Wednesday, 9 September 2026

Leonard Cohen SO LONG

Mit Leonard Cohen verbinde ich in erster Linie die Songs Suzanne und So long Marianne sowie Raubdrucke seiner Texte, die ich im damals geteilten Berlin erstanden hatte. Obwohl ich keinen Zugang zu diesen Texten fand, fühlte ich mich trotzdem in guter Gesellschaft, denn da war so ein Nimbus um diesen attraktiven Mann, von dem ich letzthin las, dass er recht klein geraten war (auf mich hatte er immer gross gewirkt). Erst viel später entdeckte ich sein grossartiges Halleluja. Wichtig und leitend sind mir diese Zeilen von ihm: There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in.

Das erste Gespräch in diesem Band ist aus dem Jahr 1988. Wobei: Ein Gespräch ist das nicht, denn da hakt einer einfach ziemlich einfaltslose Fragen ab. Als Cohen sagt, er lese wenig, jedoch gerade jetzt alle Bücher von Robertson Davies, gegen den er sich lange Zeit gesträubt habe, fragt Christian Fevret nicht einmal nach dem Grund dieses Sich-Sträubens.

Ein nachdenklicher Mensch spricht hier, einer, der viel nachgedacht hat. „Ich glaube, jeder zahlt einen hohen Preis für sein Leben, nichts ist gratis, alle müssen zahlen, alle müssen für ihr Leben das Maximum bezahlen. Ich glaube, verglichen mit dem, was andere ertragen müssen, ist mein Maximum eher bescheiden. Aber für mich ist es das Maximum.“

Als nüchtern und realistisch nehme ich ihn wahr, als einer, der die Welt recht illusionslos betrachtet. Zen-Buddhisten sind so. Und Leonard Cohen ist ja dann auch einer geworden. „Die Dichter sind keineswegs erfahrungsgesättigt, nur wenige dringen wirklich ins Innerste vor und wollen genau sehen, was dort stattfindet. Das wäre ihre Aufgabe, aber nur die wenigsten stellen sich ihr.“

„Ich habe mich nie sonderlich für mich selbst interessiert“ ist das zweite Interview mit Christian Fevret aus dem Jahre 1991 betitelt. Er fragt nach Cohens jüdischer Familie, seiner privilegierten Herkunft, nach Perfektionismus, der Religion, den Mädchen, Drogen, seiner Beziehung zur Lyrik und zur Musik, seiner Zeit in London, Dublin, Kuba, New York und auf Hydra. „Hydra war Liebe auf den ersten Blick: die Leute, die Architektur, der Himmel, die Maultiere, die Gerüche, das Leben. Egal, wo man hinschaute, alles war schön: Jeder Winkel, jede Lampe, alles, was man in die Hand nahm, alles, was man brauchte, war an seinem Platz.“ Eine Liebesgeschichte, die mich auch deshalb anspricht, weil ich vor mehr als dreissig Jahren Bangkok so erfahren habe.

Da hat sich einer mit dem Leben wirklich auseinandersetzt, geht mir bei Cohens Antworten immer wieder durch den Kopf. „Ich lebe heute bereits länger, als mein Vater gelebt hat. Er ist mit zweiundfünfzig gestorben. Ich hatte mit zweiundfünfzig praktisch von nichts eine Ahnung (...) Ich denke nicht oft an meine Kindheit zurück. Ich glaube nicht, dass sie eine legitime Erklärung für mein Leben ist. Ich glaube vielmehr, dass man, um zu überleben, neu geboren werden, die Kindheitserlebnisse, Ungerechtigkeiten, ja sogar die Privilegien hinter sich lassen muss.“

Aufschlussreich fand ich insbesondere die Kluft zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung. „Was die Leute sofort beeindruckt hat, war Ihre Fähigkeit, ganz offen über Schmerz, Kummer und Angst zu reden. Haben Sie nie davor zurückgescheut, solche Gefühle so offen auszudrücken?“, fragt Christian Fevret. „Das Einzige, wofür man sich schämen sollte, ist, nicht die Wahrheit zu sagen. Ich habe nicht den Eindruck, tiefe Bekenntnisse abgelegt zu haben, sondern an der Oberfläche geblieben zu sein.“

Immer wieder streicht Christian Fevret heraus, wie speziell und aussergewöhnlich Leonard Cohen doch sei. Doch der will nichts davon wissen. Er sei noch nie einem Menschen begegnet, dessen Innenleben ganz anders gewesen sei als sein eigenes, sagt er einmal. Das vermeintlich so Persönliche ist universeller als wir gemeinhin annehmen.

