Wednesday, 15 March 2017

Schweizer Pressefotografie

Ein gelungenerer Bilder-Einstieg (die allererste Aufnahme zeigt eine mit einem Staubsauger bewehrte Putzfrau im Bundeshaus, die 1980 den Besuch von Königin Elisabeth II. mitvorbereitet – Hier Wird Aufgeräumt!, scheint diesem Band als Motto vorangestellt) ist kaum vorstellbar. Ich bin ganz begeistert!

Schweizer Pressefotografie / Photographie de  presse en Suisse ist ein Band mit Texten in Deutsch, Französisch sowie erstaunlich nichtssagenden Kurzzusammenfassungen in Englisch. Gilbert Courtaz und Nora Mathys charakterisieren den Band in ihrer Einleitung  "un livre militant, informatif et engagé", was in der englischen Zusammenfassung dann als "a militant, informative and responsible book" rüberkommt. Mir ist zwar schleierhaft wie 'militant' und 'engagé' zusammengehen, doch noch weniger verstehe ich, inwiefern es sich hier um ein 'responsible book' (was auch immer das sein mag) handeln soll.

Wie auch immer, dies sind Details und sollten dem verdienstvollen Unterfangen, einen Überblick über die Pressebildarchive der Schweiz zu geben, keinen Abbruch tun. Und es gibt einige solcher Archive, übers ganze Land verteilt, wie man das in einem föderalistischen Staat erwartet. Das ist überaus erfreulich.

Schweizer Pressefotografie / Photographie de  presse en Suisse ist ein lehrreiches Buch. So erfährt man etwa, dass bei Pressebildern nicht allein der Fotograf als Autor wesentlich ist, sondern dass ein ganzes Netzwerk hinter den Aufnahmen steht. "Pressebilder sind ein Produkt, das durch die Rahmenbedingungen der jeweiligen Epoche und des Verlags respektive der Agentur geprägt ist ... Erst mit der Anerkennung  der Fotografie als künstlerisches Produkt in den 1970er-Jahren sind die Fotografen in den Fokus gerückt."(Nora Mathys, Ricabeth Steiger).

Nichtsdestotrotz spielt die Beziehung des Fotografen zu den Fotografierten ein wichtige Rolle. Anders gesagt: Ein Vertrauensverhältnis erlaubt Bilder, die ohne dieses weder gewährt werden, noch möglich sind. So durfte etwa Edouard Baumgartner, aufgrund persönlicher Beziehungen zur Familie des General, den zu Hause aufgebahrten Leichnam von Henri Guisan fotografieren. Aus mir unerfindlichen Gründen fehlt die Aufnahme im Buch.

Zu den Themen, die in diesem Band behandelt werden, gehören, neben einem historischen Abriss zur Pressefotografie, auch Ausführungen zu Bildtypen, Ablagesystemen, Bildrechten sowie der Problematik der Materialvielfalt für die Erhaltung in den Archiven

Pressebilder sind Massenprodukte, nicht nur, weil sie massenhaft vervielfältigt werden, sondern auch durch "die Art der Herstellung und der Aufbewahrung", schreibt Thomas Bocher. Das klingt zwar, als ob Pressefotografen nicht viel mehr als Maschinen wären, obwohl, gemeint ist etwas anderes. "Die nicht publizierte – und meist unsichtbare – Mehrheit ist es aber, welche die Pressebildarchive anschwellen lässt und zu dem macht, was sie sind: ein Fundus an weiteren Darstellungsversionen der dokumentierten Ereignisse, Themen und Personen."

Dass es da zu Überschneidungen kommt, versteht sich. Dass man, schon aus Platzmangel, nicht alles lagern kann und will, ebenso. Dass man dabei Bewertungen vorzunehmen hat, ist klar. Dass jedoch in diesem Band nicht aufgezeigt wird, wie eine solche Bewertung vonstatten gehen kann/könnte/sollte, ist bedauerlich.

Doch neben der Theorie gibt es ja auch noch die Praxis. Und da kommt man um die Bewertung nicht herum, was ja auch die hervorragende Bilderauswahl (Wer hat die gemacht?) in diesem Band zeigt. Dabei wurden die Fotografien unter anderem in drei Hauptblöcke gruppiert. Der Kampf ums Frauenstimmrecht, 1945-1989, Schweizer Fussballcupfinals, 1942-1988 und Überschwemmungen, Lawinen und Unwetter, 1965-1991.

Schweizer Pressefotografie
Einblick in die Archive
Photographie de presse en Suisse
Regards sur les archives
Herausgegeben vom Netzwerk Pressebildarchive
Edité par le Réseau Archives Photographiques de Presse
Limmat Verlag, Zürich 2016

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