Wednesday, 27 May 2026

Das ist Glück

 

Es sei gleich gesagt: Niall Williams ist ein begnadeter Fabulierer und dieser Roman ein Lesegenuss erster Güte. Die Charakterisierungen der Gemeindemitglieder des kleinen irischen Dorfes Faha machten mich Tränen lachen "... die bereits drei Mal die letzte Ölung erhalten hatte, sich aber, hiess es, nicht in den Himmel aufmachen wollte, solange sie nicht sicher sein konnte, dass ihr Mann Tom am entgegengesetzten Ort gelandet war ...".

Es regnet, als ich mit der Lektüre beginne. Passender könnte es kaum sein, denn in Faha regnete es "zu jeder Tages- und Nacht- und auch zu jeder Jahreszeit, beachtete weder den Kalender noch die Wettervorhersage ...", bis der Regen dann doch aufhört, in der Karwoche 1958, als die Religion und der Glaube noch eine ganz andere Bedeutung hatten als heutzutage. Ein Haarschnitt am Karfreitag, hiess es damals in Irland, verbannte den Kopfschmerz für ein ganzes Jahr!

Faha ist ein aus der Zeit gefallener Ort, die Einwohner Neuerungen gegenüber skeptisch- Man kennt sich, weiss, wer wer ist und wohin gehört. "Direktheit lag nicht in der Natur von Faha." Und natürlich geht man in die Kirche. Und macht sich Gedanken über Gott. "Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (...) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (...) anders lässt sich das nicht erklären."

Das ist Glück ist ein ungemein dichter Text, der mich dermassen begeistert, dass ich fast jeden Satz unterstreichen könnte, auf dass er sich in meine Gehirnwindungen eingraben möge, denn nicht nur schreibt Niall Williams überaus witzig, er vermittelt auch ganz viele hilfreiche Erkenntnisse, die einem die Welt neu sehen lassen. "... mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen...".

Hat man schon eine Weile gelebt (der smarte Erzähler ist 78) und ist zudem humorbegabt, dann sieht man das Leben (immer mal wieder) als die Komödie, die es auch deswegen ist, weil wir Menschen auf die eine oder andere Art wichtig tun müssen. Woran erinnert man sich eigentlich, fragt sich der Erzähler hin und wieder, und kommt zum Schluss, dass man das nicht wirklich sagen kann, doch dass einem dieses oder jenes manchmal heller und intensiver vorkommt. Und das reicht ja eigentlich auch. Niall Williams ist ein Philosoph, ein vom Leben geschulter. "All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen."

Das ist Glück spielt in einer Zeit als es noch eine Welt der Heiligen gab, und alle deren Namen wussten. Auch Mond und Sterne standen zur Verstärkung bereit. Zudem: "Die bekannte Welt war damals längst noch nicht so scharf umrissen, und Wissen wurde nicht mit Tatsachen gleichgesetzt. Geschichten waren so eine Art menschlicher Kitt." Die Welt, obwohl viel unbekannter als heute, kam einem damals bekannter vor.

1958 kommt der Strom nach Faha, und zwar in Gestalt des weitgereisten Christy, der für die Regierung arbeitet, und als Untermieter bei Noels Grosseltern einzieht. Eine Million Strommasten werden benötigt, doch da das irische Holz für Admiral Nelsons Flotte draufgegangen war und sich jetzt mitsamt der Flotte auf dem Meeresgrund befand, wurde man in Finnland vorstellig. Der Abgesandte Mangan hatte zwar keine Ahnung, was für einen Fisch ("grösser als der Teller") er vorgesetzt bekam, "aber mit genügend Salz, so seine Überzeugung, bekam man selbst ein Stück Holz hinunter." Die Bücher, die mich dauernd zum Lachen bringen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist Glück gehört eindeutig dazu.

Am Beginn der Freundschaft von Christy (der nicht nur des Stroms, sondern auch einer alten Liebe wegen nach Faha gekommen ist) und dem siebzehnjährigen Noel (der dem Priesterseminar entflohen ist) steht ein Besäufnis mit einem anschliessenden Kater, der literarisch gleichsam veredelt wird. "Wenn man nach einer solchen Nacht erwacht, reagiert man mit einem Rezept universeller Gültigkeit. Es besteht aus einem Teil Scham, zwei Teilen Selbsttadel, drei Teilen Fassungslosigkeit, und der Rest ist blosses Staunen. Mein Mund fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgeschlagen, meine Augen sassen auf Stielen. Nie zuvor hatte ich mich so wenig mich selbst gefühlt, was allerdings auch nicht eines gewissen Reizes entbehrte."

Das ist Glück wirft auch einen Blick zurück, nicht nur auf eine Zeit ohne Strom, sondern auch auf die Jugend, die einem im Nachhinein eigenartig, oft auch ziemlich blöd und gelegentlich rührend vorkommt. "Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat."

Dass das Wesen des Menschen unergründlich ist, wissen zwar alle zum Denken Befähigte, doch selten wurde das so witzig beschrieben wie in diesem Roman. Man nehme etwa das Haar der Frauen. "Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten." Warum es so schwierig ist, sich als die oder der anzunehmen, als die oder der man zur Welt gekommen. lässt sich letztlich wohl nicht beantworten. Auch darin zeigt sich das Unergründliche des Menschen.

Das ist Glück ist ein wahrer Glücksfall. Sehr lustig, sehr clever sowie reich an vielfältig lehrreichen Einsichten, wie etwa der, dass jeder echte Realist über Genauigkeit und Strenge verfügt, oder dass jemand, der mit einer Religion aufgewachsen ist, sich davon niemals wirklich lösen kann, oder... Nein, Halt, Stopp! Selber lesen, es lohnt, garantiert.

