Sunday, 12 July 2026
Die Fremde
Wednesday, 8 July 2026
Vom Reisen
Vor zwei Tagen noch in Sargans, jetzt irgendwie übergangslos in Südkorea – eigenartiger geht kaum.
Incheon, das liegt nahe Flughafen und ist wohl deswegen voller Hotels. Eins neben dem andern, eine ganze Strasse lang. Die Südkoreaner seien Meister des Designs, informiert mich eine junge Japanerin, auf dem Heimweg von einer 7-Tage-Reise nach Usbekistan, eine Land, das für islamische Kunst berühmt sei. Sie zeigt mir auf ihrem Handy Bilder, die selbst im Kleinformat eindrücklich wirken.
Von Incheon gelangt man bequem in die Innenstadt von Seoul. Alle starren aufs Handy oder schlafen. Wie in Japan hat man hier gelegentlich den Eindruck man sei in Steinwüsten unterwegs. Südkorea ist ein Land der Hochhäuser, von denen einige die Bezeichnung Wolkenkratzer definitiv verdienen,
Immer mal wieder geht mir ein junges spanisches Paar durch den Kopf, die mir in Japan von Südkorea vorgeschwärmt hatten, vor allem, dass die Leute, im Gegensatz zu Japan, auf einen zugehen, das Gespräch suchen. Ich erlebe das auch so, doch habe ich in meinen ersten paar Tagen vor allem mit Japanern geplaudert, darunter ein Astrobiologe, dessen Ziel es ist, professioneller Pokerspieler zu werden, denn da gehe es darum, dass Kopf und Emotionen ausgeschaltet würden, und man nur noch automatisch funktioniere.
Es gibt Südkoreaner, die freundlich, zuvorkommend und hilfsbereits sind, es gibt aber auch ganz andere, die abweisend oder vollkommmen uninteressiert sind. Bei Japanern ist es auch so, bei Amerikanern, Brasilianern und Schweizern ebenso. Trotzdem gibt es Unterschiede, sie liegen in der Luft, man kann sie spüren. Daraus eine Theorie abzuleiten ist unnötig.
Alles geht ineinander über. Manchmal wähne ich mich in Japan, dann wieder in Warschau. Es ist als ob alles gleichzeitig ablaufen würde. Ich habe das unterwegs schon oft erlebt: Die Zeit ist definitiv eine Illusion. Zugegeben, eine hilfreiche.
Auf youtube scherzt der 82jährige Mick Jagger, in Begleitung seiner 38jährigen Verlobten (!?), für die Kameras. Fühle mich peinlich berührt; würdeloser geht kaum. Nicht so sehr des Altersunterschieds, sondern seiner Anbiederung an die Medien wegen. Alter und Eitelkeit vertragen sich besonders schlecht.
In Pohang. Die junge Frau (sie sieht aus wie 17, ist aber Ende 20) im Cafe liest Hemingway, hat Komposition studiert und unterrichtet Musik; ihr Traum ist Filmmusik zu schreiben. Im Lokal läuft Jazz, ich bin der einzige Gast. An 'Der alte Mann und das Meer' gefällt ihr, dass alle Menschen dieselben Ziele haben.
Wir unterhalten uns mittels einer Übersetzungsmaschine. Was mich nach Pohang bringe? Ich weiss es nicht wirklich, doch ich gehe gerne an Orte, von denen ich noch nie gehört und also auch kein Bild im Kopf habe. Was ihr an Pohang gefalle? Das Meer. Und sonst? Sonst sei da nichts, das Meer genüge vollauf. Vielleicht ist ja da mein unbewusster Grund (wenn es denn einen braucht), um hier zu sein, denn ich bin gerne an Orten, die keine Versprechen einlösen müssen.
Sie stammt aus einer Musikerfamilie. Vater, Mutter, Bruder – alle Musiker. Sie seien ziemlich herumgekommen, vor allem Seoul habe ihr gut getan. In Korea sei wichtig, dass man es in Seouls schaffe. Dort habe sie ihren Abschluss gemacht; jetzt sei sie froh, hier zu sein. Das stabilisiere sie.
