Sunday, 15 February 2026

Anarchie - jetzt oder nie!

Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, befand Thomas Hobbes im Jahre 1642. Im Gegensatz zu mir teilt Sylvie-Sophie Schindler diese Auffassung nicht. Ganz im Gegenteil. Sie orientiert sich an Jean-Jacues Rousseau, "der gut hundert Jahre nach Hobbes erklärte, dass wir alle als gute Menschen geboren werden. Empathisch, friedliebend, kooperativ, das sei unser Naturzustand." Eine Weltsicht, die ich entschieden weltfremd finde, man sehe sich die gegenwärtigen Führer an, sei es in der Politik, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Verwaltung, die man sich als Kinder gar nicht vorstellen kann. Dazu kommt, dass die irrige Idee (denn mehr als eine Idee ist es nicht) vom Menschen als von Grund auf empathischem, friedliebendem und kooperativem Wesen zum Glauben verleitet, es liesse sich alles regeln, sofern man guten Willens sei. Ich selber ziehe You do your thing, I do mine vor,

"Bevor wir über Anarchie reden, muss die Ausgangslage erst mal klar sein. Deshalb werde ich in diesem Essay eine dezidierte Neubewertung des Politischen vorlegen." Nun ja, Neues habe ich da kaum gefunden, stattdessen Sätze von einer intellektuellen Dürftigkeit sondergleichen. "Der Staat ist nur noch Ankunftsziel für Ewig-Gestrige. Die Zukunft gehört der Anarchie. Sie bezweifeln das? Sie sind skeptisch, dass ein freiheitliches Zusammenleben ohne staatliche Ordnung möglich ist? Ich halte den Zweifel für eine wichtige Errungenschaft, daher will ich ihn nicht beiseiteschieben." Der Zweifel eine Errungenschaft? Mich geisselt er eher ...

Nichtsdestotrotz: Diese Schrift lohnt. Weil die Welt in einer Sackgasse steckt und es dringend neue und radikale Denkansätze braucht, auch wenn es die Gedanken, die Sylvie-Sophie Schindler anführt, schon lange gibt. Darauf aufmerksam zu machen, ist gleichwohl nützlich und kein geringes Verdienst. Etwa auf Peter Sloterdijks Auffassung, dass der Mensch seinem Wesen nach ein Athlet sei, "also einer, der sich übend zu seinem Leben verhält."

Sylvie-Sophie Schindler usurpiert Sloterdijk allerdings ziemlich eigenwillig. "Heißt das Trainingsprogramm »Anarchie«, dann ist es verbunden mit der Absichtserklärung, dass einem nicht egal ist, ob der Mensch ein freies oder ein in Ketten gelegtes Wesen ist." Und sie macht klar: Ohne Fleiss kein Preis bzw. ohne Anstrengung keine Anarchie. "Bitte legen Sie dieses Buch weg, wenn Sie alleine der Gedanke, Schweiß investieren zu müssen, nervös macht." Selten so gelacht, doch sie hat eindeutig recht. Mit Phlegmatikern wird ein Neuanfang definitiv nicht gelingen.

Dieses Buch ist ein Aufruf zur Phantasie, es ruft auf zum Handeln, fordert Radikales. Und hat damit meine ganze Sympathie. Allerdings wird das alles in einem derart verständnisvollen Ton vorgebracht, dass dabei die Botschaft untergeht. "… eine riesige Hemmung, endlich mal auszusprechen, dass nicht einzelne Parteien die Wurzel allen Übels sind, sondern das politische System an sich. Möglich, dass auch viele zu blind sind, das zu erkennen. Oder dass sie über das Bestehende nicht hinausdenken können. Das sage ich ohne Vorwurf." Nun ja, ein Vorwurf wäre das Mindeste.

Die Autorin vergleicht die Politik weltweit mit einer Sekte. "So wie es Scientology tut, betreiben auch die in politischer Verantwortung stehenden Akteure nicht nur gigantische Gehirnwäsche, sondern reagieren unbarmherzig gegen jeden Abweichler." Und sie befindet: "Uns wird alles Mögliche unterstellt, was die Politik eigentlich sich selbst ankreiden müsste. Was hier stattfindet, kennt man aus der Psychologie: Es handelt sich um Projektion." So richtig das auch ist, die eigene Projektion sieht die Autorin dabei nicht. So beschreibt sie zwar akkurat den Medienkonsum, befasst sich aber nicht damit, dass sie diesem genauso unterliegt, sonst wäre sie gar nicht in der Lage, sich dazu zu positionieren : "... für Millionen Menschen strukturiert sich so der Tag, sie fressen Nachrichten in sich rein, sie fressen und fressen. Man könnte auch sagen, sie spritzen sich ihren Stoff, sie sind süchtig. Meinen täglichen Schrecken gib mir heute. Die Medien bedienen dieses Verlangen nur allzu gerne, ist es doch ihr Geschäftsmodell. Sie könnten ohne Politik ebenso wenig existieren wie umgekehrt. Geschichten werden ausgegraben, inszeniert, so wichtig gemacht wie sie niemals waren."

Mediensucht also, das trifft es in der Tat. Und die Autorin weiss, wovon sie schreibt, sie bedient ja auch selber die Medien bzw. ist Teil davon. Übrigens, bei der Sucht gilt: entweder oder. Entweder man macht weiter, oder man gibt auf. Wer ein Verhalten zu kontrollieren versteht, ist nicht süchtig. Den Medienkonsum aufzugeben, ist allerdings nicht leicht. Nicht zuletzt, weil einem dabei auch dies hier entgehen würde:

"Nach einer Überflutung, einem Erdbeben oder nach Waldbränden entstehen spontane Strukturen, um Akuthilfe untereinander zu ermöglichen. Ihrem Wesen nach sind diese Strukturen anarchistisch. Es muss schnell gehandelt werden, oft geht es um Leben oder Tod. Man organisiert Decken, kocht Suppen, schafft Schlafplätze. Keiner braucht hier Politiker, schon gar nicht solche, die in Gummistiefeln demonstrativ durch den Schlamm waten. Dass sie dabei stets wie Fremdkörper wirken, kommt nicht von ungefähr. Es gibt kaum ein treffenderes Bild für den Beweis ihrer Überflüssigkeit. In der unmittelbaren Phase nach einer Katastrophe ist Macht dezentralisiert, sie geht von der Basis aus, und das, was sie bewältigt, lässt sie über sich selbst hinauswachsen. Hätte man die Betroffenen vor der Katastrophe befragt, ob sie in der Lage wären, ein Hilfsnetz aus dem Nichts aufzubauen, hätten wohl die meisten Zweifel gehabt. Sie hätten wahrscheinlich nicht gewusst, welche Fähigkeiten da in ihnen schlummern."

Ganz ähnlich gestalteten sich auch die Aufräumarbeiten nach 9/11, als die Hierarchien nicht mehr funktionierten und Leute, denen man das nie zugetraut hätte, an die Hand nahmen, was zu tun war. Aus eigener Initiative, ohne Anordnungen. Nur eben: Aus der Überflüssigkeit der Politiker vor Ort zu schliessen, sie seien generell überflüssig, ist dann doch etwas arg kurz gedacht. ..

