Sunday, 1 March 2026

In San Juan, Puerto Rico

Mein Flieger aus New York traf um halb zehn Uhr nachts in San Juan ein. Das für die zwei ersten beiden Nächte gebuchte Hotel war dunkel und machte nicht den Eindruck in Betrieb zu sein. Ein paar Kerzen erleuchteten die Rezeption, von Personal keine Spur, nach minutenlangem Rufen tauchte schliesslich ein Mann auf, der sich für gar nichts zuständig erklärte, so dass ich mich umgehend zum gegenüberliegenden Hotel aufmachte und erschöpft ins Bett fiel.

Geschirr und Besteck des Frühstücksbuffets übersteigen jedes Klischee: alles aus Plastik. Am Unappetitlichsten sehen die grauen Würstchen aus, doch sie schmecken hervorragend. Man kann auch Waffeln machen, ich trau mich nicht. Ein langer, schlacksiger, amerikanisch-selbstbewusster Schwarzer kennt solche Skrupel nicht und richtet ein Desaster an, zwei Angestellte eilen zu Hilfe.

„The San Juan Daily Star“ berichtet, dass die Regenfälle der letzten Tage (Mai 2014) einen neuen Rekord bedeuten; seit 1917 habe es nicht mehr so stark geregnet. Die Zeitung erzählt auch die Geschichte eines Kubaners, der im Alter von acht in die Vereinigten Staaten kam, die meiste Zeit seines Berufslebens in der Gefängnisverwaltung tätig gewesen ist und vor Kurzem herausgefunden hat, dass er gar kein amerikanischer Staatsbürger ist: er sei am Boden zerstört, erfahre ich.

Die Frau an der Rezeption meines Hotels kann fast nicht fassen, dass ich Spanisch spreche. Sie guckt mich mit offenem Mund an, ruft ihren Kollegen, sagt ihm, ich spräche Spanisch … ihr Kollege zeigt sich weniger beeindruckt, er hat mich für einen Italiener gehalten und das Italienische und das Spanische seien ja nicht so verschieden. Das Erstaunen der Rezeptionistin ist mir vollkommen unbegreiflich, ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, was im Kopf dieser Frau abläuft und staune mal wieder darüber, wie fremd wir Menschen uns doch sind, obwohl wir doch alle das Gleiche wollen: geliebt werden.

Ob ich auf Englisch oder Spanisch angesprochen werde, scheint weniger von mir oder dem, was die Leute in mir sehen abhängig, sondern vom Ort. In Condado, einer Touristengegend, werde ich meistens auf Englisch angesprochen, in Sagrado oder Bayamón, Vororten von San Juan, immer auf Spanisch. Mit der Zeit merkte ich, dass es doch nicht nur vom Ort, sondern auch von mir abhing: war ich unrasiert, wurde ich überall auf Spanisch angesprochen …

Gegen Abend füllen sich die Strassen mit Joggern, die weniger Sportiven halten sich an Kaffeebechern fest.

The San Juan Daily Star“ titelt: „More Than a Third of PR Population Receives Food Stamps“. In Zahlen heisst das: 1,4 Millionen der 3,6 Millionen Einwohner der Insel.


Im Casino: Ganz viele, hauptsächlich ältere Leute an Spieltischen und vor einarmigen Banditen. Ich wähne mich in einem Film, die Szenerie mutet mich gänzlich irreal und traurig an, trotz der tollen Salsa Musik, die durch die Räume hallt.

Ich sitze am Hotelcomputer. In meinem Ruecken unterhält sich ein Mann lautstark mit der Rezeptionistin, er hat eine Stimme, die Menschen eigen ist, die einen Seehundschnauz tragen … ich drehe mich um: er trägt ein Boxerbärtchen mit Schnauz.

Überhaupt sind die Amerikaner zu laut, Türen schletzen ist die Regel. Zu übertreiben scheint ihnen Charaktermerkmal, in allem und jedem, auffällig in San Juan sind vor allem die vielen meist tätowierten Übergewichtigen. Heute hat sich ein solches männliches Exemplar im Bus neben mich gesetzt und mich fast zerquetscht. Als ich mich mit Mühe befreite und einen anderen Sitz suchte, meinte er, er könne nichts dafür … für sein Gewicht vielleicht nicht, doch es auf mir abzuladen, dafür schon, dachte ich so für mich.

Wednesday, 25 February 2026

Are there pictures that we should not see?

