Sunday, 19 April 2026

Am Abgrund

Zu den wichtigsten Lehrsätzen einer Gerichtsreporterin. so lernte einst Annette Ramelsberger, gehört: "Du bist nicht wichtig. Das, was du siehst, hörst, erlebst – das ist wichtig. Beobachte die Menschen, denen du begegnest, und nicht deine eigenen Gefühle. Erzähle, was sich tust – und nicht, was du tust. Das hat auch etwas mit Respekt vor den Opfern zu tun. Sie haben Schreckliches erlebt, man selbst berichtet nur darüber."

So sinnvoll ich es finde, sich an dieser Haltung auszurichten, es ist natürlich komplizierter, denn die eigenen Gefühle gehören dazu. Wer sich über diese (und wie sie einen beeinflussen) nicht im Klaren ist, erzählt nur einen sehr eingeschränkten Teil der Geschichte. Annette Ramelsberger weiss das. "Oft fährt einem das Entsetzen in die Knochen, darüber, wozu die Spezies Mensch fähig ist. Aber man muss dann auch wieder einen Schritt vom Abgrund zurücktreten, um darüber berichten zu können. Gefühle sollten den Blick nicht trüben." 

Als ich lese, dass ein Islamist die Staatsanwältin mit "Halt den Mund, du bist eine Frau" anblaffte und die Richterin dazu schwieg, durchfuhr es mich zum ersten Mal kalt. Und als die Staatsanwaltschaft ein Wahlplakat neben einer Synagoge, auf dem zu lesen stand: "Wir hängen nicht nur Plakate." als nicht eindeutig genug befand, wurde mir überdeutlich bewusst. dass von der Justiz keine Gerechtigkeit zu erwarten ist, denn dieser geht es, wie allen Berufen, um sich selber, die eigene Bedeutumng und darum, an den bestehenden Verhältnissen nicht zu rütteln. Von Juristen Veränderungen zu erwarten, verkennt das Wesen der Juristerei, die dazu da ist, Privilegien zu sichern und Stabilität zu gewährleisten.

Vor vielen Jahren, als Student der Rechtswissenschaften (Wissenschaften? Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden Makulatur“ – so der Jurist Julius von Kirchmannim Jahre1847), stürzte ich mich geradezu auf Gerichtsreportagen, auch wenn mir Gerhard Mauz vom Spiegel etwas arg verständnisvoll schien; heutzutage bin ich allem Rechtlichen gegenüber mehr als nur skeptisch (und sehe das Recht hauptsächlich als Geschäftsmodell), weshalb ich denn auch Am Abgrund mit gemischten Gefühlen angehe, dann aber bereits bei der ersten Reportage (das rechtsextreme Attentat am Münchner Oktoberfest 1980) erkenne, dass die <Reportagen von Annette Ramelsberger bei mir etwas ganz Seltenes auslöst: Das ist real, das ist wirklich.

Der junge Mann, der seine Beine verliert; die Oktoberfestbesucher, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was ihr gewohntes Leben stört; die Politiker, die sich stets gegenseitig beschuldigen. Jeder lebt seine eigene Realität; allerdings ist es notwendig, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen – diese Reportagen eignen sich dazu besonders gut, da sie uns, so wir denn dazu bereits sind, eine Realität nachempfinden lassen, die wir nicht selber erlebt haben.

Die Unfähigkeit des Menschen, sich mit der Realität zu konfrontieren, durchzieht dieses Buch. Das ständige Abwiegeln der Erwachsenen (inklusive der Lehrer und Sozialarbeiter), wenn Jugendliche, sich an keine Regeln halten, ist nicht nur befremdlich, sondern vor allem gefährlich. Niemand fühlt sich zuständig, Zivilcourage können die meisten wohl nicht einmal buchstabieren.

Selten habe ich ein Buch derart als Augenöffner empfunden, wie Am Abgrund, was auch daran liegt, dass dieses Werk eine Wirklichkeit wiedergibt, die meist ausgeblendet wird. "Fast die Hälfte aller rechtsradikal motivierten Straftaten in Deutschland wird in den neuen Ländern verübt, wo nur ein Fünftel der Bundesbürger lebt."

