Sunday, 19 April 2026

Am Abgrund

Zu den wichtigsten Lehrsätzen einer Gerichtsreporterin. so lernte einst Annette Ramelsberger, gehört: "Du bist nicht wichtig. Das, was du siehst, hörst, erlebst – das ist wichtig. Beobachte die Menschen, denen du begegnest, und nicht deine eigenen Gefühle. Erzähle, was sich tust – und nicht, was du tust. Das hat auch etwas mit Respekt vor den Opfern zu tun. Sie haben Schreckliches erlebt, man selbst berichtet nur darüber."

So sinnvoll ich es finde, sich an dieser Haltung auszurichten, es ist natürlich komplizierter, denn die eigenen Gefühle gehören dazu. Wer sich über diese (und wie sie einen beeinflussen) nicht im Klaren ist, erzählt nur einen sehr eingeschränkten Teil der Geschichte. Annette Ramelsberger weiss das. "Oft fährt einem das Entsetzen in die Knochen, darüber, wozu die Spezies Mensch fähig ist. Aber man muss dann auch wieder einen Schritt vom Abgrund zurücktreten, um darüber berichten zu können. Gefühle sollten den Blick nicht trüben." 

Als ich lese, dass ein Islamist die Staatsanwältin mit "Halt den Mund, du bist eine Frau" anblaffte und die Richterin dazu schwieg, durchfuhr es mich zum ersten Mal kalt. Und als die Staatsanwaltschaft ein Wahlplakat neben einer Synagoge, auf dem zu lesen stand: "Wir hängen nicht nur Plakate." als nicht eindeutig genug befand, wurde mir überdeutlich bewusst. dass von der Justiz keine Gerechtigkeit zu erwarten ist, denn dieser geht es, wie allen Berufen, um sich selber, die eigene Bedeutung und darum, an den bestehenden Verhältnissen nicht zu rütteln. Von Juristen Veränderungen zu erwarten, verkennt das Wesen der Juristerei, die dazu da ist, Privilegien zu sichern und Stabilität zu gewährleisten.

Vor vielen Jahren, als Student der Rechtswissenschaften (Wissenschaften? Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden Makulatur“ – so der Jurist Julius von Kirchmann im Jahre1847), stürzte ich mich geradezu auf Gerichtsreportagen, auch wenn mir Gerhard Mauz vom Spiegel etwas arg verständnisvoll schien; heutzutage bin ich allem Rechtlichen gegenüber mehr als nur skeptisch (und sehe das Recht hauptsächlich als Geschäftsmodell), weshalb ich denn auch Am Abgrund mit gemischten Gefühlen angehe, dann aber bereits bei der ersten Reportage (das rechtsextreme Attentat am Münchner Oktoberfest 1980) erkenne, dass die Reportagen von Annette Ramelsberger bei mir etwas ganz Seltenes auslöst: Das ist real, das ist wirklich.

Der junge Mann, der seine Beine verliert; die Oktoberfestbesucher, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was ihr gewohntes Leben stört; die Politiker, die sich stets gegenseitig beschuldigen. Jeder lebt seine eigene Realität; allerdings ist es notwendig, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen – diese Reportagen eignen sich dazu besonders gut, da sie uns, so wir denn dazu bereits sind, eine Realität nachempfinden lassen, die wir nicht selber erlebt haben.

Die Unfähigkeit des Menschen, sich mit der Realität zu konfrontieren, durchzieht dieses Buch. Das ständige Abwiegeln der Erwachsenen (inklusive der Lehrer und Sozialarbeiter), wenn Jugendliche, sich an keine Regeln halten, ist nicht nur befremdlich, sondern vor allem gefährlich. Niemand fühlt sich zuständig, Zivilcourage können die meisten wohl nicht einmal buchstabieren.

Selten habe ich ein Buch derart als Augenöffner empfunden wie Am Abgrund, was auch daran liegt, dass dieses Werk eine Wirklichkeit wiedergibt, die meist ausgeblendet wird. "Fast die Hälfte aller rechtsradikal motivierten Straftaten in Deutschland wird in den neuen Ländern verübt, wo nur ein Fünftel der Bundesbürger lebt."

Annette Ramelsberger hat mit diesem Werk eine Geschichte der Bundesrepublik anhand einzelner Schicksale geschrieben – detailliert, empathisch, berührend – , die eine ganz grundsätzliche Orientierungslosigkeit, eine Verlorenheit und Hilflosigkeit wiedergeben, von der selten die Rede ist. Sie fasst in Worte, was wohl viele spüren, jedoch nicht artikulieren können: Ein Stimmungsbild, das wesentlich geprägt ist von einer verwirrenden Mischung aus Niederreissen, Draufhauen und Weitermachen.

Politiker werden mit Messern angegriffen, erhalten Bombendrohungen; eine vorbildlich integrierte Famile wird ausgewiesen. "Wie kalt der Rechtsstaat in diesem Fall entschied, wie sehr Paragrafen und Realität auseinanderklafften, beklagten nach Erscheinen dieser Reportage selbst Hardliner in der Union." Wer das System für sakrosankt erklärt, die eigene Systemtauglichkeit verinnerlicht, wird wohl kaum jemals verstehen. dass Ungerechtigkeiten die notwendige Folge jeder Systemgläubigkeit sind.

Als ich vom Martyrium des Schülers Marinus Schöberl in Potzlow, einem Dorf in der Uckermark, lese ("Ein Marytrium, das zu einem grausamen Mord führte, einem Mord, der die Republik aufschreckte, das Dorf, in dem er geschah, aber nicht.") und zur Kenntnis nehmen muss, dass die beiden Haupttäter, nach Verbüssung ihrer Haft, sich wieder der rechtsextremen Szene in Brandenburg anschlossen, geht mir Schopenhauer durch den Kopf, der beim Anblick der Galeerensklaven im Hafen von Toulon dermassen erschüttert war, dass er den Glauben an die Menschheit verlor.

Annette Ramelsberger schreibt von Rechtsextremen, von Islamisten, von Linksextremen, vom RAF- und vom NSU-Terror, von denen, die vor Gericht landen. So weit so gut, der Rechtsstaat nimmt sich doch ihrer an? Allerdings ist das nur gerade die Spitze des Eisbergs, denn allzu vieles verläuft nicht unter dem behördlichen Radar. Sagt mir meine Lebenserfahrung, die mir allerdings noch etwas ganz anderes sagt: Gefährlich ist vor allem das Nichtbeachten, Herabspielen und Beiseitestehen, kurz: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen der breiten Bevölkerung. Möge diese Am Abgrund lesen! Der letzte Text in diesem Buch handelt vom Widerstand.


Annette Ramelsberger
Am Abgrund
Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik
Verlag Antje Kunstmann, München 2026

Wednesday, 15 April 2026

Patterns. Art of the Natural World

It is truly rare that I experience excitement and enthusiasm when reading the preface and introduction to a photo book. How come? I’m fascinated by how photographer Jon McCormack describes his approach: “I brought my camera because it had always been my way of paying closer attention. I had no particular theme or concept in mind. Instead, I gave myself a single constraint; I would focus only on this small rocky section of shoreline. I would return to the same place night after night, regardless of the weather, regardless of the light. No chasing golden hours or distant vistas — just this one quiet place, this slim patch of coast, and whatever it chose to offer.”

To just look and see — this is what this tome is all about. The more you look, the more you will get to see. What is needed is patience, to take one's time. Patterns is an invitation to contemplate things as they are; it is a welcoming antidote to our restless lifes.

Over time, Jon McCormack discovered patterns. “I found them in the folds of Archtic ice caves, in the harshness of East African salt pans, in the ripple marks left behind by a retreating California tide. I photographed snowdrifts and sandstone, heat-etched lava flows and frost-bitten moss, feathers and fossilized ferns — each a part of somer larger rhythm, some greater choreography.”

