Wednesday, 11 February 2026

Hellseher im Kleinen

 

Als Susan Bernofsky vor über dreissig Jahren begann, Robert Walsers Werke ins Englische zu übersetzen, war eine Biografie über ihn zu schreiben, das letzte woran sie dachte. Wie sie dabei vorgegangen ist, erläutert sie in ihrer Einleitung, der die Begeisterung für ihre Arbeit anzumerken ist.

Die Bezeichnung "Hellseher im Kleinen" geht auf W.G. Sebald zurück. Dass wer eine Biografie schreibt, vor der Gefahr der Projektion nicht gefeit ist, weiss Susan Bernofsky, dass Walser oft Geschichten geschrieben hat, "die zumindest zum Teil autobiografisch sind", scheint mir untertrieben. Nun gut, ich bin kein sogenannter Fachmann, doch mir scheint das Autobiografische (Susan Bernofsky weist oft genug darauf hin) mehr als offensichtlich. Zugegeben, die Vorstellung, etwas könne nicht autobiografisch sein, halte ich für grotesk; mir scheinen die Unterscheidungen, die Menschen vornehmen (insbesondere im sogenannt Geistigen, das nicht wirklich fassbar ist), so recht eigentlich absurd.

Robert Walser ist mir nicht vertraut. Zwar sind mir die Titel seine Romane geläufig, einige habe ich auch gelesen, wenn auch ohne Erinnerung daran. Auch Biografisches weiss ich von ihm. Mit anderen Worten. "Hellseher im Kleinen" ist für mich eine Einführung in Leben und Werk. Wie die beiden zusammenhängen und ineinander greifen, zeigt Susan Bernofsky eindrücklich. Was sich in Robert Walsers Leben findet, findet sich grossenteils auch in seinen Büchern.

Detailliert und ausgesprochen vorsichtig äussert sich Susan Bernofsky. "Im zeitlichen Abstand von 15 Jahren lässt sich unmöglich sagen, ob Walser sich an seine damaligen Gefühle erinnert oder ob er sie im Nachhinein heraufbeschwört." Wie sie seine Texte analysiert und interpretiert, ist eine Meisterleistung. Man lese etwa, was sie zu seinem Prosadebüt "Der Greifensee" zu sagen hat (Seite 108) – man liest den Text anschliessend wie neu bzw. intensiver.

Ganz wunderbar auch, wie sie Walsers Miniaturessay über die Sehnsucht einordnet (Seite 72), wobei sie für mein Dafürhalten allerdings übers Ziel hinausschiesst, wenn sie etwa diesen Satz: "Dass die Menschen etwas Lästiges so viel und gern betreiben, etwas so Sehnsüchtiges wie die Sehnsucht, das ist das Krankhafte, das an uns haftet!" als "pseudophilosophisches Sinnieren" bezeichnet. Pseudophilosophisch? Was immer das sein mag. Vermutlich das, was alle tun, die nicht einschlägig akademisch diplomiert worden sind. Walser sagt hier nichts anderes als dass die Sehnsucht (wie auch das Christentum) von Übel ist, weil sie uns vertröstet auf etwas Fernes, das womöglich nie eintritt. Das ist ganz einfach klar gedacht, was man von vielen Philosophen und Philosophinnen nicht sagen kann.

"Hellseher im Kleinen" ist auch ein Buch, das mich die Schweiz und insbesondere die Städte Biel, Zürich und Basel mit neuen Augen sehen lässt, so treffend hat die Autorin die verschiedenen Stadtteile charakterisiert, vor allem durch Zürich machte ich gleichsam eine Zeitreise und die Schilderung Basels ist ein veritabler Augenöffner. "Basel war allgemein düster, weil die Bollwerke zum Schutz vor einer Überschwemmung durch den Rhein, der durch die Stadt floss, dazu geführt hatten, dass die Strassen und Gassen so kompliziert verzweigt und verschlungen waren, dass es schwerfiel, überhaupt irgendwo eine Aussicht zu bekommen." Auch Thun, Solothurn (wo die Kirchenglocken Tag und Nacht alle Viertelstunden läuteten!) und Wädenswil figurieren prominent.

