Wednesday, 18 March 2026

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess

In jüngeren Jahren, also vor meinem Lizentiat der Rechtswissenschaften, als ich noch idealistische Vorstellungen von Recht und Rechtsstaat hegte, gehörten Gerichtsreportagen zu meiner Lieblingslektüre. Mittlerweile halte ich das sogenannte Recht und alles drumherum wesentlich für ein Business-Modell, und bin jetzt gespannt wie wohl diese drei Reportagen auf mich wirken, wobei ich positiv voreingenommen bin, denn was ich von Martha Gellhorn gelesen habe (insebesondere ihren Roman Liana) schätze ich sehr. Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Lektüre ist ganz unbedingt empfehlenswert, da aufklärend, wesentlich und horizonterweiternd. 

Ein Gerichtssaal ist einem Theater vergleichbar: Die Inszenierung ist wichtig. Für Juristen entscheidend sind jedoch die Argumente, die häufig absurder kaum sein könnten. So zitiert Janet Flanner etwa Görings Anwalt mit "Es ist unmöglich, eine Handlung zu beurteilen, ohne das Motiv zu kennen." Nun ja, Motive sind meist unbewusst. Zudem: Das Unbewusste wird so genannt, weil es dem Bewusstsein nicht zugänglich ist!

Juristen unterscheiden zwischen der objektiven und der subjektiven Seite eines Geschehens, was impliziert, der Beweggrund für eine Tat könne erkannt werden. So nachvollziehbar dies gemäss unserem Denken auch ist, mir selber steht die Herangehensweise der noch nicht sozial auf Linie Getrimmten näher: "Young children tend to focus on causal responsibility, while older children and adults tend to focus on intent." (Fiery Cushman: Should the Law Depend on Luck?).

Im Herzen des Weltfeindes wird eingeleitet durch ein Vorwort des Rechtswissenschaftlers Ingo Müller, der den Hauptanklagevertreter Robert Jackson höchst wohlwollend porträtiert, was Janet Flanner jedoch ganz anders sieht ("Ihm schien es nicht nur an Hintergrund und Weisheit zu mangeln ..."). Überhaupt zeichnet dieses Buch aus, dass drei ganz unterschiedliche Temperamente zu Wort kommen, die jedoch, wie Klaus Bittermann in seinem informativen und vielfätig aufschlussreichen Nachwort festhält, sich ausserstande sahen, "die Deutschen nicht zu hassen. Und auch Lee Miller (von der die Fotos vom zerstörten Nürnberg in diesem Band stammen) machte aus ihrem Hass keinen Hehl. Sie setzte nie wieder einen Fuss auf deutsches Gebiet. Sie wollte nie wieder an Deutschland erinnert werden. Ihre Erschütterung war so tiefgreifend, dass sie zur Alkoholikerin wurde." Am Rande: Warum jemand zu einer Alkoholikerin wird, darüber kann man bestenfalls rätseln. 

Was diesen drei Frauen, die einander nie begegnet sind, auch gemein ist: Eine höchst differenzierte Beobachtungsgabe, die sich unter anderem in der Beschreibung des Äusseren sowie der Gebahrens der auftretenden Personen zeigt. Und dass sie viel Vertrauen und Hoffnung in den Rechtsstaat setzen. "Es (das Tribunal) erscheint wie eine Insel der Hoffnung, des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit der Alliierten inmitten der düsteren, auf Untergang eingestimmten Deutschen und deren zerstörter Stadt." (Janet Flanner). "Seine (Sir Geoffrey Laurence, der Präsident des Tribunals) Stimme war ein Symbol für das, was alle zivilisierten Menschen von der Gerechtigkeit erwarten und was sie darunter verstehen – etwas Klares und Unerschrockenes, stärker als die Zeit." (Martha Gellhorn). "Es war notwendig, und zwar wirklich notwendig, dass eine grosse Anzahl von Personen, inklusive der Führung von Armee und Zivilbehörden, nach Nürnberg fuhr und sich die Urteilsverkündung anhörte, denn auf keine andere erdenkliche Weise konnten sie sonst nachvollziehen, worum es in dem Prozess überhaupt gegangen war." (Rebecca West). 