Although I do have a lot of sympathy for this view, I think Jon McCormack’s interpretation wishful thinking that tells me more about him than about the way things are. “Beneath the surface of what we see lies structure, repetitition, and intelligence — proof that the world is not just alive but speaking.” Differently put: I do not doubt the underlying structure, I doubt the speaking. Moreover, that he believes that the places revealed themselves, and that the details “waited patiently for my attention”, I consider pretty far-fetched — for they are there for anybody who decides to pay attention.

Vein-like patterns emerge on the mineral-stained surfaces
of Kenya's alkaline lakes, where water, salt, and sediment
etch lifelines across the landscape

Many years ago, in Southern Thailand, in the coastal town of Prachuap Khiri Khan, I met a middle-aged Thai man who turned out to be teaching geography at Chulalongkorn University in Bangkok. During recent studies, he explained, he discovered evidence that indicated that the history of Thailand had to be re-written. Aerial photographs had shown that what had been thought of having been dirt roads had actually been rivers. It is about patterns, he elaborated, and patterns can only be seen from a distance.

Ever since this encounter, patterns rather often come to mind. I do however, as much as I can, refrain from interpreting them; to observe them is enough.

Jon McCormick however does interpret. “In time, I came to believe that these patterns are not incidental. They are not just beautiful accidents of aesthetic coincidences; they are the language of the Earth — clues to the invisible systems and forces that shape everything from a snail shell to a supernova.”

While this very well may be so, it remains a belief. And, like every belief, reveals more about the believer than about the things believed.

My view is different; I very much warm to Philip K. Dick’s definition of reality which he described as “that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.” Differently put: The desire for meaning that photographer and authors express again and again exists only in the human imagination.

The seagrasses of Monterey Bay become a living, lumnous 
painting – soft and radiant in the glow of evening light.

“For a photographer, this gesture — the slowing down, the magnification of wonder — is at the heart of the craft. The camera, after all, is not merely a tool for documentation, it is an instrument of awareness.” Well, it can be both, of course.

The camera can serve as spiritual inspiration. This is how I experience it. And, this is what this tome impressively demonstrates. “The private recognition through the lens becomes a shared invitation: look closer, linger.” Wonderful!

There are also several, very short, well-written essays in this tome with such useful maxims as “Wonder increases as speed decreases” (David George Haskell), and “To truly see the planet is to recognize its fragility — and its resilience.” (Sylvia Earle). 

The photographs in this tome are stunning, awe-inspiring — a revelation. Also, they make me aware of structures that I so far haven’t perceived as such; they make me discover connections that I haven’t registered as such; they make me once again marvel at the beauty of planet earth.

Across scales of time, golden triangles appear – in aspens
grown within a single season

Patterns is a most extraordinary eye- and heart-opener. A masterpiece!

Jon McCormack
Patterns
Art of the Natural World
Damiani, Bologna 2026

Sunday, 12 April 2026

Der Anfang von Raum und Zeit

Im Gegensatz zu dem vollmundigen Untertitel ("Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte"; Werbung müsste so recht eigentlich als das bezeichnet werden, was sie ist: fake news), stellt der Text auf der Rückseite des Umschlags erfreulich nüchtern fest: "Jean-Luc Lehners präsentiert die aktuellsten wissenschaftlichen Antworten auf die grossen Fragen der Kosmologie: Warum hat sich das Universum so gleichförmig entwickelt? Wie konnte alles aus dem Nichts entstehen? Was erklärt die beschleunigte Ausdehnung des Alls?"

Was mir bei diesen Fragen zuallererst durch den Kopf geht, ist der Physiker Leo Szilard, der seinem Freund Hans Bethe kundtat, er beabsichtige ein Tagebuch zu schreiben, worin er nur Fakten auflisten wolle, zur Information Gottes. Bethe fragte: 'Glaubt du nicht, Gott kennt die Fakten?' 'Doch, doch, aber diese Version der Fakten kennt er noch nicht', erwiderte Szilard.

. Jean-Luc Lehners zeigt auf, dass unser einstmals statisches Weltbild korrigiert werden musste, als man herausfand, dass sich das Universum ausdehnte, und "dass sich seine Ausdehnung in den letzten fünf Milliarden Jahren sogar beschleunigt hat." Diese Ausdehnung ändert unser Weltbild von Grund auf, denn nicht nur das Leben auf der Erde entwickelt sich, das Universum genauso. Dazu kommt, "dass wir nicht der Mittelpunkt dieser Ausdehnung sind. In jeder anderen Galaxie würden Astronomen zum selben Schluss kommen."

Aufschlussreich ist das nicht zuletzt deswegen, weil die Forschungen bestätigen (also messen können), was schon lange beobachtet werden kann – dass sich alles stetig ändert, alles im Fluss ist. Und das meint, dass nichts stabil ist, obwohl wir uns doch genau danach so sehnen.

Der Anfang von Raum und Zeit besticht durch eine einfache und klare Sprache (Voraussetzung dafür ist, dass man so klar zu denken imstande ist, wie der Autor), die zur Folge hat, dass auch eine Laie, dem Physik nur schwer zugänglich ist, einiges verstehen kann. Etwa, dass man "Schwerkraft ebenso gut als Beschleunigung beschreiben kann." Oder, "dass die Erde durch ihre Masse den Raum um sich herum krümmt. Der Raum ist so gekrümmt, dass der Mond nicht geradlinig, sondern um die Erde herum fliegt."

Nichtsdestotrotz: Das meiste in diesem Buch ist meinem Verstand nicht zugänglich (so sind mir etwa Begriffe wie dunkle Materie oder dunkle Energie schlicht nicht vorstellbar), und so will ich mich hier auf ein paar wenige Aspekte beschränken.

"Raum, Zeit und Materie hatten einen Anfang", so Jean-Luc Lehners. Also muss es einmal ein Nichts gegeben haben, woraus dieses Universum entstanden ist. Mir ist zwar schleierhaft, wie man das wissen kann, und vorstellen kann ich es mir schon gar nicht, doch Jean-Luc Lehners behauptet das ja nicht einfach, sondern beweist es. Ob ich das nun verstehe oder nicht, ändert gar nichts daran, dass es durchaus so sein kann.

Andererseits zitiert er auch den französischen Chemiker Antoine Lavoisier, der vor langer Zeit sagte: Rien ne se perd, rien ne se crée. Wenn also nichts verloren geht und nichts erschaffen wird, muss ja alles schon immer dagewesen sein. Nun ja, meint Jean-Luc Lehners, "manche bevorzugen die Idee einer ewigen Rückkehr und manch andere die eines einmaligen Erlebnisses. Vielleicht sollten wir besser fragen: Sind diese Argumente plausibel?"

Wie wir wissen, wimmelt es im Universum von Atomen. Obwohl: Nur etwa 5 Prozent des Universums bestehen aus Atomen, der Rest besteht aus dunkler Materie sowie dunkler Energie. Wir Menschen sind aus Atomen zusammengesetzt, die sich aus unerfindlichen Gründen zusammen getan haben, um uns zu uns zu machen. Wenn sie sich dann eines Tages, aus wiederum unerfindlichen Gründen, entscheiden (sofern sie dazu in der Lage sind und das nicht einfach geschieht), sich anders zu formieren, war's dann das mit uns.

Sehr schön legt Jean-Luc Lehners dar, wie bei allem, das zerstört wird, die Unordnung zunimmt. Ich kann zum Beispiel dieses Buch verbrennen, was zurückbleibt ist ein Haufen Asche. Die Atome sind dabei nicht verloren gegangen, sondern haben sich "nur" neu verteilt, also müsste es theoretisch möglich sein, das Ganze zurückzuoperieren. Theoretisch. Die Unordnung nimmt im Gesamten immer zu, lautet der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik.