Das dritte Interview führte Paul Zollo im Jahre 1992. Es ist mit „Im Turm des Gesangs“ überschrieben und handelt wesentlich von Cohens Songs. Warum er vom Schreiben von Romanen und Gedichten zum Songwriting gewechselt habe? „Ich habe nie den Unterschied gesehen.“ Es ist auffällig, wie wenig sich Cohen von den Fragen in eine bestimmte Richtung drängen lässt, wie oft sie ihm ganz einfach Anlass sind, eigenständig seine Gedanken zu entwickeln. Mich beeindruckt, dass er ganz offenbar nicht die Notwendigkeit spürt, auf alles Mögliche Antworten zu haben.

„Wo die Landschaft in Flammen steht“, das Gespräch mit Alberto Manzano von 1993, mochte ich ganz besonders. Auch weil ich hier auf längere, schlaue und lebensweise Ausführungen zu Themen stosse, die ich für zentral halte, doch selten persönlich thematisiert finde wie etwa Demokratie und Faschismus. Zudem: „Welche Rolle auch immer man lebt, sie hat ihren eigenen Antrieb, läuft von selbst, eine Energie mit eigener Bewegung (...) Ich gehe einfach dorthin, wo in meiner eigenen Landschaft die Energie zu finden ist.“

„Ich bin der kleine Jude, der die Bibel geschrieben hat“, so der Titel zu den Fragen von Arthur Kurzweil aus dem Jahre 1994. „Glauben Sie, dass Ihr Schreiben davon beeinflusst ist, dass Sie jüdisch sind?“ Es gibt wirklich Fragen, die eigentlich keine sind! Was um Himmels Willen antwortet man darauf? Cohen: „Ich habe keine Ahnung. Ich war nie etwas anderes. Ich weiss also nicht, wie es wäre, wenn ich diese Bezüge nicht hätte.“

Das letzte Gespräch mit Jian Ghomeshi („Vielleicht gibt es einen vierten Akt“) stammt aus dem Jahr 2009. Unter anderem äussert er sich darin zur Political Correctness und zum Tod.

Fazit: Leonard Cohen ist kein Mann der üblichen Erklärungsmuster. Stattdessen: Klar, differenziert, eigenständig und unprätentiös.

Leonard Cohen
SO LONG
Ein Leben in Gesprächen
Kampa Verlag, Zürich 2020

Sunday, 6 September 2026

Mit Gunter Sachs in Andiast

Von Andiast aus gesehen, am 8. November 2023


Im Postauto nach Andiast der Gedanke: Wie alt war eigentlich Gunter Sachs, als er sich erschoss? Keine Ahnung, warum ich mich das fragte und auch gleich wieder vergass.

Kurz nach meiner Ankunft kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der eine gute halbe Stunde auf mich einredete, ohne Pause und ohne auf meine gelegentlich eingeworfenen Bemerkungen auch nur im geringsten einzugehen. Eine einzige Frage stellte er mir: Woher ich sei? Ich wohne in Sargans, sagte ich, worauf er von Niederweningen, das nicht gerade in der Nähe liegt, zu erzählen begann. Freundlich war er gleichwohl.

Mariana aus Bahia, die in Lima pausenlos auf mich einredete, ging mir durch den Kopf: Mein Sohn sagt, ich könne genauso gut mit einer Wand reden, lachte sie. Soviel Eigenwahrnehmung geht dem Mann aus Andiast definitiv ab.

82 war er, ehemals Bauer in Andiast, dann Chauffeur in Chur und schliesslich 25 Jahre bei der Ems Chemie. Zwei Töchter, die eine in Chur, die andere in Vella. Vom Skifahren redete er, von den Jungen, die weggehen, den Unterländern, die sich im Ort Häuser kauften, bis er ganz unvermittelt sagte: Dort drüben, in Surcuolm, hat sich Gunter Sachs eingebürgert.

