Wednesday, 4 February 2026

Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden.

Als ich vor einiger Zeit wieder einmal auf Aldous Huxley gestossen bin und in der Folge einiges von ihm online gelesen habe, packte mich eine Einsicht, die mich seither begleitet. Nachdem er sich vierzig Jahre lang mit der conditio humana auseinandergesetzt habe, gestehe er nicht ohne Scham, dass ihm dazu so recht eigentlich nur gerade einfalle: Seid doch etwas netter und freundlicher miteinander.

Mich begeistert diese Einsicht geradezu, zeigt sie doch den Menschen als das, was er essentiell ist: Unbelehrbar, emotional ein Kind, ein Leben lang, das Anstand lernen muss. Entschieden weniger begeistert war ich von dem Soundbite eines sogenannt Prominenten (damit handelt es sich um Menschen, die die Medien prominent gemacht haben; ich beteilige mich nicht [mehr] an diesem ziemich kranken name dropping, wer wissen will, wer der Mann ist, gehe zur Website des Verlags): »Vergessen Sie Orwell, lesen Sie Huxley!« Dass das Blödsinn ist (der Mann weiss wie die Medien ticken, deshalb ist er prominent), weiss ich auch ohne das Buch gelesen zu haben.

Auf der Verlagswebsite findet sich auch Aufschlussreiches von der Lektorin des Werkes, die es dann aber auch nicht lassen kann, einen Wissenschaftsjournalisten mit der banalsten aller Fragen zu zitieren: »Warum haben wir nicht daraus gelernt?« Er sei nicht der einzige Warner gewesen, fügt sie hinzu, auch Einstein habe viel und oft gewarnt.

Man lerne aus der Geschichte, dass man nichts aus ihr lerne, meinte einst Hegel. Wer also die Frage heute noch stellt, beweist damit wieder einmal die Richtigkeit der Hegelschen Erkenntnis. Doch zum Buch, in dem Huxley einleitend festhält, er werde "aufzeigen und schildern, wie die angewandte Wissenschaft bislang zur Zentralisierung der Macht in den Händen einer kleinen herrschenden Minderheit beigetragen hat und wie man diesen Entwicklungen entgegentreten und sie vielleicht sogar umkehren kann."]

Zeit der Oligarchen stammt aus dem Jahre 1946 und beginnt mir einem Zitat Tolstois, das er ein halbes Jahrhundert zuvor verfasst hat. "Bei einer derartig schlechten Einrichtung der Gesellschaft wie der unseren, in der eine kleine Zahl von Menschen die Macht über die Mehrheit hat und diese unterdrückt, dient jeder Sieg über die Natur unweigerlich nur dazu, Macht und Unterdrückung zu vergrößern. Und genau das geschieht heute."

Damit ist alles Wesentliche bereits gesagt, könnte man meinen, doch weit gefehlt, denn durch die konkretisierenden Ausführungen von Huxley werden mir Dinge klar, die ich so noch gar nie gesehen haben. Vor allem, dass der technische Fortschritt den Mächtigen Instrumente an die Hand gibt, die sie praktisch unbesiegbar machen.

Dazu kommt, "dass der wissenschaftliche Fortschritt einer der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert ist." Es lohnt bei diesem Satz zu verweilen. Und dann daran zu denken, dass wirtschaftsfreundliche Politiker sich unablässig als Kämpfer für die Freiheit hervortun. Absurder geht kaum.

Huxley sieht Zusammenhänge, für die die meisten blind sind. "Zeitunglesen und Radiohören erzeugen psychische Abhängigkeit, die sich wie die körperliche Sucht nach Drogen, Tabak und Alkohol nur durch die Willensanstrengung des Süchtigen besiegen lässt." Man kann sich in der Tat durch Willensanstrengung vom Medienkonsum verabschieden, bei Alkohol und anderen Substanzdrogen kommt man damit allerdings nicht sehr weit. Nichtdestotrotz: "Fortgesetzte Hingabe an die psychischen Suchtmittel hat ihren Preis, und dieser Preis ist unerwünschte Propaganda." Dagegen wehren geht nur durch Verzicht: Man muss sich den Medien verweigern, denn die gehören denen mit Geld, Macht und Einfluss.

