Wednesday, 29 April 2026

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny

Bereits auf den ersten Seiten dieses 745-Seiten Romans gibt es Sätze, die ich mir anstreiche. "Ausserdem fiel ihnen in den meisten Ländern auf, dass die Menschen Reisenden aus Indien keinen Respekt zollten, den Weissen aber nachliefen und ihnen schmeichelten." Und: "Nähe zu den Menschen, die einem Schaden zugefügt hatten, war ausserordentlich wichtig, damit ihre Träume vom Gespenst der Schuld heimgesucht wurden und ihre Schuldgefühle sich langsam voll entfalten konnten."

Sonia besucht das College in Vermont, zum Studienabschluss fehlt ihr noch ein Jahr. Sie ist einsam, leidet unter einer leichten Depression. Sie erklärt sich das nicht zuletzt mit der ungewohnten Landschaft und dem Klima. Wunderbar, wie sie den Winter im ländlichen Vermont vor unsere Augen zaubert. Sie lässt sich auf eine Affäre mit Ilan ein, einem 30 Jahre älteren, egomanischen Maler aus begüterten Verhältnissen inklusive rassistischer und snobistischer Mutter. Die beiden sondern sich ab. "Dass Ilan und Sonia immer verschwiegener geworden waren, immer abhängiger voneinander, je primitiver und wüster ihre Zusammenstösse geworden waren." Sonia fühlt sich zunehmend gefangen in dieser Beziehung, die Kraft, Ilan zu verlassen, fehlt ihr, bis schliesslich Ilans Ehefrau auftaucht und Sonia darüber aufklärt, dass sie eine von vielen sei.

Sunny arbeitet in New York als Journalist ("Der Journalismus mochte seine Berufung sein, aber seine Liebe gehörte der Literatur, weil nur sie sich wirklich mit Schrulligkeiten aufhalten durfte."), lebt mit Ulla aus dem Mittleren Westen zusammen, von deren Existenz seine Familie in Indien allerdings nichts wissen darf.

Höchst amüsant schildert Kiran Desai den Zusammenprall der Kulturen. "Sie brachte ihm bei. auf die Frage, wie es ihm gehe, mit 'gut' zu antworten, nicht mit 'grässlich', weil man sich mit Zynismus unbeliebt machte. 'Bei mir nicht', sagte Sunny. Da war Ulla schon in Schwung gekommen und sammelte Beweise, dass er Worte wie 'BH' oder 'Strumpfhose' vermied." Und: "Ullas ganze Zivilisation gründete sich darauf, nicht rumzuschnüffeln und dabei nackt in der Gegend rumzulaufen. Sunnys Zivilisation gründete sich darauf, sich Kleider anzulegen und allen Gesprächen zu lauschen."

Die Grosseltern von Sonia und Sunny wollen eine Heirat für sie arrangieren. Weil das in Indien so üblich ist; sie sind dann aber nicht unglücklich, als Sunny seiner Mutter sagt, er habe eine Freundin. Die Heiratsidee wird fallengelassen. Viele Jahre später begegnen sich dann Sonia und Sunny zum ersten Mal, in Indien. Das Schicksal scheint es so zu wollen, da es, in den Augen von Sunnys Mutter, auf "schreckliche, absehbare, ordnungsgemässe und selbstzufriedene Weise seinen Weg gefunden hatte und ihr Sohn dem Mädchen mit dem hexenhaften Leopardengesicht verfallen war." Eine höchst eigenwillige und recht aussergewöhnliche Definition von Schicksal!

Es ist ganz Vieles und ganz Unterschiedliches, das mich für Die Einsamkeit von Sonia und Sunny einnimmt. Da sind, zum Beispiel, die wunderbar cleveren Alltagsbeobachtungen. "Sein Gesichtsausdruck entging ihr nicht. 'Was?', fragte sie. 'Nichts', sagte er im Aufstehen, und sein Gesicht zeigte noch immer, was er dachte." Oder: "Die Bibliothekarinnen, die oft mit frisch gewaschenen Haaren zur Arbeit kamen und sie sich dann am Empfqang frisierten, wenn sie trocken waren; die kurzsichtigen Doktoranden, die Jahrzehnte über Indien im Kalten Krieg  oder der Migrantengeschichte der Tamilen in Singapur brüteten; die Rentner, die über den ausländischen Zeitungen mit den bei ihrem Eintreffen schon fast wieder vergessenen Nachrichten eingenickt waren – einem hervorragenden Schlafmittel."

Kiran Desais Sicht auf die Welt erlebe ich auch immer wieder als echte Offenbarung. "Sonia trat durch die von Glyzinien umrankte Tür des Cloud Cottage in das feuchtkalte, muffige Haus, wo die Zeit darauf trainiert war, so langsam und teilnahmslos voranzuschreiten wie eine Schildkröte." Selten habe ich einleuchtender dargestellt gelesen, dass wir unseren Umgang mit der Zeit bestimmen – und nicht etwa umgekehrt.

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist auch (und nicht unwesentlich) ein Buch über Indien, wo Privatsphäre unbekannt ist, und das Leben einen lehrt: "Schlachten wurden Millimeter für Millimeter gewonnen." Zudem ist man gut beraten, locker zu bleiben, dann hatte man es leicht. "Wenn man die Geduld verlor und intolerant war, stand man vor verschlossenen Türen." Das gilt zwar fast überall, das Eingebundensein in die Familie ist hingegen im Westen doch etwas anders, denn "Inder machen sich nie frei von dem, was Mummy-Papa, Nana-Nani, Uncle- Aunty denken."