Niall Williams
Das ist Glück
Roman
Ullstein, Berlin 2025

Sunday, 24 May 2026

Generation Beleidigt

Die ersten zwei Sätze der Einleitung bringen es auf den Punkt: „Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder 'beleidigt'.“ Soll man da wirklich ein Buch drüber lesen? Wäre nicht gescheiter, sich einfach von diesen Leuten, die sich ständig beleidigt fühlen, abzuwenden? Caroline Fourest sieht das entschieden anders und berichtet unter anderem von französischen Lesbengruppen, die sich abgesondert haben. „Diese Frauen haben weder den Lauf der Welt noch die grassierende Homophobie auch nur um ein Jota verändert. Diese Radikalen sind oft Menschen, die weder die Kraft noch die Geduld haben, andere Menschen zu verändern.“

Doch weshalb sollte man das eigentlich wollen, „andere Menschen zu verändern“? Und zudem: Ist dieser mittlerweile grassierende Gesinnungsterror wirklich etwas Neues? Als ich Mitte der 1970er von Jura zu Ethnologie wechselte, stellte ich mit Befremden fest, dass die Ethnologen noch um einiges rechthaberischer waren als die Juristen, wohl auch deswegen, weil die Juristen die Macht verwalten und Ethnologen eh niemand ernst nimmt.

Das Leben ist unsicher. Und so streben wir nach Sicherheit. Nicht weil das eine schlaue Idee ist, sondern weil unser Lebenstrieb das so will. Diesem Streben nach Sicherheit ordnen wir alles unter. Die Folge ist, dass wir uns an allem festklammern, das uns Orientierung verspricht. Der Herkunft, der Rasse, der Zugehörigkeit, der korrekten Meinung. Unsere Welt, so Caroline Fourest, ist „zum Bersten identitär“ geworden.

Jede Identität ist kreiert und dauernd im Fluss. Sie festzumachen zu versuchen, sei es an der Hautfarbe, der Sprache oder den sexuellen Vorlieben, ist einerseits immer sehr willkürlich und andererseits oft selten etwas anderes als der hilflose Versuch, im Leben Halt zu finden. Gescheiter wäre, sich an der Realität, in der alles unsicher ist, auszurichten, anstatt sie zu verneinen, indem man auf Stabilität in der Form von Überzeugungen aus ist.

In der Essenz geht es bei der Frage, ob man sich bei einer anderen Kultur bedienen darf (Cultural Appropriation), um Zensur und um Leute, die sich zu Zensoren aufschwingen. Wir sollten uns weder solche Argumente noch solche Leute anhören, sondern einfach und gelassen unser Ding machen. „Ohne die Stones hätte der Blues die Pforten des Ghettos niemals überwunden“, lese ich zustimmend. Und auch dies: „Muddy Waters, der zu den 'Beraubten' gehört, hat darüber den genialen Satz gesagt: 'Sie haben mir meine Musik gestohlen, doch mir meinen Namen gegeben.'“

Generation Beleidigt zeigt die Entwicklung eines zunehmend rigiden gesellschaftlichen Klimas detailliert und gut nachvollziehbar auf. Immer wieder hatte ich bei den Fällen, die Caroline Fourest schildert, den Eindruck, diese Aufgeregtheiten und Empörungen müssten einen anderen Grund haben als die angeblich so verwerfliche kulturelle Aneignung. Nicht etwa, dass ich diesen kennen würde, doch die Gründe, die die angeblich Betroffenen anführen, nehme ich ihnen schlicht nicht ab. Auch deswegen nicht, weil sich viele zum Beispiel über Ausstellungen ereifern die sie gar nicht selber gesehen, sondern von denen sie gelesen oder gehört haben.

Die Autorin schreibt gut und witzig und scheut vor klaren Aussagen nicht zurück. Hier zwei Beispiele: „Man kann die Leute nicht mehr zählen, die gezwungen sind, Entschuldigungen vorzubringen, weil sie es gewagt haben, eine Afrofrisur, Dreadlocks oder bloss angeblich 'afrikanische' Zöpfe zu tragen.“ Und als eine schwarze Lesbengruppe deklariert: 'Wir glauben, dass die tiefste und möglicherweise radikalste Politik direkt unserer Identität entspringt und nicht der Aufgabe, der Unterdrückung von jemand anderem ein Ende zu setzen', kommentiert sie trocken: „Damit ist alles gesagt. Die eigene Nabelschau ist wichtiger, als für das Wohl der ganzen Welt zu kämpfen.“ Das Wohl der ganzen Welt? Geht es auch etwas kleiner?

Zu Recht stellt sie fest, dass „die wirklichen Diskriminierungen in den letzten Jahren zurückgegangen sind.“ Das hindert Berufs-Aktivisten allerdings nicht, ständig neue Diskriminierungen auszumachen. „Ganz so als hätten sie Angst, arbeitslos zu werden, stürzen sich professionelle Aktivisten auf belanglose Nebenschauplätze, um sie polemisch aufzublähen und zu übertreiben (...) die im Theater, in Kinos oder in der Universität falsche Feinde erschaffen, nur um einen Posten zu ergattern.“

Würde es dabei bleiben, wäre das Ganze zwar lächerlich (wie einiges im Theater, in Kinos oder in der Universität), doch eben auch einigermassen harmlos. Doch das ist es nicht. Die drastischen Konsequenzen dieser Beleidigten-Weltsicht benennt die Autorin nicht nur deutlich, sondern stellt sie auch in einen grösseren Zusammenhang: „Die Frage lautet nicht mehr, ob ein Mann eine Frau vergewaltigt, sondern ob er einer bedrängten Minderheit angehört oder nicht. Sollte dies der Fall sein, so hat die Verteidigung der vermeintlich bedrängten Minderheit Vorrang vor der Anzeige der Vergewaltigung. Genau so dachten vor dreissig Jahren auch die sektiererischen Marxisten, als 1976 eine Feministin von einem eingewanderten Arbeiter vergewaltigt worden war und ihre Genossinnen sie dazu anhielten, die Tat nicht anzuzeigen. Sie warfen ihr vor, dem Proletariat zu schaden und den rassistischen Bossen in die Hände zu spielen.“