Wie ist es nur möglich, dachte es so in mir, dass ein Mann ohne Unterbruch redet? Hört ihm sonst niemand zu? Hört er sich gerne reden? Oder ist einfach ein Automatismus am Werk, den er nicht kontrolliert?

Dass er Gunter Sachs erwähnte, hat mich zwar verblüfft, eine mögliche Erklärung dafür habe ich jedoch nicht gesucht, da ich nicht davon ausgehe, dass man wissen kann, warum einem durch den Kopf geht, was einem durch den Kopf geht. Trotzdem habe ich dem Mann davon erzählt, dass ich erst vor ein paar Minuten an Gunter Sachs gedacht hätte. Er ging nicht darauf ein. Später dann fiel mir ein, dass ich mich Brigitte Bardot, mit der Gunter Sachs, von dem ich sonst nicht viel mehr weiss, als dass er in Lausanne Mathematik studiert und eine Passion für Fotografie hatte, einmal verheiratet gewesen war, verbunden fühle, weil sie am selben Tag wie ich Geburtstag hat, wenn auch zu unterschiedlichen Jahren.

Schon eigenartig, was das Hirn im Nachhinein so alles zusammenbringt. Von sich aus, ohne dass ich den Eindruck hatte, etwas dazu beigetragen zu haben.

Wednesday, 2 September 2026

In Brasília

Nach Brasília wollte ich schon lange. Bilder der architektonischen Perlen habe ich schon viele bewundert. Dazu kommt: Mich faszinieren Städte, die auf dem Reissbrett entstehen und dann umgesetzt werden.

Der zweieinhalb Stundenflug von Porto Alegre war ruhig, der Flieger, ein Airbus, knallvoll. Ich solle aufpassen mit den Taxis, es gebe viele nicht so saubere, sagt mir die junge Frau von der Flughafenauskunft, deren erster Arbeitstag es an diesem Montag ist. Kaum bin ich aus der Auskunftshalle raus, werde ich schon von nicht besonders vertrauenserweckenden Männern angesprochen, ob ich einen Uber benötige. Eingedenk des Hinweises der jungen Frau, sage ich Nein und mache mich auf die Suche nach einem offiziellen Taxi, das es auch gibt. Eine Uniformierte zeigt mir wie das funktioniert: Ich gebe die Destination ein, begleiche den geforderten Betrag, worauf ein Taxifahrer auftaucht, mein Gepäck behändigt und, Navigationssystem im Ohr, losfährt – in eine Gegend, die wenig mit dem Brasília meiner Fotobücher gemein hat. Weit, flach, vereinzelte Ansiedlungen. Das Zentrum sei nicht weit, antwortet der Fahrer auf meine Frage. Um die 12 Kilometer, vielleicht auch 16. Es sind 17, ich habe nachgeschaut.

Mein“ Hotel liegt in einer ausgesprochen tristen Gegend, den Swimmingpool, den ich meinte, mitgebucht zu haben, gibt es nicht, und das Spa im Hotelnamen, erläutert mir der junge, hilfsbereite Mann an der Rezeption, stehe für Wassermassage; ich bin unentschlossen, ob er wohl Whirlpool meint oder ob ich in einem Puff gelandet bin – die Ausstattung ist dermassen geschmacklos, dass Letzteres naheliegt. Doch es erweist sich dann, dass ich mich geirrt habe.

Ob es eine Bäckerei oder einen Supermarkt in der Nähe gebe? Er muss nachschauen, er wohnt in einer anderen Gegend. Er wird rasch fündig und ich mache mich auf den Weg. In der Bäckerei gibt es Mousse de Maracujá (wenn auch nicht die beste), im Supermarkt Wassermelonenscheiben – und ich bins zufrieden.

Blicke ich aus dem Fenster, sehe ich diesen unfassbar weiten Himmel, dessen Anblick stets mit einem Gefühl von Freiheit einhergeht. Flüge setzen zur Landung an, die Wolken formieren sich immer wieder neu. Nach einer Weile gehe ich online, klicke mich kurz durch einen Artikel über Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss – ich nicht mehr. Und dabei konnte ich von den sogenannt richtigen Büchern einst nie genug kriegen. Heute ist es selten, dass ich einen Schriftsteller (Frauen inklusive) keinen eitlen, sich übermässig wichtig nehmenden Langweiler finde. Selbst die glänzendesten Debattierer, wie etwa Christopher Hitchens, erlebe ich als unangenehme Rechthaber, mit einem Stolz und Vertrauen in ihre Intelligenz, die mir unbegreiflich ist.