Von und über Indien (und die Inder, Frauen wie Männer) zu schreiben, bedeutet auch, Vergleiche anzustellen, wozu sich auch eine Reise nach Griechenland anbietet, die mich laut herauslachen liess. "Man stelle sich vor, eine Frau aus Indien, die weite Reise, das viele Geld und dann sieht man zwei Pakistanis, eine kaputte Mauer und eine furzende Ziege?" Vor allem sind es jedoch die zahlreichen Vergleiche mit Amerika, die in diesem Werk zentral sind. "Das ist das Grundgesetz in Amerika: Du bist ein Individuum, also bist du allein. Also musst du in der Lage sein, alles allein zu erledigen." Und dann ist dann noch die Schilderung von einem Aufenthalt in Stockholm, der absolut preiswürdig ist.

Doch nicht nur Schweden sieht man nach der Lektüre von Die Einsamkeit von Sonia und Sunny mit neuen Augen, auch Amerika und insbesondere New York sieht man so wie noch nie. "Auf der Fahrt in die Stadt fand Babitha, der Pilot habe sie zwar in der city that never sleeps willkommen geheissen, aber die Aussenbezirke von New York sahen aus, als seien sie nie aufgewacht."

Genaues Beobachten, ein Sinn für die Absurditäten des Daseins, ein ausgeprägtes Sensorium für die verschiedenen Ängste, die vor allem Verliebte plagen, sowie ein Hinterfragen von allgemeinen Weisheiten, zeichnet dieses Buch, das auch ein philosophische Auseinandersetzung mit der Einsamkeit ist, aus. "'Wir Alten dürfen dem Glück der Jungen nicht im Wege stehen', sagte Mrs. Pant. Mina Foi machte sich nicht die Mühe zu fragen, warum das Glück der Alten nicht mit dem Glück der Jugend vereinbar sein sollte."

Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem ich derart viel Lehrreiches fand. Etwa "dass man die Männer in der Kirche lehrte, den Frauen die Tür aufzuhalten, ihnen einen Stuhl anzubieten, ihnen in der Schlange am Buffet den Vortritt zu lassen. Bei Hindus und Muslimen war es das Gegenteil: Zuerst nahmen sich die Männer den Raum, sie setzten sich zuerst, assen zuerst, immer das Zarteste, das Öligste, das Knusprigste, das Süsseste." Was mich angeht, so sagt mir das alles über Glauben und Religionen, was ich wissen muss.

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist eine überaus vielgestaltige Auseinandersetzung mit dem Leben. "Der Tod seiner Eltern würde ihn jetzt für immer begleiten, er befand sich unausweichlich am Scheitelpunkt seines Lebens. Von nun an würde sich alles blühend Lebendige langsam in die Vergangenhit verschieben, die Gegenwart würde wesenloser werden, die Gespenster würder wirklicher als die Wirklichkeit. Er verspürte eher Angst als Trauer, oder eine Trauer, die von Angst nicht zu unterscheiden war." 

Es gehört zu Kiran Desais ausserordentlichen Fähigkeiten, es nicht bei diesen  einfühlsamen Einsichten zu belassen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, daraus zu lernen. "Er rief sich ins Gedächtnis, dass er seine Gefühle vor seiner Tochter im Zaum halten musste, denn ein Vater muss ein Kind beruhigen, wenn der Grossvater stirbt. Er muss zeigen, dass das Leben weitergeht, so tun, als wäre der Tod eine Normalität, damit das Kind eines Tages über denn Tod des Vaters hinwegkommen konnte."

Passagen wie diese (und es gibt ganz viele davon in diesem sehr lustigen und bewegenden Buch) zeigen eindrücklich, dass das Lesen von Romanen (jedenfalls von diesem Roman) ganze Bibliotheken psychologischer und politischer Sachbücher nicht nur ersetzt, sondern eine rätselhafte Lebenskomplexität begreifbar macht, der man staunend, entsetzt, berührt und fasziniert begegnet.

Fazit: Grossartig! Ein lebensparalles und überaus smartes Meisterwerk!

Kiran Desai
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny
S. Fischer, Frankfurt am Main 2026

Sunday, 26 April 2026

Bildnis eines Unsichtbaren

Hans Pleschinski, geboren 1956, ein ungemein begabter Schreiber, der mit zahlreichen Preisen bedacht worden ist, was in aller Regel meint, dass diejenigen, die sich als kulturelle Elite begreifen, ihn als einen der ihren sehen. Grund genug also (denn mehr als Eitelkeit ist da nicht), ihn nicht zu lesen, was allerdings ein Fehler wäre, weil man sich damit so richtig gute Momente versagt, bei denen man erleben kann, dass da einer Gefühle in einem hervozurufen imstande ist, die man zwar kennt, auch wenn sie einem nicht eigentlich bewusst sind, und das ist umso erstaunlicher (oder eben auch nicht), wenn man nicht gleichgeschlechtlich unterwegs ist wie es die Protagonisten dieses schönen Romans sind.