Annette Ramelsberger hat mit diesem Werk eine Geschichte der Bundesrepublik anhand einzelner Schicksale geschrieben – detailliert, empathisch, berührend – , die eine ganz gurndsätzliche Orientierungslosigkeit, eine Verlorenheit und Hilflosigkeit wiedergeben, von der selten die Rede ist. Sie fasst in Worte, was wohl viele spüren, jedoch nicht artikulieren können: Ein Stimmungsbild, das wesentlich geprägt ist von einer verwirrenden Mischung aus Niederreissen, Draufhauen und Weitermachen.

.Politiker werden mit Messern angegriffen, erhalten Bombendrohungen; eine vorbildlich integrierte Famile wird ausgewiesen. "Wie kalt der Rechtsstaat in diesem Fall entschied, wie sehr Paragrafen und Realität auseinanderklaffte, beklagtren nach Erscheinen dieser Reportage selbst Hardliner in der Union." Wer das System für das sakrosankt erklärt, die eigene Systemtauglichkeit verinnerlicht, wird wohl kaum jemals verstehen. dass Ungerechtigkeiten die notwendige Folge jeder Systemgläubigkeit sind.

Als ich vom Martyrium des Schülers Marinus Schöberl in Potzlow, einem Dorf in der Uckermark, lese ("Ein Marytrium, das zu einem grausamen Mord führte, einem Mord, der die Republik aufschreckte, das Dorf, in dem er gescha, aber nicht.") und zur Kenntnis nehmen muss, dass die beiden Haupttäter, nach Verbüssung ihrer Haft, sich wieder der rechtsextremen Szene in Brandenburg anschloss, geht mir Schopnehauer durch den Kopf, der beim Anblick der Galeerensklaven im Hafen von Toulon dermassen erschüttert war, dass er den Glauben an die Menschheit verlor.

Annette Ramelsberger schreibt von Rechtsextremen, von Islamisten, von Linksextremen, vom RAF- und vom NSU-Terror, von denen, die vor Gericht landen. So weit so gut, der Rechtsstaat nimmt sich doch ihrer an? Allerdings ist das nur gerade die Spitze des Eisbergs, denn allzu vieles verläuft nicht unter dem behördlichen Radar. Sagt mir meine Lebenserfahrung, die mir allerdings noch etwas ganz anderes sagt: Gefährlich ist vor allem das Nichtbeachten, Herabspielen und Beiseitestehen, kurz: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen der breiten Bevölkerung. Möge diese Am Abgrund lesen! Der letzte Text in diesem Buch handelt vom Widerstand.


Annette Ramelsberger
Am Abgrund
Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik
Verlag Antje Kunstmann, München 2026

Wednesday, 15 April 2026

Patterns. Art of the Natural World

It is truly rare that I experience excitement and enthusiasm when reading the preface and introduction to a photo book. How come? I’m fascinated by how photographer Jon McCormack describes his approach: “I brought my camera because it had always been my way of paying closer attention. I had no particular theme or concept in mind. Instead, I gave myself a single constraint; I would focus only on this small rocky section of shoreline. I would return to the same place night after night, regardless of the weather, regardless of the light. No chasing golden hours or distant vistas — just this one quiet place, this slim patch of coast, and whatever it chose to offer.”

To just look and see — this is what this tome is all about. The more you look, the more you will get to see. What is needed is patience, to take one's time. Patterns is an invitation to contemplate things as they are; it is a welcoming antidote to our restless lifes.

Over time, Jon McCormack discovered patterns. “I found them in the folds of Archtic ice caves, in the harshness of East African salt pans, in the ripple marks left behind by a retreating California tide. I photographed snowdrifts and sandstone, heat-etched lava flows and frost-bitten moss, feathers and fossilized ferns — each a part of somer larger rhythm, some greater choreography.”

Although I do have a lot of sympathy for this view, I think Jon McCormack’s interpretation wishful thinking that tells me more about him than about the way things are. “Beneath the surface of what we see lies structure, repetitition, and intelligence — proof that the world is not just alive but speaking.” Differently put: I do not doubt the underlying structure, I doubt the speaking. Moreover, that he believes that the places revealed themselves, and that the details “waited patiently for my attention”, I consider pretty far-fetched — for they are there for anybody who decides to pay attention.