Mit wesentlichen Erkenntnissen dieses Werkes gehe ich einig, insbesondere dem Hinweis auf Fassbinders "Angst essen Seele auf", der des Menschen Grundbefindlichkeit damit treffend auf den Punkt gebracht hat. Nur dass die Autorin diese Angst dann, ganz anders als Fassbinder, mit der Politik erklärt. "Eine Angst, die in ihrer Omnipräsenz mindestens nachdenklich machen sollte. Sie ist eine logische Konsequenz der real existierenden, von Politik evozierten Lieblosigkeit." Sorry, doch das ist schlicht lächerlich.

Ich habe viel Sympathie für die Idee vom freien und verantwortungsvollen Menschen, die Sylvie-Sophie Schindler leitet, nur will der Mensch gar nicht frei sein (man lese Freud und Dostojewskij oder meine Texte), denn das bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und davor scheut der Mensch zurück. Ausnahmen gibt es, sie sind selten.

Dieses Buch ist einerseits ein Aufruf zur Selbstreflexion, die allzu vielen fremd ist, und befindet andererseits, es drehe sich heutzutage alles um Politik, was allerdings nur Medienschaffenden einfallen kann. Und auch wenn ich Friedrich Nietzsches »Werde, der du bist« teile, so sollte dies beileibe nicht allen geraten werden. Bereits ein Blick in die gegenwärtige Politik lehrt einen, dass da einige besser nicht sich selber wären ...

Sylvie-Sophie Schindler
Anarchie - jetzt oder nie!
Westend Verlag, Neu Isenburg 2026

Wednesday, 11 February 2026

Hellseher im Kleinen

 

Als Susan Bernofsky vor über dreissig Jahren begann, Robert Walsers Werke ins Englische zu übersetzen, war eine Biografie über ihn zu schreiben, das letzte woran sie dachte. Wie sie dabei vorgegangen ist, erläutert sie in ihrer Einleitung, der die Begeisterung für ihre Arbeit anzumerken ist.

Die Bezeichnung "Hellseher im Kleinen" geht auf W.G. Sebald zurück. Dass wer eine Biografie schreibt, vor der Gefahr der Projektion nicht gefeit ist, weiss Susan Bernofsky, dass Walser oft Geschichten geschrieben hat, "die zumindest zum Teil autobiografisch sind", scheint mir untertrieben. Nun gut, ich bin kein sogenannter Fachmann, doch mir scheint das Autobiografische (Susan Bernofsky weist oft genug darauf hin) mehr als offensichtlich. Zugegeben, die Vorstellung, etwas könne nicht autobiografisch sein, halte ich für grotesk; mir scheinen die Unterscheidungen, die Menschen vornehmen (insbesondere im sogenannt Geistigen, das nicht wirklich fassbar ist), so recht eigentlich absurd.

Robert Walser ist mir nicht vertraut. Zwar sind mir die Titel seine Romane geläufig, einige habe ich auch gelesen, wenn auch ohne Erinnerung daran. Auch Biografisches weiss ich von ihm. Mit anderen Worten. "Hellseher im Kleinen" ist für mich eine Einführung in Leben und Werk. Wie die beiden zusammenhängen und ineinander greifen, zeigt Susan Bernofsky eindrücklich. Was sich in Robert Walsers Leben findet, findet sich grossenteils auch in seinen Büchern.

Detailliert und ausgesprochen vorsichtig äussert sich Susan Bernofsky. "Im zeitlichen Abstand von 15 Jahren lässt sich unmöglich sagen, ob Walser sich an seine damaligen Gefühle erinnert oder ob er sie im Nachhinein heraufbeschwört." Wie sie seine Texte analysiert und interpretiert, ist eine Meisterleistung. Man lese etwa, was sie zu seinem Prosadebüt "Der Greifensee" zu sagen hat (Seite 108) – man liest den Text anschliessend wie neu bzw. intensiver.

Ganz wunderbar auch, wie sie Walsers Miniaturessay über die Sehnsucht einordnet (Seite 72), wobei sie für mein Dafürhalten allerdings übers Ziel hinausschiesst, wenn sie etwa diesen Satz: "Dass die Menschen etwas Lästiges so viel und gern betreiben, etwas so Sehnsüchtiges wie die Sehnsucht, das ist das Krankhafte, das an uns haftet!" als "pseudophilosophisches Sinnieren" bezeichnet. Pseudophilosophisch? Was immer das sein mag. Vermutlich das, was alle tun, die nicht einschlägig akademisch diplomiert worden sind. Walser sagt hier nichts anderes als dass die Sehnsucht (wie auch das Christentum) von Übel ist, weil sie uns vertröstet auf etwas Fernes, das womöglich nie eintritt. Das ist ganz einfach klar gedacht, was man von vielen Philosophen und Philosophinnen nicht sagen kann.

"Hellseher im Kleinen" ist auch ein Buch, das mich die Schweiz und insbesondere die Städte Biel, Zürich und Basel mit neuen Augen sehen lässt, so treffend hat die Autorin die verschiedenen Stadtteile charakterisiert, vor allem durch Zürich machte ich gleichsam eine Zeitreise und die Schilderung Basels ist ein veritabler Augenöffner. "Basel war allgemein düster, weil die Bollwerke zum Schutz vor einer Überschwemmung durch den Rhein, der durch die Stadt floss, dazu geführt hatten, dass die Strassen und Gassen so kompliziert verzweigt und verschlungen waren, dass es schwerfiel, überhaupt irgendwo eine Aussicht zu bekommen." Auch Thun, Solothurn (wo die Kirchenglocken Tag und Nacht alle Viertelstunden läuteten!) und Wädenswil figurieren prominent.

Schriftsteller wollte Robert Walser sein, die gängigen Karrieren interessierten ihn nicht, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kommt zumeist in kleinen Zimmern unter. "Als dreissigjähriger Schriftsteller ohne Familienvermögen im Hintergrund zur Absicherung seiner Künstler-Existenz-Bestrebungen hatte sich Robert allein auf der Grundlage seiner Begabung und seines Werkes einen Namen gemacht." Von Hesse und Kafka gelobt, hat er es im literarischen Berlin geschafft, ohne die einschlägig formale Bildung und mit einem starken Schweizerakzent, auch wenn Kritiker und Verleger seine Romane oft als formlos und mäandernd beurteilten.

In seiner Berliner Zeit lässt er sich auch zum Diener ausbilden, was seine Biografin unter anderem zu dieser wunderbar hellsichtigen Frage inspirierte: "War die Schauspielerei etwas so anderes als das Dasein eines Dieners?" Eine weitere Perle auch dieser Satz: "Das Handwerk des Soldaten verband, wie das des Butlers, Dienstbarkeit mit Können."

So beeindruckend die Akribie dieses Werkes auch ist, gelegentlich versteckt sich die Autorin auch dahinter. "Vieles weist in der Tat darauf hin, dass sein Trinken als Versuch der Selbstmedikation zu verstehen ist." Versuch der Selbstmedikation? Wer sich seine Angst wegtrinkt, ist definitiv ein Trinker. Erstaunlich auch, dass sie sein gelegentlich erratisches Verhalten nicht mit seinem Trinken in Verbindung bringt. Obwohl: "Nicht unwesentlich für die Verbesserung von Roberts Zustand dürfte der Umstand gewesen sein, dass es in der Klinik keinen Alkohol gab ...".

