Sunday, 8 November 2026

Zwischen Australien und Antarktis

Shearwater ist eine kleine Insel zwischen Australien und Antarktis, auf der eine Forschungsstation betrieben wird. Da der Meeresspiegel steigt, soll sie bald aufgegeben werden. Nur noch der Verwalter, Dominic Salt, und seine drei Kinder sind vor Ort, als eine Frau an den Strand gespült wird. Wie sich die Kinder der Frau namens Rowan annehmen (sie stellen keine Fragen; tun, was getan werden muss, um ihr Überleben zu ermöglichen), wird ungemein berührend geschildert.

Rowan ist eine Schiffbrüchige; sie wisse selbst nicht, was sie hier wolle, sagt sie. Dominic hält sie für eine Lügnerin. Sie erkundet die Insel und es zeigt sich, dass sie sehr genau weiss, wo sie an den Strand gespült wurde. Wie Charlotte McConaghy die Insel schildert, besticht durch die einfache, genaue Sprache, die einen veritablen Sog entwickelt und einen regelrecht in die Geschichte hineinzieht. Man wähnt sich mit vor Ort in dieser von Wind und Wasser bedrängten Gegend, den Naturgewalten ausgeliefert.

Dominics Misstrauen gegenüber Rowan hat einen guten Grund. Kurz nachdem der Funk auf der Insel ausgefallen war, tauchte sie in einem Boot auf. Nach und nach erfahren wir auch, dass sie die Frau von Hank, dem Teamleiter auf Shearwater, ist, der sie hatte wissen lassen, dass er Hilfe brauche. Hank habe zusammen mit den anderen Forschern die Insel verlassen, sagt Dominic, doch Rowan entdeckt Hinweise, die das unwahrscheinlich erscheinen lassen. Wurde Hank ermordet?

Rowan will weg von der Insel, was Dominic nur recht ist, denn ihre Ankunft löst ganz Unterschiedliches aus, mit dem schwierig umzugehen ist. Besonders der Jüngste von Dominics Kindern, der neunjährige Orly, sehnt sich nach seiner vor neun Jahren verstorbenen Mutter und so hängt er sich an Rowan.

Dominic: "Ich will sie hier nicht haben, ich traue ihr nicht, aber ich muss mich trotzdem um sie kümmern." Das ist so in etwa das Leitmotif dieses Romans. Nicht, was man will bzw. möchte, muss unser Leben leiten, sondern das, was unsere Situation erfordert. Es ist überaus eindrücklich, wie Charlotte McConaghy diesen Gedanken ausführt

Wir leben in Zeiten des Klimawandels. Davon haben wir zumeist eine bestenfalls recht abstrakte Vorstellung. Die Rettung schafft es hervorragend, diesen Wandel mit von Worten ausgelösten Bildern zu konkretisieren. "Unterwegs fällt mir auf, wie sehr der Strand sich mit dem steigenden Meeresspiegel verändert hat  – die See hat sich grosse Bissen Land geholt. Zahlreiche Felsen sind fort, weggespült vom Sturm. Die Küste sieht völlig anders aus als bei unserer Ankunft vor acht Jahren."

Berührend ist vor allem, wie einfühlsam die sich entwickelnden zwischenmenschlichen Beziehungen geschildert werden (alle sind ausgesprochen selbst-reflektiv), genauso wie die realistische Darstellung der Tiere. "Einer (der Königspinguine) watschelt mir direkt vor die Füsse und sieht mich an, als wollte er fragen, was ich hier will  – oder einfach hallo sagen. Ich erwidere den Blick, will wortlos mit ihm kommunizieren, ihn wissenlassen, wie schön ich ihn finde, aber er verliert das Interesse und wackelt davon."

Die Rettung ist ein hochkarätiger Klima-Triller, spannend (inklusive einem dramatischen Finale) und erhellend, der den Klimawandel nachvollziehbar bzw. spürbar zu machen. "Sie hat schon viele tote Robben gesehen und empfindet dabei jedes Mal aufs Neue Trauer – und spürt, wie egal der Natur Dinge wie Fairness und Würde sind. Sie spürt, dass die Welt kein Mitleid mit Tieren hat. Sie sieht ja, wie sie einander zerfleischen, sich gegenseitig auffressen. Irgendwie hat sie immer geglaubt, für Menschen gelte das nicht. Jetzt weiss sie, dass das ein Irrtum war." 

Fazit: Packend und lehrreich; ein aussergewöhnlicher Roman!

Charlotte McConaghy
Die Rettung
Roman
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2026

Wednesday, 4 November 2026

Südkoreanisches

 Als ich mich an der Rezeption "meines" Hotels in Pohang erkundige, wie ich am besten nach Gyeongju käme, sagt man mir: Mit dem Bus, das Terminal sei nicht weit und bequem mit dem Taxi zu erreichen. Ich könne mit ihm fahren, sagt der Hotel Manager, der dazukommt. Er müsse nach Busan. Gerne, sage ich.

Als wir uns am nächsten Tag auf den Weg machen und irgendwann einmal aus der Stadt raus sind, dämmert mir, dass der Mann mich nicht zum Bus Terminal, sondern nach Gyeongju fährt! Und zwar bis vors Hotel. Das nennt man Service!

Es war eine überaus aufschlussreiche Fahrt. Südkorea aus der Perspektive eines bequemen Autositzes ist etwas ganz anderes (viel Grün) als aus dem Zugfenster |(vor allem Steinwüsten). Er stamme aus ärmlichen Verhältnissen, erfahre ich. Sein Vater habe Landwirtschaft betrieben (Apfel und Ginseng), sei mit 92 gestorben, die Mutter könne auch mit 93 noch für sich selber sorgen. Er ist Vater von zwei Buben. Früher habe man auf dem Land viele Kinder gehabt, heute nicht mehr. 70 Prozent der Fläches des Landes seien Berge, also unbewohnbar, lerne ich. Das ist ja wie in der Schweiz, denkt es so in mir. Auch sind beide Länder überaus innovativ bzw. verfügen über viele kreative Leute. Kreativität entsteht aus Notwendigkeit.

57 ist er, mich schätzt er auf 65. Und mich wundert, dass ich mich mit meinen 72 darüber freue. Genauer: Ich finde es komisch, dass ich mein Alter nicht fassen kann, emotional nicht zu verstehen imstande scheine, dass ich Richtung Ziellinie unterwegs bin.

Die junge Rezeptionistin in Gyeongju reist offenbar so wie ich: Ohne Plan. Sie habe ihren Eltern gesagt, sie habe keine Lust aufs Studium, wolle lieber reisen. Ihre Eltern unterstützten sie, und so ging sie für ein halbes Jahr nach Kanada und Amerika. Nichts habe sie über diese beiden Länder gewusst, nicht einmal, dass der kanadische Dollar sich vom amerikanischen unterscheide. Wunderbar, sage ich, diese Erziehung in Selbstständigkeit. Genau, strahlt sie.

Nach ihrer Rückkehr hat sie ihr Studium (IT) abgeschlossen; neben dem Hotel-Job hat sie sich eine Yacht zugelegt, die sie vermietet. Was ihr Vater mache? Er sei selbstständig, was ich mit: Offenbar liege ihr das auch, kommentiere. Sie sieht es auch so.

Frühmorgens sind die Gehsteige mehrer Strassen in Gyeongju voll mit Marktleuten. Gemüse, Fleisch, Fisch, aber auch Textilien werden feilgeboten von zumeist uralten Frauen. Jemandem etwas verkaufen zu müssen, wäre für mich Stress pur, ein echter Albtraum.

Wir leben in Zeiten, in denen alles zum Verkauf steht. Es ist nur eine Frage des Preises. Wenn nicht nur alles käuflich ist, sondern das auch noch als normal gilt, hat der homo sapiens (als Ideal) abgedankt und dem homo oeconomicus (als ausschliesslich an seinem pekuniären Vorteil Interessierter) Platz gemacht.

Gyeongju ist eine Touristenstadt, mit ganz anderen vibes als Pohang. Hier erschöpft mich das Herumspazien schon bald, erlebe ich mich auch als eigenartig lustlos. Diese so gänzlich absurde Welt, wo alle gezwungen werden, dem Geld nachzurennen.

Die englischen Fernsehprogramme in den Hotels beschränken sich auf CNN. BBC und Bloomberg. Vom G7-Gipfel in Evian lassen sie den amerikanischen Präsidenten zu Wort kommen, der ganz offensichtlich (weider einmal) von nichts eine Ahnung hat. Die Polit-Medien anscheinend auch nicht, sonst würden sie kaum versuchen, irgendetwas Bedeutsames in vollkommen nochtssagende Aussagen hineinzulesen.

Kurz habe ich auf CNN einer Talk-Runde zugeschaut. Das Zuhören kann man sich sparen, weil vorauszusehen ist, wer was sagt, da alle auf ihren entsprechenden Parteilinien unterwegs sind. Das Niveau ist unterirdisch und peinlich. Ich bin zutiefst fassungslos, das die Polit-Medien (und die Politik) mich jemals haben interessieren können

Andong sei eher etwas heruntergekommen, hatte ich eine australische Touristin im Ohr, was definitiv für meine Unterkunft zutraf, die ich blöderweise für 4 Nächte gebucht und, wie hierzulande üblich, im Voraus bezahlt hatte.