 After flight MH 17 was shot down in eastern Ukraine, Magnum-Photographer Jérôme Sessini took pictures that some commentators felt shouldn't be shown because they would hurt the dignity of the deceased and their family members. It was also argued that pictures that are published should take into account the feelings of the readers and viewers respectively.

I do not name the sources of these comments because they are in no way original, they can be heard again and again, and I feel that the question whether we shouldn't be shown certain photographs needs to be addressed in principle.

It is argued that to show images of victims of war (or of accidents) are an affront to the dignity of the deceased and can add to the immediate grief of families. I must admit that I do not really understand what dignity in the context of war means. Soldiers are trained to kill. Killing and dignity, in my view, do not exactly go hand in hand. So how come then that killing in the context of war is accepted but what results from this killing should not be shown?

Such pictures do nothing but shock, it is said, they do not contribute to a better understanding of what has happened. I disagree for we cannot really know what terrible pictures do to us. Sure, they very likely will shock and disturb us — and they should — but there is no basis for arguing that such pictures do not have the potential to educate and even change us.

Photographs set free emotions and these often cannot be controlled. Which is precisely the reason why we get to see so few pictures of certain wars. On 27 July 2008, The New York Times had this to say about the censorship of photographs of dead American soldiers in Iraq: "... after five years and more than 4,000 American combat deaths, searches and interviews turned up fewer than a half-dozen graphic photographs of dead American soldiers."

Despite the abundance of photographs surrounding us, there are still far too many we do not get to see. 9/11 was probably the most photographed event of our time. But what about photos of jumpers, why didn't we get to see these? Joe Scurto, for instance, saw "at least a hundred people jumping. The were coming down like rain." Well, there is one that has come to be known as The Falling Man, taken by veteran Associated Press photographer Richard Drew; "the most famous picture nobody's ever seen," as Drew says.

Copyright @Richard Drew

There's another war photo (of an incinerated Iraqi soldier in his truck) not many people have seen because most media refused to publish it. Kenneth Jarecke, the photographer, had assumed the media would be only too happy to challenge the popular narrative of a clean, uncomplicated war. Unsurprisingly, he was wrong. As the old Romans phrased it, "mundus vult decipi," the world wants to be deceived.

Moreover: "Nowadays ... news organizations tend to play it safe, having been subsumed by media conglomerates that give less credence to exposing harsh realities than to turning a profit, entertaining mass audiences, and satisfying skittish advertisers," as David Friend, in his impressive Watching the World Change. The Stories Behind The Images of 9/11, explains.
]
PS: Spare me the dignity-talk. I have enough experience and judgement to decide for myself what pictures deserve my attention.

Sunday, 22 February 2026

In Zürich 2012





Rieterpark Zürich, 2012
Copyright@Blazenka Kostolna

Wednesday, 18 February 2026

Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen.

Die Vorstellung, das Leben sei da, wo er nicht sei, gehörte zu Hugos Konstanten. Nachdem er um die Welt gereist war, glaubten die zu Hause Gebliebenen, er sei da gewesen, wo das Leben sei. Und wollten nichts davon hören. Doch wo immer er auch gewesen war, er hatte sich stets als Zuschauer wahrgenommen.

+++

Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.

Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.

Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“

Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.

Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.

Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.

Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter ... Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.

Hans Durrer
Heute Nicht!
Die Geschichte einer Obsession
Tredition, Ahrensburg 2025

Sunday, 15 February 2026

Anarchie - jetzt oder nie!

Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, befand Thomas Hobbes im Jahre 1642. Im Gegensatz zu mir teilt Sylvie-Sophie Schindler diese Auffassung nicht. Ganz im Gegenteil. Sie orientiert sich an Jean-Jacques Rousseau, "der gut hundert Jahre nach Hobbes erklärte, dass wir alle als gute Menschen geboren werden. Empathisch, friedliebend, kooperativ, das sei unser Naturzustand." Eine Weltsicht, die ich entschieden weltfremd finde, man sehe sich die gegenwärtigen Führer an, sei es in der Politik, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Verwaltung, die man sich als Kinder gar nicht vorstellen kann. Dazu kommt, dass die irrige Idee (denn mehr als eine Idee ist es nicht) vom Menschen als von Grund auf empathischem, friedliebendem und kooperativem Wesen zum Glauben verleitet, es liesse sich alles regeln, sofern man guten Willens sei. Ich selber ziehe You do your thing, I do mine vor,

