Wednesday, 19 August 2026
Soziale Brennpunkte
Sunday, 16 August 2026
Die Liebeshungrigen
Wednesday, 12 August 2026
Bücher und ihre Zeit
Raum und Zeit sind menschliche Erfindungen, zudem überaus beständige. Dies zu wissen, ist nicht besonders hilfreich, denn wir orientieren uns an dem, was wir kennen, und nicht am Unbekannten, auch wenn sich aufs Unbekannte einzulassen zu den faszinierendsten Erfahrungen eines Menschenlebens zählt. Ja klar, ich spreche von mir, von wem denn auch sonst?
Die Zeit kann erfahren werden. Aufgegangen ist mir das unter anderem am Beispiel der Zeit in Frank Wilczeks Fundamentals. „Die Beobachtung, dass es ein gemeinsames, universelles Tempo gibt, ist eine tiefgreifende Erkenntnis über die Art und Weise, wie die physikalische Welt funktioniert.“ So entwickeln sich etwa Säuglinge weltweit „ungefähr nach dem gleichen Zeitplan und beginnen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten zu laufen, zu sprechen und andere Fähigkeiten an den Tag zu legen.“ Auch im gemeinsamen Musizieren, bei dem alle Beteiligten synchron agieren müssen, zeigt sich, „dass wir eine gemeinsame sehr präzise Vorstellung davon haben, wie die Zeit vergeht.“
Mit der Zeit vergeht noch ganz viel anderes. Was mich einst interessierte, interessiert mich heute nicht mehr. Bücher, die ich einst verschlungen habe, sind mir heute nicht mehr zugänglich. Ich lese heute anders als mit zwanzig; so ist mir etwa das Bedürfnis nach Identifikation und Orientierung weitestgehend abhanden gekommen.
Von Zeit zu Zeit schenkt mir mein jüngerer, in Kalifornien lebender Bruder, Bücher, von denen er annimmt, sie würden mir gefallen. Da unser Geschmack ähnlich ist, trifft das auch regelmässig zu. Letzthin war es Pico Iyers Aflame: Learning from Silence. Ich habe Einiges von Iyer gelesen und auch geschätzt. Und auch bei diesem Buch war es nicht anders, habe ich viel Hilfreiches gelernt, bis mich dann so gegen Ende etwas zu stören begann. Mir war das alles etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Und dann diese unsägliche Wichtigtuerei: Gib es eigentlich ein Buch von dem Mann, in dem er nicht betont, beiläufig natürlich, dass er mit dem Dalai Lama auf Du und Du ist?
Einige Zeit später lieh ich mir in der Schulbibliothek in Santa Cruz do Sul Iyers The Lady and the Monk aus, das ich vor vielen Jahren ganz toll gefunden habe. Nach gut einer Stunde gab ich auf; auch dieses Werk war mir etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Mir war unerfindlich, was mich einst daran so fasziniert hat, ausser natürlich, dass ich damals selber so drauf gewesen bin.
Thomas Manns Buddenbrooks habe ich einst gefressen, den Zauberberg, trotz zahlreicher Anläufe nicht geschafft. Von David Foster Wallace habe ich viel gelesen und gut gefunden, doch die beiden Hauptwerke Infinite Jest und The Pale King sind mir bis heute unzugänglich geblieben.
Meine Lesepräferenzen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, weil ich mich, ohne das gross zu merken, verändert habe. Das einzig Beständige sei der Wandel, heisst es bei den Buddhisten. Und ab und zu nehme ich diesen Wandel sogar wahr!
Sunday, 9 August 2026
"Hijacking Memory"
Ich habe einige Stunden mit diesem Buch zugebracht. Fasziniert und frustriert, ärgerte ich mich zunehmend über diese Ansammlung akademischer Eitelkeiten. Zugegeben, das ist alles sehr differenziert und sehr gescheit, aber eben vor allem academic. Da wird zitiert, was man gelesen hat, werden Kollegen und Konkurrenten begrüsst, wird darauf hingewiesen, worauf man schon in früheren Schriften hingewiesen hatte. Nein, uninteressant ist das nicht, auch immer mal wieder anregend, doch das reicht mir nicht, ich will mehr und anderes, doch was genau, weiss ich leider auch nicht so recht.
Arundhati Roy geht mir durch den Kopf, die in "Aus der Werkstatt der Demokratie" geschrieben hat: "Als Schriftstellerin, Romanschriftstellerin, habe ich mich oft gefragt, ob der Versuch, immer präzise zu sein, alles faktisch richtig darzustellen, das epische Ausmass dessen, was gerade geschieht, schmälert. Verschleiert er womöglich eine grössere Wahrheit?"
