Sunday, 23 November 2025
Moskauer Erinnerungen
Wednesday, 19 November 2025
Die Zähmung des Menschen
Die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut (Jean-Jacques Rousseau) oder schlecht (Thomas Hobbes) sei, ist nicht zuletzt auf unser Bemühen um Vereinfachung zurückzuführen und hat wesentlich mit unserem Entweder/Oder-Denken zu tun.
Richard Wrangham, geboren 1948, Professor für biologische Anthropologie an der Harvard University, findet die Frage falsch. „Statt zu versuchen, Beweise für eine der beiden Seiten zu finden, sollten wir uns fragen, ob diese Diskussion überhaupt sinnvoll ist. Säuglinge weisen uns in eine ganz andere Richtung. Die Rousseau’sche Sichtweise ist genauso richtig wie die Hobbes’sche.“ Wir sind unserem Wesen nach sowohl gut als schlecht, welche der beiden Seiten die Oberhand gewinnt, hängt von den Umständen ab.
So recht eigentlich sagt das einem ja auch der gesunde Menschenverstand, doch dieser ist leider nicht besonders verbreitet. Stattdessen lassen wir uns im Übermass von unseren Emotionen leiten und die sind häufig wenig dienlich. Anders gesagt: Die Tatsache, dass in gewissen Situationen Panikgefühle aufkommen, bedeutet nicht, dass man diesen unverzüglich nachgeben soll. Und überhaupt: Wozu mangelnde Impulskontrolle führen kann, zeigt uns das Trump-Desaster in den USA täglich. Gescheiter ist, genau hinzugucken. Und Fragen zu stellen. Und sich die nötige Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Und genau dies hat Richard Wrangham getan.
So stellte er unter anderem fest, dass nicht miteinander verwandte Arten sich in vieler Hinsicht verblüffend ähneln. Auch beschäftigte er sich mit der These, dass wir Menschen eine domestizierte Art seien. „Wenn wir eine domestizierte Art sind, wie sind wir dann dazu geworden? Wer sollte uns denn domestiziert haben?“ Selbstdomestizierung, lautet die Antwort und wie die vonstatten gegangen ist, führt der Autor anhand ganz vieler faszinierender Geschichten überzeugend aus.
Frieden innerhalb der Gruppe und Gewalt gegenüber Fremden, gemäss diesem Muster scheinen wir Menschen zu funktionieren. Überall auf der Welt verhalten sich Soldaten im Krieg anders als zuhause. Doch natürlich ist es nicht so simpel – zuhause anständig, im Krieg pervers – und Richard Wrangham erklärt wieso. Dabei befasst er sich auch mit häuslicher und sexueller Gewalt in Friedenszeiten. Zudem unterscheidet er zwischen aktiver und reaktiver Aggression – letztere beurteilen die Menschen milder, aus ihr erwächst letztlich die soziale Toleranz. Die aktive Form der Aggression ist es, die uns als Menschen so tödlich macht.
Wie es Universitätsprofessoren geziemt, hat sich auch Richard Wrangham durch beträchtliche Mengen von Studien und Literatur gearbeitet – Die Zähmung des Menschen ist nicht zuletzt eine eindrückliche Fleissarbeit, eine gut geschriebene notabene. Das Themenspektrum ist ausgesprochen breit und geht weit über die Anthropologie hinaus. Wer sich über Sätze wie: „Die Sprache scheint eine notwendige Voraussetzung zur vorsätzlichen Tötung eines Individuums zu sein“ wundert, wird an den Ausführungen in diesem Werk seine helle Freude haben.
Dieses Buch ist nicht zuletzt eine Einladung, sich an Forschungsdaten zu orientieren. Und sich mit der These auseinanderzusetzen, „dass unsere Vorfahren unbeabsichtigt einen friedlicheren Menschen hervorbrachten, indem sie die aggressivsten Männer töteten.“ Nein, der Autor ist kein Verfechter der Todesstrafe, er ist vielmehr entschieden dagegen. Schliesslich haben sich die Zeiten (und damit die Bedingungen) wesentlich geändert.