Es gebe "handfeste Beobachtungen, die auf sehr direkte Weise zeigen, dass das Universum vor dreizehn Milliarden Jahren sehr viel ordentlicher war als heute. Doch wie kann das Universum so ordentlich gewesen sein, wenn die Unordnung zuvor über unendlich viele Jahre hinweg ständig zunnehmen musste?" Schritt für Schritt nähert der Autor sich einer Antwort an. Er vertraut dabei ganz auf unser Ursache-Wirkung-Denken, das auch zu beweisen imstande ist, was man zu suchen trachtete.

Es ist überaus faszinierend, was die Wissenschaft zu leisten vermag. Kein Fortschritt in den letzten hundert Jahren, der nicht auf sie zurückgeht. Und genau dies ist auch der Grund, weshalb sich die Auseinandersetzung mit diesem Werk lohnt.

Jean-Luc Lehners
Der Anfang von Raum und Zeit
Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte
Droemer, München 2026

Wednesday, 8 April 2026

Auf dem Weg zum Tier

"Die Zeit des Tiers ist gekommen. Der Satz gilt in seiner doppelten Bedeutung. Noch nie hat das Tier so viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs geweckt wie in den letzten Jahrzehnten, und gleichzeitig könnte die Zeit des Tiers abgelaufen sein." So beginnt der deutsche Kulturhistoriker Bernd Hüppauf sein Werk, das mir zu würdigen, wie ich vorhatte, allerdings nicht möglich ist. Aufgrund des Untertitel hatte ich mir eine Auseinandersetzung mit Bildern vorgestellt, und nicht etwa von Bildern im übertragenenen Sinne, also Konzepten Vorstellungen, Theorien. Dazu kommt, dass ich keinen wirklichen Bezug zur akademisch-universitären Gedankenwelt des emeritierten Professors habe.

"Nicht im Rahmen der Physik, sondern der Biologie und den Theorien vom Leben stellen wir heute die Frage nach dem Menschen. Sie ist von der Frage nach dem Tier nicht zu trennen, Nur wenn wir eine Vorstellung von dem bisher eingeschlagenen Weg zum Tier entwickeln, wird es möglich sein, in die Zukunft zu denken und Entscheidungen zwischen Alternativen mit Besonnenheit, von der Herder spricht, zu treffen und trotz der deprimierenden Bilanz einen Hoffnungsschimmer zu bewahren."

Es ist ein ungemein dichter, hoch reflektierter, einleuchtend argumentierender Text, den Bernd Hüppauf mit Auf dem Weg zum Tier vorlegt, der jedoch, wie das angeführte Zeit zeigt, im allgemein akzeptierten Denken unterwegs ist: Wir müssen die Vergangenheit kennen, aus ihr lernen, und bedürfen der Hoffnung, um nicht zu verzweifeln. Nur eben: Die Geschichte beweist so recht eigentlich zur Genüge, dass wir aus ihr nicht lernen. Dazu kommt, dass je älter ich werde, desto mehr unseren gängigen Rationalisierungen misstraue. Und so will ich mich hier auf einige Aspekte beschränken, die ich glaube, verstanden zu haben und überdies  anregend und bereichernd finde.

Fakt ist: Tierarten sterben heute in unvorstellbaren Grössenordnungen aus. Viele Zeitgenossen berührt das nicht, die meisten nehmen davon auch gar keine Kenntnis. "Stets schiebt sich ein anderer Reichtum, der in Geld ausgedrückt werden kann, nach vorn. Vor dem deklarierten Schutz der Tiere stehen die Interessen der Chemieindustrie, der industrialisierten Landwirtschaft und grosser Wählergruppen."

Mit dem Aufkommen des Rationalismus in der frühen Neuzeit (Mitte des 13. Jahrhunderts bis Ende des 15. Jahrhunderts) erwachte nicht nur ein neues Selbstbild des Menschen, auch sein Verhältnis zum Tier änderte sich. "Mangel an Vernunft, Unberechenbarkeit und Gewaltsamkeit, werden dem Tier zugeschrieben." Der sich an der Wissenschaft orientierende Mensch verschrieb sich dem Fortschritt. "Dem steht das Erlebnis Tier gegenüber. Im Erlebnis ist das Tier die Verkörperung von Fortschrittslosigkeit. Nicht der Vorschein von Verbesserung, sondern das Sich-Abfinden mit den Verhältnissen geht vom Tier aus."

Ich zitiere hier ohne die Berücksichtigung des Kontextes, erwähne also nur, was ich erhellend finde bzw. worüber ich bis anhin nicht nachgedacht habe. "Das Bild vom Leben, das die Moderne entwickelt, ist eine getarnte Fortsetzung der Gewalt und Herrschaft über das nicht-menschliche Leben. (...) Gewalt wird als die Nutzung der Natur zum Vorteil des Menschen gerechtfertigt."

Der Mensch begreift sich nicht als Teil der Natur, sondern als Herrscher über die Natur. "Der Verzicht auf Herrschaft über die Natur verlangt einen radikalen Wandel im Denken, für den es bisher keine Anzeichen gibt. Auch die Tierrechtsbewegung ist in den Zirkel eingebunden (...) Es könnte dem Tier gut gehen, ist die Überzeugung der Bewegung, wenn seine Rechte kodifiziert und sanktioniert würden. Das ist eine naive Erwartung (...) Es kann dem Tier erst gut gehen, wenn sich die mentale Haltung ändert und die Sorge für die Natur und das Tier zur Grundeinstellung wird."

Doch wie ändert man eine mentale Haltung? Grundlegende Einsichten bietet dieses Werk, allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass auch noch so überzeugende Kopfeinsichten (und dieses Buch ist voll davon) einen solchen Wandel, so wünschenswert und nötig er meines Erachtens auch ist, werden bewerkstelligen können. Erst wenn der Mensch sich als Teil der Natur erlebt (und dafür müsste er seinen Kopf leeren), wird sich seine mentale Einstellung ändern können.

Bernd Hüppauf bleibt jedoch nicht in der Theorie gefangen, sondern macht praktische Vorschläge. Er plädiert für die Sorge, auf die Tiere seiner Meinung nach ein Anrecht haben. "Es geht um die Verpflichtung des Menschen, für das Tier Sorge zu tragen wie für seinen Nächsten, um ein an zahlreichen Stellen der Bibel gebrauchtes Wort zu variieren."

Bernd Hüppauf
Auf dem Weg zum Tier
Tiere und Tierbilder von der
frühen Neuzeit zur ökologischen Krise
transcript, Bielefeld 2026

Sunday, 5 April 2026

Stern von Laufenburg

Um es gleich vorwegzunehmen: Mich begeistert dieses Buch, da es für mich exemplarisch vorführt, worum es bei der Fotografie geht: Ästhetik, Schönheit, Formvollendung. Um das Abbilden dessen, was unser Auge erfreut. Zugegeben, das ist eine sehr persönliche Sicht. Und zudem eine, die ich noch gar nicht so lange pflege, denn die meiste Zeit, seit ich im Jahre 2000 eine Master-Thesis über Dokumentarfotografie verfasst habe, galt mein Interesse der Kombination von Bild und Text. Erst seit ich vor einigen Jahren selber regelmässig zu fotografieren begonnen habe, wurde mir das Einrahmen wichtig, das Kaspar Thalmann in diesem Band (Stern von Laufenburg) so hervorragend beherrscht.

Beim Stern von Laufenburg handelt es sich um "eine Schaltanlage in der Schweiz, ein Knotenpunkt des europäischen Stromnetzes", wie Sam Scherrer im Vorwort ausführt. "Die Fotografien von Kaspar Thalmann sind nicht nur ein künstlerischer Blick auf ein technisches Motiv. Sie sind auch eine Einladung, genauer hinzuschauen auf das, was uns versorgt, verbindet und herausfordert."


