Wednesday, 8 July 2026

Vom Reisen

Vor zwei Tagen noch in Sargans, jetzt irgendwie übergangslos in Südkorea – eigenartiger geht kaum.

Incheon, das liegt nahe Flughafen und ist wohl deswegen voller Hotels. Eins neben dem andern, eine ganze Strasse lang. Die Südkoreaner seien Meister des Designs, informiert mich eine junge Japanerin, auf dem Heimweg von einer 7-Tage-Reise nach Usbekistan, eine Land, das für islamische Kunst berühmt sei. Sie zeigt mir auf ihrem Handy Bilder, die selbst im Kleinformat eindrücklich wirken.

Von Incheon gelangt man bequem in die Innenstadt von Seoul. Alle starren aufs Handy oder schlafen. Wie in Japan hat man hier gelegentlich den Eindruck man sei in Steinwüsten unterwegs. Südkorea ist ein Land der Hochhäuser, von denen einige die Bezeichnung Wolkenkratzer definitiv verdienen,

Immer mal wieder geht mir ein junges spanisches Paar durch den Kopf, die mir in Japan von Südkorea vorgeschwärmt hatten, vor allem, dass die Leute, im Gegensatz zu Japan, auf einen zugehen, das Gespräch suchen. Ich erlebe das auch so, doch habe ich in meinen ersten paar Tagen vor allem mit Japanern geplaudert, darunter ein Astrobiologe, dessen Ziel es ist, professioneller Pokerspieler zu werden, denn da gehe es darum, dass Kopf und Emotionen ausgeschaltet würden, und man nur noch automatisch funktioniere.

Es gibt Südkoreaner, die freundlich, zuvorkommend und hilfsbereits sind, es gibt aber auch ganz andere, die abweisend oder vollkommmen uninteressiert sind. Bei Japanern ist es auch so, bei Amerikanern, Brasilianern und Schweizern ebenso. Trotzdem gibt es Unterschiede, sie liegen in der Luft, man kann sie spüren. Daraus eine Theorie abzuleiten ist unnötig.

Alles geht ineinander über. Manchmal wähne ich mich in Japan, dann wieder in Warschau. Es ist als ob alles gleichzeitig ablaufen würde. Ich habe das unterwegs schon oft erlebt: Die Zeit ist definitiv eine Illusion. Zugegeben, eine hilfreiche.

Auf youtube scherzt der 82jährige Mick Jagger, in Begleitung seiner 38jährigen Verlobten (!?), für die Kameras. Fühle mich peinlich berührt; würdeloser geht kaum. Nicht so sehr des Altersunterschieds, sondern seiner Anbiederung an die Medien wegen. Alter und Eitelkeit vertragen sich besonders schlecht.

In Pohang. Die junge Frau (sie sieht aus wie 17, ist aber Ende 20) im Cafe liest Hemingway, hat Komposition studiert und unterrichtet Musik; ihr Traum ist Filmmusik zu schreiben. Im Lokal läuft Jazz, ich bin der einzige Gast. An 'Der alte Mann und das Meer' gefällt ihr, dass alle Menschen dieselben Ziele haben.

Wir unterhalten uns mittels einer Übersetzungsmaschine. Was mich nach Pohang bringe? Ich weiss es nicht wirklich, doch ich gehe gerne an Orte, von denen ich noch nie gehört und also auch kein Bild im Kopf habe. Was ihr an Pohang gefalle? Das Meer. Und sonst? Sonst sei da nichts, das Meer genüge vollauf. Vielleicht ist ja da mein unbewusster Grund (wenn es denn einen braucht), um hier zu sein, denn ich bin gerne an Orten, die keine Versprechen einlösen müssen.

Sie stammt aus einer Musikerfamilie. Vater, Mutter, Bruder – alle Musiker. Sie seien ziemlich herumgekommen, vor allem Seoul habe ihr gut getan. In Korea sei wichtig, dass man es in Seouls schaffe. Dort habe sie ihren Abschluss gemacht; jetzt sei sie froh, hier zu sein. Das stabilisiere sie.

Die japanischen Häuser in Guryongpo solle ich mir ansehen, wird mir geraten. Das sei eine halbe Stunde mit dem Bus, informiert mich die Rezeptionistin. Ob es sich lohne? Für sie nicht, antwortet sie, das seien einfach ein paar wenige japanische Häuser. Ob sich das Stadtzentrum lohne? So recht eigentlich sehe es überall ähnlich aus. Und so beschliesse ich, den am Vortag entdeckten Kanal entlang zu spazieren, mache Fotos, setze mich auf eine Bank und lese 'Sutton', wo ich bereits auf den ersten Seiten auf so lehrreiche Sätze stosse wie: All bosses eventually become fascists. Human nature.

Wie immer, so rennt mir auch beim Reisen das Hirn davon, will mich nicht verweilen lassen, wo ich gerade bin. Ich versuche, Gegensteuer zu geben. Anstatt zwei, drei Nächte, verbringe ich sechs in Pohang. Spaziere immer wieder durch dieselben Strassen und entdecke ständig Neues.

Das Hotel befinde sich in Strandnähe (Songdo Beach), so die Werbung. Nun ja, das ist relativ – es sind gut zwei Kilometer dahin, doch dann hat man eine sehr, sehr lange Uferpromande am japanischen Meer vor sich (trotz des grossen Sandstrands badet niemand, auch Sonnenbaden ist hier nicht angesagt), die man stundenlang entlanggehen kann. Das wird zu einer meiner Routinen.

Reisen: Die Begegnung mit Unverhofftem: Auf dem Weg (häufig wähne ich mich in Bangkok) zum Songdo Beach (ich habe in dieser Gegend noch nie einen anderen Westler gesehen) bleibe ich eines Morgens vor einem Laden stehen, um eine Blume zu fotografieren, als mich ein junges Mädchen anspricht, das auf meine Frage, woher sie Englisch könne, mit Guam antwortet. How long did you live in Guam? For almost ten years. And, how old are you? Nine.

Was mir beim Reisen primär auffällt: Wie beschränkt die Welt ist, in der ich mich zumeist bewege. Das hat auch, so scheint mir, mit den Polit-Medien zu tun, die mich mit Themen bombardieren, die mich angeblich interessieren sollten. Doch dann merke ich, dass mich viel mehr fasziniert, dass eine japanische Bankerin sich für islamische Kunst begeistert, und junge Japaner sich fürs Pokern (sie seien nur wenige, sagte mir der eine) engagieren.

Reisend vergeht die Zeit langsamer. Bewusst wird mir dabei auch: Es gibt so viele unterschiedliche Welten, es ist eine Bereicherung, von einem Teil davon etwas mitzukriegen. Und auch zu lernen, dass es Nationen gibt, die offensichtlich noch weit pünktlicher sind als wir Schweizer. Siehe das untenstehende Bild.

 Seoul Station, am 7. Juni 2026

Sunday, 5 July 2026

Erste Schritte in Südkorea

 Am Flughafen in Kloten auf meinen Flug nach Abu Dhabi wartend, stellt eine junge Frau allerhand Sachen auf den Sitz neben mir und fragt, auf Englisch, mit einem in meinen Ohren australischen Einschlag, ob ich ein Auge darauf haben könne. Sowieso. Wenn ich es recht bedenke, finde ich es erstaunlich, sage ich bei ihrer Rückkehr, dass sie mir, einem völlig Unbekannten, ihre Sachen anvertraue. Sie erklärt sich das mit Schweizer Gepflogenheiten (sie stammt aus Montenegro und spricht Appenzellisch), wundert sich dann aber auch etwas. Sie sei auf dem Weg nach Bali, werde insgesamt um die 20 Stunden unterwegs sein, und ich bin ganz froh, dass es bei mir nicht ganz so viele Stunden sein werden.

Das Highlight von Zürich nach Abu Dhabi ist eine philippinische Flugbegleiterin, deren Familie auf der ganzen Welt verstreut ist. Sie selber hat Psychologie studiert, zwei Jahre als Psychologin gearbeitet und ist dann in die Fussstapfen ihrer Mutter getreten, mit der sie heute in Abu Dhabi lebt, und Stewardess geworden. Wir unterhielten uns angeregt über Gott und die Welt, die Details sind mir entfallen, doch die vibes waren exzellent.

In Abu Dhabi, der Flughafen ist riesig und mein Flug hatte Verspätung, muss ich mich dann sputen, um meinen Anschluss nach Seoul zu erwischen. Es solle ein ruhiger Flug werden, wird uns prophezeit, und wie (fast) immer bei solchen Voraussagen rumpelt es dann ziemlich heftig (Die Flugbegleiterinnen wurden wiederholt vom Captain aufgefordert, sich hinzusetzen und den Service einzustellen).