Richard Wrangham kommt zum Schluss, dass wir über eine schwach ausgeprägte Neigung zu reaktiver Aggression und eine stark ausgeprägte Tendenz zu aktiver Aggression haben. Und jetzt, was machen wir damit? Nicht die weithin geteilte, jedoch unreflektierte Überzeugung nachzubeten, Kooperation sei immer gut, sondern das Ziel verfolgen „unsere Fähigkeit zu organisierter Gewalt einzudämmen.“
Fazit: Ein Buch voller origineller Denkanstösse, das die menschliche Aggression schärfer und vielfältiger zeigt, als es bis anhin der Fall gewesen ist.
Richard Wrangham
Warum Gewalt uns friedlicher gemacht hat. Eine neue Geschichte der Menschwerdung
DVA, München 2019
Sunday, 16 November 2025
Alle Scheinwerfer auf mich!
Wednesday, 12 November 2025
John Steinbeck: The Pearl
A town is a thing like a colonial animal. A town has a nervous system and a head and shoulders and feet. A town is a thing separate from all other towns, so that there are no two towns alike. And a town has a whole emotion. How news travels through a town is a mystery not easily to be solved. News seems to move faster than small boys can scramble and dart to tell it, faster than women can call it over the fences.
Thus it might be that the people of the Gulf trust things of the spirit and things of the imagination, but they do not trust their eyes to show them distance or clear outline or any optical exactness.
John Steinbeck: The Pearl
Sunday, 9 November 2025
Annie Ernaux: Die Jahre
Annie Ernaux, geboren 1940, die sich als „Ethnologin ihrer selbst“ bezeichnet, erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur. Mein Verhältnis zu Trägern und Trägerinnen des Literaturnobelpreises ist gespalten. Ich glaube, sie schätzen zu müssen, doch es ist selten, dass ich es auch tue. Zu vielen habe ich schlicht keinen Zugang (jedenfalls nicht zu den Büchern, die mir in die Hände gefallen sind), die meisten kenne ich nicht, und dann gibt es die, die mich unmittelbar ansprechen. Die Jahre von Annie Ernaux gehört ganz unbedingt dazu, das weiss ich bereits nach den ersten paar Seiten. Es liegt an Aussagen wie „Der Welt fehlt es am Glauben an eine transzendentale Wahrheit“, gefolgt von „Alles wird innerhalb einer Sekunde vergehen, Getilgt das von der Geburt bis zum Tod angesammelte Wörterbuch. Stille wird eintreten, und man wird keine Wörter mehr haben, um sie zu sagen. Aus dem offenen Mund wird nichts mehr kommen. Kein Ich, kein Mir, kein Mich. Die Sprache wird die Welt weiter in Worte fassen. Bei Familienfeiern wird man nur noch ein Vorname sein, von Jahr zu Jahr gesichtsloser, bis man in der anonymen Masse einer fernen Generation verschwindet."
Damit doch etwas überdauert und Bestand hat, schreibt Annie Ernaux auf – anhand von Fotos, Schlagern und Erinnerungen – , was sie erinnert. Indem sie nicht nur ihr eigenes persönliches Erinnern, sondern auch die damalige Zeit (die 1940er Jahre) beschreibt (was es damals nicht gegeben hat: Rindfleisch und Orangen, Krankenversicherung, Kindergeld, die Rente mit 65, Urlaubsreisen), lässt sie auch den später geborenen Leser (jedenfalls ging es mir so) seine eigene Zeit erfahren – schliesslich ändert sich, abgesehen vom technischen Fortschritt, nur wenig. Die 1948 geborene Christine Westermann trifft es gut: „Ein sehr persönliches Buch, eine Zeitreise in meine Kindheit, meine Jugend ...“.
Die Zeit, die Annie Ernaux schildert, ist erfüllt mit Vorstellungen und Gewissheiten, die einen heutzutage fremd und exotisch anmuten. Da gab es „Sünden, die so schwer wogen, dass man sie auf keinen Fall beichten konnte“, da war der Stolz auf seine Schuluniform, und der Militärdienst machte einen zum Mann, da war es selbstverständlich, „dass Algerien mit seinen drei Departements zu Frankreich gehörte“.
Annie Ernaux versteht sich aufs Foto-Lesen, weiss, dass das, was Fotos zeigen, alles andere unsichtbar macht – und so bringt sie es uns zu Bewusstsein. „Ein Repertoire aus Gewohnheiten, eine Summe von Handgriffen“ genauso wie die zahlreichen Anweisungen: Aufessen, nicht schmatzen, nicht mit den Türen knallen ...
