Wednesday, 14 January 2026

Bad Blood

Bad Blood“ handelt nicht nur von der Studienabbrecherin Elizabeth Holmes, der Gründerin von Theranos einem Start-up, das die Medizinindustrie revolutionieren sollte, sondern erzählt auch die Geschichte einer Besessenheit, der ganz viele kapitalistisch Erfolgreiche verfallen sind. Vor allem aber zeigt dieses sehr spannend geschriebene Buch, dass die Werte, die „unser“ Wirtschaftssystem hochhält (grösser und besser und mehr), uns letztlich alle ins Verderben stürzen. Nicht etwa, dass uns diese Aussicht beeindrucken würde, denn es ist zu vermuten (dies lehrt uns die Geschichte), dass Solches oder Ähnliches immer wieder passieren wird. Bisher sind wir trotz (und nicht etwa wegen) unserer Anstrengungen davon gekommen.

Im Vorstand von Theranos, einem Unternehmen, das versprach, dass ein einziger Tropfen Blut reichen würde, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu steuern, sassen unter anderen Henry Mosley ein Veteran der Technologieszene des Sillicon Valley, Channing Robertson, der stellvertretende Dekan der School of Engineering der Stanford University und andere Arrivierte, denen Elizabeth Holmes Eindruck machte – Channing Robertson verglich sie mit Steve Jobs. Sicher, es gab auch immer wieder Zweifler, doch verblüffend ist schon, wie Hoffnung, Gier und Eitelkeit mit Einwänden, die einem nicht passen, umgehen. Klingt etwas vielversprechend, so ist es fast unmöglich, die Menschen, die daran glauben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Orientierung an Fakten ist den meisten wesensfremd

Ständig wurden bei Theranos Leute gefeuert, laufend kamen neue hinzu, einige kündigten auch von sich aus. Jedem aufmerksamen Beobachter musste auffallen (und einigen fiel es in der Tat auf), dass Elizabeth Holmes allzu viele Versprechen machte, die sie nicht einlöste. Immer wieder zeigte es sich, dass sie zwar äusserst smart war und hervorragend zu inspirieren und motivieren wusste, doch gleichzeitig auch extrem unberechenbar war, keinen Widerspruch ertragen konnte, absolute Loyalität forderte sowie etwa den eigenen Bruder (der keine einschlägigen Qualifikationen mitbrachte) ins Unternehmen holte – das System-Trump lässt grüssen: „Eine derartig hohe Personalfluktuation hatte er noch nie erlebt. Ausserdem machte ihm die Kultur der Unehrlichkeit im Unternehmen immer mehr zu schaffen.“

Dass Elizabeth Holmes mit dem CEO ihres Unternehmens zusammen lebte, hielt sie geheim. „Wenn Elizabeth schon bei einer solchen Sache nicht aufrichtig war, log sie dann auch bei anderen Dingen?“ Würden die Menschen die richtigen Konsequenzen aus ihren Beobachtungen und Einsichten ziehen, wäre es nicht zu einem „Fall Theranos“ gekommen – „unsere“ Gehorsamskultur steht der Zivilcourage jedoch entgegen.

Nach inspirierenden Figuren zu suchen, sich nach Heldinnen und Heilsbringern zu sehnen, scheint dem Menschen Schicksal – nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, im Sport, ja, so recht eigentlich allüberall. Tyrannen, die Machiavellis Diktum vom Teilen und Herrschen in den Genen haben, nutzen das aus. Dass sie gelegentlich tief fallen, sollte keine Beruhigung sein – lernen, sich nicht tyrannisieren zu lassen, wäre weit wichtiger.

Dem Autor John Carreyrou, einem investigativen Journalisten beim „Wall Street Journal“, ist mit diesem Buch auch eine Persönlichkeitsstudie gelungen, die es in sich hat. Würden wir von Ehrgeiz getriebene, charismatische und inspirierende Egozentriker wie Elizabeth Holmes verstehen, so wäre uns klar, dass sie nur in Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder denken können, nur an der Verwendbarkeit (dem Ausnutzen) von anderen interessiert und gänzlich unfähig zur Empathie sind. Kurz und gut: Wir würden nicht auf sie hereinfallen.