Zugegeben, der Fehler liegt bei mir. Ich hätte mich tunlichst besser informieren sollen, bevor ich beim Verlag um ein Rezensionsexemplar nachsuchte, denn dann hätte ich gewusst, dass es sich bei diesem Werk um einen Tagungsband handelt – und das ist nun wirklich nicht meine Welt. So recht eigentlich wüsste ich nicht einmal zu sagen, was mich an diesem Thema interessiert, womöglich das mir vollkommen unverständliche Phänomen des Antisemitismus, wobei dieses Interesse allerdings nicht so gross ist, dass mich Überlegungen wie "Vom Antisemitismus zum Philo-Zionismus" oder "Der Aufstieg des proisraelischen Antisemitismus" beschäftigen.
Kurz und gut: Mir fehlt das einschlägige Wissen, um mich zu den Themen, die in diesem Buch aufgegriffen werden, äussern zu können. Dazu kommt, dass mir Analysen schlicht nicht genügen. Weit beunruhigender als die Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte erachte ich die vorhersehbare, einfaltslose Reaktion der Politik. Als Nicht-Historiker, der nicht davon ausgeht, dass der Mensch Wesentliches aus der Geschichte lernt, denn das müsste sich in seinem Verhalten zeigen, ist mir zudem vollkommen egal, warum jemand Verwerfliches, Böses etc. tut; mich interessiert allein, wie man das sofort abstellen kann. Diesbezüglich bin ich in diesem Werk allerdings kaum fündig geworden.
Susan Neiman kommt in ihrer Einleitung zu folgendem, bestens nachvollziehbarem Schluss: "Der Antisemitismus wird nicht wirklich bekämpft, sondern, im Gegenteil, von Massnahmen gefördert, die angeblich zu seiner Bekämpfung eingesetzt werden. Es geht nicht nur darum, dass Juden besonderen Schutz geniessen sollen, während andere Minderheiten diskriminiert, mundtot gemacht, gar deportiert werden. Noch schlimmer sind die Gründe für diese Deportationen: Proteste gegen die mörderischen und menschenrechtswidrigen Bedingungen, die seit Herbst 2023 in Gaza herrschen. Wer die Proteste dagegen als antisemitisch diffamiert, wirft alle Juden mit Netanyahus Regime in einen Topf. Wer soll sich da noch wundern, dass der Antisemitismus steigt?"
Für mich ist das überaus willkommener common sense (also bedauerlicherweise nicht besonders verbreitet), und so recht eigentlich ist damit alles wirklich Wichtige bereits gesagt. Wer es jedoch gerne wortreicher ausgeführt, detaillierter und an vielen Beispielen erläutert haben möchte, greife zu diesem Buch.
Zum Einstieg sei das Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Peter Beinart ("Ich akzeptiere nicht, dass ich ein Antisemit bin, wenn ich Israel kritisiere") empfohlen: Wesentliche, differenzierte und engagierte Aufklärung vom Feinsten!
"Hijacking Memory"
Zur Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte
transcript Verlag, Bielefeld 2026
Wednesday, 5 August 2026
Nicht länger ein Mensch
Dieses Buch ist ein Klassiker, und von Klassikern weiss man, dass sie nicht gelesen werden. Doch: "In Japan ist das Buch millionenfach verbreitet, dort entdeckt jede Lesergeneration aufs Neue die Aktulaität dieser zeitlosen Geschichte", lässt der Verlag wissen. Es wird wohl daran liegen, dass Autor Osamu Dazai existenzielle Probleme überzeugend darzustellen weiss.
Für den Ich-Erzähler Yozo Oba ist das Leben ein Rätsel, ihm ist das Tun und Lassen der Menschen unbegreiflich. "... mir schien, ich würde niemals die Beweggründe menschlichen Handelns verstehen können." Wie konnte man bloss das Dasein ertragen oder sich für Politik interessieren, ohne wahnsinnig zu werden? Schon als Bub ist ihm klar, dass er sich verstecken muss, seine Gedanken nicht preisgeben kann. Er setzt sich eine Clownmaske auf. Und benimmt sich wie ein Clown
„Sie spielen ein
Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel
zu spielen. Zeige ich ihnen,
dass ich sie spielen sehe, dann
breche ich die Regeln, und sie
werden mich bestrafen.