Einleuchtend und überzeugend legt Huxley dar, dass mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt eine Veränderung unseres Denkens stattfindet. Wir sind derart zuversichtlich geworden, dass wir unsere Wunschvorstellung, etwas sei umsonst zu, gar nicht in Zweifel ziehen. "Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen." Es sind die Fortschrittsgläubigen, die irre sind, nicht die Skeptiker.

Wissenschaftliches Arbeiten gründet im Vereinfachen. Im Labor ist das sinnvoll, in der Lebenswirklichkeit nur bedingt. Um Resultate zu liefern bedient sich die Wissenschaft einer Komplexitätsreduktion, die dann für die Realität gehalten wird, dabei allerdings ausser Acht lässt, dass unsere erfahrbare Wirklichkeit nicht wie abstrakte Modelle funktioniert. So sehr wissenschaftliche Erkenntnisse auch zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, der Preis ist die fortschreitende Entfremdung – und diese macht uns krank.

Aldous Huxley betrachtet die Dinge grundsätzlich und in grösseren Zusammenhängen, was in der heutigen Zeit, die von Nützlichkeitserwägungen geprägt ist, selten genug, doch notwendig ist. Nur eben: Es geht schon lange, angetrieben durch die Vergötterung des Profits, in eine ganz andere Richtung: Die Zerstörung unseres Lebensraums nimmt zu.

Es sind vor allem die Ausführungen zur Wissenschaft, die mich gepackt haben. Selten war mir so deutlich vor Augen, dass Wissenschaft sich immer nur mit Teilaspekten befasst, was vielen Wissenschaftlern durchaus klar ist, doch den meisten anderen nicht, von denen allzu viele glauben, ihnen werde durch die Wissenschaft ganze Welt begreiflich germacht.

"Die Mentalität sämtlicher Nationen – die Mentalität, die ansonsten vernünftige Erwachsene einnehmen, wenn sie in der internationalen Politik wichtige Entscheidungen treffen – ist die eines vierzehnjährigen Straftäters: hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberhaft und eitel." Und da glaubten doch viele der ganz Kurzsichtigen (mich eingeschlossen), wir würden heute noch nie Dagewesenes erleben.

"Das größte Bedürfnis der Menschheit ist ausreichende Ernährung; dennoch wird die Politik der Nationalstaaten heute in erster Linie von Machterwägungen diktiert." Mit anderen Worten: Ein anderes, ein neues Denken ist erforderlich; es braucht den Menschen, der nicht von Gier und Macht angetrieben wird, sondern der Freiheit und dem Frieden verpflichtet ist. Dafür hat sich Aldous Huxley clever und eloquent engagiert.

Aldous Huxley
Zeit der Oligarchen
Hanser, München 2025

Sunday, 1 February 2026

Da mesma época

Ob sie mir ein Stück, ein kleines, von dem Pudding abschneiden könne?, frage ich bei den Desserts im Supermarkt. Sie hätten da auch schon fertig zugeschnittene kleine Stücke, sagt sie. Als ich daraufhin anmerke, mir scheine der grosse Pudding frischer, antwortet sie, die beiden seien "da mesma época". Das klingt zwar in meinen Deutschweizer Ohren alles andere als frisch, doch was wissen Deutschweizer Ohren schon von brasilianischen Ausdrucksweisen ...

Santa Cruz do Sul, am 30. Januar 2026

Wednesday, 28 January 2026

Ich bin Dynamit

Nietzsches Familie war von einer starken Neigung zu geistiger oder neurologischer Instablität betroffen – sein Vater starb im Alter von 35 Jahren, er wuchs umringt von Frauen auf, Mutter, Grossmutter und zwei Tanten. Über letztere schreibt Sue Prideaux trocken: „Beide Tanten litten unter den damals weit verbreiteten nervlichen Beschwerden und behielten den Arzneischrank stets in Reichweite, ohne diesem jemals wirklich Heilsames entnehmen zu können.“

Ralph Waldo Emerson, Friedrich Hölderlin und Empedokles sollten Nietzsches kreatives Denken viele Jahre inspirieren. „Empedokles postuliert einen universellen Kreislauf der Dinge, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt. Vielmehr existiert eine in der Summe unveränderliche und ewige Form der Materie aufgrund der Mischung und Entmischung der beiden ewigen – und ewig widerstreitenden – Mächte: Liebe und Hass.“

