Sunday, 21 June 2026

Der unentdeckte Kontinent

Als ich vor einigen Jahren anfing Bäume zu fotografieren, hielt ich das für eine Entdeckung. Eine Durchsicht von älteren Fotografien belehrte mich eines Besseren – ich hatte immer schon Bäume fotografiert. Mit anderen Worten: Mir scheint, unsere Gewohnheiten sind uns selten wirklich bewusst; etwas Neues zu entdecken kommt nicht oft vor. Womit ich zu Meg Lowmans Der unentdeckte Kontinent komme, einem Buch, bei dem ich schon nach den ersten paar Seiten weiss, dass ich da definitiv auf etwas Neues gestossen bin. Und mich wieder einmal darüber wundere wie partiell blind man durchs Leben gehen kann.

„Stellen Sie sich vor, Sie gehen für einen Gesundheitscheck zum Arzt, und der untersucht ausschliesslich ihren grossen Zeh. Am Ende erfahren Sie, dass Sie vollkommen gesund sind, dabei wurden Ihre Vitalfunktionen, Puls, Sehkraft oder irgendein anderer Körperteil gar nicht untersucht – sondern nur Ihr grosser Zeh. „.. jahrhundertelang wurde die Gesundheit von Bäumen, auch die jener alten Riesen, die haushoch in die Wolken aufragen, genau auf diese Weise begutachtet.“ Viel überzeugender und anregender kann man ein Buch kaum beginnen ...

„Ich werde Bäume nie wieder so sehen wie früher, und der Rest der Welt auch nicht – dank der Autorin dieses Buches“, schreibt Sylvia A. Earle in ihrem Vorwort. Recht hat sie! Wer also ist diese Autorin? Meg Lowman, geboren 1953, aufgewachsen im ländlichen Staat New York. Die Botanik brachte sie zum Studium ins schottische Aberdeen, ein Forschungsstipendium über tropische Wälder nach Sydney. „Sie stammte aus der gemässigten Klimazone und war in Bezug auf die Tropen völlig grün hinter den Ohren. Bei ihrem ersten Besuch in einem australischen Regenwald starrte sie in die schwindelerregendsten Bäume, die sie je gesehen hatte, und dachte: 'Du heilige Scheisse, ich sehe noch nicht mal den Wipfel!'“

Zuerst dachte sie, sie könne die Baumwipfel mit dem Fernglas zu sich herunterholen. Als dies wenig fruchtete, kletterte sie nach oben. Um ihre Seile an den oberen Ästen zu befestigen, baute sie sich aus einer Eisenstange eine spezielle Schleuder. In den Baumkronen, dem '“achten Kontinent“, entdeckte sie eine völlig unbekannte Welt. „Wohin ich auch blickte, offenbarten die Wipfel Geheimnisse, die vom Boden aus nicht zu erkennen waren – glänzende Käfer frassen junges (aber kein altes) Blattgewebe, Raupen operierten in Gangs, die ganze Äste vom jüngsten bis zum älteren Laub kahl frassen, Vögel schnappten sich diese arglosen Larven, als bedienten sie sich an einer Salatbar, und plötzliche Regengüsse trieben alle diese wuselnden Geschöpfe auf der Suche nach Unterschlupf unter die nächsten Blätter oder in einen Spalt in der Rinde.“

Der unentdeckte Kontinent ist genau das, was der Untertitel verheisst: „Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen.“ Sie erzählt von ihren schwierigen Studienanfängen inmitten von Männern, von ihrer Zeit in Aberdeen, vom Tropenwald von Malaysia, von ihren Bemühungen um den äthiopischen Wald und von den Citizen Scientists.

Meg Lowman ist ein Naturfreak. Von klein auf begeisterte sie die Naturbeobachtung, obwohl es in ihrer Familie keine leidenschaftlichen Botaniker gab. Ihr Enthusiasmus ist aus jeder Zeile spürbar. Und er ist ansteckend.

