterisiert. Genau so hatte ich die Stadt vor einigen Jahren auch selber erlebt.
Riesige Menschenmassen versammeln sich um Kumbh-Mela-Fest 
auf provisorischen Pontonbrücken über den Ganges.

Das obige Bild kommt für einmal mit einer wirklich guten Legende, weil sie nicht einfach beschreibt, was man sieht, sondern es einem erklärt. Im Gegensatz etwa zu "Mann mit orangefarbenem Turban" und ähnlich einfallslosen (und leider für Fotobücher typischen) Bildlegenden.

Indien ist ein Land von Gegensätzen. U.R. Ananthamuthy meinte einmal, der indische Autor habe gegenüber seinen westlichen Kollegen den Vorteil, dass er gleichzeitig im 12. und im 21. Jahrhundert und allen Jahrhunderten dazwischen lebe.

Steve McCurry hat diese Unterschiede höchst überzeugend dokumentiert. William Dalrymple bemerkt treffend: "Die von McCurry meisterhaft eingefangenen, skurril-witzigen Gegensätze sind letzten Ende gar nicht so surreal. Es gibt nichts Abstruses, keine Pelztassen, keine schmelzenden Uhren. Dennoch scheinen die Fotos eine fast irreale Welt abzubilden."

Steve McCurry
Indien
Prestel; München - London - New York 2015.

Wednesday, 9 December 2015

Über Yoga. Die Architektur des Friedens

Meine eigene Erfahrung mit Yoga beschränkt sich auf die halbherzige Teilnahme an einem Kurs vor fünfzehn Jahren im walisischen Cardiff. Ich erinnere mich nur an ein paar Verrenkungen und dass mich das Ganze eher an Gymnastik, denn an Spirituelles gemahnte.

Von einem "Pfad der Vereinigung", wie die Einleitung zu Michael O'Neills Über Yoga - Die Architektur des Friedens überschrieben ist, merkte ich damals nichts. Laut Swami Chidanand Saraswatiji, von dem diese Einleitung stammt, geht es im Yoga ums "Einswerden von Atem und Körper, von Geist und Muskeln, von Körper, Seele und Geist, und letztlich von Schöpfung und Schöpfer." 

Er empfiehlt, sich den prächtigen Fotos in diesem Band mit folgender Einstellung zu nähern: 
 "Wenn wir uns ins Betrachten dieses Buches mit derselben Andacht vertiefen, mit der wir das Tor eines Tempels oder einer Kathedrale öffnen, und mit unseren drei Augen sehen – mit den beiden physischen und mit unserem inneren Auge – werden wir nicht nur faszinierend schöne Bilder sehen, sondern auch wahres Yoga."
Himmel und Erde begegnen sich
Ladakh, 1. März 2010

Das obige Bild wird von diesem Text begleitet:
"Für mich liegt hier im tibetischen 
Hochland, zwischen Himmel und Erde, in dieser 
spirituellen Lage, die Glückseligkeit. Die höchste
 Form der Meditation in der grössten Höhe
 bot das perfekte Motiv, um die Loslösung des 
Geistes während der Meditation im Bild zu 
erklären. Es ist der Ort, an dem das Fassliche 
aufhört zu sein und reinem Bewusstsein weicht.
Wie Swami Chidanand so treffend sagte: 
'Grössere Höhe, höhere Gesinnung und höhere 
Dankbarkeit.' Als endliche Formen gelangen 
wir so nahe ans Unendliche."
Ehrwürdige Wurzeln, Uddiyana 
(Reinigung durch das Hochziehen der Bauchdeckel)
Swami Yogananda, Rishikesh, 9. März 2009

Schwebender Lotus, Kalaripayattu-Kämpfer, Yogaschlaf sind ein paar beliebig ausgewählte Bezeichnungen hinter denen sich artistische Meisterleistungen verbergen, doch beim Yoga, geht es nicht um Spektakuläres, sondern um den Wesenskern des Seins. Warum dies mit Fotografien, die höchst aussergewöhnliche Körperhaltungen zelebrieren, illustriert wird, entzieht sich mir. Andrerseits machen solche Aufnahmen aber eben auch den Kontrast zu den wenig spektakulären Porträts von im Sitzen Meditierenden, die durch ihre Ausstrahlung beeindrucken, sichtbarer. Mein Lieblingsbild zeigt den Dalai Lama, versunken im Augenblick.

"Seit seinen frühesten Anfängen vor 5000 Jahren galt Yoga nicht als Kunst oder Übung oder Religion, sondern als Wissenschaft, als Vidya, da es von Anbeginn mit strenger Untersuchung und Erprobung verbunden war. Wer die Wissenschaft des Yoga praktiziert, kann zu einer direkten Erfahrung, einer direkten Wahrnehmung seiner selbst gelangen, die jeder Überprüfung standhält", schreibt Eddie Stern, den Michael O'Neill in der "Haltung des Weisen Bhagiratha" im Schneetreiben der Crosby Street in New York City abgelichtet hat.
Natarajasana (Haltung des Tänzers) 
Shiva Rea, El Mirage Lake, Kalifornien, 25. Oktober 2006

Den besten Grund, Yoga zu praktizieren, liefert der Fotograf Michael O'Neill gleich selber. Nach einer Operation war sein rechter Arm gelähmt. Anstatt sich damit abzufinden, begann er zu meditieren – "ich lernte, ganz für mich alleine dazusitzen und die Angst zu beschwichtigen." Zudem arbeitete er mit einem Hydrotherapeuten und einem Meditationslehrer. "Gegen Ende des ersten Jahres hatten sich genau die Nerven, die die Mediziner für abgestorben erklärt hatten, fast vollständig regeneriert, und mein Arm war wieder einsatzfähig. Yoga und Meditation waren für mein Leben unabdingbar geworden."