Für mich sind diese Fotografien zuallererst Bilder, die mich ansprechen. Warum, interessiert mich wenig. Klar, Begründungen könnte ich schon liefern, doch diese entstehen im Nachhinein. Was im Moment des Anschauens passiert, weiss ich nicht, doch ich kann unschwer konstatieren, ob mich etwas anzieht oder abstösst, mir gefällt oder nicht.

Manchmal, doch beileibe nicht immer, folgen auf die ersten Eindrücke Fragen. Was sehen meine Augen da eigentlich? Was wird mir gezeigt? Strommasten, lese ich. Die elektrische Energie, die sie transportieren, sehe ich hingegen nicht. Strom ist unsichtbar.

Strom fliesst in einem geschlossenen Stromkreis, lese ich. Diese Information beeinflusst meinen Blick auf die Hochspannungsmasten: Ich versuche mir jetzt vorzustellen, wie der Strom durch diese Leitungen fliesst, obwohl ich mir gar nicht richtig vorstellen kann, wie Elektronen fliessen können.

Wir sehen nur, was wir wissen, können nur er-kennen, was wir kennen, meinte einst Goethe. Meines Erachtens wird Wissen jedoch überbewertet. Alles, was ich jetzt über Elektrizität lese (viel ist es nicht), tritt schon bald wieder in den Hintergrund; die Empfindungen, die diese clever gestalteten Bilder bei mir auslösen, treten wieder in den Vordergrund.

Im Gegensatz zur Malerei, bei der der Maler mit einer leeren Fläche anfängt, ist beim Fotografieren alles schon vorhanden. Der Fotograf zeigt einen Ausschnitt, er rahmt ein, entscheidet, was er in den Rahmen reinnimmt, und was er draussen lässt. Mich dem hinzugeben, was meine Augen registrieren, genügt mir, da mir nur allzu bewusst ist, dass meine (und nicht nur meine) Erklärungen willkürlich sind. Auch sind sie nicht statisch, sondern verändern sich.

Was Kaspar Thalmann zu diesen Aufnahmen bewogen hat, weiss ich nicht. Er selber äussert sich nicht dazu, doch Meret Arnold schreibt: "Dass die Digitalisierung über alles gestellt wird und ihre Gefahren ausgeblendet werden, irritiert Kaspar Thalmann. Deshalb ist der Fotograf und Architekt den Leitungen gefolgt, um die Infrastruktur zu sehen, die uns mit Strom versorgt." Einige Bilder sind mit einer Drohne aufgenommen worden, andere wurden herangezoomt und "enfalten mitunter lyrische Qualitäten." – eine Assoziation, die mir selber ferner kaum sein könnte. Wie heisst es doch im Talmud so treffend: We do not see things as they are, we see things as we are.

Ein weiterer Text stammt von Adi Kälin, der einen überaus anregenden, bestens informierten Abriss über die Geschichte der Elektrizität in der Schweiz vorlegt, und auch auf Phänomene aufmerksam macht, die mir nicht bekannt gewesen sind: den Mastenfan und die Dunkelflaute.

Kaspar Thalmann
Stern von Laufenburg
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Wednesday, 1 April 2026

On Belief: The Power of Pictures

According to a recent article in The Guardian, "AI images of people – such as women in military contexts – are making money and serving as propaganda, researchers say." More worrying is however: „‘They feel true’: political deepfakes are growing in influence – even if people know they aren’t real.

We know or we should know, of course, that photographs have been manipulated from the very beginning of photography. The various attempts to somehow distinguish the true from the fake haven't been really convincing; in the end, the veracity depended on whether you trusted the photographer.

The presumption has often been that knowing the facts would free us from the dictatorship of our emotions. Not so, as the example above seems once again to demonstrate. Differently put: Knowledge does not stand a chance against belief.

"Man is made by his belief. As he believes, so he is“, the Bhagavad Gita states. Only personal experience, it seems to me, stands a chance to challenge belief. And, needless to say, this is most definitely not good news.

Sunday, 29 March 2026

Q: Das unglaubliche Leben der Queen

Was ich einst über Craig Browns Biografie der Beatles, One Two Three Four, geschrieben habe ("Eine ganz wunderbare Zeitreise, sehr amüsant, höchst informativ, glänzend geschrieben. Eine Perle von einem Buch!"), trifft genauso auf Q: Das unglaubliche Leben der Queen zu: Nie wurde ich besser unterhalten, nie wurde ich umfassender informiert, nie wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie wunderlich, ja irre, sich der Mensch in diesem selber fabrizierten Welttheater aufführt. Ich habe Tränen gelacht!

"Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen." Was auch immer man über sie denken mochte, man begegnete ihr gleichsam ehrfürchtig. Nicht nur ihre Fans, auch ihre Kritiker.

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es völlig selbstverständlich, dass alle – Männer, Frauen und Kinder – sich erhoben, wenn die Nationalhymne erklang." Diese Melodie, und diesen Text, mit dem die Menschen Gott baten, sie zu beschützen, hat wohl kaum ein Mensch derart oft gehört wie die Queen. "Ihre Reaktion war meist dieselbe: Sie machte ein besinnliches, aber auch etwas gleichgültiges Gesicht und blickte unbeirrt geradeaus   so, als würde sie geduldig auf den nächsten Bus warte."

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Queen (und auch von Queen Mum) gehörte das Puzzeln, wobei galt: Je mehr Teile, desto besser. "Puzzles gefallen all denen besonders gut, die gern Chaos in Ordnung verwandeln." Das ist jedoch nur ein Teil der Persönlichkeit der Queen, die bekanntlich auch eine Vorliebe für Corgis hat, die das genaue Gegenteil von Puzzles repräsentieren. "Diese Hunde waren planlos, sorglos, aggressiv und fordernd. (....) Sie waren wie vierbeinige Diktatoren, sturzbetrunkene Kleinkinder, randalierende Hooligans. Ehrerbietung oder Majestät waren Fremdwörter für sie." Darüber hinaus hatten sie gegenüber Hausangestellten einen entschiedenen Vorteil: "Kein königlicher Corgi hat je seine Memoiren geschrieben oder Oprah Winfrey sein Herz ausgeschüttet."

Die Corgis ihrer Majestät drehten auch immer mal wieder durch. Als Dotty ("die Verrückte") einmal zwei Jungs auf Fahrrädern attackierte und der Fall vor Gericht kam, wurde auch der Hundepsychologe Dr. Roger Mugford beigezogen, dessen Ausführungen, absolut preiswürdig waren.

Queen Elizabeth II war gerade mal 26 als sie gekrönt wurde. Dass die ganze Nation, wie einstmals, zur Monarchin hochschauen würde, hielt der Schriftsteller John Fowles für unwahrscheinlich, da die Welt heute ein Bienenstock sei, wo jeder seine eigene Wabe bewohne und alles den Anschein von Gleichberechtigung habe. "Wenn die Monarchie bestehen bleibt, dann deshalb, weil das Leben der breiten Masse derart blass und eintönig ist, dass die Leute jede Gelegenheit zur Sublimierung nur zu gern ergreifen. Und so wird die Krone zum seelischen Anker, zur Erholungspause – zum Treibanker. Sie hemmt uns, aber sie ermöglicht uns gerade dadurch eine sichere Weiterfahrt." Am Rande: Der hochnäsige britische Adel, so lerne ich, schätzt die Königsfamilie gering, lauter Parvenüs!