Im Herzen des Weltfeindes ist auch eine Dokumentation eines interkulturell  einzigartigen Vorgangs. Die Verteidiger waren Deutsche, die Ankläger und Richter stammten aus Nationen mit unterschiedlichen Auffassung hinsichtlich des Verfahrens. Gemäss Janet Flanner wurde der Prozess als amerikanische Veranstaltung begriffen, die dann auch mit einem Kreuzverhör von Göring ihren Anfang nahm. "Die Franzosen kennen kein Kreuzverhör, die Russen hatten vermuitlich überhaupt keine Ahnung, und die Briten wussten wenigstens, wie sie sich über den Tag retten konnten."

Verblüfft hat mich, dass vermutlich die meisten Deutschen von dem Prozess nicht gross Kenntnis genommen haben, auch wenn es verständlich ist, schliesslich hatten sie andere Sorgen  – die Stadt war zerstört, die Läden leer, auch sind wohl nicht wenige davon ausgegangen, dass die Schuld der Angeklagten feststand. Doch zeigt dies eben auch (wieder einmal), dass das, worüber die Zeitungen berichten bzw. in Büchern zu lesen ist, das Leben der allermeisten kaum beeinflusst.

Im Herzen des Weltfeindes kommt zur richtigen Zeit, da der Antisemitismus wieder vermehrt offen zutage tritt (fehlende Scham ist ein Merkmal der Unzivilisiertheit) und die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis unterzugehen droht. Es zeichnet diese Reportagen aus, dass die Autorinnen Stellung beziehen und keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis auf der Anklagebank machen, die sich allesamt unschuldig geben.
 
Im Herzen des Weltfeindes erschöpft sich nicht in Berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (Rebecca West schildert auch ihre Streifzüge durch das kaputtte Land), sondern weist darüber hinaus, indem es uns eindringlich vor Augen führt, dass sich der Verantwortung zu stellen, feigen, brutalen und selbstherrlichen Anstiftern unbekannt ist. Es ist auch heute noch so.

Janet Flanner, Martha Gellhorn, Rebecca West
Im Herzen des Weltfeindes
Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Reportagen
Mit Fotos vom zerstörten Nürnberg von Lee Miller
Edition Tiamat, Berlin 2026

Sunday, 15 March 2026

Thomas Steinfeld: Goethe

Goethe, der sich nicht erwärmen konnte für die Rede von der Geschichte, denn er hielt „die 'Weltgeschichte' für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse“, so Hans Blumenberg, gehe es um den Menschen, den Einzelnen, „dem die Wunder der Natur und der Kunst aufgehen sollten“. Und: „...ihn als den aufgeschlossenen (vor allem im kleinen Kreis), freien, universal gebildeten, gelegentlich widersprüchlichen, manchmal abgründigen, oft isolierten, stets aber hellen Geist zu erkennen, der er gewesen sein muss“, darum gehe es in dieser Biografie, schreibt Thomas Steinfeld.

Mit Bilder einer Zeit konkretisiert Autor Steinfeld sein Vorhaben. So zutreffend dies auch ist, er leistet weit mehr, zeigt er doch auf, dass, was Goethe, dessen Skepsis sein Leben geprägt zu haben scheint, letztlich ausmacht, dessen Zeitlosigkeit bzw. dessen Universalität ist. Das vielfältige Wissen, die Neugier für alles Mögliche, ist übrigens nicht nur Goethe eignet, sondern auch seinem Biografen.