Für Michael O'Neill gibt es zwischen Yoga und Fotografie Gemeinsamkeiten. "Beides verlangt Unvoreingenommenheit, um sehen zu können, was wirklich da ist. Beides erfordert Geduld und belohnt Übung. Beides ist insofern Meditation, als man davon voll und ganz in Anspruch genommen wird. Wenn man sich in diesem Moment, in diesem Fluss befindet, existiert nichts anderes mehr. Das bewahrheitet sich ganz besonders in der Dunkelkammer – in der mutterleibsartigen Umgebung und dem leisen, beständigen Rauschen des Wassers liegt ein Fluss, eine Alchimie. Die eigene Schöpfung wird durch eine Flüssigkeit auf Papier zum Leben erweckt. Es ist Zauberei. Man taucht mit den Händen in die transformierende Flüssigkeit ein, wie man mit seinem Körper ins transformierende Wasser des Ganges, der Mutter des Lebens, eintaucht ...".

Michael O'Neill
Über Yoga. Die Architektur des Friedens
Taschen, Köln 2015

Wednesday, 2 December 2015

Hiroshi Sugimoto's Seascapes

North Pacific Ocean, Ohkurosaki, 2013

When it comes to photo books one always has the choice. One can start with the pictures or with the introduction to the pictures. I have no idea why I do sometimes prefer the pictures to the intro or vice versa. In the case of Seascapes by Hiroshi Sugimoto I started with the pics.  

What we are shown is a series of seascapes. At first glance, the pictures didn't differ much from one another yet the more time I spent with them the more differences I began to see. Sometimes, the line between ocean and sky completely disappears.
Sea of Japan, Oki, 1987

The pics radiate a fascinating tranquility, they do have a calming effect on me. And, to read what Hiroshi Sugimoto penned on this website („Water and air. So very commonplace are these substances, they hardly attract attention – and yet they vouchsafe our very existence.“), fills me with a sense of being exposed to the essence of our existence.

For more, see my full review on http://www.fstopmagazine.com

Wednesday, 25 November 2015

Thai Ways


Jing is a native of Bangkok, we know each other for 25 years. And, she still surprises me. We are on our way to lunch and almost there when all of a sudden she stops and asks: Do you want something from 7/11? No, I say. She opens the door, looks at me and says: No? I want air condition and in she goes ...

The timetable says that the train ride from Lat Krabang to Chachoengsao takes 43 minutes. The ticket counter opens ten minutes before departure. The ticket costs 7 Baht. My 100 Baht note seems to cause problems and so I look for change but all I have is a 5 Baht coin. Okay, okay, says the guy behind the counter and grabs my 5 Baht. That was most definitely my cheapest train ride ever ...
I felt truly excited that the breakfast buffet in my hotel included sushi ... and slightly less excited that the guy in front of me seemed determined to finish it off ...

At the bus station. One look and I knew this was the typical reckless driver. I was wrong, he proved to be considerate and really easy-going. For about ten minutes, that is. From then on he behaved exactly like the reckless driver I had imagined him to be. Sometimes, appearances do not deceive ...
In Bangsaen, I would like to inquire about the room rates but the middle-aged lady at the reception is busy on the phone. After eyeing me for a considerable while, she hands me what she seems to have decided were my room keys ...

"Hap acciden" is an expression often heard in Thailand and among the things that cause accidents motorbikes figure prominently. So I somewhat reluctantly chose one day to give it yet another try. That was in Pattaya. I was given a helmet that did not exactly fit my head but I nevertheless felt sort of reassured. And, it must be said, the young female driver also rode, as I had clearly demanded (that much Thai I know), rather slowly and so I felt considerably safe ... until her mobile phone rang which of course she answered ...
Pattaya is very probably the craziest place on earth. Literally every thing is for sale here, capitalism running riot. To me, it is the ideal place for having tailor-made pants and shirts at bargain prices. And, for the best and cheapest Thai food I can think of. It is however also a place that makes me rather often feel irritated, sad, and depressed.

Wednesday, 18 November 2015

Zora del Buonos Reisen zu alten Bäumen

Als Kind glaubte ich, dass wenn man einem Baum einen Ast abreisst, dem Baum damit weh tut, ihn verletzt, ihm eine Wunde zufügt. Ich hatte das von den Indianern, die glauben, dass alles belebt ist. Ob die Indianer das wirklich glauben, weiss ich nicht, doch ich glaubte es und glaube auch heute noch, dass, was wir als unbelebt bezeichnen, lebt  nicht so wie wir, aber irgendwie eben doch.