„Bad Blood“ liest sich wie ein Thriller und lässt wenig Hoffnung aufkommen, solche Betrügereien könnten einmal überwunden werden, denn des Menschen Blödheit (maskiert als Glaube, Hoffnung oder Vision) wird sich kaum ändern. In der Wissenschaft, hat der Physiker und Nobelpreisträger Richrad Feynman einmal gemeint, gehe es darum, sich nicht selber herein zu legen, doch da dies das Allerleichteste überhaupt ist, tun wir es ständig. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern generell.

Eindrücklich, überzeugend und spannend. Notwendige Aufklärung vom Feinsten!

John Carreyrou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des grössten Betrugs im Silicon Valley
DVA, München 2019

Sunday, 11 January 2026

Die Fotografin

Die Fotografin“ ist nicht mein erstes Boyd-Buch, doch keines der vorherigen (Unser Mann in Afrika, Brazzaville Beach, Solo) hat mich dermassen berührt. Das kann natürlich Ursachen haben, die alleine bei mir liegen. So kann es sein, dass mich das Thema Fotografie heutzutage mehr anspricht als die afrikanischen Themen von damals. Vielleicht ist es aber eben auch so, dass William Boyd niemals besser geschrieben hat als in „Die Fotografin.“

Die Fotografin Amory Clay, deren Schicksal in diesem Buch erzählt wird, hat es nie gegeben, sie ist erfunden und zwar so gut, dass ich sie für real gehalten habe. Und da der Autor so ziemlich alles tut, damit man seine Heldin für real hält – dem Buch sind auch Fotos beigegeben, sein Dank geht ausschliesslich an Fotografinnen und Autorinnen, die wirklich existiert haben – , ist das auch nicht wirklich verwunderlich.

Vorangestellt ist diesem Roman ein Ausschnitt aus Jean-Baptiste Charbonneaus „Avis de Passage“ aus dem Jahre 1957, der mich sofort berührte, obwohl der Mann und das Werk fiktiv (das schliesst das fehlerhafte Zitat im französischen „Original“ mit ein) sind: „Wie lange man auch auf diesem kleinen Planeten verweilen mag, was immer einem dabei widerfahren mag, das Wichtigste ist, dass man dann und wann empfänglich ist für die sanfte Liebkosung des Lebens.“

Amory weiss schon früh, dass sie nicht studieren, sondern Fotografin lernen will. In Berlin gelingen ihr Fotos, die in London einen Skandal auslösen. Ein Angebot aus New York ermöglicht ihr einen ersten Neuanfang, weitere werden folgen. Im Frankreich des Zweiten Weltkrieges und später in Vietnam ist sie als Kriegsfotografin unterwegs, was Boyd dazu inspiriert, sie diese cleveren Gedanken zu Robert Capas „Fallendem Soldaten“, der wohl berühmtesten Kriegsfotografie aller Zeiten, denken zu lassen: „Wird man von einer Gewehr- oder MG-Kugel tatsächlich mit solcher Wucht nach hinten geschleudert? Genau hier liegt meiner Ansicht nach das Problem. Capas zurückstürzender Soldat mit den ausgebreiteten Armen hätte auch problemlos in einen zweitklassigen Hollywood-Western gepasst. Es ist ein gewissermassen ‚bühnenreifer‘ Tod, den dieser Soldat zu sterben scheint.“

Die Fotografin“ ist ein ungemein atmosphärischer Roman, reich an Szenen, die einem noch lange nachhängen. Etwa die, als der seelisch und geistig verwirrte Vater sich umbringen will und mit der kleinen Amory in einen See rast. Oder die, als die nach New York übersiedelte Amory der Ehefrau ihres Liebhabers vorgestellt wird. Oder die, als sie während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich auf das Flugzeugwrack ihres verunglückten Bruders trifft, der den Absturz überlebt hatte, doch dann von deutschen Soldaten erschossen wurde.

