Wednesday, 6 October 2021

Aufzeichnungen aus dem Untergrund

Keiner, dessen Einsichten in die menschliche Seele mich mehr gelehrt hätten. Für mich ist Fjodor M. Dostojewski der grösste Psychologe, den die Welt je gesehen hat. Und so überrascht es mich denn auch nicht, dass ich bereits auf der ersten Seite dieser Aufzeichnungen aus dem Untergrund auf einen Satz stosse, den ich mir unverzüglich anstreiche: "Ich bin gebildet genug, um nicht abergläubisch zu sein, und  doch bin ich abergläubisch."

Ein ehemaliger Beamter, vierzigjährig, regt sich auf, über Mensch und Gesellschaft. "Und nun friste ich mein Leben in meinem einsamen Winkel und verhöhne mich selbst, indem ich mich der trotzigen und völlig nutzlosen Genugtuung ergebe, dass ein kluger Mensch doch nicht ernsthaft etwas werden kann, sondern dass nur ein Dummkopf etwas werden kann." Ganz offenbar hat sich seit dem neunzehnten Jahrhundert diesbezüglich nichts geändert.

In der Schule lernen wir, dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen. Mir selber steht Ralph Waldo Emersons Anregung näher, man solle sich seine eigene Bibel machen, indem man die Wörter und Sätze verwende, die man bei der Lektüre als Trompetenstoss erfahren habe. Konkret: Ich nehme mir von diesem Buch, was mich anspricht; Zusammenhänge überlasse ich denen mit literarischen Interessen.

Der Protagonist von Aufzeichnungen aus dem Untergrund beschäftigt sich wesentlich mit der Frage, was eigentlich den Menschen ausmacht. "Die Vernunft, meine Herrschaften, ist eine gute Sache, das ist unbestritten, aber die Vernunft ist lediglich die Vernunft und befriedigt lediglich die vernünftigen Begabungen des Menschen, das Wollen hingegen ist die Bekundung des Lebens insgesamt, das heisst des gesamten menschlichen Lebens, und zwar mitsamt der Vernunft und allen anderen Gelüsten. Und selbst wenn das Leben in dieser Form ein ziemlicher Mist ist, ist es doch das Leben und nicht allein das Ziehen der Quadratwurzel."

Was ist der Mensch? Was soll er sein, wonach sich ausrichten? Und vor allem: Weshalb sollte er nicht das für ihn Nützliche wollen? "um das Recht zu haben, für sich das Allerdümmste zu wünschen und nicht an die Pflicht gebunden zu sein, für sich selbst ausschliesslich Kluges zu wünschen." Denn die Rechthaberei macht seine Persönlichkeit und Individualität aus. Nichts ist dem Menschen wichtiger als dieses launenhafte Ich, das ihn doch ausmacht, auch wenn er darunter leidet.

Der Protagonist ist besserwisserisch, sich bemitleidend, zweifelnd, sich rechtfertigend. Er weiss um die Heilkraft der Aufrichtigkeit, aber eben auch um ihre Grenzen. Schreiben ist für ihn Therapie. "Schlussendlich: Ich langweile mich und tue die ganze Zeit nichts. Das Schreiben ist ja doch tatsächlich so etwas wie Arbeit. Es heisst, der Mensch werde durch Arbeit gut und ehrlich. Das ist doch immerhin eine Chance." Damit endet "Untergrund", wie der erste Teil heisst; der zweite trägt den Titel "Angelegentlich nassen Schnees" und handelt von Begebenheiten aus der Vergangenheit des Ich-Erzählers, hauptsächlich von Verletzungen, die er nicht verwinden kann.

"Die anderen waren alle dumm und einer wie der andere wie Schafe einer Herde", räsoniert er. Trotzdem grämt er sich, dass ihm keine Achtung gezollt wird. Er sinnt auf Rache, ständig. Dabei schwankt er zwischen Überheblichkeit und Selbsterniedrigung. "Held oder Dreck, dazwischen gab es nichts." Er macht die Bekanntschaft einer jungen Prostituierten, will sie retten und versagt kläglich – er ist ein Merker, kein Täter, lebt in seinen Fantasien, nicht in der Realität.

So recht eigentlich wartet der Ich-Erzähler ständig auf den radikalen Umbruch in seinem Leben. Gleichzeitig glaubt er, dass ein solcher von sich aus nicht möglich ist. "Wir sind ja sogar so weit, dass wir das echte 'lebendige Leben' als mühevolle Arbeit betrachten, fast so etwas wie eine dienstliche Verpflichtung, und wir alle sind insgesamt der Ansicht, dass ein Leben, wie es im Buche steht, besser sei." Der Mensch auf sich alleine gestellt, so schliesse ich daraus, ist verloren. Das Damaskus-Erlebnis der inneren Umkehr hält Dostojewski für gleichwohl möglich – als Gnade, die einem zuteilwerden kann.

Aufzeichnungen aus dem Untergrund wurde von Ursula Keller aus dem Russischen übersetzt und mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen. Sie charakterisiert Dostojewski treffend als grossen Zweifler und eigensinnigen Nonkonformisten, der das allgemein Akzeptierte ablehnt.

Der Mensch handelt, wie er handelt, um sich seiner Selbst zu vergewissern. Es ist unser Ego, das uns am Leben hält, und dieses ist unseren Emotionen (und nicht etwa der Ratio) unterworfen. Selten wurde das eindrücklicher geschildert als in diesem "wahren Geniestreich der Psychologie" (Nietzsche).

Fjodor M. Dostojewski
Aufzeichnungen aus dem Untergrund
Manesse, München 2021

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