Robert Walsers Leben, geprägt von ständigen Geldsorgen, dauernden Wohnungswechseln, gewaltigen Spaziergängen, unerfüllter Liebe, Alkoholproblemen und einem überaus reichen literarischen Schaffen, fasziniert nicht zuletzt, weil da einer seinen ureigenen Weg gegangen ist. Susan Bernofsky vermutet jedoch, "dass sein eigener Status als Figur am Rande weniger die Folge einer bewussten Entscheidung seinerseits als eine Falle war, in die er immer wieder hineintappte. Aber vielleicht war ihm das als Künstler am Ende doch irgendwie nützlich." Es spricht sehr für diese Biografie, dass sie mit Fragen und nicht mit Antworten schliesst. Wer weiss schon, warum wir tun, was wir tun?

Fazit: Grandios, ein Meisterwerk! Eine kenntnisreichere Einführung in Robert Walsers Leben und Werk ist schwer vorstellbar.

Susan Bernofsky
"Hellseher im Kleinen"
Das Leben Robert Walsers
Suhrkamp, Berlin 2025

Sunday, 8 February 2026

Der Infantilismus unserer Zeit

Warum führt der zivilisierte Mensch Krieg?, wurde Sigmund Freud nach dem Ersten Weltkrieg gefragt. Weil der Mensch gar nicht zivilisiert sei, antwortete er.

Viktor Frankl äusserte einmal, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da die Anständigen in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken.

***

Von William Golding, Nobelpreisträger für Literatur 1983, wurde 1979 Das Feuer der Finsternis veröffentlicht, worin er die Zerstörung der Ordnung durch junge Menschen beschreibt, in denen sich der Narzissmus und Infantilismus der Zeit verkörpert.

Heutzutage wird der Narzissmus und Infantilismus auch von alten Männern verkörpert, die nie erwachsen geworden sind, nicht einmal ansatzweise.

We want the world and we want it now gehörte zu den Leitsprüchen meiner Jugend. Diese Mentalität, die ich damals nicht als Mehrheitseinstellung wahrgenommen hatte, hat sich eigenartigerweise durchgesetzt, denn heute wollen viele Menschen alles sofort, weshalb denn auch fast food so erfolgreich ist. Dass es keine gute Idee ist, jedem Impuls unverzüglich nachzugeben, ist offenbar vielen abhanden gekommen. Stattdessen: Ich will, ich will, ich will ... und zwar jetzt sofort.

***

Entscheidungen zu treffen setzt entscheidungsfähige Menschen voraus, die willens und imstande sind, sich sachlich zu informieren. Wer ausschliesslich seinen Gefühlen folgt, ist nicht nur ein Trottel (Frauen und Nicht-Binäre eingeschlossen), sondern schlicht nicht zivilisiert, und das meint, nicht von der Vernunft geleitet.

Zivilisiert sein ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine Frage der Haltung. Zivilisiert sein meint anständig zu sein.

***

Nur Unanständige wählen Unanständige.

Die Vorstellung, dass der Mensch von der Vernunft geleitet sei, ist ein Irrtum. Das zeigt sich besonders bei Wahlen, wo man in der Regel die wählt, mit denen man sich am besten identifizieren kann. Oder die man bewundert. Leider gehört die Bewunderung ganz vieler den windigen und rücksichtslosen Betrügern (man denke an die Popularität von Mafia-Filmen), die es mit Tricks und Schweinereien schaffen, erfolgreich zu sein. Der ehrliche Arbeiter geniesst hingegen kein hohes Ansehen, bestenfalls läuft er unter der Kategorie zwar lieb, aber eben blöd. Auf dieser Mentalität gründet der Infantilismus unserer Zeit.

Zürich, 2 Juli 2021

Wednesday, 4 February 2026

Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden.

Als ich vor einiger Zeit wieder einmal auf Aldous Huxley gestossen bin und in der Folge einiges von ihm online gelesen habe, packte mich eine Einsicht, die mich seither begleitet. Nachdem er sich vierzig Jahre lang mit der conditio humana auseinandergesetzt habe, gestehe er nicht ohne Scham, dass ihm dazu so recht eigentlich nur gerade einfalle: Seid doch etwas netter und freundlicher miteinander.

Mich begeistert diese Einsicht geradezu, zeigt sie doch den Menschen als das, was er essentiell ist: Unbelehrbar, emotional ein Kind, ein Leben lang, das Anstand lernen muss. Entschieden weniger begeistert war ich von dem Soundbite eines sogenannt Prominenten (damit handelt es sich um Menschen, die die Medien prominent gemacht haben; ich beteilige mich nicht [mehr] an diesem ziemich kranken name dropping, wer wissen will, wer der Mann ist, gehe zur Website des Verlags): »Vergessen Sie Orwell, lesen Sie Huxley!« Dass das Blödsinn ist (der Mann weiss wie die Medien ticken, deshalb ist er prominent), weiss ich auch ohne das Buch gelesen zu haben.

Auf der Verlagswebsite findet sich auch Aufschlussreiches von der Lektorin des Werkes, die es dann aber auch nicht lassen kann, einen Wissenschaftsjournalisten mit der banalsten aller Fragen zu zitieren: »Warum haben wir nicht daraus gelernt?« Er sei nicht der einzige Warner gewesen, fügt sie hinzu, auch Einstein habe viel und oft gewarnt.

Man lerne aus der Geschichte, dass man nichts aus ihr lerne, meinte einst Hegel. Wer also die Frage heute noch stellt, beweist damit wieder einmal die Richtigkeit der Hegelschen Erkenntnis. Doch zum Buch, in dem Huxley einleitend festhält, er werde "aufzeigen und schildern, wie die angewandte Wissenschaft bislang zur Zentralisierung der Macht in den Händen einer kleinen herrschenden Minderheit beigetragen hat und wie man diesen Entwicklungen entgegentreten und sie vielleicht sogar umkehren kann."]

Zeit der Oligarchen stammt aus dem Jahre 1946 und beginnt mir einem Zitat Tolstois, das er ein halbes Jahrhundert zuvor verfasst hat. "Bei einer derartig schlechten Einrichtung der Gesellschaft wie der unseren, in der eine kleine Zahl von Menschen die Macht über die Mehrheit hat und diese unterdrückt, dient jeder Sieg über die Natur unweigerlich nur dazu, Macht und Unterdrückung zu vergrößern. Und genau das geschieht heute."

Damit ist alles Wesentliche bereits gesagt, könnte man meinen, doch weit gefehlt, denn durch die konkretisierenden Ausführungen von Huxley werden mir Dinge klar, die ich so noch gar nie gesehen haben. Vor allem, dass der technische Fortschritt den Mächtigen Instrumente an die Hand gibt, die sie praktisch unbesiegbar machen.

Dazu kommt, "dass der wissenschaftliche Fortschritt einer der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert ist." Es lohnt bei diesem Satz zu verweilen. Und dann daran zu denken, dass wirtschaftsfreundliche Politiker sich unablässig als Kämpfer für die Freiheit hervortun. Absurder geht kaum.

