Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, befand Thomas Hobbes im Jahre 1642. Im Gegensatz zu mir teilt Sylvie-Sophie Schindler diese Auffassung nicht. Ganz im Gegenteil. Sie orientiert sich an Jean-Jacues Rousseau, "der gut hundert Jahre nach Hobbes erklärte, dass wir alle als gute Menschen geboren werden. Empathisch, friedliebend, kooperativ, das sei unser Naturzustand." Eine Weltsicht, die ich entschieden weltfremd finde, man sehe sich die gegenwärtigen Führer an, sei es in der Politik, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Verwaltung, die man sich als Kinder gar nicht vorstellen kann. Dazu kommt, dass die irrige Idee (denn mehr als eine Idee ist es nicht) vom Menschen als von Grund auf empathischem, friedliebendem und kooperativem Wesen zum Glauben verleitet, es liesse sich alles regeln, sofern man guten Willens sei. Ich selber ziehe You do your thing, I do mine vor,
"Bevor wir über Anarchie reden, muss die Ausgangslage erst mal klar sein. Deshalb werde ich in diesem Essay eine dezidierte Neubewertung des Politischen vorlegen." Nun ja, Neues habe ich da kaum gefunden, stattdessen Sätze von einer intellektuellen Dürftigkeit sondergleichen. "Der Staat ist nur noch Ankunftsziel für Ewig-Gestrige. Die Zukunft gehört der Anarchie. Sie bezweifeln das? Sie sind skeptisch, dass ein freiheitliches Zusammenleben ohne staatliche Ordnung möglich ist? Ich halte den Zweifel für eine wichtige Errungenschaft, daher will ich ihn nicht beiseiteschieben." Der Zweifel eine Errungenschaft? Mich geisselt er eher ...
Nichtsdestotrotz: Diese Schrift lohnt. Weil die Welt in einer Sackgasse steckt und es dringend neue und radikale Denkansätze braucht, auch wenn es die Gedanken, die Sylvie-Sophie Schindler anführt, schon lange gibt. Darauf aufmerksam zu machen, ist gleichwohl nützlich und kein geringes Verdienst. Etwa auf Peter Sloterdijks Auffassung, dass der Mensch seinem Wesen nach ein Athlet sei, "also einer, der sich übend zu seinem Leben verhält."
Sylvie-Sophie Schindler usurpiert Sloterdijk allerdings ziemlich eigenwillig. "Heißt das Trainingsprogramm »Anarchie«, dann ist es verbunden mit der Absichtserklärung, dass einem nicht egal ist, ob der Mensch ein freies oder ein in Ketten gelegtes Wesen ist." Und sie macht klar: Ohne Fleiss kein Preis bzw. ohne Anstrengung keine Anarchie. "Bitte legen Sie dieses Buch weg, wenn Sie alleine der Gedanke, Schweiß investieren zu müssen, nervös macht." Selten so gelacht, doch sie hat eindeutig recht. Mit Phlegmatikern wird ein Neuanfang definitiv nicht gelingen.
Dieses Buch ist ein Aufruf zur Phantasie, es ruft auf zum Handeln, fordert Radikales. Und hat damit meine ganze Sympathie. Allerdings wird das alles in einem derart verständnisvollen Ton vorgebracht, dass dabei die Botschaft untergeht. "… eine riesige Hemmung, endlich mal auszusprechen, dass nicht einzelne Parteien die Wurzel allen Übels sind, sondern das politische System an sich. Möglich, dass auch viele zu blind sind, das zu erkennen. Oder dass sie über das Bestehende nicht hinausdenken können. Das sage ich ohne Vorwurf." Nun ja, ein Vorwurf wäre das Mindeste.
Die Autorin vergleicht die Politik weltweit mit einer Sekte. "So wie es Scientology tut, betreiben auch die in politischer Verantwortung stehenden Akteure nicht nur gigantische Gehirnwäsche, sondern reagieren unbarmherzig gegen jeden Abweichler." Und sie befindet: "Uns wird alles Mögliche unterstellt, was die Politik eigentlich sich selbst ankreiden müsste. Was hier stattfindet, kennt man aus der Psychologie: Es handelt sich um Projektion." So richtig das auch ist, die eigene Projektion sieht die Autorin dabei nicht. So beschreibt sie zwar akkurat den Medienkonsum, befasst sich aber nicht damit, dass sie diesem genauso unterliegt, sonst wäre sie gar nicht in der Lage, sich dazu zu positionieren : "... für Millionen Menschen strukturiert sich so der Tag, sie fressen Nachrichten in sich rein, sie fressen und fressen. Man könnte auch sagen, sie spritzen sich ihren Stoff, sie sind süchtig. Meinen täglichen Schrecken gib mir heute. Die Medien bedienen dieses Verlangen nur allzu gerne, ist es doch ihr Geschäftsmodell. Sie könnten ohne Politik ebenso wenig existieren wie umgekehrt. Geschichten werden ausgegraben, inszeniert, so wichtig gemacht wie sie niemals waren."