Da ich vermute (zu recht, wie sich herausstellen wird), dass ich meine Unterkunft in Incheon nicht vor 14 Uhr (es war dann 15 Uhr) beziehen kann, nehme ich mir Zeit, um dahinzukommen. Am besten und billigsten sei die Variante Zug, sagt mir die Frau von der Information am Flughafen. Zwei junge Frauen assistieren mir beim Billetkauf an der Maschine, sie führen in dieselbe Richtung, ich solle mich ihnen doch einfach anschliessen. Die beiden sind aus China, was sie nach Seoul gebracht hat, ist natürlich Shopping.

Als ich in Unseo aus dem Bahnhof komme und unentschlossen auf den Plan starre, den ich von einem Angestellten des Bahnhofs abfotografiert habe, kommt mir eine junge Frau zu Hilfe, die anbietet, mich gleich hinzubringen, sie habe heute frei. Sie arbeitet seit zwei Jahren in einem der Casinos, die Leute seien nicht immer einfach.

Mein Guesthouse liegt nahe beim Flughafen und wird von einer Frau, die ich (zuerst) auf etwa 80 schätze, jedoch 61 ist, und ihrem Sohn betrieben, dem ich so in etwa 50 gebe, der aber 30 ist. Als ich am nächsten Tag Kimchi Dumplings kaufe, will der Mann mein Alter wissen (er hatte mich auf 70 geschätzt, was mich etwas verstimmte, da ich manchmal finde, ich sähe entschieden jünger aus, als meine 72) , und so gebe ich ihm im Gegenzug 50 (er sah jünger aus, war aber 52).

Seoul Station liegt eine gute Stunde Zugfahrt von Unseo, meinem Aufenthaltsort auf Incheon, entfernt. Ich fahre mit zwei jungen Männern, die sich als Japaner entpuppen, der eine Primarlehrer, der andere Ingenieur. Sie machen oft Abstecher nach Seoul, hauptsächlich wegen der Casinos, die in Japan verboten seien.

An der Seoul Station spricht mich eine junge Frau an, die offenbar gemerkt hatte, das ich nicht so recht weiss, wohin. Ich wolle mich orientieren, sage ich, wo ich am Sonntag den Zug nach Busan zu nehmen hätte. Sie zeige es mir, sie fahre nach Daejeong zu ihren Eltern, das sei dieselbe Richtung wie Busan. Sie arbeite am Flughafen, beim Check-in, Englisch habe sie von Filmen gelernt. Daejeong lohne keinen Besuch, da gebe es gar nichts, sagt sie auf meine Frage, und eilt zu ihrem Zug.

Ich erkunde die Gegend um den Bahnhof, entdecke Seitengassen, die aus der Zeit gefallen sind, und wo mich – wie schon in Japan – die Stille fasziniert, die etwas Ewiges auszustrahlen scheint.

Zurück am Bahnhof verlaufe ich mich. Es gibt verschiedene Züge nach Incheon. Es dauert eine geraume Weile, bis ich das merke, und finde dann doch noch den für mich richtigen.

Bei einem Cafe Latte und einem Croissant in der Bahnhofsbäckerei in Unseo spricht mich ein junger Mann an. Er ist aus Laos und ist wegen eines Meetings hier (er vermittelt laotische Arbeiter an südkoreanische Firmen). Ein junger Koreaner mischt sich in unser Gespräch ein: Es sei selten, dass man hier Englisch sprechen höre. In Korea gebe es Leute, die beim Englischexamen viel besser abgeschlossen hätten als er, sich jedoch nicht zu sprechen trauten. Es sei so recht eigentlich abstrus, wie man in Korea Englisch lerne. Es komme drauf an, alles richtig zu sagen. Das ist in der Tat abstrus, werfe ich ein, denn es sei der Sprache so recht eigentlich eigen, das man fast alles auch ganz anders sagen könne. Mit Sprache, so scheine mir, habe diese Art Lernen wenig zu tun, stattdessen mit Anpassung und Unterwerfung. Asiatische Kulturen seien meines Erachtens Gehorsamkeitskulturen, führe ich aus (die beiden nicken zustimmend), während ich mich gerade wieder einmal frage, ob die westliche Kultur, die angeblich so frei sein soll, wirklich so anders ist oder sich einfach nur anders verkauft.

Seoul, am 5. Juni 2026

Wednesday, 1 July 2026

La Realidad

Neige, die Ich-Erzählerin aus einem Dorf in den französischen Alpen, und Maga, aus Andalusien, schlecht bezahlte Sprachlehrerinnen an einer Universität in Michigan, machen sich auf nach Chiapas, wo sie, vor allem aber Maga, den Sub-Commandante Marcos zu treffen hoffen. Das war 2003, die Geschichte wird im Rückblick, aus der Erinnerung, erzählt, und diese ist bekanntlich unzuverlässig. Neige trägt dem Rechnung, "kann ich mir nicht ganz sicher sein, dass alles zu einer bestimmten Zeit genau auf diese Weise stattgefunden hat. Aber wenn ich es gar nicht erzähle, wenn ich nicht versuche, genau zu sein, auch auf die Gefahr hin, ein bisschen was auszuschmücken, dann könnten wir nicht an diese Orte zurückkehren, dann blieben wir im Ungefähren ...".

Neige Sinno versteht es ausgezeichnet, die Atmosphäre Mexikos, erlebt von jungen Backpackerinnen, zu vermitteln. Eingezwängt in überfüllten Bussen, hinter zugesperrten Türen in schmuddeligen Unterkünften, die Angst vor übergriffigen Männern – man wähnt sich vor Ort mit dabei.

Die beiden jungen Frauen sind sehr verschieden. Maga, sehr feinfühlig für Situationen, die aus dem Ruder zu laufen scheinen; Neige, die die Gefahr immer erst bemerkt, wann es zu spät ist, dann aber die Ruhe behält. "Wir bildeten zwar ein komplementäres Du, doch unsere Komplementarität schützte uns nicht, sie brachte uns in den heiklen Momenten, von denen es auf dieser Reise einige gab, keine grössere Klarheit und half uns auch nicht dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Im Grossen und Ganzen nutzte sie uns gar nichts." Subtil, klarsichtig, selbstreflexiv. Und auch dies: Ohne, dass man handelnd eingreift, kann sich nichts entwickeln.

Sie brechen ihre Reise ab, verzichten auf ihr Vorhaben, La Realidad zu erreichen. "Ustedes no entienden nada", wurde ihnen gesagt, was wohl mit dafür ein Grund war, dass sie aufgaben. Sie hatten keinen Kompass mehr, was die Mexikaner mit desmadre bezeichnen, als "eine Situation, in der es keine Mutter mehr gibt." Manchmal sagt der Gebrauch der Sprache sehr viel über das Denken der Leute aus.

Neige kehrt nach Mexiko zurück, zu Luis, der an der Küste Oaxacas ein Hippieleben, mit vielen Drogen, führt. Doch sie muss zurück, ihre Sachen in Ordnung bringen, und will dann wiederkommen, als sie erfährt, dass Luis der Drogentod ereilt hat. So dramatisch das auch ist, was an Neiges mexikanischen Schilderungen, es sind ganz viele, ganz unterschiedliche, so berührend ist, ist ihre rücksichtsvolle und aufmerksame Art, die sie ausgesprochen reflektiert beschreibt, und dadurch deutlich macht, dass Eindeutigkeiten so recht eigentlich nicht zu haben sind, dass wir uns mit der Komplexität des Lebens arrangieren müssen.

Das einzig Beständige ist der Wandel – und genau dem trägt das Erzählen Neige Sinnos Rechnung. "Wir verändern uns dermassen, dass selbst eine subjektive Wahrnehmung nicht einzig, sondern multipel ist, denn sie muss einer der vielen Rollen entsprechen, in die man je nach den Umständen schlüpft. (...) Man reist nicht von der Unwissenheit zur Wahrheit, sondern von einer Unwissenheit zu einer anderen, vielleicht besser belegten." Dieses Schreiben kommt der Wirklichkeit sehr nahe – und das ist ausgesprochen selten.

Zehn Jahre, nachdem sie mit Maga versuchte, nach La Realidad zu reisen, ist Neige nach Chiapas zurückgekommen, diesmal mit Max und ihrer zweijährigen Tochter. Dieses Buch verschafft einem auch vielfältige Einblicke in ganz verschiedene Aspekte Mexikos. Unweigerlich tauchen dabei ständig Bilder meiner zwei mexikanischen Monate, die ich vor Jahren mir meiner damaligen, aus Havanna stammenden Frau, dort verbracht habe, in meinem Kopf auf.

