Sunday, 17 May 2026

Fluchtpunkt Entebbe

Im Juni 1976 entführte ein deutsch-palästinesisches Terrorkommando eine Passagiermaschine nach Entebbe, Uganda. Erstaunt lese ich: "Für Empörung sorgte vor allem die israelische Befreiung der Geiseln." Meine eigene Erinnerung ist ganz anders: Ich war beeindruckt von der gelungenen Befreiung. Heutzutage wundert mich diese Empörung allerdings nicht mehr, denn was auch immer Israelis tun oder lassen, der Zorn von sich engagiert Wähnenden wird nicht ausbleiben. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Meines Erachtens gehören Netanjahu, ganz viele Siedler und alle, die Gaza dem Erdboden gleich gemacht haben, ins Gefängnis. Der Antisemitismus, und ganz speziell der linke, ist jedoch eine ganz andere Geschichte. Ich halte Antisemiten für krank, in Kopf und Seele. 

Fluchtpunkt Entebbe handelt nicht hauptsächlich von der Befreiungsaktion in Uganda (wie ich fälschlicherweise angenommen hatte), sondern von dem, was der Untertitel sagt: "Der linke Terrorismus und Israel". Ob es wirklich eine so gute Idee ist, diesem linken Terrorismus eine Plattform zu gehen, ist fraglich. Ich selber tendiere zur Einschätzung des ehemaligen regierenden Bürgermeister Berlins (in Berlin gibt es offenbar auch nicht-regierende Bürgermeister), Heinrich Albertz, der die Demonstranten gegen den Berlin Besuch des Schahs von Persien als "lächerliche Minderheit von Verrückten und Böswilligen" bezeichnete. 

Autor Jan Gerber bietet diesen sogenannt linken Ideen jedoch nicht nur eine Plattform, er macht auch auf vieles aufmerksam, dass einem schon längst wieder entfallen ist, wie den Mord an den beiden Mitabeitern der israelischen Botschaft in Washington, Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky am 21. Mai 2025, oder von dem man gar nie Kenntnis genommen hat (Ja, natürlich, ich spreche von mir), wie etwa den Angriff auf eine El Al-Maschine im Januar 1975 am Pariser Flughafen Orly, bei der die Sprengköpfe die startende Maschine nur knapp verpassten. Auch viele andere, überaus nützliche Informationen liefert dieses Buch.

Wie schon die Nazis, so trennten auch die Flugzeugentführer in Entebbe Israelis von anderen Passagieren. Die Staatsangehörigkeit, die man (in aller Regel) bei der Geburt bekommt (ungefragt), macht einen gemäss einer mehr als nur gerade verqueren Logik, zu einem "legitimen" Ziel? Ein Phänomen, das sich durch die Geschichte zieht und wiedereinmal zeigt, dass der Mensch alles andere als ein rationales Wesen ist.

Überaus aufschlussreich sind Sigmund Freuds Ausführungen zum Antisemitismus, den er auf religionsgeschichtliche Ursprünge zurückführt. "Ich wage die Behauptung", so Freud 1939, "dass die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen heute noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben geschenkt hätten."

Jan Gerber ist bei der Suche nach der Motivation für den bewaffneten deutschen Antizionismus auch auf das antiimperialistische Weltbild gestossen. "Es diente der Linken über Jahrzehnte hinweg als Schablone zur Bewertung des Weltgeschehens." Ideologie pur also, und entsprechend lebensfremd und gefährlich. "Eine Ursache für die Anziehungskraft dieser starren Weltsicht lag in der Dauerkrise, in der sich die ausserparlamentarische Linke während des Kalten Krieges befand." Dass der Politikwissenschaftler und Historiker zu politischen Erklärungen greift, ist wenig überraschend, doch "die Anziehungskraft dieser starren Weltsicht" liegt abseits der Politik: In der Psyche dieser Leute.

Fluchtpunkt Entebbe ist reich an Fussnoten, was irgendwie impliziert, mit dem rechten Wissen müsste dem Antisemitismus beizukommen sein. Dahinter steckt der Glaube an die Macht der Argumente, der allerdings nur von Studierten geteilt wird. Begriffe werden geklärt, historische Herleitungen präsentiert (das akademisch Übliche also), doch ab und zu stösst man auch auf solch erfreuliche Formulierungen wie "Kasernenhofsozialismus sowjetmarxistischer Machart", die sogenannt Komplexes überaus treffend auf den Punkt bringen.

"Dieser Band versammelt Texte aus mehr als zwei Jahrzehnten", so die editorischen Bemerkungen am Schluss des Buches. Neben dem Artikel über Entebbe ist vor allem "Der Mord an Heinz-Herbert Karry" zu erwähnen, der zusammen mit Juliane Weiss verfasst wurde. Der hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry, "einer der ersten Juden, die es nach der Ermordung Walther Rathenaus durch Angehörige der völkischen Organisation Consul 1922 auf einen deutschen Ministerposten geschafft hatten", wurde am 11. Mai 1981 in Frankfurt erschossen. Die Auseinandersetzung mit seiner Ermordung stehe immer noch am Anfang (!?), erfahre ich. Und auch, dass der nachmalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Karrys Freund, Ignatz Bubis, zum Feindbild der Linken wurde.

Mit Ignatz Bubis verbinde ich eine Geschichte, die er in einer Fernsehsendung erzählte und mich veranlasste, Vilnius zu besuchen. Bei einer Versammlung der Rabbiner im dortigen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg, berieten diese, ob Gott angesichts der Nazi-Gräueltaten nicht wegen erwiesener Unmenschlichkeit zum Tode verurteilt werden müsse. Nach durchwachter Nacht kamen sie am frühen Morgen zu ihrem Urteil. Ja, Gott gebühre der Tod, befanden sie einmütig. Da ging die Sonne auf und der Oberrabbiner sagte: Und jetzt, lasset uns beten und Gott preisen für die Pracht dieser Welt.