So beschreibt er Versailles: "Was für ein Aberwitz, mitten im Sumpf, zu nichts tauglich als zur Schönheit, den grössten Palast zu bauen, um in dieser Eroberung zu regieren und zu repräsentieren! Ludwig der XIV. hatte das Chaos des Lebens in den Griff bekommen. Alles kreiste um ihn." Hier wird mir eine Sichtweise geboten, die meinen Horizont verändert, denn so habe ich es noch nie, noch gar nie gesehen. Dazu kommt, dass es mir gefällt, das alles so zu sehen. Und dann dies: "Natürlich, das Leben war eine Parade, die Menschen sahen einander vorbeimarschieren. Es kam nur darauf an, mit wie viel Schwung, Haltung, Eleganz, Savoir-Vivre, Demut und Schicksalshingabe man sich fortbewegte." Wunderbar, diese Worte, die bewirken, dass, auch wenn man sich gerade gar nicht so fühlte, sich plötzlich genauso wahrzunehmen imstande ist.

Bildnis eines Unsichtbaren ist ein höchst kultivierter Romans. Proust, Saint-Simon, viele historische Bezüge, es geht sehr gebildet zu und her. Der Mann hat Stil, ein Flair für Höfisches, ist sehr angetan von Historischem. Manchmal etwas gar viel für meinen Geschmack, doch der Unkultiviertheit der heutigen Zeit entschieden vorzuziehen. Nichtsdestotrotz: Sind die hier Geschilderten wirklich so gebildet oder vor allem affektiert?

Ich lese diesen Roman als Autobiografie (das tue ich bei allen Büchern, und zwar ganz automatisch), muss mich dann aber hin und wieder ermahnen, das nicht zu tun. Ein kaum Zwanzigjähriger, der Herzchirurgie studiert? – im sogenannt richtigen Leben wohl eher nicht.

Bildnis eines Unsichtbaren spielt hauptsächlich in den siebziger und achtziger Jahren in München. Erstaunt nimmt man schon lange Vergessenes zur Kenntnis. Aids, Rinderwahnsinn und dass Friedrich Merz schon damals schwer zu ertragen war. Und nicht zuletzt der Schwachsinn, mit dem den Menschen in Demokratien das Hirn vernebelt wird: Hat eine RAF-Terroristin vor einem Vierteljahrhundert in der Wohnung von Joschka Fischer übernachtet?

Die Mauer fällt, der Autor fährt in den Osten und erlebt einen Rassismus, den ein Westler sich nicht einmal vorstellen konnte. Damals. Heute allerdings schon, so er denn Augen und Ohren aufmacht. Auch dies erlebt er im Osten: Eine Infektion, die ihn automatisch an Aids und den Tod denken lässt. Trauer, doch keine Weinerlichkeit.

Hans Pleschinski erzählt die Geschichte einer lebenslangen Verbundenheit mit dem überaus eigenwilligen Galeristen Volker ("Kunst ist Bejahung."), die ihm auch Anlass ist, über vieles zu berichten, das er vom Hörensagen kennt und nicht selber erlebt hat. Eigenartig berührt hat mich, der ich derselben Generation wie der Autor angehöre, dass von den Aufbruchsgefühlen meiner Jugend, die wesentlich von den Hippies, der Rockmusik und Charles Bukowski geprägt gewesen ist, in diesem Roman keine Rede ist. Stattdessen lerne ich wieder einmal (und bin wieder einmal verblüfft) wie unterschiedlich man dieselbe Zeit erleben kann.

Erinnert werde ich auch an Flaubert ("... es war Flauberts unermüdliche Suche nach seelischen Gewissheiten, einer angemessenen Haltung im Chaos, die ihn für alle Zeiten zum Beschützer von Geist und unruhigen Seelen machte."). Und an Beckett. "Keiner hat so klar gezeigt, dass wir nur vergänglicher Unsinn sind und dass wir schweigen müssten. Wir könnten uns gleich umbringen." Tun wir aber nicht, wie wir ja generell nicht unseren Einsichten folgen. Stattdessen: "Man muss mutwillig neu Geschichten erzählen." Das tut er. Und er tut es gut, ja, sehr gut. 

Fazit: Heiter und traurig, elegant und erhellend.
Ein Lesegenuss par excellence!

Hans Pleschinski
Bildnis eines Unsichtbaren
C.H. Beck, München 2026

Wednesday, 22 April 2026

Monika Maron: Tagebücher 1980 - 2021

Ich finde es immer etwas eigenartig, wenn jemand Tagebücher veröffentlicht, dann aber behauptet, sie seien ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen. Wie es im Falle von Monika Maron dazu gekommen ist, beschreibt sie einleuchtend und nachvollziehbar in ihrer Vorbemerkung.

1980. Kein Geld. Erleichterung, als dann S. Fischer wissen lässt, das Buch (Flugasche) werde veröffentlicht. Es erscheint im Februar 1981.

Sogenannt Politisches (nach Österreich zu reisen wird ihr untersagt) wechselt sich ab mit grundsätzlichen Überlegungen ("Nach wie vor glaube ich: Ehe die Verhältnisse geändert werden können, muss der Einzelne wieder lernen, sich für wichtig zu halten. Das Gegenteil soll ihm jeden Tag bewiesen werden. Wird auch.") und mit Persönlichem. Als sie befürchtet, ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter, sterbe: "Ich sitze da und denke, das gibt es also wirklich, diesen spürbaren Abgrund zwischen Leben und Tod, zwischen Sein und Nichtsein."