"Bevor wir über Anarchie reden, muss die Ausgangslage erst mal klar sein. Deshalb werde ich in diesem Essay eine dezidierte Neubewertung des Politischen vorlegen." Nun ja, Neues habe ich da kaum gefunden, stattdessen Sätze von einer intellektuellen Dürftigkeit sondergleichen. "Der Staat ist nur noch Ankunftsziel für Ewig-Gestrige. Die Zukunft gehört der Anarchie. Sie bezweifeln das? Sie sind skeptisch, dass ein freiheitliches Zusammenleben ohne staatliche Ordnung möglich ist? Ich halte den Zweifel für eine wichtige Errungenschaft, daher will ich ihn nicht beiseiteschieben." Der Zweifel eine Errungenschaft? Mich geisselt er eher ...

Nichtsdestotrotz: Diese Schrift lohnt. Weil die Welt in einer Sackgasse steckt und es dringend neue und radikale Denkansätze braucht, auch wenn es die Gedanken, die Sylvie-Sophie Schindler anführt, schon lange gibt. Darauf aufmerksam zu machen, ist gleichwohl nützlich und kein geringes Verdienst. Etwa auf Peter Sloterdijks Auffassung, dass der Mensch seinem Wesen nach ein Athlet sei, "also einer, der sich übend zu seinem Leben verhält."

Sylvie-Sophie Schindler usurpiert Sloterdijk allerdings ziemlich eigenwillig. "Heißt das Trainingsprogramm »Anarchie«, dann ist es verbunden mit der Absichtserklärung, dass einem nicht egal ist, ob der Mensch ein freies oder ein in Ketten gelegtes Wesen ist." Und sie macht klar: Ohne Fleiss kein Preis bzw. ohne Anstrengung keine Anarchie. "Bitte legen Sie dieses Buch weg, wenn Sie alleine der Gedanke, Schweiß investieren zu müssen, nervös macht." Selten so gelacht, doch sie hat eindeutig recht. Mit Phlegmatikern wird ein Neuanfang definitiv nicht gelingen.

Dieses Buch ist ein Aufruf zur Phantasie, es ruft auf zum Handeln, fordert Radikales. Und hat damit meine ganze Sympathie. Allerdings wird das alles in einem derart verständnisvollen Ton vorgebracht, dass dabei die Botschaft untergeht. "… eine riesige Hemmung, endlich mal auszusprechen, dass nicht einzelne Parteien die Wurzel allen Übels sind, sondern das politische System an sich. Möglich, dass auch viele zu blind sind, das zu erkennen. Oder dass sie über das Bestehende nicht hinausdenken können. Das sage ich ohne Vorwurf." Nun ja, ein Vorwurf wäre das Mindeste.

Die Autorin vergleicht die Politik weltweit mit einer Sekte. "So wie es Scientology tut, betreiben auch die in politischer Verantwortung stehenden Akteure nicht nur gigantische Gehirnwäsche, sondern reagieren unbarmherzig gegen jeden Abweichler." Und sie befindet: "Uns wird alles Mögliche unterstellt, was die Politik eigentlich sich selbst ankreiden müsste. Was hier stattfindet, kennt man aus der Psychologie: Es handelt sich um Projektion." So richtig das auch ist, die eigene Projektion sieht die Autorin dabei nicht. So beschreibt sie zwar akkurat den Medienkonsum, befasst sich aber nicht damit, dass sie diesem genauso unterliegt, sonst wäre sie gar nicht in der Lage, sich dazu zu positionieren : "... für Millionen Menschen strukturiert sich so der Tag, sie fressen Nachrichten in sich rein, sie fressen und fressen. Man könnte auch sagen, sie spritzen sich ihren Stoff, sie sind süchtig. Meinen täglichen Schrecken gib mir heute. Die Medien bedienen dieses Verlangen nur allzu gerne, ist es doch ihr Geschäftsmodell. Sie könnten ohne Politik ebenso wenig existieren wie umgekehrt. Geschichten werden ausgegraben, inszeniert, so wichtig gemacht wie sie niemals waren."