Schriftsteller wollte Robert Walser sein, die gängigen Karrieren interessierten ihn nicht, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kommt zumeist in kleinen Zimmern unter. "Als dreissigjähriger Schriftsteller ohne Familienvermögen im Hintergrund zur Absicherung seiner Künstler-Existenz-Bestrebungen hatte sich Robert allein auf der Grundlage seiner Begabung und seines Werkes einen Namen gemacht." Von Hesse und Kafka gelobt, hat er es im literarischen Berlin geschafft, ohne die einschlägig formale Bildung und mit einem starken Schweizerakzent, auch wenn Kritiker und Verleger seine Romane oft als formlos und mäandernd beurteilten.

In seiner Berliner Zeit lässt er sich auch zum Diener ausbilden, was seine Biografin unter anderem zu dieser wunderbar hellsichtigen Frage inspirierte: "War die Schauspielerei etwas so anderes als das Dasein eines Dieners?" Eine weitere Perle auch dieser Satz: "Das Handwerk des Soldaten verband, wie das des Butlers, Dienstbarkeit mit Können."

So beeindruckend die Akribie dieses Werkes auch ist, gelegentlich versteckt sich die Autorin auch dahinter. "Vieles weist in der Tat darauf hin, dass sein Trinken als Versuch der Selbstmedikation zu verstehen ist." Versuch der Selbstmedikation? Wer sich seine Angst wegtrinkt, ist definitiv ein Trinker. Erstaunlich auch, dass sie sein gelegentlich erratisches Verhalten nicht mit seinem Trinken in Verbindung bringt. Obwohl: "Nicht unwesentlich für die Verbesserung von Roberts Zustand dürfte der Umstand gewesen sein, dass es in der Klinik keinen Alkohol gab ...".

Robert Walsers Leben, geprägt von ständigen Geldsorgen, dauernden Wohnungswechseln, gewaltigen Spaziergängen, unerfüllter Liebe, Alkoholproblemen und einem überaus reichen literarischen Schaffen, fasziniert nicht zuletzt, weil da einer seinen ureigenen Weg gegangen ist. Susan Bernofsky vermutet jedoch, "dass sein eigener Status als Figur am Rande weniger die Folge einer bewussten Entscheidung seinerseits als eine Falle war, in die er immer wieder hineintappte. Aber vielleicht war ihm das als Künstler am Ende doch irgendwie nützlich." Es spricht sehr für diese Biografie, dass sie mit Fragen und nicht mit Antworten schliesst. Wer weiss schon, warum wir tun, was wir tun?

Fazit: Grandios, ein Meisterwerk! Eine kenntnisreichere Einführung in Robert Walsers Leben und Werk ist schwer vorstellbar.

Susan Bernofsky
"Hellseher im Kleinen"
Das Leben Robert Walsers
Suhrkamp, Berlin 2025

Sunday, 8 February 2026

Der Infantilismus unserer Zeit

Warum führt der zivilisierte Mensch Krieg?, wurde Sigmund Freud nach dem Ersten Weltkrieg gefragt. Weil der Mensch gar nicht zivilisiert sei, antwortete er.

Viktor Frankl äusserte einmal, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da die Anständigen in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken.

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Von William Golding, Nobelpreisträger für Literatur 1983, wurde 1979 Das Feuer der Finsternis veröffentlicht, worin er die Zerstörung der Ordnung durch junge Menschen beschreibt, in denen sich der Narzissmus und Infantilismus der Zeit verkörpert.

Heutzutage wird der Narzissmus und Infantilismus auch von alten Männern verkörpert, die nie erwachsen geworden sind, nicht einmal ansatzweise.