Daran fühlte ich mich erinnert, als ich in Zora del Buonos Reisen zu alten Bäumen von dem Seminolen Sam Thommie las, der meinte: "Everything is connected". Und das meint: nichts geschieht zufällig. Die Autorin legt sich diesbezüglich nicht fest. "... was unter der Erdoberfläche vor sich geht, kann man nur erahnen, Bäume derselben Art kooperieren oft durch ihre Wurzeln, kränkelt einer, unterstützt ihn der Nachbar mit Glukose und anderen Nährstoffen."

Die 1962 geborene Zora del Buono wuchs in Bari und Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Auch wenn man nicht weiss, dass sie Architektur studiert hat, dass sie vom exakten Gestalten geprägt worden ist, zeigt sich in ihrem Schreiben. Was ich von ihr gelesen habe, hat mich zum Fan werden lassen, am allerliebsten sind mir ihre Reiseerzählungen.

Das Leben der Mächtigen ist mit Reisen zu alten Bäumen untertitelt. Die Autorin hat Bäume aufgesucht, in Europa und Nordamerika. Zum Beispiel den Old Tjiko im Nationalpark Fulufjället, Provinz Dalarna, Schweden, 850 Meter ü.M. Mit neuneinhalbtausend Jahren ist diese Fichte der älteste Baum der Welt. Die Schilderung des beschwerlichen Marsches dorthin liest sich höchst aufschlussreich und gipfelt in einem Satz, der bei mir lautes Schmunzeln auslöst. "... es interessieren sich nicht viele Menschen für den alten Baum, der so gar nichts Imposantes an sich hat; wer einmal ein Bild von der mageren Fichte gesehen hat, ist meist enttäuscht, jede Dorfeiche ist beeindruckender, zudem dauert allein die Anfahrt aus Stockholm fünf Stunden, und so sind es meist Botaniker oder Freaks oder treehunter, die den Weg mit einem wenig Ortskundigen gehen, denn alleine findet man die Fichte nicht, was gut ist für den Baum, wer weiss, welcher Vandalismus ihn sonst ereilte, gefällt ist so ein dünner Geselle schnell."

Dem dreitausend und sechshundert Jahre alten Senator (einer Sumpfzypresse) im Big Tree Park, Longwood, Florida ist Crystal Meth zum Verhängnis geworden. Die junge, völlig zugedröhnte Sara Barnes ist in das teilweise hohle Innere des Stammes gekrochen, hantierte darin mit einem Feuerzeug, um das Tütchen mit Drogen zu betrachten ... der Rest ist Geschichte.

Den höchsten Baum der Welt, den hundertfünfzehn Meter hohen Küstenmammutbaum Hyperion in einem kalifornischen Wald (sein Standort wird geheim gehalten) hat sie nur auf Luftaufnahmen gesehen, dafür ist sie vor der "geradezu sagenhaft mythenfreien" Arve Muottas da Schlarigna im Engadin gestanden. Und wenn wir schon in der Schweiz sind, dann soll auch gerade noch auf die Linde von Linn in Bözberg, Kanton Aargau hingewiesen werden, nicht zuletzt, weil der Einstieg in die Schilderung dieser Sommer-Linde mich in einem Krimi wähnen liess:

"Als im September 1974 ein Helikopter in Heinrich Kohlers Garten landete, molk er gerade eine Kuh. Aus dem Stall sei er gerannt und rasch wieder zurück, um zu Ende zu melken, dann habe er die Überhose ausgezogen und sei in den Helikopter gestiegen. Den Piloten kannte er noch vom Militär, er war mit zwei Ärzten der Rettungsflugwacht unterwegs ...". Mehr soll hier nicht verraten werden, nur, dass der Kohler Heiri nie geheiratet hat, "obwohl es viele Ehemöglichkeitä gegeben habe, aber die Mutter hatte es jedes Mal zu verhindern gewusst; in vier Jahren wird er neunzig."

Fazit: Clever, witzig und auf vielfältige Art lehrreich. Intelligente Unterhaltung vom Feinsten!

Zora del Buono
Das Leben der Mächtigen
Reisen zu alten Bäumen
Naturkunden No. 22
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015

Wednesday, 11 November 2015

Michael Kenna: Forms of Japan

"If someone says to you: 'I want to go to Japan because I've never been there', then this is a lie. For, of course, he has been there, otherwise he wouldn't know that he wants to go there. He has been in Japan because he knows pictures from Japan, and he wants to travel to the pictures that he knows", wrote German author Rainer Fabian in his highly recommendable novel Das Rauschen der Welt.

Yvonne Meyer-Lohr, who contributed the introduction to Michael Kenna's Forms of Japan, phrases it similarly: "I believe that I can recognise something typically Japanese at first glance. Unlike on my travels to most other countries, I already carried my pictures of Japan in my mind when I arrived there."