Der unentdeckte Kontinent bietet eine interessante, informative, lehrreiche und ausgesprochen unterhaltsame Lektüre, was auch daran liegt, dass Meg Lowman eine begabte Erzählerin ist, die mich immer mal wieder zum Lachen brachte. „Als mein Flug in Aberdeen landete, war der Himmel kalt und grau, was ich schnell als Normalfall kennenlernte. Ein Jahr in Schottland lässt sich zusammenfassen zu 364 Tagen grauem Himmel, was meine über tausend Fotos von sonnenfreien Landschaften bestätigen.“ Da sie über wenig Geld verfügt, mietet sie zusammen mit anderen, die ebenfalls knapp bei Kasse waren, ein Bauernhaus ohne Heizung und Warmwasser. „Meine beiden Mitbewohner, Alan und Peggy, besassen einen klapprigen Morris Minor, der so alt war, dass in seiner Aussenverkleidung Moos wuchs, und waren sehr geschickt darin, zum Hauptgericht überfahrenes Wild aufzufinden.“ Im Anschluss an ihr schottisches Jahr ging es zum Doktorat nach Sydney. „In London bestieg ich nach Flugzeug mit zwanzig Kilo Handgepäck, weil ich die Gebühren für einen zusätzlichen Koffer sparen wollte.“ Das waren noch Zeiten ...

Meg Lowman bezeichnet sich als Arbonautin (und wird von ihren Kindern auch scherzhaft als Arboraut-Irre), eine sowohl einleuchtende wie auch treffende Bezeichnung für eine Botanikerin, die sich aufgemacht hat, die Baumkronen, für die sich kaum jemand zu interessieren schien, zu erforschen. „Bald stellte ich fest, dass die meisten Arten in den oberen Baumkronen der Wissenschaft unbekannt waren. Fast jede der 60000 Baumarten beherbergt einzigartige Lebensgesellschaften.“

Der unentdeckte Kontinent ist ein Augenöffner. Mir jedenfalls war nicht bewusst, dass ein Kronendach Sauerstoff produziert, Regenwasser filtert, Sonnenlicht in Zucker umwandelt, unsere Luft reinigt, indem es CO2 absorbiert, Tieren Unterschlupf bietet und und und.

Der Mensch hat sich dermassen von der Natur entfremdet, dass er sie allzu oft nur als Bedrohung wahrnimmt. Selten ist mir das klarer geworden als bei Lowmans Schilderung einer Bootsfahrt auf dem Amazonas als ein einheimischer Guide gefragt wurde, ob es während der Fahrt auch Anacondas zu sehen geben würde. „Unser Guide hatte die verräterischen Luftblasen gesehen, die Anacondas unter Wasser ablassen, war auf sie gesprungen und hatte schnell Kopf und Schwanz gegriffen, und das alles im Dunkeln. Ehrfürchtig bestaunten wir alle nicht nur dieses grossartige Tier, sondern auch Guillermos gründliche Kenntnis der heimischen Natur – so wie man sie sich aus einem Lehrbuch oder in einem Hörsaal gar nicht aneignen kann.“

Wir müssen den Wald hegen und pflegen, denn die Gesundheit des Planeten hängt von ihm ab. Doch das Gegenteil geschieht, die Zerstörung des Waldes nimmt zu. Was also ist zu tun? „Ein Weg, mehr Bäume zu retten, besteht darin, mehr Menschen in ihre Wunder einzuweihen.“ Kein Buch, dass geeigneter wäre, genau dies zu tun als Der unentdeckte Kontinent.

Meg Lowman
Der unentdeckte Kontinent
Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen
Blessing, München 2022

Wednesday, 17 June 2026

Vorsehung

Der Einstieg in diesen Roman ist schlicht grandios: Der Flug von Hobart nach Sydney hat Verspätung, was der Autorin die Möglichkeit gibt, die Flugpassagiere vorzustellen. Wie auf jedem Flug kommt da eine recht bunte Truppe zusammen, die derart lebensnah geschildert ist, dass ich ständig laut herauslachen muss. Wir Menschen sind schon eine überaus eigenartige Spezies! Kurz vor der Landung steht eine alte Dame von ihrem Platz auf, geht durch die Reihe, bleibt bei den einzelnen Passagieren stehen und prophezeit ihnen ihre Krankheiten sowie das Alter ihres Ablebens. Natürlich wollen das nicht alle wissen, doch darauf nimmt die Frau keine Rücksicht (obwohl sie durchaus Skrupel hat) und so bleibt es den Passagieren überlassen, wie sie mit diesen Botschaften umgehen. Ein 29Jähriger, dem sein Tod mit 30 vorausgesagt wird, ist definitiv nicht in der selben Liga wie eine 87Jährige, die noch bis 101 Zeit hat.

