Wednesday, 27 February 2013

Sehen & Denken

"SEHEN soweit das DENKEN reicht. Eine Begegnung von Fotografie und Philosophie", herausgegeben von Yves Bossart, ist ein auf vielfältige Art und Weise inspirierendes Werk, unter anderem deswegen, weil man da bereits im Vorwort auf Bedenkenswertes und Anregendes stösst:

"Die Fotografie hat mit der Philosophie zumindest eines gemeinsam: Sie zeigt uns selten Dinge, die wir noch nicht kennen. Diese vertrauten Dinge präsentiert sie uns jedoch – wie die Philosophie – auf eine Weise, die neu ist, die uns anspricht, verblüfft, provoziert oder gar fesselt."

"Fotografie ist eine Schule des Denkens und des Sehens. Sie sensibilisiert unser Auge und stimuliert unseren Geist."

"Was die Philosophie denkt, lässt die Fotografie uns erleben."

Doch dann, ganz zum Schluss des Vorworts, stosse ich auf Überzeugungen, die ich ganz und gar nicht teile: "Ein Text sollte nicht über ein Bild reden, sondern mit ihm. Er sollte das Bild nicht beschreiben, sondern es zum Sprechen bringen. Wenn Texte mit Bildern ins Gespräch kommen, dann verändern sich beide, Bild und Text." Wie soll das praktisch gehen, dass ein Text mit einem Bild redet? Ebenso unsinnig scheint mir die Forderung, ein Bild zum Sprechen bringen zu wollen, denn was ja eine Fotografie unter anderem kennzeichnet, ist, dass sie tonlos ist. Zudem: es gibt einige Autoren in diesem Band, die über die Bilder (etwa Rudolf Ruzicka) und noch ganz viel anderes, das nicht direkt mit dem Bild zu tun hat (etwa Friederike Schmitz), schreiben.

Herausgeber Bossart geht davon aus, dass es sich beim Bilderlesen um eine Dreierkonstellation handelt und das meint, dass die Fotografien dieses Bandes anders wirken, nachdem man die Texte gelesen hat (das versteht sich). Und dass sich auch die Texte verändern, wenn man die Bilder kennt (sowieso). Und dass sich dann zu den zwei Gesprächspartnern (er betrachtet Text und Bild als Gesprächspartner), die Bilderleserin gesellt, die sich hoffentlich "durch das Gespräch mit Texten und Bildern verändert – sodass sich die Welt vor ihren Augen zu verwandeln beginnt."

Ich muss gestehen, ich kann mit Bossarts Ausdrucksweise beziehungsweise seinen Vorstellungen, dass es sich bei Text und Bild um Gesprächspartner handeln soll, so ziemlich gar nichts anfangen. Mehr als eine Zuschreibung ist das nämlich nicht, und darüber hinaus eine ziemlich realitätsferne, weil weder Bild noch Text reden und deswegen auch nicht miteinander in einen Dialog treten können. Zudem: eine Auseinandersetzung mit Texten und Bildern ist letztlich nie etwas anderes (kann gar nichts anderes sein) als eine Selbstbefragung.

"SEHEN soweit das DENKEN reicht. Eine Begegnung von Fotografie und Philosophie" ist kein Buch, dass man einfach so liest, sondern eine sehr gelungene Komposition, auf die man sich einlassen soll. Beim Lesen der Texte blieb ich immer wieder an einzelnen Sätzen hängen ("... die Fotografie ist auch eine Aufzeichnung dessen, was nicht im Bild ist"), fragte mich, ob das mehr als nur eine Behauptung sei ("Den fotografischen Akt kennzeichnet mehr als das, was sich mit Abzügen auf Fotopapier reproduzieren lässt") und liess dann meine Augen zu den diese Sätze begleitenden Fotos wandern. Stimme ich zu, stimme ich nicht zu? Häufig wusste ich es nicht und fand ich es auch nicht nötig, eine abschliessende Meinung zu haben, manchmal genügte es, ganz einfach die meditativen Stimmungen zu erleben, die diese durch Bilder und Texte angeregten Selbstbefragungen bei mir auslösten.

Eine meiner liebsten Bild-Text-Kombinationen handelt vom Alt-Werden; zu dem Grau in Grau Bild von Mantel und Stock auf Seite 93 formuliert Philipp Hübel sehr schön: "Jede Weisheit fehlt. Niemand ist da. Und doch wissen wir, dass jemand alt geworden ist."

SEHEN soweit das DENKEN reicht.
Eine Begegnung von Fotografie und Philosophie
Yves Bossart (Hrsg.)
Offizin Verlag, Zürich 2012 

Wednesday, 20 February 2013

Tomasz Gudzowaty: Keiko

This is a truly extraordinary book full of stunning and captivating photographs. There are no captions and for once I felt that they were really not needed. And that is rare for a work of photojournalism. "The basic unit of photojournalism", says Wilson Hicks of Life, "is one picture with words." For we want to know what we are looking at; and, furthermore, our curiosity demands information that a picture alone often cannot provide, as I have argued in Ways of Perception. Yet, in the case of Keiko, I know what I'm looking at: breaking up ships in Chittagong, Bangladesh.