To me (I've so far been there only in my mind), Japan stands for Zen gardens, meditation, cherry blossom trees, tranquillity, clarity, and simplicity.
Fifteen years ago, when I started to develop a keen interest in photography, I routinely approached pictures by asking questions: what is this, what is that, why I'm shown this, why I'm shown that, what was on the photographer's mind, was there really something on his mind? And so on. I'm still asking myself such questions, especially when looking at press photographs for they routinely transport an often hidden agenda. When, however, I'm shown landscape pictures in a photo book I'm putting my questioning mind to rest (as best as I can) in favour of acknowledging the sensations I experience. There's basically just one question that then interests me: What is this picture doing to me?
Michael Kenna's photographs help me to contemplate things as they are. To me, they radiate a meditative quality. I can easily identify with what Yvonne Meyer-Lohr penned. "I first saw Michael Kenna's photographs of Hokkaido, snowy landscapes with individual trees, line drawings of fence posts and clouds in the sky above still waters that peter out in the distance. I looked at the photographs and discovered more. Expansiveness. Stillness. Emptiness. Space. Development. Change. Generosity. Reduction. Simplicity. Form."

One can feel that. Just look and see.
Given that I imagine the Japanese to be restless and efficient, riding tirelessly on bullet trains through the country, it seems strange and intriguing that I should think of these photographs as typically Japanese. Yet I do. For they bring me back to my younger years when I was flirting with Zen. And, they instill in me a longing for the kind of simplicity that calms the mind.

This isn't a book about Japan, it is a book about Forms of Japan. To me, these forms could be found anywhere yet for some reason I happily accept that they should be distinctly Japanese. It goes without saying that we do see in photographs what we bring to them.

"The belief that gods are an integrated part of the landscape is very meaningful to me", writes Michael Kenna and I strongly sympathise with him. "The land itself becomes a place of worship, in which to rest and meditate, and perhaps escape to, from the complications and noise of our fast-paced modern lives."

Michael Kenna / Yvonne Meyer-Lohr
Forms of Japan
Prestel; Munich, London, New York 2015

Wednesday, 4 November 2015

David Batchelder: Tideland

"David Batchelder made these photographs between 2010 and 2015 in the tidal zone on the beaches that fringe Isle of Palms, a small barrier island off Charleston, on the eastern coast of the United States. Unless you are an expert in geology or marine biology, you would not know this from looking at the images. Like much of our surroundings, these beaches could be many places in the world, and many more places in the mind", writes David Campany in his essay. 

The images in this tome were taken by a hand-held camera that David Batchelder pointed downwards. "The camera records and makes permanent a world in flux", as David Campany states, and one might wonder what exactly the role of the photographer is? I mean, does holding a camera make you a photographer?

Yes, it does. If you are doing it regularly (and not just occasionally). As a Finnish photography student once said to me: I can bake but that doesn't make me a baker. Baking for a living is making me a baker. In other words, if what you are doing most of the time revolves around taking pictures then you are a photographer.
For more, see my review on http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 28 October 2015

Arbeit: Fotografien aus der Schweiz 1860-2015

Arbeit, wie bildet man sie fotografisch ab? Kein leichtes Unterfangen, denn Arbeit ist ja nichts Statisches, immer ist Bewegung mit dabei, auch beim Denken, doch wie fotografiert man einen Denkvorgang? Wie vielfältig diese Aufgabe gelöst werden kann, zeigt der vorliegende Band. Zu meinen Lieblingsbildern gehört die "mechanische Ziegelei" in Allschil / BL, aufgenommen von Eduard Müller 1898 (einen Ausschnitt davon zeigt das obige Titelbild. Klappt man das Buch auf, sieht man das ganze Bild). Wie kunstvoll arrangiert sich die Arbeiter in Szene gesetzt haben, lässt auf eine gute Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Arbeitern schliessen.

Die erste Aufnahme in Arbeit: Fotografien aus der Schweiz 1860-2015 (auf Französisch: Le Travail: Photographies provenant de Suisse 1860-2015; es handelt sich um eine zweisprachige Ausgabe) zeigt eine Frau in einem langen Kleid und einem Gestell unter dem Rock, in Schürze und mit Kopfbedeckung, die einen Besen in der Hand hält. Die Bildlegende sagt, dass es sich um ein Zimmermädchen aus dem Hotel Beau-Rivage in Lausanne handelt (1865). Eine Inszenierung, natürlich. Würde man heute ein Zimmermädchen mit einem Besen abbilden?

Mein Herangehen an diesen Band ist willkürlich. Ich blättere zuerst einmal, bleibe hier und da stecken, lerne, dass es 1901 den Beruf des Bautauchers gegeben hat, stosse auf einen Migros-Verkaufswagen in Carona/TI, das war 1954, dann auf Aufnahmen von Italienern und Spaniern, die 1966 für die Weihnachten nach Hause fuhren, und schliesslich auf ein Bild von zwei italienischen Heuern, sagt die Bildlegende, bei der sonntäglichen Bartpflege in Splügen/GR um 1908.
Beladen einer DC-2 der Swissair
1935 / Birsfelden (BL) / Foto: anonym

Daniela Nowakowski und Dario Donati erläutern in der Einleitung, worum es bei dieser Publikation geht. "Im Vordergrund steht dabei nicht eine realienkundliche Geschichte der Arbeit, etwa die Frage, wie die Werkstatt eines Schreiners um 1900 aussah, sondern wie und mit welcher Funktion Arbeit beziehungsweise der arbeitende Mensch in den verschiedenen fotografischen Bildquellen dargestellt wird."