Goethe wuchs in einer standesbewussten Familie in Frankfurt am Main auf; er sollte sein Leben lang, im Gegensatz etwa zu Schiller, finanziell nie zu darben haben. Im Alter von 16 von seinem Vater zum Jurastudium nach Leipzig geschickt („Die Universität war im 18. Jahrhundert kein Ort der Forschung, sondern eine Berufsbildungsstätte, die vor allem der Vermittlung des Überlieferten verpflichtet war“, so Autor Steinfeld, dem allerdings zu entgehen scheint, dass das Jurastudium auch heute noch so ist.), das er 1770 in Strassburg abschloss, wo er auch Herder kennenlernte, der ihn stark beeinflusste und förderte. Wobei: Sowohl in Leipzig wie auch in Strassburg besuchte Goethe auch „Vorlesungen in Chemie, Staatswissenschaften, Geschichte und beschäftigte sich mit der Medizin.“

Thomas Steinfeld ist ein hervorrragend informierter und ausserordentlich begabter Erzähler, dem es nicht an Bildungshochmut mangelt („In den Wenn-Sätzen aber spricht, für halbwegs gebildete Zeitgenossen deutlich erkennbar, ein Dichter, der sich die Lehren des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza zumindest aus der Ferne angeeignet hatte ...“) und der gelegentlich recht selbstherrliche Unterscheidungen vornimmt, die wohl nur von sogenannt literarisch Gebildeten geteilt werden. „Wenn ein Dichter 'ich' sagt, provoziert er einen geläufigen Trugschluss: dass er mit dem Pronomen sich selber meint. Bei Goethe ist dieser Irrtum besonders weit verbreitet, weil Leben und Werk in so offensichtlicher Nähe zueinander stehen (...) dass Goethe verschiedene 'Ichs' erprobt. Er spricht in Rollen, wie auf dem Theater, was heisst: Man muss zwischen dem erlebenden und dem darstellenden 'Ich' unterscheiden.“ Ganz so, als ob man das könnte ... im wirklichen Leben wimmelt es doch nur so von Überlappungen ...

Andererseits, wie „der aufmerksame Leser“ Steinfeld Goethe liest, zum Beispiel den Werther, macht auch deutlich, dass das Lesen ein kreativer Akt ist. Dazu kommt, dass er Zusammenhänge zu sehen imstande ist, die einem Laien wie mir zwar nicht geläufig sind, mich jedoch schmunzeln machen. „Noch im späten 18. Jahrhundert wäre die Vorstellung, die Liebe sei eine geeignete Grundlage für das Zusammenleben zweier Menschen oder gar für die Gründung einer Familie, als ebenso überraschende wie verwegene Idee erschienen: Wie sollten zwei Menschen eine Gemeinschaft fürs Leben begründen, wenn sie ihre Empfindungen nicht zu beherrschen vermochten.“

Thomas Steinfeld charakterisiert Goethe als „einen enzyklopädisch inspirierten Universalisten“, der kein literarisches Genre ausliess und in den Wissenschaften neben der Psychologie und der Biologie, auch die Anatomie, die Optik, die Physik, die Meteorologie, die Geschichte, die Juristerei, die Wirtschaftslehre, Diplomatie und Naturphilosophie pflegte. Was diese Dinge zusammenhält, gehöre zu den Fragen, die Faust umtrieben, lerne ich.

Die Gepflogenheiten am Hofe von Weimar werden derart kenntnisreich (juristisch, diplomatisch, gesellschaftlich, staatspolitisch, historisch) geschildert, dass man sich einerseits wundert, worüber dieser Biograf alles Bescheid weiss, und andererseits zu verstehen glaubt, dass es wohl auch seine eigene Unersättlichkeit in punkto Wissen/Verstehen ist, die ihn mit Goethe verbindet.

Da mir die einschlägigen Kenntnisse fehlen (und ich dem, was wir gemeinhin zu wissen glauben, ohnehin äusserst skeptisch gegenüber stehe), um dieses Werk wirklich würdigen zu können, will ich mich auf einige Aspekte beschränken, die mich innehalten und sie bedenken liess. So war Goethe in Weimar auch für den Bergbau zuständig, kam also in Kontakt mit der Geologie, die zwar noch ganz am Anfang stand, doch Auskunft über die Tiefe der Zeit geben konnte. Ging man bis anhin davon aus, dass die Erde rund sechstausend Jahre alt war, erkannte man nun, dass „die Geschichte der Erde immer länger, immer tiefer und für viele Geologen immer gewaltsamer wurde“ und man fragte sich, wann sie eigentlich ihren Anfang genommen hatte.