Es sind ungemein starke Bilder, die dieses Buch hinterlässt. Das liegt einerseits daran, dass William Boyd ein begabter Geschichtenerzähler ist und hat andererseits damit zu tun, dass es einem (mir jedenfalls) immer mal wieder verblüffende Einsichten vermittelt. „Ich stellte fest, dass das Leben durch einen langwierigen Genesungsprozess ungeheuer vereinfacht wurde. Als Patient musste man lediglich die Krankheit erdulden und sich bemühen, gesund zu werden. Für alle übrigen Belange – Körperhygiene, Essen, die Kommunikation mit der Aussenwelt – waren andere zuständig.“

Anhand seiner fiktiven Heldin schildert Boyd spannend und überzeugend ein ganzes Jahrhundert. Dass er die Figuren, die seine Geschichte bevölkern, erfunden hat, tut dem keinen Abbruch. „Si non è vero, è ben trovato“ heisst es im Italienischen. „Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden“, dieser Giordano Bruno zugeschriebene Satz bringt nicht nur die gängige Geschichtsschreibung, sondern auch Boyds Buch auf den Punkt

Die Fotografin“ ist sowohl ein höchst lehrreiches Werk und als auch eine raffinierte Fälschung. Und es ist ein wunderbar gelungener Roman, durchsetzt mit weisen Sätzen wie etwa diesem: „Ja, mein Leben war sehr kompliziert, doch nun wird mir klar, dass gerade diese Komplikationen mich gefordert und am Ende beglückt haben.“

William Boyd
Die Fotografin 
Berlin Verlag, München 2016

Wednesday, 7 January 2026

Wie Journalisten ticken

Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Warzen der Welt sehen, die Unzulänglichkeiten von Menschen und Orten. Die gesunde Normalität, die unser Leben zumeist ausmacht, der Grossteil unseres Planeten, der nicht dem Wahnsinn verfallen ist, reizt sie weniger als Aufstände und Razzien, zusammenbrechende Staaten und sinkende Schiffe, nach Rio geflohene Banker und brennende buddhistische Nonnen – Unglück ist ihr Geschäft, das Spektakel ihre Leidenschaft, die Banalität ihr Erzfeind.

Journalisten treten stets im Rudel auf, eine Meute, deren Spannung jederzeit auf ihre Umwelt überspringen kann, und es lässt sich nur erahnen, inwiefern ihre geballte Anwesenheit ein Ereignis nicht erst auslöst, Leute erst zu ihren Taten anstachelt.

Neuigkeiten, über die nicht berichtet wird, zeitigen nun mal keine Konsequenzen, ja, es ist, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben. Deshalb ist der Journalist ein solch wichtiger Verbündeter der Ehrgeizigen, er ist die Zündfackel, die den Star zum Leuchten bringt.

Manch ein Journalist gibt sich dem Irrglauben hin, es sei sein Charme, nicht seine Nützlichkeit, dem er seine Privilegien verdankt; doch die meisten Journalisten sind Realisten, die sich nichts vormachen lassen. Sie benutzen andere, so wie sie selbst benutzt werden.

Gay Talese. Das Reich, die Macht und die Herrlichkeit der New York Times

Sunday, 4 January 2026

Am Rande des Grönland-Eises

„Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die verblüffenden Kunstwerke erkundet“, schreibt der Geologe William E. Glassley in „Eine wildere Zeit“. Und genau das tut er denn auch. Zusammen mit zwei Kollegen macht er sich auf, um nach Beweisen für die These zu suchen, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben.
 
Doch was genau tun eigentlich Geologen, wie gehen sie vor? Im Falle der drei Grönland-Erkunder sieht das so aus, dass sie zu Fuss oder per Boot durch eine Welt unterwegs sind, in der grossteils noch nie ein Mensch gewesen ist. Und das ist, wie die drei erfahren, nicht ungefährlich. Sie nehmen Proben, fotografieren und vermessen uralte Felsen – sie sammeln Daten.
 
In „Eine wildere Zeit“ schildert William E. Glassley fünf Expeditionen, die er zu den Gesteinen Grönlands gemacht hat. Dabei schreibt er unter anderem von Erwartungen, die zerbröckeln. Als er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“ Der zerstörerische Akt der Probenentnahme beschäftigt ihn.
 