Mediensucht also, das trifft es in der Tat. Und die Autorin weiss, wovon sie schreibt, sie bedient ja auch selber die Medien bzw. ist Teil davon. Übrigens, bei der Sucht gilt: entweder oder. Entweder man macht weiter, oder man gibt auf. Wer ein Verhalten zu kontrollieren versteht, ist nicht süchtig. Den Medienkonsum aufzugeben, ist allerdings nicht leicht. Nicht zuletzt, weil einem dabei auch dies hier entgehen würde:

"Nach einer Überflutung, einem Erdbeben oder nach Waldbränden entstehen spontane Strukturen, um Akuthilfe untereinander zu ermöglichen. Ihrem Wesen nach sind diese Strukturen anarchistisch. Es muss schnell gehandelt werden, oft geht es um Leben oder Tod. Man organisiert Decken, kocht Suppen, schafft Schlafplätze. Keiner braucht hier Politiker, schon gar nicht solche, die in Gummistiefeln demonstrativ durch den Schlamm waten. Dass sie dabei stets wie Fremdkörper wirken, kommt nicht von ungefähr. Es gibt kaum ein treffenderes Bild für den Beweis ihrer Überflüssigkeit. In der unmittelbaren Phase nach einer Katastrophe ist Macht dezentralisiert, sie geht von der Basis aus, und das, was sie bewältigt, lässt sie über sich selbst hinauswachsen. Hätte man die Betroffenen vor der Katastrophe befragt, ob sie in der Lage wären, ein Hilfsnetz aus dem Nichts aufzubauen, hätten wohl die meisten Zweifel gehabt. Sie hätten wahrscheinlich nicht gewusst, welche Fähigkeiten da in ihnen schlummern."

Ganz ähnlich gestalteten sich auch die Aufräumarbeiten nach 9/11, als die Hierarchien nicht mehr funktionierten und Leute, denen man das nie zugetraut hätte, an die Hand nahmen, was zu tun war. Aus eigener Initiative, ohne Anordnungen. Nur eben: Aus der Überflüssigkeit der Politiker vor Ort zu schliessen, sie seien generell überflüssig, ist dann doch etwas arg kurz gedacht, nicht zuletzt, weil sie sich bestens als Sündenböcke eignen, und ohne die geht ja nun wirklich gar nichts.

Mit wesentlichen Erkenntnissen dieses Werkes gehe ich einig, insbesondere dem Hinweis auf Fassbinders "Angst essen Seele auf", der des Menschen Grundbefindlichkeit damit treffend auf den Punkt gebracht hat. Nur dass die Autorin diese Angst dann, ganz anders als Fassbinder, mit der Politik erklärt. "Eine Angst, die in ihrer Omnipräsenz mindestens nachdenklich machen sollte. Sie ist eine logische Konsequenz der real existierenden, von Politik evozierten Lieblosigkeit." Sorry, doch das ist schlicht lächerlich.

Ich habe viel Sympathie für die Idee vom freien und verantwortungsvollen Menschen, die Sylvie-Sophie Schindler leitet, nur will der Mensch gar nicht frei sein (man lese Freud und Dostojewskij oder meine Texte), denn das bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und davor scheut der Mensch zurück. Ausnahmen gibt es, sie sind selten.

Dieses Buch ist einerseits ein Aufruf zur Selbstreflexion, die allzu vielen fremd ist, und befindet andererseits, es drehe sich heutzutage alles um Politik, was allerdings nur Medienschaffenden einfallen kann. Und auch wenn ich Friedrich Nietzsches »Werde, der du bist« teile, so sollte dies beileibe nicht allen geraten werden. Bereits ein Blick in die gegenwärtige Politik lehrt einen, dass da einige besser nicht sich selber wären ...

Sylvie-Sophie Schindler
Anarchie - jetzt oder nie!
Westend Verlag, Neu Isenburg 2026

Wednesday, 11 February 2026

Hellseher im Kleinen

 

Als Susan Bernofsky vor über dreissig Jahren begann, Robert Walsers Werke ins Englische zu übersetzen, war eine Biografie über ihn zu schreiben, das letzte woran sie dachte. Wie sie dabei vorgegangen ist, erläutert sie in ihrer Einleitung, der die Begeisterung für ihre Arbeit anzumerken ist.