In Goethe manifestiert sich auch etwas Übergeordnetes, das vermutlich vielen Menschen eigen ist. So hält Thomas Steinfeld zu Goethes Flucht nach Italien fest, bereits Seneca habe vor dem Vorhaben, durch eine Veränderung der geografischen Lage ein neuer Mensch zu werden, gewarnt, und entgegnet darauf treffend: „Doch wie sollte sich ein solcher Wandel nicht einstellen, wenn das Wetter angenehmer wird und die Landschaft abwechslungsreicher?“

In Venedig sieht Goethe zum ersten Mal das Meer. „So habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen, und bin auf der schönen Tenne, die es weichend zurücklässt, ihm nachgegangen.“ Was Autor Steinfeld alles in diesen Satz hineinliest und daraus schliesst, mag Germanisten einleuchten. „So hat, in einem fein gegliederten und nur scheinbar einfachen Satz, ein jeder Teil seine Bedeutung – und das ganze Wortgebilde festigt sich zu einer wunderbaren Bestätigung der neptunistischen Überzeugung, der Boden unter den Füssen sei aus dem Wasser hervorgegangen.“ Mir selber scheint wenig wahrscheinlich, dass Goethe sich bei diesem Satz solche Gedanken gemacht hat. Auch dass Steinfeld aufzählt, was der Dichter in seinen Texten aus Venedig alles nicht beschrieben hat, drängt sich nicht wirklich auf und dient wohl vor allem dazu, hervorzuheben, wie gut der Autor selber Venedig kennt.

Doch abgesehen von solchen – es sind sehr wenige – Irritationen, ist diese Biografie ein wahrhaft grosser Wurf, eine ausserordentliche Fleissarbeit und – vor allem – ein ganz wunderbares Leseerlebnis, das einen staunen macht. Nicht nur über den Dichter, Reisenden, Theatermacher, Kriegsbeobachter, Naturforscher und Politiker Goethe, sondern auch darüber, wie Autor Steinfeld es geschafft hat, aus dieser ungeheuren Fülle ein derart packendes Buch zu machen.

Aussergewöhnlich war Goethe nicht zuletzt in seinem Wissensdurst, der ihn sich auch mit den Pflanzen und den Farben (und später mit den Wolken) befassen liess, Das führte ihn auch zur Beschäftigung mit der Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? „Wie ist objektive Erkenntnis möglich? Wie vollzieht sich der Übergang vom Erfahren zum Verstehen? Wie kommt man vom Wissen um das Einzelne zu einer Einsicht ins Allgemeine?“ Fragen, die bis heute nicht gelöst sind, wie Autor Steinfeld anmerkt.

Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, darum war es Goethe zu tun. Er tat dies aus einer sehr privilegierten Position, ohne Sympathie für die Französische Revolution von 1789. Kein Wunder, welcher Privilegierte mag schon von seinen Privilegien lassen? „Goethe war ein Mensch des alten Regimes der persönlichen Beziehungen und der feudalen Diplomatie. Das radikal Neue der Revolution ging ihm nicht auf. Nie dachte er in politischen Kategorien.“

Thomas Steinfeld verfügt über eine bewundernswerte Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken, ohne dabei die Details zu vernachlässigen. Zu diesen gehört auch, dass Goethe dem damals gerade einmal dreiundzwanzigjährigen Schelling in Jena zu einer ausserordentlichen Professur verhalf. Dazu kommt, dass er offenbar bestens weiss, wie die einschlägigen Quellen einzuschätzen sind. „Wie es zum Bündnis mit Schiller gekommen sein soll, hielt Goethe im Jahr 1817 in einem Bericht fest, den man, wie alle seine autobiographischen Schriften, nicht für ein Manifest der Faktentreue halten darf.“

Fazit: Glänzend geschrieben, ungemein kenntnisreich, überaus erhellend und horizonterweiternd. Mit einem Wort: Grossartig!