Vein-like patterns emerge on the mineral-stained surfaces
of Kenya's alkaline lakes, where water, salt, and sediment
etch lifelines across the landscape

Many years ago, in Southern Thailand, in the coastal town of Prachuap Khiri Khan, I met a middle-aged Thai man who turned out to be teaching geography at Chulalongkorn University in Bangkok. During recent studies, he explained, he discovered evidence that indicated that the history of Thailand had to be re-written. Aerial photographs had shown that what had been thought of having been dirt roads had actually been rivers. It is about patterns, he elaborated, and patterns can only be seen from a distance.

Ever since this encounter, patterns rather often come to mind. I do however, as much as I can, refrain from interpreting them; to observe them is enough.

Jon McCormick however does interpret. “In time, I came to believe that these patterns are not incidental. They are not just beautiful accidents of aesthetic coincidences; they are the language of the Earth — clues to the invisible systems and forces that shape everything from a snail shell to a supernova.”

While this very well may be so, it remains a belief. And, like every belief, reveals more about the believer than about the things believed.

My view is different; I very much warm to Philip K. Dick’s definition of reality which he described as “that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.” Differently put: The desire for meaning that photographer and authors express again and again exists only in the human imagination.

The seagrasses of Monterey Bay become a living, lumnous 
painting – soft and radiant in the glow of evening light.

“For a photographer, this gesture — the slowing down, the magnification of wonder — is at the heart of the craft. The camera, after all, is not merely a tool for documentation, it is an instrument of awareness.” Well, it can be both, of course.

The camera can serve as spiritual inspiration. This is how I experience it. And, this is what this tome impressively demonstrates. “The private recognition through the lens becomes a shared invitation: look closer, linger.” Wonderful!

There are also several, very short, well-written essays in this tome with such useful maxims as “Wonder increases as speed decreases” (David George Haskell), and “To truly see the planet is to recognize its fragility — and its resilience.” (Sylvia Earle). 

The photographs in this tome are stunning, awe-inspiring — a revelation. Also, they make me aware of structures that I so far haven’t perceived as such; they make me discover connections that I haven’t registered as such; they make me once again marvel at the beauty of planet earth.

Across scales of time, golden triangles appear – in aspens
grown within a single season

Patterns is a most extraordinary eye- and heart-opener. A masterpiece!

Jon McCormack
Patterns
Art of the Natural World
Damiani, Bologna 2026

Sunday, 12 April 2026

Der Anfang von Raum und Zeit

Im Gegensatz zu dem vollmundigen Untertitel ("Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte"; Werbung müsste so recht eigentlich als das bezeichnet werden, was sie ist: fake news), stellt der Text auf der Rückseite des Umschlags erfreulich nüchtern fest: "Jean-Luc Lehners präsentiert die aktuellsten wissenschaftlichen Antworten auf die grossen Fragen der Kosmologie: Warum hat sich das Universum so gleichförmig entwickelt? Wie konnte alles aus dem Nichts entstehen? Was erklärt die beschleunigte Ausdehnung des Alls?"

Was mir bei diesen Fragen zuallererst durch den Kopf geht, ist der Physiker Leo Szilard, der seinem Freund Hans Bethe kundtat, er beabsichtige ein Tagebuch zu schreiben, worin er nur Fakten auflisten wolle, zur Information Gottes. Bethe fragte: 'Glaubt du nicht, Gott kennt die Fakten?' 'Doch, doch, aber diese Version der Fakten kennt er noch nicht', erwiderte Szilard.

. Jean-Luc Lehners zeigt auf, dass unser einstmals statisches Weltbild korrigiert werden musste, als man herausfand, dass sich das Universum ausdehnte, und "dass sich seine Ausdehnung in den letzten fünf Milliarden Jahren sogar beschleunigt hat." Diese Ausdehnung ändert unser Weltbild von Grund auf, denn nicht nur das Leben auf der Erde entwickelt sich, das Universum genauso. Dazu kommt, "dass wir nicht der Mittelpunkt dieser Ausdehnung sind. In jeder anderen Galaxie würden Astronomen zum selben Schluss kommen."