Als Nietzsche mit 23 Jahren zum Professor für Klassische Philologie in Basel berufen wurde („Er hatte zwei Semester in Bonn und zwei Semester in Leipzig an der Universität verbracht, besass aber keinerlei Abschluss. Dennoch hatte sein hoch angesehener Professor Ritschl seinen Musterschüler für den Posten vorgeschlagen.“ – was doch Einfluss alles bewirken kann! Der für den Lehrstuhl unabdingbare Doktortitel wurde ihm übrigens von Leipzig ohne Examen verliehen.), studierten gerade einmal 120 Studenten an der kleinen Universität, die meisten von ihnen Theologie. Erspriessliche Kontakte hielt der talentierte Pianist Nietzsche in dieser Zeit mit dem in Tribschen bei Luzern residierenden Richard Wagner und dem Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, zwei Menschen, die gegensätzlicher kaum hätten sein können.

Ich bin Dynamit ist ein hervorragend geschriebenes Werk (glänzend übersetzt von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler), das Nietzsches Leben höchst anschaulich erzählt, wobei auch immer wieder der sehr englische Humor der Autorin, die heute in Norwegen lebt, durchscheint. So kommentiert sie etwa sein kompositorisches Bemühen mit „Das Stück war typisch für Nietzsches Klavierkompositionen in jener Phase, ein Potpourri aus Bach, Schubert, Liszt und Wagner. Zerfasert, übertrieben emotional und arm an Entwicklung wecken seine Kompositionen unweigerlich den Gedanken, Nietzsche hätte, wäre er ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“ .

Nietzsche war ein sehr impulsiver Mann (als Mathilde Trampedach, die er gerade mal ein paar Tage kannte, eine Bemerkung macht, in der er sich erkannt fühlt, macht er ihr gleich einen Heiratsantrag) und litt ein Leben lang an den unterschiedlichsten Gebrechen – dass er diesen standhielt, ist ein Wunder und zeugt von einer ungeheueren inneren Stärke. Überaus eindrucksvoll ist, dass er seine Krankheiten zum Anlass nahm, sich immer wieder neu zu orientieren und dabei seinem Credo „Werde, der du bist“ stetig näher kam.

Als ich als 18Jähriger „Also sprach Zarathustra“ las, hat es mich regelrecht umgehauen. Von der damaligen Lektüre weiss ich nur noch, dass mein gesamtes Wertesystem ins Wanken geriet und sich Abgründe auftaten. Ich bin Dynamit verschafft mir eine gute Ahnung davon, warum das so gewesen sein musste, denn Nietzsche war ein höchst radikaler Denker, der nichts mit den Repräsentanten des relativierenden Zeitgeistes am Hut hatte, sich von der Ketten-Krankheit (wie er die fehlgeleitete Loyalität seiner Familie gegenüber nannte) befreien und selbstverantwortlich das Leben begreifen wollte.

Priester und Philosophen lenken davon ab, worum es geht – um das Leben in der realen Welt. Nur eben: Der Mensch erträgt die Wirklichkeit nicht, sie macht ihm Angst, weswegen er Systeme kreiert, die ihm vermeintlich Halt geben. Doch davon gilt es sich zu verabschieden und sich dem Hier und Jetzt zu widmen. „Wenn sein ganzes Leben seinen Moment im Jetzt gefunden hatte, so war er bereit, den gesamten Lebenszyklus zu bejahen – alles, was bisher geschehen war und was noch kommen würde. Das Jetzt bot alles, und es war glanzvoll.“

Sue Prideaux ist mit Ich bin Dynamit ein absolut singuläres Buch gelungen, auch wenn es, wie alle Bücher, nicht ohne geringfügige Fehler ist. Bei dem kleinen Kurort in den Schweizer Alpen, wo Nietzsche zusammen mit Romundt und von Gersdorff einmal den Sommer verbrachte, handelt es sich nicht um Chur, sondern um Flims und der dortige See heisst nicht Caumesee, sondern Caumasee (S. 157). Doch das sind Details (andere sind mir nicht aufgefallen, ich bin kein Nietzsche-Kenner, doch ich kenne Flims und den Caumasee), die nicht ins Gewicht fallen und nur erwähnt werden, um zu zeigen, wie aufmerksam ich gelesen habe.