We want the world and we want it now gehörte zu den Leitsprüchen meiner Jugend. Diese Mentalität, die ich damals nicht als Mehrheitseinstellung wahrgenommen hatte, hat sich eigenartigerweise durchgesetzt, denn heute wollen viele Menschen alles sofort, weshalb denn auch fast food so erfolgreich ist. Dass es keine gute Idee ist, jedem Impuls unverzüglich nachzugeben, ist offenbar vielen abhanden gekommen. Stattdessen: Ich will, ich will, ich will ... und zwar jetzt sofort.

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Entscheidungen zu treffen setzt entscheidungsfähige Menschen voraus, die willens und imstande sind, sich sachlich zu informieren. Wer ausschliesslich seinen Gefühlen folgt, ist nicht nur ein Trottel (Frauen und Nicht-Binäre eingeschlossen), sondern schlicht nicht zivilisiert, und das meint, nicht von der Vernunft geleitet.

Zivilisiert sein ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine Frage der Haltung. Zivilisiert sein meint anständig zu sein.

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Nur Unanständige wählen Unanständige.

Die Vorstellung, dass der Mensch von der Vernunft geleitet sei, ist ein Irrtum. Das zeigt sich besonders bei Wahlen, wo man in der Regel die wählt, mit denen man sich am besten identifizieren kann. Oder die man bewundert. Leider gehört die Bewunderung ganz vieler den windigen und rücksichtslosen Betrügern (man denke an die Popularität von Mafia-Filmen), die es mit Tricks und Schweinereien schaffen, erfolgreich zu sein. Der ehrliche Arbeiter geniesst hingegen kein hohes Ansehen, bestenfalls läuft er unter der Kategorie zwar lieb, aber eben blöd. Auf dieser Mentalität gründet der Infantilismus unserer Zeit.

Zürich, 2 Juli 2021

Wednesday, 4 February 2026

Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden.

Als ich vor einiger Zeit wieder einmal auf Aldous Huxley gestossen bin und in der Folge einiges von ihm online gelesen habe, packte mich eine Einsicht, die mich seither begleitet. Nachdem er sich vierzig Jahre lang mit der conditio humana auseinandergesetzt habe, gestehe er nicht ohne Scham, dass ihm dazu so recht eigentlich nur gerade einfalle: Seid doch etwas netter und freundlicher miteinander.

Mich begeistert diese Einsicht geradezu, zeigt sie doch den Menschen als das, was er essentiell ist: Unbelehrbar, emotional ein Kind, ein Leben lang, das Anstand lernen muss. Entschieden weniger begeistert war ich von dem Soundbite eines sogenannt Prominenten (damit handelt es sich um Menschen, die die Medien prominent gemacht haben; ich beteilige mich nicht [mehr] an diesem ziemich kranken name dropping, wer wissen will, wer der Mann ist, gehe zur Website des Verlags): »Vergessen Sie Orwell, lesen Sie Huxley!« Dass das Blödsinn ist (der Mann weiss wie die Medien ticken, deshalb ist er prominent), weiss ich auch ohne das Buch gelesen zu haben.

Auf der Verlagswebsite findet sich auch Aufschlussreiches von der Lektorin des Werkes, die es dann aber auch nicht lassen kann, einen Wissenschaftsjournalisten mit der banalsten aller Fragen zu zitieren: »Warum haben wir nicht daraus gelernt?« Er sei nicht der einzige Warner gewesen, fügt sie hinzu, auch Einstein habe viel und oft gewarnt.

Man lerne aus der Geschichte, dass man nichts aus ihr lerne, meinte einst Hegel. Wer also die Frage heute noch stellt, beweist damit wieder einmal die Richtigkeit der Hegelschen Erkenntnis. Doch zum Buch, in dem Huxley einleitend festhält, er werde "aufzeigen und schildern, wie die angewandte Wissenschaft bislang zur Zentralisierung der Macht in den Händen einer kleinen herrschenden Minderheit beigetragen hat und wie man diesen Entwicklungen entgegentreten und sie vielleicht sogar umkehren kann."]

