Sunday, 16 August 2026

Die Liebeshungrigen

Bereits auf den ersten Seiten macht Karine Tuil klar, dass Politiker Süchtige sind. Gezeigt wird das am Ex-Präsidenten Dan Lehman, einem Alkoholiker, für den das Schlimmste im Leben zu sein scheint, dass man gesellschaftlich nicht zählt. Die Hohlheit, die das öffentliche Leben regiert, ist wirklich schwer zu überbieten!

Den Alkoholiker zeichnet wesentlich aus, dass er sich der Realität nicht stellen will. In jeder Hinsicht. Doch so sehr dieser Roman auch ein bewegendes Dokument des destruktiven Potentials von Alkohol ist, er macht auch deutlich, dass da, wo der Schein wichtiger ist als alles andere (also in der Politik, beim Film, und ja, auch in der Literatur) stets auch die zerstörerische Seite des Menschen zutage tritt.

Dan Lehman, 60, ist in zweiter Ehe mit der 25Jahre jüngeren Schauspielerin Hilda verheiratet. Zu den drei Kindern aus erster Ehe mit einer Frau, die ihn immer vorbehaltslos unterstützt hatte, gesellt sich nun ein Mädchen, das taubstumm zur Welt gekommen ist. "... trotz aller Liebe zu dem Neugeborenen begriff er, dass er seine Freiheit aufgegeben hatte, als sie endlich zum Greifen nahe war."

Die Liebeshungrigen (der französische Originaltitel, "La guerre par d'autres moyens", ist weit treffender) ist ein gut geschriebener und bestens informierter Roman über Politik und Medien bzw. über das Leben in der Öffentlichkei, was letztlich meint, ein Dasein der Abhängigkeit von ganz vielen, ganz unangenehmen Zeitgenossen (Frauen wie Männer). Dabei erfährt man viel Aufschlussreiches über diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten, bei dem es stets darum geht, wie etwas bzw. jemand von anderen wahrgenommen wird.

Die sogenannt öffentliche Meinung, heutzutage repräsentiert durch die Massenmedien und die sozialen Netzwerke (weshalb die so heissen, ist ein Rätsel), sind unerbittlich. Lässt man Karine Tuils Schilderungen auf sich einwirken, fragt man sich unwillkürlich, wie krank man eigentlich sein muss, um sich diesen Meinungsterror anzutun. Selbst Hilda, als Schauspielerin die Aufmerksamkeit gewohnt, glaubt das ständige Scheinwerferlicht, das den politischen Aushängeschildern zuteil wird, nur mit Antidepressiva ertragen zu können.

Erzählt wird dieser Roman, der so recht eigentlich eine scharfsinnige Betrachtung des Kapitalismus darstellt (also um die Frage kreist: Wieviel ist man wert?), vor allem aus der Perspektive von Dan, Hilda und Dans Ex. Es ist nicht nur der materielle Erfolg, der unsere gesellschaftliche Stellung definiert, sondern im Falle der Frau auch das Alter. Als Dans Ex nach der Scheidung Anfang fünfzig ist, und sich niemand mehr für sie interessiert. "Ich fremdelte mit der neuen Ökonomie der Sexualität, in der man seine erotischen Bedürfnisse irgendwelchen Dating-Apps anvertraute, und ich misstraute Liebesbeziehungen, in denen man die sexuelle Freizügigkeit als dogmatische Norm einforderte, obwohl sie nichts weiter als eine Ausdrucksform des Kapitalismus war."

Sowohl Dan, Hilda als auch Dans Ex sind gescheite, differenzierte und reflektierte Charaktere, die in einem Masse Sklaven der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung sind, dass man an einen Gefängnisaufenthalt erinnert wird. "Sollte er Präsident werden, wird kein Regisseur mehr mit dir drehen wollen. Ab dann bist du nur noch die Frau von." So kommt es dann auch – und eben doch anders, denn Hilda brilliert in einem Film, für den sie zwar nicht die erste Wahl gewesen war, der in der Folge aber für die Goldene Palme in Cannes nominiert wird.

Die Liebeshungrigen zeichnet sich nicht zuletzt durch Vielfalt aus: Das Schicksal einer Schauspielerin, die sich nicht den ungeschriebenen Regeln des Filmgeschäfts unterwerfen wird, kommt genauso zur Sprache wie die Kunst des Schauspiels. "Die wahre Leistung einer Schauspielerin bestand darin, nicht nachzuahmen. Hilda lernte und probte ihren Text zu Hause oder auf Spaziergängen im Wald, mit dem Ziel, sich am Ende von ihm zu befreien."