Ganz wunderbar geschildert ist unter anderem wie Lou Andreas Salomé auf der Bildfläche erscheint. Zum Einen verdreht sie vielen Männern den Kopf, zum Andern ist sie von einer erfrischenden Eigenständigkeit. Als Elisabeth fürchtet, sie habe es auf ihren Bruder abgesehen, macht sie ihr mehr als deutlich, dass dem nicht so sei. Kommentiert Sue Prideaux: „Auf den Schreck dieser vulgären Kritik hin drehte sich Elisabeth der Magen um. Man applizierte kalte Umschläge.“

Auch Nietzsches Philosophie kommt natürlich nicht zu kurz. Es gebe keine ewige Vernunft, vielmehr sei das Leben ein „Tanzboden für göttliche Zufälle“. Und was ist der Sinn, die Bedeutung des Ganzen? Die Biografin erläutert: „Bedeutung muss dadurch gefunden werden, dass der Mensch ‚Ja‘ sagt zu diesen göttlichen Zufällen auf dem Tanzboden.“ Zudem sei Nietzsche der Auffassung gewesen, es gebe „kein spezifisches Problem des Menschlichen, das es zu lösen gälte, aber seine allgemeine Beschreibung des Übermenschen ermutigt vielmehr jeden einzelnen von uns, nach seiner individuellen, unabhängigen Lösung zu suchen.“

Überaus lehrreich, äusserst packend und enorm clever – ein Geniestreich!

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit
Das Leben des Friedrich Nietzsche
Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Sunday, 25 January 2026

Last Orders

„ … it’s a privilege, to my mind, an education. You see humankind at its weakest and its strongest. You see it stripped bare of its everday concerns when it can’t help but take itself serious, when it needs a little wrapping up in solemness and ceremony. But it doesn’t do for an undertaker to get too solemn. That why a joke’s not out of place. That’s why I say: Vic Tucker, at your disposal.

It’s not a trade many will choose. You have to be raised to it, father to son. It runs in a family, like death itself runs in the human race, and there’s comfort in that. The passing on. It’s not what you’d call a favoured occupation. But there’s satisfaction and pride to it. You can’t run a funeral without pride. When you step out and slow-pace in front of the hearse, in your coat and hat and gloves, you can’t do it like your apologizing. You have to make happen at that moment what the bereaved and bereft want to happen. You have to make the whole world stop and take notice.”

 Graham Swift: Last Orders

Wednesday, 21 January 2026

Migration und Kriminalität

„Die meisten Leute haben nicht den leisesten Schimmer, was in Sachen Migration los ist“, ereiferte sich Fabian. „Asyl setzt ja voraus, dass man politisch oder religiös verfolgt ist. Das trifft auf die wenigsten Asylbewerber zu. Kennst du Frank Urbaniok, den forensischen Psychiater und Autor? In Schattenseiten der Migration weist er darauf hin, dass die Ausländerkriminalität in Deutschland, Österreich und der Schweiz überrepräsentiert ist. Und das bedeutet, dass Kriminalität auch mit der Kultur zu tun hat. Für mich, der ich einen Grossteil meines Lebens ausserhalb der Schweiz verbracht habe und interessiert an fremden Kulturen bin, ist das überhaupt keine Frage, sondern selbstverständlich. Genauso, dass wir lebenslang von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, geprägt bleiben. So habe ich in fremden Kulturen vor allem herausgefunden, wie schweizerisch ich bin.“