Ich muss ihr Spiel, nicht zu sehen, dass
ich das Spiel sehe, spielen.“
schrieb Ronald Laing in „Knoten“
Der einzige, der erkennt, dass Yozo Theater spielt, ist der leicht zurückgebliebene Schwächling der Klasse, Take'ichi, der ihm prophezeit: "Die Frauen werden sich bestimmt alle in dich vergucken." Ihm gegenüber traut sich Yozo auch, seine "empfindsame, leicht verletzbare und fragile Verfassung zu offenbaren."
Er tut, was von ihm erwartet wird. Er besucht die Zeichenschule, kann sich jedoch mit dem Leben im Studentenverband nicht anfreunden. Einer der Schüler, Horiki Masao, war ihm jedoch ähnlich: "irrten wir doch beide ziellos weit abseits der Lebenswelt gewöhnlicher Menschen herum." Jedoch: "Er gab den Narren, ohne es zu merken, schien sich der Tragödie seiner Existenz nicht einmal bewusst zu sein – das unterschied ihn essenziell von mir."
Als Student schliesst er sich den Kommunisten an. Nicht, weil er mit Marx viel anfangen kann, sondern, weil es illegal ist, und damit nicht den sogenannt normalen Menschen zugehörig. Ablenkung von seiner Urangst, die ihn überall hin verfolgt, findet er im Alkohol, im Tabak und bei Prostituierten. Er wird zum Säufer.
Eine starke Verbindung spürt er zu einer Hostess eines Nachtcafés auf der Ginza. Tsuneko stammt aus Westjapan, ist verheiratet, und trägt, wie er selber auch, "eine tiefe Einsamkeit in sich, gleich einem eisigen Windstoss, der das Laub wirr herumwirbelt." Zusammen mit ihr versucht er einen Doppelselbstmord; sie stirbt, er wird gerettet.
Seine Familie verstösst ihn, eine verwitwete Redakteurin nimmt sich seiner an. Doch was auch immer geschieht, die Angst und das Gefühl seiner Unzulänglichkeit lassen ihn nicht los. "Selbst vor Gott zitterte ich vor Angst und Bangigkeit. An seine Liebe konnte ich nicht glauben, nur an seine Strafen. Der Glaube. Das schien zu heissen: brav auf dem Richtstuhl den Kopf senken, um die Peitsche Gottes zu empfangen. Die Existenz der Hölle schien mir glaubhaft, doch das Himmelreich konnte unmöglich existieren."
Nichts und niemand, so scheint es, vermag ihm wirklich zu helfen. Was die Gesellschaft und die Religion zu bieten hat, erreicht ihn bestenfalls gedanklich, emotional hingegen nicht. Er bleibt gefangen in seinen Sinnlosigkeitsgefühlen
Wir zeigen der Welt nicht, was und wie wir empfinden. Wir schützen uns. Yozo Oba tut das mittels einer Clownmaskerade, die ihn jedoch unsäglich erschöpft. Und so ergibt er sich dem Suff. Erholt sich, und stürzt dann erneut ab.
Nicht länger ein Mensch ist ein vielschichtiger und überaus berührender Roman über einen Mann, der das Leben nicht erträgt, weder im Guten noch im Schlechten. Und der – erfreulicherweise – auf ein Happy End verzichtet. Dem Protagonisten bleibt das Dasein und besonders das Dasein und Tun seiner Mitmenschen bis zum Schluss unverständlich und fremd – auch wenn es immer mal wieder Lichtblicke bzw. Gefühle von Leichtigkeit gibt.
Gleichzeitig dokumentiert Nicht länger ein Mensch eine tiefe Tragik, die darin liegt, dass Yozo Oba Angst davor hat, seine wahren Gefühle zu zeigen – wie so recht eigentlich wir alle. Der Konformitätsdruck macht uns zu Lügnern.
Osamu Dazai
Nicht
länger ein Mensch
Anaconda, München 2025
Sunday, 2 August 2026
In Lyon und Montpellier
Im Zug nach Genf geht mir Laurence durch den Kopf, die vor zwei Jahren im Alter von 56 gestorben ist und die ich während vieler Jahre in Choulex bei Genf regelmässig besucht hatte. Ob ihre Mutter, die auch dort wohnte und mit der ich mich immer gerne ausgetauscht habe, noch lebt? Meine Google-Suche listet auch ihre Todesanzeige, sie ist vor einem Jahr im Alter von 90 gestorben. In Genf regnet es, der Himmel ist bewölkt, meine Stimmung auch. Es ist alles so traurig, pflegte mein lieber Freund Wamse bei unseren Telefonaten zu sagen.