Doch es gibt Leute, die sich wehren. Die Autorin, die sich der weitverbreiteten Opfermentalität nicht beugen mag, wie auch die Theatermacherin Ariane Mnouchkine gehören dazu. „Die allerschlimmste Zensorin“, so warnt Mnouchkine, „ist unsere Angst. Es ist sehr beängstigend, des Rassismus bezichtigt zu werden, unsere Ankläger wissen das.“

Generation Beleidigt präsentiert eine Fülle von überwiegend reichlich grotesken Beispielen, bei denen ich mich immer mal wieder darüber wunderte, in welchem Masse vielen modernen Menschen die Bodenhaftung abhanden gekommen ist. Sektierertum ist offenbar verbreiterter als mir bewusst war. Gedeihen konnte es vor allem, weil wir Meinungen zu ernst nehmen und dabei vergessen, dass es doch nur Meinungen sind.

Caroline Fourests Aufruf gegen intellektuelle Blindheit (der viele durchaus Intelligente erliegen) und gegen die Spaltung der Gesellschaft ist ein Plädoyer für Würde, Zivilcourage, eine gerechtere Welt und common sense (der bedauerlicherweise nicht sehr common ist).

Caroline Fourest
Generation Beleidigt
Edition Tiamat, Berlin 2020

Wednesday, 20 May 2026

Ein Eidgenosse in China

Uah”, ertönt es alle paar Sekunden hinter mir, “uah, uah” und es handelt sich wohl um Laute der Zustimmung, die der Mann da von sich gibt, denn sein Gesprächspartner redet ununterbrochen auf ihn ein. Der Minibus rast über die Autobahn. Ich gucke in die stockdunkle Nacht, sehe ab und zu Leuchtreklamen und Lichter von Häusern. Das ist jetzt also China

Wangming, der Verwaltungsangestellte für Foreign Affairs der Yang-En Universität hatte mich am Flughafen von Xiamen, eine Flugstunde von Hongkong entfernt, erwartet. ‘Hans’ stand auf dem Blatt Papier, das er den ankommenden Fluggästen entgegenstreckte. Die Rückseite des Zettels war mit chinesischen Schriftzeichen versehen, er erwarte noch einen Dozenten, einen Chinesen, der mit einem der nächsten Flüge eintreffen solle.

Ob man hier zwischenzeitlich einen Kaffee kriegen könne? Nein, sagt Wangming. Mich dünkt dies sonderbar, an einem internationalen Flughafen müsste sowas doch möglich sein.
Der Flug des chinesischen Dozenten hat Verspätung. Ich frage noch einmal wegen des Kaffees. Es gebe schon ein Restaurant, aber teuer, viel zu teuer. Na ja, so teuer kann das wohl nicht sein, wende ich weltmännisch ein. Die Rechnung für zwei Kaffee und ein Magnum-Eis beläuft sich dann auf 23 amerikanische Dollar.

Wie viele ausländische Dozenten denn an der Yang-En unterrichten? 28. Ob es welche gebe, die ihren Jahresvertrag verlängern? Eine Amerikanerin, die sei schon vier Jahre da. Doch letztes Jahr hätten zwei frühzeitig aufgegeben. Eine sei Amerikanerin gewesen. Und schwarz. Und damit hätten die Chinesen Mühe. Es sei der Frau aber auch gesundheitlich nicht gut gegangen.

Ich sähe aus wie ein Filmstar, sagt Wangming, das werde mir beim Unterrichten helfen. Ich fühle mich geschmeichelt. Später dann sagt er, ich erinnere ihn an einen früheren amerikanischen Präsidenten. An Reagan. Ah ja? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man da drauf kommen kann. Da wären mir ganz andere in den Sinn gekommen. Vielleicht hat der Wangming ja was mit den Augen.

Mein Appartement befindet sich im zehnten Stock eines Hochhauses (im Lift muss man das neunte Stockwerk drücken; das sei das Britische System, wird mir erklärt) und ist karg und lieblos eingerichtet, der Blick durch die Fenster geht auf Berge, einen Fluss und, vor allem, überaus triste Wohnblöcke. Tage später werde ich erfahren, dass es sich dabei um Studentenunterkünfte handelt.

An meinem ersten Tag zeigt sich der Himmel grau in grau, es ist windig, so um die 18 Grad. Ich binde mir seit Jahren wieder einmal eine Krawatte um, ich vermute, das gehört sich hier so.

Das Areal der Universität ist recht gross. Nein, nein, klein, sagt Wangming, der mich herumführt. Klein? Okay, mittel. Wie viele Studenten? 5’000. Und die wohnen alle auf dem Campus.

Es gibt einen Supermarkt, Restaurants, Friseur, Wäscherei, Buchhandlungen, Plattenladen, Bank und Post, es ist alles da, was man zum Leben braucht. Zwei Studenten sprechen mich an, sie wollen ihr Englisch ausprobieren. Das sei das typische ländliche China hier, sagen sie. Die ganz in der Nähe gelegene Stadt Quanzhou zählt 6 Millionen Einwohner.

Heute kehren die Studenten aus den Ferien zurück, werden zum Teil von Eltern und Verwandten gebracht. Vereinzelt sind neue und teuere Autos zu sehen. Ganz wie der Semesteranfang auf dem Campus in Cardiff, wo ich einst studiert habe.