Er stört sich an seinem Eindringen in die Stille, macht sich Gedanken über die Folgen seiner schweren Schuhe für diese empfindliche Welt. Und er denkt über die Wissenschaft nach, dieses eigenartige Geschäft, die mit einem vereinfachten und zwangsläufig fehlerhaften Abbild der Wirklichkeit arbeitet.
 
„Die Linien auf unseren Karten suggerieren Grenzen, die unsere Erwartungen bestimmen und einengen. Grenzen vereinfachen, kategorisieren und verleiten uns dazu, zu reagieren, ohne zu überlegen. In der Natur aber ist alles ein Fliessen, ein Prozess, der keine Grenzen kennt.“ Was bestenfalls möglich ist, ist eine Annäherung. Wesentlich ist, zu begreifen, „dass Grenzen eine andere Form der Fata Morgana sind.“
 
William E. Glassley ist nicht nur wissenschaftlich unterwegs, er beschreibt auch, wie er die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises erlebt und erfährt. Wie er das eiskalte Bad in arktischen Gewässern schildert, lässt einen selber fast vor Kälte erzittern; wie er bei seiner Rückkehr Licht, Luft und Geräusche mit geschärften Sinnen wahrnimmt, regt einen dazu an, die eigenen Sinne zu schärfen.
 
„Während ich halb gedankenverloren durch die Gräser und kurzstieligen Blumen des Tundrateppichs spazierte, breitete sich in mir ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, als hiesse mich der weite Raum willkommen.“ Es sind solche Passagen, die diesen schmalen Band zu weit mehr als einem geologischen Bericht vom Rande des Grönland-Eises machen.
 
Als er sich einmal mit seinem Gesicht dem Boden nähert, wird er ganz unvermutet von süssem Blumenduft überschwemmt. Dabei realisiert er unter anderem, dass wir Menschen üblicherweise nur einen winzigen Teil der Welt erleben. „Evolutionär sind wir mehr oder weniger optimal an einen Raum angepasst, der etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen ist hilfreich, wenn wir über unseren Platz auf diesem Planeten etwas erfahren wollen.
 
William E. Glassley führt vor, dass Wissen und Erleben ganz verschiedene Dinge sind. Am Ende seiner Expeditionen ist er ein anderer Mensch geworden. Gewissheiten, die er für unumstösslich hielt, haben sich in der Abgeschiedenheit der Wildnis gewandelt. „Hier müssen wir uns nicht unermüdlich anstrengen, alles in richtig und falsch einzuteilen, denn die ungestüme Wildnis kennt keine Urteile, nur das Sein.“
 
„Eine wildere Zeit“ ist eine höchst eindrückliche Einladung, sich mit dem Wunder der Existenz auseinanderzusetzen.

William E. Glassley
Eine wildere Zeit
Verlag Antje Kunstmann, München 2018

Wednesday, 31 December 2025

Eine orientalische Tänzerin aus Niederbayern

 

Elfriede Sattler, 1931 in ärmlichen Verhältnissen im Passauer Land aufgewachsen, flieht mit zwanzig vom elterlichen Bauernhof, zuerst nach München, wo sie als Haushaltshilfe und Bedienung arbeitet, bis sie dann mit einer Tanzgruppe nach Zypern zieht und schliesslich in Kairo den orientalischen Tanz entdeckt.

„Nabelfrei“ ist ein beeindruckendes Buch. So erfährt man zum Beispiel, wie die Verhältnisse auf dem Land in den 1930ern und 1940ern waren. „Damals suchten die Geistlichen in ihrer Gemeinde noch diejenigen Ehepaare auf, bei denen sich nicht jedes Jahr ein Kind ankündigte, um sie zur Rede zu stellen. Selbst eine Frau, die schon viele Kinder hatte – vierzehn und mehr waren keine Seltenheit – , kam bei einer Pause von ein, zwei Jahren in Erklärungsnot. Häufig starben die Mütter nach einigen Schwangerschaften an Entkräftung oder am Kindbettfieber, wodurch sich das Thema irgendwann auf diese Weise erledigte. Der Mann nahm sich danach oft eine zweite Frau und vielleicht auch eine dritte, und alles ging wieder von vorne los.“