Zeit der Oligarchen stammt aus dem Jahre 1946 und beginnt mir einem Zitat Tolstois, das er ein halbes Jahrhundert zuvor verfasst hat. "Bei einer derartig schlechten Einrichtung der Gesellschaft wie der unseren, in der eine kleine Zahl von Menschen die Macht über die Mehrheit hat und diese unterdrückt, dient jeder Sieg über die Natur unweigerlich nur dazu, Macht und Unterdrückung zu vergrößern. Und genau das geschieht heute."

Damit ist alles Wesentliche bereits gesagt, könnte man meinen, doch weit gefehlt, denn durch die konkretisierenden Ausführungen von Huxley werden mir Dinge klar, die ich so noch gar nie gesehen haben. Vor allem, dass der technische Fortschritt den Mächtigen Instrumente an die Hand gibt, die sie praktisch unbesiegbar machen.

Dazu kommt, "dass der wissenschaftliche Fortschritt einer der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert ist." Es lohnt bei diesem Satz zu verweilen. Und dann daran zu denken, dass wirtschaftsfreundliche Politiker sich unablässig als Kämpfer für die Freiheit hervortun. Absurder geht kaum.

Huxley sieht Zusammenhänge, für die die meisten blind sind. "Zeitunglesen und Radiohören erzeugen psychische Abhängigkeit, die sich wie die körperliche Sucht nach Drogen, Tabak und Alkohol nur durch die Willensanstrengung des Süchtigen besiegen lässt." Man kann sich in der Tat durch Willensanstrengung vom Medienkonsum verabschieden, bei Alkohol und anderen Substanzdrogen kommt man damit allerdings nicht sehr weit. Nichtdestotrotz: "Fortgesetzte Hingabe an die psychischen Suchtmittel hat ihren Preis, und dieser Preis ist unerwünschte Propaganda." Dagegen wehren geht nur durch Verzicht: Man muss sich den Medien verweigern, denn die gehören denen mit Geld, Macht und Einfluss.

Einleuchtend und überzeugend legt Huxley dar, dass mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt eine Veränderung unseres Denkens stattfindet. Wir sind derart zuversichtlich geworden, dass wir unsere Wunschvorstellung, etwas sei umsonst zu, gar nicht in Zweifel ziehen. "Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen." Es sind die Fortschrittsgläubigen, die irre sind, nicht die Skeptiker.

Wissenschaftliches Arbeiten gründet im Vereinfachen. Im Labor ist das sinnvoll, in der Lebenswirklichkeit nur bedingt. Um Resultate zu liefern bedient sich die Wissenschaft einer Komplexitätsreduktion, die dann für die Realität gehalten wird, dabei allerdings ausser Acht lässt, dass unsere erfahrbare Wirklichkeit nicht wie abstrakte Modelle funktioniert. So sehr wissenschaftliche Erkenntnisse auch zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, der Preis ist die fortschreitende Entfremdung – und diese macht uns krank.

Aldous Huxley betrachtet die Dinge grundsätzlich und in grösseren Zusammenhängen, was in der heutigen Zeit, die von Nützlichkeitserwägungen geprägt ist, selten genug, doch notwendig ist. Nur eben: Es geht schon lange, angetrieben durch die Vergötterung des Profits, in eine ganz andere Richtung: Die Zerstörung unseres Lebensraums nimmt zu.

Es sind vor allem die Ausführungen zur Wissenschaft, die mich gepackt haben. Selten war mir so deutlich vor Augen, dass Wissenschaft sich immer nur mit Teilaspekten befasst, was vielen Wissenschaftlern durchaus klar ist, doch den meisten anderen nicht, von denen allzu viele glauben, ihnen werde durch die Wissenschaft ganze Welt begreiflich germacht.

"Die Mentalität sämtlicher Nationen – die Mentalität, die ansonsten vernünftige Erwachsene einnehmen, wenn sie in der internationalen Politik wichtige Entscheidungen treffen – ist die eines vierzehnjährigen Straftäters: hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberhaft und eitel." Und da glaubten doch viele der ganz Kurzsichtigen (mich eingeschlossen), wir würden heute noch nie Dagewesenes erleben.