Als ich im Bad den uralten Wasserhahn zum Händewaschen aufdrehte, ging die Dusche an und spritzte mich nass. Offenbar musste man da einen Hebel umlegen, was mir natürlich nicht erklärt worden war, der Mann am Empfang sprach ausschließlich Koreanisch.

Ansonsten gefiel mir, was ich in der Stadt antraf. Ein Restaurant mit Kimchi Dumplings ums Eck; eine Filiale von Mega Coffee quasi gegenüber; die Verkäuferin im GS25 Convenience Store, die mir einen schönen, kleinen Münzbeutel schenkte, als sie sah, dass ich meine Münzen lose in der Hosentasche spazierenführte; der Schüler, der mich zum Supermarkt geleitete, wo ich eine Seife kaufen wollte.

In Andong steht auch die längste hölzerne Fussgängerbrücke Südkoreas, lese ich, sie sei zu Fuss in etwa 45 bis 50 Minuten zu erreichen – was allerdings so ziemlich gar nicht stimmt. Als ich nach gut drei Stunden (ich hatte irgendwann entnervt aufgegeben, nicht zuletzt, weil mir unterwegs auch klar wurde, dass es da von Touristen wimmeln würde) wieder im Hotel eintraf, hatte ich recht schittere Teile einer Stadt gesehen, die es auf der ganzen Welt zuhauf gibt, sobald man einmal die meist schillernden Zentren hinter sich gelassen hat.

Mir ist das Zimmer zu dunkel, das tut meiner Seele gar nicht gut. Und so lasse ich die vierte gebuchte Nacht sausen (Rückerstattung ist in Asien nicht vorgesehen), und reserviere mir für Sonntag ein Zimmer in einem brandneuen Hotel in Bahnhofsnähe. 

Die Wettervorhersage prognostizierte einen wolkenfreien Himmel für den ganzen Tag, ab Mittag wars damit vorbei. Windig und grau in grau; immer wieder verblüffend wie ein Wetterumschwung auf die Stimmung drückt.

Wo man auch hinschaut, die Koreanet (vor allem Frauen) sind am Karten spielen. 

Reisen bedeutet auch, jedenfalls für mich, hin und her gerissen sein, zwischen dem, was man angeblich gesehen haben muss, und sich diesen gesellschaftlichen Imperativen (die ja durchaus ihren Reiz haben) zu verweigern, was schwieriger ist. Ich setze mich in eine der vielen Grünanlagen und lese in Einsteins Auzeichnungen Out of My Later Years, in denen ich gleich zu Beginn (Self-Portrait) auf einen Satz stosse, mit dem ich mich bestens identifizieren kann: For the most part I do the thing which my own nature drives me to.

Aufgenommen am 9. Juni 2026, von Mister Casey, der Telmo
(den ich aus Santa Cruz do Sul kenne und in Busan treffe)  
und mich zu den Touristen-Hotspots von Ost-Busan chauffierte 
und mir auch sagte, wie ich mich zu positionieren habe.


Sunday, 1 November 2026

Eve Arnold & Marilyn Monroe

 
Dieser Roman erzählt die Geschichte der Magnum-Fotografin Eve Arnold und der Schauspielerin Marilyn Monroe. "Unfassbar, aber unter den Hunderten von Fotografen, die Marilyn abgelichtet hatten, war nur eine einzige Frau gewesen. Eves Fotos von Marilyn sehen anders aus als alle anderen, sie sind leicht zu identifizieren, wenn man sie neben den Bildern anderer Fotografen sieht." Umso schwerer zu begreifen, dass in diesem Roman kein einziges dieser Fotos abgebildet wird!

Mein Interesse an diesem Werk liegt in der Fotografie begründet. Und so bleibt mir nichts anderes, als Eve Arnolds Fotos von Marilyn zu googeln: Diese Fotos sind in der Tat anders als die ihrer männlichen Kollegen. Eve Arnold hat ein gutes, ein sehr spezielles Auge. Und viel Sinn für Ästhetik. Im Gegensatz etwa zu Cartier-Bresson, dem es gefiel, die Leute zu überrumpeln, bedient sie sich keiner Tricks. Sie weiss, dass es darum geht, präsent zu sein.

"Würden Sie also sagen, dass sie die Menschen benutzen?", wird sie anlässlich einer Veranstaltung zu ihrem Lebenswerk gefragt. Worauf sie antwortet: "Vielleicht benutzen die Leute mich." Allerdings kann man auch zusammenarbeiten. Und genau das ist es, was Marilyn Monroe Eve Arnold vorgeschlagen hatte.

Der Anfang gestaltet sich für Eve eher schwierig, was weniger mit Marilyn als mit ihr selber zu tun hat. Was den beiden gemeinsam ist: "Beide sind Aussenseiterinnen, beide werden unterschätzt, und beide hungern nach Anerkennung." Wer sich derart von der Meinung anderer abhängig macht, scheint es an einem intakten Selbstwertgefühl zu mangeln.

Keinesfalls wolle sie ein weiblicher Fotograf genannt werden, so Eve zu Marilyn. "Wie soll ich Sie dann nennen?" "Eine Fotografin, Punkt." "Okay, eine Fotografin, Punkt."  Das ist elegant gelöst, heisst die Fotografin (oder der Fotograf) im Englischen doch genderneutral (da der Akzent auf der Tätigkeit und nicht auf dem Geschlecht der Person liegt) the photographer. Kompliment an die Übersetzerin Maria Poets,

Geschrieben ist Unsere leuchtenden Jahre aus der Perspektive von Eve Arnold, die noch neu bei Magnum ist und sich durchsetzen muss. "Wie merkwürdig musste es sein, so verehrt und zugleich so verachtet zu werden." "Wie musste es wohl sein, sich in dieser Welt zurechtzufinden, ohne einen anderen Kompass als die eigene Verzweiflung?" Solche (und viele andere) Überlegungen schreibt die Autorin Lynn Cullen Eve Arnold zu. Ob diese wirklich so gedacht hat, kann sie natürlich nicht wissen. Mit anderen Worten: Dieses Buch ist Fiktion, gut recherchierte, mit der Tendenz zu Klischees.."Da waren Capas Aufnahmen vom Omaha Beach und The Fallen Soldier; Chims Pablo Picasso in Front of Guernica; Henri Cartier-Bressons Seville, Spain, das spielende Kinder 1933 in den Ruinen ausgebombter Gebäude zeigt. Alle Fotografen hatten ihre Welt, ihre Zeit in einem Bild festgehalten ...". Die Vorstellung, die Zeit liesse sich in einem Bild festhalten, ist absurd; sie hat mit der Realität rein gar nichts zu tun.

Andererseits: Von einem Roman (oder von Fotos) ein wirklichkeitsgetreues Abbild eines Geschehens zu erwarten, ist eine Wunschvorstellung. So ist etwa die durchaus plausible Behauptung, hauptsächlich basierend auf der Einschätzung eines Fernsehinterviews, der Fotograf Milton Greene habe mit Marilyn eine Affäre gehabt, mit Internet-Recherchen nicht zu belegen, eher das Gegenteil. 

Was Lynn Cullen mit ihrem Roman leistet, ist eine empathievolle, differenzierte Darstellung zweier berühmter Frauen und ihrer Verbindung miteinander. Dass da auch viel Projektion mit dabei ist, lässt sich nicht vermeiden. Wichtiger (und letztlich entscheidend) ist jedoch, ob sie es schafft, uns Eve Arnold und Marilyn Monroe in einem neuen, ungewohnten Licht zu zeigen. Und das tut sie in der Tat!

Doch nicht nur zu Marilyn muss Eve ein Verhältnis finden, auch zu ihren Arbeitgebern, worunter auch der Chefredakteur von Esquire gehörte. "Du darfst deine Bilder niemals den Leuten zeigen, die du fotografiert hast. Was, wenn es ihnen nicht gefällt? Oder ihnen gefällt eines, das du nicht magst? Du darfst ihnen nie das Ruder überlassen. Das ist der grösste Anfängerfehler, den du machen kannst." Doch Eve lässt sich nicht einschüchtern von diesem überheblichen Besserwisser und beharrt darauf, dass alle ihre Fotos veröffentlicht werden. "Und so kam es, dass ich meine erste Reportage veröffentlichte, in der die Fotos und der Text komplett von mir stammten."

Das Tolle an diesem Roman ist, dass man ganz viele Informationen darüber erhält, wie Eve Arnolds Fotos entstanden sind. Das geschieht äusserst selten und ist umso hilfreicher. Wer nichts oder nur wenig über die Entstehungsgeschichte von Fotos weiss, wird Dokumentarfotos kaum verstehen können, denn es geht nicht um den decisive moment (Cartier-Bresson), sondern darum, zu erkennen, dass ein Moment immer einem bzw. ganz vielen anderen Momenten folgt und von einem bzw. ganz vielen anderen anderen Momenten gefolgt wird. "Meine Aufgabe war es, den Moment festzuhalten. Der Betrachter sah darin, was er oder sie sehen wollte." Das ist zu kurz gedacht, da es die Wichtigkeit der Informationen zum Bild ausser Acht lässt. Was Eve Arnold nicht tut, im Gegenteil. (siehe auch den letzten Satz des vorangegangen Abschnitts).

