In meiner Jugend lautete die Frage: Beatles oder Stones: Ich tendierte zu den Beatles, weil mir so ziemlich alle ihrer Songs gefielen (auch heute fällt mir auf Anhieb keiner ein, den ich nicht mag). Andererseits gab es von den Stones Nummern, die ich, einmal gehört, nicht mehr aus meinem Kopf kriegte. Von Paint it Black über Ruby Tuesday zu Honky Tonk Woman zu Angie zu .... es ist ziemlich endlos. Zudem: Jugendliche suchen Identifikationsfiguren und das waren Mick Jagger und Keith Richards für mich nicht, am ehesten noch Brian Jones oder Mick Taylor.
Dass ich diesen eindrücklichen Band mit gemischten Gefühlen angehe, hat also nicht mit der Musik zu tun, sondern hauptsächlich damit, dass ich die beiden Stones-Frontmänner, Jagger und Richards, als Paradebeispiele für würdeloses Altern wahrnehme. Zudem habe ich vor vielen Jahren gelesen, Mick Jagger sei ein extrem berechnender Buchhalter-Typ. Seither nehme ich ihn oft nur als krakelenden Business-Typen wahr. Ich bin also recht gespannt, wie die Bilder in diesem Band auf mich wirken werden, die die Live-Shows von 1963-2024 bzw. Ausschnitte daraus zeigen.
Mich sprechen vor allem die aus den Siebzigerjahren an, einer Zeit der Hoffnung auf eine andere, besserere, menschlicherere Welt. Bei denen aus jüngerer Zeit, hatte ich gelegentlich den Eindruck, da hätten sich ein paar Penner auif die Bühne verirrt. Nein, nicht nur, natürlich nicht, denn sie sind auch eine Manifestation des Begehrens, jung bleiben zu wollen. Und, verglichen mit vielen, sind sie definitiv jung geblieben..
Nicht nur Schnappschüsse sind zu sehen, sondern auch für die Kameras inszenierte Bilder. Überhaupt weiss man nicht immer so recht, ob das, was authentisch wirkt, auch wirklich authentisch ist, auch natürlich, weil so eine Tour ein Riesending ist und allerbestens geplant werden muss, inklusive einer sehr, sehr professionellen PR. Und selbstverständlich gilt, was bei Personenfotos immer gilt: Die Kamera verändert, wie sich Menschen zeigen.
Zu grossen Teilen handelt es sich bei diesem Band um ein Eitelkeits-Projekt. Gleichzeitig ist es aber eben auch ein überaus faszinierendes Zeitdokument, so eine Art musikalische Kulturgeschichte, denn man sieht nicht nur die immer gleichen Akteure bei ihrem Auftritt oder hinter der Bühne, sondern auch die variantenreichen Tour-Plakate, die grafische Meisterleistungen sind. Und Sticker, Eintrittsbillette etc.
Spezielle Aufmerksamkeit für einen Schweizer weckte das Plakat für die Show im Hallenstadion Zürich am 14, April 1967, "bei der die obligatorischen Rauchbomben gezündet und Stühle zertrümmert wurden", wegen des Vorprogramms: The Sevens, Les Sauterelles, The Times, Heiner Hepp mit Walti Anselmo Set, The Dogs. Mir selber sind nur die Sauterelles und Heiner (Hardy) Hepp sowie Walti Anselmo ein Begriff. Und da dachte ich doch, ich würde mich auskennen ...
Informativ und lesenswert ist die Einführung von Paul Sexton, einem in London ansässigen Journalisten, Rundfunkmoderator und Autor, der "unzählige Male aus der Nähe über die Band " berichtete und verdienstvollerweise auch Bill Wyman und Charlie Watts (und nicht nur, wie meist üblich, Mick Jagger und Keith Richards) zu Worte kommen lässt. Sexton zeichnet die Geschichte der Band, von den wenig glamourösen Anfängern zum perfekt geölten Industrieunternehmen nach, als Fan, nicht als kritischer Begleiter. Er weist allerdings auch darauf hin, dass wie alle Showstars, die Stones ausgesprochen fleissig sind und sehr, sehr hart arbeiten.
Besonders angesprochen haben mich weniger die Aufnahmen auf der Bühne, die alle zu schreien scheinen: Schaut mal her! Schaut mich an! Bin ich nicht toll?, sondern die Bilder, die in unbeobachteten Momenten entstanden sind. Etwa Charlie Watts bei einem Nickerchen über den Wolken oder Mick Jagger während einer Konzertpause schlafend auf einem Sofa. Muss eigenartig sein, ein Leben im Scheinwerferlicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ständig unter Beobachtung zu stehen, der geistigen und seelischen Gesundheit besonders förderlich ist.
Es ist eine gigantische Maschinerie, die das Phänomen Rolling Stones möglich macht. Bereits die Steel Wheels/Urban Jungle Tour von 1989/1990 mit 115 Auftritten erbrachte Bruttoeinnahmen von 175 Millionen Dollar.
The Rolling Stones. On Tour ist vielfältig aufklärend, reich an Anekdoten und illustriert eindrücklich, dass die 80Jährigen von heute mit dem 80Jährigen von einst so ziemlich gar keine Gemeinsamkeiten haben.
"Im Jahrzehnt ab 2010 herrschte stillschweigende Einigkeit darüber, dass die Rolling Stones den Medien den Schneid abgekauft hatte. Die Scherze über da s Gesamtalter oder die Bankkonten waren der Einsicht gewichen, dass die Band ein wohl einzigartiges Unterhaltungsphänomen darstellt." In meinen Augen klingt das zwar wie ein PR-Text, doch dass die Rolling Stones ein einzigartiges Unterhaltungsphänomen sind, daran besteht kein Zweifel, auch wenn es ein professionell durchgetaktetes Phänomen ist. Nur eben: Das ist ein Kulturphänomen. Was einst als aufmüpfig, ja revolutionär daherkam, wird heute konsumiert.
The Rolling Stones. On Tour
Die legendären Live-Shows 1963 - 2024
Paul Sexton
Prestel, München, London, New York 2026





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