Aufschlussreich sind auch die Ausführungen über die Auswirkungen von MeToo. Nicht nur Narzissten scheinen überfordert, viele Männer "trauten sich nichts mehr, gingen nur noch klar geregelte Beziehungen ein, deren Ablauf von den Dating-Apps vorgeschrieben wurde." Wieder einmal zeigt sich, dass, was als Befreiung intendiert war, sich ins Gegenteil verkehrt. Und natürlich gibt es auch ganz viele sexuelle Verstrickungen, schliesslich ist dies ein französischer Roman, was auch meint: Viel Verführung, viel Eifersucht, viel Narzissmus und viele Intrigen. Das heisst jeoch nicht, dass die Handlung vorhersehbar wäre, denn die clevere Karine Tuil versteht es ausgezeichnet, immer wieder von Neuem zu verblüffen.

Der erste Teil dieses Romans ist mit "Das Kapital" überschrieben, der zweite mit "Persona", wobei einleitend darauf hingewiesen wird, dass "das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet." (Erving Goffman), treffender kann man Cannes kaum charakterisieren. "Der Erfolg hat einen gewaltigen Preis. Alle hier sind bereit, ihn zu bezahlen." Der dritte Teil trägt den Titel "Mitleidenschaft" und handelt wesentlich von der Co-Abhängigkeit.

Die Liebeshungrigen ist ein spannender Roman über Menschen, gefangen in ihren Abhängigkeiten. Sie alle wollen nicht fühlen, was sie fühlen und betäuben sich deswegen, sei es mit Alkohol, der eigenen Wichtigkeit, der Gier nach Anerkennung. Sie alle führen anstrengende Leben; Gelassenheit scheint ihnen fremd. Stattdessen: Ich ich ich. Eindrücklicher wurde das, und das damit einhergehende Leiden, selten geschildet.

Fazit: Ein hellsichtiges, berührendes und packendes Porträt der vielfältigen gesellschaftlichen Realitäten, die vorgeben, Sicherheit und Orientierung zu geben, sich jedoch als Gefängnis entpuppen.

Karine Tuil
Die Liebeshungrigen
dtv, München 2026

Wednesday, 12 August 2026

Bücher und ihre Zeit

 Raum und Zeit sind menschliche Erfindungen, zudem überaus beständige. Dies zu wissen, ist nicht besonders hilfreich, denn wir orientieren uns an dem, was wir kennen, und nicht am Unbekannten, auch wenn sich aufs Unbekannte einzulassen zu den faszinierendsten Erfahrungen eines Menschenlebens zählt. Ja klar, ich spreche von mir, von wem denn auch sonst?

Die Zeit kann erfahren werden. Aufgegangen ist mir das unter anderem am Beispiel der Zeit in Frank Wilczeks Fundamentals. „Die Beobachtung, dass es ein gemeinsames, universelles Tempo gibt, ist eine tiefgreifende Erkenntnis über die Art und Weise, wie die physikalische Welt funktioniert.“ So entwickeln sich etwa Säuglinge weltweit „ungefähr nach dem gleichen Zeitplan und beginnen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten zu laufen, zu sprechen und andere Fähigkeiten an den Tag zu legen.“ Auch im gemeinsamen Musizieren, bei dem alle Beteiligten synchron agieren müssen, zeigt sich, „dass wir eine gemeinsame sehr präzise Vorstellung davon haben, wie die Zeit vergeht.“

Mit der Zeit vergeht noch ganz viel anderes. Was mich einst interessierte, interessiert mich heute nicht mehr. Bücher, die ich einst verschlungen habe, sind mir heute nicht mehr zugänglich. Ich lese heute anders als mit zwanzig; so ist mir etwa das Bedürfnis nach Identifikation und Orientierung weitestgehend abhanden gekommen.

