Sunday, 10 May 2026
Oblomow auf Italienisch
Wednesday, 6 May 2026
Inszenierte Wahrheiten
Immer wieder kommt auch das Merkmal der Authentizität der Fotografie zur Sprache, welche das Medium, allen digitalen Einflussmöglichkeiten zum Trotz, nach wie vor aufweist, besonders dann, wenn Stil und Aufmachung der Bilder an die grosse Zeit der Reportagefotografie erinnern. Diese Fotografie dokumentiert, erscheint echt, bildet die Wirklichkeit so ab, wie sie ist. Oder genauer: Wie sie der Mensch hinter der Kamera im Sucher sieht. Wobei auch dies nicht einmal zutreffen muss: Viele der Panoramafotos, welche Michael von Graffenried etwa in Algerien gemacht hat, sind «blind shots», also unauffällig aus Hüfthöhe entstanden, ohne dass die Leute die Aufnahme bemerkt hätten.
Ist echt, was im Moment des Auslösens ist? Ist auch echt, was durchaus so hätte sein können? Selbst wenn man etwas nachhilft, sachte ermunternd Regie führt oder gar inszeniert? Viele packende Bilder sind keineswegs konkret aus dem Leben gegriffen, sondern arrangiert, etwa im Falle jenes Piloten, welcher am Strand von Rio eben vom Grounding seiner Swissair erfahren habe, wie die Legende dazu erläutert. Gewiss, ein starkes Bild, das sogar in der Kategorie «Aktualität» bei der Swiss Press Photo 2002 einen Preis erhielt. Zu Unrecht, wie Durrer nachweist, denn die Aufnahme war inszeniert. Die Legende stimmt so nicht und wird dadurch selbst zur «Legende», obwohl journalistisch die Botschaft an und für sich überzeugte.
A propos Legende: Viele Bildbände präsentieren die Fotos ohne Legende, manchmal fehlt sogar die Paginierung auf den Seiten. Im Falle von visuellen Gestaltungen, sogenannten «Impressionen», mag dies ja noch angehen, bei journalistischer Reportagefotografie indessen rügt Durrer dies als unmögliche Praxis. Er entlarvt das Argument, die Leserschaft möge sich ihr eigenes Bild vom Gezeigten machen, als Vorwand. Bilder dieser Art brauchen die zeitliche und räumliche Verortung, um sie im entsprechenden Kontext lesen und verstehen zu können – vorausgesetzt, das Publikum bringt auch entsprechendes Allgemeinwissen mit.
Hans Durrer ist ein ausgezeichneter Beobachter und Medienkritiker, der seine Befunde und Wertungen, seine persönlichen Eindrücke und Gefühle reflektierend transparent macht, etwa seine anfängliche Skepsis gegenüber Sebastião Salgado. Ähnliches habe ich selbst erlebt und zwar, als ich kürzlich einen Dokumentarfilm über Henri Cartier-Bresson gesehen habe. Seine Bilder beeindruckten mich stets, wie er sie machte eher weniger. «H C-B» selbst gab am Filmende beiläufig preis, dass er beim Portraitieren seine Leute immer wieder übertölpelte, indem er sagte, jetzt sei Schluss, um gleich danach noch ein paar Mal abzudrücken, im Film mit fiesem Grinsen und entsprechend zupackend-triumphierender Geste illustriert, wie eine Schlange, die blitzschnell zubeisst. Kein angenehmes Gefühl.
Das in der schlanken Rotis elegant gesetzte, handliche Buch mit 122 Seiten verzichtet auf die Reproduktion der Bilder, die besprochen werden. Hiefür mag es gute Gründe geben; viele prominente Autoren mussten ähnlich vorgehen, aus urheberrechtlichen und finanziellen Gründen. Dieses Fehlen der Bilder setzt indessen bei der Leserschaft profunde Kenntnisse voraus, um Durrers Argumentationen wirklich umfassend nachvollziehen zu können. Das klappt bei Allgemeingut gewordenen Bildern ganz gut, wie dem legendären Milizionär, von Robert Capa im Moment aufgenommen, als ihn eine Kugel traf, oder beim jungen Mann vor den Panzern auf dem Tianamen-Platz in Peking oder dem direkt auf den Fotografen zu rennenden kleinen nackten Mädchen im Vietnamkrieg. Schon schwieriger wird es für mich bei manchen anderen Aufnahmen, die ich den Überlegungen folgend nicht mehr so präzis abrufen kann, wie ich gerne hätte. Dennoch, die präzise formulierten, stets auch den Autoren reflektierenden Essays gehören zum Besten, was es über Fotografie und Medien aktuell zu Lesen gibt.
