Mit Bilder einer Zeit konkretisiert Autor
Steinfeld sein Vorhaben. So zutreffend dies auch ist, er leistet weit
mehr, zeigt er doch auf, dass, was Goethe, dessen Skepsis sein Leben
geprägt zu haben scheint, letztlich ausmacht, dessen Zeitlosigkeit
bzw. dessen Universalität ist. Das vielfältige Wissen, die Neugier
für alles Mögliche, ist übrigens nicht nur Goethe eignet, sondern
auch seinem Biografen.
Goethe wuchs in einer standesbewussten Familie in
Frankfurt am Main auf; er sollte sein Leben lang, im Gegensatz etwa
zu Schiller, finanziell nie zu darben haben. Im Alter von 16 von
seinem Vater zum Jurastudium nach Leipzig geschickt („Die
Universität war im 18. Jahrhundert kein Ort der Forschung, sondern
eine Berufsbildungsstätte, die vor allem der Vermittlung des
Überlieferten verpflichtet war“, so Autor Steinfeld, dem
allerdings zu entgehen scheint, dass das Jurastudium auch heute noch
so ist.), das er 1770 in Strassburg abschloss, wo er auch Herder
kennenlernte, der ihn stark beeinflusste und förderte. Wobei: Sowohl
in Leipzig wie auch in Strassburg besuchte Goethe auch „Vorlesungen
in Chemie, Staatswissenschaften, Geschichte und beschäftigte sich
mit der Medizin.“
Thomas Steinfeld ist ein hervorrragend informierter
und ausserordentlich begabter Erzähler, dem es nicht an
Bildungshochmut mangelt („In den Wenn-Sätzen aber spricht, für
halbwegs gebildete Zeitgenossen deutlich erkennbar, ein Dichter, der
sich die Lehren des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza
zumindest aus der Ferne angeeignet hatte ...“) und der gelegentlich
recht selbstherrliche Unterscheidungen vornimmt, die wohl nur von
sogenannt literarisch Gebildeten geteilt werden. „Wenn ein Dichter
'ich' sagt, provoziert er einen geläufigen Trugschluss: dass er mit
dem Pronomen sich selber meint. Bei Goethe ist dieser Irrtum
besonders weit verbreitet, weil Leben und Werk in so offensichtlicher
Nähe zueinander stehen (...) dass Goethe verschiedene 'Ichs'
erprobt. Er spricht in Rollen, wie auf dem Theater, was heisst: Man
muss zwischen dem erlebenden und dem darstellenden 'Ich'
unterscheiden.“ Ganz so, als ob man das könnte ... im wirklichen
Leben wimmelt es doch nur so von Überlappungen ...
Andererseits, wie „der aufmerksame Leser“
Steinfeld Goethe liest, zum Beispiel den Werther, macht auch
deutlich, dass das Lesen ein kreativer Akt ist. Dazu kommt, dass er
Zusammenhänge zu sehen imstande ist, die einem Laien wie mir zwar
nicht geläufig sind, mich jedoch schmunzeln machen. „Noch im
späten 18. Jahrhundert wäre die Vorstellung, die Liebe sei eine
geeignete Grundlage für das Zusammenleben zweier Menschen oder gar
für die Gründung einer Familie, als ebenso überraschende wie
verwegene Idee erschienen: Wie sollten zwei Menschen eine
Gemeinschaft fürs Leben begründen, wenn sie ihre Empfindungen nicht
zu beherrschen vermochten.“
Thomas Steinfeld charakterisiert Goethe als „einen
enzyklopädisch inspirierten Universalisten“, der kein
literarisches Genre ausliess und in den Wissenschaften neben der
Psychologie und der Biologie, auch die Anatomie, die Optik, die
Physik, die Meteorologie, die Geschichte, die Juristerei, die
Wirtschaftslehre, Diplomatie und Naturphilosophie pflegte. Was diese
Dinge zusammenhält, gehöre zu den Fragen, die Faust umtrieben,
lerne ich.
Die Gepflogenheiten am Hofe von Weimar werden derart
kenntnisreich (juristisch, diplomatisch, gesellschaftlich,
staatspolitisch, historisch) geschildert, dass man sich einerseits
wundert, worüber dieser Biograf alles Bescheid weiss, und
andererseits zu verstehen glaubt, dass es wohl auch seine eigene
Unersättlichkeit in punkto Wissen/Verstehen ist, die ihn mit Goethe
verbindet.
Da mir die einschlägigen Kenntnisse fehlen (und ich
dem, was wir gemeinhin zu wissen glauben, ohnehin äusserst skeptisch
gegenüber stehe), um dieses Werk wirklich würdigen zu können, will
ich mich auf einige Aspekte beschränken, die mich innehalten und sie
bedenken liess. So war Goethe in Weimar auch für den Bergbau
zuständig, kam also in Kontakt mit der Geologie, die zwar noch ganz
am Anfang stand, doch Auskunft über die Tiefe der Zeit geben konnte.