Ich ziehe mich in mein Appartement zurück, packe die Koffer aus, gucke aus dem Fenster und wäre jetzt gerne bei Yonalkis in Havanna. Beginne Tolstois “Krieg und Frieden”, doch ich kann mich nicht recht konzentrieren.

Später am Nachmittag erhalte ich meinen Stundenplan. Ich werde “Spoken English” unterrichten, 18 Stunden pro Woche. Ausgehändigt werden mir auch – in dieser Reihenfolge – Listen mit den Namen der Studenten sowie Formulare, in welchen die Absenzen festzuhalten sind; zudem drei Exemplare des “English for international communication” – ein “student’s book”, ein “workbook” und die Lehrerausgabe.

Von der Yang-en Universität habe ich durch das Internet erfahren; sie bietet hauptsächlich eine Business-Ausbildung an. Ob es möglich sei, im Rahmen dieses Programms Kommunikation zu unterrichten?, hatte ich per Email angefragt. Und meinen Lebenslauf beigeschlossen. Sie würden meine Kandidatur akzeptieren, ich solle sowohl Zeugnisse als auch eine Kopie des Passes schicken. Kurz darauf erhielt ich den Vertrag laut welchem ich 12 bis 14 Stunden die Woche, “Economics and/or English” unterrichten würde.

In meinem Vertrag steht nichts von 18 Stunden”, sage ich zu Joe, der Chinese ist, doch wie alle Chinesen hier, die mit Ausländern zu tun haben, auch einen westlichen Namen hat (Wangming, der mich vom Flughafen abgeholt hat, heisst jetzt, seit er eine neue Funktion versieht, die ihn mehr mit Ausländern in Kontakt bringt, Jordan). Joe ist ein weiteres Glied in der Verwaltung, seine Aufgabe ist, Mister Mei, dem Vice President, vorzutragen, was ich gerade ihm, Joe, vortrage. Zudem, führe ich weiter aus, wäre ich der Meinung gewesen, ich würde im “Economics”-Programm das Fach Kommunikation unterrichten. Andrerseits sei mir natürlich klar, dass die kürzlich erfolgten, unverhofften Abgänge bei den Dozenten die Universität in eine schwierige Lage gebracht habe und ich deswegen auch durchaus bereit sei, ein Semester lang “Spoken English” zu unterrichten, auch 18 Stunden, sofern mir die vier Extra-Stunden bezahlt würden.


Joe lächelt nervös. Da ich als Business-Dozent angestellt sei, sei mein Salär ja sowieso schon höher als dasjenige der Englisch-Dozenten … Ich unterbreche ihn, freundlich und bestimmt: Joe, ich rede hier nur von meinem Vertrag und von gar nichts anderem, und mein Vertrag ist inbezug auf die Zahl der Stunden, die ich zu unterrichten habe und bezüglich der Höhe des Lohnes klar und eindeutig. Er verstehe meinem Standpunkt, er werde ihn Mister Mei unterbreiten, sagt Joe.

Aus: Hans Durrer: Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur, Edition Rüegger 2017

Sunday, 17 May 2026

Fluchtpunkt Entebbe

Im Juni 1976 entführte ein deutsch-palästinesisches Terrorkommando eine Passagiermaschine nach Entebbe, Uganda. Erstaunt lese ich: "Für Empörung sorgte vor allem die israelische Befreiung der Geiseln." Meine eigene Erinnerung ist ganz anders: Ich war beeindruckt von der gelungenen Befreiung. Heutzutage wundert mich diese Empörung allerdings nicht mehr, denn was auch immer Israelis tun oder lassen, der Zorn von sich engagiert Wähnenden wird nicht ausbleiben. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Meines Erachtens gehören Netanjahu, ganz viele Siedler und alle, die Gaza dem Erdboden gleich gemacht haben, ins Gefängnis. Der Antisemitismus, und ganz speziell der linke, ist jedoch eine ganz andere Geschichte. Ich halte Antisemiten für krank, in Kopf und Seele. 

Fluchtpunkt Entebbe handelt zwar auch von der Befreiungsaktion in Uganda, doch vor allem von dem, was der Untertitel sagt: "Der linke Terrorismus und Israel". Ob es wirklich eine so gute Idee ist, diesem linken Terrorismus eine Plattform zu gehen, ist fraglich. Ich selber tendiere zur Einschätzung des ehemaligen regierenden Bürgermeister Berlins (in Berlin gibt es offenbar auch nicht-regierende Bürgermeister), Heinrich Albertz, der die Demonstranten gegen den Berlin Besuch des Schahs von Persien als "lächerliche Minderheit von Verrückten und Böswilligen" bezeichnete. 

Autor Jan Gerber bietet diesen sogenannt linken Ideen jedoch nicht nur eine Plattform, er macht auch auf vieles aufmerksam, dass einem schon längst wieder entfallen ist, wie den Mord an den beiden Mitarbeitern der israelischen Botschaft in Washington, Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky am 21. Mai 2025, oder von dem man gar nie Kenntnis genommen hat (Ja, natürlich, ich spreche von mir), wie etwa den Angriff auf eine El Al-Maschine im Januar 1975 am Pariser Flughafen Orly, bei der die Sprengköpfe die startende Maschine nur knapp verpassten. Auch viele andere, überaus nützliche Informationen liefert dieses Buch.

Wie schon die Nazis, so trennten auch die Flugzeugentführer in Entebbe Israelis von anderen Passagieren. Die Staatsangehörigkeit, die man (in aller Regel) bei der Geburt bekommt (ungefragt), macht einen gemäss einer mehr als nur gerade verqueren Logik, zu einem "legitimen" Ziel? Ein Phänomen, das sich durch die Geschichte zieht und wiedereinmal zeigt, dass der Mensch alles andere als ein rationales Wesen ist.