Markus Schürpf weist in seinem Abriss der "Stationen der Schweizer Fotogeschichte" unter anderem darauf hin, dass bis ins 20. Jahrhundert die Fotografie wesentlich ein Mittel der Selbstdarstellung gewesen ist und sich dies nach 1945 zu verändern begann. "Gab es gemäss Berufsstatistik 1950 2500 Fotografen, so sind es 1970 über 3000. Grund dafür ist, dass Industrie und Gewerbe, und immer mehr auch die Dienstleistungsbranche, über die herkömmlichen Dokumentations- und Werbeaufnahmen hinaus perfekt inszenierte Fotografien der Produkte und der Betriebe, aber auch des Personal anfertigen lassen."

Auch wenn sich seither vieles geändert hat, die visuelle Inszenierung hat zugenommen. Auch deswegen sind Fotos immer wichtiger geworden. Und werden es wohl weiter bleiben. Doch was  die Fotografien der Arbeit angeht, so gilt. "Die Arbeit der neuen Zeit allerdings entzieht sich dem Auge der Kamera." (Markus Schürpf).

Verkehrspolizist
1960 (ca.) / Zürich / Foto: ASL

Die Bestände des Schweizerischen Nationalmuseums wurden in fünf Kategorien unterteilt. 1) Die Firmenfotografie (eingeführt von Ricabeth Steiner und Fabian Müller, die auch darauf aufmerksam machen, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts, in dem die Arbeit automatisiert wurde, "der Mensch verstärkt in den Fokus der Firmenfotografie" gerückt ist, gleichsam als Gegengewicht. 2) Private Fotografie. 3) Freie Fotografen (Text jeweils von Ricabeth Steiner und Fabian Müller). 4) Pressefotografie (Dario Donati). 5) Postkarten (Ricabeth Steiner und Fabian Müller).

Der thematische Teil des Bandes gliedert sich in vier Kategorien: Frauen und Männer, ausländische Arbeitskräfte in der Schweiz, Arbeit in Zeiten des Kriegs, der Mensch und die Maschine. Besonders angesprochen hat mich "Maurer, ein Frauenberuf?", der witzige und mit 'common sense' geschriebene Text von Daniela Nowakowski.
Fotoarchivar im Landesmuseum
1975 (ca.) / Zürich / Foto: anonym

"Anhand von Fotografien aus den Jahren um 1977 bis 2014 diskutieren die Psychologin Dr. Anita Keller und der Soziologe Prof. Dr. Franz Schultheis über Veränderungen in der Arbeitswelt", lese ich. Die Fotos werden dabei nur als Auslöser benutzt, als Aufnahmen werden sie nicht hinterfragt.

Der Band schliesst mit einem unterhaltsamen und lehrreichen Text von Max Küng, wo man unter anderem erfährt, dass im heutigen New Speak der Zeitungsjunge "Media Distribution Officer" genannt wird. Wieso dieser Artikel allerdings in einem Band über Arbeit-Fotografien publiziert wird, ist mir schleierhaft.

Arbeit / Le Travail
Fotografien aus der Schweiz 1860-2015
Photographies provenant de Suisse 1860-2015
Schweizerisches Landesmuseum / Limmat Verlag, Zürich 2015

Wednesday, 21 October 2015

100 Contemporary Concrete Building

100 Contemporary Concrete Buildings come in two volumes that offer many well-composed photographs of outstanding and breathtaking constructions. One of them is situated near where I happen to live most of the time: the Salginatobel Bridge, Schiers, Switzerland (Robert Maillart, 1930).

Concrete, I learn from the introduction, is "a kind of 'liquid stone' at the outset, it is malleable, durable, and, in the right hands, capable of prodigious feats of engineering."

My knowledge of architecture is virtually non-existent and so I'm not only fascinated by but in awe of what the pictures in these two rather heavy volumes are showing me. Buildings that seem somehow unreal. Looking at these pics felt like an introduction into science fiction for some of these constructions I simply thought unbelievable. 
Photographs can be eye-openers and this is certainly true for the ones in these two volumes that not only direct my eyes to very diverse constructions but make my imagination come alive in many, rather unexpected ways – I felt transported into another universe.

100 Contemporary Concrete Buildings invite my mind to wander. The very varied and imaginative display of constructions, from churches to museums to theaters and auditoriums, made me often pause and reflect. 

The questions that came up were not of the technical kind – what exacty did the architects do and how did they do it? – but had to do with the effect the photographs of these buildings had on me. The fact that I'm stressing that I'm looking at photographs and not at buildings is not insignificant: What my eyes are showing me is what the photographer has decided to show me.
Needless to say, a photograph of a building, or of parts of a building, is not the same as the real thing. To me, the photographes in 100 Contemporary Concrete Buildings are essentially pointers, they make me want to go and see these constructions for myself.

On the other hand, these photographs show me aspects of these buildings that I myself (and on my own) would have very probably not been able to see. Take, for instance, the above pic to the right: Would I have chosen to look at it from the same distance? Would the weather have permitted to see the reflection in the water? etc. etc.