Es steht mir fern, diese Tagebücher würdigen zu wollen, denn dafür fehlen mir die nötigen Kenntnisse. Monika Maron lebt seit 1988 im Westen, zuerst in Hamburg, dann in Berlin; der grösste Teil dieser Tagebücher wurde in der DDR verfasst, die ich nur vom Hörensagen kenne. Stattdessen will ich also davon berichten, was sie bzw. Ausschnitte davon bei mir auslösen.

Anlässlich einer Inszenierung (im Oktober 1982) des 'Guten Menschen von Sezuan': "Am interessantesten für mich: wie langweilig Brecht geworden ist. Gerade dieses Stück habe ich vor über zwanzig Jahren einmal sehr gemocht. Diese Kitschsätze über Liebe sind unerträglich geworden, wie überhaupt diese ganzen mechanisch-dialektischen Spruchweisheiten, das ganz und gar Vorgegebene, das Kindergärtnergetue des Dichters, das so verheerend bis heute wirkt (siehe sogar Biermann, der ewig Belehrende)." Für mich gedacht: Das viele, das ich einst von Thomas Mann fast schon ehrfürchtig las, und zu dem ich heute fast gar keinen Zugang mehr finde. Und: Über Biermann ist damit alles Wesentliche gesagt, jedenfalls für mich.

Zur Machtübernahme Hitlers vor 50 Jahren notiert sie im Februar 1983 unter anderem: "Es ist im Menschen, jede Generation trägt dieses Potenzial an Wahnsinn und Gemeinheit in sich." Ein Satz, der mir auch den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten und seine Anhänger neu sehen lässt. Was würde sie tun, wenn Vergleichbare geschähe? Sie weiss, dass sie die Antwort nicht kennt, denn "wahrscheinlich entwickelt der Mensch in solcher Lage etwas, wovon der Nichtbetroffene nichts ahnt. Wie sonst sollten die KZ-Häftlinge überlebt haben." Es sind solch nüchterne Einsichten, die mir die Lektüre dieser Tagebücher wertvoll machen.

Sie bittet die Behörden um Reiserlaubnis (sich zu vergegenwärtigen, dass man "sein" Land nicht einfach so verlassen kann, sagt eigentlich alles über die damalige DDR), verspricht sich "von dieser Reise neben dem Amüsement den Schock, der mich weckt, der mich die Wirklichkeit meiner Existenz wieder spüren lässt." Genau deswegen, um die Wirklichkeit meiner Existenz zu spüren, bin ich mein Leben lang gereist. Und tue es immer noch, denn so gegenwärtig wie auf Reisen fühle ich mich, zumeist gefangen in meinen täglichen Routinen, nur ganz selten.

Auch auf Reisen nimmt man sich selber mit. England, Berlin, Mailand, Rom und und und. Ein Exilant will sie nicht werden. Treffen mit Bekannten und Freunden.  "Mich ärgert die Nutzlosigkeit meines Aufenthaltes hier. Kann unterwegs schlecht schreiben, habe sonst nichts zu tun." Das Kontemplative scheint dieser sehr reflektierten Frau wenig nahe. In Wiesbaden (1983) notiert sie: "Leben könnte ich hier allemal. Was mir bisher geholfen hat, hilft mir auch hier."

Als Schweizer habe ich besonders aufgemerkt, dass sie offenbar Hermann Burger nur schwer ertragen hat ("Burger tritt auf wie ein Grossschriftsteller.") und bei anderer Gelegenheit feststellt: "Das schweizerische Gemüt bleibt mir fremd, auch wenn es so freundlich und intelligent daherkommt wie Reto Hänny."

.Selbstkritisch (das darf man von einer Schriftstellerin erwarten) äussert sie sich auch zum Führen eines Tagebuchs. "Eigentlich bin ich zu faul und nicht fähig, etwas Wichtiges aufzuschreiben. Nichts, was in der Zeitung stand, nichts Politisches, nichts Konkretes, sondern nur immer und immer wieder meine eigene Befindlichkeit. Ich kann aber auch gar nicht sagen, dass der Rest mich besonders interessiert oder mir, was richtiger ist, aufschlussreich erscheint. Es ist ja immer das gleiche, so gleich wie ich oder noch gleicher. Was unterscheidet schon den Spiegel Nr. 8 vom Spiegel Nr. 7? Was habe ich verpasst, wenn ich einen davon nicht lese? Den aktuellen Polittratsch, und nichts."

Das bringt es so recht eigentlich bestens auf den Punkt, lässt jedoch aus (und genau darum lohnen diese Tagebücher), dass sie über Qualitäten verfügt, die ihr ein Rezensent (im Januar 2000) attestierte: "Unabhängigkeit und Mut." Was es auch auslässt: I  hr Aufmerksam-Machen auf ein Zitat des japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto: "Wenn man die Welt studieren will, muss man sie anhalten." Innehalten beschreibt in der Tat treffend, was dieses Werk ausmacht.

Monika Maron
"Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig"
Tagebücher 1980 - 2021
Hoffmann und Campe, Hamburg 2026

Sunday, 19 April 2026

Am Abgrund

Zu den wichtigsten Lehrsätzen einer Gerichtsreporterin. so lernte einst Annette Ramelsberger, gehört: "Du bist nicht wichtig. Das, was du siehst, hörst, erlebst – das ist wichtig. Beobachte die Menschen, denen du begegnest, und nicht deine eigenen Gefühle. Erzähle, was sich tust – und nicht, was du tust. Das hat auch etwas mit Respekt vor den Opfern zu tun. Sie haben Schreckliches erlebt, man selbst berichtet nur darüber."