Die offizielle Geschichtsschreibung, die sich mit Politik abgibt, weiss von diesen Dingen nichts. Zudem: Ein Satz wie dieser vermittelt mir mehr über Frankreich als sämtliche politischen Leitartikel. „Frankreich war gross und setzte sich aus verschiedenen Bevölkerungen zusammen, die sich durch das, was sie assen und durch ihre Art zu sprechen voneinander unterschieden.“
In den sechziger Jahren waren die Menschen voller Zuversicht, „sie glaubten, die Dinger würden ihr Leben verbessern." Und dann war da die Musik der Jazz, der Gospel, der Rock 'n' Roll. „Dream, love, heart waren reine Wörter ohne praktischen Nutzen, die uns das Gefühl gaben, es existiere noch etwas jenseits unserer Welt.“
Auf sein eigenes Leben zurückzublicken – und dies ist es, was diese „Ethnologin ihrer selbst“ einem möglich macht – , habe ich selten so vergnüglich erlebt, auch wenn ich Jahre später und im Nachbarland aufgewachsen bin. Beispiele: „... man ass lieber Konserven als frisches Obst ...“; „Die Männer stellten sich am helllichten Tag zum Pinkeln an irgendeine Mauer, und höhere Bildung stimmte misstrauisch ...“; „Charles Piaget, der Arbeiter aus der Lip-Uhrenfabrik war bekannter als der Psychologe mit demselben Nachnamen, mit dem man uns im Philosophieunterrichts getriezt hatte (niemand ahnte, dass man bei dem Namen eines Tages nur noch an den Schweizer Luxusjuwelier denken würde, der Anzeigen in den Zeitschriften schaltete, die beim Friseur auslagen).“
Die Jahre machte mich sehr, sehr oft schmunzeln. „Wer einen Fernseher angeschafft hatte, kommentierte das Aussehen von Ministern und Ansagerinnen und redete von Prominenten, als wären es Nachbarn.“ Automatisch stellen sich in meinem Kopf Bilder von Menschen ein, die nach dem Tod von Tina Turner vor dem Tor ihres Anwesens Blumen niederlegten. Die Aufgabe der Medien, man kann nicht oft genug daran erinnern, besteht darin, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu garantieren.
Obwohl chronologisch strukturiert, erzählt dieses Buch keine lineare Geschichte, sondern ganz Vieles und ganz Unterschiedliches nebeneinander, immer wieder unterbrochen von Erinnerungsfetzen – näher als bei dem, was wir wirklich erleben, kann man kaum sein.
Annie Ernaux formuliert universelle Wahrheiten, direkt, pragmatisch und gänzlich unprätentiös. „Für unser persönliches Leben hatte die grosse Geschichte keine Bedeutung. An einem Tag war man glücklich, an anderen nicht. Je mehr man eintauchte in das, was sich die Wirklichkeit nannte, die Arbeit, die Familie, desto stärker wurde das Gefühl der Unwirklichkeit.“
Je subjektiver jemand sich auszudrücken traut, desto grösser die Möglichkeit zur Identifikation, denn wir sind weit weniger speziell als wir gemeinhin annehmen. Und wenn dann dieser jemand (wie Annie Ernaux) über die Fähigkeit verfügt, sich differenziert und einfach auszudrücken (eine Kunst, die wenige beherrschen), fühlt man sich als Leser berührt und bereichert. Ich für meinen Teil habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich fast jeden Satz unterstreichen wollte.
Fazit: Ein Buch, für das ich dankbar bin. Gescheit, amüsant und wunderbar instruktiv; der Beweis, dass das Leben in Worte gefasst werden kann.
Wednesday, 5 November 2025
Unterwegs in Rio Grande do Sul
Mein Hotel in Santa Maria ist in der Nähe der Rodoviaria, das Zimmer geräumig, beim Frühstück wundere ich mich wie immer über den Humor unseres Schöpfers, dessen Lust an Formen und Gestalten ständig einen einzigartigen Reichtum an Zweibeinern herzaubert.
Die sechseinhalbstündige Busfahrt nach Uruguaiana lässt mein Herz jubeln, jedenfalls während der ersten fünf Stunden, als ich in Ruhe die unendliche Weite geniessen konnte, doch dann tauchte eine Familie mit jungen Kindern auf – und mit meiner Landschaftsmeditation war es vorbei.