Überaus aufschlussreich sind Sigmund Freuds Ausführungen zum Antisemitismus, den er auf religionsgeschichtliche Ursprünge zurückführt. "Ich wage die Behauptung", so Freud 1939, "dass die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen heute noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben geschenkt hätten."

Jan Gerber ist bei der Suche nach der Motivation für den bewaffneten deutschen Antizionismus auch auf das antiimperialistische Weltbild gestossen. "Es diente der Linken über Jahrzehnte hinweg als Schablone zur Bewertung des Weltgeschehens." Ideologie pur also, und entsprechend lebensfremd und gefährlich. "Eine Ursache für die Anziehungskraft dieser starren Weltsicht lag in der Dauerkrise, in der sich die ausserparlamentarische Linke während des Kalten Krieges befand." Dass der Politikwissenschaftler und Historiker zu politischen Erklärungen greift, ist wenig überraschend, doch "die Anziehungskraft dieser starren Weltsicht" liegt abseits der Politik: In der Psyche dieser Leute.

Fluchtpunkt Entebbe ist reich an Fussnoten, was irgendwie impliziert, mit dem rechten Wissen müsste dem Antisemitismus beizukommen sein. Dahinter steckt der Glaube an die Macht der Argumente, der allerdings nur von Studierten geteilt wird. Begriffe werden geklärt, historische Herleitungen präsentiert (das akademisch Übliche also), doch ab und zu stösst man auch auf solch erfreuliche Formulierungen wie "Kasernenhofsozialismus sowjetmarxistischer Machart", die sogenannt Komplexes überaus treffend auf den Punkt bringen.

"Dieser Band versammelt Texte aus mehr als zwei Jahrzehnten", so die editorischen Bemerkungen am Schluss des Buches. Neben dem Artikel über Entebbe ist vor allem "Der Mord an Heinz-Herbert Karry" zu erwähnen, der zusammen mit Juliane Weiss verfasst wurde. Der hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry, "einer der ersten Juden, die es nach der Ermordung Walther Rathenaus durch Angehörige der völkischen Organisation Consul 1922 auf einen deutschen Ministerposten geschafft hatten", wurde am 11. Mai 1981 in Frankfurt erschossen. Die Auseinandersetzung mit seiner Ermordung stehe immer noch am Anfang (!?), erfahre ich, und dass der nachmalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Karrys Freund, Ignatz Bubis, zum Feindbild der Linken wurde.

Mit Ignatz Bubis verbinde ich eine Geschichte, die er einst in einer Fernsehsendung erzählte und mich seither begleitet: Bei einer Versammlung der Rabbiner im dortigen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg, berieten diese, ob Gott angesichts der Nazi-Gräueltaten nicht wegen erwiesener Unmenschlichkeit zum Tode verurteilt werden müsse. Nach durchwachter Nacht kamen sie am frühen Morgen zu ihrem Urteil. Ja, Gott gebühre der Tod, befanden sie einmütig. Da ging die Sonne auf und der Oberrabbiner sagte: Und jetzt, lasset uns beten und Gott preisen für die Pracht dieser Welt.


Jan Gerber
Fluchtpunkt Entebbe
Der linke Terrorismus und Israel
Artikel, Aufsätze und ein Gespräch
Edition Tiamat, Berlin 2026

Wednesday, 13 May 2026

Europa, wach auf!

Die Autorin Nino Haratischwili ist mir seit Die Katze und der General, wovon ich allerdings nur noch weiss, dass mich die Geschichte total gefesselt hat, ein Begriff. An den Inhalt erinnere ich mich zwar nicht (das geht mir bei ganz, ganz vielen Büchern so – soviel zum Wert der Bildung!), doch ein paar Bilder kann ich vage abrufen. Jedenfalls: Geblieben ist mir der Name der Autorin, mit der ich ein eindrückliches Erzähltalent verbinde.

Europa, wach auf! packt mich gleich, obwohl mich irritiert, dass Europa, dieses Bürokratie-Monster aus Brüssel, quasi als Person angesprochen wird. Dass dieses Europa aufgerufen wird, sich mit dem zu konfrontieren, was an seinen Rändern geschieht, erfolgt in einer Deutlichkeit, die vielen Politikern wesensfremd vorkommen wird. "Seit Jahrhunderten leidet er (der russische Nachbar) an einer Krankheit, die niemand zu heilen vermag, diese Krankheit heisst die Angst vor der Unsichtbarkeit." Ist dies nicht auch die Krankheit, von der der gegenwärtige (nord)amerikanische Präsident (und nicht nur er) befallen ist?

"Das, was du für einen guten Ton hältst, Europa, das findet er lächerlich. Alles, was dir erstrebenswert erscheint, das verachtet er (...) Dieser Nachbar, liebes Europa, ist nicht nur gross, mächtig, unersättlich und derart selbstzerstörerisch, dass ihm nichts heilig ist, er ist allen voran auch überall dort, wo du ihn nicht vermutest." Dazu kommt sein Hass, sein Vernichtungswille, seine Brutalität, seine Grausamkeit. Der Vorstellung, dieses hungrige Raubtier lasse ich befrieden, begegnet Nino Haratischwili mit: "Europa, wir bluten. Wir können nicht mehr."

Dieses Europa ist kein festes Gebilde, es befindet sich (wie überhaupt alles) in einem stetigen Wandel. "Jede Selbstverständlichkeit scheint in diesen Tagen aufgehoben, auf den Kopf gestellt. Dinge, die gestern so waren, sind heute anders und das nicht mehr woanders, weit weg, sondern hier, in unserer unmittelbaren Nähe."