"Das größte Bedürfnis der Menschheit ist ausreichende Ernährung; dennoch wird die Politik der Nationalstaaten heute in erster Linie von Machterwägungen diktiert." Mit anderen Worten: Ein anderes, ein neues Denken ist erforderlich; es braucht den Menschen, der nicht von Gier und Macht angetrieben wird, sondern der Freiheit und dem Frieden verpflichtet ist. Dafür hat sich Aldous Huxley clever und eloquent engagiert.

Aldous Huxley
Zeit der Oligarchen
Hanser, München 2025

Sunday, 1 February 2026

Da mesma época

Ob sie mir ein Stück, ein kleines, von dem Pudding abschneiden könne?, frage ich bei den Desserts im Supermarkt. Sie hätten da auch schon fertig zugeschnittene kleine Stücke, sagt sie. Als ich daraufhin anmerke, mir scheine der grosse Pudding frischer, antwortet sie, die beiden seien "da mesma época". Das klingt zwar in meinen Deutschweizer Ohren alles andere als frisch, doch was wissen Deutschweizer Ohren schon von brasilianischen Ausdrucksweisen ...

Santa Cruz do Sul, am 30. Januar 2026

Wednesday, 28 January 2026

Ich bin Dynamit

Nietzsches Familie war von einer starken Neigung zu geistiger oder neurologischer Instablität betroffen – sein Vater starb im Alter von 35 Jahren, er wuchs umringt von Frauen auf, Mutter, Grossmutter und zwei Tanten. Über letztere schreibt Sue Prideaux trocken: „Beide Tanten litten unter den damals weit verbreiteten nervlichen Beschwerden und behielten den Arzneischrank stets in Reichweite, ohne diesem jemals wirklich Heilsames entnehmen zu können.“

Ralph Waldo Emerson, Friedrich Hölderlin und Empedokles sollten Nietzsches kreatives Denken viele Jahre inspirieren. „Empedokles postuliert einen universellen Kreislauf der Dinge, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt. Vielmehr existiert eine in der Summe unveränderliche und ewige Form der Materie aufgrund der Mischung und Entmischung der beiden ewigen – und ewig widerstreitenden – Mächte: Liebe und Hass.“

Als Nietzsche mit 23 Jahren zum Professor für Klassische Philologie in Basel berufen wurde („Er hatte zwei Semester in Bonn und zwei Semester in Leipzig an der Universität verbracht, besass aber keinerlei Abschluss. Dennoch hatte sein hoch angesehener Professor Ritschl seinen Musterschüler für den Posten vorgeschlagen.“ – was doch Einfluss alles bewirken kann! Der für den Lehrstuhl unabdingbare Doktortitel wurde ihm übrigens von Leipzig ohne Examen verliehen.), studierten gerade einmal 120 Studenten an der kleinen Universität, die meisten von ihnen Theologie. Erspriessliche Kontakte hielt der talentierte Pianist Nietzsche in dieser Zeit mit dem in Tribschen bei Luzern residierenden Richard Wagner und dem Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, zwei Menschen, die gegensätzlicher kaum hätten sein können.

Ich bin Dynamit ist ein hervorragend geschriebenes Werk (glänzend übersetzt von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler), das Nietzsches Leben höchst anschaulich erzählt, wobei auch immer wieder der sehr englische Humor der Autorin, die heute in Norwegen lebt, durchscheint. So kommentiert sie etwa sein kompositorisches Bemühen mit „Das Stück war typisch für Nietzsches Klavierkompositionen in jener Phase, ein Potpourri aus Bach, Schubert, Liszt und Wagner. Zerfasert, übertrieben emotional und arm an Entwicklung wecken seine Kompositionen unweigerlich den Gedanken, Nietzsche hätte, wäre er ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“ .

