Raum und Zeit sind menschliche Erfindungen, zudem überaus beständige. Dies zu wissen, ist nicht besonders hilfreich, denn wir orientieren uns an dem, was wir kennen, und nicht am Unbekannten, auch wenn sich aufs Unbekannte einzulassen zu den faszinierendsten Erfahrungen eines Menschenlebens zählt. Ja klar, ich spreche von mir, von wem denn auch sonst?
Die Zeit kann erfahren werden. Aufgegangen ist mir das unter anderem am Beispiel der Zeit in Frank Wilczeks Fundamentals. „Die Beobachtung, dass es ein gemeinsames, universelles Tempo gibt, ist eine tiefgreifende Erkenntnis über die Art und Weise, wie die physikalische Welt funktioniert.“ So entwickeln sich etwa Säuglinge weltweit „ungefähr nach dem gleichen Zeitplan und beginnen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten zu laufen, zu sprechen und andere Fähigkeiten an den Tag zu legen.“ Auch im gemeinsamen Musizieren, bei dem alle Beteiligten synchron agieren müssen, zeigt sich, „dass wir eine gemeinsame sehr präzise Vorstellung davon haben, wie die Zeit vergeht.“
Mit der Zeit vergeht noch ganz viel anderes. Was mich einst interessierte, interessiert mich heute nicht mehr. Bücher, die ich einst verschlungen habe, sind mir heute nicht mehr zugänglich. Ich lese heute anders als mit zwanzig; so ist mir etwa das Bedürfnis nach Identifikation und Orientierung weitestgehend abhanden gekommen.
Von Zeit zu Zeit schenkt mir mein jüngerer, in Kalifornien lebender Bruder, Bücher, von denen er annimmt, sie würden mir gefallen. Da unser Geschmack ähnlich ist, trifft das auch regelmässig zu. Letzthin war es Pico Iyers Aflame: Learning from Silence. Ich habe Einiges von Iyer gelesen und auch geschätzt. Und auch bei diesem Buch war es nicht anders, habe ich viel Hilfreiches gelernt, bis mich dann so gegen Ende etwas zu stören begann. Mir war das alles etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Und dann diese unsägliche Wichtigtuerei: Gib es eigentlich ein Buch von dem Mann, in dem er nicht betont, beiläufig natürlich, dass er mit dem Dalai Lama auf Du und Du ist?
Einige Zeit später lieh ich mir in der Schulbibliothek in Santa Cruz do Sul Iyers The Lady and the Monk aus, das ich vor vielen Jahren ganz toll gefunden habe. Nach gut einer Stunde gab ich auf; auch dieses Werk war mir etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Mir war unerfindlich, was mich einst daran so fasziniert hat, ausser natürlich, dass ich damals selber so drauf gewesen bin.
Thomas Manns Buddenbrooks habe ich einst gefressen, den Zauberberg, trotz zahlreicher Anläufe nicht geschafft. Von David Foster Wallace habe ich viel gelesen und gut gefunden, doch die beiden Hauptwerke Infinite Jest und The Pale King sind mir bis heute unzugänglich geblieben.
Meine Lesepräferenzen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, weil ich mich, ohne das gross zu merken, verändert habe. Das einzig Beständige sei der Wandel, heisst es bei den Buddhisten. Und ab und zu nehme ich diesen Wandel sogar wahr!