Laurence habe ich zum letzten Mal im April 2019 in Zürich getroffen, als sie im Literaturhaus aus ihrem neuesten Buch las und gefragt wurde, ob, was sie beschreibe, auch so vorgefallen sei? Natürlich, erwiderte sie, auch wenn ihr klar sei, dass die von ihr geschilderte Absurdität unwahrscheinlich sei.
In Lyon. Vom Bahnhof zu meinem Hotel sei es zu Fuss gut vierzig Minuten, sagt Google. Die Leute, alt und jung, die ich unterwegs nach dem Weg frage, sind ausnahmslos freundlich. Dabei merke ich, dass wer mit einem Ziel durch die Stadt geht, nichts sieht. Erst als ich im Hotel eingecheckt, Kamera-bewehrt und offen für Fotomotive durch die Gegend spaziere, sehe ich etwas.
Am nächsten Tag, auf halber Strecke zum Bahnhof, vergewissere ich mich bei einer Schwarzen so um die 40, ob ich immer noch auf dem richtigen Weg bin. Zu welchem Bahnhof ich wolle? Part Dieu. Da solle ich die Metro nehmen, zu Fuss sei das viel zu weit. Höchstens eine halbe Stunde, sage ich. Viel zu weit, insistiert sie. Hält sie mich für zu alt, zu unfit für eine solche Stecke? Oder würde einfach sie selber eine solche Strecke nicht laufen? Ich laufe und entdecke Blumen am Strassenrand, die mir sonst entgangen wären.
Am Bahnhof warten zwei Afrikanerinnen um die 50/60 neben mir, goldene Ohrringe, Winterkleidung, unaufhörlich laut schwatzend. Als sie sich erheben und davongehen, verabschiedet sich die eine lachend, sie hat offenbar bemerkt, dass ich mich amüsiert habe.
So viele Leute am Bahnhof; die Zeiten in denen ich das Reisen als Abenteuer und mich selbst als Abenteurer empfand, sind passé ...
***
Montpellier. C'est vraiment mal indiqué, sagt der Mann, den ich nach dem Hotel frage, tout le monde demande. Die Sonne scheint, es hat um die 20 Grad
"Mein" Hotelzimmer hat zwar keinen Tisch oder sonst eine Ablage, dafür finden sich an den Wänden alte Schallplattencover und auf einem Gestell Bücher aufgereiht, darunter auch eine Biografie von Anne Sinclair, in die ich mich sofort vertiefe, die jedoch schon bald von der über Johnny Hallyday abgelöst und dann von einem Krimi verdrängt wird. Wunderbar, in Büchern zu blättern, auf die man selber nie gekommen wäre.
Am Nebentisch ein Mann, der während er isst, auf Spanisch telefoniert; seine Partnerin ist mit ihrem Handy beschäftigt.
Die Rue David Néel und die Rue Isabelle Eberhardt führen durch moderne Steinwüsten.
Zum Strand? Tram Nummer 3 ab Bahnhof Saint Roch, sagt man mir an der Rezeption. Mit der Nummer 3 zum Strand? Geht heute nicht, il y a une manifestation, informiert mich eine Verkehrspolizistin. Und so laufe ich durch die Strassen, mache Fotos, und finde alles Französische wie immer très sympa.
Die werden ja wohl nicht den ganzen Tag protestieren, denkt es so in mir, und so fahre ich dann am Nachmittag doch noch mit der Tram zum Meer. Und so sehe ich wieder einmal das Mittelmeer. Genauer: ich sehe viel Wasser, von dem ich weiss, dass man es Mittelmeer nennt.
Was fällt mir auf in Montpellier? Spontan: Die vielen Schwarzen. Und die freundlichen Leute.
Er staune, dass er überhaupt seinen Arm bewegen könne, las ich letzthin bei einem Zen-Meister. Seither taucht dieser Satz immer mal wieder in meinem Kopf auf. Und hilft mir, gegen den von den Medien verbreiteten Irrsinn, der darin besteht, Durchgeknallten eine Plattform zu geben, worauf die geneigte Leserschaft, den eigenen Irrsinn normal findet, nicht durchzudrehen.