Nietzsche war ein sehr impulsiver Mann (als Mathilde Trampedach, die er gerade mal ein paar Tage kannte, eine Bemerkung macht, in der er sich erkannt fühlt, macht er ihr gleich einen Heiratsantrag) und litt ein Leben lang an den unterschiedlichsten Gebrechen – dass er diesen standhielt, ist ein Wunder und zeugt von einer ungeheueren inneren Stärke. Überaus eindrucksvoll ist, dass er seine Krankheiten zum Anlass nahm, sich immer wieder neu zu orientieren und dabei seinem Credo „Werde, der du bist“ stetig näher kam.

Als ich als 18Jähriger „Also sprach Zarathustra“ las, hat es mich regelrecht umgehauen. Von der damaligen Lektüre weiss ich nur noch, dass mein gesamtes Wertesystem ins Wanken geriet und sich Abgründe auftaten. Ich bin Dynamit verschafft mir eine gute Ahnung davon, warum das so gewesen sein musste, denn Nietzsche war ein höchst radikaler Denker, der nichts mit den Repräsentanten des relativierenden Zeitgeistes am Hut hatte, sich von der Ketten-Krankheit (wie er die fehlgeleitete Loyalität seiner Familie gegenüber nannte) befreien und selbstverantwortlich das Leben begreifen wollte.

Priester und Philosophen lenken davon ab, worum es geht – um das Leben in der realen Welt. Nur eben: Der Mensch erträgt die Wirklichkeit nicht, sie macht ihm Angst, weswegen er Systeme kreiert, die ihm vermeintlich Halt geben. Doch davon gilt es sich zu verabschieden und sich dem Hier und Jetzt zu widmen. „Wenn sein ganzes Leben seinen Moment im Jetzt gefunden hatte, so war er bereit, den gesamten Lebenszyklus zu bejahen – alles, was bisher geschehen war und was noch kommen würde. Das Jetzt bot alles, und es war glanzvoll.“

Sue Prideaux ist mit Ich bin Dynamit ein absolut singuläres Buch gelungen, auch wenn es, wie alle Bücher, nicht ohne geringfügige Fehler ist. Bei dem kleinen Kurort in den Schweizer Alpen, wo Nietzsche zusammen mit Romundt und von Gersdorff einmal den Sommer verbrachte, handelt es sich nicht um Chur, sondern um Flims und der dortige See heisst nicht Caumesee, sondern Caumasee (S. 157). Doch das sind Details (andere sind mir nicht aufgefallen, ich bin kein Nietzsche-Kenner, doch ich kenne Flims und den Caumasee), die nicht ins Gewicht fallen und nur erwähnt werden, um zu zeigen, wie aufmerksam ich gelesen habe.

Ganz wunderbar geschildert ist unter anderem wie Lou Andreas Salomé auf der Bildfläche erscheint. Zum Einen verdreht sie vielen Männern den Kopf, zum Andern ist sie von einer erfrischenden Eigenständigkeit. Als Elisabeth fürchtet, sie habe es auf ihren Bruder abgesehen, macht sie ihr mehr als deutlich, dass dem nicht so sei. Kommentiert Sue Prideaux: „Auf den Schreck dieser vulgären Kritik hin drehte sich Elisabeth der Magen um. Man applizierte kalte Umschläge.“

Auch Nietzsches Philosophie kommt natürlich nicht zu kurz. Es gebe keine ewige Vernunft, vielmehr sei das Leben ein „Tanzboden für göttliche Zufälle“. Und was ist der Sinn, die Bedeutung des Ganzen? Die Biografin erläutert: „Bedeutung muss dadurch gefunden werden, dass der Mensch ‚Ja‘ sagt zu diesen göttlichen Zufällen auf dem Tanzboden.“ Zudem sei Nietzsche der Auffassung gewesen, es gebe „kein spezifisches Problem des Menschlichen, das es zu lösen gälte, aber seine allgemeine Beschreibung des Übermenschen ermutigt vielmehr jeden einzelnen von uns, nach seiner individuellen, unabhängigen Lösung zu suchen.“

Überaus lehrreich, äusserst packend und enorm clever – ein Geniestreich!