Jan Gerber
Fluchtpunkt Entebbe
Der linke Terrorismus und Israel
Artikel, Aufsätze und ein Gespräch
Edition Tiamat, Berlin 2026

Wednesday, 13 May 2026

Europa, wach auf!

Die Autorin Nino Haratischwili ist mir seit Die Katze und der General, wovon ich allerdings nur noch weiss, dass mich die Geschichte total gefesselt hat, ein Begriff. An den Inhalt erinnere ich mich zwar nicht (das geht mir bei ganz, ganz vielen Büchern so – soviel zum Wert der Bildung!), doch ein paar Bilder kann ich vage abrufen. Jedenfalls: Geblieben ist mir der Name der Autorin, mit der ich ein eindrückliches Erzähltalent verbinde.

Europa, wach auf! packt mich gleich, obwohl mich irritiert, dass Europa, dieses Bürokratie-Monster aus Brüssel, quasi als Person angesprochen wird. Dass dieses Europa aufgerufen wird, sich mit dem zu konfrontieren, was an seinen Rändern geschieht, erfolgt in einer Deutlichkeit, die vielen Politikern wesensfremd vorkommen wird. "Seit Jahrhunderten leidet er (der russische Nachbar) an einer Krankheit, die niemand zu heilen vermag, diese Krankheit heisst die Angst vor der Unsichtbarkeit." Ist dies nicht auch die Krankheit, von der der gegenwärtige (nord)amerikanische Präsident (und nicht nur er) befallen ist?

"Das, was du für einen guten Ton hältst, Europa, das findet er lächerlich. Alles, was dir erstrebenswert erscheint, das verachtet er (...) Dieser Nachbar, liebes Europa, ist nicht nur gross, mächtig, unersättlich und derart selbstzerstörerisch, dass ihm nichts heilig ist, er ist allen voran auch überall dort, wo du ihn nicht vermutest." Dazu kommt sein Hass, sein Vernichtungswille, seine Brutalität, seine Grausamkeit. Der Vorstellung, dieses hungrige Raubtier lasse ich befrieden, begegnet Nino Haratischwili mit: "Europa, wir bluten. Wir können nicht mehr."

Dieses Europa ist kein festes Gebilde, es befindet sich (wie überhaupt alles) in einem stetigen Wandel. "Jede Selbstverständlichkeit scheint in diesen Tagen aufgehoben, auf den Kopf gestellt. Dinge, die gestern so waren, sind heute anders und das nicht mehr woanders, weit weg, sondern hier, in unserer unmittelbaren Nähe."

Was diese Texte auszeichnet: Sie verschaffen mir Einsichten, die ich als nützlich empfinde. Nicht zuletzt über Dinge, über die ich noch gar nie wirklich nachgedacht habe. "Die Kunst erlaubt Interpretation. Aber die Diktatur schliesst jedwede Interpretation aus." Oder: "Der Mensch versteckt sich doch immer vor dem, wovor er Angst hat." Oder: "Moralische Überlegenheit muss man sich leisten können. Pazifismus muss man sich leisten können. Ideale sind selten kostenlos."

Nino Haratischwili benennt und stellt infrage, was andere entweder nie hinterfragen oder schönreden. Etwa die Mystifizierung 'Grossrusslands' oder der 'russischen Seele'. Und sie listet die Methoden auf, "die sogar das Antike Rom vor Neid hätte erblassen lassen", mit denen sich das russische Regime auf der ganzen Welt einmischt. Europa hält diesem Machtstreben wenig entgegen, ja, nimmt es nicht einmal wahr, da es mit sich selbst beschäftigt ist. "Wir waren im Urlaub, weil wir längst das Geld zur wichtigsten Ideologie erklärt und unseren Wohlstand über jedes Leid gestellt haben."

Es finden sich in diesem Band nicht nur "politische" Texte, sondern auch Reflexionen übers Schreiben ("Mein Zugang zum Schreiben funktioniert ausschliesslich über Distanz und Transformation."), Erinnerungen an eine ganz andere und irgendwie unwirkliche Welt, das Theater "als Ort, als Idee eine der wenigen antikapitalistischen Inseln unserer Gesellschaft", ihren eigenen Theaterweg ... Unpolitisch ist das alles überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, denn Nino Haratischwili denkt sehr eigenständig, was an sich schon ein überaus politischer Akt ist.

Nino Haratischwili stammt aus Georgien. Das bedarf einer Erklärung, Begründung, Rechtfertigung. Jedenfalls für viele und so muss sie Red und Antwort stehen, für ihr Schreiben auf Deutsch, ihr Temperament, ihr Dasein überhaupt. Die Tatsache, dass wir uns selber kaum je verstehen (können), spielt dabei keine Rolle. Und so sagt sie den Leuten, was sie glaubt, dass diese hören wollen. Das ist pragmatisch, gescheit und witzig. Und illustriert ganz wunderbar, dass die Simplifizierungen, derer wir uns behelfen, zwar unseren Alltag möglich machen, doch uns nicht wirklich erlauben, uns und die Welt zu erkunden.

Identität ist ein zentrales Thema dieser Texte und Reden. Wer Land und Sprache wechselt, stellt sich andere Fragen als wer sein Geburtsland nie verlassen hat. So stellt man in einem neuen Land ständig Vergleiche an. Was einem dabei auffällt, hängt von Bewusstsein und Persönlichkeit ab; im Falle von Nino Haratischwili ist viel Witz und Ironie im Spiel. Und manchmal der Wunsch, Deutschland sofort zu verlassen – und genau so schnell wieder zurückkehren. Identität ist ein Prozess und sich diesem bewusst auszusetzen (und genau dies geschieht in diesem Werk) ist bereichernd.