Q: Das unglaubliche Leben der Queen ist überaus reich an teils skurillen Details, darunter die Karriere der Elizabeth-Doppelgängerin Jeannette Charles, die bei ihrem Tod genauso alt war wie die Queen, als sie starb. Oder: Der zehnjährige Paul McCartney wird für seinen Schüleraufsatz über den Krünungstag mit einem Preis bedacht; die 23jährige Reporterin Jaqueline Bouvier ist im Auftrag der Zeitung Washington Times-Herald vor Ort. Und und und ....Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Beileibe kein Detail war jedoch die Detailgenauigkeit, mit der alles und jedes im königlichen Haushalt vonstatten zu gehen hatte. Alles, wirklich alles hatte einem rigorosen Drehbuch zu folgen, selbst der Gang zur Toilette. Die Queen "war überzeugt, dass sich dadurch letztlich alle sicherer fühlen konnten, ganz egal welchen gesellschaftlichen Rang sie einnahmen, denn immerhin wussten sie auf diese Weise,woran sie waren." Man darf daraus füglich schliessen, dass sich dadurch auch die Queen sicher fühlen konnte.

Durchregulierter als das Leben der Queen und der Umgang mit ihr, geht eigentlich nicht, was jedoch nicht allein ein Garant für Stabilität, sondern auch eine Methode der Einschüchterung ist. Unterwerfung wird nicht verlangt, sondern erwartet. Und die Untertanen (!) der Königin enttäuschen sie nicht: Nichts, was geeigneter wäre, um die Menschen als das vorzuführen, was sie wirklich sind: Folgsame Trottel (und Trottelinnen).

Dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen, lernt man nicht zuletzt an Universitäten, ansonsten sich das akademische Tun kaum begründen liesse. Der von Craig Brown vorgelegte Kontext orientiert sich erfreulicherweise am realen Leben und liest sich unter anderem so: "Schätzungsweise 150 Prostituierte vom europäischen Festland werden rechtzeitig zu den Krönungsfeierlichkeiten im Londoner Westend eintreffen. Das überrascht wenig, denn schliesslich wirken pompöse Veranstaltungen wie diese auf verschiedene Menschen ganz verschieden, und die aphrodisierende Wirkung der Monarchie ist noch lange nicht ausreichend erforscht."

Fazit: Informativer und unterhaltsamer geht nicht. Ein Lesegenuss erster Güte!

Craig Brown
Q
Das unglaubliche Leben der Queen
C.H. Beck, München 2026

Wednesday, 25 March 2026

Schon eigenartig, das Gedächtnis

Zu den grössten Schwierigkeiten bei seiner Weltreise-Vorbereitung gehörte der Entscheid, welche Bücher er mitnehmen sollte. Schliesslich entschied er sich für Montaignes Essais, Fontanes Effi Briest, Shakespeares Hamlet, Goethes Faust, Sophokles‘ Antigone und und und … Er las sie alle. Und hatte nach seiner Rückkehr Null-Erinnerung an die Lektüre, auch wenn ein Satz aus Shakespeares Hamlet zu seinem Leitgedanken geworden war: The readiness is all. Er hatte ihn aus The Prince of West End Avenue von Alan Isler.

Im Nachhinein wunderte er sich, wie wenig ihm von dieser Weltumrundung geblieben war. Eine Busfahrt in Neuseeland, auf der er eine junge Maori fragte, wie sie Rotorua, das bekannt für seine Schwefelquellen ist, beschreiben würde – „it stinks“, sagte sie; Bilder aus Hawaii, wo er jeden Tag in dasselbe Restaurant ging, wegen der hübschen Bedienung, die er sich jedoch nicht anzusprechen traute; ein Lokal beim Santa Monica Pier in Los Angeles, wo jeder, der wollte, sich auf der Bühne produzieren durfte und ein Schwarzer dermassen falsch sang, dass Hugo sich vor Lachen kaum mehr erholen konnte (er war bis dahin der Meinung gewesen, alle Schwarzen hätten Musik und Rhythmus im Blut); die Beaconsfield Parade in Melbourne, wo er in einer Wohngemeinschaft untergekommen war; Brigitte, die in einem vegetarischen Lokal kochte; eine Hochhauswohnung nahe beim Bondi Beach in Sydney, wo die Freundin einer Zufallsbekanntschaft mit ihrem Freund wohnte.

Schon eigenartig, das Gedächtnis. Dass ihm die Dinge blieben, die ihm wichtig waren, konnte er nicht sagen. Doch auch das Gegenteil stimmte nicht. Vielmehr war es ein ziemliches Durcheinander, abhängig von Stimmungen, die er kaum beeinflussen konnte. Dazu kam: Unangenehmes verdrängte er bewusst. Und vermutlich auch unbewusst. Diejenigen, die das Unbewusste interpretierten, hielt er für Scharlatane.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025

Sunday, 22 March 2026

Cold Case

Der Südkoreaner Kim Sang-young stirbt in den 1970er Jahren durch Erfrieren, in Kanada, wo er aus einer psychiatrischen Klink abgehauen ist. Der Klinikdirektor fragt sich, was Menschen in sogenannt verantwortungsvoller Position sich weltweit fragen: Was musste geschehen, um vor dem Klinikausschuss gut dazustehen?

Der Erzähler von Cold Case geht dieser Geschichte, zusammen mit seiner koreanischen Freundin Kim Minkyung (Kim Sang-young ist ihr Onkel), nach. Dabei herausgekommen ist einerseits eine Detektivgeschichte und andererseits ein facettenreiches Bild der südkoreanischen Realität, die der Autor Alexandre Labruffe auch aus eigener Anschauung kennt, war er doch einige Jahre für die Alliance Française vor Ort.  Auch die kanadische Wirklichkeit wird geschildert, besonders aufschlussreich am Beispiel des Arztes und Abgeordneten Morton Shulman

So erfährt man etwa, dass Fremdgehen in Korea ein Geschäft ist. "weil Trennung als Schande gilt. Anders (im Stillen) gesagt: In Korea ist Fremdgehen besser als Scheidung, weil letztere dich erniedrigt und herabstuft. Die Scheidung, soziales Versagen oder Verrat an der Nation, lässt die Grundfesten der koreanischen Gesellschaft, ihre ewigen Werte bröckeln. Im Land der Neokonfuzianisten ist die Heuchelei Königin." Nicht nur in Korea, will ich da gleich hinzufügen, denn ohne Heuchelei gibt es keine Zivilisation.

Wie jede Gesellschaft ist auch die koreanische geprägt vom stetigen Wandel. "In den 60er Jahren war das Café in Korea das Distinktionsmerkmal der besseren Gesellschaft, Treffpunkt für besondere Gelegenheiten." In den 80er Jahren "quollen die Strassen des Landes vor Schamanen und Wahrsagern über. Scharlatane oder nicht."

Cold Case ist auch ein Roman, der mich immer mal wieder schmunzeln machte. Des Austauschs zwischen dem Erzähler und seiner Freundin wegen, der nicht zuletzt von der eigenwilligen Sprache der Koreanerin geprägt ist. "M: Bist du warnsinnig? Was gehst du mich an? L: Ich geh dich nicht an. Ich beliebe nur zu scherzen. M: Du verirrst mich."

Sprache lernt man ja auch über Laute, wobei dann, in der koreanischen Variante, etwa solches herauskommen kann: " Quaartsch mit Soja." 

Alexandre Labruffe ist nicht nur ein genauer Beobachter, sondern bringt auch scharfsinnig auf den Punkt, worum es bei den Besäufnissen der koreanischen Jugend geht. "Zum Heiligtum erhobene Trunksucht, Ekstase im Koma. Nichts geht über die Auslöschung der Gegenwart."

Es ist der Ton (c'est le ton qui fait la musique), der mich ganz besonders für diesen Roman einnimmt. So beschreibt der Autor die Psychiatrie als "Planet Klinik, der über ein eigenes Neusprech verfügt", wo man , "die aus der Gesellschaft Entfernten, Verhaltensgestörten, Geisteskranken und Verrückten aller Art, dem Blick entzogene Zombies, Spinner, Bekloppte, territorial Verdrängte" untergebracht hat. Illusionfrei konstatiert er: "Ich denke: exiliert im eigenen Land."