Die japanischen Häuser in Guryongpo solle ich mir ansehen, wird mir geraten. Das sei eine halbe Stunde mit dem Bus, informiert mich die Rezeptionistin. Ob es sich lohne? Für sie nicht, antwortet sie, das seien einfach ein paar wenige japanische Häuser. Ob sich das Stadtzentrum lohne? So recht eigentlich sehe es überall ähnlich aus. Und so beschliesse ich, den am Vortag entdeckten Kanal entlang zu spazieren, mache Fotos, setze mich auf eine Bank und lese 'Sutton', wo ich bereits auf den ersten Seiten auf so lehrreiche Sätze stosse wie: All bosses eventually become fascists. Human nature.
Wie immer, so rennt mir auch beim Reisen das Hirn davon, will mich nicht verweilen lassen, wo ich gerade bin. Ich versuche, Gegensteuer zu geben. Anstatt zwei, drei Nächte, verbringe ich sechs in Pohang. Spaziere immer wieder durch dieselben Strassen und entdecke ständig Neues.
Das Hotel befinde sich in Strandnähe (Songdo Beach), so die Werbung. Nun ja, das ist relativ – es sind gut zwei Kilometer dahin, doch dann hat man eine sehr, sehr lange Uferpromande am japanischen Meer vor sich (trotz des grossen Sandstrands badet niemand, auch Sonnenbaden ist hier nicht angesagt), die man stundenlang entlanggehen kann. Das wird zu einer meiner Routinen.
Reisen: Die Begegnung mit Unverhofftem: Auf dem Weg (häufig wähne ich mich in Bangkok) zum Songdo Beach (ich habe in dieser Gegend noch nie einen anderen Westler gesehen) bleibe ich eines Morgens vor einem Laden stehen, um eine Blume zu fotografieren, als mich ein junges Mädchen anspricht, das auf meine Frage, woher sie Englisch könne, mit Guam antwortet. How long did you live in Guam? For almost ten years. And, how old are you? Nine.
Was mir beim Reisen primär auffällt: Wie beschränkt die Welt ist, in der ich mich zumeist bewege. Das hat auch, so scheint mir, mit den Polit-Medien zu tun, die mich mit Themen bombardieren, die mich angeblich interessieren sollten. Doch dann merke ich, dass mich viel mehr fasziniert, dass eine japanische Bankerin sich für islamische Kunst begeistert, und junge Japaner sich fürs Pokern (sie seien nur wenige, sagte mir der eine) engagieren.
Reisend vergeht die Zeit langsamer. Bewusst wird mir dabei auch: Es gibt so viele unterschiedliche Welten, es ist eine Bereicherung, von einem Teil davon etwas mitzukriegen. Und auch zu lernen, dass es Nationen gibt, die offensichtlich noch weit pünktlicher sind als wir Schweizer. Siehe das untenstehende Bild.
Sunday, 5 July 2026
Erste Schritte in Südkorea
Am Flughafen in Kloten auf meinen Flug nach Abu Dhabi wartend, stellt eine junge Frau allerhand Sachen auf den Sitz neben mir und fragt, auf Englisch, mit einem in meinen Ohren australischen Einschlag, ob ich ein Auge darauf haben könne. Sowieso. Wenn ich es recht bedenke, finde ich es erstaunlich, sage ich bei ihrer Rückkehr, dass sie mir, einem völlig Unbekannten, ihre Sachen anvertraue. Sie erklärt sich das mit Schweizer Gepflogenheiten (sie stammt aus Montenegro und spricht Appenzellisch), wundert sich dann aber auch etwas. Sie sei auf dem Weg nach Bali, werde insgesamt um die 20 Stunden unterwegs sein, und ich bin ganz froh, dass es bei mir nicht ganz so viele Stunden sein werden.