In other words: What we get to see is the photographers' view of the buildings. I do find the images intelligently composed and truly inspiring.
Among the 100 Contemporary Concrete Buildings are constructions (this is a very arbitrary, spur-of-the-moment selection) by Tadao Ando, Santiago Calatrava, Zaha Hadid, Herzog & de Meuron, Valerio Olgiati, Renzo Piano, and Peter Zumthor.

100 Contemporary Concrete Buildings is a most impressive tome that invites readers/viewers to make discoveries. Among the ones that I think fabulously unique (actually all of them are) I'd like to point out the CDD –  Center for Disabilities in Seregno, Italy, 2009-13 by Archea Associati; the Vedoble Houses in Cañete, Peru, 2008-11 by Barclay & Crousse; the Tenerife Auditorium in Santa Cruz de Tenerife, Spain, 1997-2003 by Santiago Calatrava and  and and ... as I've already said: all of them are fabuously unique!

Philip Jodidio
100 Contemporary Concrete Building
Volumes 1 & 2
English, German, French
Taschen, Cologne 2015

Wednesday, 14 October 2015

Das Magnum Archiv

"Fotografieren lernte ich durch das Betrachten von Bildern", schreibt Jonas Bendiksen, der 2010 Präsident von Magnum Photos gewesen ist. Ein guter Satz, ja, ein wirklich guter Satz. Ganz simpel und unmittelbar einleuchtend, der seine ganze Wirkung jedoch erst entfaltet, wenn man ihn langsam, ganz langsam in sich einsinken lässt.

Magnum Photos ist die wohl berühmteste Fotoagentur der Welt. Gegründet wurde sie 1947 von Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, George Rodger und David "Chim" Seymour. Heute besteht die Gruppe aus über 60 aktiven Mitgliedsfotografen und gehört diesen gemeinsam.
Cornell Capa
Rural Highway, USA, 1959

Sie sei, so Marie-Christine Biebuyck, bei der Arbeit zu Magie der Bilder tief in eine elegante Formenwelt eingetaucht und gibt nun den Betrachtern unter anderen auch diesen Rat: "Folgen Sie den sichtbaren und unsichtbaren Linien – dem neugierigen Auge erschliessen sich viele Details." Mir ist zwar schleierhaft, wie man unsichtbaren Linien folgen soll, doch den Hinweis, den sichtbaren zu folgen, finde ich hilfreich. Denn um sehen zu können, gilt es, den Blick zu lenken.

Man findet in diesem Band neben bekannten Bildern, die es zu ikonischem Status gebracht haben  –  etwa Werner Bischofs Aufnahme von Mönchen, die im Schnee am Meiji Tempel vorbeigehen (die Bildlegende sagt allerdings nur: Tokio, Japan, 1951) oder Inge Moraths Llama, das seinen Hals aus einem New Yorker Taxi streckt (New York, USA, 1957 lautet die Bildlegende)  – auch ganz viele, die für mich wunderbare Entdeckungen sind.
Chris Steele-Perkins
London, Grossbritannien, 2001

365 Bilder enthält dieser Fotokalender. Sich jeden Tag von einem Magnum-Bild inspirieren zu lassen lohnt schon deswegen, weil wir damit jeweils in fotografische Welten transportiert werden, die uns Blickwinkel eröffnen, die wir sonst nicht wahrgenommen hätten. Denn Fotos anzuschauen bedeutet, das zu betrachten, was der Fotograf (oder die Fotografin) gesehen hat und uns hat zeigen wollen. Es bedeutet nicht, dass wir dasselbe sehen; es bedeutet, uns auf das zu fokussieren, was uns vorgegeben worden ist. Oftmals ist es die Einengung des Blickwinkels, die unseren Horizont weîter macht.
Herbert List
München, Deutschland, 1953

Die hier präsentierten Aufnahmen habe ich aus einer Laune heraus ausgewählt. Warum sie mich angesprochen haben, weiss ich nicht wirklich zu sagen. Doch je länger ich mit meinen Augen den verschiedenen Linien folge, desto eindringlicher wird mir bewusst, dass ich etwas recht zufällig Ausgewähltem meine Aufmerksamkeit schenke. Es sind Momentaufnahmen und die haben es so an sich, dass sie den Fotografen zufallen, sofern diese bereit dazu sind. Magnum Fotografen scheinen dies in hohem Masse zu sein.

Magie der Bilder
Das Magnum Archiv
Prestel
München / London / New York 2015

Wednesday, 7 October 2015

Architecture & Light

To photograph means, literally, to paint or to draw with light. I must admit that I've never really understood what that means for I've always thought that one paints with a brush or that one draws with a pencil - but with light?

However, contemplating Alan Ainsworth's photographs sort of modified my point of view. His photographs, apart from being thoughtfully composed, make you aware that it is the light that makes us see what we are seeing.