 Der Uber-Fahrer zum Pontão Lago Sul, einer Parkanlage am Seeufer, sieht aus wie ein jüngerer Bruder von Eddie Murphy und wundert sich, was mich denn bloss in diese nicht gerade tolle Gegend getrieben habe. Die Hotelwerbung habe von Flughafennähe gesprochen, sage ich lahm, worauf er lacht, da stimme, allerdings liege das Hotel weit entfernt von allem anderen. Er redet wie ein Maschinengewehr und bestätigt wieder einmal, dass die Brasilianer begeisterte Plauderer, doch wenig begabte Zuhörer sind, sonst müsste dem Mann doch auffallen, dass ich fast ausschliesslich mit undefinierbaren Lauten antworte. Viellleicht hat er es ja gemerkt, doch gekümmert hat es ihn nicht.

Die Fahrt zum Pontão Lago Sul dauert im Morgenverkehr eine gute Stunde und kostet mich gerade mal 6 Schweizer Franken; die Rückfahrt dauert 20 Minuten und kostet mich dasselbe. Wechselgeld haben Uber-Fahrer nicht: Entweder man hat den genauen Betrag zur Hand oder man zahlt mit Pix.

Am Pontão Lago Sul verwickelt mich ein Sicherheitsangestellter in ein Gespräch. Er war früher Sportlehrer in einer Schule, doch im Sicherheitsdienst habe er mehr Sicherheit (!).

Tags zuvor hatte ich nahe beim Hotel eine Reklame für Manicure und Pedicure gesehen. Wo das sei, erkundigte ich mich beim Rezeptionisten, der zum Telefon griff, mir den Preis nannte, und als ich nickte und zwei Uhr sagte, die Sache finalisierte. Der Uber dorthin koste 13 Reais, sagt er dann, und ich wundere mich, da ich angenommen hatte, der Salon sei in der Nähe. Kurz vor meiner Ankunft vor Ort ereignete sich ein Wolkenbruch und es schüttete massiv. Obwohl mir die Saloninhaberin, die ich auf Mitte fünfzig schätzte, mit einem Schirm zu Hilfe eilte, war ich nach ein paar Metern bereits durchnässt.

Während der Nagelbehandung, bei der ich zweimal vor Schmerzen kurz aufschrie, was die Frau wortlos überging, ergoss sich eine Geschichte nach der andern über mich, von denen mir vor allem geblieben ist, dass ihr Mann, als Covid wütete, verstarb und ihr Sohn in eine Depression verfiel. Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern, als sie dies erzählte, obwohl wir die beiden einzigen im Raum waren.

Dass dies einmal mein Einstieg in Brasília sein würde, hätte ich mir nicht vorstellen können. Doch es gefällt mir, auch dieses Brasília erlebt zu haben.

Sunday, 30 August 2026

In Milano

Ich bewege mich ausschliesslich in der Gegend um mein Hotel (dunkle Zimmer, in Marmor, selbst die Lichtschalter sind schwarz, kaum zu sehen und nur zu ertasten; die Bauherren, denen dies zu verdanken ist, waren definitiv nicht von Nützlichkeitserwägungegn geleitet), also in der Gegend Piazza Lima, Corso Buenos Aires, Porta Venezia, mehrmals besuche ich die Giardini Pubblici, schaue durch die Gitter, um im Garten der Villa Invernizzi die rosa Flamingos zu sehen. Bedauerlicherweise ist das Licht ungünstig, gute Fotos sind so nicht möglich. 

Ich gehe durch Häuserschluchten und frage mich, wer wohl diese städtischen Wohnkomplexe einst geplant und gebaut hatte (und wem sie heute gehören), komme an vielen Cafés vorbei und auch an Parkanlagen, die lange Strassen unterteilen, und wo unter Baumkronen Gruppen von Senioren an Tischen sitzen und Karten spielen.