Das Highlight von Zürich nach Abu Dhabi ist eine philippinische Flugbegleiterin, deren Familie auf der ganzen Welt verstreut ist. Sie selber hat Psychologie studiert, zwei Jahre als Psychologin gearbeitet und ist dann in die Fussstapfen ihrer Mutter getreten, mit der sie heute in Abu Dhabi lebt, und Stewardess geworden. Wir unterhielten uns angeregt über Gott und die Welt, die Details sind mir entfallen, doch die vibes waren exzellent.
In Abu Dhabi, der Flughafen ist riesig und mein Flug hatte Verspätung, muss ich mich dann sputen, um meinen Anschluss nach Seoul zu erwischen. Es solle ein ruhiger Flug werden, wird uns prophezeit, und wie (fast) immer bei solchen Voraussagen rumpelt es dann ziemlich heftig (Die Flugbegleiterinnen wurden wiederholt vom Captain aufgefordert, sich hinzusetzen und den Service einzustellen).
Da ich vermute (zu recht, wie sich herausstellen wird), dass ich meine Unterkunft in Incheon nicht vor 14 Uhr (es war dann 15 Uhr) beziehen kann, nehme ich mir Zeit, um dahinzukommen. Am besten und billigsten sei die Variante Zug, sagt mir die Frau von der Information am Flughafen. Zwei junge Frauen assistieren mir beim Billetkauf an der Maschine, sie führen in dieselbe Richtung, ich solle mich ihnen doch einfach anschliessen. Die beiden sind aus China, was sie nach Seoul gebracht hat, ist natürlich Shopping.
Als ich in Unseo aus dem Bahnhof komme und unentschlossen auf den Plan starre, den ich von einem Angestellten des Bahnhofs abfotografiert habe, kommt mir eine junge Frau zu Hilfe, die anbietet, mich gleich hinzubringen, sie habe heute frei. Sie arbeitet seit zwei Jahren in einem der Casinos, die Leute seien nicht immer einfach.
Mein Guesthouse liegt nahe beim Flughafen und wird von einer Frau, die ich (zuerst) auf etwa 80 schätze, jedoch 61 ist, und ihrem Sohn betrieben, dem ich so in etwa 50 gebe, der aber 30 ist. Als ich am nächsten Tag Kimchi Dumplings kaufe, will der Mann mein Alter wissen (er hatte mich auf 70 geschätzt, was mich etwas verstimmte, da ich manchmal finde, ich sähe entschieden jünger aus, als meine 72) , und so gebe ich ihm im Gegenzug 50 (er sah jünger aus, war aber 52).
Seoul Station liegt eine gute Stunde Zugfahrt von Unseo, meinem Aufenthaltsort auf Incheon, entfernt. Ich fahre mit zwei jungen Männern, die sich als Japaner entpuppen, der eine Primarlehrer, der andere Ingenieur. Sie machen oft Abstecher nach Seoul, hauptsächlich wegen der Casinos, die in Japan verboten seien.
An der Seoul Station spricht mich eine junge Frau an, die offenbar gemerkt hatte, das ich nicht so recht weiss, wohin. Ich wolle mich orientieren, sage ich, wo ich am Sonntag den Zug nach Busan zu nehmen hätte. Sie zeige es mir, sie fahre nach Daejeong zu ihren Eltern, das sei dieselbe Richtung wie Busan. Sie arbeite am Flughafen, beim Check-in, Englisch habe sie von Filmen gelernt. Daejeong lohne keinen Besuch, da gebe es gar nichts, sagt sie auf meine Frage, und eilt zu ihrem Zug.
Ich erkunde die Gegend um den Bahnhof, entdecke Seitengassen, die aus der Zeit gefallen sind, und wo mich – wie schon in Japan – die Stille fasziniert, die etwas Ewiges auszustrahlen scheint.
Zurück am Bahnhof verlaufe ich mich. Es gibt verschiedene Züge nach Incheon. Es dauert eine geraume Weile, bis ich das merke, und finde dann doch noch den für mich richtigen.