The photographs in this work do not really show „The Barbican“, they show selected parts of the buildings. In other words, the sensations that I experienced while spending time with these photos were not chiefly related to the construction as a whole but to certain, carefully chosen, aspects that showed me how fascinating, intriguing, even mysterious, parts of buildings can look.
Alan Ainsworth is not only an accomplished picture-taker but also a gifted man of words. It does not happen often that I come across a photographer who knows so eloquently to put into words what he sees. „The multiplicity of lines and shapes, both positive and negative, which catch and channel light in different ways in the Barbican is remarkable. Straight lines run horizontally, diagonally up staircases and vertically, counterposed in many cases by the jagged line of the edges of the towers. As these multiple shapes combine with the different shadow shapes which move slowly across the built landscape, a series of geometrical patterns emerge. Shadows form of different planes and the effect of this gradually-changing cubist collage can be mesmerising. The round globe lighting fixtures counteract the lines of the buildings and, when caught in the sunlight against shadow, seem like glowing bulbs. Plate glass windows create reflections of light and shapes and multiple the criss-cross patterns from the buildings.“

For the full review, go to http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 30 September 2015

Frank Lloyd Wright

Some names simply intrigue me. Among them Frank Lloyd Wright. What I know about him stems from the fascinating novel Loving Frank by Nancy Horan. The story is based on the clandestine love affair between Mamah Borthwick Cheney and Frank Lloyd Wright that began in 1903, when Mamah and her husband Edwin commissioned the renowned architect to design a new home for them. The New York Times called the novel "truly artful fiction".
Wright was born in 1867 and died in 1959, "placing him squarely on the stage of the incredibly dynamic century bracketed by the Civil War and the space age, a century of tremendous technological advances and momentous political and social change", writes Bruce Brooks Pfeiffer, who, in the 1950s, was a student of Wright, in the introduction.

Wright grew up and spent most of his life in rural Wisconsin. "He was brought up on the writings and teachings of the 19th-century transcendentalists Ralph Waldo Emerson, Walt Whitman, and Henry David Thoreau, and he would respect the spiritual and romantic values they inspired even as he embraced the scientific advances of the 20th century."

Wright wanted the architect to have complete charge of the architectural design, and "for him this meant interior furnishings as well as exterior landscape." He was however not often given this kind of freedom ...
When Wright died in 1959, The New York Times wrote: "His own philosophy of architecture was enunciated in low terrain-conforming homes that became known as "prairie architecture"; in functional office buildings of modest height utilizing such materials as concrete slabs, glass bricks and tubing; in such monumental structures as the Imperial Hotel in Tokyo that withstood the great earthquake of 1923."

Bruce Brooks Pfeiffer's compilation covers the whole spectrum of Wright's work and also includes projects that were never realised. Two of my favourite constructions are the Rose Pauson House placed on the crest of a small desert hill near Phoenix, Arizona, built in 1938 and destroyed by fire in 1943, and the futuristic Marin County Civic Center from 1957, in San Rafael, California. Spending time with the pictures of these two buildings will help you understand how very varied Wright's organic architecture did find its expression. 

Bruce Brooks Pfeiffer / Peter Goessel
Frank Lloyd Wright
English, German, French
Taschen, Cologne 2015

Wednesday, 23 September 2015

Fotografieren als Hingabe an die Gegenwart

Was mich ganz besonders an „Die stille Gegenwart der Photographie“ anspricht, ist, dass Liesenfeld Fragen aufgreift, die mich selber immer wieder beschäftigt haben. Zum Beispiel die, ob der Fotograf ein Künstler sei. „Ein wichtiger Faktor auf dem Kunstmarkt ist ebenfalls der Nimbus des Künstler als Schöpfer. Auch hier steht das 'Ich der Photographie' der Glorie des Fotografen im Wege, denn es ist ganz offensichtlich, dass der Fotoapparat die Bilder macht, und dass der Fotograf eine Fotografie eher 'in Auftrag gibt'.“ Treffender habe ich das bisher noch nirgendwo formuliert gefunden.

In der Photographie verberge sich die Wahrheit nicht hinter einer Fassade, schreibt Liesenfeld. Und: „Ich bemühe mich, die Wahrheit anhand der Oberfläche zu zeigen. Ich habe gelernt, die Welt durch das Auge des 'Ich der Photographie' zu betrachten.“

Mich erinnerten diese Ausführungen an Mont Redmonds von mir sehr geschätzte Essays in seinem „Wondering into Thai Culture“, wo er argumentiert, im Buddhismus gehe es nicht darum, hinter die Dinge zu sehen, sondern den Dingen ihre vermeintliche Tiefe zu nehmen. „'No self, no permanence, no happiness' means: seek no more. What you see is what you get, and what you’re seen to be is what you’ve got.“

Winogrand sei es nicht um die fertigen Aufnahmen gegangen, so Liesenfeld, sondern „lediglich ums Sehen, ums Fotografieren an sich, um diese einzigartige Verbindung mit dem Leben selbst.“ Ihm selbst geht es offenbar auch um diese Verbindung, denn er will (wie er seinen Besuch in Medjugorje am Karfreitag 2007 beschreibt, wo er Marienfiguren fotografiert), „keine Geschichten erzählen, sondern nur sehen, entdecken und aufzeichnen.“ So kann das Fotografieren zur Hingabe an die Gegenwart werden.