Ist sie eine Hellseherin? Und falls ja, können Hellseher irren? Die alte Dame stellt klar: Der Satz „Gegen das Schicksal kommt man nicht an“ stamme nicht etwa von ihr, sondern von ihrer Mutter, die eine Deterministin gewesen sei. Was meint: Der Mensch handelt wie er handelt, weil das in ihm so vorbestimmt ist und sein Tun und Lassen der Kausalität folgt. Der bärtige Mann („er war Universitätsdozent, er genoss es noch mehr als der Durchschnittsmann, Vorträge zu halten“), der den Begriff erläuterte, entpuppte sich als Vertreter des „harten Determinismus“, für den es keinen freien Willen gibt. „Zwischen zweien seiner Schneidezähne steckte ein braunes Reiskorn, und niemand, nicht einmal seine Frau, wies ihn darauf hin. Möglicherweise hielt sie es für kausal unausweichlich.“

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ist eine philosophische. Von praktischer Relevanz ist sie nicht, denn unser soziales Leben beruht auf der Annahme, dass wir einen freien Willen haben. Darauf gründet auch die Strafjustiz, ansonsten man niemandem eine Tat vorwerfen bzw. ihn dafür bestrafen könnte. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass wir uns die Realität zurechtbiegen (was wir eindeutig tun), denn den Nachweis zu erbringen, dass es den freien Willen auch wirklich gibt, ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Wir glauben eben, was wir glauben wollen; dass uns unser Bauchgefühl täuschen könnte, halten wir nur theoretisch für möglich.

Vorsehung ist glänzend geschrieben, eine Comédie Humaine vom Feinsten. Die Autorin präsentiert ganz unterschiedliche Charaktere (und was würde sich dazu besser eignen als Flugzeugpassagiere, denen Algorithmen ihre Plätze und damit ihre Sitznachbarn zuweisen), die man alle aus dem richtigen Leben zu kennen glaubt. Da ist zum Beispiel Sue, deren Söhne alle den gleichen, dümmlichen Blicke hatten, „als sie plötzlich in die Höhe schossen. Ich weiss gar nicht, wie ich hier hochgekommen bin! “ Sue ist Pflegekraft in der Notfallambulanz, und gehört zu der Sorte Mensch, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. Doch auf einmal überkommt es sie: „Überhaupt nichts hat sie gesehen! Ein ganzer Planet voller Burgen und Kathedralen, Gemälde und Skulpturen, Berge und Ozeane wartet darauf, von Sue und Max O’Sullivan gesehen und bewundert zu werden.“

Vorsehung bietet ein überaus unterhaltsames Welttheater, da Liane Moriarty uns nicht nur am Innenleben der Menschen auf diesem Flug teilhaben lässt, sondern auch schildert, wie sie miteinander umgehen. Da ist etwa der Flugpassagier Ethan Chang, gerade zurück von der Beerdigung seines Kumpels Harvey. Es war Ethans erste Beerdigung und nicht alles lief rund. So sprach er irrtümlicherweise einer Angestellten des Cateringservice sein Beileid aus. „Sie trug eine weisse Bluse und eine schwarze Hose und hielt ein Tablett mit Schinkensandwiches in Händen. Es gab durchaus Anhaltspunkte.“ Oder das frisch verheiratete Paar, Dom und Eve. „Eve weiss nie, ob er nur glücklich tut oder einfach vergisst, was ihm Sorgen gemacht, und sich irgendwann wieder daran erinnert.“

Als das Flugzeug gelandet ist, hat die Hellseherin keine Erinnerung daran, dass sie den anderen Flugpassagieren ihre Vorhersagen aufgezwungen hat. Sie ist die Personifizierung der Vorstellung, dass der Mensch nicht weiss, was er tut, und von seinem Schicksal gelenkt wird. Ob es sich dabei um ein psychisches Problem handelt (die gängige Standardantwort, wenn wir heutzutage nicht weiter wissen), wie „der starke, muskulöse Mann mit dem militärischen Bürstenschnitt, der so aussieht, als könnte er die Welt im Alleingang retten“, behauptet, soll hier nicht verraten werden.