Der Taxifahrer in Uruguaiana war um die 90, ledergegerbte Haut, zahnlos, und sprach nicht nur einen mir gänzlich unbekannten Dialekt, er verstand auch nicht, wo ich hinwollte. Ein Kollege erläuterte ihm dann, wo mein Hotel lag. Auf dem Weg dorthin wies er auf zwei Lokale hin, wo abends die Mädels willig seien, was ihn eindeutig mehr begeisterte als mich.
Das Hotel sah von aussen hübsch aus, in meinem Zimmer hatte es dann allerdings knapp Platz für ein Bett, und das Bad war derart eng, dass ich froh war, die letzten Wochen ein paar Kilo abgenommen zu haben. Beleibten Herrschaften würde ich von einem Klobesuch in diesem Etablissement definitiv abraten – hinein schaffen sie es womöglich, hinaus hingegen ... Na gut, ich kann mich täuschen.
Jedenfalls, das Hotel figurierte für mich in der Kategorie "Vielleicht mit zwanzig, wenn man nur was zum schlafen braucht", doch es zeigte sich dann, dass die Gäste so in meinem Alter waren, Argentinier, einer in einem Velvet Underground T-Shirt.
Wo ich her sei, fragt die Frau, die ich nach der argentinischen Grenze frage. Wir plaudern ein wenig, das üblich Belanglose, dann weist sie mich auf ein Café hin, das gut sei, auch das im Park, bei der Praça, könne sie empfehlen. Beide suche ich in der Folge auf, mit Gewinn.
Ich schaue in den Geschäften an der Grenze nach einer Brieftasche, und werde fündig. Kurz darauf frägt mich eine Ladeninhaberin, die gerade Kleider aufhängt, ob ich was suche, ob sie mir behilflich sein könne. Danke, ich bin auf der Suche nach Fotomotiven, erwidere ich. In der nächsten Strasse gibt es einiges zu sehen, sagt sie. Sie hatte recht.
Man solle das Licht und die Aircon ausmachen, wenn man das Zimmer verlasse, was ich dann auch pflichtgetreu tue, nur um die Aircon voll aufgedreht zu finden, als ich zurückkehre. Die Reinigungskraft hat eben ihre eigenen Ideen ...
Dass Uruguaiana eine Grenzstadt ist, merke ich im Hotel, wo mehrheitlich Spanisch gesprochen wird, und in den Läden nahe der Grenze, wo ich gefragt werde, ob ich in Reais bezahlen wolle.
Da der Lärm auf dem Flur am zweiten Abend sich in Grenzen hielt, schloss ich messerscharf, das Hotel sei in dieser Nacht kaum belegt, so dass ich beim Frühstück, sofern ich zu den ersten gehörte, vermutlich alleine war. Ich war jedoch nicht der einzige Frühaufsteher, das ganze Hotel war bereits auf den Beinen, inklusive zweier Militärpolizisten, von denen die Frau ausgiebig tätowiert war, was vermutlich nur mir auffiel, da man sich in Brasilien gelegentlich fragen kann, wer eigentlich (noch) nicht tätowiert ist. Das Funkgerät der Polizistin übertönte jedes Gespräch, so dass man sich des Eindrucks nur schwer erwehren konnte, man befände sich in der örtlichen Einsatzzentrale.
Zu den Sätzen, die mich nun schon ein Leben lang begleiten, gehört Adolf Muschgs 'Trotz vieler Versuche, ein schlechter Reisender geblieben' (ich zitiere aus dem Gedächtnis). In meinem Falle: immer zu früh, stets etwas angespannt, wie jetzt an der Rodoviaria in Uruguaiana.
Die langen geraden Strecken gemahnen mich oft an Amerika, wo allerdings das Wiedersehen dominiert, da man das alles bereits in Filmen gesehen hat. In Brasilien sehe ich die Landschaft zum ersten Mal, ist sie neu, entdecke ich sie.
Der Zustand der Strassen ist zum Teil fürchterlich und erinnert mich an den Nordosten des Landes, wo er noch fürchterlicher gewesen ist.
In São Borja springt nach der Mittagspause der Bus nicht mehr an, die Batterie hat den Geist aufgegeben. Die 40 Minuten Wartezeit fällt den Brasilianern eindeutig leichter als mir.
