Wednesday, 15 June 2022

GENUA La Superba

Martin, der in Ligurien, in der Nähe von Genua, viel Zeit verbringt, hat mir von diesem Buch geschwärmt und auch erzählt, die Autorin verbringe ihre Zeit zwischen Haldenstein und Genua. Da ich selber solche Hin-und-Her-Phasen kenne – einst zwischen Bangkok und Sargans, heutzutage zwischen Santa Cruz do Sul und Sargans – , stelle ich mir vor, die Autorin sei von Genua so angefressen wie ich von meinen eigenen Wahlwohnorten.

Ich kenne die Stadt nicht, habe nur letzthin auf der Hinfahrt nach Cinque Terre die Gegend um den Bahnhof erkundet. Auch Prisca Roth, die Autorin von Genua – La Superbabeginnt mit dem Bahnhofsplatz – wobei: nicht ganz, zuerst zitiert sie Italo Calvino, doch da ich zu ihm keinen Bezug habe, überspringe ich das – und nimmt einen dann gleichsam an der Hand, erläutert, was man sieht, geht unweigerlich (sie ist Historikerin) zurück in die Geschichte – es ist lehrreich, was man erfährt, unaufgeregt vorgetragen, in einem mir sympathischen Ton. 

Schon bald merke ich, dass das kein Buch ist, das man so liest wie etwa eine Erzählung oder einen Roman. Vielmehr ist es ein Werk, das sich als Führer durch die Stadt eignet. Man muss, was hier beschrieben wird, vor Augen haben, um die dazugehörigen Informationen zu schätzen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Und obwohl ich noch nie mit einem Reiseführer durch eine Stadt gestreift bin, kann ich mir das mit Genua – La Superba gut vorstellen. Und so nehme ich mir vor, nächstens für ein paar Tage hinzufahren.

Wobei: Dieses Buch ist so anschaulich geschrieben und zudem mit zahlreichen Bildern und Illustrationen versehen, dass es auch zuhause gelesen werden kann, besonders dann, wenn man sich einzelne Kapitel herausgreift – jedenfalls ist es mir so ergangen. Speziell "Genua: Das Meer der Schweiz. Von Hotelköniginnen und Bahnpionieren, Zuckerbäckern und Prostituierten – Eine Hommage an Genuas Migrationsgeschichte" hat es mir angetan. Auch natürlich, weil ich da Franz Josef Bucher und Josef Durrer porträtiert werden, die sich die Konzession für den Bau der Righi-Bahn in Genua sicherten. Der Einschub über "Die Rig(h)i am Mittelmeer" macht mein Herz vor Freude hüpfen, so wunderbar sachlich, unprätentiös und treffend ist er geschrieben – wie überhaupt dieses Buch. Franz Josef Bucher scheint übrigens mehr der PR-Mann gewesen zu sein (ausser subito! kannte er keine Italienisch), Josef Durrer musste dessen Versprechen dann umsetzen.

"Genua ist eine weltoffene, multiethnische Stadt. Durch ihre Position als Hafenstadt ist sie besonders von der Immigration aus den Entwicklungs- und Schwellenländern betroffen." Das bedeutet auch illegale Einwanderung sowie Prostitution, die "nicht wie andernorts hauptsächlich nachts, sondern tagsüber ausgeübt wird." Übrigens: Die Prostitution ist in Italien kein Vergehen, strafbar ist jedoch, sich an den Prostituierten finanziell zu bereichern. "Dies sind in erster Linie die Hausbesitzer, die ihre Lokale an die Prostituierten vermieten."

Von Friedrich Glauser lese ich, der sich 1938 im Stadtteil Nervi aufhielt, von Margaritta Fanconi-Klainguti, die nicht nur im Engadin, sondern auch in Nervi ein Hotel erwarb, von beschwerlichen Reisen (vor der Eröffnung der Gotthardbahn im Jahr 1882 musste man mit 28 Stunden Reisezeit rechnen), die durch eine direkte Zugverbindung von Nervi nach Zürich obsolet wurden. Zarli Carigiet, Ernest Hemingway und Henri Guisan waren Gäste im Hotel Savoia der Familie Beeler.

Genua – La Superba ist eine Schatztruhe voller faszinierender Geschichten. Zum Beispiel der von Anna Josepha Paulina Scheuber, geboren 1864 in Büren, Nidwalden, die als 14Jährige, ohne ihren Eltern Bescheid zu sagen, nach Nervi reiste, sich dort als Hilfsköchin in einer Fremdenpension verdingte, von einem betuchten Ehepaar nach Buenos Aires mitgenommen wird, im Alter von 24 nach Nervi zurückkehrt und dort die "Villa Pagoda" ersteigert und daraus ein renommiertes Hotel macht. Soweit ein paar Eckpunkte, die ganze Geschichte verläuft um einiges dramatischer.

Zudem ist Genua – La Superba ein überaus clever gestaltetes Buch, nicht nur der Typografie und Bilderanordnung wegen. Bereits ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt einem nicht nur die beeindruckende Vielfalt der behandelten Themen, sie macht einem deutlich (klar doch, ich rede von mir, halte mich jedoch diesbezüglich nicht für eine Ausnahme), dass man es mit einer fantasievollen Autorin zu tun hat, die neugierig zu machen versteht. Ein paar willkürlich ausgewählte Titel mögen dies illustrieren: Sant'Anna: der schiefste Platz und die älteste Apotheke; Im Namen Gottes und des Profits; Maultierpfade mit Meerblick; Petit-Versailles mit Küche in Genua; Eine Bergwanderung auf Genuas Balkon.

Das Buch schliesst mit einem Serviceteil, der unter anderem auch darüber informiert, dass es eine Direktverbindung Zürich-Genua gibt, einen Barbiersalon, der unter Denkmalschutz steht und in Betrieb ist, sowie die begehrtesten Buchhandlungen aufführt. Und was ist die beste Reisezeit? Auch das erfahren Sie in diesem wirklich tollen Buch.

Prisca Roth
GENUA - La Superba
Streifzüge durch die Kulturstadt
Hier & Jetzt, Zürich 2022

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