Bei einem Cafe Latte und einem Croissant in der Bahnhofsbäckerei in Unseo spricht mich ein junger Mann an. Er ist aus Laos und ist wegen eines Meetings hier (er vermittelt laotische Arbeiter an südkoreanische Firmen). Ein junger Koreaner mischt sich in unser Gespräch ein: Es sei selten, dass man hier Englisch sprechen höre. In Korea gebe es Leute, die beim Englischexamen viel besser abgeschlossen hätten als er, sich jedoch nicht zu sprechen trauten. Es sei so recht eigentlich abstrus, wie man in Korea Englisch lerne. Es komme drauf an, alles richtig zu sagen. Das ist in der Tat abstrus, werfe ich ein, denn es sei der Sprache so recht eigentlich eigen, das man fast alles auch ganz anders sagen könne. Mit Sprache, so scheine mir, habe diese Art Lernen wenig zu tun, stattdessen mit Anpassung und Unterwerfung. Asiatische Kulturen seien meines Erachtens Gehorsamkeitskulturen, führe ich aus (die beiden nicken zustimmend), während ich mich gerade wieder einmal frage, ob die westliche Kultur, die angeblich so frei sein soll, wirklich so anders ist oder sich einfach nur anders verkauft.
Wednesday, 1 July 2026
La Realidad
Sunday, 28 June 2026
Frieden - Wie geht das?
Man kann mit dem Denken von gestern (der Mensch weiss, was er tut) nicht die Probleme von heute (der Mensch ist heillos überfordert) lösen. Das hat auch damit zu tun, dass Aussagen wie "Geopolitik und strategische Interessen bestimmen die Sicherheit" (Erich Vad) fälschlicherweise suggerieren, der Mensch sei ein rational handelnder Akteur – und das ist schlicht lächerlich. Dazu kommt, dass beide Herren offenbar glauben, dass man immer beiden Seiten Gehör schenken müsse, was ein fataler Irrtum ist, dem bedauerlicherweise auch die Massenmedien huldigen. Viktor Frankl hatte einmal gemeint, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da erstere leider in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken. Anders gesagt: Nicht alle Aussagen müssen/sollen gleichwertig behandelt werden.
Beide Herren sind konventionell gebildet, also einschlägig belesen, verweisen auf Lenin und Clausewitz, die Illias und Stahlgewitter, und gehen davon aus, dass die Weltgeschichte (die Goethe für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt) uns Aufschluss geben könne über Künftiges. Wären die beiden mit C.G. Jung vertraut, wüssten sie, dass das gänzlich unsinnig ist. Thoroughly unprepared, we take the step into the afternoon of life. Worse still, we take this step with the false presupposition that our truths and our ideals will serve us as hitherto. But we cannot live the afternoon of life according to the program of life’s morning, for what was great in the morning will be little at evening and what in the morning was true, at evening will have become a lie.
Dazu kommt: Eine vollkommen irrationale Politik rational erklären zu wollen, ist schlicht irrational. "Donald Trump ist doch offenbar sehr viel mehr als nur ein Störenfried. Der ist ein wirklicher Revolutionär für die amerikanische Innenpolitik." (Klaus von Dohnanyi). Auch Erich Vad glaubt zu wissen, worum es dem Amateur-Golfer primär gehe ("Russland aus dem engen Bündnis mit China zu ziehen"). Soviel Weltfremdheit ist nur Menschen eigen, die in der Politik unterwegs sind (und auch der Grund, weshalb die meisten Menschen nichts von Politik wissen wollen).
"Gelingt es uns eigentlich, durch unsere Gespräche das Vertrauen in den Frieden zu stärken?", fragt von Dohnanyi. Wie das konkret vonstatten gehen sollte, ist mir unverständlich. Auch ist dies kein wirkliches Gespräch, vielmehr werfen sich die beiden Stichworte zu, die dann Anlass sind zu eitler Selbstdarstellung.