Noch ein paar Jahre später kehrt Neige wiederum nach Chiapas zurück, dieses Mal ohne Max, doch mit ihrer Tochter. Dieses Kapitel ist mit Begegnungen kämpfender Frauen (nachträglich gebildete Meinung) überschrieben. "Ich folgte einer Gruppe von Freundinnen, ohne recht zu wissen, wohin es ging." Es gehört mit zum Anregendsten in diesem Buch, wie die anteilnehmende und aufrichtige Autorin, sich auf Unvorhergesehenes einlässt.

So recht eigentlich ist La Realidad eine Erzählung übers Reisen, keine klassische, mit Anfang, Mittelteil und Ende, in der sich alles irgendwie folgerichtig ergibt, sondern eine der Suche nach dem Leben, die auch eine Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen ist. Dabei lernen wir auch, dass wir gerade dabei sind, "alles, was uns das Leben auf der Erde ermöglicht, zu vernichten. Unsere Wissenschaft, unsere Vernunft erreichen einen absurd hohen Entwicklungsstand. Statt uns zu retten, reiten wir uns jeden Tag ein wenig tiefer hinein." Und wir machen Bekanntschaft mit Antonin Artaud, der nach Mexiko flüchtete, eine Revolution des Bewusstseins forderte, und kein schriftstellerisches Werk hervorbringen wollte. "Keine Werke, keine Sprache, kein Sprechen, kein Geist. Er will nur leben."

Neige Sinno
La Realidad
Ort der Frauen
dtv, München 2026

Sunday, 28 June 2026

Frieden - Wie geht das?

Es handelt sich bei diesem Buch um die transkribierte Fassung eines Gesprächs zwischen Klaus von Dohnanyi und Erich Vad vom Februar 2026 in Hamburg. Beide hatten hohe Positionen in der Bundesregierung inne, und entsprechend ist auch dieses Gespräch von der Überzeugung getragen, dass Geschichte von Personen gemacht wird. So setzen sich die beiden etwa auch mit Donald Trump auseinander, ganz so, als ob dieser Mann eine Ideologie hätte, die über „Ich Ich Ich“ hinausgeht. Wer sich ernsthaft mit der vermeintlichen Ideenwelt des amerikanischen Präsidenten auseinandersetzt („Trump ist eine Art emotionaler Pragmatiker“, so Erich Vad), verkennt, dass ein Denken, das Politiker als Führer versteht (sie sind wohl eher Getriebene), in die Irre führt. 

Man kann mit dem Denken von gestern (der Mensch weiss, was er tut) nicht die Probleme von heute (der Mensch ist heillos überfordert) lösen. Das hat auch damit zu tun, dass Aussagen wie "Geopolitik und strategische Interessen bestimmen die Sicherheit" (Erich Vad) fälschlicherweise suggerieren, der Mensch sei ein rational handelnder Akteur – und das ist schlicht lächerlich. Dazu kommt, dass beide Herren offenbar glauben, dass man immer beiden Seiten Gehör schenken müsse, was ein fataler Irrtum ist, dem bedauerlicherweise auch die Massenmedien huldigen. Viktor Frankl hatte einmal gemeint, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da erstere leider in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken. Anders gesagt: Nicht alle Aussagen müssen/sollen gleichwertig behandelt werden.

Beide Herren sind konventionell gebildet, also einschlägig belesen, verweisen auf Lenin und Clausewitz, die Illias und Stahlgewitter, und gehen davon aus, dass die Weltgeschichte (die Goethe für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt) uns Aufschluss geben könne über Künftiges. Wären die beiden mit C.G. Jung vertraut, wüssten sie, dass das gänzlich unsinnig ist. Thoroughly unprepared, we take the step into the afternoon of life. Worse still, we take this step with the false presupposition that our truths and our ideals will serve us as hitherto. But we cannot live the afternoon of life according to the program of life’s morning, for what was great in the morning will be little at evening and what in the morning was true, at evening will have become a lie.
 
Dazu kommt: Eine vollkommen irrationale Politik rational erklären zu wollen, ist schlicht irrational. "Donald Trump ist doch offenbar sehr viel mehr als nur ein Störenfried. Der ist ein wirklicher Revolutionär für die amerikanische Innenpolitik." (Klaus von Dohnanyi). Auch Erich Vad glaubt zu wissen, worum es dem Amateur-Golfer primär gehe ("Russland aus dem engen Bündnis mit China zu ziehen"). Soviel Weltfremdheit ist nur Menschen eigen, die in der Politik unterwegs sind (und auch der Grund, weshalb die meisten Menschen nichts von Politik wissen wollen).

"Gelingt es uns eigentlich, durch unsere Gespräche das Vertrauen in den Frieden zu stärken?", fragt von Dohnanyi. Wie das konkret vonstatten gehen sollte, ist mir unverständlich. Auch ist dies kein wirkliches Gespräch, vielmehr werfen sich die beiden Stichworte zu, die dann Anlass sind zu eitler Selbstdarstellung.

Was die beiden unter anderem fordern, ist der Mut zum Dialog. Ich sehe das entschieden anders, halte das Fordern von Verhandlungen für Selbstbetrug. Was Not tut, ist das genaue und nüchterne Hinschauen, die Konfrontation mit den Dingen wie sie sind. Nicht mit Geopolitik und Macht (das ist viel zu abstrakt und Leuten, die ums tägliche Überleben kämpfen, nicht zu vermitteln), sollten wir uns auseinandersetzen, sondern mit der Frasge: Wie sollen und wollen wir eigentlich leben?

Dass Frieden dem Krieg vorzuziehen ist, ist einigermassen banal, doch ein Satz wie "Eine Friedensplanung in Europa geht nur mit, nicht gegen Russland" (Erich Vad), ist nur eine Behauptung. Was Russlands Kriegsführung in der Ukraine unter anderem zeigt, ist eine Gewalt und Brutalität, die ich nicht mit Europa assoziiere. Mit diesem russischen Regime sollte man nicht reden, sondern zu ihm auf grösstmögliche Distanz gehen.

Dieses Buch ist kein Plädoyer für den Frieden. sondern eine Darstellung weltpolitischer Betrachtungen, auch über Kriege, die gerade im Gange sind (was kann man darüber schon sagen?), aus der Lehnstuhlperspektive zweier Wichtigtuer. ("Mir hatte in einem Gespräch der damalige Schah Rez Pahlavi einmal gesagt, der Iran sei ein Stück Europa, verloren in Asien." Klaus von Dohnanyi). Mit anderen Worten: Viel mehr als das gängige informierte Rätseln, das wir aus Talkshows kennen, ist da nicht. Für mich zeugen Vorstellungen wie, die Amerikaner wollen dies, die Russen das, die Chinesen wiederum etc., von einer abgehobenen Weltsicht, die mich nicht erreicht.

Mir selber steht eine Initiative von Mitgliedern der Russischen Akademie der Wissenschaften weit näher, die einen Tag nach dem Einmarsch in die Ukraine geschrieben wurde, und nach einigen Tagen von dreitausend Wissenschaftlern unterzeichnet worden war. Dieser Text erreicht mich, weshalb ich ihn denn auch hier zitiere (er ist schon lange aus dem russischen Netz verschwunden; er findet sich in Orion von Petra Morsbach).

Wir russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, protestieren mit Nachdruck gegen die Militäraktion, die durch die Streitkräfte unseres Landes auf dem Territorium der Ukraine eingeleitet wurde. Dieser verhängnisvolle Schritt wird zu riesigen Verlusten an Menschenleben führen und untergräbt das etablierte System der internationalen Sicherheit. Für die Entfesselung des neuen Krieges in Europa trägt allein Russland die Verantwortung.
Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung für diesen Krieg. Versuche, den Vorwand für die Miltäroperation durch den Verweis auf die Situation im Dombass beizubringen, sind absolut unglaubwürdig. Es ist evident, dass die Ukraine keine Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes darstellt. Der Krieg gegen sie ist ungerecht und offensichtlich sinnlos.
...

Durch den jetzt eröffneten Krieg hat Russland sich selbst zur Isolation verurteilt und nimmt in Kauf, aus der internationalen Staatengemeinschaft verstossen zu werden. Das bedeutet, dass wir als Wissenschaftler bald nicht mehr in der Lage sind, normal unseren Vorhaben nachzugehen. Ohne vollwertige Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern ist wissenschaftliche Forschung nicht denkbar. Die Isolierung Russlands von der Welt wird den kulturellen und technologischen Niedergang unseres Landes beschleunigen und den Verlust aller positiven Perspektiven zur Folge haben. Ein Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Nichts.