Von São Borja bis Santo Angelo sitzt ein junger Mann neben mir, der eindeutig angesprochen werden will, damit er erzählen kann. Ich tue ihm den Gefallen und bin nicht im Geringsten erstaunt (die meisten Brasilianer sind so), dass er mir keine einzige Frage stellt.
Hinter einem Laster herzukriechen und dabei durchgerüttelt zu werden, lässt mich mehr als einmal schwören, dass ich mir solche Rumpelfahrten nicht mehr antun werde.
Für die wichtigen Dinge, sei er zuständig, sagte einst mein Vater. Also wer Chef oder Bundesrat oder amerikanischer Präsident werde. Für die unwichtigen hingegen seine Frau. Also ob wir ein Haus kaufen sollen oder ein neues Auto. Ich bin genauso. Philosophische Gespräche auf Portugiesisch, das geht, doch was Messer, Gabel, Löffel heisst, muss ich (nicht zum ersten Mal) nachschlagen.
Der junge Rezeptionist erstarrt, als ich mich nach dem Verbleib meines Hemdes erkundige, das eine Näherin, die nahe beim Hotel wohnt, flicken wollte. Ich wiederhole meine Frage. Jetzt blüht er auf. Sie sprechen ja Portugiesisch und ich befürchtete schon, es handle sich um Spanisch. Das erinnerte mich an einen meiner Schüler, der meinte, ich spreche ganz gut Portugiesisch, so wie die Leute "no interior".
Auf der Strasse spricht mich ein älterer Mann an. Zweimal war er bereits in Pfäffikon SZ. Was ihm in der Schweiz aufgefallen sei? Keine Abfälle auf den Strassen, er zeigt auf den Boden um uns herum, und die Leute bleiben vor dem Zebrastreifen stehen. Und vor allem: Kein Vogelgezwitscher. Manaus müsse ich besuchen, ein Naturparadies. Er stellt mir ein oder zwei Fragen, doch meine Antworten interessieren ihn nicht; ich werde wie meist in Brasilien zum Stichwortgeber reduziert.
Beim Eingang des Supermarktes gibt es eine Theke und gratis stark gesüssten Kaffee. Da gerade ein Gewitter niedergeht, verkürze ich mir damir die Zeit, bis es nachlässt.
Die neueste Mode in Santo Angelo sind Eisdielen, die eine Riesenauswahl zur Selbstbedienung anbieten. Und da der Mensch ein Herdentier ist, finden sich um Umkreis von wenigen Metern gleich drei.
Das Frühstück in meinem Hotel ist legendär. Melone, Mango, Pizza, verschiedene Kuchen, Brote, Fleisch, Käse, Säfte, Kaffee, Tee. Ich entdecke Quindim, eine Süssspeise aus Kokos, Eigelb und Zucker. Drei Angestellte überwachen das Buffet und sichern den Nachschub. Ein Brasilianer würde bei einem schweizerischen Café complet wohl kollabieren.
Nachdem ich mir am Morgen buddhistische Gedanken zum Alter angehört habe, die darin gipfelten, man solle das Jetzt umarmen und zuversichtlich dem Kommenden entgegensehen, ergiesst sich am Mittag eine Busladung aus dem Altersheim in die Eingangshalle des Hotels, die mich der Zukunft eher mit gemischten Gefühlen entgegensehen lässt, denn diese Leute, die ich für älter halte als mich selber (vielleicht täusche ich mich aber auch), hatten allesamt Mühe mit dem Sich-Hinsetzen, vom anschliessenden Wieder-Aufstehen gar nicht zu reden. Mit Ausnahme von zwei, drei wirkten alle nicht einmal ansatzweise halbwegs fit. Es handle sich beileibe nicht um ein Altersheim, so der Rezeptionist, sondern um eine Reisegruppe aus Rio de Janeiro (das sind mehr als 1600 Kilometer bzw. dreissig Stunden Busfahrt), welche die Missionsstationen der Gegend besuchen wolle.
Der Taxifahrer, der mich zur Rodoviaria bringt, hatte bereits letzte Woche Schweizer als Fahrgäste. Ob das wohl etwas bedeute? Vermutlich Pech, grinse ich. Er ebenso.
An den Rodoviarias finden sich auch immer Leute auf Drogen oder sonstwie schief drauf. Você é de onde? Da Suica. É perto de Jerusalém? Nein, nicht nahe, eher weit ...