Die Bezeichnung "Hellseher im Kleinen" geht auf W.G. Sebald zurück. Dass wer eine Biografie schreibt, vor der Gefahr der Projektion nicht gefeit ist, weiss Susan Bernofsky, dass Walser oft Geschichten geschrieben hat, "die zumindest zum Teil autobiografisch sind", scheint mir untertrieben. Nun gut, ich bin kein sogenannter Fachmann, doch mir scheint das Autobiografische (Susan Bernofsky weist oft genug darauf hin) mehr als offensichtlich. Zugegeben, die Vorstellung, etwas könne nicht autobiografisch sein, halte ich für grotesk; mir scheinen die Unterscheidungen, die Menschen vornehmen (insbesondere im sogenannt Geistigen, das nicht wirklich fassbar ist), so recht eigentlich absurd.

Robert Walser ist mir nicht vertraut. Zwar sind mir die Titel seine Romane geläufig, einige habe ich auch gelesen, wenn auch ohne Erinnerung daran. Auch Biografisches weiss ich von ihm. Mit anderen Worten. "Hellseher im Kleinen" ist für mich eine Einführung in Leben und Werk. Wie die beiden zusammenhängen und ineinander greifen, zeigt Susan Bernofsky eindrücklich. Was sich in Robert Walsers Leben findet, findet sich grossenteils auch in seinen Büchern.

Detailliert und ausgesprochen vorsichtig äussert sich Susan Bernofsky. "Im zeitlichen Abstand von 15 Jahren lässt sich unmöglich sagen, ob Walser sich an seine damaligen Gefühle erinnert oder ob er sie im Nachhinein heraufbeschwört." Wie sie seine Texte analysiert und interpretiert, ist eine Meisterleistung. Man lese etwa, was sie zu seinem Prosadebüt "Der Greifensee" zu sagen hat (Seite 108) – man liest den Text anschliessend wie neu bzw. intensiver.

Ganz wunderbar auch, wie sie Walsers Miniaturessay über die Sehnsucht einordnet (Seite 72), wobei sie für mein Dafürhalten allerdings übers Ziel hinausschiesst, wenn sie etwa diesen Satz: "Dass die Menschen etwas Lästiges so viel und gern betreiben, etwas so Sehnsüchtiges wie die Sehnsucht, das ist das Krankhafte, das an uns haftet!" als "pseudophilosophisches Sinnieren" bezeichnet. Pseudophilosophisch? Was immer das sein mag. Vermutlich das, was alle tun, die nicht einschlägig akademisch diplomiert worden sind. Walser sagt hier nichts anderes als dass die Sehnsucht (wie auch das Christentum) von Übel ist, weil sie uns vertröstet auf etwas Fernes, das womöglich nie eintritt. Das ist ganz einfach klar gedacht, was man von vielen Philosophen und Philosophinnen nicht sagen kann.

"Hellseher im Kleinen" ist auch ein Buch, das mich die Schweiz und insbesondere die Städte Biel, Zürich und Basel mit neuen Augen sehen lässt, so treffend hat die Autorin die verschiedenen Stadtteile charakterisiert, vor allem durch Zürich machte ich gleichsam eine Zeitreise und die Schilderung Basels ist ein veritabler Augenöffner. "Basel war allgemein düster, weil die Bollwerke zum Schutz vor einer Überschwemmung durch den Rhein, der durch die Stadt floss, dazu geführt hatten, dass die Strassen und Gassen so kompliziert verzweigt und verschlungen waren, dass es schwerfiel, überhaupt irgendwo eine Aussicht zu bekommen." Auch Thun, Solothurn (wo die Kirchenglocken Tag und Nacht alle Viertelstunden läuteten!) und Wädenswil figurieren prominent.

Schriftsteller wollte Robert Walser sein, die gängigen Karrieren interessierten ihn nicht, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kommt zumeist in kleinen Zimmern unter. "Als dreissigjähriger Schriftsteller ohne Familienvermögen im Hintergrund zur Absicherung seiner Künstler-Existenz-Bestrebungen hatte sich Robert allein auf der Grundlage seiner Begabung und seines Werkes einen Namen gemacht." Von Hesse und Kafka gelobt, hat er es im literarischen Berlin geschafft, ohne die einschlägig formale Bildung und mit einem starken Schweizerakzent, auch wenn Kritiker und Verleger seine Romane oft als formlos und mäandernd beurteilten.

In seiner Berliner Zeit lässt er sich auch zum Diener ausbilden, was seine Biografin unter anderem zu dieser wunderbar hellsichtigen Frage inspirierte: "War die Schauspielerei etwas so anderes als das Dasein eines Dieners?" Eine weitere Perle auch dieser Satz: "Das Handwerk des Soldaten verband, wie das des Butlers, Dienstbarkeit mit Können."