Uns ist bitter bewusst, dass unser Land, das entscheidend zum Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen hat, jetzt zum Brandstifter eines neuen Kriegs auf dem europäischen Kontinent geworden ist. Wir fordern die sofortige Einstellung aller Militäraktionen gegen die Ukraine. Wir fordern die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität des ukrainischen Staates. Wir fordern Frieden für unsere Länder. Wir wollen die Wissenschaft voranbringen, nicht Krieg führen.
 
Klaus von Dohnanyi
Erich Vad
Frieden - Wie geht das?
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026

Wednesday, 24 June 2026

Zsömle ist weg

Der ehemalige Elektriker und angebliche Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, 91 Jahre alt, der nicht Majestät, sondern Onkel Józsi genannt werden will, hat genug vom Leben und sich in die Wälder zurückgezogen. Doch dann wird er von einer bunten Truppe vermeintlicher Anhänger aufgespürt, die ihn dazu bewegen wollen, in ihrem Sinne in die Politik einzugreifen. Sie wollen die Monarchie wieder herstellen. Onkel Józsi lehnt ab und meint, sinnvoller wäre, sich auf das Ende der Welt vorzubereiten ("das zu Ende des Jahres zu erwarten ist, wie ich in den Nachrichten lese"). Und überhaupt habe er weder Lust noch Energie, um am Leben noch lange teilzuhaben.

László Krasznahorkai schreibt in Bandwürmern, Punkte gibt es in diesem Text nicht, Kommas schon. Abschnitte fehlen, eine nennenswerte Gliederung gibt es nicht (wobei: es gibt 11 Teile), stattdessen endlose Sätze, die einem Gedankenfluss recht nahe kommen, auch wenn ein solcher letztlich viel zu komplex ist, um überhaupt erfasst werden zu können. Es gelingt dem Autor ausgezeichnet, den Leser, jedenfalls diesen Leser, (die Leserin spar ich mir, ich bin ein Mann und kann nicht für Frauen sprechen, und auch nicht für andere Männer) in die Geschichte hineinzuziehen.

Der Adlige zeigt seinen Besuchern (Monarchisten, unter denen sich auch "ein ungeschlachter junger Mann" namens László Krasznahorkai findet) ein Schwert, das er von der englischen Königin erhalten, und einen Brief von Dschimmi Karter ("mit J und C, fügte er hinzu, und in seiner Stimme verbarg sich eine leise Verwunderung, auf welch interessante Weise, nicht wahr, diese Amerikaner die Buchstaben benutzten") ihm geschrieben hat.

Viel Geschichtliches wird angesprochen, die Habsburger kommen dabei schlecht weg, Auch viel Ungarisches wird einem näher gebracht, wobei wohlmeinende Kritiker ständig auf die quasi universelle Gültigkeit von Krasznahorkai Schreiben hinweisen, wofür sie dann regelmässig die verschiedenen Orte, an denen er lebt bzw. gelebt hat, anführen. Mir selber ist egal, wo ein Roman spielt; für mich sind alle Orte gleichzeitig provinziell und universell.

Es finden sich ganz viele Geschichten in diesem Roman, und nicht wenige von ihnen haben mich schmunzeln lassen. Als etwa Onkle Józsis Schwiegersohn, zusammengeschlagen auf der Intensivstation von Eger, auf die Frage der Polizisten, "was geschehen sei, woran er sich erinnere, und ob er den Angreifer 'und/oder' die Angreifer beschreiben können, nichts sagen konnte, weil er sich einzig und allein daran erinnerte, dass er nichts antworten durfte, wenn die Polizisten ihn dies fragten, weil man ihn dann bei nächsten Mal wortwörtlich totschlagen würde ...".

Ob die Bezugnahmen auf die ungarische Geschichte wahr oder erfunden sind, weiss ich nicht zu sagen, da ich von ungarischer Geschichte keine Ahnung habe; es spielt meines Erachtens auch keine Rolle, handelt es sich bei Zsömle ist weg (Zsömle ist der Hund von Onkel Józsi) um einen Roman, also um etwas Erfundenes. Dass Onkel Józsi "mit Storm geheizt hat" hielt ich zuerst für einen Druckfehler, als dann jedoch "Storm" noch weitere Male auftauchte, liess mich das einigermassen ratlos. Ebenso wenig erschlossen hat sich mir, dass Onkel Józsi gemäss eigenen Angaben keine Kinder hat und dann doch von seiner Tochter und seinen Enkeln gesprochen wird. Nun ja, in der Literatur geht eben vieles ...

Der Thronfolger fühlt sich zunehmend unverstanden von den Monarchisten, die ihn zwar verehren, doch nicht in der Form, die er für sich gewählt hat. In Budapest zeigen sie ihm in herrschaftlichen Räumen befindliches unterirdisches Waffenlager. Onkel Józsi ist entsetzt, Gewalt lehnt er ab. Doch er liebäugelt eben doch auch mit den sogenannt guten alten Zeiten, "weil heutzutage die Moral als Ganzes" fehlt. Der Autor zeigt eindrücklich, dass sich beide Seiten, obwohl sie sich viele Gedanken auch über die andere Seite machen, nur von ihren eigenen Interessen geleitet bzw. diesen unterworfen sind.

So sehr Zsömle ist weg eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Gefahren, die der Demokratie durch Reichsbürger und Verschwörungsfans drohen, ist, es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Vor allem ist es jedoch ein ungewöhnliches Sprach- und Denkerlebnis, das vom Leser Geduld und die Art Aufmerksamkeit verlangt, die einer Meditation gleichkommt.

Fazit: Scharfsinnig, gescheit, amüsant, unterhaltsam, witzig und lehrreich.

László Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Sunday, 21 June 2026

Der unentdeckte Kontinent

Als ich vor einigen Jahren anfing Bäume zu fotografieren, hielt ich das für eine Entdeckung. Eine Durchsicht von älteren Fotografien belehrte mich eines Besseren – ich hatte immer schon Bäume fotografiert. Mit anderen Worten: Mir scheint, unsere Gewohnheiten sind uns selten wirklich bewusst; etwas Neues zu entdecken kommt nicht oft vor. Womit ich zu Meg Lowmans Der unentdeckte Kontinent komme, einem Buch, bei dem ich schon nach den ersten paar Seiten weiss, dass ich da definitiv auf etwas Neues gestossen bin. Und mich wieder einmal darüber wundere wie partiell blind man durchs Leben gehen kann.

„Stellen Sie sich vor, Sie gehen für einen Gesundheitscheck zum Arzt, und der untersucht ausschliesslich ihren grossen Zeh. Am Ende erfahren Sie, dass Sie vollkommen gesund sind, dabei wurden Ihre Vitalfunktionen, Puls, Sehkraft oder irgendein anderer Körperteil gar nicht untersucht – sondern nur Ihr grosser Zeh. „.. jahrhundertelang wurde die Gesundheit von Bäumen, auch die jener alten Riesen, die haushoch in die Wolken aufragen, genau auf diese Weise begutachtet.“ Viel überzeugender und anregender kann man ein Buch kaum beginnen ...

„Ich werde Bäume nie wieder so sehen wie früher, und der Rest der Welt auch nicht – dank der Autorin dieses Buches“, schreibt Sylvia A. Earle in ihrem Vorwort. Recht hat sie! Wer also ist diese Autorin? Meg Lowman, geboren 1953, aufgewachsen im ländlichen Staat New York. Die Botanik brachte sie zum Studium ins schottische Aberdeen, ein Forschungsstipendium über tropische Wälder nach Sydney. „Sie stammte aus der gemässigten Klimazone und war in Bezug auf die Tropen völlig grün hinter den Ohren. Bei ihrem ersten Besuch in einem australischen Regenwald starrte sie in die schwindelerregendsten Bäume, die sie je gesehen hatte, und dachte: 'Du heilige Scheisse, ich sehe noch nicht mal den Wipfel!'“

Zuerst dachte sie, sie könne die Baumwipfel mit dem Fernglas zu sich herunterholen. Als dies wenig fruchtete, kletterte sie nach oben. Um ihre Seile an den oberen Ästen zu befestigen, baute sie sich aus einer Eisenstange eine spezielle Schleuder. In den Baumkronen, dem '“achten Kontinent“, entdeckte sie eine völlig unbekannte Welt. „Wohin ich auch blickte, offenbarten die Wipfel Geheimnisse, die vom Boden aus nicht zu erkennen waren – glänzende Käfer frassen junges (aber kein altes) Blattgewebe, Raupen operierten in Gangs, die ganze Äste vom jüngsten bis zum älteren Laub kahl frassen, Vögel schnappten sich diese arglosen Larven, als bedienten sie sich an einer Salatbar, und plötzliche Regengüsse trieben alle diese wuselnden Geschöpfe auf der Suche nach Unterschlupf unter die nächsten Blätter oder in einen Spalt in der Rinde.“

Der unentdeckte Kontinent ist genau das, was der Untertitel verheisst: „Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen.“ Sie erzählt von ihren schwierigen Studienanfängen inmitten von Männern, von ihrer Zeit in Aberdeen, vom Tropenwald von Malaysia, von ihren Bemühungen um den äthiopischen Wald und von den Citizen Scientists.