Huxley sieht Zusammenhänge, für die die meisten blind sind. "Zeitunglesen und Radiohören erzeugen psychische Abhängigkeit, die sich wie die körperliche Sucht nach Drogen, Tabak und Alkohol nur durch die Willensanstrengung des Süchtigen besiegen lässt." Man kann sich in der Tat durch Willensanstrengung vom Medienkonsum verabschieden, bei Alkohol und anderen Substanzdrogen kommt man damit allerdings nicht sehr weit. Nichtdestotrotz: "Fortgesetzte Hingabe an die psychischen Suchtmittel hat ihren Preis, und dieser Preis ist unerwünschte Propaganda." Dagegen wehren geht nur durch Verzicht: Man muss sich den Medien verweigern, denn die gehören denen mit Geld, Macht und Einfluss.

Einleuchtend und überzeugend legt Huxley dar, dass mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt eine Veränderung unseres Denkens stattfindet. Wir sind derart zuversichtlich geworden, dass wir unsere Wunschvorstellung, etwas sei umsonst zu, gar nicht in Zweifel ziehen. "Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen." Es sind die Fortschrittsgläubigen, die irre sind, nicht die Skeptiker.

Wissenschaftliches Arbeiten gründet im Vereinfachen. Im Labor ist das sinnvoll, in der Lebenswirklichkeit nur bedingt. Um Resultate zu liefern bedient sich die Wissenschaft einer Komplexitätsreduktion, die dann für die Realität gehalten wird, dabei allerdings ausser Acht lässt, dass unsere erfahrbare Wirklichkeit nicht wie abstrakte Modelle funktioniert. So sehr wissenschaftliche Erkenntnisse auch zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, der Preis ist die fortschreitende Entfremdung – und diese macht uns krank.

Aldous Huxley betrachtet die Dinge grundsätzlich und in grösseren Zusammenhängen, was in der heutigen Zeit, die von Nützlichkeitserwägungen geprägt ist, selten genug, doch notwendig ist. Nur eben: Es geht schon lange, angetrieben durch die Vergötterung des Profits, in eine ganz andere Richtung: Die Zerstörung unseres Lebensraums nimmt zu.

Es sind vor allem die Ausführungen zur Wissenschaft, die mich gepackt haben. Selten war mir so deutlich vor Augen, dass Wissenschaft sich immer nur mit Teilaspekten befasst, was vielen Wissenschaftlern durchaus klar ist, doch den meisten anderen nicht, von denen allzu viele glauben, ihnen werde durch die Wissenschaft ganze Welt begreiflich germacht.

"Die Mentalität sämtlicher Nationen – die Mentalität, die ansonsten vernünftige Erwachsene einnehmen, wenn sie in der internationalen Politik wichtige Entscheidungen treffen – ist die eines vierzehnjährigen Straftäters: hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberhaft und eitel." Und da glaubten doch viele der ganz Kurzsichtigen (mich eingeschlossen), wir würden heute noch nie Dagewesenes erleben.

"Das größte Bedürfnis der Menschheit ist ausreichende Ernährung; dennoch wird die Politik der Nationalstaaten heute in erster Linie von Machterwägungen diktiert." Mit anderen Worten: Ein anderes, ein neues Denken ist erforderlich; es braucht den Menschen, der nicht von Gier und Macht angetrieben wird, sondern der Freiheit und dem Frieden verpflichtet ist. Dafür hat sich Aldous Huxley clever und eloquent engagiert.

Aldous Huxley
Zeit der Oligarchen
Hanser, München 2025

Sunday, 1 February 2026

Da mesma época

Ob sie mir ein Stück, ein kleines, von dem Pudding abschneiden könne?, frage ich bei den Desserts im Supermarkt. Sie hätten da auch schon fertig zugeschnittene kleine Stücke, sagt sie. Als ich daraufhin anmerke, mir scheine der grosse Pudding frischer, antwortet sie, die beiden seien "da mesma época". Das klingt zwar in meinen Deutschweizer Ohren alles andere als frisch, doch was wissen Deutschweizer Ohren schon von brasilianischen Ausdrucksweisen ...

Santa Cruz do Sul, am 30. Januar 2026

Wednesday, 28 January 2026

Ich bin Dynamit

Nietzsches Familie war von einer starken Neigung zu geistiger oder neurologischer Instablität betroffen – sein Vater starb im Alter von 35 Jahren, er wuchs umringt von Frauen auf, Mutter, Grossmutter und zwei Tanten. Über letztere schreibt Sue Prideaux trocken: „Beide Tanten litten unter den damals weit verbreiteten nervlichen Beschwerden und behielten den Arzneischrank stets in Reichweite, ohne diesem jemals wirklich Heilsames entnehmen zu können.“

Ralph Waldo Emerson, Friedrich Hölderlin und Empedokles sollten Nietzsches kreatives Denken viele Jahre inspirieren. „Empedokles postuliert einen universellen Kreislauf der Dinge, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt. Vielmehr existiert eine in der Summe unveränderliche und ewige Form der Materie aufgrund der Mischung und Entmischung der beiden ewigen – und ewig widerstreitenden – Mächte: Liebe und Hass.“

Als Nietzsche mit 23 Jahren zum Professor für Klassische Philologie in Basel berufen wurde („Er hatte zwei Semester in Bonn und zwei Semester in Leipzig an der Universität verbracht, besass aber keinerlei Abschluss. Dennoch hatte sein hoch angesehener Professor Ritschl seinen Musterschüler für den Posten vorgeschlagen.“ – was doch Einfluss alles bewirken kann! Der für den Lehrstuhl unabdingbare Doktortitel wurde ihm übrigens von Leipzig ohne Examen verliehen.), studierten gerade einmal 120 Studenten an der kleinen Universität, die meisten von ihnen Theologie. Erspriessliche Kontakte hielt der talentierte Pianist Nietzsche in dieser Zeit mit dem in Tribschen bei Luzern residierenden Richard Wagner und dem Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, zwei Menschen, die gegensätzlicher kaum hätten sein können.

Ich bin Dynamit ist ein hervorragend geschriebenes Werk (glänzend übersetzt von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler), das Nietzsches Leben höchst anschaulich erzählt, wobei auch immer wieder der sehr englische Humor der Autorin, die heute in Norwegen lebt, durchscheint. So kommentiert sie etwa sein kompositorisches Bemühen mit „Das Stück war typisch für Nietzsches Klavierkompositionen in jener Phase, ein Potpourri aus Bach, Schubert, Liszt und Wagner. Zerfasert, übertrieben emotional und arm an Entwicklung wecken seine Kompositionen unweigerlich den Gedanken, Nietzsche hätte, wäre er ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“ .

Nietzsche war ein sehr impulsiver Mann (als Mathilde Trampedach, die er gerade mal ein paar Tage kannte, eine Bemerkung macht, in der er sich erkannt fühlt, macht er ihr gleich einen Heiratsantrag) und litt ein Leben lang an den unterschiedlichsten Gebrechen – dass er diesen standhielt, ist ein Wunder und zeugt von einer ungeheueren inneren Stärke. Überaus eindrucksvoll ist, dass er seine Krankheiten zum Anlass nahm, sich immer wieder neu zu orientieren und dabei seinem Credo „Werde, der du bist“ stetig näher kam.