Aufschlussreich ist das nicht zuletzt deswegen, weil die Forschungen bestätigen (also messen können), was schon lange beobachtet werden kann – dass sich alles stetig ändert, alles im Fluss ist. Und das meint, dass nichts stabil ist, obwohl wir uns doch genau danach so sehnen.

Der Anfang von Raum und Zeit besticht durch eine einfache und klare Sprache (Voraussetzung dafür ist, dass man so klar zu denken imstande ist, wie der Autor), die zur Folge hat, dass auch eine Laie, dem Physik nur schwer zugänglich ist, einiges verstehen kann. Etwa, dass man "Schwerkraft ebenso gut als Beschleunigung beschreiben kann." Oder, "dass die Erde durch ihre Masse den Raum um sich herum krümmt. Der Raum ist so gekrümmt, dass der Mond nicht geradlinig, sondern um die Erde herum fliegt."

Nichtsdestotrotz: Das meiste in diesem Buch ist meinem Verstand nicht zugänglich (so sind mir etwa Begriffe wie dunkle Materie oder dunkle Energie schlicht nicht vorstellbar), und so will ich mich hier auf ein paar wenige Aspekte beschränken.

"Raum, Zeit und Materie hatten einen Anfang", so Jean-Luc Lehners. Also muss es einmal ein Nichts gegeben haben, woraus dieses Universum entstanden ist. Mir ist zwar schleierhaft, wie man das wissen kann, und vorstellen kann ich es mir schon gar nicht, doch Jean-Luc Lehners behauptet das ja nicht einfach, sondern beweist es. Ob ich das nun verstehe oder nicht, ändert gar nichts daran, dass es durchaus so sein kann.

Andererseits zitiert er auch den französischen Chemiker Antoine Lavoisier, der vor langer Zeit sagte: Rien ne se perd, rien ne se crée. Wenn also nichts verloren geht und nichts erschaffen wird, muss ja alles schon immer dagewesen sein. Nun ja, meint Jean-Luc Lehners, "manche bevorzugen die Idee einer ewigen Rückkehr und manch andere die eines einmaligen Erlebnisses. Vielleicht sollten wir besser fragen: Sind diese Argumente plausibel?"

Wie wir wissen, wimmelt es im Universum von Atomen. Obwohl: Nur etwa 5 Prozent des Universums bestehen aus Atomen, der Rest besteht aus dunkler Materie sowie dunkler Energie. Wir Menschen sind aus Atomen zusammengesetzt, die sich aus unerfindlichen Gründen zusammen getan haben, um uns zu uns zu machen. Wenn sie sich dann eines Tages, aus wiederum unerfindlichen Gründen, entscheiden (sofern sie dazu in der Lage sind und das nicht einfach geschieht), sich anders zu formieren, war's dann das mit uns.

Sehr schön legt Jean-Luc Lehners dar, wie bei allem, das zerstört wird, die Unordnung zunimmt. Ich kann zum Beispiel dieses Buch verbrennen, was zurückbleibt ist ein Haufen Asche. Die Atome sind dabei nicht verloren gegangen, sondern haben sich "nur" neu verteilt, also müsste es theoretisch möglich sein, das Ganze zurückzuoperieren. Theoretisch. Die Unordnung nimmt im Gesamten immer zu, lautet der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik.

Es gebe "handfeste Beobachtungen, die auf sehr direkte Weise zeigen, dass das Universum vor dreizehn Milliarden Jahren sehr viel ordentlicher war als heute. Doch wie kann das Universum so ordentlich gewesen sein, wenn die Unordnung zuvor über unendlich viele Jahre hinweg ständig zunnehmen musste?" Schritt für Schritt nähert der Autor sich einer Antwort an. Er vertraut dabei ganz auf unser Ursache-Wirkung-Denken, das auch zu beweisen imstande ist, was man zu suchen trachtete.

Es ist überaus faszinierend, was die Wissenschaft zu leisten vermag. Kein Fortschritt in den letzten hundert Jahren, der nicht auf sie zurückgeht. Und genau dies ist auch der Grund, weshalb sich die Auseinandersetzung mit diesem Werk lohnt.

