Als ich vor einiger Zeit wieder einmal auf Aldous Huxley gestossen bin und in der Folge einiges von ihm online gelesen habe, packte mich eine Einsicht, die mich seither begleitet. Nachdem er sich vierzig Jahre lang mit der conditio humana auseinandergesetzt habe, gestehe er nicht ohne Scham, dass ihm dazu so recht eigentlich nur gerade einfalle: Seid doch etwas netter und freundlicher miteinander.
Mich begeistert diese Einsicht geradezu, zeigt sie doch den Menschen als das, was er essentiell ist: Unbelehrbar, emotional ein Kind, ein Leben lang, das Anstand lernen muss. Entschieden weniger begeistert war ich von dem Soundbite eines sogenannt Prominenten (damit handelt es sich um Menschen, die die Medien prominent gemacht haben; ich beteilige mich nicht [mehr] an diesem ziemich kranken name dropping, wer wissen will, wer der Mann ist, gehe zur Website des Verlags): »Vergessen Sie Orwell, lesen Sie Huxley!« Dass das Blödsinn ist (der Mann weiss wie die Medien ticken, deshalb ist er prominent), weiss ich auch ohne das Buch gelesen zu haben.
Auf der Verlagswebsite findet sich auch Aufschlussreiches von der Lektorin des Werkes, die es dann aber auch nicht lassen kann, einen Wissenschaftsjournalisten mit der banalsten aller Fragen zu zitieren: »Warum haben wir nicht daraus gelernt?« Er sei nicht der einzige Warner gewesen, fügt sie hinzu, auch Einstein habe viel und oft gewarnt.
Man lerne aus der Geschichte, dass man nichts aus ihr lerne, meinte einst Hegel. Wer also die Frage heute noch stellt, beweist damit wieder einmal die Richtigkeit der Hegelschen Erkenntnis. Doch zum Buch, in dem Huxley einleitend festhält, er werde "aufzeigen und schildern, wie die angewandte Wissenschaft bislang zur Zentralisierung der Macht in den Händen einer kleinen herrschenden Minderheit beigetragen hat und wie man diesen Entwicklungen entgegentreten und sie vielleicht sogar umkehren kann."]
Zeit der Oligarchen stammt aus dem Jahre 1946 und beginnt mir einem Zitat Tolstois, das er ein halbes Jahrhundert zuvor verfasst hat. "Bei einer derartig schlechten Einrichtung der Gesellschaft wie der unseren, in der eine kleine Zahl von Menschen die Macht über die Mehrheit hat und diese unterdrückt, dient jeder Sieg über die Natur unweigerlich nur dazu, Macht und Unterdrückung zu vergrößern. Und genau das geschieht heute."
Damit ist alles Wesentliche bereits gesagt, könnte man meinen, doch weit gefehlt, denn durch die konkretisierenden Ausführungen von Huxley werden mir Dinge klar, die ich so noch gar nie gesehen haben. Vor allem, dass der technische Fortschritt den Mächtigen Instrumente an die Hand gibt, die sie praktisch unbesiegbar machen.
Dazu kommt, "dass der wissenschaftliche Fortschritt einer der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert ist." Es lohnt bei diesem Satz zu verweilen. Und dann daran zu denken, dass wirtschaftsfreundliche Politiker sich unablässig als Kämpfer für die Freiheit hervortun. Absurder geht kaum.
Huxley sieht Zusammenhänge, für die die meisten blind sind. "Zeitunglesen und Radiohören erzeugen psychische Abhängigkeit, die sich wie die körperliche Sucht nach Drogen, Tabak und Alkohol nur durch die Willensanstrengung des Süchtigen besiegen lässt." Man kann sich in der Tat durch Willensanstrengung vom Medienkonsum verabschieden, bei Alkohol und anderen Substanzdrogen kommt man damit allerdings nicht sehr weit. Nichtdestotrotz: "Fortgesetzte Hingabe an die psychischen Suchtmittel hat ihren Preis, und dieser Preis ist unerwünschte Propaganda." Dagegen wehren geht nur durch Verzicht: Man muss sich den Medien verweigern, denn die gehören denen mit Geld, Macht und Einfluss.
Einleuchtend und überzeugend legt Huxley dar, dass mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt eine Veränderung unseres Denkens stattfindet. Wir sind derart zuversichtlich geworden, dass wir unsere Wunschvorstellung, etwas sei umsonst zu, gar nicht in Zweifel ziehen. "Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen." Es sind die Fortschrittsgläubigen, die irre sind, nicht die Skeptiker.
Wissenschaftliches Arbeiten gründet im Vereinfachen. Im Labor ist das sinnvoll, in der Lebenswirklichkeit nur bedingt. Um Resultate zu liefern bedient sich die Wissenschaft einer Komplexitätsreduktion, die dann für die Realität gehalten wird, dabei allerdings ausser Acht lässt, dass unsere erfahrbare Wirklichkeit nicht wie abstrakte Modelle funktioniert. So sehr wissenschaftliche Erkenntnisse auch zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, der Preis ist die fortschreitende Entfremdung – und diese macht uns krank.
Aldous Huxley betrachtet die Dinge grundsätzlich und in grösseren Zusammenhängen, was in der heutigen Zeit, die von Nützlichkeitserwägungen geprägt ist, selten genug, doch notwendig ist. Nur eben: Es geht schon lange, angetrieben durch die Vergötterung des Profits, in eine ganz andere Richtung: Die Zerstörung unseres Lebensraums nimmt zu.
Es sind vor allem die Ausführungen zur Wissenschaft, die mich gepackt haben. Selten war mir so deutlich vor Augen, dass Wissenschaft sich immer nur mit Teilaspekten befasst, was vielen Wissenschaftlern durchaus klar ist, doch den meisten anderen nicht, von denen allzu viele glauben, ihnen werde durch die Wissenschaft ganze Welt begreiflich germacht.
"Die Mentalität sämtlicher Nationen – die Mentalität, die ansonsten vernünftige Erwachsene einnehmen, wenn sie in der internationalen Politik wichtige Entscheidungen treffen – ist die eines vierzehnjährigen Straftäters: hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberhaft und eitel." Und da glaubten doch viele der ganz Kurzsichtigen (mich eingeschlossen), wir würden heute noch nie Dagewesenes erleben.
"Das größte Bedürfnis der Menschheit ist ausreichende Ernährung; dennoch wird die Politik der Nationalstaaten heute in erster Linie von Machterwägungen diktiert." Mit anderen Worten: Ein anderes, ein neues Denken ist erforderlich; es braucht den Menschen, der nicht von Gier und Macht angetrieben wird, sondern der Freiheit und dem Frieden verpflichtet ist. Dafür hat sich Aldous Huxley clever und eloquent engagiert.
Aldous Huxley
Zeit der
Oligarchen
Hanser, München 2025





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