Mediensucht also, das trifft es in der Tat. Und die Autorin weiss, wovon sie schreibt, sie bedient ja auch selber die Medien bzw. ist Teil davon. Übrigens, bei der Sucht gilt: entweder oder. Entweder man macht weiter, oder man gibt auf. Wer ein Verhalten zu kontrollieren versteht, ist nicht süchtig. Den Medienkonsum aufzugeben, ist allerdings nicht leicht. Nicht zuletzt, weil einem dabei auch dies hier entgehen würde:
"Nach einer Überflutung, einem Erdbeben oder nach Waldbränden entstehen spontane Strukturen, um Akuthilfe untereinander zu ermöglichen. Ihrem Wesen nach sind diese Strukturen anarchistisch. Es muss schnell gehandelt werden, oft geht es um Leben oder Tod. Man organisiert Decken, kocht Suppen, schafft Schlafplätze. Keiner braucht hier Politiker, schon gar nicht solche, die in Gummistiefeln demonstrativ durch den Schlamm waten. Dass sie dabei stets wie Fremdkörper wirken, kommt nicht von ungefähr. Es gibt kaum ein treffenderes Bild für den Beweis ihrer Überflüssigkeit. In der unmittelbaren Phase nach einer Katastrophe ist Macht dezentralisiert, sie geht von der Basis aus, und das, was sie bewältigt, lässt sie über sich selbst hinauswachsen. Hätte man die Betroffenen vor der Katastrophe befragt, ob sie in der Lage wären, ein Hilfsnetz aus dem Nichts aufzubauen, hätten wohl die meisten Zweifel gehabt. Sie hätten wahrscheinlich nicht gewusst, welche Fähigkeiten da in ihnen schlummern."
Ganz ähnlich gestalteten sich auch die Aufräumarbeiten nach 9/11, als die Hierarchien nicht mehr funktionierten und Leute, denen man das nie zugetraut hätte, an die Hand nahmen, was zu tun war. Aus eigener Initiative, ohne Anordnungen. Nur eben: Aus der Überflüssigkeit der Politiker vor Ort zu schliessen, sie seien generell überflüssig, ist dann doch etwas arg kurz gedacht. ..
Mit wesentlichen Erkenntnissen dieses Werkes gehe ich einig, insbesondere dem Hinweis auf Fassbinders "Angst essen Seele auf", der des Menschen Grundbefindlichkeit damit treffend auf den Punkt gebracht hat. Nur dass die Autorin diese Angst dann, ganz anders als Fassbinder, mit der Politik erklärt. "Eine Angst, die in ihrer Omnipräsenz mindestens nachdenklich machen sollte. Sie ist eine logische Konsequenz der real existierenden, von Politik evozierten Lieblosigkeit." Sorry, doch das ist schlicht lächerlich.
Ich habe viel Sympathie für die Idee vom freien und verantwortungsvollen Menschen, die Sylvie-Sophie Schindler leitet, nur will der Mensch gar nicht frei sein (man lese Freud und Dostojewskij oder meine Texte), denn das bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und davor scheut der Mensch zurück. Ausnahmen gibt es, sie sind selten.
Dieses Buch ist einerseits ein Aufruf zur Selbstreflexion, die allzu vielen fremd ist, und befindet andererseits, es drehe sich heutzutage alles um Politik, was allerdings nur Medienschaffenden einfallen kann. Und auch wenn ich Friedrich Nietzsches »Werde, der du bist« teile, so sollte dies beileibe nicht allen geraten werden. Bereits ein Blick in die gegenwärtige Politik lehrt einen, dass da einige besser nicht sich selber wären ...
Anarchie - jetzt oder nie!
Westend Verlag, Neu Isenburg 2026








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