Nur ältere Leute schauen beim Gehen nicht ständig aufs Handy. In einer Talkshow höre ich zum ersten Mal von einem anderen (einem israelisch-arabischen Muslim) als von mir, dass es bei Israel/Palästina um einem Kulturkrieg gehe.
Auch der Mann, der mit seinem Hund auf der Strasse lebt und mir freundlich Auskunft gibt, ist ständig mit seinem Handy beschäftigt.
Zu den Dingen, die ich mir im Ausland gönne, gehören McDonalds und der Besuch von Nagelstudios, deren Preise (bis auf eines, das jedoch ausgebucht war) allerdings Schweizer Niveau entsprechen, so dass ich es gelassen habe. Beim Abklappern der diversen Studios kriege ich ein Montpellier zu sehen, das mich (abgesehen von den Einkaufszentren, die auf der ganzen Welt gleich aussehen und die Uniformität des Menschen bezeugen) baulich und ästhetisch sehr anspricht. Sehr viel Grün, majestätische Architektur, enge Gassen, wunderschöne Alleen.
Am Bahnhof eine Pro-Palästina Demo, eine bunte Mischung aus alt und jung wie einst bei Ostermärschen, laut ist vor allem der Einpeitscher. Heutzutage finde ich das alles vor allem peinlich, naiv und verblendet.
Es könne morgen am Gare du Sud, von wo ich nach Lyon fahre, zu Verkehrsproblemen kommen, warnt mich die SNCF per SMS. Mir ist nicht klar, was ich da machen soll/kann.
Der Gare du Sud befindet sich an der Peripherie von Montpellier, erreichbar ist er mit Tram und Bus. Ein modernes Gebäude, das an einen Flughafen erinnert. Viele Leute warten, ausnahmslos alle starren auf ihr Handy und so tue ich es selber für einmal nicht, sitze einfach da, gucke vor mich hin und um mich rum. Kopfkino.
***
Zurück in Lyon. Die Ohrstöpsel, die im Hotel bereitliegen, finde ich wenig beruhigend. Kurz darauf rattert ein Zug durchs Zimmer.
Frühmorgens auf dem Weg zur Boulangerie, die Sonne scheint durch die von Baumkronen bedeckte Avenue. Wie in Mendoza, denkt es in mir. Wieder einmal das Gefühl, dass alles gleichzeitig geschieht.
Der Text wurde 2024 geschrieben.
Wednesday, 29 July 2026
On Documentary Photography
"In photographs," Susan Irvine wrote about the designer Calvin Klein, "he looks handsome, tanned, the all-American success story. In person, he looks withered, hunched, dancing nervily from foot to foot."
"Ceci n'est pas une pipe," the painter René Magritte explained his picture of a pipe, thus making the point that the picture of a pipe is nothing but a picture of a pipe. The same applies to photographs, although — and unlike paintings — we perceive them as strangely real. Moreover, despite us knowing that they can be, and sometimes are, manipulated, we trust them to be truthful — unless someone proves them to have been tampered with.
Essentially, photographs are documents, they are records. Even in our digital times in which we know less and less what to take for certain, our belief in the power of photographs to serve as evidence has not faltered. When, for instance, the death of Saddam Hussein's sons needed to be proven, it was done with photographs.
Photographs can thus serve as visual memories. And as much as they can become memory, they can also be used to block memory. It is precisely for this reason that the personalities of the people who contribute to the shaping of a photograph are important — it is the credibility of photographers as well as photo-editors and curators of photo-exhibitions that "guarantees" the authenticity of photographs. Yet, authenticity is not always relevant in photography — in advertising, for example, it is of no importance. In documentary photography, however, it is imperative for we want from documents what they, implicitly, promise — evidence of things observed.
Documentary does not mean television features about African wildlife or about historical events; neither does it allude to official documents such as passports, stamps, or school certificates. Documentary, as understood here, is about the things as they are, and not about how we would like them to be. It is about making personal records of events that take place in the physical world — for other people to see how the photographer has framed what he has witnessed. It is about telling a story. "Look at what my eyes have allowed me to see," as well as "Look at what I have allowed my eyes to see," such pictures exclaim. Moreover, they need to be taken with an open and respectful attitude towards the world we were born into. Documentary's task is to explore the world in a humanistic spirit — in a loving, caring and dignified way, that is. It is about discovery, not about creation; about finding out, not about inventing, it is about learning to become aware of the miracle called life.
Photography is still about the eye behind the lens. It is about being a filter, and it is about recording. It is about leaving one's home and seeing what is out there, it is about taking a look at the world that surrounds us. It is about reminding us of how things once have looked.