Es sind vor allem die Passagen über die Psychiatrie, die mich am meisten gepackt haben. Auf eine Diagnose folgt die medikamentöse Einstellung. Nur eben: "Es gibt keine Medikamente gegen Wahnsinn. Scheisse noch mal, Minkyung, so etwas gibt es nicht. Sie schalten ihn ab, deinen Vater. Sie lähmen sein Hirn mit Rattengift."

Cold Case ist ein überaus origineller Roman, der zwei Kulturen (Kanada und Südkorea) schildert, anhand der Psychiatrie bzw. des gesellschaftlichendes Umgangs mit Nicht-im-System Funktionierenden. Smart und witzig.

Alexandre Labruffe
Cold Case
Roman
Wagenbach, Berlin 2026

Wednesday, 18 March 2026

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess

In jüngeren Jahren, also vor meinem Lizentiat der Rechtswissenschaften, als ich noch idealistische Vorstellungen von Recht und Rechtsstaat hegte, gehörten Gerichtsreportagen zu meiner Lieblingslektüre. Mittlerweile halte ich das sogenannte Recht und alles drumherum wesentlich für ein Business-Modell, und bin jetzt gespannt wie wohl diese drei Reportagen auf mich wirken, wobei ich positiv voreingenommen bin, denn was ich von Martha Gellhorn gelesen habe (insebesondere ihren Roman Liana) schätze ich sehr. Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Lektüre ist ganz unbedingt empfehlenswert, da aufklärend, wesentlich und horizonterweiternd. 

Ein Gerichtssaal ist einem Theater vergleichbar: Die Inszenierung ist wichtig. Für Juristen entscheidend sind jedoch die Argumente, die häufig absurder kaum sein könnten. So zitiert Janet Flanner etwa Görings Anwalt mit "Es ist unmöglich, eine Handlung zu beurteilen, ohne das Motiv zu kennen." Nun ja, Motive sind meist unbewusst. Zudem: Das Unbewusste wird so genannt, weil es dem Bewusstsein nicht zugänglich ist!

Juristen unterscheiden zwischen der objektiven und der subjektiven Seite eines Geschehens, was impliziert, der Beweggrund für eine Tat könne erkannt werden. So nachvollziehbar dies gemäss unserem Denken auch ist, mir selber steht die Herangehensweise der noch nicht sozial auf Linie Getrimmten näher: "Young children tend to focus on causal responsibility, while older children and adults tend to focus on intent." (Fiery Cushman: Should the Law Depend on Luck?).

Im Herzen des Weltfeindes wird eingeleitet durch ein Vorwort des Rechtswissenschaftlers Ingo Müller, der den Hauptanklagevertreter Robert Jackson höchst wohlwollend porträtiert, was Janet Flanner jedoch ganz anders sieht ("Ihm schien es nicht nur an Hintergrund und Weisheit zu mangeln ..."). Überhaupt zeichnet dieses Buch aus, dass drei ganz unterschiedliche Temperamente zu Wort kommen, die jedoch, wie Klaus Bittermann in seinem informativen und vielfätig aufschlussreichen Nachwort festhält, sich ausserstande sahen, "die Deutschen nicht zu hassen. Und auch Lee Miller (von der die Fotos vom zerstörten Nürnberg in diesem Band stammen) machte aus ihrem Hass keinen Hehl. Sie setzte nie wieder einen Fuss auf deutsches Gebiet. Sie wollte nie wieder an Deutschland erinnert werden. Ihre Erschütterung war so tiefgreifend, dass sie zur Alkoholikerin wurde." Am Rande: Warum jemand zu einer Alkoholikerin wird, darüber kann man bestenfalls rätseln. 

Was diesen drei Frauen, die einander nie begegnet sind, auch gemein ist: Eine höchst differenzierte Beobachtungsgabe, die sich unter anderem in der Beschreibung des Äusseren sowie der Gebahrens der auftretenden Personen zeigt. Und dass sie viel Vertrauen und Hoffnung in den Rechtsstaat setzen. "Es (das Tribunal) erscheint wie eine Insel der Hoffnung, des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit der Alliierten inmitten der düsteren, auf Untergang eingestimmten Deutschen und deren zerstörter Stadt." (Janet Flanner). "Seine (Sir Geoffrey Laurence, der Präsident des Tribunals) Stimme war ein Symbol für das, was alle zivilisierten Menschen von der Gerechtigkeit erwarten und was sie darunter verstehen – etwas Klares und Unerschrockenes, stärker als die Zeit." (Martha Gellhorn). "Es war notwendig, und zwar wirklich notwendig, dass eine grosse Anzahl von Personen, inklusive der Führung von Armee und Zivilbehörden, nach Nürnberg fuhr und sich die Urteilsverkündung anhörte, denn auf keine andere erdenkliche Weise konnten sie sonst nachvollziehen, worum es in dem Prozess überhaupt gegangen war." (Rebecca West). 

Im Herzen des Weltfeindes ist auch eine Dokumentation eines interkulturell  einzigartigen Vorgangs. Die Verteidiger waren Deutsche, die Ankläger und Richter stammten aus Nationen mit unterschiedlichen Auffassung hinsichtlich des Verfahrens. Gemäss Janet Flanner wurde der Prozess als amerikanische Veranstaltung begriffen, die dann auch mit einem Kreuzverhör von Göring ihren Anfang nahm. "Die Franzosen kennen kein Kreuzverhör, die Russen hatten vermuitlich überhaupt keine Ahnung, und die Briten wussten wenigstens, wie sie sich über den Tag retten konnten."

Verblüfft hat mich, dass vermutlich die meisten Deutschen von dem Prozess nicht gross Kenntnis genommen haben, auch wenn es verständlich ist, schliesslich hatten sie andere Sorgen  – die Stadt war zerstört, die Läden leer, auch sind wohl nicht wenige davon ausgegangen, dass die Schuld der Angeklagten feststand. Doch zeigt dies eben auch (wieder einmal), dass das, worüber die Zeitungen berichten bzw. in Büchern zu lesen ist, das Leben der allermeisten kaum beeinflusst.

Im Herzen des Weltfeindes kommt zur richtigen Zeit, da der Antisemitismus wieder vermehrt offen zutage tritt (fehlende Scham ist ein Merkmal der Unzivilisiertheit) und die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis unterzugehen droht. Es zeichnet diese Reportagen aus, dass die Autorinnen Stellung beziehen und keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis auf der Anklagebank machen, die sich allesamt unschuldig geben.
 
Im Herzen des Weltfeindes erschöpft sich nicht in Berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (Rebecca West schildert auch ihre Streifzüge durch das kaputtte Land), sondern weist darüber hinaus, indem es uns eindringlich vor Augen führt, dass sich der Verantwortung zu stellen, feigen, brutalen und selbstherrlichen Anstiftern unbekannt ist. Es ist auch heute noch so.

Janet Flanner, Martha Gellhorn, Rebecca West
Im Herzen des Weltfeindes
Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Reportagen
Mit Fotos vom zerstörten Nürnberg von Lee Miller
Edition Tiamat, Berlin 2026

Sunday, 15 March 2026

Thomas Steinfeld: Goethe

Goethe, der sich nicht erwärmen konnte für die Rede von der Geschichte, denn er hielt „die 'Weltgeschichte' für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse“, so Hans Blumenberg, gehe es um den Menschen, den Einzelnen, „dem die Wunder der Natur und der Kunst aufgehen sollten“. Und: „...ihn als den aufgeschlossenen (vor allem im kleinen Kreis), freien, universal gebildeten, gelegentlich widersprüchlichen, manchmal abgründigen, oft isolierten, stets aber hellen Geist zu erkennen, der er gewesen sein muss“, darum gehe es in dieser Biografie, schreibt Thomas Steinfeld.

