Wednesday, 18 March 2026

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess

In jüngeren Jahren, also vor meinem Lizentiat der Rechtswissenschaften, als ich noch idealistische Vorstellungen von Recht und Rechtsstaat hegte, gehörten Gerichtsreportagen zu meiner Lieblingslektüre. Mittlerweile halte ich das sogenannte Recht und alles drumherum wesentlich für ein Business-Modell, und bin jetzt gespannt wie wohl diese drei Reportagen auf mich wirken, wobei ich positiv voreingenommen bin, denn was ich von Martha Gellhorn gelesen habe (insebesondere ihren Roman Liana) schätze ich sehr. Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Lektüre ist ganz unbedingt empfehlenswert, da aufklärend, wesentlich und horizonterweiternd. 

Ein Gerichtssaal ist einem Theater vergleichbar: Die Inszenierung ist wichtig. Für Juristen entscheidend sind jedoch die Argumente, die häufig absurder kaum sein könnten. So zitiert Janet Flanner etwa Görings Anwalt mit "Es ist unmöglich, eine Handlung zu beurteilen, ohne das Motiv zu kennen." Nun ja, Motive sind meist unbewusst. Zudem: Das Unbewusste wird so genannt, weil es dem Bewusstsein nicht zugänglich ist!

Juristen unterscheiden zwischen der objektiven und der subjektiven Seite eines Geschehens, was impliziert, der Beweggrund für eine Tat könne erkannt werden. So nachvollziehbar dies gemäss unserem Denken auch ist, mir selber steht die Herangehensweise der noch nicht sozial auf Linie Getrimmten näher: "Young children tend to focus on causal responsibility, while older children and adults tend to focus on intent." (Fiery Cushman: Should the Law Depend on Luck?).

Im Herzen des Weltfeindes wird eingeleitet durch ein Vorwort des Rechtswissenschaftlers Ingo Müller, der den Hauptanklagevertreter Robert Jackson höchst wohlwollend porträtiert, was Janet Flanner jedoch ganz anders sieht ("Ihm schien es nicht nur an Hintergrund und Weisheit zu mangeln ..."). Überhaupt zeichnet dieses Buch aus, dass drei ganz unterschiedliche Temperamente zu Wort kommen, die jedoch, wie Klaus Bittermann in seinem informativen und vielfätig aufschlussreichen Nachwort festhält, sich ausserstande sahen, "die Deutschen nicht zu hassen. Und auch Lee Miller (von der die Fotos vom zerstörten Nürnberg in diesem Band stammen) machte aus ihrem Hass keinen Hehl. Sie setzte nie wieder einen Fuss auf deutsches Gebiet. Sie wollte nie wieder an Deutschland erinnert werden. Ihre Erschütterung war so tiefgreifend, dass sie zur Alkoholikerin wurde." Am Rande: Warum jemand zu einer Alkoholikerin wird, darüber kann man bestenfalls rätseln. 

Was diesen drei Frauen, die einander nie begegnet sind, auch gemein ist: Eine höchst differenzierte Beobachtungsgabe, die sich unter anderem in der Beschreibung des Äusseren sowie der Gebahrens der auftretenden Personen zeigt. Und dass sie viel Vertrauen und Hoffnung in den Rechtsstaat setzen. "Es (das Tribunal) erscheint wie eine Insel der Hoffnung, des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit der Alliierten inmitten der düsteren, auf Untergang eingestimmten Deutschen und deren zerstörter Stadt." (Janet Flanner). "Seine (Sir Geoffrey Laurence, der Präsident des Tribunals) Stimme war ein Symbol für das, was alle zivilisierten Menschen von der Gerechtigkeit erwarten und was sie darunter verstehen – etwas Klares und Unerschrockenes, stärker als die Zeit." (Martha Gellhorn). "Es war notwendig, und zwar wirklich notwendig, dass eine grosse Anzahl von Personen, inklusive der Führung von Armee und Zivilbehörden, nach Nürnberg fuhr und sich die Urteilsverkündung anhörte, denn auf keine andere erdenkliche Weise konnten sie sonst nachvollziehen, worum es in dem Prozess überhaupt gegangen war." (Rebecca West). 

Im Herzen des Weltfeindes ist auch eine Dokumentation eines interkulturell  einzigartigen Vorgangs. Die Verteidiger waren Deutsche, die Ankläger und Richter stammten aus Nationen mit unterschiedlichen Auffassung hinsichtlich des Verfahrens. Gemäss Janet Flanner wurde der Prozess als amerikanische Veranstaltung begriffen, die dann auch mit einem Kreuzverhör von Göring ihren Anfang nahm. "Die Franzosen kennen kein Kreuzverhör, die Russen hatten vermuitlich überhaupt keine Ahnung, und die Briten wussten wenigstens, wie sie sich über den Tag retten konnten."

Verblüfft hat mich, dass vermutlich die meisten Deutschen von dem Prozess nicht gross Kenntnis genommen haben, auch wenn es verständlich ist, schliesslich hatten sie andere Sorgen  – die Stadt war zerstört, die Läden leer, auch sind wohl nicht wenige davon ausgegangen, dass die Schuld der Angeklagten feststand. Doch zeigt dies eben auch (wieder einmal), dass das, worüber die Zeitungen berichten bzw. in Büchern zu lesen ist, das Leben der allermeisten kaum beeinflusst.

Im Herzen des Weltfeindes kommt zur richtigen Zeit, da der Antisemitismus wieder vermehrt offen zutage tritt (fehlende Scham ist ein Merkmal der Unzivilisiertheit) und die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis unterzugehen droht. Es zeichnet diese Reportagen aus, dass die Autorinnen Stellung beziehen und keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis auf der Anklagebank machen, die sich allesamt unschuldig geben.
 
Im Herzen des Weltfeindes erschöpft sich nicht in Berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (Rebecca West schildert auch ihre Streifzüge durch das kaputtte Land), sondern weist darüber hinaus, indem es uns eindringlich vor Augen führt, dass sich der Verantwortung zu stellen, feigen, brutalen und selbstherrlichen Anstiftern unbekannt ist. Es ist auch heute noch so.

Janet Flanner, Martha Gellhorn, Rebecca West
Im Herzen des Weltfeindes
Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Reportagen
Mit Fotos vom zerstörten Nürnberg von Lee Miller
Edition Tiamat, Berlin 2026

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