So sinnvoll ich es finde, sich an dieser Haltung auszurichten, es ist natürlich komplizierter, denn die eigenen Gefühle gehören dazu. Wer sich über diese (und wie sie einen beeinflussen) nicht im Klaren ist, erzählt nur einen sehr eingeschränkten Teil der Geschichte. Annette Ramelsberger weiss das. "Oft fährt einem das Entsetzen in die Knochen, darüber, wozu die Spezies Mensch fähig ist. Aber man muss dann auch wieder einen Schritt vom Abgrund zurücktreten, um darüber berichten zu können. Gefühle sollten den Blick nicht trüben." 

Als ich lese, dass ein Islamist die Staatsanwältin mit "Halt den Mund, du bist eine Frau" anblaffte und die Richterin dazu schwieg, durchfuhr es mich zum ersten Mal kalt. Und als die Staatsanwaltschaft ein Wahlplakat neben einer Synagoge, auf dem zu lesen stand: "Wir hängen nicht nur Plakate." als nicht eindeutig genug befand, wurde mir überdeutlich bewusst. dass von der Justiz keine Gerechtigkeit zu erwarten ist, denn dieser geht es, wie allen Berufen, um sich selber, die eigene Bedeutung und darum, an den bestehenden Verhältnissen nicht zu rütteln. Von Juristen Veränderungen zu erwarten, verkennt das Wesen der Juristerei, die dazu da ist, Privilegien zu sichern und Stabilität zu gewährleisten.

Vor vielen Jahren, als Student der Rechtswissenschaften (Wissenschaften? Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden Makulatur“ – so der Jurist Julius von Kirchmann im Jahre1847), stürzte ich mich geradezu auf Gerichtsreportagen, auch wenn mir Gerhard Mauz vom Spiegel etwas arg verständnisvoll schien; heutzutage bin ich allem Rechtlichen gegenüber mehr als nur skeptisch (und sehe das Recht hauptsächlich als Geschäftsmodell), weshalb ich denn auch Am Abgrund mit gemischten Gefühlen angehe, dann aber bereits bei der ersten Reportage (das rechtsextreme Attentat am Münchner Oktoberfest 1980) erkenne, dass die Reportagen von Annette Ramelsberger bei mir etwas ganz Seltenes auslöst: Das ist real, das ist wirklich.

Der junge Mann, der seine Beine verliert; die Oktoberfestbesucher, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was ihr gewohntes Leben stört; die Politiker, die sich stets gegenseitig beschuldigen. Jeder lebt seine eigene Realität; allerdings ist es notwendig, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen – diese Reportagen eignen sich dazu besonders gut, da sie uns, so wir denn dazu bereits sind, eine Realität nachempfinden lassen, die wir nicht selber erlebt haben.

Die Unfähigkeit des Menschen, sich mit der Realität zu konfrontieren, durchzieht dieses Buch. Das ständige Abwiegeln der Erwachsenen (inklusive der Lehrer und Sozialarbeiter), wenn Jugendliche, sich an keine Regeln halten, ist nicht nur befremdlich, sondern vor allem gefährlich. Niemand fühlt sich zuständig, Zivilcourage können die meisten wohl nicht einmal buchstabieren.

Selten habe ich ein Buch derart als Augenöffner empfunden wie Am Abgrund, was auch daran liegt, dass dieses Werk eine Wirklichkeit wiedergibt, die meist ausgeblendet wird. "Fast die Hälfte aller rechtsradikal motivierten Straftaten in Deutschland wird in den neuen Ländern verübt, wo nur ein Fünftel der Bundesbürger lebt."

Annette Ramelsberger hat mit diesem Werk eine Geschichte der Bundesrepublik anhand einzelner Schicksale geschrieben – detailliert, empathisch, berührend – , die eine ganz grundsätzliche Orientierungslosigkeit, eine Verlorenheit und Hilflosigkeit wiedergeben, von der selten die Rede ist. Sie fasst in Worte, was wohl viele spüren, jedoch nicht artikulieren können: Ein Stimmungsbild, das wesentlich geprägt ist von einer verwirrenden Mischung aus Niederreissen, Draufhauen und Weitermachen.

Politiker werden mit Messern angegriffen, erhalten Bombendrohungen; eine vorbildlich integrierte Famile wird ausgewiesen. "Wie kalt der Rechtsstaat in diesem Fall entschied, wie sehr Paragrafen und Realität auseinanderklafften, beklagten nach Erscheinen dieser Reportage selbst Hardliner in der Union." Wer das System für sakrosankt erklärt, die eigene Systemtauglichkeit verinnerlicht, wird wohl kaum jemals verstehen. dass Ungerechtigkeiten die notwendige Folge jeder Systemgläubigkeit sind.

Als ich vom Martyrium des Schülers Marinus Schöberl in Potzlow, einem Dorf in der Uckermark, lese ("Ein Marytrium, das zu einem grausamen Mord führte, einem Mord, der die Republik aufschreckte, das Dorf, in dem er geschah, aber nicht.") und zur Kenntnis nehmen muss, dass die beiden Haupttäter, nach Verbüssung ihrer Haft, sich wieder der rechtsextremen Szene in Brandenburg anschlossen, geht mir Schopenhauer durch den Kopf, der beim Anblick der Galeerensklaven im Hafen von Toulon dermassen erschüttert war, dass er den Glauben an die Menschheit verlor.