Thomas Steinfeld
Goethe
Porträt eines Lebens, Bilder einer Zeit
Rowohlt Berlin 2024

Wednesday, 11 March 2026

Eine strahlende Zukunft

Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes vor mir zu haben. Es war die unprätentiöse Sprache, der Ton, und dass der Autor gerade genug beschrieb, um meine Fantasie in Gang zu setzen, doch eben nicht zu viel, um sie zu blockieren. Und ich fand spannend geschildert, was ich da las.
 
„Eine strahlende Zukunft“ handelt in ersten Teil von Michael Davenport, der ein Dichter und Dramatiker sein will, und seiner aus reichem Hause stammenden Frau Lucy, für die Dylan Thomas ein Dichter und Tennesse Williams ein Dramatiker ist. Michael ist ehrgeizig, er wird es der Welt zeigen, das Geld seiner Frau will er (und soll auch Lucy) nicht angreifen. Die Ehe scheitert, Michael dreht durch, landet in der Psychiatrie.
 
Im zweiten Teil erfahren wir wie Lucy sich in einen Theaterregisseur, der sie für eine Jüngere verlässt, verliebt und dann in einen Börsenmakler, „der erste Mann, der sie kannte, der keinerlei künstlerische Ambitionen hatte, und sie hatte das seltsame Gefühl, dass ihm etwas fehlte.“ Lucy lernt schreiben und malen und findet bei ihrem Schreiblehrer was ihr beim Börsenmakler fehlte, bis es auch „zwischen ihnen unschöne kleine Probleme – Streitigkeiten, die manchmal so schlimm sein konnten, dass sie alles verdarben“ gab. Das Auseinandergehen der beiden – wie viele von Yates‘ Beziehungsszenen – ist alkoholgetränkt.
 
Solche inhaltlichen Angaben vermögen natürlich nicht zu vermitteln, was es mit diesem Buch auf sich hat: es ist ganz vieles in einem – eine sehr gekonnte, hoch differenzierte und einfühlsame Schilderung von Beziehungsverhältnissen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen; eine Abhandlung übers Schreiben („’Melancholie‘ war das erste Wort, das ihr einfiel, und sie kam zu dem Schluss, dass das bei einem Schreiblehrer, vorausgesetzt, er hatte auch lebhaftere Eigenschaften, vielleicht keine schlechte Sache war.“ / „Jeder von uns kann diese Fertigkeit nur erlernen, indem er sich mit gedruckten und nicht gedruckten Beispielen vollsaugt und dann versucht, das Beste, was er entdeckt hat, in sein eigenes Werk aufzunehmen.“ / „Die Schauspielerei mochte emotionale Erschöpfung auslösen, aber das Schreiben ermüdete das Gehirn. Es führte zu Depressionen und Schlaflosigkeit, man lief den ganzen Tag mit verhärmtem Gesicht herum, und für all das fühlte sich Lucy noch nicht alt genug.“); die überzeugende Darstellung von zwei schwierigen Menschen auf der Suche nach Sinn und Erfüllung in der Kunst; eine wunderbar gelungene Charakterstudie (wie Yates Michaels Neid, dessen Ängste und Hadern mit dem Schicksal zeichnet, ist besonders eindrücklich).
 
Der dritte Teil dieses Romans handelt dann wiederum von Michael Davenport, und zwar vor seiner Einweisung in die Psychiatrie und nach seiner Entlassung aus der Klinik. Bei einer Lesung aus seinen Gedichten bricht er zusammen – er hat keine Erinnerung mehr an diesen durch Alkohol ausgelösten Vorfall – und landet wieder in einer Klinik, erholt sich, heiratet eine zwanzig Jahre jüngere Frau, Sarah, die beiden ziehen nach Kansas, wo Michael an einem College unterrichtet.
 