Auch die Hellseherin erzählt ihr Leben, die Flugpassagiere machen sich auf die Suche nach ihr. Zum Einsatz kommt dabei auch eine Facebook-Seite, die in der Folge von vielen besucht wird, die zwar sachlich nichts beitragen können, doch auf sich und ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Vorsehung ist auch ein sehr gelungenes Porträt unserer Zeit, in der wir alle gezwungen werden, für uns zu trommeln.

Vorsehung handelt auch davon, was man mit Wissen anstellt, das man lieber nicht hätte.. So wissen wir alle, dass wir sterben werden. Die übliche Variante ist die Verdrängung. Liane Moriarty zeigt uns weitere Möglichkeiten, zu denen auch das Einholen einer Zweitmeinung, das Sich-Austauschen mit Freundinnen und Bekannten sowie das Relativieren von Vorahnungen gehören. Doch dann stirbt eine junge Flugpassagierin sowie ein altes Ehepaar; alle drei waren auf dem Flug gewesen …

Vorsehung ist weit mehr als ein ungemein unterhaltender Roman; die vielfältigen Einsichten und Hinweise, die er vermittelt, sind vielfältig hilfreich und von praktischer Relevanz. So herrscht, wie wir alle wissen, etwa die Überzeugung vor, dass alles seinen Grund haben müsse. Das ist natürlich Unsinn, denn die Dinge sind ganz einfach wie sie sind. Ohne Grund. Und weshalb glauben wir trotzdem, dass alles seinen Grund haben müsse? Die Antwort (eine einleuchtende) findet sich in diesem echt tollen Roman.

Es ist die Mischung von Witz (als die Flugbegleiterin Allegra von einem Kind vollgekotzt wird: „‚Bitte machen sie sich keine Sorgen‘, sagt Allegra. ‚So etwas kommt vor‘. Ihr Entschluss, kinderlos zu bleiben, ist jetzt in Stein gemeisselt.“), Spannung (Wie werden sich die Voraussagen der alten Dame auswirken?), und philosophischer Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir unser Schicksal beeinflussen können, welche Vorsehung zu einem rundum überzeugenden Roman macht. Und zu einem Lesevergnügen erster Güte.

Fazit: Packend, clever, anregend und sehr, sehr lustig. Grossartig, ein Meisterwerk!

Liane Moriarty
Vorsehung
Roman
Droemer, München 2025

Sunday, 14 June 2026

All'Italiana!

Der Untertitel Wie ich versuchte, Italienerin zu werden lässt vermuten, dass Petra Reskis Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt war, obwohl sie sich jede erdenkliche Mühe gibt, und es irgendwie dann eben doch geklappt hat. „Es war mein Land, von Anfang an. Es ist ein fehlerhaftes Land, es sündigt, es ist perfide und manchmal sogar teuflisch. Dennoch liebe ich es. Das mag daran liegen, dass ich immer meine lebenslustige ostpreussische Familie gesucht habe, vermischt mit Teilen der melancholischen Schlesier. Und am Ende habe ich sie in Italien gefunden.“

Petra Reski hat Romanistik studiert und ist, wie ihr früh verstorbener Vater einst prophezeite, Auslandskorrespondentin geworden. Sie will verstehen, braucht Erklärungen, erwartet sich diese auch von der Politik, die in Italien allerdings von der Mafia häufig nicht zu unterscheiden ist. Ihre sizilianischen Schilderungen sind ungemein berührend, vielfältig informativ und aufwühlend. Und ihre Ausführungen zu Berlusconi machen klar, dass der Florida-Golfer keineswegs so einzigartig ist, wie dieser selbst und auch viele Journalisten offenbar glauben.

So abstrus einem Aussenstehenden die italienische Politik auch vorkommen mag, das italienische Wahlvolk verhält sich auch nicht viel anders als, sagen wir, das amerikanische, das auch in schöner Regelmässigkeit Gauner und Deppen, denen es immer nur um sich selber (und ihre Klientel) geht, als Regierung wählt. Die Italiener wissen, was sie tun. Warum sie es tun, ist egal, und auch wenn sie es wüssten, würde es keinen Unterschied machen. Das ist überall so.

Petra Reskis Mann ist Venezianer (und nur im Ausland Italiener) und erträgt es nur schwer von Festlandbewohnern regiert zu werden. Wenn seine Frau sich wieder einmal aufregt und fassungslos fragt, wie das denn um Himmels Willen nur möglich sei, “dass sich ganz Italien diesem Berlusconi in die Arme wirft, obwohl über ihn und seine Mafiamachenschaften alles bekannt ist“, antwortet er mit „Du bist hier in Italien!“ „Ja und? Was soll das denn heissen?, frage ich. Und er sagt: Niente. Das sagt er immer, wenn jemand zu begriffsstutzig ist, um die offensichtlichsten Zusammenhänge zu verstehe.“ Schön gesagt, doch ich vermute, dass Italiener Italien genauso wenig begreifen wie die Nicht-Italiener, weil man Italien und die Italiener schlicht nicht verstehen kann. Und so recht bedacht, gilt das für so ziemlich alle anderen Völker und Länder auch. Nur ist es anderswo oft weniger laut, lustig und so offensichtlich chaotisch.

Der grösste Teil dieses sehr gut geschriebenen Buches handelt von der Politik, ist aufklärend und geht sehr in die Details. Wer, wie ich, wenig Lust auf die eitlen Selbstdarsteller hat, die von der Macht und dem Rampenlicht nicht genug kriegen können, kommt allerdings nicht zu kurz, denn die Entdeckerfreude der Autorin erstreckt sich weit über die Politik hinaus. So erfährt man unter anderem auch höchst Aufschlussreiches darüber wie Journalismus funktioniert, bornierter Kollegenneid inklusive, oder das italienische Fernsehen … doch lesen Sie selbst, es lohnt sich!

Besonders erhellend sind Petra Reskis Ausführungen zur Sprache. „Das passato remoto macht mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.“ Die italienische Politik komme ihr ähnlich knifflig vor wie die diversen Vergangenheitsformen des Italienischen, konstatiert sie. Sehr schön, denn der Zusammenhang von Sprache und Mentalität wird oft übersehen.

„Komisches Land, dieses Italien, denke ich. Voller Widersprüche: Man spricht offen über schreckliche Skandale, und Zustände, die anderswo eine Revolution ausgelöst hätten, werden hier belacht. Man regt sich darüber auf, dass die Sozialisten klauen, und lacht, als ein Kabarettist aus dem Fernsehen eliminiert wird. Man lebt in einer der schönsten Landschaften der Welt und legt sich an einen verpesteten Strand. Und lacht auch darüber.“ Wer angesichts einer solchen Realität glaubt, Erziehung könne Wesentliches bewirken, irrt.

Petra Reskis Beobachtungen sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Und laden häufig zum Schmunzeln ein. „Ich habe mal beobachtet, wie Engländer in der Vaporettostation an der Rialtobrücke eine Schlange gebildet haben. Die Italiener haben das Prinzip gar nicht verstanden. Sie sind einfach an ihnen vorbeigegangen.“

Über ein anderes Land und deren Bewohner nachzudenken, führt auch unweigerlich zu Vergleichen mit dem, was einen geprägt hat. Mit anderen Worten: In der Fremde lernt man, vorausgesetzt, man ist bereit dazu, auch immer viel über sich selber. Und manchmal entdeckt man im vermeintlich Neuen, was schon immer in einem angelegt gewesen ist. All’Italiana! ist nicht zuletzt erfreulich selbst-reflektiv.

Dieses Buch beschreibt eine Faszination, ein Rätsel und das unweigerliche Sich-Immer-Mal-Wieder-An-Den-Kopf-Fassen, weil das doch Alles nicht wirklich sein kann. In diesem überaus gelungenen Mix vielfältiger Absurditäten und bewegender Momente stösst man auch auf ganz wunderbare Sätze, die Wesentliches auf den Punkt bringen. „Zu einer Zeit, als Venedig noch halbwegs eine Stadt ist und kein Freizeitpark …“. Im Spiegel liest sie: „Südlich von Florenz beginnt für die strengen nordischen Herrenmenschen schon Afrika, Rom liegt für sie fast im Urwald.“ Bessere Aufklärung geht eigentlich nicht.

All’Italiana! schliesst mit einem Kapitel über „Lukrez und das Ende des Obskurantismus“. Es ist so recht eigentlich mein Lieblingskapitel. Zum Einen, weil ich Lukrez‘ De rerum natura für einen der erhellendsten Texte überhaupt halte (eine grundlegend andere Sicht der Welt als die gemeinhin akzeptierten und uns benebelnden). Zum Andern dieser Ausführungen wegen, die von einer Lebensneugier zeugen, die nicht nur ihrem Mann, sondern auch Petra Reski selber eigen sind. „Der Venezianer kann eine Lupine nicht von einem Löwenzahn unterscheiden, er kennt nur Marmorsorten und weiss, wie man Tintenfische mit Licht und Kescher fängt, aber er hört Ivano aufmerksam zu, denn es gibt kaum etwas, was ihm mehr Achtung abringt als Menschen, die ihr Handwerk beherrschen.“

Fazit: Grandios! Engagierter, unterhaltsamer und treffender kann man Italien kaum schildern.

Petra Reski
All’italiana!
Wie ich versuchte, Italienerin zu werden
Droemer, München 2024

Wednesday, 10 June 2026

Sunday, 7 June 2026

On Books & Travelling

Standing in front of my book shelves, I'm astonished how little (if at all) I recall of the content of all of these books that I have seemingly read – many of them however convey feelings (I felt totally absorbed when reading this or that tome) and memories of where and under what circumstances I had read them.

There's no system to my shelving books, a thriller can be found next to a memoir of addiction, the work of a nobel prize laureate in literature next to reflections on how to live well.

From time to time, I look at these shelves and realise that the covers or the book titles make my mind wander in time. John Ralston Saul's The Paradise Eater takes me to Bangkok's Sukhumvit area where I spent on and off some years in the 1990s. Jonah Blacks Arrow of the Blue-Skinned God, Retracing the Ramayana Through India reminds me of the time in my life when I felt totally entranced by literally everything from the Far East.

I've gone through quite different episodes in my life, and the books on my shelves give testimony to that. It started with my sports period (especially football), followed by my rock and pop period (I was singing in a rockband), and and and ... Lately, I concentrated mostly on thrillers and books on science.

The one constant of my life has been travelling, physically as well as mentally.

Santa Cruz do Sul, Brazil, 6 February 2026

Wednesday, 3 June 2026

The Big City. A Visual Anthology

"Die Idee zu diesem Buch entstand 2009 in Kairo, beim Besuch bei Freunden", schreibt Philipp Sarasin in seiner Einführung. "Die Megacity war überwältigend, anstrengend und in ihrer Komplexität kaum zu fassen." Megacities sind in der Tat so, jedenfalls die, die ich kenne, wobei für mich "kaum zu fassen" mit "nicht einmal ansatzweise zu fassen" ersetzt werden müsste.

Mehr als zwanzig Städte hat Philipp Sarasin im Lauf von fünfzehn Jahren besucht und dabei unter anderem festgestellt, dass sie sich immer ähnlicher werden. Und genau diesen Eindruck hatte ich auch, als ich diese überaus vielfältigen Fotos anschaute. Hätte mir die Bildlegende (die nur gerade eine Ortsangabe ist), nicht jeweils gesagt, welche Stadt (oder vielmehr: welchen Ausschnitt einer Stadt) ich gerade vor Augen hatte, es hätte in den meisten Fällen so recht eigentlich (fast) überall sein können.

So unterschiedlich diese Fotos auch sind, es ist die Uniformität, die mir den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat. Wobei: So erstaunlich ist das letztlich gar nicht: In seinem Bestreben, speziell und anders zu sein, ist sich der Mensch eben überall gleich.

Besonders spannend waren für mich die Aufnahmen, die in Städten aufgenommen wurden, die ich aus persönlicher Anschauung kenne, etwa Panama City (das ich sofort erkannte) oder Jakarta (das ich ohne Bildlegende wohl nicht richtig zugeordnet hätte), oder Istanbul (das löste beim Lesen der Bildlegende ein Ja, klar aus), oder ganz speziell Bangkok (wo ich on and off einige Jahre zugebracht habe), das ich sehr gut getroffen fand.

Dass mich dieser Band anspricht, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich seit einigen Jahren (nachdem ich über zwanzig Jahre über Dokumentarfotografie geschrieben habe) selber (fast täglich) fotografiere, und mir in Städten Ähnliches ins Auge fällt, wie ich es auch in The Big City vorfinde.

Panama City

New York

Los Angeles

Wie jeder Fotograf zeigt auch Philipp Sarasin nicht, was er gesehen hat, sondern was er sich zu fotografieren entschieden hat. Mit anderen Worten: Er hat ausgewählt, was er wie einrahmen, und was er uns zeigen will. In diesem Sinne ist jedes Fotobuch, ungeachtet des Sujets, letztlich ein Selbstporträt, das sagt: So will ich in diesem Moment die Welt sehen. 

Fotografieren bedeutet zu wählen. Was nehme ich in den Rahmen rein, was lasse ich draussen? Dass dieser Band viel Disparates nebeneinander präsentiert, hat meine Sympathie, denn so ist, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, die Realität. Übrigens: Dass Fotos einem das Gefühl vermitteln können, die Realität abzubilden, ist erstaunlich, denn weder klingen, noch riechen sie. Doch sie sind Träger von Emotionen, und die prägen und bestimmen uns mehr, als uns bewusst ist. Understanding is a feeling, hat Robert Adams in Why People Photograph geschrieben.

Bangkok 

Bangkok

Was Philipp Sarasin motiviert hat, aufzunehmen, was er aufgenommen hat, weiss ich nicht. Ausser, dass ihn interessierte, "wie die Bedingungen beschaffen sind, unter denen Menschen heute in Grossstädten und Megacitys leben" (wie Fotos das zeigen könnten, entzieht sich mir), äussert er sich nicht. Da mich Motivationsforschung nicht interessiert, beschränke ich mich hier darauf, was die Fotos bei mir auslösen.

Zuallererst: Ich finde den Mix (Gebäude, Hochhäuser, Menschen, Autos, Fassaden etc.) überaus gelungen. Das bunte Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, am Tag und in der Nacht fotografiert, legt nicht gerade den Eindruck nahe, Stadtplanung sei hier federführend gewesen, wobei es auch immer wieder Stadtteile gibt, die eindeutig am Reissbrett entstanden sind.

Philipp Sarasin hat ein gutes Auge (man blättere etwa zu den Seiten 101, 105, 159 oder 211), und auch einen Sinn für das Witzig-Absurde. Ein Bild aus Nairobi, auf dem auch ein Raja Yoga Centre angepriesen wird. Oder die Bilder aus Los Angeles, insbesondere der Parkplatz mit Palmen und Hochhäusern im Hintergrund – ein ziemlich einzigartiges Porträt einer Stadt, in der man ohne Auto total am Arsch ist.

Die Bilder in diesem Band strahlen für mich die Stimmung aus, die Grossstädten eigen ist. Letztlich unfassbar, doch mich immer mal wieder an das Durcheinander auf einem Kinderspielplatz erinnernd. Besonders an den Rändern fransen diese Moloche richtiggehend aus (ich denke gerade an Lima). Dass diese Megacities überhaupt funktionieren (wenn auch nicht alle so wie Tokio), kommt so recht eigentlich einem Wunder gleich.

In meiner Zeit in Bangkok nahm ich hin und wieder den Bus und fragte mich gelegentlich, ob es für die Fahrer eigentlich einen Fahrplan gebe oder ob die alle irgendwann einfach  losfahren (oder auch nicht). Gestern bin ich im Bus eingeschlafen, sagte meine Freundin Jing einmal, und als ich aufgewacht bin, standen wir immer noch an der genau gleichen Stelle. Mit anderen Worten: Mich erstaunt und fasziniert, dass mir diese Aufnahmen ein Grossstadtgefühl vermitteln, das mir vertraut ist. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil es Bilder ohne Worte sind, die dies bei mir auslösen.

Die Einführung von Philipp Sarasin, einem in Berlin und Zürch ansässigen Schweizer Historiker, wie auch der Essay des Kunsthistorikers Martino Stierli, der sich unter anderem der Frage widmet, "in welchem Masse der Blick auf das relativ neue Phänomen der globalen Megacity durch den Erfahrungshorizont jenes mitteleuropäischen Betrachters konditioniert wird."), sind auf Deutsch und Englisch verfasst.

Philipp Sarasin
The Big City
A Visual Anthology
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Sunday, 31 May 2026

Die Fakten & Wir

 

Ein Titel auf Spiegel Online; „Schauspielerin Fritzi Haberlandt isst am liebsten Leberwurststullen.“ Hugo las zum ersten Mal von dieser Frau. Es zeigte ihm wieder einmal, wie uninformiert er war. Er wusste nicht einmal, was seine Nachbarin am liebsten ass.

+++

„… es ist therapeutisch, wenn du mit bestimmten Menschen sprichst. Du fühlst dich hinterher besser. Niemand weiss, warum. Es ist alles Chemie“, so die 94jährige Erika Freeman, die einst vor den Nazis fliehen musste, sich in New York als Psychoanalytikerin einen Namen machte, und mittlerweile wieder in Wien lebt. Den Florida-Golfer hält Erika Freeman für einen armen Mann, von seinem Vater nicht gemocht, von seiner Mutter für einen Nichtsnutz gehalten. Selbst Eltern, ging Hugo durch den Kopf, können manchmal ein gutes Gespür für ihre Kinder haben.

Wir kommen auf die Welt, dekonstruieren unsere Kindheit und dann sterben wir“, zitiert ihr Interviewer Dirk Stermann einen Comic aus dem New Yorker. Das deprimiert ihn. Ganz anders Erika Freeman. „Warum ist das deprimierend? Wir kommen auf die Welt, das ist doch schon mal sehr gut. Wir schauen, was in unserem Leben passiert, auch gut. Und wenn der Herrgott findet, dass wir genug angestellt haben, gehen wir.“

+++

Als der Physiker Leo Szilard eines Tages seinem Kollegen Hans Bethe mitteilte, er trage sich mit dem Gedanken, ein Tagebuch zu schreiben, fügte er hinzu, er habe nicht die Absicht, es zu veröffentlichen, er wolle nur die Fakten aufzeichnen, zur Information Gottes. Ob er denn nicht glaube, Gott kenne die Fakten, fragte Bethe. Sicher, er kenne die Fakten, doch diese Version der Fakten, die kenne er noch nicht, antwortete Szilard.

+++

Buddhisten glauben, das Ich sei eine Illusion. Wer sich die Tatsache vor Augen führt, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist, weiss das auch. Unser Lebenstrieb will hingegen, dass es ein Ich gibt. Da unser Lebenswille stärker ist als alle anderen Triebe, klammern wir uns daran — und leiden. Sich an der Vorstellung eines stabilen Ich festzuhalten, das es gar nicht geben kann, wird zwangsläufig ins Leiden münden.

Der Personenkult, den wir pflegen, ist nicht nur schädlich, er ist absurd. Und er entmündigt uns, weil er uns sagt, wir seien nicht in Ordnung, müssten anders und besser sein, am besten so wie die, denen andere Talente mit auf den Lebensweg gegeben wurden.

Hans Durrer, Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025