Annette Ramelsberger schreibt von Rechtsextremen, von Islamisten, von Linksextremen, vom RAF- und vom NSU-Terror, von denen, die vor Gericht landen. So weit so gut, der Rechtsstaat nimmt sich doch ihrer an? Allerdings ist das nur gerade die Spitze des Eisbergs, denn allzu vieles verläuft nicht unter dem behördlichen Radar. Sagt mir meine Lebenserfahrung, die mir allerdings noch etwas ganz anderes sagt: Gefährlich ist vor allem das Nichtbeachten, Herunterspielen und Beiseitestehen, kurz: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen der breiten Bevölkerung. Möge diese Am Abgrund lesen! Der letzte Text in diesem Buch handelt vom Widerstand.


Annette Ramelsberger
Am Abgrund
Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik
Verlag Antje Kunstmann, München 2026

Wednesday, 15 April 2026

Patterns. Art of the Natural World

It is truly rare that I experience excitement and enthusiasm when reading the preface and introduction to a photo book. How come? I’m fascinated by how photographer Jon McCormack describes his approach: “I brought my camera because it had always been my way of paying closer attention. I had no particular theme or concept in mind. Instead, I gave myself a single constraint; I would focus only on this small rocky section of shoreline. I would return to the same place night after night, regardless of the weather, regardless of the light. No chasing golden hours or distant vistas — just this one quiet place, this slim patch of coast, and whatever it chose to offer.”

To just look and see — this is what this tome is all about. The more you look, the more you will get to see. What is needed is patience, to take one's time. Patterns is an invitation to contemplate things as they are; it is a welcoming antidote to our restless lifes.

Over time, Jon McCormack discovered patterns. “I found them in the folds of Archtic ice caves, in the harshness of East African salt pans, in the ripple marks left behind by a retreating California tide. I photographed snowdrifts and sandstone, heat-etched lava flows and frost-bitten moss, feathers and fossilized ferns — each a part of somer larger rhythm, some greater choreography.”

Although I do have a lot of sympathy for this view, I think Jon McCormack’s interpretation wishful thinking that tells me more about him than about the way things are. “Beneath the surface of what we see lies structure, repetitition, and intelligence — proof that the world is not just alive but speaking.” Differently put: I do not doubt the underlying structure, I doubt the speaking. Moreover, that he believes that the places revealed themselves, and that the details “waited patiently for my attention”, I consider pretty far-fetched — for they are there for anybody who decides to pay attention.

Vein-like patterns emerge on the mineral-stained surfaces
of Kenya's alkaline lakes, where water, salt, and sediment
etch lifelines across the landscape

Many years ago, in Southern Thailand, in the coastal town of Prachuap Khiri Khan, I met a middle-aged Thai man who turned out to be teaching geography at Chulalongkorn University in Bangkok. During recent studies, he explained, he discovered evidence that indicated that the history of Thailand had to be re-written. Aerial photographs had shown that what had been thought of having been dirt roads had actually been rivers. It is about patterns, he elaborated, and patterns can only be seen from a distance.

Ever since this encounter, patterns rather often come to mind. I do however, as much as I can, refrain from interpreting them; to observe them is enough.

Jon McCormick however does interpret. “In time, I came to believe that these patterns are not incidental. They are not just beautiful accidents of aesthetic coincidences; they are the language of the Earth — clues to the invisible systems and forces that shape everything from a snail shell to a supernova.”

While this very well may be so, it remains a belief. And, like every belief, reveals more about the believer than about the things believed.

My view is different; I very much warm to Philip K. Dick’s definition of reality which he described as “that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.” Differently put: The desire for meaning that photographer and authors express again and again exists only in the human imagination.

The seagrasses of Monterey Bay become a living, lumnous 
painting – soft and radiant in the glow of evening light.

“For a photographer, this gesture — the slowing down, the magnification of wonder — is at the heart of the craft. The camera, after all, is not merely a tool for documentation, it is an instrument of awareness.” Well, it can be both, of course.

The camera can serve as spiritual inspiration. This is how I experience it. And, this is what this tome impressively demonstrates. “The private recognition through the lens becomes a shared invitation: look closer, linger.” Wonderful!

There are also several, very short, well-written essays in this tome with such useful maxims as “Wonder increases as speed decreases” (David George Haskell), and “To truly see the planet is to recognize its fragility — and its resilience.” (Sylvia Earle). 

The photographs in this tome are stunning, awe-inspiring — a revelation. Also, they make me aware of structures that I so far haven’t perceived as such; they make me discover connections that I haven’t registered as such; they make me once again marvel at the beauty of planet earth.

Across scales of time, golden triangles appear – in aspens
grown within a single season

Patterns is a most extraordinary eye- and heart-opener. A masterpiece!

Jon McCormack
Patterns
Art of the Natural World
Damiani, Bologna 2026

Sunday, 12 April 2026

Der Anfang von Raum und Zeit

Im Gegensatz zu dem vollmundigen Untertitel ("Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte"; Werbung müsste so recht eigentlich als das bezeichnet werden, was sie ist: fake news), stellt der Text auf der Rückseite des Umschlags erfreulich nüchtern fest: "Jean-Luc Lehners präsentiert die aktuellsten wissenschaftlichen Antworten auf die grossen Fragen der Kosmologie: Warum hat sich das Universum so gleichförmig entwickelt? Wie konnte alles aus dem Nichts entstehen? Was erklärt die beschleunigte Ausdehnung des Alls?"

