Sunday, 25 October 2026

Wie ein Fluss in der Nacht

Bereits auf den ersten Seiten wird klar, was das irische Dorf Ardnakelty ausmacht: starre Regeln, an die sich alle zu halten haben. "Sollte er keine Brüder haben, dann wäre sein Plan. Elektriker zu werden, schlimmer als ein Outing als Atheist oder Bisexueller. Sogar einem erzkonservativen Vater wäre klar dass ein bisexueller, atheistischer Hofnachfolger den Grundbesitz der Familie bewahren würde. Und nur das zählt."

Lena wollte einst weg aus diesen beengten Verhältnissen, doch dann heiratet sie Sean. Und bereut nicht, geblieben zu sein. Seit sechs Jahren ist Sean tot, und Lena mit Cal, der aus Amerika stammt, zusammen. Nicht verheiratet, aber verlobt, wie sie einmal scherzhaft gesagt haben. Seither wartete das Dorf darauf, dass sie endlich heiraten.

Lena hält sich raus aus dem Dorfleben, will nichts zu tun haben mit den dörflichen Verpflichtungen. Und natürlich muss sie dafür bezahlen. "Sie weiss, man hält sie für kalt oder gestört oder hochnäsig, weil sie auf Abstand gegangen ist, aber was soll's. Was sie noch nicht wusste und was ihr missfällt, ist die Tatsache, dass man sie aufgrund ihrer abweisenden Art als armes, bemitleidenswertes Opfer einstuft." Überzeugender lässt sich das Dorfleben, allüberall, nicht nur in Irland, kaum schildern

Dann wird Rachel Holohan tot aus dem Fluss geborgen. Die junge Frau stand kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn des lokalen Grossgrundbesitzers, einem knallharten, opportunistischen Kotzbrocken sondergleichen. Suizid, nimmt man im Dorf stillschweigend an, dass es auch Mord sein könnte, wird anfänglich nicht einmal in Betracht gezogen. Schliesslich kennt man sich, und das würde ganz und gar nicht zum Dorf passen.

Es ist die Dorfatmosphäre, die Tana French auf unnachahmliche Art zu schildern weiss. Als Cal, ein Ex-Cop, der bei der Suche nach der jungen Frau mit dabei war, anschliessend ins Pub geht, trifft er auf die übliche Stimmung, "von ernsten Mienen keine Spur. (...) an der Bar streiten drei Männer, über die Vorzüge unterschiedlicher Schafrassen, eine Diskussion, die sicher schon seit Cals Ankunft (im Dorf) geführt wird, ohne dass jemand seine Meinung auch nur einen Deut geändert hätte", was die Leute eigenartigerweise nicht am Diskutieren hindert.

Wie ein Fluss in der Nacht ist auch eine Einführung in irische Umgangsformen. Offen spricht niemand, man ergeht sich in Andeutungen und Anspielungen. "Es hat Cal Monate gekostet, um zu begreifen, dass jemand, der eine Tasse ablehnt, eigentlich gerne eine trinken würde." Doch unter der dünnen Schicht des zivililisierten Umgangs miteinander lauert Neid und Missgunst, Hass und  Aggression.

In unseren Zeiten der Infantilisierung, in denen Erwachsene ihre Gefühle glorifizieren, auch natürlich weil das keine Anstrengung braucht, ist Wie ein Fluss in der Nacht eine überaus wohltuende Lektüre, nicht zuletzt, weil da mit Lena und Cal ein reifes Paar vorgeführt wird, das zu schätzen weiss, was es aneinander hat. Dazu kommt, dass dieser Roman vielfältige und überaus nützliche Beispiele des gesunden Menschenverstands liefert. "Wenn du meine Meinung hören wollst", sagt Lena. "ich bezweifle, dass Menschen durch eine Trennung in den Tod getrieben werden. Vielleicht, wenn ihr Leben insgesamt beschissen wäre. Oder wenn sie nicht richtig ticken würden. Eine Trennung wäre vielleicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, aber kein triftiger Grund."

Man könnte diesen Roman auch genauso gut als Kriminalroman bezeichnen, einen aussergewöhnlichen notabene, bei dem alle auftretenden Figuren als komplexe Charaktere in Erscheinung treten, was einer klaren Haltung jedoch nicht im Wege stehen muss. "Donie ist wie ein simpler Apparat mit wenigen Tasten: Von wem kann er profitieren, wen muss er fürchten?" Wer dächte da nicht automatisch an den anderen Donie, den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten?

Trey, Cals Ziehtochter, glaubt nicht an einen Selbstmord. Als ihre Mutter eingeschüchtert werden soll, setzen sich Trey und ihre Clique zur Wehr. Auch Cal steht ihnen bei, Und dann zeigt sich, dass der Quasi-Dorfpatron dahintersteckt, der wieder einmal glaubt, Regeln und Gesetze gälten nicht für ihn. So recht eigentlich zeichnet Tana French ein veritables Psychogramm von Ardnakelty (und damit dem Dorfleben weltweit), wo alle glauben alles über alle zu wissen und Klatsch und Gerüchte häufig bestimmender sind als die Realität.

Was Wie ein Fluss in der Nacht von anderen Kriminalromanen abhebt, ist einerseits die detaillierte Schilderung der Überlegungen und der Gefühlswelt der auftretenden Individuen, wodurch unter anderem deutlich wird, dass auch widerliche Zeitgenossen über Gedanken und Gefühle verfügen, und andererseits überzeugend vorführt, dass die mit viel Geld die mit wenig Geld verachten, und die so Verachteten vor dem Geld kuschen. Selten wurde das plastischer dargestellt.

Tana French ist eine begabte Menschenkennerin ("Eugene scheint aufrichtig empört zu sein, was aber nicht heisst, dass er die Wahrheit sagt. Es ist typisch für ihn, sich über alles aufzuregen, was nicht nach seiner Nase läuft."), die die Widersprüchlichkeiten, die uns allen eigen sind, nicht wegschreibt, sondern stehen lässt. Zudem findet man auch zahlreiche Tipps, um mit schwierigen Situationen klarzukommen. "Sie wanderte stundenlang bis in ihrem Kopf komplette Leere herrschte und der Gedanke, die Welt stünde still, verflogen war." 

Dieses Buch ist auch ein Dokument der Zivilcourage, das aufzeigt, dass man auch auf seine ureigene Art in einem Dorf leben kann. Denn es geht nicht um Anpassung an die herrschenden, oft alleine von Geld und Gier dominierten Sitten und Gebräuche, sondern um die zivilisierten Umgang miteinander, der, wie Tana French exemplarisch vorführt, keineswegs auf Anpassung und Unterwerfung, sondern auf einer von Anstand geprägten, klaren Haltung, inklusive Widerstand, beruhen kann. Wie ein Fluss in der Nacht plädiert nicht zuletzt dafür, sich gegen empathielose Tyrannen zu wehren, indem man sich nicht einschüchtern lässt, sondern laut wird.

Fazit: Packend, smart, aufklärend! Ein ungemein bereicherndes Leseerlebnis!; gehört definitiv zu meinen 2026 Highlights.

Tana French
Wie ein Fluss in der Nacht
Fischer, Frankfurt am Main 2026

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