Von Zeit zu Zeit schenkt mir mein jüngerer, in Kalifornien lebender Bruder, Bücher, von denen er annimmt, sie würden mir gefallen. Da unser Geschmack ähnlich ist, trifft das auch regelmässig zu. Letzthin war es Pico Iyers Aflame: Learning from Silence. Ich habe Einiges von Iyer gelesen und auch geschätzt. Und auch bei diesem Buch war es nicht anders, habe ich viel Hilfreiches gelernt, bis mich dann so gegen Ende etwas zu stören begann. Mir war das alles etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Und dann diese unsägliche Wichtigtuerei: Gib es eigentlich ein Buch von dem Mann, in dem er nicht betont, beiläufig natürlich, dass er mit dem Dalai Lama auf Du und Du ist?

Einige Zeit später lieh ich mir in der Schulbibliothek in Santa Cruz do Sul Iyers The Lady and the Monk aus, das ich vor vielen Jahren ganz toll gefunden habe. Nach gut einer Stunde gab ich auf; auch dieses Werk war mir etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Mir war unerfindlich, was mich einst daran so fasziniert hat, ausser natürlich, dass ich damals selber so drauf gewesen bin.

Thomas Manns Buddenbrooks habe ich einst gefressen, den Zauberberg, trotz zahlreicher Anläufe nicht geschafft. Von David Foster Wallace habe ich viel gelesen und gut gefunden, doch die beiden Hauptwerke Infinite Jest und The Pale King sind mir bis heute unzugänglich geblieben.

Meine Lesepräferenzen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, weil ich mich, ohne das gross zu merken, verändert habe. Das einzig Beständige sei der Wandel, heisst es bei den Buddhisten. Und ab und zu nehme ich diesen Wandel sogar wahr!

Rio Pardinho, Rio Grande do Sul, 31. Januar 2026

Sunday, 9 August 2026

"Hijacking Memory"

Ich habe einige Stunden mit diesem Buch zugebracht. Fasziniert und frustriert, ärgerte ich mich zunehmend über diese Ansammlung akademischer Eitelkeiten. Zugegeben, das ist alles sehr differenziert und sehr gescheit, aber eben vor allem academic. Da wird zitiert, was man gelesen hat, werden Kollegen und Konkurrenten begrüsst, wird darauf hingewiesen, worauf man schon in früheren Schriften hingewiesen hatte. Nein, uninteressant ist das nicht, auch immer mal wieder anregend, doch das reicht mir nicht, ich will mehr und anderes, doch was genau, weiss ich leider auch nicht so recht.

Arundhati Roy geht mir durch den Kopf, die in "Aus der Werkstatt der Demokratie" geschrieben hat: "Als Schriftstellerin, Romanschriftstellerin, habe ich mich oft gefragt, ob der Versuch, immer präzise zu sein, alles faktisch richtig darzustellen, das epische Ausmass dessen, was gerade geschieht, schmälert. Verschleiert er womöglich eine grössere Wahrheit?"

Zugegeben, der Fehler liegt bei mir. Ich hätte mich tunlichst besser informieren sollen, bevor ich beim Verlag um ein Rezensionsexemplar nachsuchte, denn dann hätte ich gewusst, dass es sich bei diesem Werk um einen Tagungsband handelt – und das ist nun wirklich nicht meine Welt. So recht eigentlich wüsste ich nicht einmal zu sagen, was mich an diesem Thema interessiert, womöglich das mir vollkommen unverständliche Phänomen des Antisemitismus, wobei dieses Interesse allerdings nicht so gross ist, dass mich Überlegungen wie "Vom Antisemitismus zum Philo-Zionismus" oder "Der Aufstieg des proisraelischen Antisemitismus" beschäftigen.

Kurz und gut: Mir fehlt das einschlägige Wissen, um mich zu den Themen, die in diesem Buch aufgegriffen werden, äussern zu können. Dazu kommt, dass mir Analysen schlicht nicht genügen. Weit beunruhigender als die Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte erachte ich die vorhersehbare, einfaltslose Reaktion der Politik. Als Nicht-Historiker, der nicht davon ausgeht, dass der Mensch Wesentliches aus der Geschichte lernt, denn das müsste sich in seinem Verhalten zeigen, ist mir zudem vollkommen egal, warum jemand Verwerfliches, Böses etc. tut; mich interessiert allein, wie man das sofort abstellen kann. Diesbezüglich bin ich in diesem Werk allerdings kaum fündig geworden.