In der Nähe gibt es auch eine Pizzeria Spontini (gemäss Internet gibt es drei in der Stadt), wo es traditionell zu und her gehe, wie ich lese, ohne Chichi, zu günstigen Preisen. Stimmt alles, die Gäste sind ausschliesslich Italiener (stelle ich mir vor), die Pizzaioli und die Bedienung Asiaten.

Der Mann in der Gelateria glaubt in meinem Italienisch einen spanischen oder portugiesischen Akzent auszumachen. Er selber stammt aus Brasilien, aus Paraná.

Ich lande auf einem grossen Kleider- und Gemüsemarkt und in diversen Cafés, wo man hervorragenden Cappuccino bekommt, für 2 Euro 10 bis 2 Euro 30! Mein amerikanischer, ursprünglich aus Äthiopien stammender, Sitznachbar wundert sich im Zug nach Zürich über die Preise in der Schweiz. Die kleine Flasche Wasser kostet ihn satte 5 Euro! Wahrscheinlich Hahnenwasser, kommentiere ich ...

A person's life is like a heavy burden carried on a long road, one should not rush through, steht auf einem Schild in Hiroshima, das am Fuss einer 600stufigen Treppe angebracht ist, die zu einem Mahnmal hochführt. Warum mir das gerade jetzt durch den Kopf geht? Egal, besser ich halte mich daran.

Mich mehrmals täglich ermahnend, das hier, das jetzt, das  ist dein Leben. Doch mein Hirn will davon nichts wissen, rennt davon, wie es so seine Art ist. Ich bemühe mich trotzdem, den Wind auf der Haut zu spüren, das Auftreffen der Füsse auf dem Asphalt wahrzunehmen. Die Momente, in denen es gelingt, sind selten und wunderbar.

Ich bin viel zu früh am Bahnhof (viel Polizei, es gibt eine Sicherheitsschleuse, um auf die Bahnsteige zu gelangen), traue den italienischen Zügen nicht, stelle mich darauf ein, dass „meiner“ ausfallen könnte (wie letzthin in Trento), will darauf vorbereitet sein, mich nach einer alternativen Verbindung umtun zu müssen. Es war unnötig, alles klappte bestens, der Zug fuhr pünktlich.  

Wednesday, 26 August 2026

In Montbéliard

Die junge Frau an der Rezeption wirkt sehr scheu und sagt, sie sei neu hier, es könne also etwas dauern. Ob dies heute ihr erster Tag sei? Nein, nein, sie sei bereits seit letzten September hier. Ob ich wisse, was Autismus sei? So in etwa, erwidere ich. Das sei nicht erblich, sondern eine Laune der Natur. In ihrem Fall hätte es sie mit drei Jahren erwischt. Was so alles auf sie einstürze, sei häufig zuviel für sie, deshalb brauche sie dann einige Zeit, um es zu ordnen. Ich bedanke mich für die hilfreiche Information, und fühle mich sehr berührt.

Ich wolle aus der Stadt raus, zu Fuss, Richtung Héricourt. Da gebe es keinen Fussweg, auch sei es viel zu weit. Im Parc du Près-la-Rose gebe es Fuss- und Velowege, möglicherweise bis nach Belfort, wurde mir gesagt. Im Parc du Près-la-Rose stiess ich dann jedoch auf Wege, die in eine ganz andere Richtung führten, und so landete ich im Parc de l'Île-en-Mouvement, einer grosszügigen Anlage für Jung und Alt, in der viele Hündeler unterwegs sind.

Entlang des Doubs gibt es einen Radweg (Veloroute Nantes Budapest) sowie eine Beschilderung auf Französisch (Nous sommes sur une véloroute, partageons la!), Englisch (This is a cycle route, let's share the road!), Deutsch (Das ist ein Radweg, bitte Rücksicht aufeinander nehmen!), die aufschlussreich Zeugnis über die unterschiedlichen Mentalitäten gibt.

Allan, ein Nebenfluss des Doubs

Petite Hollande steht auf einem Schild. Ich frage einen entgegenkommenden Mann, was das sei? Er entpuppt sich als rüstiger 85Jähriger, der mir zuerst auf sympathische Art und Weise sein Leben erzählt, bevor er schliesslich darauf hinweist, dass diese Gegend einst bedeutende Autofabriken beherbergt habe (Peugeot). Petite Hollande sei ein Arbeiterquartier gewesen.