Unsere leuchtenden Jahre dokumentiert auch die damalige Zeit. So wird uns etwa in Erinnerung gerufen, dass nicht nur der derzeitige amerikanische Präsident viele Menschen repräsentiert, die von dumpfen Gefühlen und wenig Verstand dirigiert werden, sondern, dass in den Vereinigten Staaten schon oft Primitivlinge sehr mächtig waren. Man denke an Senator Joe McCarthys Komitee für unamerikanische Umtriebe; Eve Arnold wehrte sich gegen ihn. McCarthys Handlanger war übrigens Roy Cohn, der wohl den weitaus grössten Einfluss auf den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten.ausübte. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Vereinigten Staaten schon immer so waren, wie sie heute sind. Nur wollte man das nie wahrhaben.

Was man auch oft nicht zu sehen bereit ist, und wir dank Lynn Cullen  in diesem Roman vorgeführt kriegen: Die Reaktionen vieler Männer auf Marilyn Monroe waren oft von einer unglaublichen Primitivität. Und so sehr ich die Aufklärungen, insbesonders über die Arbeit der unterschiedlichen Fotografen schätze, die Glorifizierung von Robert Capa fand ich unangebracht, nicht zuletzt angesichts seines überaus stupiden, viel zitierten Satzes:„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“

Eve Arnold versteht sich als Dokumentarfotografin, was meint, dass ihre Fotos vom realen Leben und weniger von unserer Vorstellung, unserer Fantasie, unserem Bedürfnis nach Schönheit inspiriert sind. In den Worten von Marilyn: "Eve ist Dokumentarfotografin (...) Wie eine Kriegsfotografin, aber für Menschen."

Lynn Cullen ist mit Unsere leuchtenden Jahre eine überzeugende Darstellung zweier Frauen gelungen, von denen jede auf ihre jeweils eigene Art sich durchzusetzen wusste, gegen vielfältige Herabsetzungen, Niedertracht, Neid und Missgunst. Beide macht sie uns als komplexe und komplizierte Menschen erfahrbar. Gleichzeitig dokumentiert sie eine wenig erfreuliche Zeit, die wir fälschlicherweise überwunden glaubten, und verschafft uns vielfältige Einblicke in das Denken von Eve Arnold sowie der Magnum-Fotografen.

Lynn Cullen
Unsere leuchtenden Jahre
Fischer, Frankfurt am Main 2026

Wednesday, 28 October 2026

The Rolling Stones. On Tour

In meiner Jugend lautete die Frage: Beatles oder Stones: Ich tendierte zu den Beatles, weil mir so ziemlich alle ihrer Songs gefielen (auch heute fällt mir auf Anhieb keiner ein, den ich nicht mag). Andererseits gab es von den Stones Nummern, die ich, einmal gehört, nicht mehr aus meinem Kopf kriegte. Von Paint it Black über Ruby Tuesday zu Honky Tonk Woman zu Angie zu .... es ist ziemlich endlos. Zudem: Jugendliche suchen Identifikationsfiguren und das waren Mick Jagger und Keith Richards für mich nicht, am ehesten noch Brian Jones oder Mick Taylor.

Dass ich diesen eindrücklichen Band mit gemischten Gefühlen angehe, hat also nicht mit der Musik zu tun, sondern hauptsächlich damit, dass ich die beiden Stones-Frontmänner, Jagger und Richards, als Paradebeispiele für würdeloses Altern wahrnehme. Zudem habe ich vor vielen Jahren gelesen, Mick Jagger sei ein extrem berechnender Buchhalter-Typ. Seither nehme ich ihn oft nur als krakelenden Business-Typen wahr. Ich bin also recht gespannt, wie die Bilder in diesem Band auf mich wirken werden, die die Live-Shows von 1963-2024 bzw. Ausschnitte daraus zeigen.

Mich sprechen vor allem die aus den Siebzigerjahren an, einer Zeit der Hoffnung auf eine andere, besserere, menschlicherere Welt. Bei denen aus jüngerer Zeit, hatte ich gelegentlich den Eindruck, da hätten sich ein paar Penner auif die Bühne verirrt. Nein, nicht nur, natürlich nicht, denn sie sind auch eine Manifestation des Begehrens, jung bleiben zu wollen. Und, verglichen mit vielen, sind sie definitiv jung geblieben..

Nicht nur Schnappschüsse sind zu sehen, sondern auch für die Kameras inszenierte Bilder. Überhaupt weiss man nicht immer so recht, ob das, was authentisch wirkt, auch wirklich authentisch ist, auch natürlich, weil so eine Tour ein Riesending ist und allerbestens geplant werden muss, inklusive einer sehr, sehr professionellen PR. Und selbstverständlich gilt, was bei Personenfotos immer gilt: Die Kamera verändert, wie sich Menschen zeigen. 

Zu grossen Teilen handelt es sich bei diesem Band um ein Eitelkeits-Projekt. Gleichzeitig ist es aber eben auch ein überaus faszinierendes Zeitdokument, so eine Art musikalische Kulturgeschichte, denn man sieht nicht nur die immer gleichen Akteure bei ihrem Auftritt oder hinter der Bühne, sondern auch die variantenreichen Tour-Plakate, die grafische Meisterleistungen sind. Und Sticker, Eintrittsbillette etc.

Spezielle Aufmerksamkeit für einen Schweizer weckte das Plakat für die Show im Hallenstadion Zürich am 14, April 1967, "bei der die obligatorischen Rauchbomben gezündet und Stühle zertrümmert wurden", wegen des Vorprogramms: The Sevens, Les Sauterelles, The Times, Heiner Hepp mit Walti Anselmo Set, The Dogs. Mir selber sind nur die Sauterelles und Heiner (Hardy) Hepp sowie Walti Anselmo ein Begriff. Und da dachte ich doch, ich würde mich auskennen ...

Informativ und lesenswert ist die Einführung von Paul Sexton, einem in London ansässigen Journalisten, Rundfunkmoderator und Autor, der  "unzählige Male aus der Nähe über die Band " berichtete und verdienstvollerweise auch Bill Wyman und Charlie Watts (und nicht nur, wie meist üblich, Mick Jagger und Keith Richards) zu Worte kommen lässt. Sexton zeichnet die Geschichte der Band, von den wenig glamourösen Anfängern zum perfekt geölten Industrieunternehmen nach, als Fan, nicht als kritischer Begleiter. Er weist allerdings auch darauf hin,  dass wie alle Showstars, die Stones ausgesprochen fleissig sind und sehr, sehr hart arbeiten.

Besonders angesprochen haben mich weniger die Aufnahmen auf der Bühne, die alle zu schreien scheinen: Schaut mal her! Schaut mich an! Bin ich nicht toll?, sondern die Bilder, die in unbeobachteten Momenten entstanden sind. Etwa Charlie Watts bei einem Nickerchen über den Wolken oder Mick Jagger während einer Konzertpause schlafend auf einem Sofa. Muss eigenartig sein, ein Leben im Scheinwerferlicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ständig unter Beobachtung zu stehen, der geistigen und seelischen Gesundheit besonders förderlich ist.

Es ist eine gigantische Maschinerie, die das Phänomen Rolling Stones möglich macht. Bereits die Steel Wheels/Urban Jungle Tour von 1989/1990 mit 115 Auftritten erbrachte Bruttoeinnahmen von 175 Millionen Dollar. 

The Rolling Stones. On Tour ist vielfältig aufklärend, reich an Anekdoten und illustriert eindrücklich, dass die 80Jährigen von heute mit dem 80Jährigen von einst so ziemlich gar keine Gemeinsamkeiten haben.

"Im Jahrzehnt ab 2010 herrschte stillschweigende Einigkeit darüber, dass die Rolling Stones den Medien den Schneid abgekauft hatte. Die Scherze über da  s Gesamtalter oder die Bankkonten waren der Einsicht gewichen, dass die Band ein wohl einzigartiges Unterhaltungsphänomen darstellt." In meinen  Augen klingt das zwar wie ein PR-Text, doch dass die Rolling Stones ein einzigartiges Unterhaltungsphänomen sind, daran besteht kein Zweifel, auch wenn es ein professionell durchgetaktetes Phänomen ist. Nur eben: Das ist ein Kulturphänomen. Was einst als aufmüpfig, ja revolutionär daherkam, wird heute konsumiert.

The Rolling Stones. On Tour
Die legendären Live-Shows 1963 - 2024
Paul Sexton
Prestel, München, London, New York 2026

Sunday, 25 October 2026

Wie ein Fluss in der Nacht

Bereits auf den ersten Seiten wird klar, was das irische Dorf Ardnakelty ausmacht: starre Regeln, an die sich alle zu halten haben. "Sollte er keine Brüder haben, dann wäre sein Plan, Elektriker zu werden, schlimmer als ein Outing als Atheist oder Bisexueller. Sogar einem erzkonservativen Vater wäre klar, dass ein bisexueller, atheistischer Hofnachfolger den Grundbesitz der Familie bewahren würde. Und nur das zählt."