This, of course, can be done with any camera, yet it seems that the thinking of the digitalists has more to do with painting than with photography — for painting and digital imaging are about creating images, they are about being in command of the process of creation whereas documentary is mainly concerned with reflecting what is out there. Digital imaging, despite its making use of the camera, is a discipline of its own, for it is essentially about artistic arrangements of pixels on a computer screen; it is about the rearrangement of the world according to one's whims.
This is not to say that such undertakings can't be interesting, this is only to say that I find the world out there far more tempting than the prison of my own thoughts. Documentary photographers, as far as I'm concerned, should do what they've always done — in the words of Ken Brower "wander the world ... like the Zen archers we imagine them to be, with just thirty-six chances per roll."
Sunday, 26 July 2026
The Girl who played with Fire
She had discovered that the most effective method of keeping the fear at bay was to fantasize about something that gave her a feeling of strength.
In Lisbeth's eyes Camilla was insincere, corrupt, and manipulative. But it was Lisbeth whom society had declared incompetent.
Unlike most other people who knew her, Palmgren was sure that Salander was something else, a genuinely moral person. The problem was that her notion of morality did not always coincide with that of the justice system.
She didn't think it was worth trying to explain anything to uniformed authorities. She refused on principle to respond when psychiatrists tried to determine her mental state.
„Files are one thing, people are something else.“
Stieg Larsson: The Girl who played with Fire
Wednesday, 22 July 2026
Wer war Ingeborg Bachmann?
Sunday, 19 July 2026
Geschichte einer Erhebung
Wednesday, 15 July 2026
Impressionen aus Busan & Pohang
Erstaunlich immer wieder, wie wenig Hotelangestellte Englisch können, von dem man allgemein annimmt, dass es weltweit gesprochen wird. Als Telmo, ein Freund aus Santa Cruz do Sul, der hier eine Weiterbildung absolviert, im Hotel in Busan nach der Toilette fragt, wird ihm der Weg zu McDonalds gezeigt.
Dass man auch mit ganz wenig Fremdsprachenkenntnissen reisen kann, beweisen die beiden Russinnen beim Einchecken im Hotel: Sie antworten auf jede Frage mit 'Russian'.
In Busan bin ich, wie bereits in Seoul, durch Seitenstrassen spaziert und habe die Stille dort genossen. Ausser einigen alten Einheimischen habe ich dort niemanden angetroffen. Ein ganz anderes Busan erlebte ich als ich mit Telmo und dem Mann, der seinen Aufenhalt in Busan organisiert hat (Telmo lernt hier neue Operationstechniken), im Auto Ost-Busan kennenlernte. Drei Stunden waren wir im Auto unterwegs, vor allem entlang spektakulärer Küstenabschnitte, und hatten am Ende doch nur einen kleinen Teil der Stadt gesehen.
Die Amerikaner probieren einfach, wagen etwas (und richten oft ein Chaos an), die Koreaner hingegen planen minutiös, sagt Telmos Spital-Kontakt. In einem Cafe am Strand in Pohang zeigt sich das darin, dass der Angestellte nicht ein Jota vor seinen Vorschriften abweicht: Ich bin der einzige Gast an diesem Morgen, mir wird ein Fensterplatz im zweiten Stock zugewiesen. Nach zehn Minuten kommt eine elektronische Mitteilung, der Kaffee sei bereit, worauf ich wieder in den ersten Stock hinuntersteigen und ihn mir holen muss.
Beim Blick aus dem Fenster auf der Zugsfahrt von Busan nach Pohang muss ich manchmal laut auflachen, so absurd kommt mir die Szenerie vor. Das reiht sich Hochhaus an Hochhaus, was mich an China erinnert. Ein eigenartiges Wesen, der Mensch: Dass es an Platz mangelt auf der Welt, kann man nun wirklich nicht sagen. Nur eben: Der Mensch will dahin, wo auch alle anderen hinwollen. Und glaubt dann noch, das sei seinem Individualismus geschuldet.
An Informationsschalter im Bahnhof von Pohang arbeiten zwei Damen im fortgeschrittenen Alter, die zwar kein Englisch sprechen, doch nicken, als ich ihnen den Namen des Hotels ein paar Mal wiederhole. Irgendwie schaffe ich es, ihnen klarzumachen, dass sie mir den Hotelnamen in koreanischen Zeichen aufschreiben sollen. Sie tun dies bereitwillig und so mache ich mich gewappnet auf zum Taxistand, wo mich in der Warteschlange ein Outdoor-Spezialist aus Seoul anspricht, und in der Folge dem Taxifahrer Anweisungen gibt, wo er mich hinfahren soll. Vorbereitet zu sein, bringt auch nicht immer viel.