Fazit: Engagiert, erhellend und hilfreich.

Nino Haratischwili
Europa, wach auf!
Texte und Reden
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2025

Sunday, 10 May 2026

Oblomow auf Italienisch

Kennen Sie Oblomow? Nein? Bartleby, der Schreiber? Nein? Vielleicht kriegen Sie nach der Lektüre von Die Pause ist vorbei Lust darauf, denn die beiden haben Dario Ferrari für sein Porträt von Marcello, dem von "Entscheidungsunlust" geplagten Helden dieses überaus unterhaltsamen Romans, Pate gestanden.

Der antriebslose Marcello, den das Erwachsenenleben so ziemlich gar nicht reizt, bewirbt sich um eine Promotionsstelle an der Uni Pisa. Da schon weit Fähigere keine Stipendien gekriegt haben, rechnet er sich keine grossen Chancen aus. Und so recht eigentlich hat er auch gar keine Lust dazu, denn selbst den Besten bleibt anschliessend nur "an irgendeiner Fachoberschule irgendwo in der Po-Ebene Italienisch und Geschichte zu unterrichten, wo alle nur Dialekt sprechen, jeden Satz mit Vulgärausdrücken spicken und Lehrer auf der untersten Stufe der menschlichen wie der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Wahrscheinlich gehen sie nur noch mit einer Kalaschnikow in die Schule, sobald sie herausfinden, dass selbst der Schulrektor un po' nicht mit Apostroph, sondern mit Akzent schreibt." Merke: Nur die Satire schafft heutzutage eine einigermassen realistische Darstellung der Realität.

Doch Marcello kriegt das Stipendium, steht an einem Neuanfang, zu dem auch sein Bart weg muss, was seine Freundin Letizia mit "Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten" kommentiert. "Offenbar ist ihr überhaupt nicht bewusst, dass sie mit dieser Andeutung, unter meinem Fünfjahresbart habe sich hinterlistig mein Vater verborgen, mich ganz nebenbei traumatisiert." Traumata, wohin man heutzutage auch schaut!

Die beiden Themen, die er seinem Doktorvater vorschlägt, kommen nicht gut an. Stattdessen rät ihm der Professor, sein Forschungsgebiet zu begrenzen. "... stecken Sie es mit der gebotenen Präzision ab und werden Sie die grösste Autorität in dieser kleinen Parzelle. So funktioniert die akademische Welt."  Es gibt in diesem Roman auch einen sehr, sehr lustigen Essay mit dem Titel Wie man einen wissenschaftlichen Artikel schreibt (und vor allem: was ist das überhaupt?, der für jeden (und jede) der akademische Karriere machen möchte, überaus nützlich ist. Wer glaubt, es handle sich dabei um eine Satire: Es ist keine, vielmehr ist es allerbeste Aufklärung.

Der Professor schlägt ihm als Thema den ebenfalls aus Viareggio stammenden Tito Sella vor, über den sich Marcello bei Wikipedia kundig macht: "Tito Sella (1953-1998) war ein italienischer Terrorist." Was bewegte den Professor bloss dazu, ihm dieses Thema aufzudrücken? Das zeigt sich dann erst gegen Schluss ...

Marcello lebt bei seiner Mutter. Als seine Freundin Letizia, eine aus reichem Hause stammende, angehende Ärztin, vorschlägt, zusammenzuziehen, erüllt ihn das mit Panik. Schliesslich ist er jeder Veränderung zutiefst abgeneigt. Dazu kommt, dass Verantwortung zu übernehmen gar nicht sein Ding ist. Überhaupt zieht er dem Handeln das Sich-Gedanken-Machen eindeutig vor und ist sich durchaus bewusst, dass er mit seinen mittlerweile 31 Jahren emotional noch immer so um die 16 ist. Es geht ihm also auch nicht viel anders als den meisten von uns.

Die Pause ist vorbei handelt einerseits von der Weigerung, erwachsen zu werden (was auch immer man darunter verstehen mag, schliesslich tun die meisten Erwachsenen nur, also ob sie es wären), ist aber andererseits auch eine überaus anregende Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie Literaturwissenschaft betrieben wird. "Unter den interpretatorischen Hammerschlägen zerbröselt das Werk und kann für jede x-beliebige Aussage herhalten." Was ich einmal im Jurastudium gehört habe ("Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtskenntnis.") gilt abgewandelt auch für Literaturwissenschaftler: "... dass man, wenn man einen Autor verstehen will, ihn lesen muss ...".

Wie bei so recht eigentlich allem im Leben, ist vor allem entscheidend, sich mit denen, die (selbstverständlich unverdientermassen) sozial über einem stehen, gut zu stellen. Als Marcello aufgetragen wird (nicht etwa, dass er sich darum bemüht hätte), ein Symposium über Vergleichende Italianistik zu organisieren, fühlt er sich "völlig fehl am Platze und ohne jede Vorstellung, worin die Minimalkompetenzen für die von mir erwarteten Tätigkeiten bestehen könnten." Er wird dahhingehend beruhigt, dass er das ja nicht alleine bewerkstelligen müsse, sondern auf die Hilfe einer Langzeitdoktorandin zählen könne.

Wie die beiden in der Folge dieses Symposium vorbereiten, ist ein echtes Glanzstück, bei dem einem nicht nur akademische Gepflogenheiten, die gänzlich academic sind, nahegebracht werden, sondern auch darüber aufgeklärt wird, dass es in dieser Welt von Eitelkeiten nur so wimmelt. Akademisch zu arbeiten, bedeutet ja vor allem, auf Teufel-komm-raus zu differenzieren; selten wurde das komischer geschildert als in diesem Roman.