Lena wollte einst weg aus diesen beengten Verhältnissen, doch dann heiratet sie Sean. Und bereut nicht, geblieben zu sein. Seit sechs Jahren ist Sean tot, und Lena mit Cal, der aus Amerika stammt, zusammen. Nicht verheiratet, aber verlobt, wie sie einmal scherzhaft gesagt haben. Seither wartete das Dorf darauf, dass sie endlich heiraten.

Lena hält sich raus aus dem Dorfleben, will nichts zu tun haben mit den dörflichen Verpflichtungen. Und natürlich muss sie dafür bezahlen. "Sie weiss, man hält sie für kalt oder gestört oder hochnäsig, weil sie auf Abstand gegangen ist, aber was soll's. Was sie noch nicht wusste und was ihr missfällt, ist die Tatsache, dass man sie aufgrund ihrer abweisenden Art als armes, bemitleidenswertes Opfer einstuft." Überzeugender lässt sich das Dorfleben, weltweit, kaum schildern

Dann wird Rachel Holohan tot aus dem Fluss geborgen. Die junge Frau stand kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn des lokalen Grossgrundbesitzers, einem knallharten, opportunistischen Kotzbrocken sondergleichen. Suizid, nimmt man im Dorf stillschweigend an, dass es auch Mord sein könnte, wird anfänglich nicht einmal in Betracht gezogen. Schliesslich kennt man sich, und das würde ganz und gar nicht zum Dorf passen.

Es ist die Dorfatmosphäre, die Tana French auf unnachahmliche Art zu schildern weiss. Als Cal, ein Ex-Cop, der bei der Suche nach der jungen Frau mit dabei war, anschliessend ins Pub geht, trifft er auf die übliche Stimmung, "von ernsten Mienen keine Spur. (...) an der Bar streiten drei Männer, über die Vorzüge unterschiedlicher Schafrassen, eine Diskussion, die sicher schon seit Cals Ankunft (im Dorf) geführt wird, ohne dass jemand seine Meinung auch nur einen Deut geändert hätte", was die Leute eigenartigerweise nicht am Diskutieren hindert.

Wie ein Fluss in der Nacht ist auch eine Einführung in irische Umgangsformen. Offen spricht niemand, man ergeht sich in Andeutungen und Anspielungen. "Es hat Cal Monate gekostet, um zu begreifen, dass jemand, der eine Tasse ablehnt, eigentlich gerne eine trinken würde." Doch unter der dünnen Schicht des zivililisierten Umgangs miteinander lauert Neid und Missgunst, Hass und  Aggression.

In unseren Zeiten der Infantilisierung, in denen Erwachsene ihre Gefühle glorifizieren, auch natürlich, weil das keine Anstrengung braucht, ist Wie ein Fluss in der Nacht eine überaus wohltuende Lektüre, nicht zuletzt, weil da mit Lena und Cal ein reifes Paar vorgeführt wird, das zu schätzen weiss, was es aneinander hat. Dazu kommt, dass dieser Roman vielfältige und überaus nützliche Beispiele des gesunden Menschenverstands liefert. "Wenn du meine Meinung hören wollst", sagt Lena. "ich bezweifle, dass Menschen durch eine Trennung in den Tod getrieben werden. Vielleicht, wenn ihr Leben insgesamt beschissen wäre. Oder wenn sie nicht richtig ticken würden. Eine Trennung wäre vielleicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, aber kein triftiger Grund."

Man könnte diesen Roman auch genauso gut als Kriminalroman bezeichnen, einen aussergewöhnlichen, notabene, bei dem alle auftretenden Figuren als komplexe Charaktere in Erscheinung treten, was einer klaren Haltung nicht im Wege stehen muss. "Donie ist wie ein simpler Apparat mit wenigen Tasten: Von wem kann er profitieren, wen muss er fürchten?" Wer dächte da nicht automatisch an den anderen Donie, den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten?

Trey, Cals Ziehtochter, glaubt nicht an einen Selbstmord. Als ihre Mutter eingeschüchtert werden soll, setzen sich Trey und ihre Clique zur Wehr. Auch Cal steht ihnen bei, Und dann zeigt sich, dass der Quasi-Dorfpatron dahintersteckt, der wieder einmal glaubt, Regeln und Gesetze gälten nicht für ihn. So recht eigentlich zeichnet Tana French ein veritables Psychogramm von Ardnakelty (und damit dem Dorfleben  allüberall), wo alle glauben alles über alle zu wissen und Klatsch und Gerüchte häufig bestimmender sind als die Realität.

Was Wie ein Fluss in der Nacht von anderen Kriminalromanen abhebt, ist einerseits die detaillierte Schilderung der Überlegungen und der Gefühlswelt der auftretenden Individuen, wodurch unter anderem deutlich wird, dass auch widerliche Zeitgenossen über Gedanken und Gefühle verfügen, und andererseits überzeugend vorführt, dass die mit viel Geld die mit wenig Geld verachten, und die so Verachteten vor dem Geld kuschen. Selten wurde das plastischer dargestellt.

Tana French ist eine begabte Menschenkennerin ("Eugene scheint aufrichtig empört zu sein, was aber nicht heisst, dass er die Wahrheit sagt. Es ist typisch für ihn, sich über alles aufzuregen, was nicht nach seiner Nase läuft."), die die Widersprüchlichkeiten, die uns allen eigen sind, nicht wegschreibt, sondern stehen lässt. Zudem findet man auch zahlreiche Tipps, um mit schwierigen Situationen klarzukommen. "Sie wanderte stundenlang bis in ihrem Kopf komplette Leere herrschte und der Gedanke, die Welt stünde still, verflogen war." 

Dieses Buch ist auch ein Dokument der Zivilcourage, das aufzeigt, dass man auch auf seine ureigene Art in einem Dorf leben kann. Denn es geht nicht um Anpassung an die herrschenden, oft alleine von Geld und Gier dominierten Sitten und Gebräuche, sondern um den zivilisierten Umgang miteinander, beruhend auf einer von Anstand geprägten, klaren Haltung, inklusive Widerstand. Wie ein Fluss in der Nacht plädiert dafür, sich gegen empathielose Tyrannen zu wehren, indem man sich nicht einschüchtern lässt, sondern laut wird.

Fazit: Packend, smart, aufklärend! Ein ungemein bereicherndes Leseerlebnis!; gehört definitiv zu meinen 2026 Highlights.

Tana French
Wie ein Fluss in der Nacht
Fischer, Frankfurt am Main 2026

Wednesday, 21 October 2026

Frühe Fotografien von George Harrison


Im Vorwort zu diesem eindrucksvollen Zeitdokument, schreibt Olivia Harrison: "Ich bewunderte, wie er sich der Hast verweigerte." Das beschreibt auf recht einzigartige Weise auch das Wesen der Fotografie, allerdings nicht die Pressefotografie, und auch nicht  die Sportfotografie oder die Paparazzis. Fotografie als Meditation.

Überaus treffend fasst Colm Tóibín in seiner Einleitung zusammen, wovon dieser Band handelt: "Diese Bilder zeigen die Beatles in der Zeit ihres aufkeimenden Ruhms. Weitwinkelaufnahmen wechseln sich mit intimen Porträts ab; dichte Publikumsszenen weichen endlosen australischen Landstrassen, amerikanischen Cabriolets mit offenem Verdeck und einladenden Swimmingpools. Wenn Ringo eine Zeitung liest, dann weil mit ziemlicher Sicherheit ein Artikel über ihn und seine Freunde drin steht. Alles strahlt Neuheit und Frische aus. Wenn posiert wird, dann legt John Lennon eine ausgelassene Miene an den Tag. Paul McCartney wird beim Rasieren fotografiert: ein paar Mal wirkt er in sich gekehrt und nachdenklich. Ringo Starr zeigt seine Zähne. Die vier Liverpooler Jungs sind plötzlich zu vier Cowboys geworden. George, mit seinem breitkrempigen Hut, hat allen Grund, stolz auf sich zu sein, Ihm gebührt der Preis für den umwerfendsten Typ unter den vier."

Eine Zeitreise bzw. Ausschnitte einer Zeit, die vom Aufbruch gekennzeichnet war. Etwas gänzlich Neues begann sich Bahn zu brechen, so glaubte man jedenfalls. Heute weiss man, dass damals vieles aufgebrochen ist, die alte Ordnung nach und nach einer neuen weichen musste, die letztendlich jedoch genauso von Geld und Eitelkeit dominiert wird, wie das schon immer war. Und angesichts der menschlichen Natur wohl auch so bleiben wird.

"Alle Welt nutzte die Beatlemania als Vorwand, um durchzudrehen – und schob die Schuld auf uns. Aber wir sassen einfach nur im Auto oder im Hotelzimmer und konnten wirklich nicht viel tun – wir konnten nicht einmal nach drausen gehen." Es sind solche Aussagen, die mir diesen Band vor allem wertvoll machen. Und die Bilder? Nahm ich eher als supporting act wahr.
"Ob mit oder ohne Kamera – George wollte das Leben in seiner ganzen Fülle erfassen.", so Olivia Harrison. Doch war er ein talentierter Fotograf? Schliesst man von den Fotos in diesem band (nicht alle stammen von ihm, auf nicht wenigen ist er selber zu sehen), wurden fotografischen Kriterien (Ausschnitt, Licht und Schatten, Hintergrund etc.) wenig Bedeutung geschenkt, der Enthusiasmus, die Fülle der Szenen und Sujets, der Hunger nach dem Festhalten des Augenblicks ist definitiv ausgeprägter. Und was würde sich dazu besser eignen als Schnappschüsse?