Was diese Texte auszeichnet: Sie verschaffen mir Einsichten, die ich als nützlich empfinde. Nicht zuletzt über Dinge, über die ich noch gar nie wirklich nachgedacht habe. "Die Kunst erlaubt Interpretation. Aber die Diktatur schliesst jedwede Interpretation aus." Oder: "Der Mensch versteckt sich doch immer vor dem, wovor er Angst hat." Oder: "Moralische Überlegenheit muss man sich leisten können. Pazifismus muss man sich leisten können. Ideale sind selten kostenlos."

Nino Haratischwili benennt und stellt infrage, was andere entweder nie hinterfragen oder schönreden. Etwa die Mystifizierung 'Grossrusslands' oder der 'russischen Seele'. Und sie listet die Methoden auf, "die sogar das Antike Rom vor Neid hätte erblassen lassen", mit denen sich das russische Regime auf der ganzen Welt einmischt. Europa hält diesem Machtstreben wenig entgegen, ja, nimmt es nicht einmal wahr, da es mit sich selbst beschäftigt ist. "Wir waren im Urlaub, weil wir längst das Geld zur wichtigsten Ideologie erklärt und unseren Wohlstand über jedes Leid gestellt haben."

Es finden sich in diesem Band nicht nur "politische" Texte, sondern auch Reflexionen übers Schreiben ("Mein Zugang zum Schreiben funktioniert ausschliesslich über Distanz und Transformation."), Erinnerungen an eine ganz andere und irgendwie unwirkliche Welt, das Theater "als Ort, als Idee eine der wenigen antikapitalistischen Inseln unserer Gesellschaft", ihren eigenen Theaterweg ... Unpolitisch ist das alles überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, denn Nino Haratischwili denkt sehr eigenständig, was an sich schon ein überaus politischer Akt ist.

Nino Haratischwili stammt aus Georgien. Das bedarf einer Erklärung, Begründung, Rechtfertigung. Jedenfalls für viele und so muss sie Red und Antwort stehen, für ihr Schreiben auf Deutsch, ihr Temperament, ihr Dasein überhaupt. Die Tatsache, dass wir uns selber kaum je verstehen (können), spielt dabei keine Rolle. Und so sagt sie den Leuten, was sie glaubt, dass diese hören wollen. Das ist pragmatisch, gescheit und witzig. Und illustriert ganz wunderbar, dass die Simplifizierungen, derer wir uns behelfen, zwar unseren Alltag möglich machen, doch uns nicht wirklich erlauben, uns und die Welt zu erkunden.

Identität ist ein zentrales Thema dieser Texte und Reden. Wer Land und Sprache wechselt, stellt sich andere Fragen als wer sein Geburtsland nie verlassen hat. So stellt man in einem neuen Land ständig Vergleiche an. Was einem dabei auffällt, hängt von Bewusstsein und Persönlichkeit ab; im Falle von Nino Haratischwili ist viel Witz und Ironie im Spiel. Und manchmal der Wunsch, Deutschland sofort zu verlassen – und genau so schnell wieder zurückkehren. Identität ist ein Prozess und sich diesem bewusst auszusetzen (und genau dies geschieht in diesem Werk) ist bereichernd.

Fazit: Engagiert, erhellend und hilfreich.

Nino Haratischwili
Europa, wach auf!
Texte und Reden
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2025

Sunday, 10 May 2026

Oblomow auf Italienisch

Kennen Sie Oblomow? Nein? Bartleby, der Schreiber? Nein? Vielleicht kriegen Sie nach der Lektüre von Die Pause ist vorbei Lust darauf, denn die beiden haben Dario Ferrari für sein Porträt von Marcello, dem von "Entscheidungsunlust" geplagten Helden dieses überaus unterhaltsamen Romans, Pate gestanden.

Der antriebslose Marcello, den das Erwachsenenleben so ziemlich gar nicht reizt, bewirbt sich um eine Promotionsstelle an der Uni Pisa. Da schon weit Fähigere keine Stipendien gekriegt haben, rechnet er sich keine grossen Chancen aus. Und so recht eigentlich hat er auch gar keine Lust dazu, denn selbst den Besten bleibt anschliessend nur "an irgendeiner Fachoberschule irgendwo in der Po-Ebene Italienisch und Geschichte zu unterrichten, wo alle nur Dialekt sprechen, jeden Satz mit Vulgärausdrücken spicken und Lehrer auf der untersten Stufe der menschlichen wie der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Wahrscheinlich gehen sie nur noch mit einer Kalaschnikow in die Schule, sobald sie herausfinden, dass selbst der Schulrektor un po' nicht mit Apostroph, sondern mit Akzent schreibt." Merke: Nur die Satire schafft heutzutage eine einigermassen realistische Darstellung der Realität.

Doch Marcello kriegt das Stipendium, steht an einem Neuanfang, zu dem auch sein Bart weg muss, was seine Freundin Letizia mit "Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten" kommentiert. "Offenbar ist ihr überhaupt nicht bewusst, dass sie mit dieser Andeutung, unter meinem Fünfjahresbart habe sich hinterlistig mein Vater verborgen, mich ganz nebenbei traumatisiert." Traumata, wohin man heutzutage auch schaut!

Die beiden Themen, die er seinem Doktorvater vorschlägt, kommen nicht gut an. Stattdessen rät ihm der Professor, sein Forschungsgebiet zu begrenzen. "... stecken Sie es mit der gebotenen Präzision ab und werden Sie die grösste Autorität in dieser kleinen Parzelle. So funktioniert die akademische Welt."  Es gibt in diesem Roman auch einen sehr, sehr lustigen Essay mit dem Titel Wie man einen wissenschaftlichen Artikel schreibt (und vor allem: was ist das überhaupt?, der für jeden (und jede) der akademische Karriere machen möchte, überaus nützlich ist. Wer glaubt, es handle sich dabei um eine Satire: Es ist keine, vielmehr ist es allerbeste Aufklärung.