In diesem Umfeld wächst Elfriede auf, von der Mutter als Rauschdepp betitelt und vom Stiefvater regelmässig vergewaltigt, bis sie schliesslich das Weite sucht. „Die Männer bei uns in Niederbayern“, schreibt sie, „schienen wohl keine andere Lösung für ihre Probleme zu kennen als das Wirtshaus.“ Und fügt dann hinzu: „Aber wenn man es recht bedenkt, war und ist es überall auf der Welt so.“ Übrigens, und auch dies lernt man aus diesem Buch, durften damals Frauen über kein eigenes Bankkonto verfügen und wenn es der Gatte untersagte, auch keinen Beruf ausüben. Erst in den siebziger Jahren wurden diese Gesetze restlos ausgemerzt.

Diese Welt hat Elfriede Sattler radikal hinter sich gelassen: „Meine Bereitschaft, kompromisslos alles hinter mir zu lassen, überraschte mich selbst.“ An klaren Meinungen scheint es ihr nie gefehlt zu haben. Über den damaligen Frauenschwarm und Schwerenöter Curd Jürgens stellt sie fest: „Der Mann stinkt nach Alkohol, Schweiss und Samen.“

Spannend und lehrreich ist auch, was die Autorin vom Orient und vom Tanzen zu berichten weiss. So wurde ihr etwa über König Farouk von Ägypten erzählt, dass er fresssüchtig, spielsüchtig und sexbesessen war. Knapp fünftausend Frauen habe er mit seiner Manneskraft schon beglückt, und trotzdem sei sein Komplex immer noch nicht geheilt. In Rom, wo er im Exil lebe, stehe die ganz Stadt Kopf, weil niemand wisse, woher man noch Prostituierte nehmen solle, die allein durch die Nähe zum Vatikan ausgelastet seien.

In Kairo, von dem sie hingerissen ist, lernt sie den ägyptischen Tanz-Superstar Samia kennen, die ihr klar macht, dass sie weder einen ‚bellydance‘ noch einen ‚dance du ventre‘ und auch keinen Bauchtanz, sondern einen ‚oriental dance‘ ausübe. Dabei gelte es nicht nur den Bauch, sondern auch allen anderen Körperteile, vom kleinen Zeh bis zur Kopfhaut, zu beherrschen. Elfriede will das unbedingt lernen. „’Ich gebe dir nur Tipps, der Rest liegt bei dir‘, betonte Samia.“ In der Folge bringt es die gebürtige Niederbayerin unter dem Namen Ulfat Sharif zu einer der gefragtesten Tänzerinnen der arabischen Welt („… im Nahen Osten … sahen die Menschen eine orientalische Tänzerin nicht als kulturelles Eigentum an. Sie verkörperte vielmehr ein Lebensgefühl. Entscheidend für ihre Anerkennung war, wie sie das ewig Weibliche in ihrem Tanz erzählte.“) und hat ausgesprochen klare Vorstellungen, was sie von einem Mann erwartet: „… Grosszügigkeit setzte ich bei einem Mann schon voraus. Sozusagen als Massstab für die Wertschätzung, die er mir entgegenbrachte.“ Zudem hat sie vor sich selbst „ein Gelübde abgelegt: in jedem Land ein anderer Mann. Vielleicht auch mal keiner. Falls ich ein Land mehrmals besuchte, sollte die Devise für jeden Aufenthalt gelten. Nie, nie, niemals wollte ich mich für länger binden. Familie und Kinder? Dazu war ich viel zu beschäftigt.“ Ob es dabei geblieben ist, und noch vieles andere mehr, erfährt man in diesem anregenden Buch.