„Da fällt mir die Grünen Politikerin ein“, ergänzte Hugo, „die auf Instagram ein Bild von sich postete, das zeigte wie sie auf ein Bild von Maria mit Jesuskind schoss, worauf sie ihren Job als Kommunikationsberaterin sowie politische Ämter verlor. Sie wurde in Bosnien in eine muslimische Familie geboren, kam mit drei Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Integrierter kann man kaum sein, doch war sie es auch emotional? Wie konnte sie nur, was hat sie sich bloss gedacht?, wurde in der Folge gefragt. Diesen Fragen liegt die Annahme zugrunde, wir wüssten, was wir tun. Das ist Humbug. Wir haben keinen Schimmer, warum wir tun, was wir tun. Was wir bewusst äussern ist Theater bzw. klassische Dissonanz-Reduktion. Wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen. Das Unbewusste regiert uns. Was uns wirklich antreibt, wie wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.“

„Kommunikationsberaterin? Nur schon, dass das ein Beruf sein soll!“

„So ist eben unsere Zeit, die Fassade ist das Wichtigste. Doch das letztlich Entscheidende geschieht hinter verschlossenen Türen. Die Aufgeblasensten finde ich die selbst ernannten Spezialisten für Krisenkommunikation, die nie etwas anderes raten, als die Wahrheit zu sagen, da sie letztendlich doch heraus käme. Und dafür kriegen die Honorar, und nicht zuwenig!“

„Noch einmal zu Urbaniok. Er erwähnte auch, dass nicht alle Kulturen polizeilich auffällig werden, Kleinkriminelle kommen nie aus Westeuropa, Skandinavien, Asien, Nordamerika oder Australien. Dass sich linke Kreise darüber empören und Rassismus schreien, zeigt so recht eigentlich nur, in was für einer Fantasiewelt diese Leute leben.“

Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession. Tredition, 2025

Sunday, 18 January 2026

Chinas entführte Töchter

Dass Kindsentführungen im Krieg eingesetzt werden, ist mir zum ersten Mal bei der russischen Ukraine-Invasion bewusst geworden. Daher mein Interesse an diesem Werk. Dass Nationen, die sich als zivilisiert verstehen, sich derart unzivilisiert verhalten, zeigt vor allem, dass der unzivilisierte Mensch, wie das die Medien jeden Tag anhand des amerikanischen Narzissten vorführen, ein globales Phänomen und offenbar eher die Regel als die Ausnahme ist.

Bereits nach wenigen Seiten weiss ich, dass ich ein wichtiges Buch vor mir habe, bei dem es sich nicht nur, wie der Untertitel besagt, um eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel und der Suche nach Gerechtigkeit handelt, sondern ebenso sehr um die Darstellung der Gedanken- und Vorstellungswelt der herrschenden Kommunistischen Partei Chinas, "die dem nahezu mystischen Glauben anhing, Bevölkerungskontrolle sei das Geheimnis, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen."

Seit 1979 gestattete das Gesetz den meisten chinesischen Familien nur noch ein Kind. Verstösse wurden drastisch geahndet. Verschleppung, Abtreibung, hohe Bussen sowie die "Zerstörung des Hauses und die Beschlagnahmung des Eigentums" waren die Folge. Wie unerbittlich die chinesischen Behörden Gesetze durchsetzen, wurde mir klar, als ich vor 25 Jahren ein Semester lang in der Provinz Fukkien unterrichtete und von chinesischen Kollegen entsprechend aufgeklärt wurde.

Barbara Demick hat von 2007 bis 2016 als Korrespondentin in Peking gearbeitet und weiss kenntnisreich von den chinesischen Sitten und Gebräuchen zu berichten. Nicht zuletzt, dass der Nationalheilige Konfuzius auch eindeutig bescheuerte Vorstellungen gehabt hat. „Nach dem konfuzianischen Ideal war die höchste Pflicht eines Mannes, einen Sohn zu zeugen.“

Nordamerikanischer Qualitätsjournalismus (und darum handelt es sich bei diesem Werk) zeichnet sich auch dadurch auch, dass man mit vielen Details fast erschlagen wird (Amerikaner sind Puritaner durch und durch) und gelegentlich aufstöhnt: Jetzt komm endlich mal zum Punkt! Andererseits liefert diese Detailbeflissenheit aber eben auch viel Aufschlussreiches wie "Hochgepriesene Konzepte kamen so rasch wieder aus der Mode, wie sie aufgetaucht waren." Und da dachte ich immer, die Chinesen mit ihrer 5000 Jahre alten Geschichte, auf die sie gemäss meiner Erfahrung unablässig hinweisen, seien wirklich so beständig wie sie selber zu glauben scheinen. Nun ja, man kann bekanntlich viel glauben und Selbsttäuschung ist nach wie vor der Spitzenreiter unter den menschlichen Talenten.