Der Professor schlägt ihm als Thema den ebenfalls aus Viareggio stammenden Tito Sella vor, über den sich Marcello bei Wikipedia kundig macht: "Tito Sella (1953-1998) war ein italienischer Terrorist." Was bewegte den Professor bloss dazu, ihm dieses Thema aufzudrücken? Das zeigt sich dann erst gegen Schluss ...

Marcello lebt bei seiner Mutter. Als seine Freundin Letizia, eine aus reichem Hause stammende, angehende Ärztin, vorschlägt, zusammenzuziehen, erüllt ihn das mit Panik. Schliesslich ist er jeder Veränderung zutiefst abgeneigt. Dazu kommt, dass Verantwortung zu übernehmen gar nicht sein Ding ist. Überhaupt zieht er dem Handeln das Sich-Gedanken-Machen eindeutig vor und ist sich durchaus bewusst, dass er mit seinen mittlerweile 31 Jahren emotional noch immer so um die 16 ist. Es geht ihm also auch nicht viel anders als den meisten von uns.

Die Pause ist vorbei handelt einerseits von der Weigerung, erwachsen zu werden (was auch immer man darunter verstehen mag, schliesslich tun die meisten Erwachsenen nur, also ob sie es wären), ist aber andererseits auch eine überaus anregende Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie Literaturwissenschaft betrieben wird. "Unter den interpretatorischen Hammerschlägen zerbröselt das Werk und kann für jede x-beliebige Aussage herhalten." Was ich einmal im Jurastudium gehört habe ("Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtskenntnis.") gilt abgewandelt auch für Literaturwissenschaftler: "... dass man, wenn man einen Autor verstehen will, ihn lesen muss ...".

Wie bei so recht eigentlich allem im Leben, ist vor allem entscheidend, sich mit denen, die (selbstverständlich unverdientermassen) sozial über einem stehen, gut zu stellen. Als Marcello aufgetragen wird (nicht etwa, dass er sich darum bemüht hätte), ein Symposium über Vergleichende Italianistik zu organisieren, fühlt er sich "völlig fehl am Platze und ohne jede Vorstellung, worin die Minimalkompetenzen für die von mir erwarteten Tätigkeiten bestehen könnten." Er wird dahhingehend beruhigt, dass er das ja nicht alleine bewerkstelligen müsse, sondern auf die Hilfe einer Langzeitdoktorandin zählen könne.

Wie die beiden in der Folge dieses Symposium vorbereiten, ist ein echtes Glanzstück, bei dem einem nicht nur akademische Gepflogenheiten, die gänzlich academic sind, nahegebracht werden, sondern auch darüber aufgeklärt wird, dass es in dieser Welt von Eitelkeiten nur so wimmelt. Akademisch zu arbeiten, bedeutet ja vor allem, auf Teufel-komm-raus zu differenzieren; selten wurde das komischer geschildert als in diesem Roman.

Kein Buch über den Universitätsbetrieb hat mich je derart erheitert, was natürlich auch daran liegt, dass des Autors Schilderung überaus realistisch daherkommt, schliesslich gibt es kaum Absurderes als des Menschen Bedeutungswahn. "Diese Wesen trifft der Schlag, wenn sie feststellen müssen , dass sich ihre Monografie Die Metrik in der mundartlichen Dichtung Italiens im 19. und 20. Jahrhunderts schlechter verkauft als der Roman, der den letzten Premio Strega gewonnen hat."

Die sich aufplusternde akademische Welt ist das Eine, sie in Italien anzusiedeln, ein Geniestreich sondergleichen. So kocht etwa Marcellos Mutter jeweils zu Weihnachten für eine ganze Kohorte von Onkeln und Grossonkeln. "Es sind ausnahmslos Männer ohne weibliche Begleitung (folglich ohne jemanden, der mit anpacken würde), dafür aber mit enormen Ansprüchen und von rudimentärem Verstand,."  Eine comédie humaine, die mich Tränen lachen liess.

Fazit: Witzig, gescheit und vielfältig erhellend; ein Lesegenuss erster Güte!

Dario Ferrari
Die Pause ist vorbei
Roman
Wagenbach, Berlin 2026

Wednesday, 6 May 2026

Inszenierte Wahrheiten

Hans Durrer kreist in seinen Essays über Fotografie und Medien um die Aussage und Bedeutung, welche Bilder in ihrem jeweiligen Kontext haben – genauer gesagt: erhalten, zugewiesen bekommen, verfremdet, umgedeutet werden. Kein Bild spricht nur für sich selbst. Seine Aussage ist kontextabhängig, verständlich bisweilen erst mit Hintergrundwissen. Es sind die Geschichten zum Bild, die Durrer untersucht, in Frage stellt und an verschiedenen prominenten Beispielen höchst informative Zusammenhänge zu Tage fördert. Unglaubliche Ereignisse, etwa über das Desaster, das ein berühmter Fotograf in seiner Rücksichtslosigkeit in Haiti hinterliess, um zu einem exklusiven Bild zu kommen. Dass er dabei die Jahre lange Arbeit von Terre des Hommes innert kürzester Zeit zerstörte, interessierte ihn nicht, Hauptsache, das Bild war in seinem Kasten.