Kein Buch über den Universitätsbetrieb hat mich je derart erheitert, was natürlich auch daran liegt, dass des Autors Schilderung überaus realistisch daherkommt, schliesslich gibt es kaum Absurderes als des Menschen Bedeutungswahn. "Diese Wesen trifft der Schlag, wenn sie feststellen müssen , dass sich ihre Monografie Die Metrik in der mundartlichen Dichtung Italiens im 19. und 20. Jahrhunderts schlechter verkauft als der Roman, der den letzten Premio Strega gewonnen hat."

Die sich aufplusternde akademische Welt ist das Eine, sie in Italien anzusiedeln, ein Geniestreich sondergleichen. So kocht etwa Marcellos Mutter jeweils zu Weihnachten für eine ganze Kohorte von Onkeln und Grossonkeln. "Es sind ausnahmslos Männer ohne weibliche Begleitung (folglich ohne jemanden, der mit anpacken würde), dafür aber mit enormen Ansprüchen und von rudimentärem Verstand,."  Eine comédie humaine, die mich Tränen lachen liess.

Fazit: Witzig, gescheit und vielfältig erhellend; ein Lesegenuss erster Güte!

Dario Ferrari
Die Pause ist vorbei
Roman
Wagenbach, Berlin 2026

Wednesday, 6 May 2026

Inszenierte Wahrheiten

Hans Durrer kreist in seinen Essays über Fotografie und Medien um die Aussage und Bedeutung, welche Bilder in ihrem jeweiligen Kontext haben – genauer gesagt: erhalten, zugewiesen bekommen, verfremdet, umgedeutet werden. Kein Bild spricht nur für sich selbst. Seine Aussage ist kontextabhängig, verständlich bisweilen erst mit Hintergrundwissen. Es sind die Geschichten zum Bild, die Durrer untersucht, in Frage stellt und an verschiedenen prominenten Beispielen höchst informative Zusammenhänge zu Tage fördert. Unglaubliche Ereignisse, etwa über das Desaster, das ein berühmter Fotograf in seiner Rücksichtslosigkeit in Haiti hinterliess, um zu einem exklusiven Bild zu kommen. Dass er dabei die Jahre lange Arbeit von Terre des Hommes innert kürzester Zeit zerstörte, interessierte ihn nicht, Hauptsache, das Bild war in seinem Kasten.

Immer wieder kommt auch das Merkmal der Authentizität der Fotografie zur Sprache, welche das Medium, allen digitalen Einflussmöglichkeiten zum Trotz, nach wie vor aufweist, besonders dann, wenn Stil und Aufmachung der Bilder an die grosse Zeit der Reportagefotografie erinnern. Diese Fotografie dokumentiert, erscheint echt, bildet die Wirklichkeit so ab, wie sie ist. Oder genauer: Wie sie der Mensch hinter der Kamera im Sucher sieht. Wobei auch dies nicht einmal zutreffen muss: Viele der Panoramafotos, welche Michael von Graffenried etwa in Algerien gemacht hat, sind «blind shots», also unauffällig aus Hüfthöhe entstanden, ohne dass die Leute die Aufnahme bemerkt hätten.

Ist echt, was im Moment des Auslösens ist? Ist auch echt, was durchaus so hätte sein können? Selbst wenn man etwas nachhilft, sachte ermunternd Regie führt oder gar inszeniert? Viele packende Bilder sind keineswegs konkret aus dem Leben gegriffen, sondern arrangiert, etwa im Falle jenes Piloten, welcher am Strand von Rio eben vom Grounding seiner Swissair erfahren habe, wie die Legende dazu erläutert. Gewiss, ein starkes Bild, das sogar in der Kategorie «Aktualität» bei der Swiss Press Photo 2002 einen Preis erhielt. Zu Unrecht, wie Durrer nachweist, denn die Aufnahme war inszeniert. Die Legende stimmt so nicht und wird dadurch selbst zur «Legende», obwohl journalistisch die Botschaft an und für sich überzeugte.

A propos Legende: Viele Bildbände präsentieren die Fotos ohne Legende, manchmal fehlt sogar die Paginierung auf den Seiten. Im Falle von visuellen Gestaltungen, sogenannten «Impressionen», mag dies ja noch angehen, bei journalistischer Reportagefotografie indessen rügt Durrer dies als unmögliche Praxis. Er entlarvt das Argument, die Leserschaft möge sich ihr eigenes Bild vom Gezeigten machen, als Vorwand. Bilder dieser Art brauchen die zeitliche und räumliche Verortung, um sie im entsprechenden Kontext lesen und verstehen zu können – vorausgesetzt, das Publikum bringt auch entsprechendes Allgemeinwissen mit.

Hans Durrer ist ein ausgezeichneter Beobachter und Medienkritiker, der seine Befunde und Wertungen, seine persönlichen Eindrücke und Gefühle reflektierend transparent macht, etwa seine anfängliche Skepsis gegenüber Sebastião Salgado. Ähnliches habe ich selbst erlebt und zwar, als ich kürzlich einen Dokumentarfilm über Henri Cartier-Bresson gesehen habe. Seine Bilder beeindruckten mich stets, wie er sie machte eher weniger. «H C-B» selbst gab am Filmende beiläufig preis, dass er beim Portraitieren seine Leute immer wieder übertölpelte, indem er sagte, jetzt sei Schluss, um gleich danach noch ein paar Mal abzudrücken, im Film mit fiesem Grinsen und entsprechend zupackend-triumphierender Geste illustriert, wie eine Schlange, die blitzschnell zubeisst. Kein angenehmes Gefühl.