Mein Zimmer ist geräumig, besonders der Schreibtisch ist sehr willkommen, ein Fenster hat es obendrein (das war in Busan nicht so), und so beschliesse ich, mich hier ein paar Tage niederzulassen, die Gegend zu erkunden und zu lesen. Ich spaziere zwischen vier und fünf Stunden durch die Strassen, mache Fotos und versuche, präsent zu sein. Damit das gelingt, muss ich mich ständig ermahnen, meine Schritte zu verlangsamen, mir für die Fotos Zeit zu nehmen.
Keine Ahnung, weshalb mir einiges in Erinnerung bleibt, und anderes nicht. Die gängigen Erklärungsversuche haben mich noch nie überzeugt. Die allersimpelste Version (man erinnert sich an das, was einem wichtig ist), ist von schwer zu übertreffender Blödheit. Woran ich mich seit ein paar Tagen erinnere, ist der Satz der jungen Japanerin am Bahnhof von Unseo: Die Koreaner seien Meister des Designs. Jeden Tag wird mir das vor Augen geführt. Und dann ist da noch ein Zitat von Roald Dahl, das mir nicht mehr aus dem Kopf will (und ich bin froh drum):“The same boiling water that softens the potato hardens the egg. It's about what you're made of, not the circumstances.”
Oft weiss ich nicht, wo ich mich befinde, besonders beim Aufwachen. In Kuba, in Japan, in Thailand? Mir kommt es vor, als ob alles gleichzeitig geschieht und der Mensch die Zeit erfunden hat, um sich Halt und Orientierung zu geben. Bis sie sich dann gegen uns wendet und uns terrorisiert.
Sunday, 12 July 2026
Die Fremde
Wednesday, 8 July 2026
Vom Reisen
Vor zwei Tagen noch in Sargans, jetzt irgendwie übergangslos in Südkorea – eigenartiger geht kaum.
Incheon, das liegt nahe Flughafen und ist wohl deswegen voller Hotels. Eins neben dem andern, eine ganze Strasse lang. Die Südkoreaner seien Meister des Designs, informiert mich eine junge Japanerin, auf dem Heimweg von einer 7-Tage-Reise nach Usbekistan, eine Land, das für islamische Kunst berühmt sei. Sie zeigt mir auf ihrem Handy Bilder, die selbst im Kleinformat eindrücklich wirken.
Von Incheon gelangt man bequem in die Innenstadt von Seoul. Alle starren aufs Handy oder schlafen. Wie in Japan hat man hier gelegentlich den Eindruck man sei in Steinwüsten unterwegs. Südkorea ist ein Land der Hochhäuser, von denen einige die Bezeichnung Wolkenkratzer definitiv verdienen,
Immer mal wieder geht mir ein junges spanisches Paar durch den Kopf, die mir in Japan von Südkorea vorgeschwärmt hatten, vor allem, dass die Leute, im Gegensatz zu Japan, auf einen zugehen, das Gespräch suchen. Ich erlebe das auch so, doch habe ich in meinen ersten paar Tagen vor allem mit Japanern geplaudert, darunter ein Astrobiologe, dessen Ziel es ist, professioneller Pokerspieler zu werden, denn da gehe es darum, dass Kopf und Emotionen ausgeschaltet würden, und man nur noch automatisch funktioniere.
Es gibt Südkoreaner, die freundlich, zuvorkommend und hilfsbereits sind, es gibt aber auch ganz andere, die abweisend oder vollkommmen uninteressiert sind. Bei Japanern ist es auch so, bei Amerikanern, Brasilianern und Schweizern ebenso. Trotzdem gibt es Unterschiede, sie liegen in der Luft, man kann sie spüren. Daraus eine Theorie abzuleiten ist unnötig.
Alles geht ineinander über. Manchmal wähne ich mich in Japan, dann wieder in Warschau. Es ist als ob alles gleichzeitig ablaufen würde. Ich habe das unterwegs schon oft erlebt: Die Zeit ist definitiv eine Illusion. Zugegeben, eine hilfreiche.