Was mir bei diesen Fragen zuallererst durch den Kopf geht, ist der Physiker Leo Szilard, der seinem Freund Hans Bethe kundtat, er beabsichtige ein Tagebuch zu schreiben, worin er nur Fakten auflisten wolle, zur Information Gottes. Bethe fragte: 'Glaubt du nicht, Gott kennt die Fakten?' 'Doch, doch, aber diese Version der Fakten kennt er noch nicht', erwiderte Szilard.

. Jean-Luc Lehners zeigt auf, dass unser einstmals statisches Weltbild korrigiert werden musste, als man herausfand, dass sich das Universum ausdehnte, und "dass sich seine Ausdehnung in den letzten fünf Milliarden Jahren sogar beschleunigt hat." Diese Ausdehnung ändert unser Weltbild von Grund auf, denn nicht nur das Leben auf der Erde entwickelt sich, das Universum genauso. Dazu kommt, "dass wir nicht der Mittelpunkt dieser Ausdehnung sind. In jeder anderen Galaxie würden Astronomen zum selben Schluss kommen."

Aufschlussreich ist das nicht zuletzt deswegen, weil die Forschungen bestätigen (also messen können), was schon lange beobachtet werden kann – dass sich alles stetig ändert, alles im Fluss ist. Und das meint, dass nichts stabil ist, obwohl wir uns doch genau danach so sehnen.

Der Anfang von Raum und Zeit besticht durch eine einfache und klare Sprache (Voraussetzung dafür ist, dass man so klar zu denken imstande ist, wie der Autor), die zur Folge hat, dass auch eine Laie, dem Physik nur schwer zugänglich ist, einiges verstehen kann. Etwa, dass man "Schwerkraft ebenso gut als Beschleunigung beschreiben kann." Oder, "dass die Erde durch ihre Masse den Raum um sich herum krümmt. Der Raum ist so gekrümmt, dass der Mond nicht geradlinig, sondern um die Erde herum fliegt."

Nichtsdestotrotz: Das meiste in diesem Buch ist meinem Verstand nicht zugänglich (so sind mir etwa Begriffe wie dunkle Materie oder dunkle Energie schlicht nicht vorstellbar), und so will ich mich hier auf ein paar wenige Aspekte beschränken.

"Raum, Zeit und Materie hatten einen Anfang", so Jean-Luc Lehners. Also muss es einmal ein Nichts gegeben haben, woraus dieses Universum entstanden ist. Mir ist zwar schleierhaft, wie man das wissen kann, und vorstellen kann ich es mir schon gar nicht, doch Jean-Luc Lehners behauptet das ja nicht einfach, sondern beweist es. Ob ich das nun verstehe oder nicht, ändert gar nichts daran, dass es durchaus so sein kann.

Andererseits zitiert er auch den französischen Chemiker Antoine Lavoisier, der vor langer Zeit sagte: Rien ne se perd, rien ne se crée. Wenn also nichts verloren geht und nichts erschaffen wird, muss ja alles schon immer dagewesen sein. Nun ja, meint Jean-Luc Lehners, "manche bevorzugen die Idee einer ewigen Rückkehr und manch andere die eines einmaligen Erlebnisses. Vielleicht sollten wir besser fragen: Sind diese Argumente plausibel?"

Wie wir wissen, wimmelt es im Universum von Atomen. Obwohl: Nur etwa 5 Prozent des Universums bestehen aus Atomen, der Rest besteht aus dunkler Materie sowie dunkler Energie. Wir Menschen sind aus Atomen zusammengesetzt, die sich aus unerfindlichen Gründen zusammen getan haben, um uns zu uns zu machen. Wenn sie sich dann eines Tages, aus wiederum unerfindlichen Gründen, entscheiden (sofern sie dazu in der Lage sind und das nicht einfach geschieht), sich anders zu formieren, war's dann das mit uns.

Sehr schön legt Jean-Luc Lehners dar, wie bei allem, das zerstört wird, die Unordnung zunimmt. Ich kann zum Beispiel dieses Buch verbrennen, was zurückbleibt ist ein Haufen Asche. Die Atome sind dabei nicht verloren gegangen, sondern haben sich "nur" neu verteilt, also müsste es theoretisch möglich sein, das Ganze zurückzuoperieren. Theoretisch. Die Unordnung nimmt im Gesamten immer zu, lautet der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik.

Es gebe "handfeste Beobachtungen, die auf sehr direkte Weise zeigen, dass das Universum vor dreizehn Milliarden Jahren sehr viel ordentlicher war als heute. Doch wie kann das Universum so ordentlich gewesen sein, wenn die Unordnung zuvor über unendlich viele Jahre hinweg ständig zunnehmen musste?" Schritt für Schritt nähert der Autor sich einer Antwort an. Er vertraut dabei ganz auf unser Ursache-Wirkung-Denken, das auch zu beweisen imstande ist, was man zu suchen trachtete.

Es ist überaus faszinierend, was die Wissenschaft zu leisten vermag. Kein Fortschritt in den letzten hundert Jahren, der nicht auf sie zurückgeht. Und genau dies ist auch der Grund, weshalb sich die Auseinandersetzung mit diesem Werk lohnt.