Was die beiden unter anderem fordern, ist der Mut zum Dialog. Ich sehe das entschieden anders, halte das Fordern von Verhandlungen für Selbstbetrug. Was Not tut, ist das genaue und nüchterne Hinschauen, die Konfrontation mit den Dingen wie sie sind. Nicht mit Geopolitik und Macht (das ist viel zu abstrakt und Leuten, die ums tägliche Überleben kämpfen, nicht zu vermitteln), sollten wir uns auseinandersetzen, sondern mit der Frasge: Wie sollen und wollen wir eigentlich leben?
Dass Frieden dem Krieg vorzuziehen ist, ist einigermassen banal, doch ein Satz wie "Eine Friedensplanung in Europa geht nur mit, nicht gegen Russland" (Erich Vad), ist nur eine Behauptung. Was Russlands Kriegsführung in der Ukraine unter anderem zeigt, ist eine Gewalt und Brutalität, die ich nicht mit Europa assoziiere. Mit diesem russischen Regime sollte man nicht reden, sondern zu ihm auf grösstmögliche Distanz gehen.
Dieses Buch ist kein Plädoyer für den Frieden. sondern eine Darstellung weltpolitischer Betrachtungen, auch über Kriege, die gerade im Gange sind (was kann man darüber schon sagen?), aus der Lehnstuhlperspektive zweier Wichtigtuer. ("Mir hatte in einem Gespräch der damalige Schah Rez Pahlavi einmal gesagt, der Iran sei ein Stück Europa, verloren in Asien." Klaus von Dohnanyi). Mit anderen Worten: Viel mehr als das gängige informierte Rätseln, das wir aus Talkshows kennen, ist da nicht. Für mich zeugen Vorstellungen wie, die Amerikaner wollen dies, die Russen das, die Chinesen wiederum etc., von einer abgehobenen Weltsicht, die mich nicht erreicht.
Mir selber steht eine Initiative von Mitgliedern der Russischen Akademie der Wissenschaften weit näher, die einen Tag nach dem Einmarsch in die Ukraine geschrieben wurde, und nach einigen Tagen von dreitausend Wissenschaftlern unterzeichnet worden war. Dieser Text erreicht mich, weshalb ich ihn denn auch hier zitiere (er ist schon lange aus dem russischen Netz verschwunden; er findet sich in Orion von Petra Morsbach).
Wir russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, protestieren mit Nachdruck gegen die Militäraktion, die durch die Streitkräfte unseres Landes auf dem Territorium der Ukraine eingeleitet wurde. Dieser verhängnisvolle Schritt wird zu riesigen Verlusten an Menschenleben führen und untergräbt das etablierte System der internationalen Sicherheit. Für die Entfesselung des neuen Krieges in Europa trägt allein Russland die Verantwortung.
Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung für diesen Krieg. Versuche, den Vorwand für die Miltäroperation durch den Verweis auf die Situation im Dombass beizubringen, sind absolut unglaubwürdig. Es ist evident, dass die Ukraine keine Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes darstellt. Der Krieg gegen sie ist ungerecht und offensichtlich sinnlos.
...
Uns ist bitter bewusst, dass unser Land, das entscheidend zum Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen hat, jetzt zum Brandstifter eines neuen Kriegs auf dem europäischen Kontinent geworden ist. Wir fordern die sofortige Einstellung aller Militäraktionen gegen die Ukraine. Wir fordern die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität des ukrainischen Staates. Wir fordern Frieden für unsere Länder. Wir wollen die Wissenschaft voranbringen, nicht Krieg führen.
Klaus von Dohnanyi
Erich Vad
Frieden - Wie geht das?
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026
Wednesday, 24 June 2026
Zsömle ist weg
Der ehemalige Elektriker und angebliche Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, 91 Jahre alt, der nicht Majestät, sondern Onkel Józsi genannt werden will, hat genug vom Leben und sich in die Wälder zurückgezogen. Doch dann wird er von einer bunten Truppe vermeintlicher Anhänger aufgespürt, die ihn dazu bewegen wollen, in ihrem Sinne in die Politik einzugreifen. Sie wollen die Monarchie wieder herstellen. Onkel Józsi lehnt ab und meint, sinnvoller wäre, sich auf das Ende der Welt vorzubereiten ("das zu Ende des Jahres zu erwarten ist, wie ich in den Nachrichten lese"). Und überhaupt habe er weder Lust noch Energie, um am Leben noch lange teilzuhaben.
