Wednesday, 19 August 2026

Soziale Brennpunkte

Als ich vor über 25 Jahren an der School of Media, Journalism and Cultural Studies der Universität Cardiff eine Magisterarbeit über Dokuentarfotografie verfasste, galt mein Interesse der sozial engagierten Fotografie. Das hat sich geändert; heutzutage beschäftigt mich vor allem, ob mich eine Aufnahme ästhetisch anspricht – die Geschichte hinter dem Bild interessiert mich nur noch wenig, da es zu einem Bild soviele Geschichten wie Betrachter gibt. Viele solcher Bilder gibt es davon nicht in diesem Band – zu meinen Favoriten gehören die Sihlhochbrücke (Bild 041),  eine Aufnahme aus dem Frauenhaus (Bild 141) sowie eine vom Albisgütli (Bild 173) – , den ich hauptsächlich als zeitgebundene soziale Dokumentation wahrnehme.

Daniela Janser weist in ihren einleitenden Betrachtungen auch auf den sogenannten Beobachtungseffekt hin (was beobachtet wird, verändert sich), behauptet dann aber, bei Gertrud Vogler spiele dieser keine Rolle. "Ihre Sujets scheint es schlicht nicht zu kümmern, dass gerade eine Fotografin in der Nähe ist – und abdrückt." In einigen Fällen wird das wohl stimmen ("Michi hat sich seinen Kick vorbereitet, ruhig, konzentriert, ich bin am Fotografieren, ruhig, konzentriert."), bei anderen bin ich mir sicher, dass das nicht zutrifft, auch natürlich, weil wir ja nicht wirklich wissen können, ob und wie wir beeinflusst sind, da es sich dabei um unbewusste Vorgänge handelt.

Die Vorstellung, der Journalist bzw. die Fotografin habe neutral zu sein, teile ich nicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich die meisten Medien selten mehr tun, als interessierten Parteien eine Plattform zu verschaffen, ist eine klare Positionierung gefragt. Gertrud Vogler lagen die von ihr Porträtierten am Herzen. Kann man das sehen? Ich schon, jedenfalls bilde ich mir das ein, auch wenn es wohl wesentlich damit zu tun hat, dass ich weiss (gelesen habe), dass sie eine sozial engagierte Frau gewesen ist.

"Es wird kein moralisches Urteil gefällt. Das schlägt sich auch in der Bildsprache nieder", so Daniela Janser. Das ist natürlich Unsinn, denn die Moral der Gertrud Vogler zeigt sich schon in der Wahl der Sujets, denen gemeinsam ist, dass sie von Menschen und Ereignissen an den gesellschftlichen Rändern handeln. Sie fotografierte aus der zweiten Reihe (im Gegensatz zu einigen ihrer Berufskollegen [Bild 182]). Und auch dies ist eine moralische Haltung. Ebenso, dass sie ihre Subjekte nicht als Zielscheiben verstand (besonders treffend umgesetzt in Bild 017). Noch mal anders gesagt: Wir urteilen immer moralisch (also wertend), das ist so recht eigentlich unumgänglich.

Was mich von Anfang an positiv für diesen Band einnimmt: Dass Gertrud Vogler Autodidaktin ist, ihr Blick auf die Welt ein sehr eigenständiger und kein verbildeter ist. Die ganz unterschiedlichen Bilder (entstanden zwischen1975-2000) geben davon nicht nur Zeugnis, sondern illustrieren auch ihre Lebensneugier.

Stefan Länzlinger und Silvan Lerch haben unter dem etwas eigenartigen Titel "Aufwühlend einfühlsam" das Leben von Gertrud Vogler nachgezeichnet, aufschlussreich und informativ, inklusive gelegentlicher Bewertungen, die unfreiwillig komisch wirken. "Sie fängt Szenen ein, die haften bleiben. Und wählt Ausschnitte, die nie banal sind." (Was ums Himmels Willen soll bloss ein banaler Ausschnitt sein?). Auch die Bezeichnung "Chronistin des Alltags" könnte verfehlter kaum sein, wenn schon, dann eher eine Chronistin des sozialen Umbruchs.

Eröffnung des Tramtunnels an der Haltestelle
Schörlistrasse. Stadtkreis Schwamdeningen, 1986

Warten auf die Zukunft: 180 Kurden, Pakistani,
Tamilen und Türken werden notdürftig im Obergeschoss
einer Turnhalle untergebracht. Aarau, 1986

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind, heisst es im Talmud. Auf das obige Bild bezogen: Ich habe während 18 Jahren als Dolmetscher mein Geld verdient, vor allem für Asylbewerberr aus Afrika. Derart bequeme Sitzgelegenheiten habe ich in dieser Zeit nie gesehen.

Ein aufwühlendes Bild, das keine Legende braucht. Bei mir löst es Trauer, Wut und Hilflosigkeit aus. Trauer über das weggeworfene Leben, Wut auf die Umstände, die ein solches Schicksal hervorrufen können, Hilflosigkeit begleitet von der Frage: Was hat Gertrud Vogler gemacht, nachdem sie dieses Bild aufgenommen hat?

Für mich sind diese Fotografien in erster Linie eine Zeitreise aus der Betrachter-Perspektive, ein wertvolles Sozial-Dokument, denn, wie die New Yorker Fotografin Lisa Kahane einmal geschrieben hat: "Image outlives fact." Doch dokumentarische Bilder brauchen Text, um verstanden zu werden. Und dieser Band trägt dem Rechnung; erst die vielfältigen Texte (Die Bewegung - Jahre der Unruhe; "Wo-, Wo-, Wohnige" - Besetzte Räume; Vom Platzspitz zum Letten - Das Drogenelend; Selbstermächtigt - Frauen im Fokus; Langzeitmomente - Besuch bei Jenischen; Integration und Ausgrenzung - Destination Schweiz, Festgehaltener Wandel - Die Welt der Arbeit; Der Alltag - Wiederkehrend einmalig; In Szene gerückt - Tanz der Subkulturen) ermöglichen das Nachvollziehen dieser Zeit, denn die Bildlegenden sind mehrheitlich arg dürftig, worin sich auch zeigt, dass das Bewusstsein fürs Bilderlesen nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. Und dies, notabene, in einem Bildband!

Und dann gibt es auch noch ein Gespräch. Mit "In Gertrud Voglers Fotografie der Frauenbewegung spiegeln sich aktuelle Debatten: ein Generationengespräch über Care-Arbeit, feministische Strukturen und das Potenzial von Bildern als Quellen" wird das Gespräch zwischen Anne-Christine Schindler und Elisabeth Joris eingeleitet, wobei keine vertiefte Auseinandersetzung mit Gertrud Voglers Bildern stattfindet. So befremdend das in einem Bildband auch ist, es ist die Regel. Im Vordergrund steht die Frauenbewegung, in der Elisabeth Joris aktiv war und über die sie entsprechend Aufschlussreiches zu berichten weiss. 

Gertrud Vogler
Soziale Brennpunkte
Fotografien
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026
 

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