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit
Das Leben des Friedrich Nietzsche
Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Sunday, 25 January 2026

Last Orders

„ … it’s a privilege, to my mind, an education. You see humankind at its weakest and its strongest. You see it stripped bare of its everday concerns when it can’t help but take itself serious, when it needs a little wrapping up in solemness and ceremony. But it doesn’t do for an undertaker to get too solemn. That why a joke’s not out of place. That’s why I say: Vic Tucker, at your disposal.

It’s not a trade many will choose. You have to be raised to it, father to son. It runs in a family, like death itself runs in the human race, and there’s comfort in that. The passing on. It’s not what you’d call a favoured occupation. But there’s satisfaction and pride to it. You can’t run a funeral without pride. When you step out and slow-pace in front of the hearse, in your coat and hat and gloves, you can’t do it like your apologizing. You have to make happen at that moment what the bereaved and bereft want to happen. You have to make the whole world stop and take notice.”

 Graham Swift: Last Orders

Wednesday, 21 January 2026

Migration und Kriminalität

„Die meisten Leute haben nicht den leisesten Schimmer, was in Sachen Migration los ist“, ereiferte sich Fabian. „Asyl setzt ja voraus, dass man politisch oder religiös verfolgt ist. Das trifft auf die wenigsten Asylbewerber zu. Kennst du Frank Urbaniok, den forensischen Psychiater und Autor? In Schattenseiten der Migration weist er darauf hin, dass die Ausländerkriminalität in Deutschland, Österreich und der Schweiz überrepräsentiert ist. Und das bedeutet, dass Kriminalität auch mit der Kultur zu tun hat. Für mich, der ich einen Grossteil meines Lebens ausserhalb der Schweiz verbracht habe und interessiert an fremden Kulturen bin, ist das überhaupt keine Frage, sondern selbstverständlich. Genauso, dass wir lebenslang von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, geprägt bleiben. So habe ich in fremden Kulturen vor allem herausgefunden, wie schweizerisch ich bin.“

„Da fällt mir die Grünen Politikerin ein“, ergänzte Hugo, „die auf Instagram ein Bild von sich postete, das zeigte wie sie auf ein Bild von Maria mit Jesuskind schoss, worauf sie ihren Job als Kommunikationsberaterin sowie politische Ämter verlor. Sie wurde in Bosnien in eine muslimische Familie geboren, kam mit drei Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Integrierter kann man kaum sein, doch war sie es auch emotional? Wie konnte sie nur, was hat sie sich bloss gedacht?, wurde in der Folge gefragt. Diesen Fragen liegt die Annahme zugrunde, wir wüssten, was wir tun. Das ist Humbug. Wir haben keinen Schimmer, warum wir tun, was wir tun. Was wir bewusst äussern ist Theater bzw. klassische Dissonanz-Reduktion. Wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen. Das Unbewusste regiert uns. Was uns wirklich antreibt, wie wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.“

„Kommunikationsberaterin? Nur schon, dass das ein Beruf sein soll!“

„So ist eben unsere Zeit, die Fassade ist das Wichtigste. Doch das letztlich Entscheidende geschieht hinter verschlossenen Türen. Die Aufgeblasensten finde ich die selbst ernannten Spezialisten für Krisenkommunikation, die nie etwas anderes raten, als die Wahrheit zu sagen, da sie letztendlich doch heraus käme. Und dafür kriegen die Honorar, und nicht zuwenig!“

„Noch einmal zu Urbaniok. Er erwähnte auch, dass nicht alle Kulturen polizeilich auffällig werden, Kleinkriminelle kommen nie aus Westeuropa, Skandinavien, Asien, Nordamerika oder Australien. Dass sich linke Kreise darüber empören und Rassismus schreien, zeigt so recht eigentlich nur, in was für einer Fantasiewelt diese Leute leben.“

Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession. Tredition, 2025