Meg Lowman ist ein Naturfreak. Von klein auf begeisterte sie die Naturbeobachtung, obwohl es in ihrer Familie keine leidenschaftlichen Botaniker gab. Ihr Enthusiasmus ist aus jeder Zeile spürbar. Und er ist ansteckend.

Der unentdeckte Kontinent bietet eine interessante, informative, lehrreiche und ausgesprochen unterhaltsame Lektüre, was auch daran liegt, dass Meg Lowman eine begabte Erzählerin ist, die mich immer mal wieder zum Lachen brachte. „Als mein Flug in Aberdeen landete, war der Himmel kalt und grau, was ich schnell als Normalfall kennenlernte. Ein Jahr in Schottland lässt sich zusammenfassen zu 364 Tagen grauem Himmel, was meine über tausend Fotos von sonnenfreien Landschaften bestätigen.“ Da sie über wenig Geld verfügt, mietet sie zusammen mit anderen, die ebenfalls knapp bei Kasse waren, ein Bauernhaus ohne Heizung und Warmwasser. „Meine beiden Mitbewohner, Alan und Peggy, besassen einen klapprigen Morris Minor, der so alt war, dass in seiner Aussenverkleidung Moos wuchs, und waren sehr geschickt darin, zum Hauptgericht überfahrenes Wild aufzufinden.“ Im Anschluss an ihr schottisches Jahr ging es zum Doktorat nach Sydney. „In London bestieg ich nach Flugzeug mit zwanzig Kilo Handgepäck, weil ich die Gebühren für einen zusätzlichen Koffer sparen wollte.“ Das waren noch Zeiten ...

Meg Lowman bezeichnet sich als Arbonautin (und wird von ihren Kindern auch scherzhaft als Arboraut-Irre), eine sowohl einleuchtende wie auch treffende Bezeichnung für eine Botanikerin, die sich aufgemacht hat, die Baumkronen, für die sich kaum jemand zu interessieren schien, zu erforschen. „Bald stellte ich fest, dass die meisten Arten in den oberen Baumkronen der Wissenschaft unbekannt waren. Fast jede der 60000 Baumarten beherbergt einzigartige Lebensgesellschaften.“

Der unentdeckte Kontinent ist ein Augenöffner. Mir jedenfalls war nicht bewusst, dass ein Kronendach Sauerstoff produziert, Regenwasser filtert, Sonnenlicht in Zucker umwandelt, unsere Luft reinigt, indem es CO2 absorbiert, Tieren Unterschlupf bietet und und und.

Der Mensch hat sich dermassen von der Natur entfremdet, dass er sie allzu oft nur als Bedrohung wahrnimmt. Selten ist mir das klarer geworden als bei Lowmans Schilderung einer Bootsfahrt auf dem Amazonas als ein einheimischer Guide gefragt wurde, ob es während der Fahrt auch Anacondas zu sehen geben würde. „Unser Guide hatte die verräterischen Luftblasen gesehen, die Anacondas unter Wasser ablassen, war auf sie gesprungen und hatte schnell Kopf und Schwanz gegriffen, und das alles im Dunkeln. Ehrfürchtig bestaunten wir alle nicht nur dieses grossartige Tier, sondern auch Guillermos gründliche Kenntnis der heimischen Natur – so wie man sie sich aus einem Lehrbuch oder in einem Hörsaal gar nicht aneignen kann.“

Wir müssen den Wald hegen und pflegen, denn die Gesundheit des Planeten hängt von ihm ab. Doch das Gegenteil geschieht, die Zerstörung des Waldes nimmt zu. Was also ist zu tun? „Ein Weg, mehr Bäume zu retten, besteht darin, mehr Menschen in ihre Wunder einzuweihen.“ Kein Buch, dass geeigneter wäre, genau dies zu tun als Der unentdeckte Kontinent.

Meg Lowman
Der unentdeckte Kontinent
Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen
Blessing, München 2022

Wednesday, 17 June 2026

Vorsehung

Der Einstieg in diesen Roman ist schlicht grandios: Der Flug von Hobart nach Sydney hat Verspätung, was der Autorin die Möglichkeit gibt, die Flugpassagiere vorzustellen. Wie auf jedem Flug kommt da eine recht bunte Truppe zusammen, die derart lebensnah geschildert ist, dass ich ständig laut herauslachen muss. Wir Menschen sind schon eine überaus eigenartige Spezies! Kurz vor der Landung steht eine alte Dame von ihrem Platz auf, geht durch die Reihe, bleibt bei den einzelnen Passagieren stehen und prophezeit ihnen ihre Krankheiten sowie das Alter ihres Ablebens. Natürlich wollen das nicht alle wissen, doch darauf nimmt die Frau keine Rücksicht (obwohl sie durchaus Skrupel hat) und so bleibt es den Passagieren überlassen, wie sie mit diesen Botschaften umgehen. Ein 29Jähriger, dem sein Tod mit 30 vorausgesagt wird, ist definitiv nicht in der selben Liga wie eine 87Jährige, die noch bis 101 Zeit hat.

Ist sie eine Hellseherin? Und falls ja, können Hellseher irren? Die alte Dame stellt klar: Der Satz „Gegen das Schicksal kommt man nicht an“ stamme nicht etwa von ihr, sondern von ihrer Mutter, die eine Deterministin gewesen sei. Was meint: Der Mensch handelt wie er handelt, weil das in ihm so vorbestimmt ist und sein Tun und Lassen der Kausalität folgt. Der bärtige Mann („er war Universitätsdozent, er genoss es noch mehr als der Durchschnittsmann, Vorträge zu halten“), der den Begriff erläuterte, entpuppte sich als Vertreter des „harten Determinismus“, für den es keinen freien Willen gibt. „Zwischen zweien seiner Schneidezähne steckte ein braunes Reiskorn, und niemand, nicht einmal seine Frau, wies ihn darauf hin. Möglicherweise hielt sie es für kausal unausweichlich.“

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ist eine philosophische. Von praktischer Relevanz ist sie nicht, denn unser soziales Leben beruht auf der Annahme, dass wir einen freien Willen haben. Darauf gründet auch die Strafjustiz, ansonsten man niemandem eine Tat vorwerfen bzw. ihn dafür bestrafen könnte. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass wir uns die Realität zurechtbiegen (was wir eindeutig tun), denn den Nachweis zu erbringen, dass es den freien Willen auch wirklich gibt, ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Wir glauben eben, was wir glauben wollen; dass uns unser Bauchgefühl täuschen könnte, halten wir nur theoretisch für möglich.

Vorsehung ist glänzend geschrieben, eine Comédie Humaine vom Feinsten. Die Autorin präsentiert ganz unterschiedliche Charaktere (und was würde sich dazu besser eignen als Flugzeugpassagiere, denen Algorithmen ihre Plätze und damit ihre Sitznachbarn zuweisen), die man alle aus dem richtigen Leben zu kennen glaubt. Da ist zum Beispiel Sue, deren Söhne alle den gleichen, dümmlichen Blicke hatten, „als sie plötzlich in die Höhe schossen. Ich weiss gar nicht, wie ich hier hochgekommen bin! “ Sue ist Pflegekraft in der Notfallambulanz, und gehört zu der Sorte Mensch, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. Doch auf einmal überkommt es sie: „Überhaupt nichts hat sie gesehen! Ein ganzer Planet voller Burgen und Kathedralen, Gemälde und Skulpturen, Berge und Ozeane wartet darauf, von Sue und Max O’Sullivan gesehen und bewundert zu werden.“

Vorsehung bietet ein überaus unterhaltsames Welttheater, da Liane Moriarty uns nicht nur am Innenleben der Menschen auf diesem Flug teilhaben lässt, sondern auch schildert, wie sie miteinander umgehen. Da ist etwa der Flugpassagier Ethan Chang, gerade zurück von der Beerdigung seines Kumpels Harvey. Es war Ethans erste Beerdigung und nicht alles lief rund. So sprach er irrtümlicherweise einer Angestellten des Cateringservice sein Beileid aus. „Sie trug eine weisse Bluse und eine schwarze Hose und hielt ein Tablett mit Schinkensandwiches in Händen. Es gab durchaus Anhaltspunkte.“ Oder das frisch verheiratete Paar, Dom und Eve. „Eve weiss nie, ob er nur glücklich tut oder einfach vergisst, was ihm Sorgen gemacht, und sich irgendwann wieder daran erinnert.“

Als das Flugzeug gelandet ist, hat die Hellseherin keine Erinnerung daran, dass sie den anderen Flugpassagieren ihre Vorhersagen aufgezwungen hat. Sie ist die Personifizierung der Vorstellung, dass der Mensch nicht weiss, was er tut, und von seinem Schicksal gelenkt wird. Ob es sich dabei um ein psychisches Problem handelt (die gängige Standardantwort, wenn wir heutzutage nicht weiter wissen), wie „der starke, muskulöse Mann mit dem militärischen Bürstenschnitt, der so aussieht, als könnte er die Welt im Alleingang retten“, behauptet, soll hier nicht verraten werden.