Wieder auf der Hauptstrasse folge ich dem Allan, in der Annahme irgendwann zu einer Brücke zu gelangen, was dann auch der Fall ist. Viel Schöneres als unter Baumkronen, durch die die Sonne scheint, einem Fluss entlangzugehen, gibt es für mich selten.

Das Café de la Poste ist fest in arabischer Hand. Ein Neunkömmling geht von Tisch zu Tisch und gibt ausnahmslos jedem (Frauen sehe ich heute keine; später merke ich, dass ich eine alte Dame übersehen habe) die Hand.

Ein Mann um die fünfzig, zwei Einkaufstaschen neben sich, pinkelt mitten in der Stadt an eine Hauswand, bevor er sich zur Busstation aufmacht. Eines der Merkmale der heutigen Zeit, ist die Absenz jeglichen Schamgefühls.

Sunday, 23 August 2026

Transkription

Die Rezensenten überschlugen sich geradezu, ich bin wieder einmal darauf reingefallen, denn wenn sich Rezensenten überschlagen, dann hat das Buch etwas mit ihrem Leben zu tun. Doch da ich die Leben von Rezensenten sogenannt angesehener Publikationen wenig interessant finde (der Kulturbetrieb ist ein eitles Haifischbecken und für mich langweilig), hätte ich mir die Lektüre sparen können, dachte es so in mir bei den ersten zwanzig Seiten dieses Romans, geschrieben von einem amerikanischen Uniprofessor, dessen Welt (ich mache keinen Unterschied zwischen Erzähler und sogenannt fiktivem Erzähler) aus den Fugen gerät, als ihm sein Handy ins Wasser des Spülbeckens fällt. "Ich brauchte mein Telefon, um herauszufinden, wie ich es ersetzen könnte." 

Ohne Handy ist der Mann am Arsch, nicht zuletzt, weil er es braucht, um ein Gespräch aufzuzeichnen. Wie kompliziert er sich das Leben macht, weil er glaubt, seinem Gesprächspartner nicht sagen zu können, was wirklich vorgefallen ist, ist glänzend geschildert. "Doch welche Erklärung sollte ich ihm liefern, wenn ich ohne Aufnahme-Möglichkeit zu ihm kam? Ihm die Wahrheit zu sagen, schien unmöglich." Nicht wenige dürften sich wohl in dem Mann, für den das Wichtigste zu sein scheint, dass er gut rüberkommt, bestens erkennen.

Auf dem Weg zu diesem Gespräch mit seinem 90jährigen Mentor Thomas, einer Koryphäe der Kultur- und Kunstwelt, trifft er auf eine Bekannte aus Studienzeiten, was eine Rückschau auf seine Studentenzeit auslöst, die (wenig überraschend) vor allem von Seelenschmerz geprägt gewesen ist.

Thomas, so habe ich gelesen, soll Alexander Kluge nachempfunden sei. Ich kann das nicht beurteilen, doch es scheint mir sehr plausibel, denn auch Kluge, den ich nur am Rande mitgekriegt habe, blieb mir stets so fremd wie Thomas: Intelligent, originell, aufmerksam, immer interessant, doch nie hilfreich, so wirken die beiden auf mich. Intellektuelle, die den Intellekt als Sedativ benutzen.

Sie reden über Träume, über Filme, über ein Treffen in der Schweiz, oder war es in Frankreich? Das Gedächtnis, wenig verwunderlich, ist nicht zuverlässig.

Der Ich-Erzähler hat seiner Tochter Eva versprochen, sie über FaceTime anzurufen, was mit dem nicht mehr funktionierenden Handy natürlich nicht geht. Er kann Thomas' Festnetztelefon benutzen, und konstatiert, dass Eva anders klingt. Es gibt nicht wenige solch aufmerksame Feststellungen in diesem Werk, die von einer scharfen Wahrnehmung zeugen, doch leider nicht darüber hinausgehen.

Doch dann wird es spannend. Thomas ist gestorben, das Gespräch mit ihm, das wegen des kaputten Handys nicht aufgezeichnet werden konnte und aus dem Gedächtnis rekonstruiert wurde, war sein letztes Interview, ja, sein Testament. Doch wie verlässlich bzw. authentisch ist ein erinnertes Gespräch, von dem es keine Aufzeichnung gibt? Der Autor liefert hier ein Glanzstück darüber, welche Bedeutung Aussagen bzw. Äusserungen beigemessen werden, die sich (im wörtlichen Sinne) schon längst in Luft aufgelöst haben.