Dieser schön gestaltete Band ist überaus reich an Anekdoten. Um den Fans zu entgehen, verbrachten die Beatler auch einige Tage auf der Pigman Ranch in Missouri. Das war 1964. Um die Ranch zu erreichen, mussten sie in ein kleines Flugzeug steigen, das von Reed Pigman, Ihrem Gastgeber, persönlich geflogen wurde, was George mit einer Nahtoderfahrung verglich. Reed kam ein paar Jahre darauf beim Absturz eines Flugzeugs, das er selber pilotierte, ums Leben, zusammen mit 83 von insgesamt 96 Passagieren. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten und während Jahren die Behörden über seinen fragilen Gesundheitszustand getäuscht.
"Ich habe jetzt dieses Fischaugenobjektiv –  durch das sieht alles total verrückt aus!" Die Kamera lässt George die Welt neu entdecken, seine Begeisterung ist spürbar.. Er ist kein Fotoprofi, er ist ein Amateur –  und sieht deswegen die Welt unverfälschter, nicht durch eine vorgefertigte Brille.

Und dann entdeckt er Indien. "Indien ist einfach unglaublich. Man geht die Strasse entlang und sieht einen Bus, ein Taxi, ein Fahrrad, ein Huhn, eine Kuh, jemandem im Anzug mit Aktentasche, einen ergrauten Sannyasin in einer safranfarbenen Robe – alles durcheinander: Schichten von Geräuschen und Farben, reizüberflutend. Ich hatte das Gefühl, in die Vergangenheit zurückgereist zu sein."

George Saunders weist in seinem Nachwort auch auf eine weitere Entdeckung George Harrisons hin: Die Meditation, über die er damals seiner Mutter schrieb: "Es ist so einfach, dass es jeder tun kann –  man fügt es einfach seinem Leben hinzu und muss auf nichts verzichten, denn es ist der Vorgang diesen Zustand zu erreichen und dann wieder herauszukommen, der ihn (den reinen Zustand des SEINS) in den Geist einfliessen lässt." George Saunders hat sich davon inspirieren lassen und meditiert heute selber.
Beim Betrachten dieser frühen Fotos hat man unwillkürlich den Eindruck: Das sind ja ganz normale junge Männer, die vier Beatles. Liest man dann aber die Texte, wird einem bewusst, dass sie ein derart unnormales Leben führten (führen mussten), dass man sich gelegentlich fragt, ob das ihnen auch gut getan hat. In London zu leben ging nicht, da die Haustüre belagert wurde, und sie nur auf die Strasse treten konnten, nachdem die Poilzei ihnen den Weg freigemacht hatte. Sicher, sie hatten auch Privilegien. So rasten sie etwas auf den Bahamas mit kleinen Sportwagen durch die Gegend, ohne von der Polizei behelligt zu werden, "da die gesamte örtliche Polizei im Film mistpielte." (Help! hiess der Film). Doch wer will bloss ein Leben unter Polizeischutz führen?

Es finden sich in diesem Band  200 Fotografien, die die Beatles auf ihren Tourneen und in ihrer Freizeit zeigen. Olivia Harrsion weist dabei auch auf oft Übersehenes hin. "Wie weit wir den Verschluss einer Kamera öffnen, ähnelt unseren ureigenen Entscheidungen, Licht in unser Leben zu lassen. Wir können weder Bilder in der Dunkelheit aufnehmen noch in ihr leben." Damit erinnert sie uns implizit auch an René Magrittes Ceci n'est pas une pipe, womit er unterstrich, dass das Bild einer Pfeife keine Pfeife sei. Anders gesagt: Fotos sind Fotos, sie sind nicht die Wirklichkeit. Und doch scheinen sie genau diese zu sein. ...

George Harrison
The Third Eye
Frühe Fotografien
Prestel, München, London, New York 2026

Sunday, 18 October 2026

Einer wie Heusser

Zahlreiche Männer und Frauen, die die sechzig erreicht haben, drängt es offenbar, einen Lebensbericht zu hinterlassen. Wer nicht berühmt ist und einen Verlag sucht, ist gut beraten, einen Text so konventionell wie möglich, also mit Anfang, Mittelteil und Ende, zu verfassen, denn Verlagsleute sind wie alle anderen auch: Sie wollen das Gewohnte. Bruno Winzaps Einer wie Heusser fällt eindeutig in diese Kategorie, wobei mich sein Schreibstil sowohl sachlich als auch eigernartig aus der Zeit gefallen dünkte. Ein seriöser Schreiber, der sich viel Mühe gibt, die Dinge und Ereignisse akkurat wiederzugeben (etwa die Zürcher Jugendunruhen), so wirkt er auf mich, wobei ihm allerdings entgeht, dass er sich immer mal wieder wiederholt bzw. zusammenfasst, was er bereits andernorts ausführlich geschildert hat.

"Über die Jahre hatte sich viel angesammelt. Nun kam es zur Sprache. Das Gespräch bewegte sich hin und her: heitere Anekdoten aus der Zeit an der Universität, traurige Erinnerungen rund um die Drogentoten von Zürich in den Achtzigerjahren, Bedeutsames. Nebensächliches – und dazwischen Momente, die Peter unvermittelt berührten; Bob Marleys Konzert, ein Jahr bevor dieser starb." 

Erfreulicherweise ist dieser Roman weit detallierter und konkreter, als die gerade zitierte Passage, die nichtssagender kaum sein könnte, andererseits jedoch den zeitlichen Hintergrund umreisst, als Peter Wallner, aus einem Bündner Bergdorf stammend, in Basel und in Zürich landet, Tiermedizin studiert, und schlussendlich im Unterland eine eigene Veterinärpaxis eröffnet. Beziehungs- und Familiengeschichten kommen dazu. Auf mich wirkt nicht nur das Geschilderte, sondern auch die Sprache sehr schweizerisch, was meint: Ohne Chichi, rechtschaffen, ernst, solide. Leichtigkeit kommt nicht auf, doch ab und zu scheint Humor durch. Etwa, als er in Catania das  Vier-Stern-Hotel beschreibt, von dem gerade der dritte Stern abfällt.

Keine Frage, Einer wie Heusser ist autobiografisch, zumindest zu grossen Teilen. Nicht eins zu eins, natürlich, doch dass dem Autor sein eigenes Leben Pate zu diesem Roman gestanden hat, ist mehr als offensichtlich. Im Gegensatz zu Menschen, die Literatur studiert haben, und der Auffassung sind, Literatur und Leben in einen Topf zu werfen, sei zu kurz gegriffen (wieso hätten sie sonst so lange studieren sollen?), bin ich der Meinung, wir Menschen kennen nur uns selber, und können nur darüber schreiben, was wir kennen bzw. aus uns heraus will. Alles andere ist prätentiös, Wichtigtuerei.

Unser Leben sei nichts anderes, als die Geschichten, die wir uns selber darüber erzählen, habe ich einmal gelesen. Mit anderen Worten: Autobiografien, wie alle Romane, sind primär Fiktion. Und auch Einer wie Heusser ist natürlich Fiktion, gibt auch gar nichts anderes vor. So gibt es etwa kein Bündner Dorf mit Namen Furlan, wo der Protagonist Peter geboren wurde. Anzunehmen ist jedoch, dass die Schilderungen aus dem Stall so vorgefallen sind, die Beziehungsgeschichten wohl so etwa ähnlich abgelaufen sind, also vom realen Leben informiert sind, was ich schätze.

Der Titel, Einer wie Heusser, geht auf den Tierarzt Heusser in den Bündner Bergen zurück. So einer will Peter Wallner auch werden. Erfreulicherweise wird jedoch nicht einfach das Lob des Tierarztdaseins gesungen (dafür ist der Autor zu reflektiert): ".... dass für diese Tiere öffentliche Gelder flossen, während der Bauer draussen mit dem Traktor über die Felder fuhr und sich niemand um die Tiere kümmerte."

Das für mich Aufschlussreichste an diesem Buch war, dass da einer, so in etwa der selben Generation zugehörig (der Autor ist 1960 geboren und somit sieben Jahre jünger), eine Geschichte aus der Zeit erzählt, in der auch ich gross geworden bin und diese Zeit ganz offensichtlich ganz, ganz anders erlebt hat. Gemeinsamkeiten gibt es natürlich (Rock und Pop), doch vor allem ist mir aufgefallen, was für eine ganz andere Sprache wir sprechen. Als Peter und Charlotte einander fremd werden, beschreibt Bruno Winzap das so: ".... verspürte sie plötzlich, wie zwischen ihr und Peter ein unsichtbarer Vorhang gefallen war, ein Schleier, der Distanz, der Trennung vielleicht (...) Ein sachtes Auseinandertreiben ohne Streit und Ungewitter." Für mich läuft das unter abgehoben, schöngeistig, mir fremd und unzugänglich.