Here's what the publisher lets me know: "Keiko is a story about a one-of-a-kind place and about the people who shape it. The artist documented the work and lives of shipbreakers in Chittagong, the second-largest city in Bangladesh, where thirty to forty percent of the seven hundred ocean-going ships taken out of service every year are scrapped. The book reminds us that despite the progress of civilization, work can still be a physical challenge that may provide a livelihood but at the same time robs people of any scope to change the status quo."
A quote by Henry David Thoreau introduces this extraordinary tome: "We must be refreshed by the sight of the inexhaustible vigor, vast and titanic features, the sea-coast with its wrecks, the wilderness with its living and its decaying trees, the thunder-cloud, and the rain." That captures well the sensations that I went through when spending time with this book, there was however also the human element that left its mark on me.

Witold Szablowski tells the worker's stories. "They get up early each morning ... They drink a can of cheap energy drink with a Bengal tiger on its packaging, then put on their sandals, a shirt or a T-shirt, some loose cotton trousers or the skirt kown as lungi. 'Nothing that restricts movements', one of them explains. 'Our works puts us in permanent danger. You must be quick and agile, like a monkey.'"
Tomasz Gudzowaty, an exceptionally gifted framer, was born in 1971 in Warsaw. What comes to mind when looking at his photos of Keiko are the the pics of Sebastião Salgado. Like Salgado's pics, the photographs of Keiko make visible a world that I had no clue existed. I've so far never imagined that human beings were involved in breaking up ships, in fact, I've never really thought about it. By showing me the gigantic tasks that these workers have to daily perform, Gudzowaty's photographs, although the men portrayed are anonymous, make me feel these workers, and understand their humanness.

Tomasz Gudzowaty
KEIKO
Hatje Cantz, Ostfildern 2012

Wednesday, 13 February 2013

Paul Senn, Fotoreporter

"Paul Senn – Geboren 1901. 1922 Fabrikarbeiter in Lyon, 1924 in der Redaktion der Basler Nachrichten. Arbeitet von 1926 bis 1930 als Graphiker in England, Italien, Belgien, Frankreich und Spanien. Seit 1931 als Photoreporter tätig und Mitarbeiter der bekanntesten in- und ausländischen Zeitschriften. Im Auftrag der Schweizer Illustrierten zweimal in den USA." 
Markus Schürpf, der die Aufarbeitung des Paul Senn-Archivs leitete, meint, dass dieser Lebenslauf bei der Ausstellung des "Collegiums Schweizer Fotografen" im Helmhaus Zürich 1951 aufgelegen sein muss und kommentiert: "Selbst in diesem rudimentären Abriss, der mit grosser Wahrscheinlichkeit von ihm selber zusammengestellt worden ist, sind Unrichtigkeiten enthalten, die er selber ohne grosses Nachdenken hätte präzisieren können, wenn ihm daran gelegen gewesen wäre. So ist der Beginn seiner Reporterkarriere einigermassen eindeutig auf das Jahr 1930 anzusetzen. Und die erste der beiden Reportagereisen in die USA 1939 erfolgte nicht im Auftrag der "Schweizer Illustrierten Zeitung", sondern für die "Zürcher Illustrierte". Der Grund für diese Ungenauigkeiten, aber auch all jene, die in Beschreibungen von Verwandten, Freunden, Kollegen oder seiner späteren Lebensgefährtin enthalten sind, ist bestimmt bei Senn selber zu suchen, oder jedenfalls darin, wie er sein Leben lebte. Schon früh suchte er eine freie und ungebundene Lebensform und liess sich ungern festlegen." Eine einfache konservatorische Arbeit scheint das nicht gewesen zu sein; man glaubt das gelegentliche Aufstöhnen des Herausgebers Schürpf aus diesen Zeilen herauszuhören.
Die Kirchenfeldbrücke im Nebel eines Herbsttags
Bern, um 1948

Auch wenn ich nicht immer zu sagen wüsste, weshalb ich eine Photographie gut finde, beim Betrachten von Senns Bildern war mir sofort klar, dass ich da aussergewöhnliche Aufnahmen vor mir hatte. Matthias Frehner schreibt im Kapitel über Senns Farbfotografien in den USA: "Er extrahierte aus der Wirklichkeit denselben aufgeladenen, über das fotografisch Gespiegelte hinausweisenden Augenblick, den Hitchcock im Filmstudio akribisch rekonstruierte. Gleichzeitig gelingt es Senn, hinter leeren, öden Vordergrundsflächen irgendwo im urbanen Niemandsland Szenen von geheimnisvoller Dichte aufzuspüren." Ob Paul Senn bewusst war, was ihm da zugeschrieben wird? "... er realisiert nun gleichzeitig das Prinzip der direkten Spiegelung mit ihrer Authentizität des Zufalls." Was auch immer das heissen mag. Andrerseits gibt Frehner ein paar sehr schöne und überzeugende Hinweise, etwa dass er die Begegnung zwischen Mann und Frau vor dem Military Supplies Store mit Edward Hopper assoziiert. Das geht mir jetzt auch so!
Ferienkolonie der FIAT-Werke, Noli, Italien, 1948