Auch die Hellseherin erzählt ihr Leben, die Flugpassagiere machen sich auf die Suche nach ihr. Zum Einsatz kommt dabei auch eine Facebook-Seite, die in der Folge von vielen besucht wird, die zwar sachlich nichts beitragen können, doch auf sich und ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Vorsehung ist auch ein sehr gelungenes Porträt unserer Zeit, in der wir alle gezwungen werden, für uns zu trommeln.

Vorsehung handelt auch davon, was man mit Wissen anstellt, das man lieber nicht hätte.. So wissen wir alle, dass wir sterben werden. Die übliche Variante ist die Verdrängung. Liane Moriarty zeigt uns weitere Möglichkeiten, zu denen auch das Einholen einer Zweitmeinung, das Sich-Austauschen mit Freundinnen und Bekannten sowie das Relativieren von Vorahnungen gehören. Doch dann stirbt eine junge Flugpassagierin sowie ein altes Ehepaar; alle drei waren auf dem Flug gewesen …

Vorsehung ist weit mehr als ein ungemein unterhaltender Roman; die vielfältigen Einsichten und Hinweise, die er vermittelt, sind vielfältig hilfreich und von praktischer Relevanz. So herrscht, wie wir alle wissen, etwa die Überzeugung vor, dass alles seinen Grund haben müsse. Das ist natürlich Unsinn, denn die Dinge sind ganz einfach wie sie sind. Ohne Grund. Und weshalb glauben wir trotzdem, dass alles seinen Grund haben müsse? Die Antwort (eine einleuchtende) findet sich in diesem echt tollen Roman.

Es ist die Mischung von Witz (als die Flugbegleiterin Allegra von einem Kind vollgekotzt wird: „‚Bitte machen sie sich keine Sorgen‘, sagt Allegra. ‚So etwas kommt vor‘. Ihr Entschluss, kinderlos zu bleiben, ist jetzt in Stein gemeisselt.“), Spannung (Wie werden sich die Voraussagen der alten Dame auswirken?), und philosophischer Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir unser Schicksal beeinflussen können, welche Vorsehung zu einem rundum überzeugenden Roman macht. Und zu einem Lesevergnügen erster Güte.

Fazit: Packend, clever, anregend und sehr, sehr lustig. Grossartig, ein Meisterwerk!

Liane Moriarty
Vorsehung
Roman
Droemer, München 2025

Sunday, 14 June 2026

All'Italiana!

Der Untertitel Wie ich versuchte, Italienerin zu werden lässt vermuten, dass Petra Reskis Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt war, obwohl sie sich jede erdenkliche Mühe gibt, und es irgendwie dann eben doch geklappt hat. „Es war mein Land, von Anfang an. Es ist ein fehlerhaftes Land, es sündigt, es ist perfide und manchmal sogar teuflisch. Dennoch liebe ich es. Das mag daran liegen, dass ich immer meine lebenslustige ostpreussische Familie gesucht habe, vermischt mit Teilen der melancholischen Schlesier. Und am Ende habe ich sie in Italien gefunden.“

Petra Reski hat Romanistik studiert und ist, wie ihr früh verstorbener Vater einst prophezeite, Auslandskorrespondentin geworden. Sie will verstehen, braucht Erklärungen, erwartet sich diese auch von der Politik, die in Italien allerdings von der Mafia häufig nicht zu unterscheiden ist. Ihre sizilianischen Schilderungen sind ungemein berührend, vielfältig informativ und aufwühlend. Und ihre Ausführungen zu Berlusconi machen klar, dass der Florida-Golfer keineswegs so einzigartig ist, wie dieser selbst und auch viele Journalisten offenbar glauben.

So abstrus einem Aussenstehenden die italienische Politik auch vorkommen mag, das italienische Wahlvolk verhält sich auch nicht viel anders als, sagen wir, das amerikanische, das auch in schöner Regelmässigkeit Gauner und Deppen, denen es immer nur um sich selber (und ihre Klientel) geht, als Regierung wählt. Die Italiener wissen, was sie tun. Warum sie es tun, ist egal, und auch wenn sie es wüssten, würde es keinen Unterschied machen. Das ist überall so.

Petra Reskis Mann ist Venezianer (und nur im Ausland Italiener) und erträgt es nur schwer von Festlandbewohnern regiert zu werden. Wenn seine Frau sich wieder einmal aufregt und fassungslos fragt, wie das denn um Himmels Willen nur möglich sei, “dass sich ganz Italien diesem Berlusconi in die Arme wirft, obwohl über ihn und seine Mafiamachenschaften alles bekannt ist“, antwortet er mit „Du bist hier in Italien!“ „Ja und? Was soll das denn heissen?, frage ich. Und er sagt: Niente. Das sagt er immer, wenn jemand zu begriffsstutzig ist, um die offensichtlichsten Zusammenhänge zu verstehe.“ Schön gesagt, doch ich vermute, dass Italiener Italien genauso wenig begreifen wie die Nicht-Italiener, weil man Italien und die Italiener schlicht nicht verstehen kann. Und so recht bedacht, gilt das für so ziemlich alle anderen Völker und Länder auch. Nur ist es anderswo oft weniger laut, lustig und so offensichtlich chaotisch.

Der grösste Teil dieses sehr gut geschriebenen Buches handelt von der Politik, ist aufklärend und geht sehr in die Details. Wer, wie ich, wenig Lust auf die eitlen Selbstdarsteller hat, die von der Macht und dem Rampenlicht nicht genug kriegen können, kommt allerdings nicht zu kurz, denn die Entdeckerfreude der Autorin erstreckt sich weit über die Politik hinaus. So erfährt man unter anderem auch höchst Aufschlussreiches darüber wie Journalismus funktioniert, bornierter Kollegenneid inklusive, oder das italienische Fernsehen … doch lesen Sie selbst, es lohnt sich!

Besonders erhellend sind Petra Reskis Ausführungen zur Sprache. „Das passato remoto macht mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.“ Die italienische Politik komme ihr ähnlich knifflig vor wie die diversen Vergangenheitsformen des Italienischen, konstatiert sie. Sehr schön, denn der Zusammenhang von Sprache und Mentalität wird oft übersehen.

„Komisches Land, dieses Italien, denke ich. Voller Widersprüche: Man spricht offen über schreckliche Skandale, und Zustände, die anderswo eine Revolution ausgelöst hätten, werden hier belacht. Man regt sich darüber auf, dass die Sozialisten klauen, und lacht, als ein Kabarettist aus dem Fernsehen eliminiert wird. Man lebt in einer der schönsten Landschaften der Welt und legt sich an einen verpesteten Strand. Und lacht auch darüber.“ Wer angesichts einer solchen Realität glaubt, Erziehung könne Wesentliches bewirken, irrt.

Petra Reskis Beobachtungen sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Und laden häufig zum Schmunzeln ein. „Ich habe mal beobachtet, wie Engländer in der Vaporettostation an der Rialtobrücke eine Schlange gebildet haben. Die Italiener haben das Prinzip gar nicht verstanden. Sie sind einfach an ihnen vorbeigegangen.“

Über ein anderes Land und deren Bewohner nachzudenken, führt auch unweigerlich zu Vergleichen mit dem, was einen geprägt hat. Mit anderen Worten: In der Fremde lernt man, vorausgesetzt, man ist bereit dazu, auch immer viel über sich selber. Und manchmal entdeckt man im vermeintlich Neuen, was schon immer in einem angelegt gewesen ist. All’Italiana! ist nicht zuletzt erfreulich selbst-reflektiv.

Dieses Buch beschreibt eine Faszination, ein Rätsel und das unweigerliche Sich-Immer-Mal-Wieder-An-Den-Kopf-Fassen, weil das doch Alles nicht wirklich sein kann. In diesem überaus gelungenen Mix vielfältiger Absurditäten und bewegender Momente stösst man auch auf ganz wunderbare Sätze, die Wesentliches auf den Punkt bringen. „Zu einer Zeit, als Venedig noch halbwegs eine Stadt ist und kein Freizeitpark …“. Im Spiegel liest sie: „Südlich von Florenz beginnt für die strengen nordischen Herrenmenschen schon Afrika, Rom liegt für sie fast im Urwald.“ Bessere Aufklärung geht eigentlich nicht.