Immer wieder kommt auch das Merkmal der Authentizität der Fotografie zur Sprache, welche das Medium, allen digitalen Einflussmöglichkeiten zum Trotz, nach wie vor aufweist, besonders dann, wenn Stil und Aufmachung der Bilder an die grosse Zeit der Reportagefotografie erinnern. Diese Fotografie dokumentiert, erscheint echt, bildet die Wirklichkeit so ab, wie sie ist. Oder genauer: Wie sie der Mensch hinter der Kamera im Sucher sieht. Wobei auch dies nicht einmal zutreffen muss: Viele der Panoramafotos, welche Michael von Graffenried etwa in Algerien gemacht hat, sind «blind shots», also unauffällig aus Hüfthöhe entstanden, ohne dass die Leute die Aufnahme bemerkt hätten.

Ist echt, was im Moment des Auslösens ist? Ist auch echt, was durchaus so hätte sein können? Selbst wenn man etwas nachhilft, sachte ermunternd Regie führt oder gar inszeniert? Viele packende Bilder sind keineswegs konkret aus dem Leben gegriffen, sondern arrangiert, etwa im Falle jenes Piloten, welcher am Strand von Rio eben vom Grounding seiner Swissair erfahren habe, wie die Legende dazu erläutert. Gewiss, ein starkes Bild, das sogar in der Kategorie «Aktualität» bei der Swiss Press Photo 2002 einen Preis erhielt. Zu Unrecht, wie Durrer nachweist, denn die Aufnahme war inszeniert. Die Legende stimmt so nicht und wird dadurch selbst zur «Legende», obwohl journalistisch die Botschaft an und für sich überzeugte.

A propos Legende: Viele Bildbände präsentieren die Fotos ohne Legende, manchmal fehlt sogar die Paginierung auf den Seiten. Im Falle von visuellen Gestaltungen, sogenannten «Impressionen», mag dies ja noch angehen, bei journalistischer Reportagefotografie indessen rügt Durrer dies als unmögliche Praxis. Er entlarvt das Argument, die Leserschaft möge sich ihr eigenes Bild vom Gezeigten machen, als Vorwand. Bilder dieser Art brauchen die zeitliche und räumliche Verortung, um sie im entsprechenden Kontext lesen und verstehen zu können – vorausgesetzt, das Publikum bringt auch entsprechendes Allgemeinwissen mit.

Hans Durrer ist ein ausgezeichneter Beobachter und Medienkritiker, der seine Befunde und Wertungen, seine persönlichen Eindrücke und Gefühle reflektierend transparent macht, etwa seine anfängliche Skepsis gegenüber Sebastião Salgado. Ähnliches habe ich selbst erlebt und zwar, als ich kürzlich einen Dokumentarfilm über Henri Cartier-Bresson gesehen habe. Seine Bilder beeindruckten mich stets, wie er sie machte eher weniger. «H C-B» selbst gab am Filmende beiläufig preis, dass er beim Portraitieren seine Leute immer wieder übertölpelte, indem er sagte, jetzt sei Schluss, um gleich danach noch ein paar Mal abzudrücken, im Film mit fiesem Grinsen und entsprechend zupackend-triumphierender Geste illustriert, wie eine Schlange, die blitzschnell zubeisst. Kein angenehmes Gefühl.

Das in der schlanken Rotis elegant gesetzte, handliche Buch mit 122 Seiten verzichtet auf die Reproduktion der Bilder, die besprochen werden. Hiefür mag es gute Gründe geben; viele prominente Autoren mussten ähnlich vorgehen, aus urheberrechtlichen und finanziellen Gründen. Dieses Fehlen der Bilder setzt indessen bei der Leserschaft profunde Kenntnisse voraus, um Durrers Argumentationen wirklich umfassend nachvollziehen zu können. Das klappt bei Allgemeingut gewordenen Bildern ganz gut, wie dem legendären Milizionär, von Robert Capa im Moment aufgenommen, als ihn eine Kugel traf, oder beim jungen Mann vor den Panzern auf dem Tianamen-Platz in Peking oder dem direkt auf den Fotografen zu rennenden kleinen nackten Mädchen im Vietnamkrieg. Schon schwieriger wird es für mich bei manchen anderen Aufnahmen, die ich den Überlegungen folgend nicht mehr so präzis abrufen kann, wie ich gerne hätte. Dennoch, die präzise formulierten, stets auch den Autoren reflektierenden Essays gehören zum Besten, was es über Fotografie und Medien aktuell zu Lesen gibt.

Übrigens, aussergewöhnlich an den Essays ist die Breite, Intensität und das persönliche Engagement des Autors, das stets präsent ist, namentlich dann, wenn Durrer auch seine Befindlichkeit als Publizist einfliessen lässt, der sich mit den Mechanismen, wie Bilder wirken, auseinander setzt. Wer so kenntnisreich argumentiert, schöpft aus einem Fundus, der weit über das fotografische und journalistische Metier hinaus geht. Hans Durrer, gelernter Jurist mit verschiedenen Nachdiplomabschlüssen, war unter anderem auch als IKRK-Delegierter im Einsatz, lebte und arbeitete auf allen Kontinenten. Als Publizist und «homme de lettres» vermittelt er heute zwischen Sprachen und Kulturen. Vom Metier des Journalismus scheint sich seine Hochachtung eher in Grenzen zu halten, etwa wenn er befindet: «Journalismus beruht auf Hörensagen» – um dies wenige Zeilen später zu relativieren. Doch in der Welt des Fernsehens und des Häppchen-Journalismus der Pendlerzeitungen, in der sich die Recherche primär auf das schnelle Nachschlagen im Internet beschränkt und höchst selten auf eigenes Erleben vor Ort zurückgreifen kann, entwickeln sich Mechanismen im Umgang mit Texten, Fotos und Filmen, die am Ende kaum mehr etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Wie und warum dies passiert, das be- und hinterleuchtet Hans Durrer in 23 prägnanten Essays – erhellend und empfehlenswert.

Henri Leuzinger
fotointern.ch; 4. Juni 2011