Gefolgt wird diese Auseinandersetzung über Verlässlichkeit (dass nicht wenige sich heutzutage auf digitale Aufzeichnungen, die bei jedem Stromausfall weg sind, verlassen, ist der blanke Irrsinn), von langwierigen Erörterungen über kindliche Essstörungen, anhand von Thomas' Enkelin Emmie in Los Angeles, einer Stadt, die Thomas als persönliche Beleidigung wahrnimmt.

Gegen den Schluss spielt Transkription dann in der Schweiz, wohin Thomas' Sohn Max den Vater zu Dignitas begleiten soll. So richtig schlau geworden bin ich nicht aus diesem Roman, nichtsdestotrotz haben sich mir einige Szenen ins Gedächtnis eingegraben. So etwa, dass Thomas mit seiner Enkelin als Baby gar nichts anfangen konnte, doch richtiggehend den Narren an ihr gefressen hatte, als sie zu sprechen anfing ...

Ben Lerner
Transkription
Suhrkamp, Berlin 2026

Wednesday, 19 August 2026

Soziale Brennpunkte

Als ich vor über 25 Jahren an der School of Media, Journalism and Cultural Studies der Universität Cardiff eine Magisterarbeit über Dokumentarfotografie verfasste, galt mein Interesse der sozial engagierten Fotografie. Das hat sich geändert; heutzutage beschäftigt mich vor allem, ob mich eine Aufnahme ästhetisch anspricht – die Geschichte hinter dem Bild interessiert mich nur noch wenig, da es zu einem Bild soviele Geschichten wie Betrachter gibt. Viele solcher Bilder gibt es davon nicht in diesem Band – zu meinen Favoriten gehören die Sihlhochbrücke (Bild 041),  eine Aufnahme aus dem Frauenhaus (Bild 141) sowie eine vom Albisgütli (Bild 173) – , den ich hauptsächlich als zeitgebundene soziale Dokumentation wahrnehme.

Daniela Janser weist in ihren einleitenden Betrachtungen auch auf den sogenannten Beobachtungseffekt hin (was beobachtet wird, verändert sich), behauptet dann aber, bei Gertrud Vogler spiele dieser keine Rolle. "Ihre Sujets scheint es schlicht nicht zu kümmern, dass gerade eine Fotografin in der Nähe ist – und abdrückt." In einigen Fällen wird das wohl stimmen ("Michi hat sich seinen Kick vorbereitet, ruhig, konzentriert, ich bin am Fotografieren, ruhig, konzentriert."), bei anderen wohl eher nicht. Das lehrt die Lebenserfahrung. Dazu kommt, dass wir ja nicht wirklich wissen können, ob und wie wir beeinflusst sind, da es sich dabei um unbewusste Vorgänge handelt.

Die Vorstellung, der Journalist bzw. die Fotografin habe neutral zu sein, teile ich nicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich die meisten Medien selten mehr tun, als interessierten Parteien eine Plattform zu verschaffen, ist eine klare Positionierung gefragt. Gertrud Vogler lagen die von ihr Porträtierten am Herzen. Kann man das sehen? Ich schon, jedenfalls bilde ich mir das ein, auch wenn es wohl wesentlich damit zu tun hat, dass ich weiss (gelesen habe), dass sie eine sozial engagierte Frau gewesen ist.

"Es wird kein moralisches Urteil gefällt. Das schlägt sich auch in der Bildsprache nieder", so Daniela Janser. Das ist natürlich Unsinn, denn Bilder verfügen über keine Sprache, auch wenn wir ihnen eine zuschreiben. Nur eben: Was wir der Welt zuschreiben, ist der Welt egal.

Zudem: Die Moral der Gertrud Vogler zeigt sich schon in der Wahl der Sujets, denen gemeinsam ist, dass sie von Menschen und Ereignissen an den gesellschaftlichen Rändern handeln. Sie fotografierte aus der zweiten Reihe (im Gegensatz zu einigen ihrer Berufskollegen [Bild 182]). Und auch dies ist eine moralische Haltung. Ebenso, dass sie ihre Subjekte nicht als Zielscheiben verstand (besonders treffend umgesetzt in Bild 017). Noch mal anders gesagt: Wir urteilen immer moralisch (also wertend), das ist so recht eigentlich unumgänglich.