Das Kapitel über Paul Senn und Italien hat Nanni Baltzer beigesteuert und darauf hingewiesen, dass Senn, vermutlich "herausgefordert durch die brennende Sonne und lange Schatten", eine kleine Serie von Schattenstudien gefertigt hat, "die an Rodtschenko oder Moholy Nagy denken lassen." Gut beobachtet, finde ich. Das obige Bild wie auch die Bildlegende hingegen liessen mich ratlos, meine erste Assoziation war der Jonestown Massenselbstmord.
Mittagessen in der Bergschule, Adelboden, Berner Oberland, 1935

Mit Bauern und Arbeiter. Ikonen des schweizerischen Lebens ist ein Kapitel überschrieben und die Bilder, die man da sieht, führen einem deutlich vor Augen, dass das eine ganz andere Schweiz gewesen ist als wir sie heute kennen. Vor allem bei diesen Bildern wird einem bewusst, dass Fotografien unser visuelles Gedächtnis sind. Und wenn es dann Fotos sind, die von "einem guten Auge" gemacht worden sind, lässt man sich das gerne gefallen.

Fazit: ein rundum empfehlenswerter Band, nicht zuletzt der ausführlichen und informativen Begleittexte wegen.

Paul Senn, Fotoreporter
Herausgegeben von Markus Schürpf und Matthias Frehner
Scheidegger & Spiess, Zürich 2007

Wednesday, 6 February 2013

Censored 2012

"Most journalists in the United States believe the press here is free. That grand illusion only helps obscure the fact that, by and large, the US corporate press does not report what's really going on, while tuning out, or laughing off, all those who try to do just that", Mark Crispin Miller is quoted on the back cover. In other words, if you really want to know what is going on in the (US media) world you are well-advised to spend time with Censored 2012.

Needless to say, critiques of the establishment press also come from well-established institutions such as Harvard, Columbia or the Annenberg Schools yet, in the words of Mickey Huff, "neither go so far as to critique the overarching structure within which the media they critique actually operate  that of capitalism and the private, for-profit model for journalism in a supposedly free and egalitarian society." Horst Herold, the former head of the foreign intelligence agency of Germany, comes to mind: he once said that there is no democracy in capitalism for capitalism is governed by money and not by the people.

How come that, in Mickey Huff's words, the "major institutions all miss a big piece of the puzzle that has also contributed to the collapse of modern journalism"? Because, according to Huff, of "the reliance on establishment sources and exclusion of vernacular news."

Of the top censored stories of 2010-2011, Censored lists as number one: "More US Soldiers Committed Suicide than Died in Combat". Although post-traumatic stress disorder is widely covered in the corporate media, the focus is on the soldiers themselves and "never questions the US policy of maintaining a military empire of occupations and wars worldwide", I read and find this hardly surprising for the corporate media's role is not to question the fundamentals of power politics but to promote them.

Censored 2012 is divided into three sections: Censored News and Media Analysis, Truth Emergency: Understanding Propaganda in Theory and Practice, Project Censored International: Human Rights and the Right to Know.

Since I'm a fan of Jacques Ellul's Propaganda: The Formation of Men Attitudes I was especially keen on Jacob Van Vleet's piece on his analysis in section two. I do not know where Van Vleet has his information from but to say that Ellul was a sociologist and professor of the History and Sociology of Institutions at the University of Bordeaux seems at least questionable. According to http://www.ellul.org/bio_e1.html, Ellul was a professor of Roman Law. Anyway, Van Vleet's piece is informative and worth reading (especially because of the various up-to-date examples that he provides) although I do not share his conclusion that "only knowledge of the various forms and methods of propaganda can free us from the layers of persuasion with which we are faced on a daily basis." I do not think that such knowledge can free us and believe at the same time that such knowledge is helpful. A contradiction? Of course? Real life is full of them!

Konrad Kellen wrote in the introduction to Propaganda: The Formation of Men's Attitudes that Ellul designated "Intellectuals als virtually the most vulnerable of all to modern propaganda, for three reasons: (1) they absorb the largest amount of second-hand, unverifiable information; (2) the feel a compelling need to have an opinion on every important issue of our time, and thus easily succumb to opinons offered to them by propaganda on all such indigestible pieces of information; (3) they consider themselves capable of 'judging for themselves'."

So, what is there to do? "... to become self-informed, radically democratic and culturally resistent to the empire of destruction", as Peter Phillips writes in the "Introduction to Censored 2012."

Censored 2012
Seven Stories Press, New York 2012