Peter kritzelt auch immer wieder Gedanken in sein Notizbuch. "Wer versteht, der nicht Jurist, die Sprache der Juristen? Welchen Dialekt spricht die Gerechtigkeit?" Zu Frage 1: Na ja, das ist bei jeder sogenannten Fachdisziplin so, von der Medizin zur Linguistik. Zu Frage 2: Eine philosophische  oder doch eher eine nonsense Frage?

Die Verlagswerbung charakterisiert Peter als "Philosophen unter den Tierärzten". Er ist definitiv einer, der sich Fragen stellt, viele Fragen stellt, allerdings meist von sehr allgemeiner Art. Konkret wird es diesbezüglich nur selten. "Es siegt, wer verliert", hatte er bei Marc Aurel gelesen. "Ein schwieriger Gedanke, gestand er sich ein, militärisch kaum nachzuvollziehen und zwischenmenschlich wohl nur im verklärenden Rückblick zu verstehen." Man könnte Marc Aurel allerdings auch ganz anders interpretieren: Wer siegt, wird in seinem Denken bestätigt und sich nicht ändern, er bleibt stehen; wer verliert, ist hingegen gezwungen, sein Denken auszuweiten, was klar ein Gewinn ist.

Nichtsdestotrotz, dieser Entwicklungsroman bringt einen das damalige Landleben wie auch den Alltag eines Tierarztes ("Tierarzt sein heisst Jazzer sein.") näher, eine Welt, die wohl von vielen nie so richtig wahrgenommen wurde. In diesem Sinne ist Einer wie Heusser auch eine willkommene Horizonterweiterung.

Zu den für mich stärksten Szenen  gehört die Schilderung des Sterbens von Peters Onkel Cornelius, einem Bankdirektor, in Basel. "'Was bleibt, ist Erinnerung. Der Rest ist Entsorgung', hatte er gesagt. Und hinzugefügt: 'Für immer.' Im Testament stand jedoch alles anders. Wie Cornelius fühlte, nicht wie er sprach." Schön, und überzeugend, wie Autor Bruno Winzap hier des Menschen Widersprüchlichkeiten zum Ausdruck bringt.

Bruno Winzap
Einer wie Heusser
Edition Bücherlese, Luzern 2026

Wednesday, 14 October 2026

Hermann Hesse oder der Aufbruch ins Leben

Der Titel, Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben, ist genial, denn dieser Aufbruch ins Leben, ist genau das, was Hermann Hesse dem jungen Hilmar Klute ermöglichte. Der früheste Türöffner war Hesses Bibliothek der Weltliteratur, mit deren Lektüre ich ähnliche Gefühle verbinde wie Autor Klute. "Er will uns die Welt nicht erklären, er will uns die Welt zeigen am eigenen Beispiel,"

Wenn Hilmar Klute, Jahrgang 1967, heutzutage in alten Hesse-Ausgaben liest, fühlt er manches von dem, was ihn als jungen Leser ergriffen hat. Das liegt einerseits an "der Empathie und dem Lebensernst", die Hesses Haltung und seine Bücher ausmachen, dann aber auch am Eigensinn, den er so eindrücklich pries. "Der Mensch, der einmal den Mut zu sich selber gefühlt und die Stimme seines eigenen Schicksals gehört hat, dem ist an Politik nicht das mindeste mehr gelegen, sie sei nun monarchisch oder demokratisch, revolutionär oder konservativ!  Ihn kümmert anderes!" Besser geht schlicht nicht!

Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben ist keine der üblichen Hesse-Biografien (unter der zitierten Literatur figuriert Hesses Werk prominent, die Sekundärliteratur nur spärlich), sondern ein erfeulich persönliches Buch über Hilmar Klutes Hesse. Über Peter Camenzind notiert er unter anderem. "Und dann geht der Kampf los; die grossen Mühen, nicht stehen zu bleiben, nicht im Gegebenen zu verharren, treiben den Roman voran." Aufbruch also, jedoch kein Vorwärtsstürmen. "Aufbruch ist bei Hermann Hesse auch immer wieder Rückzug und Abkehr von der Welt."

So recht eigentlich macht Hilmar Kulte in diesem Werk genau das, was auch Hesse gemacht hat. Er führt uns ein in seine Hesse-Welt, am eigenen Beispiel. Wir erfahren also, was die Hesse-Lektüre bei ihm auslöst. Und da er in einem sogenannt bildungsfernen Haushalt grossgeworden ist, ist auch seine Prägung ein andere als die des mit Büchern aufgewachsenen Hesse. "Das arme, herbe Leben mag er selbst auch ein bisschen erfahren haben, aber es war mehr oder weniger frei gewählt und hatte den Beiklang von Folklore. Seine Askese war nicht dem Mangel geschuldet, sondern dem Überdruss...".

Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben ist auch eine Einführung in Hesses Werk, wobei sich Hilmar Klute auch mit der Kritik an Hesse auseinandersetzt, dem etwa vorgeworfen wurde, er sei kitschig. Er vermutet, "dass diejenigen, die bei Hesse Kitsch vermuten, eine gewisse Scheu vor dem Wagemut dieses Schriftstellers haben. Denn es gehört eine grosse Portion Kühnheit dazu, Gefühle und Begierden, Depressionen und Zweifel dergestalt in Worte zu fassen, dass diese Worte zu Instrumenten der Ertüchtigung werden." Oder aber einen ausgeprägten Sendungsdrang.

Auch die Germanistik hat offenbar Mühe mit Hesse. "Ein Schriftsteller, dessen Romane, Gedichte und Essays nicht nur die Geheimnisse der Kunst in unablässigen Reflexionen spiegeln, sondern den Lesern zurufen, aus ihrem Lesen, ihrer Liebe zu Wörtern und Gedanken auch einen Nutzen für ihr eigenes Leben zu ziehen, womöglich Trost und Aufmunterung zu gewinnen – so einer muss den konventionellen Interpreten verdächtig bleiben." Genau das ist es auch, was Hesse meines Erachtens vor allem bei jugendlichen Sinnsuchern so prominent macht, da es hier nicht um die abgehobene, alltagsferne Literatur geht, die allzu oft um sich selbst kreist, sondern um Orientierungshilfe in einer rätselhaften Welt..

Thomas Carlyle wird der Satz zugeschrieben: The best effect of any book is that it excites the reader to self activity. Ein Satz, der für mich auch auf Hesses Bücher zutrifft. Auch damit, so stelle ich mir vor, wird die Germanistik wohl wenig anfangen können. Und ich nicht mit der Germanistik, und generell mit all den Analysen, Betrachtungen und Interpretationen, die für das reale Leben meist folgenlos bleiben, auch wenn nicht wenige (zu meinem nicht gelinden Erstaunen) damit ihr Leben zu bestreiten vermögen.

In Hilmar Klutes Jugendzimmer hing eine Foto von Hermann Hesse an der Tapete. "Ich wollte den Schriftsteller, der mich zum Lesen und zum Nachdenken über mich und die Welt gebracht hatte, jeden Tag vor mir haben." Auch seine Stimmer wollte er hören, besorgte sich eine Schallplatte, auf der man zwei Texte zu hören bekam. Der junge Hilmar war enttäuscht, die Stimme schien ihm "so greisenhaft und so getragen", und er fragte sich, "ob Hesse auch im Gespräch mit Freunden in derart pastoralem Ton geredet hat." Das Pastorale, so scheint mir, ist Hesse schon auch eigen. Und irritiert mich auch immer mal wieder.

Neben Eugène Ionesco ist Hermann Hesse so ziemlich der Einzige, dessen Einsichten für mich seit meiner Jugend Gültigkeit haben. "Meine Freunde und Feinde wissen und tadeln es längst: Ich habe an vielen Dingen keine Freude und glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube nicht an die Idee des Fortschritts, ja nicht einmal an die Demokratie, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten 'Führer', während ich vor dem, was man so 'Natur' nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe."

Zu den wohl besten Gründen, heute zu Hesse zu greifen, gehört Hilmar Klutes kluge Einschätzung: "Ich lese Hesses Texte heute mehr denn je als Gegengift auch zu den Aufregungen unserer Zeit. Sie sind Appelle an die Vernunft, Einladungen, der Besonnenheit den Vorzug vor der Hysterie zu geben.." Nichts, was uns Heutigen notwendiger wäre.

Fazit: Ein Juwel, ungemein einsichtsvoll, überaus hilfreich, von praktischer Relevanz.

PS: Die Aussage, es gebe Fotos von Hesse beim "Nacktklettern am Walensee bei St. Gallen", gehört dahingehend korrigiert, dass der Walensee keineswegs bei St. Gallen, sondern im Kanton St. Gallen liegt. Leute wie ich, die in der Nähe wohnen, wissen das.