So beeindruckend die Akribie dieses Werkes auch ist, gelegentlich versteckt sich die Autorin auch dahinter. "Vieles weist in der Tat darauf hin, dass sein Trinken als Versuch der Selbstmedikation zu verstehen ist." Versuch der Selbstmedikation? Wer sich seine Angst wegtrinkt, ist definitiv ein Trinker. Erstaunlich auch, dass sie sein gelegentlich erratisches Verhalten nicht mit seinem Trinken in Verbindung bringt. Obwohl: "Nicht unwesentlich für die Verbesserung von Roberts Zustand dürfte der Umstand gewesen sein, dass es in der Klinik keinen Alkohol gab ...".

Robert Walsers Leben, geprägt von ständigen Geldsorgen, dauernden Wohnungswechseln, gewaltigen Spaziergängen, unerfüllter Liebe, Alkoholproblemen und einem überaus reichen literarischen Schaffen, fasziniert nicht zuletzt, weil da einer seinen ureigenen Weg gegangen ist. Susan Bernofsky vermutet jedoch, "dass sein eigener Status als Figur am Rande weniger die Folge einer bewussten Entscheidung seinerseits als eine Falle war, in die er immer wieder hineintappte. Aber vielleicht war ihm das als Künstler am Ende doch irgendwie nützlich." Es spricht sehr für diese Biografie, dass sie mit Fragen und nicht mit Antworten schliesst. Wer weiss schon, warum wir tun, was wir tun?

Fazit: Grandios, ein Meisterwerk! Eine kenntnisreichere Einführung in Robert Walsers Leben und Werk ist schwer vorstellbar.

Susan Bernofsky
"Hellseher im Kleinen"
Das Leben Robert Walsers
Suhrkamp, Berlin 2025

Sunday, 8 February 2026

Der Infantilismus unserer Zeit

Warum führt der zivilisierte Mensch Krieg?, wurde Sigmund Freud nach dem Ersten Weltkrieg gefragt. Weil der Mensch gar nicht zivilisiert sei, antwortete er.

Viktor Frankl äusserte einmal, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da die Anständigen in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken.

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Von William Golding, Nobelpreisträger für Literatur 1983, wurde 1979 Das Feuer der Finsternis veröffentlicht, worin er die Zerstörung der Ordnung durch junge Menschen beschreibt, in denen sich der Narzissmus und Infantilismus der Zeit verkörpert.

Heutzutage wird der Narzissmus und Infantilismus auch von alten Männern verkörpert, die nie erwachsen geworden sind, nicht einmal ansatzweise.

We want the world and we want it now gehörte zu den Leitsprüchen meiner Jugend. Diese Mentalität, die ich damals nicht als Mehrheitseinstellung wahrgenommen hatte, hat sich eigenartigerweise durchgesetzt, denn heute wollen viele Menschen alles sofort, weshalb denn auch fast food so erfolgreich ist. Dass es keine gute Idee ist, jedem Impuls unverzüglich nachzugeben, ist offenbar vielen abhanden gekommen. Stattdessen: Ich will, ich will, ich will ... und zwar jetzt sofort.

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Entscheidungen zu treffen setzt entscheidungsfähige Menschen voraus, die willens und imstande sind, sich sachlich zu informieren. Wer ausschliesslich seinen Gefühlen folgt, ist nicht nur ein Trottel (Frauen und Nicht-Binäre eingeschlossen), sondern schlicht nicht zivilisiert, und das meint, nicht von der Vernunft geleitet.

Zivilisiert sein ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine Frage der Haltung. Zivilisiert sein meint anständig zu sein.

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Nur Unanständige wählen Unanständige.

Die Vorstellung, dass der Mensch von der Vernunft geleitet sei, ist ein Irrtum. Das zeigt sich besonders bei Wahlen, wo man in der Regel die wählt, mit denen man sich am besten identifizieren kann. Oder die man bewundert. Leider gehört die Bewunderung ganz vieler den windigen und rücksichtslosen Betrügern (man denke an die Popularität von Mafia-Filmen), die es mit Tricks und Schweinereien schaffen, erfolgreich zu sein. Der ehrliche Arbeiter geniesst hingegen kein hohes Ansehen, bestenfalls läuft er unter der Kategorie zwar lieb, aber eben blöd. Auf dieser Mentalität gründet der Infantilismus unserer Zeit.

Zürich, 2 Juli 2021