Jean-Luc Lehners
Der Anfang von Raum und Zeit
Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte
Droemer, München 2026

Wednesday, 8 April 2026

Auf dem Weg zum Tier

"Die Zeit des Tiers ist gekommen. Der Satz gilt in seiner doppelten Bedeutung. Noch nie hat das Tier so viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs geweckt wie in den letzten Jahrzehnten, und gleichzeitig könnte die Zeit des Tiers abgelaufen sein." So beginnt der deutsche Kulturhistoriker Bernd Hüppauf sein Werk, das mir zu würdigen, wie ich vorhatte, allerdings nicht möglich ist. Aufgrund des Untertitel hatte ich mir eine Auseinandersetzung mit Bildern vorgestellt, und nicht etwa von Bildern im übertragenenen Sinne, also Konzepten Vorstellungen, Theorien. Dazu kommt, dass ich keinen wirklichen Bezug zur akademisch-universitären Gedankenwelt des emeritierten Professors habe.

"Nicht im Rahmen der Physik, sondern der Biologie und den Theorien vom Leben stellen wir heute die Frage nach dem Menschen. Sie ist von der Frage nach dem Tier nicht zu trennen, Nur wenn wir eine Vorstellung von dem bisher eingeschlagenen Weg zum Tier entwickeln, wird es möglich sein, in die Zukunft zu denken und Entscheidungen zwischen Alternativen mit Besonnenheit, von der Herder spricht, zu treffen und trotz der deprimierenden Bilanz einen Hoffnungsschimmer zu bewahren."

Es ist ein ungemein dichter, hoch reflektierter, einleuchtend argumentierender Text, den Bernd Hüppauf mit Auf dem Weg zum Tier vorlegt, der jedoch, wie das angeführte Zeit zeigt, im allgemein akzeptierten Denken unterwegs ist: Wir müssen die Vergangenheit kennen, aus ihr lernen, und bedürfen der Hoffnung, um nicht zu verzweifeln. Nur eben: Die Geschichte beweist so recht eigentlich zur Genüge, dass wir aus ihr nicht lernen. Dazu kommt, dass je älter ich werde, desto mehr unseren gängigen Rationalisierungen misstraue. Und so will ich mich hier auf einige Aspekte beschränken, die ich glaube, verstanden zu haben und überdies  anregend und bereichernd finde.

Fakt ist: Tierarten sterben heute in unvorstellbaren Grössenordnungen aus. Viele Zeitgenossen berührt das nicht, die meisten nehmen davon auch gar keine Kenntnis. "Stets schiebt sich ein anderer Reichtum, der in Geld ausgedrückt werden kann, nach vorn. Vor dem deklarierten Schutz der Tiere stehen die Interessen der Chemieindustrie, der industrialisierten Landwirtschaft und grosser Wählergruppen."

Mit dem Aufkommen des Rationalismus in der frühen Neuzeit (Mitte des 13. Jahrhunderts bis Ende des 15. Jahrhunderts) erwachte nicht nur ein neues Selbstbild des Menschen, auch sein Verhältnis zum Tier änderte sich. "Mangel an Vernunft, Unberechenbarkeit und Gewaltsamkeit, werden dem Tier zugeschrieben." Der sich an der Wissenschaft orientierende Mensch verschrieb sich dem Fortschritt. "Dem steht das Erlebnis Tier gegenüber. Im Erlebnis ist das Tier die Verkörperung von Fortschrittslosigkeit. Nicht der Vorschein von Verbesserung, sondern das Sich-Abfinden mit den Verhältnissen geht vom Tier aus."

Ich zitiere hier ohne die Berücksichtigung des Kontextes, erwähne also nur, was ich erhellend finde bzw. worüber ich bis anhin nicht nachgedacht habe. "Das Bild vom Leben, das die Moderne entwickelt, ist eine getarnte Fortsetzung der Gewalt und Herrschaft über das nicht-menschliche Leben. (...) Gewalt wird als die Nutzung der Natur zum Vorteil des Menschen gerechtfertigt."

Der Mensch begreift sich nicht als Teil der Natur, sondern als Herrscher über die Natur. "Der Verzicht auf Herrschaft über die Natur verlangt einen radikalen Wandel im Denken, für den es bisher keine Anzeichen gibt. Auch die Tierrechtsbewegung ist in den Zirkel eingebunden (...) Es könnte dem Tier gut gehen, ist die Überzeugung der Bewegung, wenn seine Rechte kodifiziert und sanktioniert würden. Das ist eine naive Erwartung (...) Es kann dem Tier erst gut gehen, wenn sich die mentale Haltung ändert und die Sorge für die Natur und das Tier zur Grundeinstellung wird."