Susan Neiman kommt in ihrer Einleitung zu folgendem, bestens nachvollziehbarem Schluss: "Der Antisemitismus wird nicht wirklich bekämpft, sondern, im Gegenteil, von Massnahmen gefördert, die angeblich zu seiner Bekämpfung eingesetzt werden. Es geht nicht nur darum, dass Juden besonderen Schutz geniessen sollen, während andere Minderheiten diskriminiert, mundtot gemacht, gar deportiert werden. Noch schlimmer sind die Gründe für diese Deportationen: Proteste gegen die mörderischen und menschenrechtswidrigen Bedingungen, die seit Herbst 2023 in Gaza herrschen. Wer die Proteste dagegen als antisemitisch diffamiert, wirft alle Juden mit Netanyahus Regime in einen Topf. Wer soll sich da noch wundern, dass der Antisemitismus steigt?" 

Für mich ist das überaus willkommener common sense (also bedauerlicherweise nicht besonders verbreitet), und so recht eigentlich ist damit alles wirklich Wichtige bereits gesagt. Wer es jedoch gerne wortreicher ausgeführt, detaillierter und an vielen Beispielen erläutert haben möchte, greife zu diesem Buch.

Zum Einstieg sei das Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Peter Beinart ("Ich akzeptiere nicht, dass ich ein Antisemit bin, wenn ich Israel kritisiere") empfohlen: Wesentliche, differenzierte und engagierte Aufklärung vom Feinsten! 

Susan Neiman (Hg.)
"Hijacking Memory"
Zur Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte
transcript Verlag, Bielefeld 2026

Wednesday, 5 August 2026

Nicht länger ein Mensch

Dieses Buch ist ein Klassiker, und von Klassikern weiss man, dass sie nicht gelesen werden. Doch: "In Japan ist das Buch millionenfach verbreitet, dort entdeckt jede Lesergeneration aufs Neue die Aktulaität dieser zeitlosen Geschichte", lässt der Verlag wissen. Es wird wohl daran liegen, dass Autor Osamu Dazai existenzielle Probleme überzeugend darzustellen weiss.

Für den Ich-Erzähler Yozo Oba ist das Leben ein Rätsel, ihm ist das Tun und Lassen der Menschen unbegreiflich. "... mir schien, ich würde niemals die Beweggründe menschlichen Handelns verstehen können." Wie konnte man bloss das Dasein ertragen oder sich für Politik interessieren, ohne wahnsinnig zu werden? Schon als Bub ist ihm klar, dass er sich verstecken muss, seine Gedanken nicht preisgeben kann. Er setzt sich eine Clownmaske auf. Und benimmt sich wie ein Clown

„Sie spielen ein Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel
zu spielen. Zeige ich ihnen, dass ich sie spielen sehe, dann
breche ich die Regeln, und sie werden mich bestrafen.
Ich muss ihr Spiel, nicht zu sehen, dass ich das Spiel sehe, spielen.“
schrieb Ronald Laing in „Knoten“

Der einzige, der erkennt, dass Yozo Theater spielt, ist der leicht zurückgebliebene Schwächling der Klasse, Take'ichi, der ihm prophezeit: "Die Frauen werden sich bestimmt alle in dich vergucken." Ihm gegenüber traut sich Yozo auch, seine "empfindsame, leicht verletzbare und fragile Verfassung zu offenbaren."

Er tut, was von ihm erwartet wird. Er besucht die Zeichenschule, kann sich jedoch mit dem Leben im Studentenverband nicht anfreunden. Einer der Schüler, Horiki Masao, war ihm jedoch ähnlich: "irrten wir doch beide ziellos weit abseits der Lebenswelt gewöhnlicher Menschen herum." Jedoch: "Er gab den Narren, ohne es zu merken, schien sich der Tragödie seiner Existenz nicht einmal bewusst zu sein – das unterschied ihn essenziell von mir."

Als Student schliesst er sich den Kommunisten an. Nicht, weil er mit Marx viel anfangen kann, sondern, weil es illegal ist, und damit nicht den sogenannt normalen Menschen zugehörig. Ablenkung von seiner Urangst, die ihn überall hin verfolgt, findet er im Alkohol, im Tabak und bei Prostituierten. Er wird zum Säufer.

Eine starke Verbindung spürt er zu einer Hostess eines Nachtcafés auf der Ginza. Tsuneko stammt aus Westjapan, ist verheiratet, und trägt, wie er selber auch, "eine tiefe Einsamkeit in sich, gleich einem eisigen Windstoss, der das Laub wirr herumwirbelt." Zusammen mit ihr versucht er einen Doppelselbstmord; sie stirbt, er wird gerettet.