Jean-Luc Lehners
Der Anfang von Raum und Zeit
Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte
Droemer, München 2026

Wednesday, 8 April 2026

Auf dem Weg zum Tier

"Die Zeit des Tiers ist gekommen. Der Satz gilt in seiner doppelten Bedeutung. Noch nie hat das Tier so viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs geweckt wie in den letzten Jahrzehnten, und gleichzeitig könnte die Zeit des Tiers abgelaufen sein." So beginnt der deutsche Kulturhistoriker Bernd Hüppauf sein Werk, das mir zu würdigen, wie ich vorhatte, allerdings nicht möglich ist. Aufgrund des Untertitel hatte ich mir eine Auseinandersetzung mit Bildern vorgestellt, und nicht etwa von Bildern im übertragenenen Sinne, also Konzepten Vorstellungen, Theorien. Dazu kommt, dass ich keinen wirklichen Bezug zur akademisch-universitären Gedankenwelt des emeritierten Professors habe.

"Nicht im Rahmen der Physik, sondern der Biologie und den Theorien vom Leben stellen wir heute die Frage nach dem Menschen. Sie ist von der Frage nach dem Tier nicht zu trennen, Nur wenn wir eine Vorstellung von dem bisher eingeschlagenen Weg zum Tier entwickeln, wird es möglich sein, in die Zukunft zu denken und Entscheidungen zwischen Alternativen mit Besonnenheit, von der Herder spricht, zu treffen und trotz der deprimierenden Bilanz einen Hoffnungsschimmer zu bewahren."

Es ist ein ungemein dichter, hoch reflektierter, einleuchtend argumentierender Text, den Bernd Hüppauf mit Auf dem Weg zum Tier vorlegt, der jedoch, wie das angeführte Zeit zeigt, im allgemein akzeptierten Denken unterwegs ist: Wir müssen die Vergangenheit kennen, aus ihr lernen, und bedürfen der Hoffnung, um nicht zu verzweifeln. Nur eben: Die Geschichte beweist so recht eigentlich zur Genüge, dass wir aus ihr nicht lernen. Dazu kommt, dass je älter ich werde, desto mehr unseren gängigen Rationalisierungen misstraue. Und so will ich mich hier auf einige Aspekte beschränken, die ich glaube, verstanden zu haben und überdies  anregend und bereichernd finde.

Fakt ist: Tierarten sterben heute in unvorstellbaren Grössenordnungen aus. Viele Zeitgenossen berührt das nicht, die meisten nehmen davon auch gar keine Kenntnis. "Stets schiebt sich ein anderer Reichtum, der in Geld ausgedrückt werden kann, nach vorn. Vor dem deklarierten Schutz der Tiere stehen die Interessen der Chemieindustrie, der industrialisierten Landwirtschaft und grosser Wählergruppen."

Mit dem Aufkommen des Rationalismus in der frühen Neuzeit (Mitte des 13. Jahrhunderts bis Ende des 15. Jahrhunderts) erwachte nicht nur ein neues Selbstbild des Menschen, auch sein Verhältnis zum Tier änderte sich. "Mangel an Vernunft, Unberechenbarkeit und Gewaltsamkeit, werden dem Tier zugeschrieben." Der sich an der Wissenschaft orientierende Mensch verschrieb sich dem Fortschritt. "Dem steht das Erlebnis Tier gegenüber. Im Erlebnis ist das Tier die Verkörperung von Fortschrittslosigkeit. Nicht der Vorschein von Verbesserung, sondern das Sich-Abfinden mit den Verhältnissen geht vom Tier aus."

Ich zitiere hier ohne die Berücksichtigung des Kontextes, erwähne also nur, was ich erhellend finde bzw. worüber ich bis anhin nicht nachgedacht habe. "Das Bild vom Leben, das die Moderne entwickelt, ist eine getarnte Fortsetzung der Gewalt und Herrschaft über das nicht-menschliche Leben. (...) Gewalt wird als die Nutzung der Natur zum Vorteil des Menschen gerechtfertigt."

Der Mensch begreift sich nicht als Teil der Natur, sondern als Herrscher über die Natur. "Der Verzicht auf Herrschaft über die Natur verlangt einen radikalen Wandel im Denken, für den es bisher keine Anzeichen gibt. Auch die Tierrechtsbewegung ist in den Zirkel eingebunden (...) Es könnte dem Tier gut gehen, ist die Überzeugung der Bewegung, wenn seine Rechte kodifiziert und sanktioniert würden. Das ist eine naive Erwartung (...) Es kann dem Tier erst gut gehen, wenn sich die mentale Haltung ändert und die Sorge für die Natur und das Tier zur Grundeinstellung wird."

Doch wie ändert man eine mentale Haltung? Grundlegende Einsichten bietet dieses Werk, allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass auch noch so überzeugende Kopfeinsichten (und dieses Buch ist voll davon) einen solchen Wandel, so wünschenswert und nötig er meines Erachtens auch ist, werden bewerkstelligen können. Erst wenn der Mensch sich als Teil der Natur erlebt (und dafür müsste er seinen Kopf leeren), wird sich seine mentale Einstellung ändern können.

Bernd Hüppauf bleibt jedoch nicht in der Theorie gefangen, sondern macht praktische Vorschläge. Er plädiert für die Sorge, auf die Tiere seiner Meinung nach ein Anrecht haben. "Es geht um die Verpflichtung des Menschen, für das Tier Sorge zu tragen wie für seinen Nächsten, um ein an zahlreichen Stellen der Bibel gebrauchtes Wort zu variieren."

Bernd Hüppauf
Auf dem Weg zum Tier
Tiere und Tierbilder von der
frühen Neuzeit zur ökologischen Krise
transcript, Bielefeld 2026