Übrigens, aussergewöhnlich an den Essays ist die Breite, Intensität und das persönliche Engagement des Autors, das stets präsent ist, namentlich dann, wenn Durrer auch seine Befindlichkeit als Publizist einfliessen lässt, der sich mit den Mechanismen, wie Bilder wirken, auseinander setzt. Wer so kenntnisreich argumentiert, schöpft aus einem Fundus, der weit über das fotografische und journalistische Metier hinaus geht. Hans Durrer, gelernter Jurist mit verschiedenen Nachdiplomabschlüssen, war unter anderem auch als IKRK-Delegierter im Einsatz, lebte und arbeitete auf allen Kontinenten. Als Publizist und «homme de lettres» vermittelt er heute zwischen Sprachen und Kulturen. Vom Metier des Journalismus scheint sich seine Hochachtung eher in Grenzen zu halten, etwa wenn er befindet: «Journalismus beruht auf Hörensagen» – um dies wenige Zeilen später zu relativieren. Doch in der Welt des Fernsehens und des Häppchen-Journalismus der Pendlerzeitungen, in der sich die Recherche primär auf das schnelle Nachschlagen im Internet beschränkt und höchst selten auf eigenes Erleben vor Ort zurückgreifen kann, entwickeln sich Mechanismen im Umgang mit Texten, Fotos und Filmen, die am Ende kaum mehr etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Wie und warum dies passiert, das be- und hinterleuchtet Hans Durrer in 23 prägnanten Essays – erhellend und empfehlenswert.
Henri Leuzinger
fotointern.ch; 4. Juni 2011
Sunday, 3 May 2026
Die kürzeste Geschichte Japans
Wednesday, 29 April 2026
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny
Sunday, 26 April 2026
Bildnis eines Unsichtbaren
Wednesday, 22 April 2026
Monika Maron: Tagebücher 1980 - 2021
Sunday, 19 April 2026
Am Abgrund
Vor vielen Jahren, als Student der Rechtswissenschaften (Wissenschaften? „Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden Makulatur“ – so der Jurist Julius von Kirchmann im Jahre1847), stürzte ich mich geradezu auf Gerichtsreportagen, auch wenn mir Gerhard Mauz vom Spiegel etwas arg verständnisvoll schien; heutzutage bin ich allem Rechtlichen gegenüber mehr als nur skeptisch (und sehe das Recht hauptsächlich als Geschäftsmodell), weshalb ich denn auch Am Abgrund mit gemischten Gefühlen angehe, dann aber bereits bei der ersten Reportage (das rechtsextreme Attentat am Münchner Oktoberfest 1980) erkenne, dass die Reportagen von Annette Ramelsberger bei mir etwas ganz Seltenes auslöst: Das ist real, das ist wirklich.
Der junge Mann, der seine Beine verliert; die Oktoberfestbesucher, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was ihr gewohntes Leben stört; die Politiker, die sich stets gegenseitig beschuldigen. Jeder lebt seine eigene Realität; allerdings ist es notwendig, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen – diese Reportagen eignen sich dazu besonders gut, da sie uns, so wir denn dazu bereits sind, eine Realität nachempfinden lassen, die wir nicht selber erlebt haben.
Die Unfähigkeit des Menschen, sich mit der Realität zu konfrontieren, durchzieht dieses Buch. Das ständige Abwiegeln der Erwachsenen (inklusive der Lehrer und Sozialarbeiter), wenn Jugendliche, sich an keine Regeln halten, ist nicht nur befremdlich, sondern vor allem gefährlich. Niemand fühlt sich zuständig, Zivilcourage können die meisten wohl nicht einmal buchstabieren.
Selten habe ich ein Buch derart als Augenöffner empfunden wie Am Abgrund, was auch daran liegt, dass dieses Werk eine Wirklichkeit wiedergibt, die meist ausgeblendet wird. "Fast die Hälfte aller rechtsradikal motivierten Straftaten in Deutschland wird in den neuen Ländern verübt, wo nur ein Fünftel der Bundesbürger lebt."
Annette Ramelsberger hat mit diesem Werk eine Geschichte der Bundesrepublik anhand einzelner Schicksale geschrieben – detailliert, empathisch, berührend – , die eine ganz grundsätzliche Orientierungslosigkeit, eine Verlorenheit und Hilflosigkeit wiedergeben, von der selten die Rede ist. Sie fasst in Worte, was wohl viele spüren, jedoch nicht artikulieren können: Ein Stimmungsbild, das wesentlich geprägt ist von einer verwirrenden Mischung aus Niederreissen, Draufhauen und Weitermachen.
Politiker werden mit Messern angegriffen, erhalten Bombendrohungen; eine vorbildlich integrierte Famile wird ausgewiesen. "Wie kalt der Rechtsstaat in diesem Fall entschied, wie sehr Paragrafen und Realität auseinanderklafften, beklagten nach Erscheinen dieser Reportage selbst Hardliner in der Union." Wer das System für sakrosankt erklärt, die eigene Systemtauglichkeit verinnerlicht, wird wohl kaum jemals verstehen. dass Ungerechtigkeiten die notwendige Folge jeder Systemgläubigkeit sind.