Als ich als 18Jähriger „Also sprach Zarathustra“ las, hat es mich regelrecht umgehauen. Von der damaligen Lektüre weiss ich nur noch, dass mein gesamtes Wertesystem ins Wanken geriet und sich Abgründe auftaten. Ich bin Dynamit verschafft mir eine gute Ahnung davon, warum das so gewesen sein musste, denn Nietzsche war ein höchst radikaler Denker, der nichts mit den Repräsentanten des relativierenden Zeitgeistes am Hut hatte, sich von der Ketten-Krankheit (wie er die fehlgeleitete Loyalität seiner Familie gegenüber nannte) befreien und selbstverantwortlich das Leben begreifen wollte.

Priester und Philosophen lenken davon ab, worum es geht – um das Leben in der realen Welt. Nur eben: Der Mensch erträgt die Wirklichkeit nicht, sie macht ihm Angst, weswegen er Systeme kreiert, die ihm vermeintlich Halt geben. Doch davon gilt es sich zu verabschieden und sich dem Hier und Jetzt zu widmen. „Wenn sein ganzes Leben seinen Moment im Jetzt gefunden hatte, so war er bereit, den gesamten Lebenszyklus zu bejahen – alles, was bisher geschehen war und was noch kommen würde. Das Jetzt bot alles, und es war glanzvoll.“

Sue Prideaux ist mit Ich bin Dynamit ein absolut singuläres Buch gelungen, auch wenn es, wie alle Bücher, nicht ohne geringfügige Fehler ist. Bei dem kleinen Kurort in den Schweizer Alpen, wo Nietzsche zusammen mit Romundt und von Gersdorff einmal den Sommer verbrachte, handelt es sich nicht um Chur, sondern um Flims und der dortige See heisst nicht Caumesee, sondern Caumasee (S. 157). Doch das sind Details (andere sind mir nicht aufgefallen, ich bin kein Nietzsche-Kenner, doch ich kenne Flims und den Caumasee), die nicht ins Gewicht fallen und nur erwähnt werden, um zu zeigen, wie aufmerksam ich gelesen habe.

Ganz wunderbar geschildert ist unter anderem wie Lou Andreas Salomé auf der Bildfläche erscheint. Zum Einen verdreht sie vielen Männern den Kopf, zum Andern ist sie von einer erfrischenden Eigenständigkeit. Als Elisabeth fürchtet, sie habe es auf ihren Bruder abgesehen, macht sie ihr mehr als deutlich, dass dem nicht so sei. Kommentiert Sue Prideaux: „Auf den Schreck dieser vulgären Kritik hin drehte sich Elisabeth der Magen um. Man applizierte kalte Umschläge.“

Auch Nietzsches Philosophie kommt natürlich nicht zu kurz. Es gebe keine ewige Vernunft, vielmehr sei das Leben ein „Tanzboden für göttliche Zufälle“. Und was ist der Sinn, die Bedeutung des Ganzen? Die Biografin erläutert: „Bedeutung muss dadurch gefunden werden, dass der Mensch ‚Ja‘ sagt zu diesen göttlichen Zufällen auf dem Tanzboden.“ Zudem sei Nietzsche der Auffassung gewesen, es gebe „kein spezifisches Problem des Menschlichen, das es zu lösen gälte, aber seine allgemeine Beschreibung des Übermenschen ermutigt vielmehr jeden einzelnen von uns, nach seiner individuellen, unabhängigen Lösung zu suchen.“

Überaus lehrreich, äusserst packend und enorm clever – ein Geniestreich!

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit
Das Leben des Friedrich Nietzsche
Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Sunday, 25 January 2026

Last Orders

„ … it’s a privilege, to my mind, an education. You see humankind at its weakest and its strongest. You see it stripped bare of its everday concerns when it can’t help but take itself serious, when it needs a little wrapping up in solemness and ceremony. But it doesn’t do for an undertaker to get too solemn. That why a joke’s not out of place. That’s why I say: Vic Tucker, at your disposal.

It’s not a trade many will choose. You have to be raised to it, father to son. It runs in a family, like death itself runs in the human race, and there’s comfort in that. The passing on. It’s not what you’d call a favoured occupation. But there’s satisfaction and pride to it. You can’t run a funeral without pride. When you step out and slow-pace in front of the hearse, in your coat and hat and gloves, you can’t do it like your apologizing. You have to make happen at that moment what the bereaved and bereft want to happen. You have to make the whole world stop and take notice.”

 Graham Swift: Last Orders

Wednesday, 21 January 2026

Migration und Kriminalität

„Die meisten Leute haben nicht den leisesten Schimmer, was in Sachen Migration los ist“, ereiferte sich Fabian. „Asyl setzt ja voraus, dass man politisch oder religiös verfolgt ist. Das trifft auf die wenigsten Asylbewerber zu. Kennst du Frank Urbaniok, den forensischen Psychiater und Autor? In Schattenseiten der Migration weist er darauf hin, dass die Ausländerkriminalität in Deutschland, Österreich und der Schweiz überrepräsentiert ist. Und das bedeutet, dass Kriminalität auch mit der Kultur zu tun hat. Für mich, der ich einen Grossteil meines Lebens ausserhalb der Schweiz verbracht habe und interessiert an fremden Kulturen bin, ist das überhaupt keine Frage, sondern selbstverständlich. Genauso, dass wir lebenslang von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, geprägt bleiben. So habe ich in fremden Kulturen vor allem herausgefunden, wie schweizerisch ich bin.“

„Da fällt mir die Grünen Politikerin ein“, ergänzte Hugo, „die auf Instagram ein Bild von sich postete, das zeigte wie sie auf ein Bild von Maria mit Jesuskind schoss, worauf sie ihren Job als Kommunikationsberaterin sowie politische Ämter verlor. Sie wurde in Bosnien in eine muslimische Familie geboren, kam mit drei Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Integrierter kann man kaum sein, doch war sie es auch emotional? Wie konnte sie nur, was hat sie sich bloss gedacht?, wurde in der Folge gefragt. Diesen Fragen liegt die Annahme zugrunde, wir wüssten, was wir tun. Das ist Humbug. Wir haben keinen Schimmer, warum wir tun, was wir tun. Was wir bewusst äussern ist Theater bzw. klassische Dissonanz-Reduktion. Wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen. Das Unbewusste regiert uns. Was uns wirklich antreibt, wie wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.“

„Kommunikationsberaterin? Nur schon, dass das ein Beruf sein soll!“

„So ist eben unsere Zeit, die Fassade ist das Wichtigste. Doch das letztlich Entscheidende geschieht hinter verschlossenen Türen. Die Aufgeblasensten finde ich die selbst ernannten Spezialisten für Krisenkommunikation, die nie etwas anderes raten, als die Wahrheit zu sagen, da sie letztendlich doch heraus käme. Und dafür kriegen die Honorar, und nicht zuwenig!“

„Noch einmal zu Urbaniok. Er erwähnte auch, dass nicht alle Kulturen polizeilich auffällig werden, Kleinkriminelle kommen nie aus Westeuropa, Skandinavien, Asien, Nordamerika oder Australien. Dass sich linke Kreise darüber empören und Rassismus schreien, zeigt so recht eigentlich nur, in was für einer Fantasiewelt diese Leute leben.“

Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession. Tredition, 2025

Sunday, 18 January 2026

Chinas entführte Töchter

Dass Kindsentführungen im Krieg eingesetzt werden, ist mir zum ersten Mal bei der russischen Ukraine-Invasion bewusst geworden. Daher mein Interesse an diesem Werk. Dass Nationen, die sich als zivilisiert verstehen, sich derart unzivilisiert verhalten, zeigt vor allem, dass der unzivilisierte Mensch, wie das die Medien jeden Tag anhand des amerikanischen Narzissten vorführen, ein globales Phänomen und offenbar eher die Regel als die Ausnahme ist.