Seine Familie verstösst ihn, eine verwitwete Redakteurin nimmt sich seiner an. Doch was auch immer geschieht, die Angst und das Gefühl seiner Unzulänglichkeit lassen ihn nicht los. "Selbst vor Gott zitterte ich vor Angst und Bangigkeit. An seine Liebe konnte ich nicht glauben, nur an seine Strafen. Der Glaube. Das schien zu heissen: brav auf dem Richtstuhl den Kopf senken, um die Peitsche Gottes zu empfangen. Die Existenz der Hölle schien mir glaubhaft, doch das Himmelreich konnte unmöglich existieren."

Nichts und niemand, so scheint es, vermag ihm wirklich zu helfen. Was die Gesellschaft und die Religion zu bieten hat, erreicht ihn bestenfalls gedanklich, emotional hingegen nicht. Er bleibt gefangen in seinen Sinnlosigkeitsgefühlen

Wir zeigen der Welt nicht, was und wie wir empfinden. Wir schützen uns. Yozo Oba tut das mittels einer Clownmaskerade, die ihn jedoch unsäglich erschöpft. Und so ergibt er sich dem Suff. Erholt sich, und stürzt dann erneut ab.

Nicht länger ein Mensch ist ein vielschichtiger und überaus berührender Roman über einen Mann, der das Leben nicht erträgt, weder im Guten noch im Schlechten. Und der – erfreulicherweise – auf ein Happy End verzichtet. Dem Protagonisten bleibt das Dasein und besonders das Dasein und Tun seiner Mitmenschen bis zum Schluss unverständlich und fremd – auch wenn es immer mal wieder Lichtblicke bzw. Gefühle von Leichtigkeit gibt. 

Gleichzeitig dokumentiert Nicht länger ein Mensch eine tiefe Tragik, die darin liegt, dass Yozo Oba Angst davor hat, seine wahren Gefühle zu zeigen – wie so recht eigentlich wir alle. Der Konformitätsdruck macht uns zu Lügnern.

Osamu Dazai
Nicht länger ein Mensch
Anaconda, München 2025

Sunday, 2 August 2026

In Lyon und Montpellier

 Im Zug nach Genf geht mir Laurence durch den Kopf, die vor zwei Jahren im Alter von 56 gestorben ist und die ich während vieler Jahre in Choulex bei Genf regelmässig besucht hatte. Ob ihre Mutter, die auch dort wohnte und mit der ich mich immer gerne ausgetauscht habe, noch lebt? Meine Google-Suche listet auch ihre Todesanzeige, sie ist vor einem Jahr im Alter von 90 gestorben. In Genf regnet es, der Himmel ist bewölkt, meine Stimmung auch. Es ist alles so traurig, pflegte mein lieber Freund Wamse bei unseren Telefonaten zu sagen.

Laurence habe ich zum letzten Mal im April 2019 in Zürich getroffen, als sie im Literaturhaus aus ihrem neuesten Buch las und gefragt wurde, ob, was sie beschreibe, auch so vorgefallen sei? Natürlich, erwiderte sie, auch wenn ihr klar sei, dass die von ihr geschilderte Absurdität unwahrscheinlich sei.

In Lyon. Vom Bahnhof zu meinem Hotel sei es zu Fuss gut vierzig Minuten, sagt Google. Die Leute, alt und jung, die ich unterwegs nach dem Weg frage, sind ausnahmslos freundlich. Dabei merke ich, dass wer mit einem Ziel durch die Stadt geht, nichts sieht. Erst als ich im Hotel eingecheckt, Kamera-bewehrt und offen für Fotomotive durch die Gegend spaziere, sehe ich etwas.

Am nächsten Tag, auf halber Strecke zum Bahnhof, vergewissere ich mich bei einer Schwarzen so um die 40, ob ich immer noch auf dem richtigen Weg bin. Zu welchem Bahnhof ich wolle? Part Dieu. Da solle ich die Metro nehmen, zu Fuss sei das viel zu weit. Höchstens eine halbe Stunde, sage ich. Viel zu weit, insistiert sie. Hält sie mich für zu alt, zu unfit für eine solche Stecke? Oder würde einfach sie selber eine solche Strecke nicht laufen? Ich laufe und entdecke Blumen am Strassenrand, die mir sonst entgangen wären.