Auf youtube scherzt der 82jährige Mick Jagger, in Begleitung seiner 38jährigen Verlobten (!?), für die Kameras. Fühle mich peinlich berührt; würdeloser geht kaum. Nicht so sehr des Altersunterschieds, sondern seiner Anbiederung an die Medien wegen. Alter und Eitelkeit vertragen sich besonders schlecht.
In Pohang. Die junge Frau (sie sieht aus wie 17, ist aber Ende 20) im Cafe liest Hemingway, hat Komposition studiert und unterrichtet Musik; ihr Traum ist Filmmusik zu schreiben. Im Lokal läuft Jazz, ich bin der einzige Gast. An 'Der alte Mann und das Meer' gefällt ihr, dass alle Menschen dieselben Ziele haben.
Wir unterhalten uns mittels einer Übersetzungsmaschine. Was mich nach Pohang bringe? Ich weiss es nicht wirklich, doch ich gehe gerne an Orte, von denen ich noch nie gehört und also auch kein Bild im Kopf habe. Was ihr an Pohang gefalle? Das Meer. Und sonst? Sonst sei da nichts, das Meer genüge vollauf. Vielleicht ist ja da mein unbewusster Grund (wenn es denn einen braucht), um hier zu sein, denn ich bin gerne an Orten, die keine Versprechen einlösen müssen.
Sie stammt aus einer Musikerfamilie. Vater, Mutter, Bruder – alle Musiker. Sie seien ziemlich herumgekommen, vor allem Seoul habe ihr gut getan. In Korea sei wichtig, dass man es in Seouls schaffe. Dort habe sie ihren Abschluss gemacht; jetzt sei sie froh, hier zu sein. Das stabilisiere sie.
Die japanischen Häuser in Guryongpo solle ich mir ansehen, wird mir geraten. Das sei eine halbe Stunde mit dem Bus, informiert mich die Rezeptionistin. Ob es sich lohne? Für sie nicht, antwortet sie, das seien einfach ein paar wenige japanische Häuser. Ob sich das Stadtzentrum lohne? So recht eigentlich sehe es überall ähnlich aus. Und so beschliesse ich, den am Vortag entdeckten Kanal entlang zu spazieren, mache Fotos, setze mich auf eine Bank und lese 'Sutton', wo ich bereits auf den ersten Seiten auf so lehrreiche Sätze stosse wie: All bosses eventually become fascists. Human nature.
Wie immer, so rennt mir auch beim Reisen das Hirn davon, will mich nicht verweilen lassen, wo ich gerade bin. Ich versuche, Gegensteuer zu geben. Anstatt zwei, drei Nächte, verbringe ich sechs in Pohang. Spaziere immer wieder durch dieselben Strassen und entdecke ständig Neues.
Das Hotel befinde sich in Strandnähe (Songdo Beach), so die Werbung. Nun ja, das ist relativ – es sind gut zwei Kilometer dahin, doch dann hat man eine sehr, sehr lange Uferpromande am japanischen Meer vor sich (trotz des grossen Sandstrands badet niemand, auch Sonnenbaden ist hier nicht angesagt), die man stundenlang entlanggehen kann. Das wird zu einer meiner Routinen.
Reisen: Die Begegnung mit Unverhofftem: Auf dem Weg (häufig wähne ich mich in Bangkok) zum Songdo Beach (ich habe in dieser Gegend noch nie einen anderen Westler gesehen) bleibe ich eines Morgens vor einem Laden stehen, um eine Blume zu fotografieren, als mich ein junges Mädchen anspricht, das auf meine Frage, woher sie Englisch könne, mit Guam antwortet. How long did you live in Guam? For almost ten years. And, how old are you? Nine.
Was mir beim Reisen primär auffällt: Wie beschränkt die Welt ist, in der ich mich zumeist bewege. Das hat auch, so scheint mir, mit den Polit-Medien zu tun, die mich mit Themen bombardieren, die mich angeblich interessieren sollten. Doch dann merke ich, dass mich viel mehr fasziniert, dass eine japanische Bankerin sich für islamische Kunst begeistert, und junge Japaner sich fürs Pokern (sie seien nur wenige, sagte mir der eine) engagieren.
Reisend vergeht die Zeit langsamer. Bewusst wird mir dabei auch: Es gibt so viele unterschiedliche Welten, es ist eine Bereicherung, von einem Teil davon etwas mitzukriegen. Und auch zu lernen, dass es Nationen gibt, die offensichtlich noch weit pünktlicher sind als wir Schweizer. Siehe das untenstehende Bild.
