Bereits nach wenigen Seiten weiss ich, dass ich ein wichtiges Buch vor mir habe, bei dem es sich nicht nur, wie der Untertitel besagt, um eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel und der Suche nach Gerechtigkeit handelt, sondern ebenso sehr um die Darstellung der Gedanken- und Vorstellungswelt der herrschenden Kommunistischen Partei Chinas, "die dem nahezu mystischen Glauben anhing, Bevölkerungskontrolle sei das Geheimnis, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen."

Seit 1979 gestattete das Gesetz den meisten chinesischen Familien nur noch ein Kind. Verstösse wurden drastisch geahndet. Verschleppung, Abtreibung, hohe Bussen sowie die "Zerstörung des Hauses und die Beschlagnahmung des Eigentums" waren die Folge. Wie unerbittlich die chinesischen Behörden Gesetze durchsetzen, wurde mir klar, als ich vor 25 Jahren ein Semester lang in der Provinz Fukkien unterrichtete und von chinesischen Kollegen entsprechend aufgeklärt wurde.

Barbara Demick hat von 2007 bis 2016 als Korrespondentin in Peking gearbeitet und weiss kenntnisreich von den chinesischen Sitten und Gebräuchen zu berichten. Nicht zuletzt, dass der Nationalheilige Konfuzius auch eindeutig bescheuerte Vorstellungen gehabt hat. „Nach dem konfuzianischen Ideal war die höchste Pflicht eines Mannes, einen Sohn zu zeugen.“

Nordamerikanischer Qualitätsjournalismus (und darum handelt es sich bei diesem Werk) zeichnet sich auch dadurch auch, dass man mit vielen Details fast erschlagen wird (Amerikaner sind Puritaner durch und durch) und gelegentlich aufstöhnt: Jetzt komm endlich mal zum Punkt! Andererseits liefert diese Detailbeflissenheit aber eben auch viel Aufschlussreiches wie "Hochgepriesene Konzepte kamen so rasch wieder aus der Mode, wie sie aufgetaucht waren." Und da dachte ich immer, die Chinesen mit ihrer 5000 Jahre alten Geschichte, auf die sie gemäss meiner Erfahrung unablässig hinweisen, seien wirklich so beständig wie sie selber zu glauben scheinen. Nun ja, man kann bekanntlich viel glauben und Selbsttäuschung ist nach wie vor der Spitzenreiter unter den menschlichen Talenten.

Das brutale Vorgehen der Mediziner (es kam vor, dass nach Austritt des Kopfes bei der Geburt, dem Baby eine Injektion von Formaldehyd in den Schädel appliziert wurde) lässt einen sprachlos, doch wenn Barbara Demick fragt: "Wie konnten Menschen so brutal werden?" impliziert sie, dass es die Umstände sind, die die Menschen brutal machen und das ist schlicht Blödsinn; vielmehr ist es so, dass die Umstände es dem Menschen erlauben (um Rechtfertigungen war er noch nie verlegen), seine brutalen Seiten auszuleben.

Das chinesische Unterdrückungssystem geht mit grosser Härte gegen alle die vor, die sich ihm nicht beugen wollen. Dazu kommt, dass der Staat umfassend informiert ist; wie jeder totalitäre Staat ist auch der chinesische weder an Diskussionen noch an Kritik und Argumenten interessiert. Dieses Buch vermittelt die in China herrschende Unfreiheit höchst überzeugend.

Chinas entführte Töchter erzählt die Geschichte von Zwillingen, die beide, kurz nach der Geburt getrennt, sehr unterschiedlich aufwachsen, und deren Schicksal wie auch das ihrer Eltern die Autorin engagiert und einfühlsam dokumentiert. Dabei erläutert sich auch die grösseren Zusammenhänge ("Kinderhandel war in China seit jeher eine Plage."). Die Fülle an historischen Details legt den Schluss nahe, dass die Autorin offenbar glaubt, man könne aus der Geschichte lernen. Die Lektüre lohnt allerdings auch für die, die diese Auffassung nicht teilen, da dieses Werk auch eine überaus ansprechende Einführung in die chinesische Geschichte ist.

Barbara Demick zeigt unter anderem auf, wie kreativ sich die Rationalisierungen der Ein-Kind-Politik gestalten und auch wie willig sich der Mensch zeigt, andere zu diffamieren. Nicht nur während der Kulturrevolution erlebte der agent provocateur goldene Zeiten. Sehr gelungen werden auch diejenigen geschildert, die sich nicht einschüchtern lassen und sich gegen das Regime wehren.

Anhand der erzwungenen Separierung von Zwillingen, das eine Mädchen wächst in China auf, das andere in Texas, werden nicht nur die chinesischen und amerikanischen Denkweisen aufgezeigt, es wird auch auf die Zwillingsforschung sowie auf die Auswirkungen von Covid-19 eingegangen.

Die Autorin ist nicht nur die typische Merkerin (wie das angeblich die journalistische Rolle verlangt), sondern sie greift ein, handelt und schafft es, die chinesische und die amerikanische Familie zusammenzubringen. Eine erfreulich untypische Journalistin. 

Barbara Demick zeichnet das Bild eines rücksichtslosen Machtmissbrauchs im Namen des Gesetzes. Dass dies nicht nur in China der Fall ist, weiss jeder, der Zeitung liest. Also wenige. Und dass die Menschen in China angefangen haben, sich zu wehren, wissen noch weniger Menschen. Aufklärung liefert dieses gut geschriebene, engagierte und differenzierte Buch.

Barbara Demick
Chinas entführte Töchter
Eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel
und der Suche nach Gerechtigkeit
Droemer, München 2026

Wednesday, 14 January 2026

Bad Blood

Bad Blood“ handelt nicht nur von der Studienabbrecherin Elizabeth Holmes, der Gründerin von Theranos einem Start-up, das die Medizinindustrie revolutionieren sollte, sondern erzählt auch die Geschichte einer Besessenheit, der ganz viele kapitalistisch Erfolgreiche verfallen sind. Vor allem aber zeigt dieses sehr spannend geschriebene Buch, dass die Werte, die „unser“ Wirtschaftssystem hochhält (grösser und besser und mehr), uns letztlich alle ins Verderben stürzen. Nicht etwa, dass uns diese Aussicht beeindrucken würde, denn es ist zu vermuten (dies lehrt uns die Geschichte), dass Solches oder Ähnliches immer wieder passieren wird. Bisher sind wir trotz (und nicht etwa wegen) unserer Anstrengungen davon gekommen.