Doch wie ändert man eine mentale Haltung? Grundlegende Einsichten bietet dieses Werk, allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass auch noch so überzeugende Kopfeinsichten (und dieses Buch ist voll davon) einen solchen Wandel, so wünschenswert und nötig er meines Erachtens auch ist, werden bewerkstelligen können. Erst wenn der Mensch sich als Teil der Natur erlebt (und dafür müsste er seinen Kopf leeren), wird sich seine mentale Einstellung ändern können.

Bernd Hüppauf bleibt jedoch nicht in der Theorie gefangen, sondern macht praktische Vorschläge. Er plädiert für die Sorge, auf die Tiere seiner Meinung nach ein Anrecht haben. "Es geht um die Verpflichtung des Menschen, für das Tier Sorge zu tragen wie für seinen Nächsten, um ein an zahlreichen Stellen der Bibel gebrauchtes Wort zu variieren."

Bernd Hüppauf
Auf dem Weg zum Tier
Tiere und Tierbilder von der
frühen Neuzeit zur ökologischen Krise
transcript, Bielefeld 2026

Sunday, 5 April 2026

Stern von Laufenburg

Um es gleich vorwegzunehmen: Mich begeistert dieses Buch, da es für mich exemplarisch vorführt, worum es bei der Fotografie geht: Ästhetik, Schönheit, Formvollendung. Um das Abbilden dessen, was unser Auge erfreut. Zugegeben, das ist eine sehr persönliche Sicht. Und zudem eine, die ich noch gar nicht so lange pflege, denn die meiste Zeit, seit ich im Jahre 2000 eine Master-Thesis über Dokumentarfotografie verfasst habe, galt mein Interesse der Kombination von Bild und Text. Erst seit ich vor einigen Jahren selber regelmässig zu fotografieren begonnen habe, wurde mir das Einrahmen wichtig, das Kaspar Thalmann in diesem Band (Stern von Laufenburg) so hervorragend beherrscht.

Beim Stern von Laufenburg handelt es sich um "eine Schaltanlage in der Schweiz, ein Knotenpunkt des europäischen Stromnetzes", wie Sam Scherrer im Vorwort ausführt. "Die Fotografien von Kaspar Thalmann sind nicht nur ein künstlerischer Blick auf ein technisches Motiv. Sie sind auch eine Einladung, genauer hinzuschauen auf das, was uns versorgt, verbindet und herausfordert."


Für mich sind diese Fotografien zuallererst Bilder, die mich ansprechen. Warum, interessiert mich wenig. Klar, Begründungen könnte ich schon liefern, doch diese entstehen im Nachhinein. Was im Moment des Anschauens passiert, weiss ich nicht, doch ich kann unschwer konstatieren, ob mich etwas anzieht oder abstösst, mir gefällt oder nicht.

Manchmal, doch beileibe nicht immer, folgen auf die ersten Eindrücke Fragen. Was sehen meine Augen da eigentlich? Was wird mir gezeigt? Strommasten, lese ich. Die elektrische Energie, die sie transportieren, sehe ich hingegen nicht. Strom ist unsichtbar.

Strom fliesst in einem geschlossenen Stromkreis, lese ich. Diese Information beeinflusst meinen Blick auf die Hochspannungsmasten: Ich versuche mir jetzt vorzustellen, wie der Strom durch diese Leitungen fliesst, obwohl ich mir gar nicht richtig vorstellen kann, wie Elektronen fliessen können.

Wir sehen nur, was wir wissen, können nur er-kennen, was wir kennen, meinte einst Goethe. Meines Erachtens wird Wissen jedoch überbewertet. Alles, was ich jetzt über Elektrizität lese (viel ist es nicht), tritt schon bald wieder in den Hintergrund; die Empfindungen, die diese clever gestalteten Bilder bei mir auslösen, treten wieder in den Vordergrund.