Als ich vom Martyrium des Schülers Marinus Schöberl in Potzlow, einem Dorf in der Uckermark, lese ("Ein Marytrium, das zu einem grausamen Mord führte, einem Mord, der die Republik aufschreckte, das Dorf, in dem er geschah, aber nicht.") und zur Kenntnis nehmen muss, dass die beiden Haupttäter, nach Verbüssung ihrer Haft, sich wieder der rechtsextremen Szene in Brandenburg anschlossen, geht mir Schopenhauer durch den Kopf, der beim Anblick der Galeerensklaven im Hafen von Toulon dermassen erschüttert war, dass er den Glauben an die Menschheit verlor.
Annette Ramelsberger schreibt von Rechtsextremen, von Islamisten, von Linksextremen, vom RAF- und vom NSU-Terror, von denen, die vor Gericht landen. So weit so gut, der Rechtsstaat nimmt sich doch ihrer an? Allerdings ist das nur gerade die Spitze des Eisbergs, denn allzu vieles verläuft nicht unter dem behördlichen Radar. Sagt mir meine Lebenserfahrung, die mir allerdings noch etwas ganz anderes sagt: Gefährlich ist vor allem das Nichtbeachten, Herunterspielen und Beiseitestehen, kurz: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen der breiten Bevölkerung. Möge diese Am Abgrund lesen! Der letzte Text in diesem Buch handelt vom Widerstand.
Wednesday, 15 April 2026
Patterns. Art of the Natural World
It is truly rare that I experience excitement and enthusiasm when reading the preface and introduction to a photo book. How come? I’m fascinated by how photographer Jon McCormack describes his approach: “I brought my camera because it had always been my way of paying closer attention. I had no particular theme or concept in mind. Instead, I gave myself a single constraint; I would focus only on this small rocky section of shoreline. I would return to the same place night after night, regardless of the weather, regardless of the light. No chasing golden hours or distant vistas — just this one quiet place, this slim patch of coast, and whatever it chose to offer.”
To just look and see — this is what this tome is all about. The more you look, the more you will get to see. What is needed is patience, to take one's time. Patterns is an invitation to contemplate things as they are; it is a welcoming antidote to our restless lifes.
Over time, Jon McCormack discovered patterns. “I found them in the folds of Archtic ice caves, in the harshness of East African salt pans, in the ripple marks left behind by a retreating California tide. I photographed snowdrifts and sandstone, heat-etched lava flows and frost-bitten moss, feathers and fossilized ferns — each a part of somer larger rhythm, some greater choreography.”
Although I do have a lot of sympathy for this view, I think Jon McCormack’s interpretation wishful thinking that tells me more about him than about the way things are. “Beneath the surface of what we see lies structure, repetitition, and intelligence — proof that the world is not just alive but speaking.” Differently put: I do not doubt the underlying structure, I doubt the speaking. Moreover, that he believes that the places revealed themselves, and that the details “waited patiently for my attention”, I consider pretty far-fetched — for they are there for anybody who decides to pay attention.
Many years ago, in Southern Thailand, in the coastal town of Prachuap Khiri Khan, I met a middle-aged Thai man who turned out to be teaching geography at Chulalongkorn University in Bangkok. During recent studies, he explained, he discovered evidence that indicated that the history of Thailand had to be re-written. Aerial photographs had shown that what had been thought of having been dirt roads had actually been rivers. It is about patterns, he elaborated, and patterns can only be seen from a distance.
Ever since this encounter, patterns rather often come to mind. I do however, as much as I can, refrain from interpreting them; to observe them is enough.
Jon McCormick however does interpret. “In time, I came to believe that these patterns are not incidental. They are not just beautiful accidents of aesthetic coincidences; they are the language of the Earth — clues to the invisible systems and forces that shape everything from a snail shell to a supernova.”
While this very well may be so, it remains a belief. And, like every belief, reveals more about the believer than about the things believed.
My view is different; I very much warm to Philip K. Dick’s definition of reality which he described as “that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.” Differently put: The desire for meaning that photographer and authors express again and again exists only in the human imagination.
“For a photographer, this gesture — the slowing down, the magnification of wonder — is at the heart of the craft. The camera, after all, is not merely a tool for documentation, it is an instrument of awareness.” Well, it can be both, of course.
The camera can serve as spiritual inspiration. This is how I experience it. And, this is what this tome impressively demonstrates. “The private recognition through the lens becomes a shared invitation: look closer, linger.” Wonderful!
There are also several, very short, well-written essays in this tome with such useful maxims as “Wonder increases as speed decreases” (David George Haskell), and “To truly see the planet is to recognize its fragility — and its resilience.” (Sylvia Earle).
The photographs in this tome are stunning, awe-inspiring — a revelation. Also, they make me aware of structures that I so far haven’t perceived as such; they make me discover connections that I haven’t registered as such; they make me once again marvel at the beauty of planet earth.

