Besonders die Schilderungen der Alkoholabstürze und der damit verbundenen Angst- und Panikattacken wirken sehr realitätsnah. Richard Yates weiss ganz offensichtlich, wovon er da schreibt.
 
Als dann Laura, Michael und Lucy Tochter, ebenfalls psychiatrische Hilfe braucht, meint Sarah, er solle doch endlich einmal mit diesem Unsinn übers ‚Verrücktsein‘ aufhören, worauf Michael erwidert: „Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? ‚Psychotisch‘? ‚Manisch-depressiv‘? ‚Paranoide Schizophrenie‘? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab ‚irgendwie verrückt‘, ‚verrückt‘ und ‚total durchgeknallt‘. Das sind die Begriffe, denen ich traue …“.
 
„Eine strahlende Zukunft“ spielt in der Zeit als Bob Dylan und die Beatles auf der Bildfläche erschienen, was Lucy unter anderem Anlass ist, sich auch in Sachen Musikkultur zu positionieren. So fand sie etwa Dylan unerträglich. „Wo nahm dieser Collegejunge die Überheblichkeit, sich den Namen eines Dichters anzueignen? Warum konnte er nicht lernen zu schreiben, bevor er Songs für sich schrieb, oder lernen zu singen, bevor er sie öffentlich sang? Warum hatte dieser aufgeblasene Folktroubadour nicht ein bisschen Unterricht auf der Gitarre – oder auf seiner elektronischen Mundharmonika – genommen, bevor er sich daranmachte, Millionen von Kinderherzen zu erobern?“
 
Richard Yates, der Verfasser dieses eindrücklichen Romans, gilt als „Chronist des Scheiterns“. Die DVA publiziert sein Gesamtwerk auf Deutsch, man ist froh drum.

Richard Yates
Eine strahlende Zukunft
DVA, München 2014

Sunday, 8 March 2026

Traveler & Tourist

Gilbert K. Chesterton's: "The traveler sees what he sees, the tourist sees what he has come to see." perfectly sums up my traveling.

I do not inform myself much about a destination before embarking on a trip to a previously unknown place. That, however, does not mean that I do not know anything about the place for I have read about it, heard about it, often seen pictures of it. Differently put: I come with pictures in my head.

When visiting Brasília for the first time, I had lots of pictures in my head of the fabulous architecture of this exceptional city. What I however did not have on my radar was the fact that "my" hotel was, although close to the airport, pretty far from everything else.  Also, the neighbourhood did not look very inviting, a lower middle-class environment it was not.

Nevertheless, I ventured out, found a bakery and a supermarket, and on my way back discovered a flower that so far I had never seen.

Brasília, 2 March 2026

I'm somewhat glad that I involuntarily discovered a Brasília I would not have seen had I not mistakenly ended up in this neighbourhood where I saw what there was to see: unremarkable housing, small industries, and a wide open sky that invites you to see your life in perspective.

Wednesday, 4 March 2026

With Ricardo's eyes

This photo was taken by the late Ricardo Schütz in Southern Brazil in 2008 or 2009, whether in Santa Cruz do Sul (where I then taught) or at some other place in the state of Rio Grande do Sul, I do not know for I see these pics in 2026 {Elsa, Ricardo's daughter, sent them to me}, for the first time.

I feel pleased with this pic for it radiates an attentiveness that I rarely see in photos of myself. And, needless to say, this is precisely how I like to see myself.

Sunday, 1 March 2026

In San Juan, Puerto Rico

Mein Flieger aus New York traf um halb zehn Uhr nachts in San Juan ein. Das für die zwei ersten beiden Nächte gebuchte Hotel war dunkel und machte nicht den Eindruck in Betrieb zu sein. Ein paar Kerzen erleuchteten die Rezeption, von Personal keine Spur, nach minutenlangem Rufen tauchte schliesslich ein Mann auf, der sich für gar nichts zuständig erklärte, so dass ich mich umgehend zum gegenüberliegenden Hotel aufmachte und erschöpft ins Bett fiel.