Am Bahnhof warten zwei Afrikanerinnen um die 50/60 neben mir, goldene Ohrringe, Winterkleidung, unaufhörlich laut schwatzend. Als sie sich erheben und davongehen, verabschiedet sich die eine lachend, sie hat offenbar bemerkt, dass ich mich amüsiert habe.

So viele Leute am Bahnhof; die Zeiten in denen ich das Reisen als Abenteuer und mich selbst als Abenteurer empfand, sind passé ...

***

Montpellier. C'est vraiment mal indiqué, sagt der Mann, den ich nach dem Hotel frage, tout le monde demande. Die Sonne scheint, es hat um die 20 Grad

"Mein" Hotelzimmer hat zwar keinen Tisch oder sonst eine Ablage, dafür finden sich an den Wänden alte Schallplattencover und auf einem Gestell Bücher aufgereiht, darunter auch eine Biografie von Anne Sinclair, in die ich mich sofort vertiefe, die jedoch schon bald von der über Johnny Hallyday abgelöst und dann von einem Krimi verdrängt wird. Wunderbar, in Büchern zu blättern, auf die man selber nie gekommen wäre.

Am Nebentisch ein Mann, der während er isst, auf Spanisch telefoniert; seine Partnerin ist mit ihrem Handy beschäftigt.

Die Rue David Néel und die Rue Isabelle Eberhardt führen durch moderne Steinwüsten.

Zum Strand? Tram Nummer 3 ab Bahnhof Saint Roch, sagt man mir an der Rezeption. Mit der Nummer 3 zum Strand? Geht heute nicht, il y a une manifestation, informiert mich eine Verkehrspolizistin. Und so laufe ich durch die Strassen, mache Fotos, und finde alles Französische wie immer très sympa.

Die werden ja wohl nicht den ganzen Tag protestieren, denkt es so in mir, und so fahre ich dann am Nachmittag doch noch mit der Tram zum Meer. Und so sehe ich wieder einmal das Mittelmeer. Genauer: ich sehe viel Wasser, von dem ich weiss, dass man es Mittelmeer nennt.

Was fällt mir auf in Montpellier? Spontan: Die vielen Schwarzen. Und die freundlichen Leute.

Er staune, dass er überhaupt seinen Arm bewegen könne, las ich letzthin bei einem Zen-Meister. Seither taucht dieser Satz immer mal wieder in meinem Kopf auf. Und hilft mir, gegen den von den Medien verbreiteten Irrsinn, der darin besteht, Durchgeknallten eine Plattform zu geben, worauf die geneigte Leserschaft, den eigenen Irrsinn normal findet, nicht durchzudrehen.

Nur ältere Leute schauen beim Gehen nicht ständig aufs Handy. In einer Talkshow höre ich zum ersten Mal von einem anderen (einem israelisch-arabischen Muslim) als von mir, dass es bei Israel/Palästina um einem Kulturkrieg gehe.

Auch der Mann, der mit seinem Hund auf der Strasse lebt und mir freundlich Auskunft gibt, ist ständig mit seinem Handy beschäftigt.

Zu den Dingen, die ich mir im Ausland gönne, gehören McDonalds und der Besuch von Nagelstudios, deren Preise (bis auf eines, das jedoch ausgebucht war) allerdings Schweizer Niveau entsprechen, so dass ich es gelassen habe. Beim Abklappern der diversen Studios kriege ich ein Montpellier zu sehen, das mich (abgesehen von den Einkaufszentren, die auf der ganzen Welt gleich aussehen und die Uniformität des Menschen bezeugen) baulich und ästhetisch sehr anspricht. Sehr viel Grün, majestätische Architektur, enge Gassen, wunderschöne Alleen.

Am Bahnhof eine Pro-Palästina Demo, eine bunte Mischung aus alt und jung wie einst bei Ostermärschen, laut ist vor allem der Einpeitscher. Heutzutage finde ich das alles vor allem peinlich, naiv und verblendet.

Es könne morgen am Gare du Sud, von wo ich nach Lyon fahre, zu Verkehrsproblemen kommen, warnt mich die SNCF per SMS. Mir ist nicht klar, was ich da machen soll/kann.

Der Gare du Sud befindet sich an der Peripherie von Montpellier, erreichbar ist er mit Tram und Bus. Ein modernes Gebäude, das an einen Flughafen erinnert. Viele Leute warten, ausnahmslos alle starren auf ihr Handy und so tue ich es selber für einmal nicht, sitze einfach da, gucke vor mich hin und um mich rum. Kopfkino.