László Krasznahorkai schreibt in Bandwürmern, Punkte gibt es in diesem Text nicht, Kommas schon. Abschnitte fehlen, eine nennenswerte Gliederung gibt es nicht (wobei: es gibt 11 Teile), stattdessen endlose Sätze, die einem Gedankenfluss recht nahe kommen, auch wenn ein solcher letztlich viel zu komplex ist, um überhaupt erfasst werden zu können. Es gelingt dem Autor ausgezeichnet, den Leser, jedenfalls diesen Leser, (die Leserin spar ich mir, ich bin ein Mann und kann nicht für Frauen sprechen, und auch nicht für andere Männer) in die Geschichte hineinzuziehen.
Der Adlige zeigt seinen Besuchern (Monarchisten, unter denen sich auch "ein ungeschlachter junger Mann" namens László Krasznahorkai findet) ein Schwert, das er von der englischen Königin erhalten, und einen Brief von Dschimmi Karter ("mit J und C, fügte er hinzu, und in seiner Stimme verbarg sich eine leise Verwunderung, auf welch interessante Weise, nicht wahr, diese Amerikaner die Buchstaben benutzten") ihm geschrieben hat.
Viel Geschichtliches wird angesprochen, die Habsburger kommen dabei schlecht weg, Auch viel Ungarisches wird einem näher gebracht, wobei wohlmeinende Kritiker ständig auf die quasi universelle Gültigkeit von Krasznahorkai Schreiben hinweisen, wofür sie dann regelmässig die verschiedenen Orte, an denen er lebt bzw. gelebt hat, anführen. Mir selber ist egal, wo ein Roman spielt; für mich sind alle Orte gleichzeitig provinziell und universell.
Es finden sich ganz viele Geschichten in diesem Roman, und nicht wenige von ihnen haben mich schmunzeln lassen. Als etwa Onkle Józsis Schwiegersohn, zusammengeschlagen auf der Intensivstation von Eger, auf die Frage der Polizisten, "was geschehen sei, woran er sich erinnere, und ob er den Angreifer 'und/oder' die Angreifer beschreiben können, nichts sagen konnte, weil er sich einzig und allein daran erinnerte, dass er nichts antworten durfte, wenn die Polizisten ihn dies fragten, weil man ihn dann bei nächsten Mal wortwörtlich totschlagen würde ...".
Ob die Bezugnahmen auf die ungarische Geschichte wahr oder erfunden sind, weiss ich nicht zu sagen, da ich von ungarischer Geschichte keine Ahnung habe; es spielt meines Erachtens auch keine Rolle, handelt es sich bei Zsömle ist weg (Zsömle ist der Hund von Onkel Józsi) um einen Roman, also um etwas Erfundenes. Dass Onkel Józsi "mit Storm geheizt hat" hielt ich zuerst für einen Druckfehler, als dann jedoch "Storm" noch weitere Male auftauchte, liess mich das einigermassen ratlos. Ebenso wenig erschlossen hat sich mir, dass Onkel Józsi gemäss eigenen Angaben keine Kinder hat und dann doch von seiner Tochter und seinen Enkeln gesprochen wird. Nun ja, in der Literatur geht eben vieles ...
Der Thronfolger fühlt sich zunehmend unverstanden von den Monarchisten, die ihn zwar verehren, doch nicht in der Form, die er für sich gewählt hat. In Budapest zeigen sie ihm in herrschaftlichen Räumen befindliches unterirdisches Waffenlager. Onkel Józsi ist entsetzt, Gewalt lehnt er ab. Doch er liebäugelt eben doch auch mit den sogenannt guten alten Zeiten, "weil heutzutage die Moral als Ganzes" fehlt. Der Autor zeigt eindrücklich, dass sich beide Seiten, obwohl sie sich viele Gedanken auch über die andere Seite machen, nur von ihren eigenen Interessen geleitet bzw. diesen unterworfen sind.