Hilmar Klute
Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben
C.H. Beck, München 2026

Sunday, 11 October 2026

Die Fotografin Eva Kemlein

Die Erinnerungen an das "Familienmitglied" Eva Kemlein von Jenny Erpenbeck, die diesen Band einleiten, sind ungemein sympathisch, auch natürlich, da Eva Kemleins Einsichten Jenny Erpenbecks Leben mitgeprägt haben. Im Gegensatz dazu stehen die üblichen  "Bedeutungszuschreibungen", die Bücher über Fotografie prägen. So glauben die Autorinnen selbst im Hundenamen Ouzo ("Alle meine Hunde hatten Schnapsnamen", so die Fotografin) darüber Hinausweisendes zu erkennen: "Der Name erinnert an eine längst vergangene Zeit." Vielleicht doch eher einfach an das griechische Nationalgetränk. Obwohl: Die Autorinnen weisen eingangs auch auf Wesentliches hin. Etwa, dass Eva Kemlein sich nicht als Künstlerin sah ("zu viel Technik dazwischen"). Und sie heben ihre Haltung hervor: "So wie's ist, bleibt's nicht. Und das ist das Interessante!" Es gehört zum Wesen der Fotografie, dass das, was sie zeigt, so nicht mehr existiert.

Der Fotografie, und nicht etwa dem fotografischen Handwerk, eignet etwas Magisches. So gelingt es ihr auch immer wieder, unseren Sehnsüchten Ausdruck zu verleihen. Und so verstehe ich auch den Titel "Sie verlieh dem Augenblick Dauer", denn so recht eigentlich sind ja auch Fotografinnen der Natur unterworfen und haben so ziemlich gar keinen Einfluss auf die Zeit und deren Ablauf.

Wie jede Biografie, so ist auch Sie verlieh dem Augenblick Dauer wesentlich Fiktion, schliesslich ist schon das, was wir erinnern, eine recht willkürliche Auswahl dessen, was vorgefallen ist. Erinnert sei auch an das russische Sprichwort: Er lügt wie ein Augenzeuge. Die Autorinnen tragen dem durchaus Rechnung, deklarieren als Vermutungen, was sie als solche wahrnehmen.

Mit ihrem Mann, Herbert Kemlein, wandert Eva, geborene Graupe, 1933 nach Griechenland aus, wo er als Journalist Reiseberichte verfasste, die sie nach und nach auch bebilderte. Auf Betreiben von Herberts Mutter (die NSDAP hatte von dieser Mischehe erfahren), lassen sich die beiden scheiden, wollten aber vorerst weiter zusammenleben. Das ist alles ansprechend und nachvollziehbar geschrieben, doch will ich hier nicht das Leben von Eva Kemlein nacherzählen. Vielmehr interessieren mich Ihre Tätigkiet als Fotografin sowie ihre Fotografien, von denen sich allerdings nur wenige und im Kleinstformat abgebildet finden.

Anfang des 19ten Jahrhunderts spielte besonders die Porträtfotografie eine Rolle. Vor allem in Wien, aber auch in Berlin hatten sich zahlreiche jüdische Frauen einen Namen gemacht. "Im Juni 1942 musste Eva Kemlein ihre fotografische Ateliereinrichtung abgeben: eine Reisekamera, ein Holzstativ. Leuchten, mehrere Dunkelkammerlampen und diverses fotografisches Zubehör. Die kleine Leica, die ihr der Vater 1930 geschenkt hatte, behielt sie jedoch."

Sie wird zur Zwangsarbeit aufgeboten, taucht später, zusammen mit Werner Stein, unter. Ihre Mutter wird verschleppt; viele, denen die Deportation drohte, brachten sich um; und auch vor Juden mussten sich die Juden, drohender Denunziationen wegen, in Acht nehmen. Erica Fischer und Simone Ludwig-Winters informieren eingehend und aufklärend über die damalige Zeit. Allerdings bin ich, als gleichsam ahistorisch angelegter Mann (für mich ist Geschichte weitestgehend Fiktion) gänzlich ungeeignet, ein Werk, in dem vor allem die Geschichte im Vordergrund steht, zu würdigen.

Da es für mein Dafürhalten nichts Blöderes gibt, als ein Rezensent, der den Autorinnen vorwirft, nicht das Buch geschrieben zu haben, das er sich erwartete (die Fotografie, obwohl der Buchtitel etwas anderes suggeriert, kommt in diesem Buch nur am Rande vor), werde ich das selbstverständlich unterlassen.

Nach dem Krieg "entstanden Tausende Fotos von unnachahmlicher Eindringlichkeit, die illustrieren, wie die Überlebenden und Davongekommenen ihr Leben bewältigten und so etwas wie Hoffnung aufkeimte: Ein Mann und eine Frau beim Einsammeln von Stahlhelmen, die auf einem grossen Haufen im Hinterhof eines Hauses lagern und aus denen findige Berliner Kochgeschirr herstellten. Frauen und Männer in Gummistiefeln trocknen die Tümpel und Kanäle im Berliner Tiergarten aus, um Epidemien vorzubeugen. Zwei Jugendliche, ganz amerikanisch mit Brillantine im Haar gestylt, am Schwarzmarkt an der Friedrichstrasse, einer bietet dem anderen, der scheu in die Kamera lächelt, eine Lucky Strike an (S. 133) ... und und und ...". So verdienstvoll es ist, diese Aufnahmen detailliert zu beschreiben, dass kaum eine davon gezeigt wird, ist mir unverständlich. Habe ich da was überlesen?

"Ihre Herangehensweise an die Menschen, die sie fotografierte, war stets von Respekt getragen, man sieht es ihren Fotos an: 'Wenn die Menschen spürten, dass keine Schaulust dahintersteckte, wenn sie das Engagement bemerkten, dass eine Art Hilfe über das Foto angeboten wurde, waren sie immer bereit, sich fotografieren zu lassen.'" Ich kann das zwar gut nachvollziehen, doch dass man Fotos ansehen kann, dass sie von Respekt getragen seien, ist Unsinn. Fotos, diese zweidimensionalen Verkürzungen einer dreidimensionalen Realität, die weder klingen noch riechen, können das schlicht nicht. 

Und noch dies: Dass eine Auseinandersetzung mit Eva Kemleins Fotografien nicht stattfindet, ist schon fast typisch, denn die meisten Fotobücher bzw. Biografien von Fotografierenden erzählen Geschichten ums Bild herum oder interpretieren Dargestelltes – und sagen so recht eigentlich vor allem etwas über die Interpretierenden selber aus, und nicht darüber, was die Bilder zeigen.

Erica Fischer
Simone Ludwig-Winters
Sie verlieh dem Augenblick Dauer
Die Fotografin Eva Kemlein
Berlin Verlag, München 2026

Wednesday, 7 October 2026

Die Welt aus der Kinderperspektive

Die Erzählerin dieser Geschichte, Joséphine ("Es heisst, ich würde die Dinge zu schnell verstehen. Ich sehe nicht, wo das Problem liegt, aber anscheinend ist es eins.") besucht zusammen mit fünf Klassenkameraden eine Förderschule ("Eine Förderschule ist eine Schule, wo die Kinder hingehen, die nicht auf die anderen Schulen gehen."), als an einem nicht ganz normalen Montag Feuerwehrautos vor der Schule stehen. Es habe eine Überschwemmung gegeben, wird den Schülern mitgeteilt. Ihre Lehrerin, die bezaubernde Mademoiselle Jennings, ist untröstlich. Der Direktor versucht, sie auf andere Gedanken zu bringen. "Statt sie auf andere Gedanken zu bringen, hätte er lieber mal die Leitung in Ordnung bringen sollen, die unsere geliebte Schule unter Wasser gesetzt hatte."

Es ist die Sprache, der Rhythmus, der Ton (ces't le ton qui fait la musique), die mir dieses Werk sympathisch machen. Das ist bemerkenswert, handelt es sich doch um eine Übertragung aus dem Französischen. Dafür verantwortlich zeichnet Isabelle Toppe.

Da die Ausführungen des Feuerwehrchefs, jemand hätte vergessen, die Wasserhähne zuzudrehen, die Kinder nicht überzeugen, beschliessen sie, selber herauszufinden, wer die Schule unter Wasser gesetzt hat. Und sie finden es auch tatsächlich heraus, mit Hilfe einer Krimiaffinen Grossmutter und eines aus dem Krankenhaus entflohenen Polizisten

Kindermund hat Gold im Mund, heisst es bekanntlich. Und Joël Dicker führt dies an zahlreichen Beispielen vor, witzig und clever. Ob man im Auto Schimpfwörter sagen dürfe? Nein, belehrt der Polizist die Kinder. "Wir haben gezittert, weil all unsere Eltern im Auto Schimpfwörter sagen. Und Thomas hat erzählt: 'Mein Vater sagt eine Menge Schimpfwörter, wenn er fährt. Maman meint, dass er wahnsinnig wird, sobald er das Lenkrad anfasst.'"

Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo ist eine überaus amüsante Geschichte über die Erwachsenenwelt aus der Kinderperspektive, die unter anderem auf die eigenartige Verkehrsregel aufmerksam macht, dergemäss die Fussgänger angehalten sind, sich vor dem Überqueren der Strasse zu vergewissern, ob die Bahn frei sei. Und nicht etwas die Autofahrer.

"Dürfen Blinde eine Fahrbahn überqueren?", habe ich den Fahrer gefragt.

"Äh, ja ..."
"Und dürfen Blinde Auto fahren?"
"Nein."
"Na bitte! Um die Strasse zu überqueren, muss man nicht sehen können, aber beim Fahren muss man sehr wohl schauen."