Das in der schlanken Rotis elegant gesetzte, handliche Buch mit 122 Seiten verzichtet auf die Reproduktion der Bilder, die besprochen werden. Hiefür mag es gute Gründe geben; viele prominente Autoren mussten ähnlich vorgehen, aus urheberrechtlichen und finanziellen Gründen. Dieses Fehlen der Bilder setzt indessen bei der Leserschaft profunde Kenntnisse voraus, um Durrers Argumentationen wirklich umfassend nachvollziehen zu können. Das klappt bei Allgemeingut gewordenen Bildern ganz gut, wie dem legendären Milizionär, von Robert Capa im Moment aufgenommen, als ihn eine Kugel traf, oder beim jungen Mann vor den Panzern auf dem Tianamen-Platz in Peking oder dem direkt auf den Fotografen zu rennenden kleinen nackten Mädchen im Vietnamkrieg. Schon schwieriger wird es für mich bei manchen anderen Aufnahmen, die ich den Überlegungen folgend nicht mehr so präzis abrufen kann, wie ich gerne hätte. Dennoch, die präzise formulierten, stets auch den Autoren reflektierenden Essays gehören zum Besten, was es über Fotografie und Medien aktuell zu Lesen gibt.

Übrigens, aussergewöhnlich an den Essays ist die Breite, Intensität und das persönliche Engagement des Autors, das stets präsent ist, namentlich dann, wenn Durrer auch seine Befindlichkeit als Publizist einfliessen lässt, der sich mit den Mechanismen, wie Bilder wirken, auseinander setzt. Wer so kenntnisreich argumentiert, schöpft aus einem Fundus, der weit über das fotografische und journalistische Metier hinaus geht. Hans Durrer, gelernter Jurist mit verschiedenen Nachdiplomabschlüssen, war unter anderem auch als IKRK-Delegierter im Einsatz, lebte und arbeitete auf allen Kontinenten. Als Publizist und «homme de lettres» vermittelt er heute zwischen Sprachen und Kulturen. Vom Metier des Journalismus scheint sich seine Hochachtung eher in Grenzen zu halten, etwa wenn er befindet: «Journalismus beruht auf Hörensagen» – um dies wenige Zeilen später zu relativieren. Doch in der Welt des Fernsehens und des Häppchen-Journalismus der Pendlerzeitungen, in der sich die Recherche primär auf das schnelle Nachschlagen im Internet beschränkt und höchst selten auf eigenes Erleben vor Ort zurückgreifen kann, entwickeln sich Mechanismen im Umgang mit Texten, Fotos und Filmen, die am Ende kaum mehr etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Wie und warum dies passiert, das be- und hinterleuchtet Hans Durrer in 23 prägnanten Essays – erhellend und empfehlenswert.

Henri Leuzinger
fotointern.ch; 4. Juni 2011

Sunday, 3 May 2026

Die kürzeste Geschichte Japans

Ein cleverer Einstieg in die Geschichte Japans als Christopher Harding, Dozent für Asiatische Geschichte an der University of Edinburgh, hier vorlegt, ist schwer vorstellbar. "Der japanische Reisepass ermöglicht es seinen Inhabern, visafrei in 194 Länder und Regionen der Welt zu reisen (...) Und dennoch besitzen in Japan nur 20 Prozent der Einwohner einen Pass." Als wichtigen Grund hat Harding die geografische Lage des Landes ausgemacht, die allein schon der Klimazonen wegen eine derartige Vielfalt bietet (vom sibirischen Norden zum subtropischen Süden), dass man so recht eigentlich nirgendwo hin reisen braucht, da man alles vor der Nase hat.

Kritiker sprechen von einer Inselmentalität, was allerdings ausser Acht lässt, worauf Sushaku Endo in The Samurai hingewiesen hat: Although their country is surrounded by the sea, the Japanese have always lived as people of the land. The only sea they know is the narrow strip of home waters close to shore. Dazu kommt, dass die  Wahrscheinlichkeit von Erd- und Seebeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen, Taifunen und Schlammlawinen sehr hoch ist

Filmsequenzen laufen vor meinem inneren Auge ab (Der Hafen von Hiroshima, die Sanddünen von Tottori, die Kirschbäume in Kakamura ...), weltanschaulich Grundsätzliches wird mir nahegebracht. "Der Einfluss des Christentums mit seiner Hoffnung auf künftige Erlösung war in Japan nie allzu gross. Stattdessen lässt sich feststellen, dass das Streben der Menschen durch die buddhistische Vorstellung einer zyklischen Zeit, eine shintoistisch geprägte Betonung auf Erneuerung sowie den konfuzianischen Respekt vor anderen und den Lebensentwürfen der Vorfahren geformt wird."

Der Shintoismus, die ursprüngliche Religion Japans, begreift "die Naturlandschaften als Heimat der Götter, Göttinnnen und aller Arten von seltsamen Wesen (...), denen man in der Dämmerung oder an einem einsamen Bergpass flüchtig begegnen könnte." Es sind solche aufs Wesentliche beschränkte Informationen, die in einfacher Sprache dargeboten werden (eine Kunst!), die mir dieses Werk sympathisch machen.

Wie so oft bei der Lektüre historischer Werke, staune ich nicht schlecht darüber, was der Mensch alles zu wissen glaubt. Etwa, dass die ersten Menschern um etwa 35'000 v. Chr  auf dem japanischen Archipel ankamen ("wohl zu Fuss") oder dass vor etwa 13 000 Jahren der Meeresspiegel anstieg und sowohl Sibirien als auch die koreanische Halbinsel abtrennte. Im Gegensatz zu vielen anderen Historikern erläutert Christopher Harding seine Vorgehensweise.

Die kürzeste Geschichte Japans lehrt einen auch wie bzw. mit welchen Mitteln einst Krieg geführt wurde. Als 1274 die Mongolen heranstürmten, nutzten sie "ohrenbetäubende Gongs und Trommeln. Regelrechte Schwärme aus giftgetränkten Pfeilen flogen auf ihre Stellungen zu, und explodierende Bomben versetzten Pferde und Samurai gleichermassen in Panik." Doch die Samurai wussten sich zu helfen und genossen zudem den Schutz der Götter, wurden doch die mongolischen Truppen bei ihrer Rückkehr von heftigen Stürmen heimgesucht: ein Drittel der Invasionsarmee kehrte nicht nach Hause zurück.

Mein Interesse an Japan hat mit dem Zen-Buddhismus zu tun, der mich seit meiner Jugend fasziniert. Dieser will "die Menschen von den Fantasien und Illusionen befreien, die sie davon abhalten, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist." Gemäss Zen kommt es darauf an, durch disziplinierte Praxis die eigene Erleuchtung zu erlangen. "Als ethisches Prinzip war dies für die Samurai der Kamakura- (1185-1333) und Muromachi-Zeit (1336-1573) äusserst attraktiv. Und auch als formale Grundlage, um Kunst zu schaffen und zu würdigen – wortlos und intuitiv – erwies sich Zen als ungewöhnlich fruchtbar." Man denke etwa an Zen-Gärten und die Teezeremonie.

Christopher Harding berichtet von der politischen Macht des japanischen Adels, den Kämpfen um die kaiserliche Stadt Kyoto, den prägenden Einfluss des Buddhismus, die Ankunft der Portugiesischen, die Gemeinsamkeiten mit China und Korea  "prägnant und umfassend zugleich", wie der Historiker Tom Holland zu Recht befand.

"Für den Westen beruht ein grosser Teil der Faszination für die japanische Kultur auf der Unbedingtheit, mit der gewisse Regeln eingehalten werden, um diese oder jene Kunstform zu perfektionieren", fasst der Autor meine eigene Faszination treffend zusammen. Auch gibt er seiner Hoffnung Ausdruck, das Land möge sich vom ethnischen Nationalismus der Vergangenheit zu einem staatsbürgerlichen Nationalismus entwickeln, der die Einwanderer vollständig integrieren würde. "Andernfalls ist zu befürchten, dass Japan in fünfzig Jahren in drei Gruppen aufgeteilt sein wird: eine schwindende einheimische Bevölkerung, eine schlecht bezahlte migrantische Unterschicht, vor allem aus Südostasien, und ein Heer von KI-gesteuerten Pflege-Bots – wobei sich Letztere trotz des Techno-Optimismus der 2010er-Jahre erst noch als realisierbare Lösung für Japans Probleme bewähren müssten."

Fazt: Überaus lehrreich und erhellend, insbesondere die Darstellung japanischer Werte.

Christopher Harding
Die kürzeste Geschichte Japans
Ullstein Taschenbuch, Berlin 2026

Wednesday, 29 April 2026

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny

Bereits auf den ersten Seiten dieses 745-Seiten Romans gibt es Sätze, die ich mir anstreiche. "Ausserdem fiel ihnen in den meisten Ländern auf, dass die Menschen Reisenden aus Indien keinen Respekt zollten, den Weissen aber nachliefen und ihnen schmeichelten." Und: "Nähe zu den Menschen, die einem Schaden zugefügt hatten, war ausserordentlich wichtig, damit ihre Träume vom Gespenst der Schuld heimgesucht wurden und ihre Schuldgefühle sich langsam voll entfalten konnten."

Sonia besucht das College in Vermont, zum Studienabschluss fehlt ihr noch ein Jahr. Sie ist einsam, leidet unter einer leichten Depression. Sie erklärt sich das nicht zuletzt mit der ungewohnten Landschaft und dem Klima. Wunderbar, wie sie den Winter im ländlichen Vermont vor unsere Augen zaubert. Sie lässt sich auf eine Affäre mit Ilan ein, einem 30 Jahre älteren, egomanischen Maler aus begüterten Verhältnissen inklusive rassistischer und snobistischer Mutter. Die beiden sondern sich ab. "Dass Ilan und Sonia immer verschwiegener geworden waren, immer abhängiger voneinander, je primitiver und wüster ihre Zusammenstösse geworden waren." Sonia fühlt sich zunehmend gefangen in dieser Beziehung, die Kraft, Ilan zu verlassen, fehlt ihr, bis schliesslich Ilans Ehefrau auftaucht und Sonia darüber aufklärt, dass sie eine von vielen sei.

Sunny arbeitet in New York als Journalist ("Der Journalismus mochte seine Berufung sein, aber seine Liebe gehörte der Literatur, weil nur sie sich wirklich mit Schrulligkeiten aufhalten durfte."), lebt mit Ulla aus dem Mittleren Westen zusammen, von deren Existenz seine Familie in Indien allerdings nichts wissen darf.

Höchst amüsant schildert Kiran Desai den Zusammenprall der Kulturen. "Sie brachte ihm bei. auf die Frage, wie es ihm gehe, mit 'gut' zu antworten, nicht mit 'grässlich', weil man sich mit Zynismus unbeliebt machte. 'Bei mir nicht', sagte Sunny. Da war Ulla schon in Schwung gekommen und sammelte Beweise, dass er Worte wie 'BH' oder 'Strumpfhose' vermied." Und: "Ullas ganze Zivilisation gründete sich darauf, nicht rumzuschnüffeln und dabei nackt in der Gegend rumzulaufen. Sunnys Zivilisation gründete sich darauf, sich Kleider anzulegen und allen Gesprächen zu lauschen."

Die Grosseltern von Sonia und Sunny wollen eine Heirat für sie arrangieren. Weil das in Indien so üblich ist; sie sind dann aber nicht unglücklich, als Sunny seiner Mutter sagt, er habe eine Freundin. Die Heiratsidee wird fallengelassen. Viele Jahre später begegnen sich dann Sonia und Sunny zum ersten Mal, in Indien. Das Schicksal scheint es so zu wollen, da es, in den Augen von Sunnys Mutter, auf "schreckliche, absehbare, ordnungsgemässe und selbstzufriedene Weise seinen Weg gefunden hatte und ihr Sohn dem Mädchen mit dem hexenhaften Leopardengesicht verfallen war." Eine höchst eigenwillige und recht aussergewöhnliche Definition von Schicksal!