Das brutale Vorgehen der Mediziner (es kam vor, dass nach Austritt des Kopfes bei der Geburt, dem Baby eine Injektion von Formaldehyd in den Schädel appliziert wurde) lässt einen sprachlos, doch wenn Barbara Demick fragt: "Wie konnten Menschen so brutal werden?" impliziert sie, dass es die Umstände sind, die die Menschen brutal machen und das ist schlicht Blödsinn; vielmehr ist es so, dass die Umstände es dem Menschen erlauben (um Rechtfertigungen war er noch nie verlegen), seine brutalen Seiten auszuleben.

Das chinesische Unterdrückungssystem geht mit grosser Härte gegen alle die vor, die sich ihm nicht beugen wollen. Dazu kommt, dass der Staat umfassend informiert ist; wie jeder totalitäre Staat ist auch der chinesische weder an Diskussionen noch an Kritik und Argumenten interessiert. Dieses Buch vermittelt die in China herrschende Unfreiheit höchst überzeugend.

Chinas entführte Töchter erzählt die Geschichte von Zwillingen, die beide, kurz nach der Geburt getrennt, sehr unterschiedlich aufwachsen, und deren Schicksal wie auch das ihrer Eltern die Autorin engagiert und einfühlsam dokumentiert. Dabei erläutert sich auch die grösseren Zusammenhänge ("Kinderhandel war in China seit jeher eine Plage."). Die Fülle an historischen Details legt den Schluss nahe, dass die Autorin offenbar glaubt, man könne aus der Geschichte lernen. Die Lektüre lohnt allerdings auch für die, die diese Auffassung nicht teilen, da dieses Werk auch eine überaus ansprechende Einführung in die chinesische Geschichte ist.

Barbara Demick zeigt unter anderem auf, wie kreativ sich die Rationalisierungen der Ein-Kind-Politik gestalten und auch wie willig sich der Mensch zeigt, andere zu diffamieren. Nicht nur während der Kulturrevolution erlebte der agent provocateur goldene Zeiten. Sehr gelungen werden auch diejenigen geschildert, die sich nicht einschüchtern lassen und sich gegen das Regime wehren.

Anhand der erzwungenen Separierung von Zwillingen, das eine Mädchen wächst in China auf, das andere in Texas, werden nicht nur die chinesischen und amerikanischen Denkweisen aufgezeigt, es wird auch auf die Zwillingsforschung sowie auf die Auswirkungen von Covid-19 eingegangen.

Die Autorin ist nicht nur die typische Merkerin (wie das angeblich die journalistische Rolle verlangt), sondern sie greift ein, handelt und schafft es, die chinesische und die amerikanische Familie zusammenzubringen. Eine erfreulich untypische Journalistin. 

Barbara Demick zeichnet das Bild eines rücksichtslosen Machtmissbrauchs im Namen des Gesetzes. Dass dies nicht nur in China der Fall ist, weiss jeder, der Zeitung liest. Also wenige. Und dass die Menschen in China angefangen haben, sich zu wehren, wissen noch weniger Menschen. Aufklärung liefert dieses gut geschriebene, engagierte und differenzierte Buch.

Barbara Demick
Chinas entführte Töchter
Eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel
und der Suche nach Gerechtigkeit
Droemer, München 2026

Wednesday, 14 January 2026

Bad Blood

Bad Blood“ handelt nicht nur von der Studienabbrecherin Elizabeth Holmes, der Gründerin von Theranos einem Start-up, das die Medizinindustrie revolutionieren sollte, sondern erzählt auch die Geschichte einer Besessenheit, der ganz viele kapitalistisch Erfolgreiche verfallen sind. Vor allem aber zeigt dieses sehr spannend geschriebene Buch, dass die Werte, die „unser“ Wirtschaftssystem hochhält (grösser und besser und mehr), uns letztlich alle ins Verderben stürzen. Nicht etwa, dass uns diese Aussicht beeindrucken würde, denn es ist zu vermuten (dies lehrt uns die Geschichte), dass Solches oder Ähnliches immer wieder passieren wird. Bisher sind wir trotz (und nicht etwa wegen) unserer Anstrengungen davon gekommen.