***

Zurück in Lyon. Die Ohrstöpsel, die im Hotel bereitliegen, finde ich wenig beruhigend. Kurz darauf rattert ein Zug durchs Zimmer.

Frühmorgens auf dem Weg zur Boulangerie, die Sonne scheint durch die von Baumkronen bedeckte Avenue. Wie in Mendoza, denkt es in mir. Wieder einmal das Gefühl, dass alles gleichzeitig geschieht.

Der Text wurde 2024 geschrieben.

Wednesday, 29 July 2026

On Documentary Photography

"In photographs," Susan Irvine wrote about the designer Calvin Klein, "he looks handsome, tanned, the all-American success story. In person, he looks withered, hunched, dancing nervily from foot to foot."

"Ceci n'est pas une pipe," the painter René Magritte explained his picture of a pipe, thus making the point that the picture of a pipe is nothing but a picture of a pipe. The same applies to photographs, although — and unlike paintings — we perceive them as strangely real. Moreover, despite us knowing that they can be, and sometimes are, manipulated, we trust them to be truthful — unless someone proves them to have been tampered with.

Essentially, photographs are documents, they are records. Even in our digital times in which we know less and less what to take for certain, our belief in the power of photographs to serve as evidence has not faltered. When, for instance, the death of Saddam Hussein's sons needed to be proven, it was done with photographs.

Photographs can thus serve as visual memories. And as much as they can become memory, they can also be used to block memory. It is precisely for this reason that the personalities of the people who contribute to the shaping of a photograph are important — it is the credibility of photographers as well as photo-editors and curators of photo-exhibitions that "guarantees" the authenticity of photographs. Yet, authenticity is not always relevant in photography — in advertising, for example, it is of no importance. In documentary photography, however, it is imperative for we want from documents what they, implicitly, promise — evidence of things observed.

Documentary does not mean television features about African wildlife or about historical events; neither does it allude to official documents such as passports, stamps, or school certificates. Documentary, as understood here, is about the things as they are, and not about how we would like them to be. It is about making personal records of events that take place in the physical world — for other people to see how the photographer has framed what he has witnessed. It is about telling a story. "Look at what my eyes have allowed me to see," as well as "Look at what I have allowed my eyes to see," such pictures exclaim. Moreover, they need to be taken with an open and respectful attitude towards the world we were born into. Documentary's task is to explore the world in a humanistic spirit — in a loving, caring and dignified way, that is. It is about discovery, not about creation; about finding out, not about inventing, it is about learning to become aware of the miracle called life.

Photography is still about the eye behind the lens. It is about being a filter, and it is about recording. It is about leaving one's home and seeing what is out there, it is about taking a look at the world that surrounds us. It is about reminding us of how things once have looked.

This, of course, can be done with any camera, yet it seems that the thinking of the digitalists has more to do with painting than with photography — for painting and digital imaging are about creating images, they are about being in command of the process of creation whereas documentary is mainly concerned with reflecting what is out there. Digital imaging, despite its making use of the camera, is a discipline of its own, for it is essentially about artistic arrangements of pixels on a computer screen; it is about the rearrangement of the world according to one's whims.

This is not to say that such undertakings can't be interesting, this is only to say that I find the world out there far more tempting than the prison of my own thoughts. Documentary photographers, as far as I'm concerned, should do what they've always done — in the words of Ken Brower "wander the world ... like the Zen archers we imagine them to be, with just thirty-six chances per roll."

Brasília, 3 March 2026

Sunday, 26 July 2026

The Girl who played with Fire

Santa Cruz do Sul, Brazil, January 2026

She had discovered that the most effective method of keeping the fear at bay was to fantasize about something that gave her a feeling of strength.

In Lisbeth's eyes Camilla was insincere, corrupt, and manipulative. But it was Lisbeth whom society had declared incompetent.

Unlike most other people who knew her, Palmgren was sure that Salander was something else, a genuinely moral person. The problem was that her notion of morality did not always coincide with that of the justice system.

She didn't think it was worth trying to explain anything to uniformed authorities. She refused on principle to respond when psychiatrists tried to determine her mental state.

Files are one thing, people are something else.“

Stieg Larsson: The Girl who played with Fire