Geschirr und Besteck des Frühstücksbuffets übersteigen jedes Klischee: alles aus Plastik. Am Unappetitlichsten sehen die grauen Würstchen aus, doch sie schmecken hervorragend. Man kann auch Waffeln machen, ich trau mich nicht. Ein langer, schlacksiger, amerikanisch-selbstbewusster Schwarzer kennt solche Skrupel nicht und richtet ein Desaster an, zwei Angestellte eilen zu Hilfe.

„The San Juan Daily Star“ berichtet, dass die Regenfälle der letzten Tage (Mai 2014) einen neuen Rekord bedeuten; seit 1917 habe es nicht mehr so stark geregnet. Die Zeitung erzählt auch die Geschichte eines Kubaners, der im Alter von acht in die Vereinigten Staaten kam, die meiste Zeit seines Berufslebens in der Gefängnisverwaltung tätig gewesen ist und vor Kurzem herausgefunden hat, dass er gar kein amerikanischer Staatsbürger ist: er sei am Boden zerstört, erfahre ich.

Die Frau an der Rezeption meines Hotels kann fast nicht fassen, dass ich Spanisch spreche. Sie guckt mich mit offenem Mund an, ruft ihren Kollegen, sagt ihm, ich spräche Spanisch … ihr Kollege zeigt sich weniger beeindruckt, er hat mich für einen Italiener gehalten und das Italienische und das Spanische seien ja nicht so verschieden. Das Erstaunen der Rezeptionistin ist mir vollkommen unbegreiflich, ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, was im Kopf dieser Frau abläuft und staune mal wieder darüber, wie fremd wir Menschen uns doch sind, obwohl wir doch alle das Gleiche wollen: geliebt werden.

Ob ich auf Englisch oder Spanisch angesprochen werde, scheint weniger von mir oder dem, was die Leute in mir sehen abhängig, sondern vom Ort. In Condado, einer Touristengegend, werde ich meistens auf Englisch angesprochen, in Sagrado oder Bayamón, Vororten von San Juan, immer auf Spanisch. Mit der Zeit merkte ich, dass es doch nicht nur vom Ort, sondern auch von mir abhing: war ich unrasiert, wurde ich überall auf Spanisch angesprochen …

Gegen Abend füllen sich die Strassen mit Joggern, die weniger Sportiven halten sich an Kaffeebechern fest.

The San Juan Daily Star“ titelt: „More Than a Third of PR Population Receives Food Stamps“. In Zahlen heisst das: 1,4 Millionen der 3,6 Millionen Einwohner der Insel.


Im Casino: Ganz viele, hauptsächlich ältere Leute an Spieltischen und vor einarmigen Banditen. Ich wähne mich in einem Film, die Szenerie mutet mich gänzlich irreal und traurig an, trotz der tollen Salsa Musik, die durch die Räume hallt.

Ich sitze am Hotelcomputer. In meinem Ruecken unterhält sich ein Mann lautstark mit der Rezeptionistin, er hat eine Stimme, die Menschen eigen ist, die einen Seehundschnauz tragen … ich drehe mich um: er trägt ein Boxerbärtchen mit Schnauz.

Überhaupt sind die Amerikaner zu laut, Türen schletzen ist die Regel. Zu übertreiben scheint ihnen Charaktermerkmal, in allem und jedem, auffällig in San Juan sind vor allem die vielen meist tätowierten Übergewichtigen. Heute hat sich ein solches männliches Exemplar im Bus neben mich gesetzt und mich fast zerquetscht. Als ich mich mit Mühe befreite und einen anderen Sitz suchte, meinte er, er könne nichts dafür … für sein Gewicht vielleicht nicht, doch es auf mir abzuladen, dafür schon, dachte ich so für mich.