Kennen Sie Oblomow? Nein? Bartleby, der Schreiber? Nein? Vielleicht kriegen Sie nach der Lektüre von Die Pause ist vorbei Lust darauf, denn die beiden haben Dario Ferrari für sein Porträt von Marcello, dem von "Entscheidungsunlust" geplagten Helden dieses überaus unterhaltsamen Romans, Pate gestanden.
Der antrieblose Marcello, den das Erwachsenenleben so ziemlich gar nicht reizt, bewirbt sich um eine Promotionsstelle an der Uni Pisa. Da schon weit Fähigere keine Stipendien gekriegt haben, rechnet er sich keine grossen Chancen aus. Und so recht eigentlich hat er auch gar keine Lust dazu, denn selbst den Besten bleibt anschliessend nur "an irgendeiner Fachoberschule irgendwo in der Po-Ebene Italienisch und Geschichte zu unterrichten, wo alle nur Dialekt sprechen, jeden Satz mit Vulgärausdrücken spicken und Lehrer auf der untersten Stufe der menschlichen wie der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Wahrscheinlich gehen sie nur noch mit einer Kalaschnikow in die Schule, sobald sie herausfinden, dass selbst der Schulrektor un po' nicht mit Apostroph, sondern mit Akzent schreibt." Merke: Nur die Satire schafft heutzutage eine einigermassen realistische Darstellung der Realität.
Doch Marcello kriegt das Stipendium, steht an einem Neuanfang, zu dem auch sein Bart weg muss, was seine Freundin Letizia mit "Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten" kommentiert. "Offenbar ist ihr überhaupt nicht bewusst, dass sie mit dieser Andeutung, unter meinem Fünfjahresbart habe sich hinterlistig mein Vater verborgen, mich ganz nebenbei traumatisiert." Traumata, wohin man heutzutage auch schaut!
Die beiden Themen, die er seinem Doktorvater vorschlägt, kommen nicht gut an. Stattdessen rät ihm der Professor, sein Forschungsgebiet zu begrenzen. "... stecken Sie es mit der gebotenen Präzision ab und werden Sie die grösste Autorität in dieser kleinen Parzelle. So funktioniert die akademische Welt." Es gibt in diesem Roman auch einen sehr, sehr lustigen Essay mit dem Titel Wie man einen wissenschaftlichen Artikel schreibt (und vor allem: was ist das überhaupt?, der für jeden (und jede) der akademische Karriere machen möchte, überaus nützlich ist. Wer glaubt, es handle sich dabei um eine Satire: Es ist keine, vielmehr ist es allerbeste Aufklärung.
Der Professor schlägt ihm als Thema den ebenfalls aus Viareggio stammenden Tito Sella vor, über den sich Marcello bei Wikipedia kundig macht: "Tito Sella (1953-1998) war ein italienischer Terrorist." Was bewegte den Professor bloss dazu, ihm dieses Thema aufzudrücken? Das zeigt sich dann erst gegen Schluss ...
Marcello lebt bei seiner Mutter. Als seine Freundin Letizia, eine aus reichem Hause stammende, angehende Ärztin, vorschlägt, zusammenzuziehen, erüllt ihn das mit Panik. Schliesslich ist er jeder Veränderung zutiefst abgeneigt. Dazu kommt, dass Verantwortung zu übernehmen gar nicht sein Ding ist. Überhaupt zieht er dem Handeln das Sich-Gedanken-Machen eindeutig vor und ist sich durchaus bewusst, dass er mit seinen mittlerweile 31 Jahren emotional noch immer so um die 16 ist. Es geht ihm also auch nicht viel anders als den meisten von uns.
Die Pause ist vorbei handelt einerseits von der Weigerung, erwachsen zu werden (was auch immer man darunter verstehen mag, schliesslich tun die meisten Erwachsenen nur, also ob sie es wären), ist aber andererseits auch eine überaus anregende Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie Literaturwissenschaft betrieben wird. "Unter den interpretatorischen Hammerschlägen zerbröselt das Werk und kann für jede x-beliebige Aussage herhalten." Was ich einmal im Jurastudium gehört habe ("Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtskenntnis.") gilt abgewandelt auch für Literaturwissenschaftler: "... dass man, wenn man einen Autor verstehen will, ihn lesen muss ...".
Wie bei so recht eigentlich allem im Leben, ist vor allem entscheidend, sich mit denen, die (selbstverständlich unverdientermassen) sozial über einem stehen, gut zu stellen. Als Marcello aufgetragen wird (nicht etwa, dass er sich darum bemüht hätte), ein Symposium über Vergleichende Italianistik zu organisieren, fühlt er sich "völlig fehl am Platze und ohne jede Vorstellung, worin die Minimalkompetenzen für die von mir erwarteten Tätigkeiten bestehen könnten." Er wird dahhingehend beruhigt, dass er das ja nicht alleine bewerkstelligen müsse, sondern auf die Hilfe einer Langzeitdoktorandin zählen könne.
Wie die beiden in der Folge dieses Symposium vorbereiten, ist ein echtes Glanzstück, bei dem einem nicht nur akademische Gepflogenheiten, die gänzlich academic sind, nahegebracht werden, sondern auch darüber aufgeklärt wird, dass es in dieser Welt von Eitelkeiten nur so wimmelt. Akademisch zu arbeiten, bedeutet ja vor allem, auf Teufel-komm-raus zu differenzieren; selten wurde das komischer geschildert als in diesem Roman.
Kein Buch über den Universitätsbetrieb hat mich je derart erheitert, was natürlich auch daran liegt, dass des Autors Schilderung überaus realistisch daherkommt, schliesslich gibt es kaum Absurderes als des Menschen Bedeutungswahn. "Diese Wesen trifft der Schlag, wenn sie feststellen müssen , dass sich ihre Monografie Die Metrik in der mundartlichen Dichtung Italiens im 19. und 20. Jahrhunderts schlechter verkauft als der Roman, der den letzten Premio Strega gewonnen hat."
Die sich aufplusternde akademische Welt ist das Eine, sie in Italien anzusiedeln, ein Geniestreich sondergleichen. So kocht etwa Marcellos Mutter jeweils zu Weihnachten für eine ganze Kohorte von Onkeln und Grossonkeln. "Es sind ausnahmslos Männer ohne weibliche Begleitung (folglich ohne jemanden, der mit anpacken würde), dafür aber mit enormen Ansprüchen und von rudimentärem Verstand,." Eine comédie humaine, die mich Tränen lachen liess.
Fazit: Witzig, gescheit und vielfältig erhellend; ein Lesegenuss erster Güte!
Dario Ferrari
Die Pause ist vorbei
Roman
Wagenbach, Berlin 2026


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