So sehr Zsömle ist weg eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Gefahren, die der Demokratie durch Reichsbürger und Verschwörungsfans drohen, ist, es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Vor allem ist es jedoch ein ungewöhnliches Sprach- und Denkerlebnis, das vom Leser Geduld und die Art Aufmerksamkeit verlangt, die einer Meditation gleichkommt.
Fazit: Scharfsinnig, gescheit, amüsant, unterhaltsam, witzig und lehrreich.
László Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025
Sunday, 21 June 2026
Der unentdeckte Kontinent
Als ich vor einigen Jahren anfing Bäume zu fotografieren, hielt ich das für eine Entdeckung. Eine Durchsicht von älteren Fotografien belehrte mich eines Besseren – ich hatte immer schon Bäume fotografiert. Mit anderen Worten: Mir scheint, unsere Gewohnheiten sind uns selten wirklich bewusst; etwas Neues zu entdecken kommt nicht oft vor. Womit ich zu Meg Lowmans Der unentdeckte Kontinent komme, einem Buch, bei dem ich schon nach den ersten paar Seiten weiss, dass ich da definitiv auf etwas Neues gestossen bin. Und mich wieder einmal darüber wundere wie partiell blind man durchs Leben gehen kann.
„Stellen Sie sich vor, Sie gehen für einen Gesundheitscheck zum Arzt, und der untersucht ausschliesslich ihren grossen Zeh. Am Ende erfahren Sie, dass Sie vollkommen gesund sind, dabei wurden Ihre Vitalfunktionen, Puls, Sehkraft oder irgendein anderer Körperteil gar nicht untersucht – sondern nur Ihr grosser Zeh. „.. jahrhundertelang wurde die Gesundheit von Bäumen, auch die jener alten Riesen, die haushoch in die Wolken aufragen, genau auf diese Weise begutachtet.“ Viel überzeugender und anregender kann man ein Buch kaum beginnen ...
„Ich werde Bäume nie wieder so sehen wie früher, und der Rest der Welt auch nicht – dank der Autorin dieses Buches“, schreibt Sylvia A. Earle in ihrem Vorwort. Recht hat sie! Wer also ist diese Autorin? Meg Lowman, geboren 1953, aufgewachsen im ländlichen Staat New York. Die Botanik brachte sie zum Studium ins schottische Aberdeen, ein Forschungsstipendium über tropische Wälder nach Sydney. „Sie stammte aus der gemässigten Klimazone und war in Bezug auf die Tropen völlig grün hinter den Ohren. Bei ihrem ersten Besuch in einem australischen Regenwald starrte sie in die schwindelerregendsten Bäume, die sie je gesehen hatte, und dachte: 'Du heilige Scheisse, ich sehe noch nicht mal den Wipfel!'“
Zuerst dachte sie, sie könne die Baumwipfel mit dem Fernglas zu sich herunterholen. Als dies wenig fruchtete, kletterte sie nach oben. Um ihre Seile an den oberen Ästen zu befestigen, baute sie sich aus einer Eisenstange eine spezielle Schleuder. In den Baumkronen, dem '“achten Kontinent“, entdeckte sie eine völlig unbekannte Welt. „Wohin ich auch blickte, offenbarten die Wipfel Geheimnisse, die vom Boden aus nicht zu erkennen waren – glänzende Käfer frassen junges (aber kein altes) Blattgewebe, Raupen operierten in Gangs, die ganze Äste vom jüngsten bis zum älteren Laub kahl frassen, Vögel schnappten sich diese arglosen Larven, als bedienten sie sich an einer Salatbar, und plötzliche Regengüsse trieben alle diese wuselnden Geschöpfe auf der Suche nach Unterschlupf unter die nächsten Blätter oder in einen Spalt in der Rinde.“
Der unentdeckte Kontinent ist genau das, was der Untertitel verheisst: „Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen.“ Sie erzählt von ihren schwierigen Studienanfängen inmitten von Männern, von ihrer Zeit in Aberdeen, vom Tropenwald von Malaysia, von ihren Bemühungen um den äthiopischen Wald und von den Citizen Scientists.
