Wednesday, 21 December 2011

La Ruta del Sol

Im Jahre 2010 machte sich der Fotograf Frank Gaudlitz nach Südamerika auf, um dort für mehrere Monate auf den Spuren Alexander von Humboldts zu reisen. Finanziell unterstützt wurde das Projekt durch Juergen Ebeldinger, der im Vorwort zu diesem schön gemachten Band schreibt, Gaudlitz schaffe es, „dass wir seinen Bildern glauben, weil sie ehrlich und authentisch sind“.

Da ich nicht wirklich weiss, was ein ehrliches und authentisches Bild ist, vertiefe ich mich in die in diesem Buch abgebildeten Aufnahmen und sehe abwechselnd Landschaftsansichten in schwarz/weiss und Porträts in Farbe – mir gefällt das Konzept.

Die Sonnenstrasse führt durch Kolumbien, Ecuador und Peru; von den Bildern erfahren wir, wo sie aufgenomen worden sind und was sie abbilden. Hier etwa: María Arcelia Rodríguez, 76 und César Efraín Calderón, 73, im kolumbianischen Chillanquer.

Copyright @ Frank Gaudlitz / Hatje Cantz

Neben den Landschaftsaufnahmen finden sich meist Auszüge aus Humboldts Reisetagebuch aus den Jahren 1801 und 1802. Zur Besteigung des Chimborazo in Ecuador notiert er: "Man trifft keine Indianerin an der Hauptstrasse, die nicht damit beschäftigt ist, Baumwolle zu säubern oder zu spinnen. Und wie würde sich dieser Industriezweig vermehren, wenn diejenigen, die arbeiten (die Indios) durch den Genuss der Früchte ihrer Arbeit angespornt würden. Aber leider! Sie sind Sklaven, ohne Freiheit, ohne Eigentum und ohne eigenes Werkzeug."


Copyright @ Frank Gaudlitz / Hatje Cantz

Die Porträtaufnahmen sind gestellt, die Abgebildeten setzen sich in Szene. Ein freundliches Gesicht machen nur wenige. Hat der Fotograf den Abgebildeten vielleicht Anweisungen gegeben, nicht zu lachen, möglichst ernst dreinzuschauen? Die Sonnenstrasse scheint eine wenig sonnige, sondern recht triste Sache – jedenfalls auf den Fotos von Frank Gaudlitz.

Matthias Flügge erläutert in seinen „Anmerkungen zu den Fotografien von Frank Gaudlitz“, wie diese zustande gekommen sind: „Wie schon zuvor hat Frank Gaudlitz auch hier selbst oder durch Vermittlung von Begleitern Menschen um ihr Bild gebeten. Die, die zustimmen, stellen sich vor die Kamera. Diese baut der Fotograf in einem solchen Abstand von ihnen auf, dass sie die ganze Figur und einen gut erkennbaren Teil des umgebenden Raumes erfasst. Gaudlitz fotografiert in leichter Untersicht vom Stativ und schaut durch einen Schachtsucher von oben in die Spiegelreflex-Kamera. Das heisst, er verbirgt sich nicht hinter seinem Apparat, der Blickkontakt von Fotografiertem und Fotograf bleibt erhalten.“

Copyright @ Frank Gaudlitz / Hatje Cantz

Und weiter führt Flügge aus: "Frank Gaudlitz gelingt es, ein gegenseitiges Vertrauen herzustellen, dass es den Menschehn ermöglicht, auf den Bildern die zu sein, als die sie sich gerne sähen. Auch wenn uns manches fremd – im Wortsinn eigentümlich – erscheint: Die Empathie des Fotografen überträgt sich auf die Menschen, mit denen er in Beziehung tritt."

Woher will der Mann das bloss wissen? Sehen kann er das nämlich nicht und zeigen können das die Aufnahmen schon gar nicht. Mit anderen Worten: Menschen, die sich fotografieren lassen, präsentieren sich so, wie sie es wollen – und das kann was ganz anderes sein, als es sich der Fotograf vorgestellt haben mag. Im Falle der hier gezeigten Fotos wundert man sich (genauer: ich wundere mich), dass Menschen so gezeigt werden wollen – wollen sie sich wirklich so sehen? Ich nehme es an und fühle mich davon berührt. Es sind Aufnahmen, die mir von Zutrauen und Hingabe, von Verletzlichkeit, von Menschlichkeit geprägt scheinen: schön, dass es sie gibt.

Frank Gaudlitz

Sonnenstrasse / La Ruta del Sol
Hatje Cantz, Ostfildern 2011

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