Sunday, 18 October 2026

Einer wie Heusser

Zahlreiche Männer und Frauen, die die sechzig erreicht haben, drängt es offenbar, einen Lebensbericht zu hinterlassen. Wer nicht berühmt ist und einen Verlag sucht, ist gut beraten, einen Text so konventionell wie möglich, also mit Anfang, Mittelteil und Ende, zu verfassen, denn Verlagsleute sind wie alle anderen auch: Sie wollen das Gewohnte. Bruno Winzaps Einer wie Heusser fällt eindeutig in diese Kategorie, wobei mich sein Schreibstil sowohl sachlich als auch eigernartig aus der Zeit gefallen dünkte. Ein seriöser Schreiber, der sich viel Mühe gibt, die Dinge und Ereignisse akkurat wiederzugeben (etwa die Zürcher Jugendunruhen), so wirkt er auf mich, wobei ihm allerdings entgeht, dass er sich immer mal wieder wiederholt bzw. zusammenfasst, was er bereits andernorts ausführlich geschildert hat.

"Über die Jahre hatte sich viel angesammelt. Nun kam es zur Sprache. Das Gespräch bewegte sich hin und her: heitere Anekdoten aus der Zeit an der Universität, traurige Erinnerungen rund um die Drogentoten von Zürich in den Achtzigerjahren, Bedeutsames. Nebensächliches – und dazwischen Momente, die Peter unvermittelt berührten; Bob Marleys Konzert, ein Jahr bevor dieser starb." 

Erfreulicherweise ist dieser Roman weit detallierter und konkreter, als die gerade zitierte Passage, die nichtssagender kaum sein könnte, andererseits jedoch den zeitlichen Hintergrund umreisst, als Peter Wallner, aus einem Bündner Bergdorf stammend, in Basel und in Zürich landet, Tiermedizin studiert, und schlussendlich im Unterland eine eigene Veterinärpaxis eröffnet. Beziehungs- und Familiengeschichten kommen dazu. Auf mich wirkt nicht nur das Geschilderte, sondern auch die Sprache sehr schweizerisch, was meint: Ohne Chichi, rechtschaffen, ernst, solide. Leichtigkeit kommt nicht auf, doch ab und zu scheint Humor durch. Etwa, als er in Catania das  Vier-Stern-Hotel beschreibt, von dem gerade der dritte Stern abfällt.

Keine Frage, Einer wie Heusser ist autobiografisch, zumindest zu grossen Teilen. Nicht eins zu eins, natürlich, doch dass dem Autor sein eigenes Leben Pate zu diesem Roman gestanden hat, ist mehr als offensichtlich. Im Gegensatz zu Menschen, die Literatur studiert haben, und der Auffassung sind, Literatur und Leben in einen Topf zu werfen, sei zu kurz gegriffen (wieso hätten sie sonst so lange studieren sollen?), bin ich der Meinung, wir Menschen kennen nur uns selber, und können nur darüber schreiben, was wir kennen bzw. aus uns heraus will. Alles andere ist präsentiös, Wichtigtuerei.

Unser Leben sei nicht als anderes, als die Geschichten, die wir uns selber darüber erzählen, habe ich einmal gelesen. Mit anderen Worten: Autobiografien, wie alle Romane, sind primär Fiktion. Und auch Einer wie Heusser ist natürlich Fiktion. So gibt es etwa kein Bündner Dorf mit Namen Furlan, wo der Protagonist Peter geboren wurde. Anzunehmen ist jedoch, dass die Schilderungen aus dem Stall so vorgefallen sind, die Beziehungsgeschichten wohl so etwa ähnlich abgelaufen sind, also vom wahren Leben informiert sind. was ich schätze.

Der Titel, Einer wie Heusser, geht auf den Tierarzt Heusser in den Bündner Bergen zurück. So einer will Peter Wallner auch werden. Erfreulicherweise wird jedoch nicht einfach das Lob des Tierarztdaseins gesungen (dafür ist der Autor zu reflektiert): ".... dass für diese Tiere öffentliche Gelder flossen, während der Bauer draussen mit dem Traktor über die Felder fuhr und sich niemand um die Tiere kümmerte."

Das für mich Aufschlussreichste an diesem Buch war, dass da einer, so in etwa der selben Generation zugehörig (der Autor ist 1960 geboren und somit sieben Jahre jünger), eine Geschichte aus der Zeit erzählt, in der auch ich gross geworden bin und diese Zeit ganz offensichtlich ganz, ganz anders erlebt hat. Gemeinsamkeiten gibt es natürlich (Rock und Pop), doch vor allem ist mir aufgefallen, was für eine ganz andere Sprache wir sprechen. Als Peter und Charlotte einander fremd werden, beschreibt Bruno Winzap das so: ".... verspürte sie plötzlich, wie zwischen ihr und Peter ein unsichtbarer Vorhang gefallen war, ein Schleier, der Distanz, der Trennung vielleicht (...) Ein sachtes Auseinandertreiben ohne Streit und Ungewitter." Für mich läuft das unter abgehoben, schöngeistig, mir fremd und unzugänglich.

Peter kritzelt auch immer wieder Gedanken in sein Notizbuch. "Wer versteht, der nicht Jurist, die Sprache der Juristen? Welchen Dialekt spricht die Gerechtigkeit?" Zu Frage 1: Na ja, das ist bei jeder sogenannten Fachdisziplin so, von der Medizin zur Linguistik. Zu Frage 2: Eine philosophische  oder doch eher eine nonsense Frage?

Die Verlagswerbung charakterisiert Peter als "Philosophen unter den Tierärzten". Er ist definitiv einer, der sich Fragen stellt, viele Fragen stellt, allerdings meist von sehr allgemeiner Art. Konkret wird es diesbezüglich nur selten. "Es siegt, wer verliert", hatte er bei Marc Aurel gelesen. "Ein schwieriger Gedanke, gestand er sich ein, militärisch kaum nachzuvollziehen und zwischenmenschlich wohl nur im verklärenden Rückblick zu verstehen." Man könnte Marc Aurel allerdings auch ganz anders interpretieren: Wer siegt, wird in seinem Denken bestätigt und sich nicht ändern, er bleibt stehen; wer verliert, ist hingegen gezwungen, sein Denken auszuweiten, was klar ein Gewinn ist.

Nichtsdestotrotz, dieser Entwicklungsroman bringt einen das damalige Landleben wie auch den Alltag eines Tierarztes ("Tierarzt sein heisst Jazzer sein.") näher, eine Welt, die wohl von vielen nie so richtig wahrgenommen wurde. In diesem Sinne ist Einer wie Heusser auch eine willkommene Horizonterweiterung.

Zu den für mich stärksten Szenen  gehört die Schilderung des Sterbens von Peters Onkel Cornelius, einem Bankdirektor, in Basel. "Was bleibt, ist Erinnerung. Der Rest ist Entsorgung", hatte er gesagt. Und hinzugefügt: "Für immer." Im Testament stand jedoch alles anders. Wie Cornelius fühlte, nicht wie er sprach." Schön, und überzeugend, wie Autor Bruno Winzap hier des Menschen Widersprüchlichkeiten zum Ausdruck bringt.

Bruno Winzap
Einer wie Heusser
Edition Bücherlese, Luzern 2026

No comments: