“Uah”, ertönt es alle paar Sekunden hinter mir, “uah, uah” und es handelt sich wohl um Laute der Zustimmung, die der Mann da von sich gibt, denn sein Gesprächspartner redet ununterbrochen auf ihn ein. Der Minibus rast über die Autobahn. Ich gucke in die stockdunkle Nacht, sehe ab und zu Leuchtreklamen und Lichter von Häusern. Das ist jetzt also China
Wangming, der Verwaltungsangestellte für Foreign Affairs der Yang-En Universität hatte mich am Flughafen von Xiamen, eine Flugstunde von Hongkong entfernt, erwartet. ‘Hans’ stand auf dem Blatt Papier, das er den ankommenden Fluggästen entgegenstreckte. Die Rückseite des Zettels war mit chinesischen Schriftzeichen versehen, er erwarte noch einen Dozenten, einen Chinesen, der mit einem der nächsten Flüge eintreffen solle.
Ob
man hier zwischenzeitlich einen Kaffee kriegen könne? Nein, sagt
Wangming. Mich dünkt dies sonderbar, an einem internationalen
Flughafen müsste sowas doch möglich sein.
Der Flug des
chinesischen Dozenten hat Verspätung. Ich frage noch einmal wegen
des Kaffees. Es gebe schon ein Restaurant, aber teuer, viel zu teuer.
Na ja, so teuer kann das wohl nicht sein, wende ich weltmännisch
ein. Die Rechnung für zwei Kaffee und ein Magnum-Eis beläuft sich
dann auf 23 amerikanische Dollar.
Wie viele ausländische Dozenten denn an der Yang-En unterrichten? 28. Ob es welche gebe, die ihren Jahresvertrag verlängern? Eine Amerikanerin, die sei schon vier Jahre da. Doch letztes Jahr hätten zwei frühzeitig aufgegeben. Eine sei Amerikanerin gewesen. Und schwarz. Und damit hätten die Chinesen Mühe. Es sei der Frau aber auch gesundheitlich nicht gut gegangen.
Ich sähe aus wie ein Filmstar, sagt Wangming, das werde mir beim Unterrichten helfen. Ich fühle mich geschmeichelt. Später dann sagt er, ich erinnere ihn an einen früheren amerikanischen Präsidenten. An Reagan. Ah ja? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man da drauf kommen kann. Da wären mir ganz andere in den Sinn gekommen. Vielleicht hat der Wangming ja was mit den Augen.
Mein Appartement befindet sich im zehnten Stock eines Hochhauses (im Lift muss man das neunte Stockwerk drücken; das sei das Britische System, wird mir erklärt) und ist karg und lieblos eingerichtet, der Blick durch die Fenster geht auf Berge, einen Fluss und, vor allem, überaus triste Wohnblöcke. Tage später werde ich erfahren, dass es sich dabei um Studentenunterkünfte handelt.
An meinem ersten Tag zeigt sich der Himmel grau in grau, es ist windig, so um die 18 Grad. Ich binde mir seit Jahren wieder einmal eine Krawatte um, ich vermute, das gehört sich hier so.
Das Areal der Universität ist recht gross. Nein, nein, klein, sagt Wangming, der mich herumführt. Klein? Okay, mittel. Wie viele Studenten? 5’000. Und die wohnen alle auf dem Campus.
Es gibt einen Supermarkt, Restaurants, Friseur, Wäscherei, Buchhandlungen, Plattenladen, Bank und Post, es ist alles da, was man zum Leben braucht. Zwei Studenten sprechen mich an, sie wollen ihr Englisch ausprobieren. Das sei das typische ländliche China hier, sagen sie. Die ganz in der Nähe gelegene Stadt Quanzhou zählt 6 Millionen Einwohner.
Heute kehren die Studenten aus den Ferien zurück, werden zum Teil von Eltern und Verwandten gebracht. Vereinzelt sind neue und teuere Autos zu sehen. Ganz wie der Semesteranfang auf dem Campus in Cardiff, wo ich einst studiert habe.
Ich ziehe mich in mein Appartement zurück, packe die Koffer aus, gucke aus dem Fenster und wäre jetzt gerne bei Yonalkis in Havanna. Beginne Tolstois “Krieg und Frieden”, doch ich kann mich nicht recht konzentrieren.Später am Nachmittag erhalte ich meinen Stundenplan. Ich werde “Spoken English” unterrichten, 18 Stunden pro Woche. Ausgehändigt werden mir auch – in dieser Reihenfolge – Listen mit den Namen der Studenten sowie Formulare, in welchen die Absenzen festzuhalten sind; zudem drei Exemplare des “English for international communication” – ein “student’s book”, ein “workbook” und die Lehrerausgabe.
Von der Yang-en Universität habe ich durch das Internet erfahren; sie bietet hauptsächlich eine Business-Ausbildung an. Ob es möglich sei, im Rahmen dieses Programms Kommunikation zu unterrichten?, hatte ich per Email angefragt. Und meinen Lebenslauf beigeschlossen. Sie würden meine Kandidatur akzeptieren, ich solle sowohl Zeugnisse als auch eine Kopie des Passes schicken. Kurz darauf erhielt ich den Vertrag laut welchem ich 12 bis 14 Stunden die Woche, “Economics and/or English” unterrichten würde.
“In meinem Vertrag steht nichts von 18 Stunden”, sage ich zu Joe, der Chinese ist, doch wie alle Chinesen hier, die mit Ausländern zu tun haben, auch einen westlichen Namen hat (Wangming, der mich vom Flughafen abgeholt hat, heisst jetzt, seit er eine neue Funktion versieht, die ihn mehr mit Ausländern in Kontakt bringt, Jordan). Joe ist ein weiteres Glied in der Verwaltung, seine Aufgabe ist, Mister Mei, dem Vice President, vorzutragen, was ich gerade ihm, Joe, vortrage. Zudem, führe ich weiter aus, wäre ich der Meinung gewesen, ich würde im “Economics”-Programm das Fach Kommunikation unterrichten. Andrerseits sei mir natürlich klar, dass die kürzlich erfolgten, unverhofften Abgänge bei den Dozenten die Universität in eine schwierige Lage gebracht habe und ich deswegen auch durchaus bereit sei, ein Semester lang “Spoken English” zu unterrichten, auch 18 Stunden, sofern mir die vier Extra-Stunden bezahlt würden.
Joe lächelt nervös. Da ich als Business-Dozent
angestellt sei, sei mein Salär ja sowieso schon höher als dasjenige
der Englisch-Dozenten … Ich unterbreche ihn, freundlich und
bestimmt: Joe, ich rede hier nur von meinem Vertrag und von gar
nichts anderem, und mein Vertrag ist inbezug auf die Zahl der
Stunden, die ich zu unterrichten habe und bezüglich der Höhe des
Lohnes klar und eindeutig. Er verstehe meinem Standpunkt, er werde
ihn Mister Mei unterbreiten, sagt Joe.
Aus: Hans Durrer: Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur, Edition Rüegger 2017
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