Im Vorstand von Theranos, einem Unternehmen, das versprach, dass ein einziger Tropfen Blut reichen würde, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu steuern, sassen unter anderen Henry Mosley ein Veteran der Technologieszene des Sillicon Valley, Channing Robertson, der stellvertretende Dekan der School of Engineering der Stanford University und andere Arrivierte, denen Elizabeth Holmes Eindruck machte – Channing Robertson verglich sie mit Steve Jobs. Sicher, es gab auch immer wieder Zweifler, doch verblüffend ist schon, wie Hoffnung, Gier und Eitelkeit mit Einwänden, die einem nicht passen, umgehen. Klingt etwas vielversprechend, so ist es fast unmöglich, die Menschen, die daran glauben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Orientierung an Fakten ist den meisten wesensfremd

Ständig wurden bei Theranos Leute gefeuert, laufend kamen neue hinzu, einige kündigten auch von sich aus. Jedem aufmerksamen Beobachter musste auffallen (und einigen fiel es in der Tat auf), dass Elizabeth Holmes allzu viele Versprechen machte, die sie nicht einlöste. Immer wieder zeigte es sich, dass sie zwar äusserst smart war und hervorragend zu inspirieren und motivieren wusste, doch gleichzeitig auch extrem unberechenbar war, keinen Widerspruch ertragen konnte, absolute Loyalität forderte sowie etwa den eigenen Bruder (der keine einschlägigen Qualifikationen mitbrachte) ins Unternehmen holte – das System-Trump lässt grüssen: „Eine derartig hohe Personalfluktuation hatte er noch nie erlebt. Ausserdem machte ihm die Kultur der Unehrlichkeit im Unternehmen immer mehr zu schaffen.“

Dass Elizabeth Holmes mit dem CEO ihres Unternehmens zusammen lebte, hielt sie geheim. „Wenn Elizabeth schon bei einer solchen Sache nicht aufrichtig war, log sie dann auch bei anderen Dingen?“ Würden die Menschen die richtigen Konsequenzen aus ihren Beobachtungen und Einsichten ziehen, wäre es nicht zu einem „Fall Theranos“ gekommen – „unsere“ Gehorsamskultur steht der Zivilcourage jedoch entgegen.

Nach inspirierenden Figuren zu suchen, sich nach Heldinnen und Heilsbringern zu sehnen, scheint dem Menschen Schicksal – nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, im Sport, ja, so recht eigentlich allüberall. Tyrannen, die Machiavellis Diktum vom Teilen und Herrschen in den Genen haben, nutzen das aus. Dass sie gelegentlich tief fallen, sollte keine Beruhigung sein – lernen, sich nicht tyrannisieren zu lassen, wäre weit wichtiger.

Dem Autor John Carreyrou, einem investigativen Journalisten beim „Wall Street Journal“, ist mit diesem Buch auch eine Persönlichkeitsstudie gelungen, die es in sich hat. Würden wir von Ehrgeiz getriebene, charismatische und inspirierende Egozentriker wie Elizabeth Holmes verstehen, so wäre uns klar, dass sie nur in Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder denken können, nur an der Verwendbarkeit (dem Ausnutzen) von anderen interessiert und gänzlich unfähig zur Empathie sind. Kurz und gut: Wir würden nicht auf sie hereinfallen.

„Bad Blood“ liest sich wie ein Thriller und lässt wenig Hoffnung aufkommen, solche Betrügereien könnten einmal überwunden werden, denn des Menschen Blödheit (maskiert als Glaube, Hoffnung oder Vision) wird sich kaum ändern. In der Wissenschaft, hat der Physiker und Nobelpreisträger Richrad Feynman einmal gemeint, gehe es darum, sich nicht selber herein zu legen, doch da dies das Allerleichteste überhaupt ist, tun wir es ständig. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern generell.

Eindrücklich, überzeugend und spannend. Notwendige Aufklärung vom Feinsten!

John Carreyrou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des grössten Betrugs im Silicon Valley
DVA, München 2019

Sunday, 11 January 2026

Die Fotografin

Die Fotografin“ ist nicht mein erstes Boyd-Buch, doch keines der vorherigen (Unser Mann in Afrika, Brazzaville Beach, Solo) hat mich dermassen berührt. Das kann natürlich Ursachen haben, die alleine bei mir liegen. So kann es sein, dass mich das Thema Fotografie heutzutage mehr anspricht als die afrikanischen Themen von damals. Vielleicht ist es aber eben auch so, dass William Boyd niemals besser geschrieben hat als in „Die Fotografin.“

Die Fotografin Amory Clay, deren Schicksal in diesem Buch erzählt wird, hat es nie gegeben, sie ist erfunden und zwar so gut, dass ich sie für real gehalten habe. Und da der Autor so ziemlich alles tut, damit man seine Heldin für real hält – dem Buch sind auch Fotos beigegeben, sein Dank geht ausschliesslich an Fotografinnen und Autorinnen, die wirklich existiert haben – , ist das auch nicht wirklich verwunderlich.

Vorangestellt ist diesem Roman ein Ausschnitt aus Jean-Baptiste Charbonneaus „Avis de Passage“ aus dem Jahre 1957, der mich sofort berührte, obwohl der Mann und das Werk fiktiv (das schliesst das fehlerhafte Zitat im französischen „Original“ mit ein) sind: „Wie lange man auch auf diesem kleinen Planeten verweilen mag, was immer einem dabei widerfahren mag, das Wichtigste ist, dass man dann und wann empfänglich ist für die sanfte Liebkosung des Lebens.“

Amory weiss schon früh, dass sie nicht studieren, sondern Fotografin lernen will. In Berlin gelingen ihr Fotos, die in London einen Skandal auslösen. Ein Angebot aus New York ermöglicht ihr einen ersten Neuanfang, weitere werden folgen. Im Frankreich des Zweiten Weltkrieges und später in Vietnam ist sie als Kriegsfotografin unterwegs, was Boyd dazu inspiriert, sie diese cleveren Gedanken zu Robert Capas „Fallendem Soldaten“, der wohl berühmtesten Kriegsfotografie aller Zeiten, denken zu lassen: „Wird man von einer Gewehr- oder MG-Kugel tatsächlich mit solcher Wucht nach hinten geschleudert? Genau hier liegt meiner Ansicht nach das Problem. Capas zurückstürzender Soldat mit den ausgebreiteten Armen hätte auch problemlos in einen zweitklassigen Hollywood-Western gepasst. Es ist ein gewissermassen ‚bühnenreifer‘ Tod, den dieser Soldat zu sterben scheint.“

Die Fotografin“ ist ein ungemein atmosphärischer Roman, reich an Szenen, die einem noch lange nachhängen. Etwa die, als der seelisch und geistig verwirrte Vater sich umbringen will und mit der kleinen Amory in einen See rast. Oder die, als die nach New York übersiedelte Amory der Ehefrau ihres Liebhabers vorgestellt wird. Oder die, als sie während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich auf das Flugzeugwrack ihres verunglückten Bruders trifft, der den Absturz überlebt hatte, doch dann von deutschen Soldaten erschossen wurde.