Elfriede Sattler
mit Ulaya Gadalla
Nabelfrei
Mein Leben, kein Roman
Knaur Verlag, München 2012

Sunday, 28 December 2025

Der letzte Mensch

Es liegt noch nicht lange zurück seit ich Mary Shelleys Frankenstein oder der neue Prometheus gelesen habe, schwer beeindruckt, dass eine so junge Frau (sie war 18 als sie damit begann, 21 als sie es zu Ende gebracht hatte) über eine derartige Hellsichtigkeit verfügen kann. Seit dieser Lektüre weiss ich wieder einmal, dass es Klassiker gibt, die diese Bezeichnung zu Recht tragen.

Den Roman Der letzte Mensch aus dem Jahre 1826, habe Mary Shelley für eines ihrer wichtigsten Werke gehalten, erfahre ich aus dem Klappentext. Das mag mit ein Grund sein, weshalb ich mich dafür interessiere, der wichtigere jedoch ist, dass mich Dystopien faszinieren und dieses Buch als die erste Dystopie der Weltliteratur bezeichnet wird.

Worum geht’s? Adrian und Idris, die Kinder des abgedankten Königs, befreunden sich mit den Waisenkindern Lionel und Perdita, deren Vater mit dem König gut bekannt gewesen war. Lionel und Idris werden ein Paar, Perdita heiratet den kriegerischen Lord Raymond.

Der Idealist Adrian („Dass Hass, Tyrannei und Furcht nicht länger ihre Zuflucht in menschlichen Herzen fänden! Dass jeder Mann einen Bruder in seinem Gefährten finden würde …“) und Lord Raymond („… er handelte stets voller Selbstsucht. Er betrachtete die Struktur der Gesellschaft als einen Teil der Maschinerie, die das Netz, auf dem sein Leben beruhte, stützte.“) könnten unterschiedlicher nicht sein, doch zusammen mit Lionel, Perdita und Idris bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, die Raymond zum Lordprotektor von England macht. Diese Wahl wird ausgesprochen spannend geschildert und offenbart auch die ausgeprägten psychologischen Einsichten der Autorin – es war Raymonds ursprüngliche Absicht gewesen, Adrian für diesen Posten zu nominieren, ohne sich bewusst zu sein, dass er ihn für sich selber erhoffte.

Wieder einmal bin ich erstaunt, wie ähnlich die Zeit, die hier geschildert wird, der heutigen ist. „Der physische Zustand des Menschen würde bald nicht mehr hinter der Schönheit der Engel zurückstehen; Krankheit sollte verbannt; die Arbeit ihrer schwersten Last entledigt werden (…) Das Böse hatte freilich überlebt, und die Menschen waren nicht glücklich, nicht weil sie es nicht konnten, sondern weil sie sich nicht dazu aufraffen wollten, selbstauferlegte Hindernisse zu überwinden.“

Andererseits würde man heutzutage kaum mehr so romantisch überschwänglich schreiben. Die Gefühle sind edel, da wird auch viel geweint und viel idealisiert. „ …in Perdita besass er alles, was sein Herz begehren konnte. Ihre Liebe brachte Zuneigung hervor; ihre Klugheit liess sie jedes seiner Worte verstehen; ihre Geistesgaben befähigten sie, ihn zu unterstützen und zu führen.“

Gelegentlich kam mir diese Dichtung auch arg melodramatisch vor, was jedoch von den ewigen Wahrheiten gemildert wurde, die von grosser Weisheit zeugen. „Wir nennen die überirdischen Lichter unbeweglich, aber sie wandern auf jener Ebene umher, und wenn ich wieder hinsehe, wo ich vor einer Stunde hingesehen habe, ist das Antlitz des ewigen Himmels verändert: Der törichte Mond und die unbeständigen Planeten ändern nämlich ihren unberechenbaren Tanz, die Sonne selbst, die Herrscherin des Himmels, verlässt ihren Thron und überlässt ihre Herrschaft der Nacht und dem Winter.“