Was mich von Anfang an positiv für diesen Band einnimmt: Dass Gertrud Vogler Autodidaktin ist, ihr Blick auf die Welt ein sehr eigenständiger und kein verbildeter ist. Die ganz unterschiedlichen Bilder (entstanden zwischen1975-2000) geben davon nicht nur Zeugnis, sondern illustrieren auch ihre Lebensneugier.

Stefan Länzlinger und Silvan Lerch haben unter dem etwas eigenartigen Titel "Aufwühlend einfühlsam" das Leben von Gertrud Vogler nachgezeichnet, aufschlussreich und informativ, inklusive gelegentlicher Bewertungen, die unfreiwillig komisch wirken. "Sie fängt Szenen ein, die haften bleiben. Und wählt Ausschnitte, die nie banal sind." (Was ums Himmels Willen soll bloss ein banaler Ausschnitt sein?). Auch die Bezeichnung "Chronistin des Alltags" könnte verfehlter kaum sein, wenn schon, dann eher eine Chronistin des sozialen Umbruchs.

Eröffnung des Tramtunnels an der Haltestelle
Schörlistrasse. Stadtkreis Schwamdeningen, 1986

Warten auf die Zukunft: 180 Kurden, Pakistani,
Tamilen und Türken werden notdürftig im Obergeschoss
einer Turnhalle untergebracht. Aarau, 1986

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind, heisst es im Talmud. Auf das obige Bild bezogen: Ich habe während 18 Jahren als Dolmetscher mein Geld verdient, vor allem für Asylbewerberr aus Afrika. Derart bequeme Sitzgelegenheiten habe ich in dieser Zeit nie gesehen.

Ein aufwühlendes Bild, das keine Legende braucht. Bei mir löst es Trauer, Wut und Hilflosigkeit aus. Trauer über das weggeworfene Leben, Wut auf die Umstände, die ein solches Schicksal hervorrufen können, Hilflosigkeit begleitet von der Frage: Was hat Gertrud Vogler gemacht, nachdem sie dieses Bild aufgenommen hat?

Für mich sind diese Fotografien in erster Linie eine Zeitreise aus der Betrachter-Perspektive, ein wertvolles Sozial-Dokument, denn, wie die New Yorker Fotografin Lisa Kahane einmal geschrieben hat: "Image outlives fact." Doch dokumentarische Bilder brauchen Text, um verstanden zu werden. Und dieser Band trägt dem Rechnung; erst die vielfältigen Texte (Die Bewegung - Jahre der Unruhe; "Wo-, Wo-, Wohnige" - Besetzte Räume; Vom Platzspitz zum Letten - Das Drogenelend; Selbstermächtigt - Frauen im Fokus; Langzeitmomente - Besuch bei Jenischen; Integration und Ausgrenzung - Destination Schweiz, Festgehaltener Wandel - Die Welt der Arbeit; Der Alltag - Wiederkehrend einmalig; In Szene gerückt - Tanz der Subkulturen) ermöglichen das Nachvollziehen dieser Zeit, denn die Bildlegenden sind mehrheitlich arg dürftig, worin sich auch zeigt, dass das Bewusstsein fürs Bilderlesen nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. Und dies, notabene, in einem Bildband!

Und dann gibt es auch noch ein Gespräch. Mit "In Gertrud Voglers Fotografie der Frauenbewegung spiegeln sich aktuelle Debatten: ein Generationengespräch über Care-Arbeit, feministische Strukturen und das Potenzial von Bildern als Quellen" wird das Gespräch zwischen Anne-Christine Schindler und Elisabeth Joris eingeleitet, wobei keine vertiefte Auseinandersetzung mit Gertrud Voglers Bildern stattfindet. So befremdend das in einem Bildband auch ist, es ist die Regel. Im Vordergrund steht die Frauenbewegung, in der Elisabeth Joris aktiv war und über die sie entsprechend Aufschlussreiches zu berichten weiss. 

Gertrud Vogler
Soziale Brennpunkte
Fotografien
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026