Im Gegensatz zur Malerei, bei der der Maler mit einer leeren Fläche anfängt, ist beim Fotografieren alles schon vorhanden. Der Fotograf zeigt einen Ausschnitt, er rahmt ein, entscheidet, was er in den Rahmen reinnimmt, und was er draussen lässt. Mich dem hinzugeben, was meine Augen registrieren, genügt mir, da mir nur allzu bewusst ist, dass meine (und nicht nur meine) Erklärungen willkürlich sind. Auch sind sie nicht statisch, sondern verändern sich.

Was Kaspar Thalmann zu diesen Aufnahmen bewogen hat, weiss ich nicht. Er selber äussert sich nicht dazu, doch Meret Arnold schreibt: "Dass die Digitalisierung über alles gestellt wird und ihre Gefahren ausgeblendet werden, irritiert Kaspar Thalmann. Deshalb ist der Fotograf und Architekt den Leitungen gefolgt, um die Infrastruktur zu sehen, die uns mit Strom versorgt." Einige Bilder sind mit einer Drohne aufgenommen worden, andere wurden herangezoomt und "enfalten mitunter lyrische Qualitäten." – eine Assoziation, die mir selber ferner kaum sein könnte. Wie heisst es doch im Talmud so treffend: We do not see things as they are, we see things as we are.

Ein weiterer Text stammt von Adi Kälin, der einen überaus anregenden, bestens informierten Abriss über die Geschichte der Elektrizität in der Schweiz vorlegt, und auch auf Phänomene aufmerksam macht, die mir nicht bekannt gewesen sind: den Mastenfan und die Dunkelflaute.

Kaspar Thalmann
Stern von Laufenburg
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Wednesday, 1 April 2026

On Belief: The Power of Pictures

According to a recent article in The Guardian, "AI images of people – such as women in military contexts – are making money and serving as propaganda, researchers say." More worrying is however: „‘They feel true’: political deepfakes are growing in influence – even if people know they aren’t real.

We know or we should know, of course, that photographs have been manipulated from the very beginning of photography. The various attempts to somehow distinguish the true from the fake haven't been really convincing; in the end, the veracity depended on whether you trusted the photographer.

The presumption has often been that knowing the facts would free us from the dictatorship of our emotions. Not so, as the example above seems once again to demonstrate. Differently put: Knowledge does not stand a chance against belief.

"Man is made by his belief. As he believes, so he is“, the Bhagavad Gita states. Only personal experience, it seems to me, stands a chance to challenge belief. And, needless to say, this is most definitely not good news.

Sunday, 29 March 2026

Q: Das unglaubliche Leben der Queen

Was ich einst über Craig Browns Biografie der Beatles, One Two Three Four, geschrieben habe ("Eine ganz wunderbare Zeitreise, sehr amüsant, höchst informativ, glänzend geschrieben. Eine Perle von einem Buch!"), trifft genauso auf Q: Das unglaubliche Leben der Queen zu: Nie wurde ich besser unterhalten, nie wurde ich umfassender informiert, nie wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie wunderlich, ja irre, sich der Mensch in diesem selber fabrizierten Welttheater aufführt. Ich habe Tränen gelacht!

"Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen." Was auch immer man über sie denken mochte, man begegnete ihr gleichsam ehrfürchtig. Nicht nur ihre Fans, auch ihre Kritiker.

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es völlig selbstverständlich, dass alle – Männer, Frauen und Kinder – sich erhoben, wenn die Nationalhymne erklang." Diese Melodie, und diesen Text, mit dem die Menschen Gott baten, sie zu beschützen, hat wohl kaum ein Mensch derart oft gehört wie die Queen. "Ihre Reaktion war meist dieselbe: Sie machte ein besinnliches, aber auch etwas gleichgültiges Gesicht und blickte unbeirrt geradeaus   so, als würde sie geduldig auf den nächsten Bus warte."