Der vollständige Text findet sich auf 
http://fotokritik.de/artikel_173_1.html

Wednesday, 16 September 2015

Jacqueline Hassink: View, Kyoto

My usual complaint about photo books is that somebody, a photographer or a publisher or both, simply throws photographs at me without any, or hardly any, accompanying information as if to say: "Do with it what you like." As I've written on many occasions: I find this rather cheap. Moreover, I feel left alone with all my questions ... and I already have enough unanswered questions myself so I really do not want to be given extra-work ...

However, many of the convincingly composed shots in Jacqueline Hassink's View, Kyoto do not need more information than the photographer volunteers in the introduction."Today the city houses some 1,600 Buddhist temples. Each has its own unique garden ... In Buddhism the temple is seen as the human realm, whereas the garden represents the realm of the Buddha. The veranda is the line that separates these two worlds. This separation is temporary, and eventually through meditation the Buddha (nature) and humans become one."
View, Kyoto is divided into three sections. "Garden and Temple" in which the garden is photographed from deep inside the temple, followed by the "Temple" section that deals with space inside the temple. The third section is the "Garden", the focus here is on nature. 

It is a large format tome, the angles were intelligently chosen, the colours are stunning, and there's also the impressive print quality of the shots.
Apart from the stunning photos, there is also a conversation between Jacqueline Hassink and the scientist Gert van Tonder, who has done research on the perceptual effects of Japanese rock gardens. When van Tonder asks for the reasons why there are no people in the photographs, Hassink replies: "I think there is a human presence in the images, because the gardens and spaces that I photograph are made by human hand. So even though the temple monks or visitors are not shown in the images, they are present indirectly."

She surely has a point there. On the other hand: with this kind of logic there can be no emptiness in, say, public buildings or squares ... and that I find slightly absurd.
Gert van Tonder: "Whenever I take a photograph. I am always struck by the great limitation of the camera compared to how we can move our eyes and heads to seamlessly perceive a three-dimensional space. The moment one looks through the viewfinder this all disappears, and one sees a very small and flat segment of the world. Is this an advantage to you as a photographer, or a limitation?"

Jacqueline Hassink: "No, I see this differently. However, there are two aspects to what you describe that I think are relevant. First, if you have a photograph printed on a very large scale and with a certain printing technique, then it is possible to bring the illusion of three-dimensional space into the photographic image. Second, in the world of the iPhone and all the input that surrounds us, I think photography is a really good tool for framing one's thoughts at a particular moment in a single image.. Also important, I do not consider photography an experience of limitation. Instead it causes my brain to focus on the core of what I want to capture, on what I consider the essence of the temple or the garden."

This is the way I see it: to focus means to shut out what distracts, and thus to limit one's world-view. It is, however, in narrowing the scope that we broaden the horizon – which is precisely my experience with Jacqueline Hassink's photographs.

Jacqueline Hassink
View, Kyoto
Hatje Cantz, Ostfildern 2014

Wednesday, 9 September 2015

Images from the African Continent 2004-2014

When looking at the pic above, the module on international journalism at Cardiff's School of Journalism, Media and Cultural Studies, fifteen years ago, comes to mind. We were shown a fashion show at a rather posh hotel in Lilongwe, the capital of Malawi, as an example of how one might break the stereotyped reporting (war, famine, dictatorship, corruption etc.) from Africa.

I love to dress like I'm coming from somewhere shows images from the African Continent that were taken by Swiss photographer Flurina Rothenberger who grew up in a rural town in the center of Côte d'Ivoire. The photos were taken in many countries, from Morocco to Ethiopia to South Africa. 

The pictures come without captions and so I assume that where they were taken does not matter. And so we only know that we are looking at Africans in Africa. And, at some African scenery. Apart from the fact that most of the pictures do appeal to me, I'm sceptical of such an approach

Well, maybe the photographer thought it a good idea to not tell us where her pictures were taken, maybe she wanted to demonstrate that it doesn't matter where in Africa the people portrayed are from. I'm just guessing of course ...
"This book is a tribute to ordinary life. No spectacular or sensational incidents, just selected observations from countries in Africa I have worked or stayed in over the past ten years", writes Flurina Rothenberger.

Although I like many of the pics (the vast majority seem staged) in this tome, I do find a book with such scarce information a bit cheap. It is as if someone is throwing pictures on a table and saying: Do with them what you want. I'm too lazy to give you any context. And, I do not want to. For I do not want to tell you what you have to see. Just see for yourself.

It might however also be that Flurina Rothenberger simply doesn't remember where she took the pics, and maybe she doesn't know more about the persons in the photos than we can see.

Do these images help to see Africa differently? Devoid of the usual stereotypes? Yes and no. Yes, in that they show ordinary, unspectacular scenes, albeit often posed. I often had the sensation that the people portrayed looked at me (and I rarely experience that when looking at photo portraits). No, in that these diverse pictures (that to me radiate a humanness that I much warm to) also cement stereotypes by implicitly stating that the people portrayed need no names, that it doesn't matter what they do in life and where they are from.

Flurina Rothenberger
I love to dress like I'm coming from somewhere
Edition Patrick Frey, Zurich 2015