Die Schilderung der Welt aus Kindersicht zeigt, dass Erwachsene auf Kinderfragen selten überzeugende Antworten haben. Auch wird anschaulich vorgeführt, wie Hypothesen der Vorstellungswelt der Erwachsenen entspringen, und kaum einmal mit der Faktenlage übereinstimmen.

Fazit: Unterhaltsam und lehrreich.

Joël Dicker
Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo
Piper, München 2026

Sunday, 4 October 2026

Bellegarde sur Valserine & Valence

 Von Annemasse kommend ist mein erster Stopp Bellegarde-sur-Valserine, das an der Strecke nach Lyon liegt, ich bislang nur aus dem Zugfenster kenne und noch nie attraktiv gefunden habe. Warum ich hier einen Zwischenstopp mache, ist mir selber nicht so klar, doch hatte ich keine Lust einen ganzen Tag im Zug zu verbringen, und in etwa so lange dauert die Fahrt von Sargans nach Valence. Die Stadt enpuppt sich dann als weit grösser als ich gedacht hatte. Und auch ansprechender, als ich mir vorgestellt hatte.

Das Hotel liege etwas zweieinhalb Kilometer vom Bahnhof, also rund 30 Minuten Fussmarsch. Die Leute, die ich unterwegs nach dem Hotel frage, schütteln alle den Kopf: Viel zu weit. Doch ich habe Zeit und nichts anderes zu tun, und so laufe ich. Und verlaufe mich. Schlussendlich brauche ich eine gute Stunde, um hinzukommen, den letzten Abschnitt im Auto. Und das kam so: Ein junges Paar arabisches Herkunft (sie sass am Steuer und entschied, er sass neben ihr und führte ihre Anweisungen aus), das ich um Auskunft gefragt hatte, als es gerade von einem Parkplatz wegfahren wollte, sagte, ich solle einsteigen, sie würden mich hinbringen.

Er sei aus Algerien, sagte der Hotelangestellte (er war so um die dreissig), habe sich aber mit seiner Frau in Frankreich niedergelassen. Er habe immer sehr gemischte Gefühle, wenn er seine Verwandten in Algerien besuche. Er sei dann der mit den Euros. Überhaupt die heutige Welt. Derart materialistisch, dass wohl kaum ein Zurück möglich sei. auch gebe es bald keine Mittelklasse mehr, nur noch Reiche und Arme, nichts dazwischen. Als ich anmerke: Dass mit KI das Denken abgestellt wird, treibt die Dummheit noch weiter voran, nicht er nur.

Als ich mich am nächsten Tag wiederum zu Fuss zum Bahnhof aufmache und im ersten Abschnitt (den ich nicht in Erinnerung hatte, denn da war ich hinten im Auto gesessen) nach dem Weg fragte, erhielt ich so komplizierte Anweisungen, dass ich mich wiedereinmal fragte, was wohl in den Köpfen der Leute vor sich ging. Wer sich nicht klar ausdrücken kann, hat nicht klar gedacht, habe ich den Spezialisten für Haftpflichtrecht, Professor Karl Oftinger, im Kopf. Und genau so ist es auch. Schliesslich frage ich einen Mann, der sich als Maurer entpuppt, und in dieselbe Richtung geht. Sein Vater sei schon Maurer gewesen, Arbeit habe er immer genug, er arbeite selbstständig, sich unterzuordnen sei nicht so sein Ding. Es ist eine wahre Freude, in seiner Begleitung Richtung Stadtzentrum auszuschreiten und uns einfachen praktischen Fragen zu widmen.

Ich brauchte diesmal eine gute halbe Stunde bis zum Bahnhof, der Zug stand schon bereit. In Greg Iles, La Femme au portrait, las ich: "Stop! dit une voix dans ma tête. Celle de mon père. Oublie les questions! Qu'est-ce que tu devrais faire, maintenant?" In Chambéry erhielt ich Gesellschaft von zwei jungen Frauen aus Paraguay, die sich im Flieger kennengelernt hatten (die eine im Sekretariat einer Uni tätig, die andere im eigenen Geschäft) und jetzt zusammen reisten. Nach Avignon der Geschichte und Kultur wegen (die Päpste), dann nach Barcelona, Madrid, Brasilien und wieder nach Hause. Wohin in Brasilien? Guarulhos (so heisst der der grösste Flughafen von São Paulo).

Sie sprechen kein Französisch, wissen sich jedoch bestens zu orientieren. Was ich studiert habe? will die Geschäftsfrau wissen. Zuerst Jura, sage ich, als sie mich unterbricht. Das habe sie sich gedacht, lacht sie, mein ganzer Habitus, wie ich argumentiere ... Und ich staune wieder einmal, wie ich wahrgenommen werden kann ...

Wie viele Sprachen ich spreche? Sprechen sei übertrieben, verstehen treffe es besser, erwidere ich, da sich nicht wenige der Sprachen, die ich einst gelernt hatte, verselbstständigt hätten und sich in meinem Kopf zu etwas vermischten, das wohl eine Mischung aus Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch sei. Mein Spanisch habe einen italienischen Einschlag, sagt jetzt die Geschäftsfrau, was mich an Brasilien erinnert, wo nicht wenige mir einen spanischen Einschlag attestieren, wenn ich Portugiesisch zu sprechen vermeine.

Valence, am Morgen des  31. Juli 2026

Ich spaziere durch die Stadt, der Rhone entlang zum Hafen, sitze in Parks und Cafés, fotografiere, lese - das Übliche, und doch immer wieder anders. Es fühlt sich an wie Frankreich sich eben anfühlt. Leicht und schön. Wobei ich nicht die allüberall zur Schau gestellte Grandeur de la France meine, die ganz offensichtlich Respekt fordert.

In diesen Tagen ist es aussergewöhnlich heiss, bis 38 Grad, der Wind ist angenehm. Einmal landete ich in einer Vorortgegend, durch die ein Bach floss, dessen baumbestandenes Ufer sehr idyllisch wirkte. Momente emotionaler Trunkenheit, enorm berührend.

Abseits vom Zentrum, in den Seitenstrassen, wo alles gewöhnlich und deswegen speziell für mich ist, fühle ich mich präsent. Und erinnere mich an meine langen, meditativen Spaziergänge in japanischen und südkoreanischen Städten. Insbesondere Kyoto und Seoul gehen mir gerade durch den Kopf.

In einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu sein, bedeutet nicht, dass man auch geistig ist, wo man physisch ist. Woher die verschiedenen Filme herkommen, die in meinem Kopf ablaufen, als ich durch die Strassen von Valence spaziere, ist mir unerfindlich. Heute prominent war der Gedanke, dass mein Leben so recht eigentlich gekennzeichnet war von: Ich will nicht. Viele meiner beruflichen Tätigkeiten übte ich gerne aus, gab sie dann aber doch auf. Irgendetwas schien zu fehlen, lehnte sich auf. I´d rather not. Warum ist keine Frage, die mich heutzutage noch gross umtreibt.

Eine Fernsehdokumentation über Solschenizyn, dessen Archipel Gulag André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy bewog, sich vom Sozialismus/Kommunismus, mit dem sie (und viele andere sogenannt Fortschrittliche) bis dahin geflirtet hatten, radikal loszusagen.

Ich überquere einen Fussgängerstreifen, als mir ein Autofahrer etwas zuruft. Ich beachte ihn nicht. Kurz darauf, beim Überqueren eines anderen Fussgängerstreifens, ruft mir eine Automobilistin durch das offene Fenster etwas zu, von dem ich automatisch annehme, sie wolle sich orientieren. und so verwerfe ich die Hände, damit andeutend, ich wisse es nicht, würde mich nicht auskennen..Erst dann sinkt in mein Hirn ein, was sie gesagt hat: Votre sac à dos est ouvert. Und genau so war es. Schon verblüffend, wie unser Leben durch (oft falsche) Annahmen gesteuert wird.

Ein Satz von Charles Bukowski geht mir durch den Kopf: Die Leute würden sich übertrieben wichtig nehmen. Alle. Und für mich gedacht: Die Bedeutung, die wir allem und jedem verleihen, ist bodenlos dumm. Darin bestätigt fühle ich mich, als ich mir am Abend eine Fernsehsendung mit drei Intellektuellen anschaue, die sich zum Klima äussern, worüber alle drei Bücher verfasst haben. Der Mensch wisse zwar um die Gefahren, tue aber nichts, um sich davor zu schützen. Es gelte, ihn intelligent zu motivieren. Sie argumentierten eloquent, deckten damit allerdings mehr zu als dass sie erhellten. Das Argumentieren wichtig zu nehmen, bedeutet, sich vom Handeln abzuhalten. Wir wissen in der Regel, was wir wissen müssen, um anständig durchs Leben zu gehen (und so recht eigentlich ist alles andere unwichtig). Argumentieren, debattieren und diskutieren ist meistens nur eitel: Schau mal, was ich alles weiss. Ich weiss mehr als du. Und vor allem: Ich habe recht. Ganz so, als ob dies das Universum kümmern würde.

To act your way into a new way of thinking ist bei weitem die beste praktische Philosophie, die ich kenne.