Es ist ganz Vieles und ganz Unterschiedliches, das mich für Die Einsamkeit von Sonia und Sunny einnimmt. Da sind, zum Beispiel, die wunderbar cleveren Alltagsbeobachtungen. "Sein Gesichtsausdruck entging ihr nicht. 'Was?', fragte sie. 'Nichts', sagte er im Aufstehen, und sein Gesicht zeigte noch immer, was er dachte." Oder: "Die Bibliothekarinnen, die oft mit frisch gewaschenen Haaren zur Arbeit kamen und sie sich dann am Empfqang frisierten, wenn sie trocken waren; die kurzsichtigen Doktoranden, die Jahrzehnte über Indien im Kalten Krieg  oder der Migrantengeschichte der Tamilen in Singapur brüteten; die Rentner, die über den ausländischen Zeitungen mit den bei ihrem Eintreffen schon fast wieder vergessenen Nachrichten eingenickt waren – einem hervorragenden Schlafmittel."

Kiran Desais Sicht auf die Welt erlebe ich auch immer wieder als echte Offenbarung. "Sonia trat durch die von Glyzinien umrankte Tür des Cloud Cottage in das feuchtkalte, muffige Haus, wo die Zeit darauf trainiert war, so langsam und teilnahmslos voranzuschreiten wie eine Schildkröte." Selten habe ich einleuchtender dargestellt gelesen, dass wir unseren Umgang mit der Zeit bestimmen – und nicht etwa umgekehrt.

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist auch (und nicht unwesentlich) ein Buch über Indien, wo Privatsphäre unbekannt ist, und das Leben einen lehrt: "Schlachten wurden Millimeter für Millimeter gewonnen." Zudem ist man gut beraten, locker zu bleiben, dann hatte man es leicht. "Wenn man die Geduld verlor und intolerant war, stand man vor verschlossenen Türen." Das gilt zwar fast überall, das Eingebundensein in die Familie ist hingegen im Westen doch etwas anders, denn "Inder machen sich nie frei von dem, was Mummy-Papa, Nana-Nani, Uncle- Aunty denken."

Von und über Indien (und die Inder, Frauen wie Männer) zu schreiben, bedeutet auch, Vergleiche anzustellen, wozu sich auch eine Reise nach Griechenland anbietet, die mich laut herauslachen liess. "Man stelle sich vor, eine Frau aus Indien, die weite Reise, das viele Geld und dann sieht man zwei Pakistanis, eine kaputte Mauer und eine furzende Ziege?" Vor allem sind es jedoch die zahlreichen Vergleiche mit Amerika, die in diesem Werk zentral sind. "Das ist das Grundgesetz in Amerika: Du bist ein Individuum, also bist du allein. Also musst du in der Lage sein, alles allein zu erledigen." Und dann ist dann noch die Schilderung von einem Aufenthalt in Stockholm, der absolut preiswürdig ist.

Doch nicht nur Schweden sieht man nach der Lektüre von Die Einsamkeit von Sonia und Sunny mit neuen Augen, auch Amerika und insbesondere New York sieht man so wie noch nie. "Auf der Fahrt in die Stadt fand Babitha, der Pilot habe sie zwar in der city that never sleeps willkommen geheissen, aber die Aussenbezirke von New York sahen aus, als seien sie nie aufgewacht."

Genaues Beobachten, ein Sinn für die Absurditäten des Daseins, ein ausgeprägtes Sensorium für die verschiedenen Ängste, die vor allem Verliebte plagen, sowie ein Hinterfragen von allgemeinen Weisheiten, zeichnet dieses Buch, das auch ein philosophische Auseinandersetzung mit der Einsamkeit ist, aus. "'Wir Alten dürfen dem Glück der Jungen nicht im Wege stehen', sagte Mrs. Pant. Mina Foi machte sich nicht die Mühe zu fragen, warum das Glück der Alten nicht mit dem Glück der Jugend vereinbar sein sollte."

Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem ich derart viel Lehrreiches fand. Etwa "dass man die Männer in der Kirche lehrte, den Frauen die Tür aufzuhalten, ihnen einen Stuhl anzubieten, ihnen in der Schlange am Buffet den Vortritt zu lassen. Bei Hindus und Muslimen war es das Gegenteil: Zuerst nahmen sich die Männer den Raum, sie setzten sich zuerst, assen zuerst, immer das Zarteste, das Öligste, das Knusprigste, das Süsseste." Was mich angeht, so sagt mir das alles über Glauben und Religionen, was ich wissen muss.

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist eine überaus vielgestaltige Auseinandersetzung mit dem Leben. "Der Tod seiner Eltern würde ihn jetzt für immer begleiten, er befand sich unausweichlich am Scheitelpunkt seines Lebens. Von nun an würde sich alles blühend Lebendige langsam in die Vergangenhit verschieben, die Gegenwart würde wesenloser werden, die Gespenster würder wirklicher als die Wirklichkeit. Er verspürte eher Angst als Trauer, oder eine Trauer, die von Angst nicht zu unterscheiden war." 

Es gehört zu Kiran Desais ausserordentlichen Fähigkeiten, es nicht bei diesen  einfühlsamen Einsichten zu belassen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, daraus zu lernen. "Er rief sich ins Gedächtnis, dass er seine Gefühle vor seiner Tochter im Zaum halten musste, denn ein Vater muss ein Kind beruhigen, wenn der Grossvater stirbt. Er muss zeigen, dass das Leben weitergeht, so tun, als wäre der Tod eine Normalität, damit das Kind eines Tages über denn Tod des Vaters hinwegkommen konnte."