All’Italiana! schliesst mit einem Kapitel über „Lukrez und das Ende des Obskurantismus“. Es ist so recht eigentlich mein Lieblingskapitel. Zum Einen, weil ich Lukrez‘ De rerum natura für einen der erhellendsten Texte überhaupt halte (eine grundlegend andere Sicht der Welt als die gemeinhin akzeptierten und uns benebelnden). Zum Andern dieser Ausführungen wegen, die von einer Lebensneugier zeugen, die nicht nur ihrem Mann, sondern auch Petra Reski selber eigen sind. „Der Venezianer kann eine Lupine nicht von einem Löwenzahn unterscheiden, er kennt nur Marmorsorten und weiss, wie man Tintenfische mit Licht und Kescher fängt, aber er hört Ivano aufmerksam zu, denn es gibt kaum etwas, was ihm mehr Achtung abringt als Menschen, die ihr Handwerk beherrschen.“

Fazit: Grandios! Engagierter, unterhaltsamer und treffender kann man Italien kaum schildern.

Petra Reski
All’italiana!
Wie ich versuchte, Italienerin zu werden
Droemer, München 2024

Wednesday, 10 June 2026

Sunday, 7 June 2026

On Books & Travelling

Standing in front of my book shelves, I'm astonished how little (if at all) I recall of the content of all of these books that I have seemingly read – many of them however convey feelings (I felt totally absorbed when reading this or that tome) and memories of where and under what circumstances I had read them.

There's no system to my shelving books, a thriller can be found next to a memoir of addiction, the work of a nobel prize laureate in literature next to reflections on how to live well.

From time to time, I look at these shelves and realise that the covers or the book titles make my mind wander in time. John Ralston Saul's The Paradise Eater takes me to Bangkok's Sukhumvit area where I spent on and off some years in the 1990s. Jonah Blacks Arrow of the Blue-Skinned God, Retracing the Ramayana Through India reminds me of the time in my life when I felt totally entranced by literally everything from the Far East.

I've gone through quite different episodes in my life, and the books on my shelves give testimony to that. It started with my sports period (especially football), followed by my rock and pop period (I was singing in a rockband), and and and ... Lately, I concentrated mostly on thrillers and books on science.

The one constant of my life has been travelling, physically as well as mentally.

Santa Cruz do Sul, Brazil, 6 February 2026

Wednesday, 3 June 2026

The Big City. A Visual Anthology

"Die Idee zu diesem Buch entstand 2009 in Kairo, beim Besuch bei Freunden", schreibt Philipp Sarasin in seiner Einführung. "Die Megacity war überwältigend, anstrengend und in ihrer Komplexität kaum zu fassen." Megacities sind in der Tat so, jedenfalls die, die ich kenne, wobei für mich "kaum zu fassen" mit "nicht einmal ansatzweise zu fassen" ersetzt werden müsste.

Mehr als zwanzig Städte hat Philipp Sarasin im Lauf von fünfzehn Jahren besucht und dabei unter anderem festgestellt, dass sie sich immer ähnlicher werden. Und genau diesen Eindruck hatte ich auch, als ich diese überaus vielfältigen Fotos anschaute. Hätte mir die Bildlegende (die nur gerade eine Ortsangabe ist), nicht jeweils gesagt, welche Stadt (oder vielmehr: welchen Ausschnitt einer Stadt) ich gerade vor Augen hatte, es hätte in den meisten Fällen so recht eigentlich (fast) überall sein können.

So unterschiedlich diese Fotos auch sind, es ist die Uniformität, die mir den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat. Wobei: So erstaunlich ist das letztlich gar nicht: In seinem Bestreben, speziell und anders zu sein, ist sich der Mensch eben überall gleich.

Besonders spannend waren für mich die Aufnahmen, die in Städten aufgenommen wurden, die ich aus persönlicher Anschauung kenne, etwa Panama City (das ich sofort erkannte) oder Jakarta (das ich ohne Bildlegende wohl nicht richtig zugeordnet hätte), oder Istanbul (das löste beim Lesen der Bildlegende ein Ja, klar aus), oder ganz speziell Bangkok (wo ich on and off einige Jahre zugebracht habe), das ich sehr gut getroffen fand.

Dass mich dieser Band anspricht, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich seit einigen Jahren (nachdem ich über zwanzig Jahre über Dokumentarfotografie geschrieben habe) selber (fast täglich) fotografiere, und mir in Städten Ähnliches ins Auge fällt, wie ich es auch in The Big City vorfinde.

Panama City

New York

Los Angeles

Wie jeder Fotograf zeigt auch Philipp Sarasin nicht, was er gesehen hat, sondern was er sich zu fotografieren entschieden hat. Mit anderen Worten: Er hat ausgewählt, was er wie einrahmen, und was er uns zeigen will. In diesem Sinne ist jedes Fotobuch, ungeachtet des Sujets, letztlich ein Selbstporträt, das sagt: So will ich in diesem Moment die Welt sehen. 

Fotografieren bedeutet zu wählen. Was nehme ich in den Rahmen rein, was lasse ich draussen? Dass dieser Band viel Disparates nebeneinander präsentiert, hat meine Sympathie, denn so ist, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, die Realität. Übrigens: Dass Fotos einem das Gefühl vermitteln können, die Realität abzubilden, ist erstaunlich, denn weder klingen, noch riechen sie. Doch sie sind Träger von Emotionen, und die prägen und bestimmen uns mehr, als uns bewusst ist. Understanding is a feeling, hat Robert Adams in Why People Photograph geschrieben.

Bangkok 

Bangkok

Was Philipp Sarasin motiviert hat, aufzunehmen, was er aufgenommen hat, weiss ich nicht. Ausser, dass ihn interessierte, "wie die Bedingungen beschaffen sind, unter denen Menschen heute in Grossstädten und Megacitys leben" (wie Fotos das zeigen könnten, entzieht sich mir), äussert er sich nicht. Da mich Motivationsforschung nicht interessiert, beschränke ich mich hier darauf, was die Fotos bei mir auslösen.

Zuallererst: Ich finde den Mix (Gebäude, Hochhäuser, Menschen, Autos, Fassaden etc.) überaus gelungen. Das bunte Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, am Tag und in der Nacht fotografiert, legt nicht gerade den Eindruck nahe, Stadtplanung sei hier federführend gewesen, wobei es auch immer wieder Stadtteile gibt, die eindeutig am Reissbrett entstanden sind.

Philipp Sarasin hat ein gutes Auge (man blättere etwa zu den Seiten 101, 105, 159 oder 211), und auch einen Sinn für das Witzig-Absurde. Ein Bild aus Nairobi, auf dem auch ein Raja Yoga Centre angepriesen wird. Oder die Bilder aus Los Angeles, insbesondere der Parkplatz mit Palmen und Hochhäusern im Hintergrund – ein ziemlich einzigartiges Porträt einer Stadt, in der man ohne Auto total am Arsch ist.

Die Bilder in diesem Band strahlen für mich die Stimmung aus, die Grossstädten eigen ist. Letztlich unfassbar, doch mich immer mal wieder an das Durcheinander auf einem Kinderspielplatz erinnernd. Besonders an den Rändern fransen diese Moloche richtiggehend aus (ich denke gerade an Lima). Dass diese Megacities überhaupt funktionieren (wenn auch nicht alle so wie Tokio), kommt so recht eigentlich einem Wunder gleich.

In meiner Zeit in Bangkok nahm ich hin und wieder den Bus und fragte mich gelegentlich, ob es für die Fahrer eigentlich einen Fahrplan gebe oder ob die alle irgendwann einfach  losfahren (oder auch nicht). Gestern bin ich im Bus eingeschlafen, sagte meine Freundin Jing einmal, und als ich aufgewacht bin, standen wir immer noch an der genau gleichen Stelle. Mit anderen Worten: Mich erstaunt und fasziniert, dass mir diese Aufnahmen ein Grossstadtgefühl vermitteln, das mir vertraut ist. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil es Bilder ohne Worte sind, die dies bei mir auslösen.

Die Einführung von Philipp Sarasin, einem in Berlin und Zürch ansässigen Schweizer Historiker, wie auch der Essay des Kunsthistorikers Martino Stierli, der sich unter anderem der Frage widmet, "in welchem Masse der Blick auf das relativ neue Phänomen der globalen Megacity durch den Erfahrungshorizont jenes mitteleuropäischen Betrachters konditioniert wird."), sind auf Deutsch und Englisch verfasst.