Im zweiten Teil dann tritt die Pest auf. „Sie wurde eine Epidemie genannt. Aber die grosse Frage war noch immer ungeklärt, wie diese Epidemie erzeugt und verstärkt wurde.“ Unweigerlich denkt man an Covid-19. Dazu Rebekka Rohleder in ihrem Nachwort: „Die Welt von Shelleys Roman und nicht zuletzt die Pest, um die es darin geht, unterscheiden sich doch zu stark von Covid-19 und die Welt des 21. Jahrhunderts, als dass eine gründliche Lektüre von Der letzte Mensch als erschöpfende Vorbereitung für die Corona-Pandemie hätte gelten können.“ Was für die Literaturwissenschaftlerin stimmen mag, trifft auf mich nicht zu. Das liegt nicht nur daran, dass meine Lektüre wenig gründlich war und ich beim besten Willen nicht weiss, was eine „erschöpfende Vorbereitung“ hätte sein können, es liegt wesentlich daran, dass ich anders lese. Konkret: Mich interessiert weder der historische Kontext noch die Absichten der Autorin, mich interessiert alleine, wie ein Buch auf mich wirkt. Natürlich auch deswegen, weil ich unsere Unterteilungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für eine Illusion halte. Zugegeben, eine ziemlich beständige.

Sätze wie diese machen für mich deutlich, dass sich die letzten zweihundert Jahre nichts Wesentliches geändert hat. „ … ein Gefühl der Ehrfurcht, eine atemlose Empfindung des Staunens, eine schmerzliche Erniedrigung der Menschheit schlich sich in jedes Herz. Die Natur, unsere Mutter und Freundin, blickte uns drohend an. Sie zeigte uns deutlich, dass sie uns zwar erlaubte, ihre Gesetze anzuerkennen und uns ihren sichtbaren Kräften zu unterwerfen, doch wenn sie nur einen Finger höbe, müssten wir beben.“

Und auch wie die Behörden auf die Pest reagierten, scheint mir nicht gross anders als in unseren Corona-Zeiten: Ignorant und überfordert (auch die Intelligenten unter ihnen, denn ihre Vernunft reicht nur für den üblichen Lauf der Dinge, nicht jedoch für Unvorhergesehenes), denen nachgebend, die am lautesten schreien.

Ausführlich werden die Auswirkungen der Seuche beschrieben. Die Angst, Panik und Hilflosigkeit, aber auch die Beherztheit einiger. „War die Seuche einmal in den ländlichen Gebieten aufgetreten, erschienen ihre Auswirkungen schrecklicher, gefährlicher und schwieriger zu heilen als in den Städten.“ Das ist heutzutage sicher anders, jedenfalls in der kleinen, industrialisierten Schweiz. In Malawi, wie ich letzthin vernommen habe, scheint es hingegen nach wie vor so zu sein. Wie auch immer: Den Überblick hat niemand, mir scheint es auch unwahrscheinlich, dass ihn jemand haben könnte. Umso beeindruckender, dass Der letzte Mensch eine so recht eigentlich ziemlich umfassende Schilderung zustande bringt.

Mary Shelley ist eine Kennerin der menschlichen Seele. Eindrücklich versteht sie zu vermitteln, wie die Seuche das Beste wie auch das Übelste in den Menschen hervorbringt. Sie weiss um die Fragilität unseres angelernten Wissens, weiss, dass wir für Unerwartetes nicht gewappnet sind.

Fazit: Gescheit, empathisch und horizonterweiternd.

Mary Shelley
Der letzte Mensch
Reclam Verlag, Ditzingen 2021

Wednesday, 24 December 2025

On Stories and Memories

 I haven't a clue how memory works but I do know that mine is incredibly creative for it does remember things that never happened. There are also stories that I clearly recall and prefer not to check whether they are true or not – for the simple reason that I treasure them.

One of them concerns the late Cassius Clay, who, when about to be sent to fight in Vietnam, responded: I do not have any problems with these guys over there. and so I won't go. If you have problems with them, you go.

Another story I'm fond of: Many years ago, the then Swiss foreign minister, a social democrat, gave a speech that the media praised for being almost revolutionary. The minister however wasn't that pleased: Who the fuck wrote this speech?, he furiously wanted to know after he had left the stage.

Another foreign minister, not Swiss but South African, after addressing a crowd at a political rally during the times of Apartheid: To my supporters, let me say: Get back home safely, as to the others, who am I to tell them what to do?