Mit Bilder einer Zeit konkretisiert Autor Steinfeld sein Vorhaben. So zutreffend dies auch ist, er leistet weit mehr, zeigt er doch auf, dass, was Goethe, dessen Skepsis sein Leben geprägt zu haben scheint, letztlich ausmacht, dessen Zeitlosigkeit bzw. dessen Universalität ist. Das vielfältige Wissen, die Neugier für alles Mögliche, ist übrigens nicht nur Goethe eignet, sondern auch seinem Biografen.

Goethe wuchs in einer standesbewussten Familie in Frankfurt am Main auf; er sollte sein Leben lang, im Gegensatz etwa zu Schiller, finanziell nie zu darben haben. Im Alter von 16 von seinem Vater zum Jurastudium nach Leipzig geschickt („Die Universität war im 18. Jahrhundert kein Ort der Forschung, sondern eine Berufsbildungsstätte, die vor allem der Vermittlung des Überlieferten verpflichtet war“, so Autor Steinfeld, dem allerdings zu entgehen scheint, dass das Jurastudium auch heute noch so ist.), das er 1770 in Strassburg abschloss, wo er auch Herder kennenlernte, der ihn stark beeinflusste und förderte. Wobei: Sowohl in Leipzig wie auch in Strassburg besuchte Goethe auch „Vorlesungen in Chemie, Staatswissenschaften, Geschichte und beschäftigte sich mit der Medizin.“

Thomas Steinfeld ist ein hervorrragend informierter und ausserordentlich begabter Erzähler, dem es nicht an Bildungshochmut mangelt („In den Wenn-Sätzen aber spricht, für halbwegs gebildete Zeitgenossen deutlich erkennbar, ein Dichter, der sich die Lehren des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza zumindest aus der Ferne angeeignet hatte ...“) und der gelegentlich recht selbstherrliche Unterscheidungen vornimmt, die wohl nur von sogenannt literarisch Gebildeten geteilt werden. „Wenn ein Dichter 'ich' sagt, provoziert er einen geläufigen Trugschluss: dass er mit dem Pronomen sich selber meint. Bei Goethe ist dieser Irrtum besonders weit verbreitet, weil Leben und Werk in so offensichtlicher Nähe zueinander stehen (...) dass Goethe verschiedene 'Ichs' erprobt. Er spricht in Rollen, wie auf dem Theater, was heisst: Man muss zwischen dem erlebenden und dem darstellenden 'Ich' unterscheiden.“ Ganz so, als ob man das könnte ... im wirklichen Leben wimmelt es doch nur so von Überlappungen ...

Andererseits, wie „der aufmerksame Leser“ Steinfeld Goethe liest, zum Beispiel den Werther, macht auch deutlich, dass das Lesen ein kreativer Akt ist. Dazu kommt, dass er Zusammenhänge zu sehen imstande ist, die einem Laien wie mir zwar nicht geläufig sind, mich jedoch schmunzeln machen. „Noch im späten 18. Jahrhundert wäre die Vorstellung, die Liebe sei eine geeignete Grundlage für das Zusammenleben zweier Menschen oder gar für die Gründung einer Familie, als ebenso überraschende wie verwegene Idee erschienen: Wie sollten zwei Menschen eine Gemeinschaft fürs Leben begründen, wenn sie ihre Empfindungen nicht zu beherrschen vermochten.“

Thomas Steinfeld charakterisiert Goethe als „einen enzyklopädisch inspirierten Universalisten“, der kein literarisches Genre ausliess und in den Wissenschaften neben der Psychologie und der Biologie, auch die Anatomie, die Optik, die Physik, die Meteorologie, die Geschichte, die Juristerei, die Wirtschaftslehre, Diplomatie und Naturphilosophie pflegte. Was diese Dinge zusammenhält, gehöre zu den Fragen, die Faust umtrieben, lerne ich.

Die Gepflogenheiten am Hofe von Weimar werden derart kenntnisreich (juristisch, diplomatisch, gesellschaftlich, staatspolitisch, historisch) geschildert, dass man sich einerseits wundert, worüber dieser Biograf alles Bescheid weiss, und andererseits zu verstehen glaubt, dass es wohl auch seine eigene Unersättlichkeit in punkto Wissen/Verstehen ist, die ihn mit Goethe verbindet.

Da mir die einschlägigen Kenntnisse fehlen (und ich dem, was wir gemeinhin zu wissen glauben, ohnehin äusserst skeptisch gegenüber stehe), um dieses Werk wirklich würdigen zu können, will ich mich auf einige Aspekte beschränken, die mich innehalten und sie bedenken liess. So war Goethe in Weimar auch für den Bergbau zuständig, kam also in Kontakt mit der Geologie, die zwar noch ganz am Anfang stand, doch Auskunft über die Tiefe der Zeit geben konnte. Ging man bis anhin davon aus, dass die Erde rund sechstausend Jahre alt war, erkannte man nun, dass „die Geschichte der Erde immer länger, immer tiefer und für viele Geologen immer gewaltsamer wurde“ und man fragte sich, wann sie eigentlich ihren Anfang genommen hatte.

In Goethe manifestiert sich auch etwas Übergeordnetes, das vermutlich vielen Menschen eigen ist. So hält Thomas Steinfeld zu Goethes Flucht nach Italien fest, bereits Seneca habe vor dem Vorhaben, durch eine Veränderung der geografischen Lage ein neuer Mensch zu werden, gewarnt, und entgegnet darauf treffend: „Doch wie sollte sich ein solcher Wandel nicht einstellen, wenn das Wetter angenehmer wird und die Landschaft abwechslungsreicher?“

In Venedig sieht Goethe zum ersten Mal das Meer. „So habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen, und bin auf der schönen Tenne, die es weichend zurücklässt, ihm nachgegangen.“ Was Autor Steinfeld alles in diesen Satz hineinliest und daraus schliesst, mag Germanisten einleuchten. „So hat, in einem fein gegliederten und nur scheinbar einfachen Satz, ein jeder Teil seine Bedeutung – und das ganze Wortgebilde festigt sich zu einer wunderbaren Bestätigung der neptunistischen Überzeugung, der Boden unter den Füssen sei aus dem Wasser hervorgegangen.“ Mir selber scheint wenig wahrscheinlich, dass Goethe sich bei diesem Satz solche Gedanken gemacht hat. Auch dass Steinfeld aufzählt, was der Dichter in seinen Texten aus Venedig alles nicht beschrieben hat, drängt sich nicht wirklich auf und dient wohl vor allem dazu, hervorzuheben, wie gut der Autor selber Venedig kennt.

Doch abgesehen von solchen – es sind sehr wenige – Irritationen, ist diese Biografie ein wahrhaft grosser Wurf, eine ausserordentliche Fleissarbeit und – vor allem – ein ganz wunderbares Leseerlebnis, das einen staunen macht. Nicht nur über den Dichter, Reisenden, Theatermacher, Kriegsbeobachter, Naturforscher und Politiker Goethe, sondern auch darüber, wie Autor Steinfeld es geschafft hat, aus dieser ungeheuren Fülle ein derart packendes Buch zu machen.

Aussergewöhnlich war Goethe nicht zuletzt in seinem Wissensdurst, der ihn sich auch mit den Pflanzen und den Farben (und später mit den Wolken) befassen liess, Das führte ihn auch zur Beschäftigung mit der Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? „Wie ist objektive Erkenntnis möglich? Wie vollzieht sich der Übergang vom Erfahren zum Verstehen? Wie kommt man vom Wissen um das Einzelne zu einer Einsicht ins Allgemeine?“ Fragen, die bis heute nicht gelöst sind, wie Autor Steinfeld anmerkt.

Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, darum war es Goethe zu tun. Er tat dies aus einer sehr privilegierten Position, ohne Sympathie für die Französische Revolution von 1789. Kein Wunder, welcher Privilegierte mag schon von seinen Privilegien lassen? „Goethe war ein Mensch des alten Regimes der persönlichen Beziehungen und der feudalen Diplomatie. Das radikal Neue der Revolution ging ihm nicht auf. Nie dachte er in politischen Kategorien.“

Thomas Steinfeld verfügt über eine bewundernswerte Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken, ohne dabei die Details zu vernachlässigen. Zu diesen gehört auch, dass Goethe dem damals gerade einmal dreiundzwanzigjährigen Schelling in Jena zu einer ausserordentlichen Professur verhalf. Dazu kommt, dass er offenbar bestens weiss, wie die einschlägigen Quellen einzuschätzen sind. „Wie es zum Bündnis mit Schiller gekommen sein soll, hielt Goethe im Jahr 1817 in einem Bericht fest, den man, wie alle seine autobiographischen Schriften, nicht für ein Manifest der Faktentreue halten darf.“

Fazit: Glänzend geschrieben, ungemein kenntnisreich, überaus erhellend und horizonterweiternd. Mit einem Wort: Grossartig!

Thomas Steinfeld
Goethe
Porträt eines Lebens, Bilder einer Zeit
Rowohlt Berlin 2024

Wednesday, 11 March 2026

Eine strahlende Zukunft

Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes vor mir zu haben. Es war die unprätentiöse Sprache, der Ton, und dass der Autor gerade genug beschrieb, um meine Fantasie in Gang zu setzen, doch eben nicht zu viel, um sie zu blockieren. Und ich fand spannend geschildert, was ich da las.
 
„Eine strahlende Zukunft“ handelt in ersten Teil von Michael Davenport, der ein Dichter und Dramatiker sein will, und seiner aus reichem Hause stammenden Frau Lucy, für die Dylan Thomas ein Dichter und Tennesse Williams ein Dramatiker ist. Michael ist ehrgeizig, er wird es der Welt zeigen, das Geld seiner Frau will er (und soll auch Lucy) nicht angreifen. Die Ehe scheitert, Michael dreht durch, landet in der Psychiatrie.
 
Im zweiten Teil erfahren wir wie Lucy sich in einen Theaterregisseur, der sie für eine Jüngere verlässt, verliebt und dann in einen Börsenmakler, „der erste Mann, der sie kannte, der keinerlei künstlerische Ambitionen hatte, und sie hatte das seltsame Gefühl, dass ihm etwas fehlte.“ Lucy lernt schreiben und malen und findet bei ihrem Schreiblehrer was ihr beim Börsenmakler fehlte, bis es auch „zwischen ihnen unschöne kleine Probleme – Streitigkeiten, die manchmal so schlimm sein konnten, dass sie alles verdarben“ gab. Das Auseinandergehen der beiden – wie viele von Yates‘ Beziehungsszenen – ist alkoholgetränkt.
 
Solche inhaltlichen Angaben vermögen natürlich nicht zu vermitteln, was es mit diesem Buch auf sich hat: es ist ganz vieles in einem – eine sehr gekonnte, hoch differenzierte und einfühlsame Schilderung von Beziehungsverhältnissen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen; eine Abhandlung übers Schreiben („’Melancholie‘ war das erste Wort, das ihr einfiel, und sie kam zu dem Schluss, dass das bei einem Schreiblehrer, vorausgesetzt, er hatte auch lebhaftere Eigenschaften, vielleicht keine schlechte Sache war.“ / „Jeder von uns kann diese Fertigkeit nur erlernen, indem er sich mit gedruckten und nicht gedruckten Beispielen vollsaugt und dann versucht, das Beste, was er entdeckt hat, in sein eigenes Werk aufzunehmen.“ / „Die Schauspielerei mochte emotionale Erschöpfung auslösen, aber das Schreiben ermüdete das Gehirn. Es führte zu Depressionen und Schlaflosigkeit, man lief den ganzen Tag mit verhärmtem Gesicht herum, und für all das fühlte sich Lucy noch nicht alt genug.“); die überzeugende Darstellung von zwei schwierigen Menschen auf der Suche nach Sinn und Erfüllung in der Kunst; eine wunderbar gelungene Charakterstudie (wie Yates Michaels Neid, dessen Ängste und Hadern mit dem Schicksal zeichnet, ist besonders eindrücklich).
 
Der dritte Teil dieses Romans handelt dann wiederum von Michael Davenport, und zwar vor seiner Einweisung in die Psychiatrie und nach seiner Entlassung aus der Klinik. Bei einer Lesung aus seinen Gedichten bricht er zusammen – er hat keine Erinnerung mehr an diesen durch Alkohol ausgelösten Vorfall – und landet wieder in einer Klinik, erholt sich, heiratet eine zwanzig Jahre jüngere Frau, Sarah, die beiden ziehen nach Kansas, wo Michael an einem College unterrichtet.
 
Besonders die Schilderungen der Alkoholabstürze und der damit verbundenen Angst- und Panikattacken wirken sehr realitätsnah. Richard Yates weiss ganz offensichtlich, wovon er da schreibt.
 
Als dann Laura, Michael und Lucy Tochter, ebenfalls psychiatrische Hilfe braucht, meint Sarah, er solle doch endlich einmal mit diesem Unsinn übers ‚Verrücktsein‘ aufhören, worauf Michael erwidert: „Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? ‚Psychotisch‘? ‚Manisch-depressiv‘? ‚Paranoide Schizophrenie‘? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab ‚irgendwie verrückt‘, ‚verrückt‘ und ‚total durchgeknallt‘. Das sind die Begriffe, denen ich traue …“.
 
„Eine strahlende Zukunft“ spielt in der Zeit als Bob Dylan und die Beatles auf der Bildfläche erschienen, was Lucy unter anderem Anlass ist, sich auch in Sachen Musikkultur zu positionieren. So fand sie etwa Dylan unerträglich. „Wo nahm dieser Collegejunge die Überheblichkeit, sich den Namen eines Dichters anzueignen? Warum konnte er nicht lernen zu schreiben, bevor er Songs für sich schrieb, oder lernen zu singen, bevor er sie öffentlich sang? Warum hatte dieser aufgeblasene Folktroubadour nicht ein bisschen Unterricht auf der Gitarre – oder auf seiner elektronischen Mundharmonika – genommen, bevor er sich daranmachte, Millionen von Kinderherzen zu erobern?“
 
Richard Yates, der Verfasser dieses eindrücklichen Romans, gilt als „Chronist des Scheiterns“. Die DVA publiziert sein Gesamtwerk auf Deutsch, man ist froh drum.

Richard Yates
Eine strahlende Zukunft
DVA, München 2014

Sunday, 8 March 2026

Traveler & Tourist

Gilbert K. Chesterton's: "The traveler sees what he sees, the tourist sees what he has come to see." perfectly sums up my traveling.

I do not inform myself much about a destination before embarking on a trip to a previously unknown place. That, however, does not mean that I do not know anything about the place for I have read about it, heard about it, often seen pictures of it. Differently put: I come with pictures in my head.

When visiting Brasília for the first time, I had lots of pictures in my head of the fabulous architecture of this exceptional city. What I however did not have on my radar was the fact that "my" hotel was, although close to the airport, pretty far from everything else.  Also, the neighbourhood did not look very inviting, a lower middle-class environment it was not.

Nevertheless, I ventured out, found a bakery and a supermarket, and on my way back discovered a flower that so far I had never seen.

Brasília, 2 March 2026

I'm somewhat glad that I involuntarily discovered a Brasília I would not have seen had I not mistakenly ended up in this neighbourhood where I saw what there was to see: unremarkable housing, small industries, and a wide open sky that invites you to see your life in perspective.