Philipp Sarasin
The Big City
A Visual Anthology
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Sunday, 31 May 2026

Die Fakten & Wir

 

Ein Titel auf Spiegel Online; „Schauspielerin Fritzi Haberlandt isst am liebsten Leberwurststullen.“ Hugo las zum ersten Mal von dieser Frau. Es zeigte ihm wieder einmal, wie uninformiert er war. Er wusste nicht einmal, was seine Nachbarin am liebsten ass.

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„… es ist therapeutisch, wenn du mit bestimmten Menschen sprichst. Du fühlst dich hinterher besser. Niemand weiss, warum. Es ist alles Chemie“, so die 94jährige Erika Freeman, die einst vor den Nazis fliehen musste, sich in New York als Psychoanalytikerin einen Namen machte, und mittlerweile wieder in Wien lebt. Den Florida-Golfer hält Erika Freeman für einen armen Mann, von seinem Vater nicht gemocht, von seiner Mutter für einen Nichtsnutz gehalten. Selbst Eltern, ging Hugo durch den Kopf, können manchmal ein gutes Gespür für ihre Kinder haben.

Wir kommen auf die Welt, dekonstruieren unsere Kindheit und dann sterben wir“, zitiert ihr Interviewer Dirk Stermann einen Comic aus dem New Yorker. Das deprimiert ihn. Ganz anders Erika Freeman. „Warum ist das deprimierend? Wir kommen auf die Welt, das ist doch schon mal sehr gut. Wir schauen, was in unserem Leben passiert, auch gut. Und wenn der Herrgott findet, dass wir genug angestellt haben, gehen wir.“

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Als der Physiker Leo Szilard eines Tages seinem Kollegen Hans Bethe mitteilte, er trage sich mit dem Gedanken, ein Tagebuch zu schreiben, fügte er hinzu, er habe nicht die Absicht, es zu veröffentlichen, er wolle nur die Fakten aufzeichnen, zur Information Gottes. Ob er denn nicht glaube, Gott kenne die Fakten, fragte Bethe. Sicher, er kenne die Fakten, doch diese Version der Fakten, die kenne er noch nicht, antwortete Szilard.

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Buddhisten glauben, das Ich sei eine Illusion. Wer sich die Tatsache vor Augen führt, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist, weiss das auch. Unser Lebenstrieb will hingegen, dass es ein Ich gibt. Da unser Lebenswille stärker ist als alle anderen Triebe, klammern wir uns daran — und leiden. Sich an der Vorstellung eines stabilen Ich festzuhalten, das es gar nicht geben kann, wird zwangsläufig ins Leiden münden.

Der Personenkult, den wir pflegen, ist nicht nur schädlich, er ist absurd. Und er entmündigt uns, weil er uns sagt, wir seien nicht in Ordnung, müssten anders und besser sein, am besten so wie die, denen andere Talente mit auf den Lebensweg gegeben wurden.

Hans Durrer, Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025

Wednesday, 27 May 2026

Das ist Glück

 

Es sei gleich gesagt: Niall Williams ist ein begnadeter Fabulierer und dieser Roman ein Lesegenuss erster Güte. Die Charakterisierungen der Gemeindemitglieder des kleinen irischen Dorfes Faha machten mich Tränen lachen "... die bereits drei Mal die letzte Ölung erhalten hatte, sich aber, hiess es, nicht in den Himmel aufmachen wollte, solange sie nicht sicher sein konnte, dass ihr Mann Tom am entgegengesetzten Ort gelandet war ...".

Es regnet, als ich mit der Lektüre beginne. Passender könnte es kaum sein, denn in Faha regnete es "zu jeder Tages- und Nacht- und auch zu jeder Jahreszeit, beachtete weder den Kalender noch die Wettervorhersage ...", bis der Regen dann doch aufhört, in der Karwoche 1958, als die Religion und der Glaube noch eine ganz andere Bedeutung hatten als heutzutage. Ein Haarschnitt am Karfreitag, hiess es damals in Irland, verbannte den Kopfschmerz für ein ganzes Jahr!

Faha ist ein aus der Zeit gefallener Ort, die Einwohner Neuerungen gegenüber skeptisch- Man kennt sich, weiss, wer wer ist und wohin gehört. "Direktheit lag nicht in der Natur von Faha." Und natürlich geht man in die Kirche. Und macht sich Gedanken über Gott. "Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (...) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (...) anders lässt sich das nicht erklären."

Das ist Glück ist ein ungemein dichter Text, der mich dermassen begeistert, dass ich fast jeden Satz unterstreichen könnte, auf dass er sich in meine Gehirnwindungen eingraben möge, denn nicht nur schreibt Niall Williams überaus witzig, er vermittelt auch ganz viele hilfreiche Erkenntnisse, die einem die Welt neu sehen lassen. "... mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen...".

Hat man schon eine Weile gelebt (der smarte Erzähler ist 78) und ist zudem humorbegabt, dann sieht man das Leben (immer mal wieder) als die Komödie, die es auch deswegen ist, weil wir Menschen auf die eine oder andere Art wichtig tun müssen. Woran erinnert man sich eigentlich, fragt sich der Erzähler hin und wieder, und kommt zum Schluss, dass man das nicht wirklich sagen kann, doch dass einem dieses oder jenes manchmal heller und intensiver vorkommt. Und das reicht ja eigentlich auch. Niall Williams ist ein Philosoph, ein vom Leben geschulter. "All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen."

Das ist Glück spielt in einer Zeit als es noch eine Welt der Heiligen gab, und alle deren Namen wussten. Auch Mond und Sterne standen zur Verstärkung bereit. Zudem: "Die bekannte Welt war damals längst noch nicht so scharf umrissen, und Wissen wurde nicht mit Tatsachen gleichgesetzt. Geschichten waren so eine Art menschlicher Kitt." Die Welt, obwohl viel unbekannter als heute, kam einem damals bekannter vor.

1958 kommt der Strom nach Faha, und zwar in Gestalt des weitgereisten Christy, der für die Regierung arbeitet, und als Untermieter bei Noels Grosseltern einzieht. Eine Million Strommasten werden benötigt, doch da das irische Holz für Admiral Nelsons Flotte draufgegangen war und sich jetzt mitsamt der Flotte auf dem Meeresgrund befand, wurde man in Finnland vorstellig. Der Abgesandte Mangan hatte zwar keine Ahnung, was für einen Fisch ("grösser als der Teller") er vorgesetzt bekam, "aber mit genügend Salz, so seine Überzeugung, bekam man selbst ein Stück Holz hinunter." Die Bücher, die mich dauernd zum Lachen bringen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist Glück gehört eindeutig dazu.

Am Beginn der Freundschaft von Christy (der nicht nur des Stroms, sondern auch einer alten Liebe wegen nach Faha gekommen ist) und dem siebzehnjährigen Noel (der dem Priesterseminar entflohen ist) steht ein Besäufnis mit einem anschliessenden Kater, der literarisch gleichsam veredelt wird. "Wenn man nach einer solchen Nacht erwacht, reagiert man mit einem Rezept universeller Gültigkeit. Es besteht aus einem Teil Scham, zwei Teilen Selbsttadel, drei Teilen Fassungslosigkeit, und der Rest ist blosses Staunen. Mein Mund fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgeschlagen, meine Augen sassen auf Stielen. Nie zuvor hatte ich mich so wenig mich selbst gefühlt, was allerdings auch nicht eines gewissen Reizes entbehrte."

Das ist Glück wirft auch einen Blick zurück, nicht nur auf eine Zeit ohne Strom, sondern auch auf die Jugend, die einem im Nachhinein eigenartig, oft auch ziemlich blöd und gelegentlich rührend vorkommt. "Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat."

Dass das Wesen des Menschen unergründlich ist, wissen zwar alle zum Denken Befähigte, doch selten wurde das so witzig beschrieben wie in diesem Roman. Man nehme etwa das Haar der Frauen. "Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten." Warum es so schwierig ist, sich als die oder der anzunehmen, als die oder der man zur Welt gekommen. lässt sich letztlich wohl nicht beantworten. Auch darin zeigt sich das Unergründliche des Menschen.

Das ist Glück ist ein wahrer Glücksfall. Sehr lustig, sehr clever sowie reich an vielfältig lehrreichen Einsichten, wie etwa der, dass jeder echte Realist über Genauigkeit und Strenge verfügt, oder dass jemand, der mit einer Religion aufgewachsen ist, sich davon niemals wirklich lösen kann, oder... Nein, Halt, Stopp! Selber lesen, es lohnt, garantiert.

Niall Williams
Das ist Glück
Roman
Ullstein, Berlin 2025