Mit Leonard Cohen verbinde ich in erster Linie die Songs Suzanne und So long Marianne sowie Raubdrucke seiner Texte, die ich im damals geteilten Berlin erstanden hatte. Obwohl ich keinen Zugang zu diesen Texten fand, fühlte ich mich trotzdem in guter Gesellschaft, denn da war so ein Nimbus um diesen attraktiven Mann, von dem ich letzthin las, dass er recht klein geraten war (auf mich hatte er immer gross gewirkt). Erst viel später entdeckte ich sein grossartiges Halleluja. Wichtig und leitend sind mir diese Zeilen von ihm: There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in.
Das erste Gespräch in diesem Band ist aus dem Jahr 1988. Wobei: Ein Gespräch ist das nicht, denn da hakt einer einfach ziemlich einfaltslose Fragen ab. Als Cohen sagt, er lese wenig, jedoch gerade jetzt alle Bücher von Robertson Davies, gegen den er sich lange Zeit gesträubt habe, fragt Christian Fevret nicht einmal nach dem Grund dieses Sich-Sträubens.
Ein nachdenklicher Mensch spricht hier, einer, der viel nachgedacht hat. „Ich glaube, jeder zahlt einen hohen Preis für sein Leben, nichts ist gratis, alle müssen zahlen, alle müssen für ihr Leben das Maximum bezahlen. Ich glaube, verglichen mit dem, was andere ertragen müssen, ist mein Maximum eher bescheiden. Aber für mich ist es das Maximum.“
Als nüchtern und realistisch nehme ich ihn wahr, als einer, der die Welt recht illusionslos betrachtet. Zen-Buddhisten sind so. Und Leonard Cohen ist ja dann auch einer geworden. „Die Dichter sind keineswegs erfahrungsgesättigt, nur wenige dringen wirklich ins Innerste vor und wollen genau sehen, was dort stattfindet. Das wäre ihre Aufgabe, aber nur die wenigsten stellen sich ihr.“
„Ich habe mich nie sonderlich für mich selbst interessiert“ ist das zweite Interview mit Christian Fevret aus dem Jahre 1991 betitelt. Er fragt nach Cohens jüdischer Familie, seiner privilegierten Herkunft, nach Perfektionismus, der Religion, den Mädchen, Drogen, seiner Beziehung zur Lyrik und zur Musik, seiner Zeit in London, Dublin, Kuba, New York und auf Hydra. „Hydra war Liebe auf den ersten Blick: die Leute, die Architektur, der Himmel, die Maultiere, die Gerüche, das Leben. Egal, wo man hinschaute, alles war schön: Jeder Winkel, jede Lampe, alles, was man in die Hand nahm, alles, was man brauchte, war an seinem Platz.“ Eine Liebesgeschichte, die mich auch deshalb anspricht, weil ich vor mehr als dreissig Jahren Bangkok so erfahren habe.
Da hat sich einer mit dem Leben wirklich auseinandersetzt, geht mir bei Cohens Antworten immer wieder durch den Kopf. „Ich lebe heute bereits länger, als mein Vater gelebt hat. Er ist mit zweiundfünfzig gestorben. Ich hatte mit zweiundfünfzig praktisch von nichts eine Ahnung (...) Ich denke nicht oft an meine Kindheit zurück. Ich glaube nicht, dass sie eine legitime Erklärung für mein Leben ist. Ich glaube vielmehr, dass man, um zu überleben, neu geboren werden, die Kindheitserlebnisse, Ungerechtigkeiten, ja sogar die Privilegien hinter sich lassen muss.“
Aufschlussreich fand ich insbesondere die Kluft zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung. „Was die Leute sofort beeindruckt hat, war Ihre Fähigkeit, ganz offen über Schmerz, Kummer und Angst zu reden. Haben Sie nie davor zurückgescheut, solche Gefühle so offen auszudrücken?“, fragt Christian Fevret. „Das Einzige, wofür man sich schämen sollte, ist, nicht die Wahrheit zu sagen. Ich habe nicht den Eindruck, tiefe Bekenntnisse abgelegt zu haben, sondern an der Oberfläche geblieben zu sein.“
Immer wieder streicht Christian Fevret heraus, wie speziell und aussergewöhnlich Leonard Cohen doch sei. Doch der will nichts davon wissen. Er sei noch nie einem Menschen begegnet, dessen Innenleben ganz anders gewesen sei als sein eigenes, sagt er einmal. Das vermeintlich so Persönliche ist universeller als wir gemeinhin annehmen.
Das dritte Interview führte Paul Zollo im Jahre 1992. Es ist mit „Im Turm des Gesangs“ überschrieben und handelt wesentlich von Cohens Songs. Warum er vom Schreiben von Romanen und Gedichten zum Songwriting gewechselt habe? „Ich habe nie den Unterschied gesehen.“ Es ist auffällig, wie wenig sich Cohen von den Fragen in eine bestimmte Richtung drängen lässt, wie oft sie ihm ganz einfach Anlass sind, eigenständig seine Gedanken zu entwickeln. Mich beeindruckt, dass er ganz offenbar nicht die Notwendigkeit spürt, auf alles Mögliche Antworten zu haben.
„Wo die Landschaft in Flammen steht“, das Gespräch mit Alberto Manzano von 1993, mochte ich ganz besonders. Auch weil ich hier auf längere, schlaue und lebensweise Ausführungen zu Themen stosse, die ich für zentral halte, doch selten persönlich thematisiert finde wie etwa Demokratie und Faschismus. Zudem: „Welche Rolle auch immer man lebt, sie hat ihren eigenen Antrieb, läuft von selbst, eine Energie mit eigener Bewegung (...) Ich gehe einfach dorthin, wo in meiner eigenen Landschaft die Energie zu finden ist.“
„Ich bin der kleine Jude, der die Bibel geschrieben hat“, so der Titel zu den Fragen von Arthur Kurzweil aus dem Jahre 1994. „Glauben Sie, dass Ihr Schreiben davon beeinflusst ist, dass Sie jüdisch sind?“ Es gibt wirklich Fragen, die eigentlich keine sind! Was um Himmels Willen antwortet man darauf? Cohen: „Ich habe keine Ahnung. Ich war nie etwas anderes. Ich weiss also nicht, wie es wäre, wenn ich diese Bezüge nicht hätte.“
Das letzte Gespräch mit Jian Ghomeshi („Vielleicht gibt es einen vierten Akt“) stammt aus dem Jahr 2009. Unter anderem äussert er sich darin zur Political Correctness und zum Tod.
Fazit: Leonard Cohen ist kein Mann der üblichen Erklärungsmuster. Stattdessen: Klar, differenziert, eigenständig und unprätentiös.
Leonard
Cohen
SO LONG
Ein Leben in Gesprächen
Kampa Verlag, Zürich
2020