Im Vorstand von Theranos, einem Unternehmen, das versprach, dass ein einziger Tropfen Blut reichen würde, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu steuern, sassen unter anderen Henry Mosley ein Veteran der Technologieszene des Sillicon Valley, Channing Robertson, der stellvertretende Dekan der School of Engineering der Stanford University und andere Arrivierte, denen Elizabeth Holmes Eindruck machte – Channing Robertson verglich sie mit Steve Jobs. Sicher, es gab auch immer wieder Zweifler, doch verblüffend ist schon, wie Hoffnung, Gier und Eitelkeit mit Einwänden, die einem nicht passen, umgehen. Klingt etwas vielversprechend, so ist es fast unmöglich, die Menschen, die daran glauben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Orientierung an Fakten ist den meisten wesensfremd

Ständig wurden bei Theranos Leute gefeuert, laufend kamen neue hinzu, einige kündigten auch von sich aus. Jedem aufmerksamen Beobachter musste auffallen (und einigen fiel es in der Tat auf), dass Elizabeth Holmes allzu viele Versprechen machte, die sie nicht einlöste. Immer wieder zeigte es sich, dass sie zwar äusserst smart war und hervorragend zu inspirieren und motivieren wusste, doch gleichzeitig auch extrem unberechenbar war, keinen Widerspruch ertragen konnte, absolute Loyalität forderte sowie etwa den eigenen Bruder (der keine einschlägigen Qualifikationen mitbrachte) ins Unternehmen holte – das System-Trump lässt grüssen: „Eine derartig hohe Personalfluktuation hatte er noch nie erlebt. Ausserdem machte ihm die Kultur der Unehrlichkeit im Unternehmen immer mehr zu schaffen.“

Dass Elizabeth Holmes mit dem CEO ihres Unternehmens zusammen lebte, hielt sie geheim. „Wenn Elizabeth schon bei einer solchen Sache nicht aufrichtig war, log sie dann auch bei anderen Dingen?“ Würden die Menschen die richtigen Konsequenzen aus ihren Beobachtungen und Einsichten ziehen, wäre es nicht zu einem „Fall Theranos“ gekommen – „unsere“ Gehorsamskultur steht der Zivilcourage jedoch entgegen.

Nach inspirierenden Figuren zu suchen, sich nach Heldinnen und Heilsbringern zu sehnen, scheint dem Menschen Schicksal – nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, im Sport, ja, so recht eigentlich allüberall. Tyrannen, die Machiavellis Diktum vom Teilen und Herrschen in den Genen haben, nutzen das aus. Dass sie gelegentlich tief fallen, sollte keine Beruhigung sein – lernen, sich nicht tyrannisieren zu lassen, wäre weit wichtiger.

Dem Autor John Carreyrou, einem investigativen Journalisten beim „Wall Street Journal“, ist mit diesem Buch auch eine Persönlichkeitsstudie gelungen, die es in sich hat. Würden wir von Ehrgeiz getriebene, charismatische und inspirierende Egozentriker wie Elizabeth Holmes verstehen, so wäre uns klar, dass sie nur in Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder denken können, nur an der Verwendbarkeit (dem Ausnutzen) von anderen interessiert und gänzlich unfähig zur Empathie sind. Kurz und gut: Wir würden nicht auf sie hereinfallen.

„Bad Blood“ liest sich wie ein Thriller und lässt wenig Hoffnung aufkommen, solche Betrügereien könnten einmal überwunden werden, denn des Menschen Blödheit (maskiert als Glaube, Hoffnung oder Vision) wird sich kaum ändern. In der Wissenschaft, hat der Physiker und Nobelpreisträger Richrad Feynman einmal gemeint, gehe es darum, sich nicht selber herein zu legen, doch da dies das Allerleichteste überhaupt ist, tun wir es ständig. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern generell.

Eindrücklich, überzeugend und spannend. Notwendige Aufklärung vom Feinsten!

John Carreyrou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des grössten Betrugs im Silicon Valley
DVA, München 2019