Ging man bis anhin davon aus, dass die Erde rund sechstausend Jahre
alt war, erkannte man nun, dass „die Geschichte der Erde immer
länger, immer tiefer und für viele Geologen immer gewaltsamer
wurde“ und man fragte sich, wann sie eigentlich ihren Anfang
genommen hatte.
In Goethe manifestiert sich auch etwas
Übergeordnetes, das vermutlich vielen Menschen eigen ist. So hält
Thomas Steinfeld zu Goethes Flucht nach Italien fest, bereits Seneca
habe vor dem Vorhaben, durch eine Veränderung der geografischen Lage
ein neuer Mensch zu werden, gewarnt, und entgegnet darauf treffend:
„Doch wie sollte sich ein solcher Wandel nicht einstellen, wenn das
Wetter angenehmer wird und die Landschaft abwechslungsreicher?“
In Venedig sieht Goethe zum ersten Mal das Meer. „So
habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen, und bin auf der
schönen Tenne, die es weichend zurücklässt, ihm nachgegangen.“
Was Autor Steinfeld alles in diesen Satz hineinliest und daraus
schliesst, mag Germanisten einleuchten. „So hat, in einem fein
gegliederten und nur scheinbar einfachen Satz, ein jeder Teil seine
Bedeutung – und das ganze Wortgebilde festigt sich zu einer
wunderbaren Bestätigung der neptunistischen Überzeugung, der Boden
unter den Füssen sei aus dem Wasser hervorgegangen.“ Mir selber
scheint wenig wahrscheinlich, dass Goethe sich bei diesem Satz solche
Gedanken gemacht hat. Auch dass Steinfeld aufzählt, was der Dichter
in seinen Texten aus Venedig alles nicht beschrieben hat, drängt
sich nicht wirklich auf und dient wohl vor allem dazu, hervorzuheben,
wie gut der Autor selber Venedig kennt.
Doch abgesehen von solchen – es sind sehr wenige –
Irritationen, ist diese Biografie ein wahrhaft grosser Wurf, eine
ausserordentliche Fleissarbeit und – vor allem – ein ganz
wunderbares Leseerlebnis, das einen staunen macht. Nicht nur über
den Dichter, Reisenden, Theatermacher, Kriegsbeobachter,
Naturforscher und Politiker Goethe, sondern auch darüber, wie Autor
Steinfeld es geschafft hat, aus dieser ungeheuren Fülle ein derart
packendes Buch zu machen.
Aussergewöhnlich war Goethe nicht zuletzt in seinem
Wissensdurst, der ihn sich auch mit den Pflanzen und den Farben (und
später mit den Wolken) befassen liess, Das führte ihn auch zur
Beschäftigung mit der Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? „Wie
ist objektive Erkenntnis möglich? Wie vollzieht sich der Übergang
vom Erfahren zum Verstehen? Wie kommt man vom Wissen um das Einzelne
zu einer Einsicht ins Allgemeine?“ Fragen, die bis heute nicht
gelöst sind, wie Autor Steinfeld anmerkt.
Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält,
darum war es Goethe zu tun. Er tat dies aus einer sehr privilegierten
Position, ohne Sympathie für die Französische Revolution von 1789.
Kein Wunder, welcher Privilegierte mag schon von seinen Privilegien
lassen? „Goethe war ein Mensch des alten Regimes der persönlichen
Beziehungen und der feudalen Diplomatie. Das radikal Neue der
Revolution ging ihm nicht auf. Nie dachte er in politischen
Kategorien.“
Thomas Steinfeld verfügt über eine bewundernswerte
Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken, ohne dabei die Details zu
vernachlässigen. Zu diesen gehört auch, dass Goethe dem damals
gerade einmal dreiundzwanzigjährigen Schelling in Jena zu einer
ausserordentlichen Professur verhalf. Dazu kommt, dass er offenbar
bestens weiss, wie die einschlägigen Quellen einzuschätzen sind.
„Wie es zum Bündnis mit Schiller gekommen sein soll, hielt Goethe
im Jahr 1817 in einem Bericht fest, den man, wie alle seine
autobiographischen Schriften, nicht für ein Manifest der Faktentreue
halten darf.“
Fazit: Glänzend geschrieben, ungemein kenntnisreich,
überaus erhellend und horizonterweiternd. Mit einem Wort:
Grossartig!
Thomas Steinfeld
Goethe
Porträt eines Lebens,
Bilder einer Zeit
Rowohlt Berlin 2024