Es sind ungemein starke Bilder, die dieses Buch hinterlässt. Das liegt einerseits daran, dass William Boyd ein begabter Geschichtenerzähler ist und hat andererseits damit zu tun, dass es einem (mir jedenfalls) immer mal wieder verblüffende Einsichten vermittelt. „Ich stellte fest, dass das Leben durch einen langwierigen Genesungsprozess ungeheuer vereinfacht wurde. Als Patient musste man lediglich die Krankheit erdulden und sich bemühen, gesund zu werden. Für alle übrigen Belange – Körperhygiene, Essen, die Kommunikation mit der Aussenwelt – waren andere zuständig.“

Anhand seiner fiktiven Heldin schildert Boyd spannend und überzeugend ein ganzes Jahrhundert. Dass er die Figuren, die seine Geschichte bevölkern, erfunden hat, tut dem keinen Abbruch. „Si non è vero, è ben trovato“ heisst es im Italienischen. „Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden“, dieser Giordano Bruno zugeschriebene Satz bringt nicht nur die gängige Geschichtsschreibung, sondern auch Boyds Buch auf den Punkt

Die Fotografin“ ist sowohl ein höchst lehrreiches Werk und als auch eine raffinierte Fälschung. Und es ist ein wunderbar gelungener Roman, durchsetzt mit weisen Sätzen wie etwa diesem: „Ja, mein Leben war sehr kompliziert, doch nun wird mir klar, dass gerade diese Komplikationen mich gefordert und am Ende beglückt haben.“

William Boyd
Die Fotografin 
Berlin Verlag, München 2016

Wednesday, 7 January 2026

Wie Journalisten ticken

Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Warzen der Welt sehen, die Unzulänglichkeiten von Menschen und Orten. Die gesunde Normalität, die unser Leben zumeist ausmacht, der Grossteil unseres Planeten, der nicht dem Wahnsinn verfallen ist, reizt sie weniger als Aufstände und Razzien, zusammenbrechende Staaten und sinkende Schiffe, nach Rio geflohene Banker und brennende buddhistische Nonnen – Unglück ist ihr Geschäft, das Spektakel ihre Leidenschaft, die Banalität ihr Erzfeind.

Journalisten treten stets im Rudel auf, eine Meute, deren Spannung jederzeit auf ihre Umwelt überspringen kann, und es lässt sich nur erahnen, inwiefern ihre geballte Anwesenheit ein Ereignis nicht erst auslöst, Leute erst zu ihren Taten anstachelt.

Neuigkeiten, über die nicht berichtet wird, zeitigen nun mal keine Konsequenzen, ja, es ist, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben. Deshalb ist der Journalist ein solch wichtiger Verbündeter der Ehrgeizigen, er ist die Zündfackel, die den Star zum Leuchten bringt.

Manch ein Journalist gibt sich dem Irrglauben hin, es sei sein Charme, nicht seine Nützlichkeit, dem er seine Privilegien verdankt; doch die meisten Journalisten sind Realisten, die sich nichts vormachen lassen. Sie benutzen andere, so wie sie selbst benutzt werden.

Gay Talese. Das Reich, die Macht und die Herrlichkeit der New York Times

Sunday, 4 January 2026

Am Rande des Grönland-Eises

„Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die verblüffenden Kunstwerke erkundet“, schreibt der Geologe William E. Glassley in „Eine wildere Zeit“. Und genau das tut er denn auch. Zusammen mit zwei Kollegen macht er sich auf, um nach Beweisen für die These zu suchen, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben.
 
Doch was genau tun eigentlich Geologen, wie gehen sie vor? Im Falle der drei Grönland-Erkunder sieht das so aus, dass sie zu Fuss oder per Boot durch eine Welt unterwegs sind, in der grossteils noch nie ein Mensch gewesen ist. Und das ist, wie die drei erfahren, nicht ungefährlich. Sie nehmen Proben, fotografieren und vermessen uralte Felsen – sie sammeln Daten.
 
In „Eine wildere Zeit“ schildert William E. Glassley fünf Expeditionen, die er zu den Gesteinen Grönlands gemacht hat. Dabei schreibt er unter anderem von Erwartungen, die zerbröckeln. Als er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“ Der zerstörerische Akt der Probenentnahme beschäftigt ihn.
 
Er stört sich an seinem Eindringen in die Stille, macht sich Gedanken über die Folgen seiner schweren Schuhe für diese empfindliche Welt. Und er denkt über die Wissenschaft nach, dieses eigenartige Geschäft, die mit einem vereinfachten und zwangsläufig fehlerhaften Abbild der Wirklichkeit arbeitet.
 
„Die Linien auf unseren Karten suggerieren Grenzen, die unsere Erwartungen bestimmen und einengen. Grenzen vereinfachen, kategorisieren und verleiten uns dazu, zu reagieren, ohne zu überlegen. In der Natur aber ist alles ein Fliessen, ein Prozess, der keine Grenzen kennt.“ Was bestenfalls möglich ist, ist eine Annäherung. Wesentlich ist, zu begreifen, „dass Grenzen eine andere Form der Fata Morgana sind.“
 
William E. Glassley ist nicht nur wissenschaftlich unterwegs, er beschreibt auch, wie er die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises erlebt und erfährt. Wie er das eiskalte Bad in arktischen Gewässern schildert, lässt einen selber fast vor Kälte erzittern; wie er bei seiner Rückkehr Licht, Luft und Geräusche mit geschärften Sinnen wahrnimmt, regt einen dazu an, die eigenen Sinne zu schärfen.
 
„Während ich halb gedankenverloren durch die Gräser und kurzstieligen Blumen des Tundrateppichs spazierte, breitete sich in mir ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, als hiesse mich der weite Raum willkommen.“ Es sind solche Passagen, die diesen schmalen Band zu weit mehr als einem geologischen Bericht vom Rande des Grönland-Eises machen.
 
Als er sich einmal mit seinem Gesicht dem Boden nähert, wird er ganz unvermutet von süssem Blumenduft überschwemmt. Dabei realisiert er unter anderem, dass wir Menschen üblicherweise nur einen winzigen Teil der Welt erleben. „Evolutionär sind wir mehr oder weniger optimal an einen Raum angepasst, der etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen ist hilfreich, wenn wir über unseren Platz auf diesem Planeten etwas erfahren wollen.
 
William E. Glassley führt vor, dass Wissen und Erleben ganz verschiedene Dinge sind. Am Ende seiner Expeditionen ist er ein anderer Mensch geworden. Gewissheiten, die er für unumstösslich hielt, haben sich in der Abgeschiedenheit der Wildnis gewandelt. „Hier müssen wir uns nicht unermüdlich anstrengen, alles in richtig und falsch einzuteilen, denn die ungestüme Wildnis kennt keine Urteile, nur das Sein.“
 
„Eine wildere Zeit“ ist eine höchst eindrückliche Einladung, sich mit dem Wunder der Existenz auseinanderzusetzen.

William E. Glassley
Eine wildere Zeit
Verlag Antje Kunstmann, München 2018