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Queen (und auch von Queen Mum) gehörte das Puzzeln, wobei galt: Je mehr Teile, desto besser. "Puzzles gefallen all denen besonders gut, die gern Chaos in Ordnung verwandeln." Das ist jedoch nur ein Teil der Persönlichkeit der Queen, die bekanntlich auch eine Vorliebe für Corgis hat, die das genaue Gegenteil von Puzzles repräsentieren. "Diese Hunde waren planlos, sorglos, aggressiv und fordernd. (....) Sie waren wie vierbeinige Diktatoren, sturzbetrunkene Kleinkinder, randalierende Hooligans. Ehrerbietung oder Majestät waren Fremdwörter für sie." Darüber hinaus hatten sie gegenüber Hausangestellten einen entschiedenen Vorteil: "Kein königlicher Corgi hat je seine Memoiren geschrieben oder Oprah Winfrey sein Herz ausgeschüttet."

Die Corgis ihrer Majestät drehten auch immer mal wieder durch. Als Dotty ("die Verrückte") einmal zwei Jungs auf Fahrrädern attackierte und der Fall vor Gericht kam, wurde auch der Hundepsychologe Dr. Roger Mugford beigezogen, dessen Ausführungen, absolut preiswürdig waren.

Queen Elizabeth II war gerade mal 26 als sie gekrönt wurde. Dass die ganze Nation, wie einstmals, zur Monarchin hochschauen würde, hielt der Schriftsteller John Fowles für unwahrscheinlich, da die Welt heute ein Bienenstock sei, wo jeder seine eigene Wabe bewohne und alles den Anschein von Gleichberechtigung habe. "Wenn die Monarchie bestehen bleibt, dann deshalb, weil das Leben der breiten Masse derart blass und eintönig ist, dass die Leute jede Gelegenheit zur Sublimierung nur zu gern ergreifen. Und so wird die Krone zum seelischen Anker, zur Erholungspause – zum Treibanker. Sie hemmt uns, aber sie ermöglicht uns gerade dadurch eine sichere Weiterfahrt." Am Rande: Der hochnäsige britische Adel, so lerne ich, schätzt die Königsfamilie gering, lauter Parvenüs!

Q: Das unglaubliche Leben der Queen ist überaus reich an teils skurillen Details, darunter die Karriere der Elizabeth-Doppelgängerin Jeannette Charles, die bei ihrem Tod genauso alt war wie die Queen, als sie starb. Oder: Der zehnjährige Paul McCartney wird für seinen Schüleraufsatz über den Krünungstag mit einem Preis bedacht; die 23jährige Reporterin Jaqueline Bouvier ist im Auftrag der Zeitung Washington Times-Herald vor Ort. Und und und ....Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Beileibe kein Detail war jedoch die Detailgenauigkeit, mit der alles und jedes im königlichen Haushalt vonstatten zu gehen hatte. Alles, wirklich alles hatte einem rigorosen Drehbuch zu folgen, selbst der Gang zur Toilette. Die Queen "war überzeugt, dass sich dadurch letztlich alle sicherer fühlen konnten, ganz egal welchen gesellschaftlichen Rang sie einnahmen, denn immerhin wussten sie auf diese Weise,woran sie waren." Man darf daraus füglich schliessen, dass sich dadurch auch die Queen sicher fühlen konnte.

Durchregulierter als das Leben der Queen und der Umgang mit ihr, geht eigentlich nicht, was jedoch nicht allein ein Garant für Stabilität, sondern auch eine Methode der Einschüchterung ist. Unterwerfung wird nicht verlangt, sondern erwartet. Und die Untertanen (!) der Königin enttäuschen sie nicht: Nichts, was geeigneter wäre, um die Menschen als das vorzuführen, was sie wirklich sind: Folgsame Trottel (und Trottelinnen).

Dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen, lernt man nicht zuletzt an Universitäten, ansonsten sich das akademische Tun kaum begründen liesse. Der von Craig Brown vorgelegte Kontext orientiert sich erfreulicherweise am realen Leben und liest sich unter anderem so: "Schätzungsweise 150 Prostituierte vom europäischen Festland werden rechtzeitig zu den Krönungsfeierlichkeiten im Londoner Westend eintreffen. Das überrascht wenig, denn schliesslich wirken pompöse Veranstaltungen wie diese auf verschiedene Menschen ganz verschieden, und die aphrodisierende Wirkung der Monarchie ist noch lange nicht ausreichend erforscht."

Fazit: Informativer und unterhaltsamer geht nicht. Ein Lesegenuss erster Güte!

Craig Brown
Q
Das unglaubliche Leben der Queen
C.H. Beck, München 2026