Friday, 10 July 2009

Hundert Tage

Geht das überhaupt, hab ich mich sofort gefragt, dass da einer, der selber weder Entwicklungshelfer ist (oder gewesen ist) und sich 1994 auch gar nicht in Ruanda befunden hat, geht das, das so einer, ein Dramatiker, laut Klappentext, ein erfolgreicher dazu, dass also so einer Relevantes über Schweizer Entwicklungshilfe und die Massenmorde in Ruanda zu sagen hat? Es geht, ja, und es geht gut, und das hat vor allem damit zu tun, dass die Fragen, die Lukas Bärfuss aufgreift, die Themen, die er behandelt, ganz grundsätzlicher Art sind und uns so recht eigentlich alle angehen.

Ich selber war zu der Zeit, in der das Buch spielt, als IKRK-Delegierter vor Ort in Afrika, nein, nicht in Ruanda, in Südafrika (siehe hier). Ich erinnere mich nur noch, dass die Geschichten, die wir über das IKRK-Buschtelefon mitkriegten, bei mir den Eindruck hinterliessen, dass diejenigen, die damals vor Ort in Ruanda waren, das Fürchterliche, das sie dort erlebt hatten, wohl ihr Leben lang mit sich herumtragen würden. Und dass ich froh war, dass ich nicht dorthin musste. Was weiss ich sonst noch vom Ruanda jener Zeit? Das, was ich in den Büchern von Philip Gourevitch (einem Journalisten des „New Yorker") und Roméo Dallare (dem kanadischen UN-General, den man später alkoholkrank und lebensmüde auf einer Parkbank auffand und der sich wieder auffing, sofern das überhaupt geht) gelesen habe.

Ich mag hier nicht in eigenen Worten nacherzählen, was in dem Buch steht, denn diese Art der Buchkritik erinnert mich etwas zu sehr an die Bildbeschreibungen in der Schule. Mir ist es hier nur darum zu tun, auf dieses Buch neugierig zu machen. Und am besten, so scheint mir, stellt man ein Buch vor, indem man daraus zitiert. Und genau dies will ich hier tun und ganz einfach auf ein paar Passagen hinweisen, die mich sehr angesprochen haben. Die sehr gelungene Selbsteinschätzung des Entwicklungshelfers Paul (er steht hier stellvertretend für viele Entwicklungshelfer) zum Beispiel:

„Mir war mein Land über geworden, seine Kleinkrämer mit ihrem notorischen Vergessen, und das Leben war mir zu kostbar, um mich wie die meisten meiner Freunde in eine Nische zu verkriechen, die Haare wachsen zu lassen und in irgendeinem besetzten Pferdestall revolutionäre Postillen zu drucken, auch zu schade, um mich auf die andere Seite zu schlagen, als gewöhnlicher Bürolist meinen Teil des Reichtums einzufordern und zuzusehen, wie ich den Mund nur möglichst voll bekommen konnte. Ich wollte mich nicht als Kanonenfutter in den Schützengräben des Kapitalismus verschleissen lassen, wenn ich mich opfern sollte, dann nur für eine grosse Sache und dazu musste ich weggehen. Mein Land brauchte mich nicht, doch dort, in Afrika, war noch ein Tausendstel meines Wissens ein Reichtum, und diesen wollte ich teilen."

Und dann diese sehr schöne Charakterisierung von Bürokraten – Entwicklungshelfer und andere Humanitäre sind ja in erster Linie international tätige Bürokraten, auch wenn sie sich selber nicht so sehen:
„… die Direktion wusste, wie man einen Mann passend für seine Funktion machte. Weil ich mich dem Haus und dem Wagen würdig erweisen wollte, nahm ich meine Arbeit ernster, ich wurde selbstbewusster, und mein Ton höflicher und bestimmter. Wenn ich bei der Arbeit auf Schlendrian stiess, auf der Post wieder einmal die Briefmarken ausgegangen waren oder ein Paket aus der Zentrale zwar angekommen, aber noch nicht weitergeleitet war und man mich mit den üblichen, vormals erfolgreichen Ausreden abspeisen wollte, dann verlangte ich jetzt die augenblickliche Behebung des Missstandes. Auch legte ich grösseren Wert auf meine Garderobe, zog jeden Morgen ein frisches Hemd an und rasierte mich sorgfältig, und so eintönig die Arbeit auch blieb, war ich mir nun meiner Verantwortung bewusst. Ich erkannte sie nicht in der Arbeit selbst, sondern in meinen Privilegien."

„Er liebte dieses Land vorbehaltlos, und was er zuhause abgelehnt hätte, entschuldigte er hier grosszügig. Er hatte sich mit keiner Faser am Zynismus angesteckt, der so viele im Internationalen Dienst nach Jahren der ergebnislosen Plackerei befällt, und abgesehen von seinem chronischen Schnupfen erfreute er sich eines ewigen Frohsinns, dessen wesentliche Ursache geputzte und in Apothekertüten abgepackte Karottenstangen waren, die Ines, seine Frau, ihm jeden Morgen bereitete …"

Dieses Buch berichtet davon, wie es diesem Paul (aber nicht nur ihm) in Ruanda zur Zeit des grossen Mordens im Jahre 1994 erging. Wer sich dafür interessiert, „wie Menschen damit umgehen, dass sie immer nur eins von zwei Übeln wählen können, ohne die Folgen ihres Tuns abschätzen zu können" wie Roman Bucheli in der NZZ treffend schrieb, der sollte dieses Buch lesen. Und wer sich zudem noch für die entwicklungspolitische Realität interessiert, für den ist dieses Buch schlicht ein Muss.

Lukas Bärfuss
Hundert Tage
Wallstein Verlag 2008

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