Die Autorin Nino Haratischwili ist mir seit Die Katze und der General, wovon ich allerdings nur noch weiss, dass mich die Geschichte total gefesselt hat, ein Begriff. An den Inhalt erinnere ich mich zwar nicht (das geht mir bei ganz, ganz vielen Büchern so – soviel zum Wert der Bildung!), doch ein paar Bilder kann ich vage abrufen. Jedenfalls: Geblieben ist mir der Name der Autorin, mit der ich ein eindrückliches Erzähltalent verbinde.
Europa, wach auf! packt mich gleich, obwohl mich irritiert, dass Europa, dieses Bürokratie-Monster aus Brüssel, quasi als Person angesprochen wird. Dass dieses Europa aufgerufen wird, sich mit dem zu konfrontieren, was an seinen Rändern geschieht, erfolgt in einer Deutlichkeit, die vielen Politikern wesensfremd vorkommen wird. "Seit Jahrhunderten leidet er (der russische Nachbar) an einer Krankheit, die niemand zu heilen vermag, diese Krankheit heisst die Angst vor der Unsichtbarkeit." Ist dies nicht auch die Krankheit, von der der gegenwärtige (nord)amerikanische Präsident (und nicht nur er) befallen ist?
"Das, was du für einen guten Ton hältst, Europa, das findet er lächerlich. Alles, was dir erstrebenswert erscheint, das verachtet er (...) Dieser Nachbar, liebes Europa, ist nicht nur gross, mächtig, unersättlich und derart selbstzerstörerisch, dass ihm nichts heilig ist, er ist allen voran auch überall dort, wo du ihn nicht vermutest." Dazu kommt sein Hass, sein Vernichtungswille, seine Brutalität, seine Grausamkeit. Der Vorstellung, dieses hungrige Raubtier lasse ich befrieden, begegnet Nino Haratischwili mit: "Europa, wir bluten. Wir können nicht mehr."
Dieses Europa ist kein festes Gebilde, es befindet sich (wie überhaupt alles) in einem stetigen Wandel. "Jede Selbstverständlichkeit scheint in diesen Tagen aufgehoben, auf den Kopf gestellt. Dinge, die gestern so waren, sind heute anders und das nicht mehr woanders, weit weg, sondern hier, in unserer unmittelbaren Nähe."
Was diese Texte auszeichnet: Sie verschaffen mir Einsichten, die ich als nützlich empfinde. Nicht zuletzt über Dinge, über die ich noch gar nie wirklich nachgedacht habe. "Die Kunst erlaubt Interpretation. Aber die Diktatur schliesst jedwede Interpretation aus." Oder: "Der Mensch versteckt sich doch immer vor dem, wovor er Angst hat." Oder: "Moralische Überlegenheit muss man sich leisten können. Pazifismus muss man sich leisten können. Ideale sind selten kostenlos."
Nino Haratischwili benennt und stellt infrage, was andere entweder nie hinterfragen oder schönreden.. Etwa die Mystifizierung 'Grossrusslands' oder der 'russischen Seele'. Und sie listet die Methoden auf, "die sogar das Antike Rom vor Neid hätte erblassen lassen", mit denen sich das russische Regime auf der ganzen Welt einmischt. Europa hält diesem Machtstreben wenig entgegen, ja, nimmt es nicht einmal wahr, da es mit sich selbst beschäftigt ist. "Wir waren im Urlaub, weil wir längst das Geld zur wichtigsten Ideologie erklärt und unseren Wohlstand über jedes Leid gestellt haben."
Es finden sich in diesem Band nicht nur "politische" Texte, sondern auch Reflexionen übers Schreiben ("Mein Zugang zum Schreiben funktioniert ausschliesslich über Distanz und Transformation."), Erinnerungen an eine ganz andere und irgendwie unwirkliche Welt, das Theater "als Ort, als Idee eine der wenigen antikapitalistischen Inseln unserer Gesellschaft", ihren eigenen Theaterweg ... Unpolitisch ist das alles überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, denn Nino Haratischwili denkt sehr eigenständig, was an sich schon ein überaus politischer Akt ist.
Nino Haratischwili stammt aus Georgien. Das bedarf einer Erklärung, Begründung, Rechtfertigung. Jedenfalls für viele und so muss sie Red und Antwort stehen, für ihr Schreiben auf Deutsch, ihr Temperament, ihr Dasein überhaupt. Die Tatsache, dass wir uns selber kaum je verstehen (können), spielt dabei keine Rolle. Und so sagt sie den Leuten, was sie glaubt, dass diese hören wollen. Das ist pragmatisch, gescheit und witzig. Und illustriert ganz wunderbar, dass die Simplifizierungen, derer wir uns behelfen, zwar unseren Alltag möglich machen, doch uns nicht wirklich erlauben, uns und die Welt zu erkunden.
Identität ist ein zentrales Thema dieser Texte und Reden. Wer Land und Sprache wechselt, stellt sich andere Fragen als wer sein Geburtsland nie verlassen hat. So stellt man in einem neuen Land ständig Vergleiche an. Was einem dabei auffällt, hängt von Bewusstsein und Persönlichkeit ab; im Falle von Nino Haratischwili ist viel Witz und Ironie im Spiel. Und manchmal der Wunsch, Deutschland sofort zu verlassen – und genau so schnell wieder zurückkehren. Identität ist ein Prozess und sich diesem bewusst auszusetzen (und genau dies geschieht in diesem Werk) ist bereichernd.
Fazit: Engagiert, erhellend und hilfreich.
Nino Haratischwili
Europa, wach auf!
Texte und Reden
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2025