Passagen wie diese (und es gibt ganz viele davon in diesem sehr lustigen und bewegenden Buch) zeigen eindrücklich, dass das Lesen von Romanen (jedenfalls von diesem Roman) ganze Bibliotheken psychologischer und politischer Sachbücher nicht nur ersetzt, sondern eine rätselhafte Lebenskomplexität begreifbar macht, der man staunend, entsetzt, berührt und fasziniert begegnet.

Fazit: Grossartig! Ein lebensparalles und überaus smartes Meisterwerk!

Kiran Desai
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny
S. Fischer, Frankfurt am Main 2026

Sunday, 26 April 2026

Bildnis eines Unsichtbaren

Hans Pleschinski, geboren 1956, ein ungemein begabter Schreiber, der mit zahlreichen Preisen bedacht worden ist, was in aller Regel meint, dass diejenigen, die sich als kulturelle Elite begreifen, ihn als einen der ihren sehen. Grund genug also (denn mehr als Eitelkeit ist da nicht), ihn nicht zu lesen, was allerdings ein Fehler wäre, weil man sich damit so richtig gute Momente versagt, bei denen man erleben kann, dass da einer Gefühle in einem hervozurufen imstande ist, die man zwar kennt, auch wenn sie einem nicht eigentlich bewusst sind, und das ist umso erstaunlicher (oder eben auch nicht), wenn man nicht gleichgeschlechtlich unterwegs ist wie es die Protagonisten dieses schönen Romans sind.

So beschreibt er Versailles: "Was für ein Aberwitz, mitten im Sumpf, zu nichts tauglich als zur Schönheit, den grössten Palast zu bauen, um in dieser Eroberung zu regieren und zu repräsentieren! Ludwig der XIV. hatte das Chaos des Lebens in den Griff bekommen. Alles kreiste um ihn." Hier wird mir eine Sichtweise geboten, die meinen Horizont verändert, denn so habe ich es noch nie, noch gar nie gesehen. Dazu kommt, dass es mir gefällt, das alles so zu sehen. Und dann dies: "Natürlich, das Leben war eine Parade, die Menschen sahen einander vorbeimarschieren. Es kam nur darauf an, mit wie viel Schwung, Haltung, Eleganz, Savoir-Vivre, Demut und Schicksalshingabe man sich fortbewegte." Wunderbar, diese Worte, die bewirken, dass, auch wenn man sich gerade gar nicht so fühlte, sich plötzlich genauso wahrzunehmen imstande ist.

Bildnis eines Unsichtbaren ist ein höchst kultivierter Romans. Proust, Saint-Simon, viele historische Bezüge, es geht sehr gebildet zu und her. Der Mann hat Stil, ein Flair für Höfisches, ist sehr angetan von Historischem. Manchmal etwas gar viel für meinen Geschmack, doch der Unkultiviertheit der heutigen Zeit entschieden vorzuziehen. Nichtsdestotrotz: Sind die hier Geschilderten wirklich so gebildet oder vor allem affektiert?

Ich lese diesen Roman als Autobiografie (das tue ich bei allen Büchern, und zwar ganz automatisch), muss mich dann aber hin und wieder ermahnen, das nicht zu tun. Ein kaum Zwanzigjähriger, der Herzchirurgie studiert? – im sogenannt richtigen Leben wohl eher nicht.

Bildnis eines Unsichtbaren spielt hauptsächlich in den siebziger und achtziger Jahren in München. Erstaunt nimmt man schon lange Vergessenes zur Kenntnis. Aids, Rinderwahnsinn und dass Friedrich Merz schon damals schwer zu ertragen war. Und nicht zuletzt der Schwachsinn, mit dem den Menschen in Demokratien das Hirn vernebelt wird: Hat eine RAF-Terroristin vor einem Vierteljahrhundert in der Wohnung von Joschka Fischer übernachtet?

Die Mauer fällt, der Autor fährt in den Osten und erlebt einen Rassismus, den ein Westler sich nicht einmal vorstellen konnte. Damals. Heute allerdings schon, so er denn Augen und Ohren aufmacht. Auch dies erlebt er im Osten: Eine Infektion, die ihn automatisch an Aids und den Tod denken lässt. Trauer, doch keine Weinerlichkeit.

Hans Pleschinski erzählt die Geschichte einer lebenslangen Verbundenheit mit dem überaus eigenwilligen Galeristen Volker ("Kunst ist Bejahung."), die ihm auch Anlass ist, über vieles zu berichten, das er vom Hörensagen kennt und nicht selber erlebt hat. Eigenartig berührt hat mich, der ich derselben Generation wie der Autor angehöre, dass von den Aufbruchsgefühlen meiner Jugend, die wesentlich von den Hippies, der Rockmusik und Charles Bukowski geprägt gewesen ist, in diesem Roman keine Rede ist. Stattdessen lerne ich wieder einmal (und bin wieder einmal verblüfft) wie unterschiedlich man dieselbe Zeit erleben kann.

Erinnert werde ich auch an Flaubert ("... es war Flauberts unermüdliche Suche nach seelischen Gewissheiten, einer angemessenen Haltung im Chaos, die ihn für alle Zeiten zum Beschützer von Geist und unruhigen Seelen machte."). Und an Beckett. "Keiner hat so klar gezeigt, dass wir nur vergänglicher Unsinn sind und dass wir schweigen müssten. Wir könnten uns gleich umbringen." Tun wir aber nicht, wie wir ja generell nicht unseren Einsichten folgen. Stattdessen: "Man muss mutwillig neu Geschichten erzählen." Das tut er. Und er tut es gut, ja, sehr gut. 

Fazit: Heiter und traurig, elegant und erhellend.
Ein Lesegenuss par excellence!

Hans Pleschinski
Bildnis eines Unsichtbaren
C.H. Beck, München 2026