Wednesday, 17 June 2026

Vorsehung

Der Einstieg in diesen Roman ist schlicht grandios: Der Flug von Hobart nach Sydney hat Verspätung, was der Autorin die Möglichkeit gibt, die Flugpassagiere vorzustellen. Wie auf jedem Flug kommt da eine recht bunte Truppe zusammen, die derart lebensnah geschildert ist, dass ich ständig laut herauslachen muss. Wir Menschen sind schon eine überaus eigenartige Spezies! Kurz vor der Landung steht eine alte Dame von ihrem Platz auf, geht durch die Reihe, bleibt bei den einzelnen Passagieren stehen und prophezeit ihnen ihre Krankheiten sowie das Alter ihres Ablebens. Natürlich wollen das nicht alle wissen, doch darauf nimmt die Frau keine Rücksicht (obwohl sie durchaus Skrupel hat) und so bleibt es den Passagieren überlassen, wie sie mit diesen Botschaften umgehen. Ein 29Jähriger, dem sein Tod mit 30 vorausgesagt wird, ist definitiv nicht in der selben Liga wie eine 87Jährige, die noch bis 101 Zeit hat.

Ist sie eine Hellseherin? Und falls ja, können Hellseher irren? Die alte Dame stellt klar: Der Satz „Gegen das Schicksal kommt man nicht an“ stamme nicht etwa von ihr, sondern von ihrer Mutter, die eine Deterministin gewesen sei. Was meint: Der Mensch handelt wie er handelt, weil das in ihm so vorbestimmt ist und sein Tun und Lassen der Kausalität folgt. Der bärtige Mann („er war Universitätsdozent, er genoss es noch mehr als der Durchschnittsmann, Vorträge zu halten“), der den Begriff erläuterte, entpuppte sich als Vertreter des „harten Determinismus“, für den es keinen freien Willen gibt. „Zwischen zweien seiner Schneidezähne steckte ein braunes Reiskorn, und niemand, nicht einmal seine Frau, wies ihn darauf hin. Möglicherweise hielt sie es für kausal unausweichlich.“

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ist eine philosophische. Von praktischer Relevanz ist sie nicht, denn unser soziales Leben beruht auf der Annahme, dass wir einen freien Willen haben. Darauf gründet auch die Strafjustiz, ansonsten man niemandem eine Tat vorwerfen bzw. ihn dafür bestrafen könnte. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass wir uns die Realität zurechtbiegen (was wir eindeutig tun), denn den Nachweis zu erbringen, dass es den freien Willen auch wirklich gibt, ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Wir glauben eben, was wir glauben wollen; dass uns unser Bauchgefühl täuschen könnte, halten wir nur theoretisch für möglich.

Vorsehung ist glänzend geschrieben, eine Comédie Humaine vom Feinsten. Die Autorin präsentiert ganz unterschiedliche Charaktere (und was würde sich dazu besser eignen als Flugzeugpassagiere, denen Algorithmen ihre Plätze und damit ihre Sitznachbarn zuweisen), die man alle aus dem richtigen Leben zu kennen glaubt. Da ist zum Beispiel Sue, deren Söhne alle den gleichen, dümmlichen Blicke hatten, „als sie plötzlich in die Höhe schossen. Ich weiss gar nicht, wie ich hier hochgekommen bin! “ Sue ist Pflegekraft in der Notfallambulanz, und gehört zu der Sorte Mensch, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. Doch auf einmal überkommt es sie: „Überhaupt nichts hat sie gesehen! Ein ganzer Planet voller Burgen und Kathedralen, Gemälde und Skulpturen, Berge und Ozeane wartet darauf, von Sue und Max O’Sullivan gesehen und bewundert zu werden.“

Vorsehung bietet ein überaus unterhaltsames Welttheater, da Liane Moriarty uns nicht nur am Innenleben der Menschen auf diesem Flug teilhaben lässt, sondern auch schildert, wie sie miteinander umgehen. Da ist etwa der Flugpassagier Ethan Chang, gerade zurück von der Beerdigung seines Kumpels Harvey. Es war Ethans erste Beerdigung und nicht alles lief rund. So sprach er irrtümlicherweise einer Angestellten des Cateringservice sein Beileid aus. „Sie trug eine weisse Bluse und eine schwarze Hose und hielt ein Tablett mit Schinkensandwiches in Händen. Es gab durchaus Anhaltspunkte.“ Oder das frisch verheiratete Paar, Dom und Eve. „Eve weiss nie, ob er nur glücklich tut oder einfach vergisst, was ihm Sorgen gemacht, und sich irgendwann wieder daran erinnert.“

Als das Flugzeug gelandet ist, hat die Hellseherin keine Erinnerung daran, dass sie den anderen Flugpassagieren ihre Vorhersagen aufgezwungen hat. Sie ist die Personifizierung der Vorstellung, dass der Mensch nicht weiss, was er tut, und von seinem Schicksal gelenkt wird. Ob es sich dabei um ein psychisches Problem handelt (die gängige Standardantwort, wenn wir heutzutage nicht weiter wissen), wie „der starke, muskulöse Mann mit dem militärischen Bürstenschnitt, der so aussieht, als könnte er die Welt im Alleingang retten“, behauptet, soll hier nicht verraten werden.

Auch die Hellseherin erzählt ihr Leben, die Flugpassagiere machen sich auf die Suche nach ihr. Zum Einsatz kommt dabei auch eine Facebook-Seite, die in der Folge von vielen besucht wird, die zwar sachlich nichts beitragen können, doch auf sich und ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Vorsehung ist auch ein sehr gelungenes Porträt unserer Zeit, in der wir alle gezwungen werden, für uns zu trommeln.

Vorsehung handelt auch davon, was man mit Wissen anstellt, das man lieber nicht hätte.. So wissen wir alle, dass wir sterben werden. Die übliche Variante ist die Verdrängung. Liane Moriarty zeigt uns weitere Möglichkeiten, zu denen auch das Einholen einer Zweitmeinung, das Sich-Austauschen mit Freundinnen und Bekannten sowie das Relativieren von Vorahnungen gehören. Doch dann stirbt eine junge Flugpassagierin sowie ein altes Ehepaar; alle drei waren auf dem Flug gewesen …

Vorsehung ist weit mehr als ein ungemein unterhaltender Roman; die vielfältigen Einsichten und Hinweise, die er vermittelt, sind vielfältig hilfreich und von praktischer Relevanz. So herrscht, wie wir alle wissen, etwa die Überzeugung vor, dass alles seinen Grund haben müsse. Das ist natürlich Unsinn, denn die Dinge sind ganz einfach wie sie sind. Ohne Grund. Und weshalb glauben wir trotzdem, dass alles seinen Grund haben müsse? Die Antwort (eine einleuchtende) findet sich in diesem echt tollen Roman.

Es ist die Mischung von Witz (als die Flugbegleiterin Allegra von einem Kind vollgekotzt wird: „‚Bitte machen sie sich keine Sorgen‘, sagt Allegra. ‚So etwas kommt vor‘. Ihr Entschluss, kinderlos zu bleiben, ist jetzt in Stein gemeisselt.“), Spannung (Wie werden sich die Voraussagen der alten Dame auswirken?), und philosophischer Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir unser Schicksal beeinflussen können, welche Vorsehung zu einem rundum überzeugenden Roman macht. Und zu einem Lesevergnügen erster Güte.

Fazit: Packend, clever, anregend und sehr, sehr lustig. Grossartig, ein Meisterwerk!

Liane Moriarty
Vorsehung
Roman
Droemer, München 2025

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