Meg Lowman ist ein Naturfreak. Von klein auf begeisterte sie die Naturbeobachtung, obwohl es in ihrer Familie keine leidenschaftlichen Botaniker gab. Ihr Enthusiasmus ist aus jeder Zeile spürbar. Und er ist ansteckend.
Der unentdeckte Kontinent bietet eine interessante, informative, lehrreiche und ausgesprochen unterhaltsame Lektüre, was auch daran liegt, dass Meg Lowman eine begabte Erzählerin ist, die mich immer mal wieder zum Lachen brachte. „Als mein Flug in Aberdeen landete, war der Himmel kalt und grau, was ich schnell als Normalfall kennenlernte. Ein Jahr in Schottland lässt sich zusammenfassen zu 364 Tagen grauem Himmel, was meine über tausend Fotos von sonnenfreien Landschaften bestätigen.“ Da sie über wenig Geld verfügt, mietet sie zusammen mit anderen, die ebenfalls knapp bei Kasse waren, ein Bauernhaus ohne Heizung und Warmwasser. „Meine beiden Mitbewohner, Alan und Peggy, besassen einen klapprigen Morris Minor, der so alt war, dass in seiner Aussenverkleidung Moos wuchs, und waren sehr geschickt darin, zum Hauptgericht überfahrenes Wild aufzufinden.“ Im Anschluss an ihr schottisches Jahr ging es zum Doktorat nach Sydney. „In London bestieg ich nach Flugzeug mit zwanzig Kilo Handgepäck, weil ich die Gebühren für einen zusätzlichen Koffer sparen wollte.“ Das waren noch Zeiten ...
Meg Lowman bezeichnet sich als Arbonautin (und wird von ihren Kindern auch scherzhaft als Arboraut-Irre), eine sowohl einleuchtende wie auch treffende Bezeichnung für eine Botanikerin, die sich aufgemacht hat, die Baumkronen, für die sich kaum jemand zu interessieren schien, zu erforschen. „Bald stellte ich fest, dass die meisten Arten in den oberen Baumkronen der Wissenschaft unbekannt waren. Fast jede der 60000 Baumarten beherbergt einzigartige Lebensgesellschaften.“
Der unentdeckte Kontinent ist ein Augenöffner. Mir jedenfalls war nicht bewusst, dass ein Kronendach Sauerstoff produziert, Regenwasser filtert, Sonnenlicht in Zucker umwandelt, unsere Luft reinigt, indem es CO2 absorbiert, Tieren Unterschlupf bietet und und und.
Der Mensch hat sich dermassen von der Natur entfremdet, dass er sie allzu oft nur als Bedrohung wahrnimmt. Selten ist mir das klarer geworden als bei Lowmans Schilderung einer Bootsfahrt auf dem Amazonas als ein einheimischer Guide gefragt wurde, ob es während der Fahrt auch Anacondas zu sehen geben würde. „Unser Guide hatte die verräterischen Luftblasen gesehen, die Anacondas unter Wasser ablassen, war auf sie gesprungen und hatte schnell Kopf und Schwanz gegriffen, und das alles im Dunkeln. Ehrfürchtig bestaunten wir alle nicht nur dieses grossartige Tier, sondern auch Guillermos gründliche Kenntnis der heimischen Natur – so wie man sie sich aus einem Lehrbuch oder in einem Hörsaal gar nicht aneignen kann.“
Wir müssen den Wald hegen und pflegen, denn die Gesundheit des Planeten hängt von ihm ab. Doch das Gegenteil geschieht, die Zerstörung des Waldes nimmt zu. Was also ist zu tun? „Ein Weg, mehr Bäume zu retten, besteht darin, mehr Menschen in ihre Wunder einzuweihen.“ Kein Buch, dass geeigneter wäre, genau dies zu tun als Der unentdeckte Kontinent.







