Nietzsches
Familie war von einer starken Neigung zu geistiger oder
neurologischer Instablität betroffen – sein Vater starb im Alter
von 35 Jahren, er wuchs umringt von Frauen auf, Mutter, Grossmutter
und zwei Tanten. Über letztere schreibt Sue Prideaux trocken: „Beide
Tanten litten unter den damals weit verbreiteten nervlichen
Beschwerden und behielten den Arzneischrank stets in Reichweite, ohne
diesem jemals wirklich Heilsames entnehmen zu können.“
Ralph Waldo
Emerson, Friedrich Hölderlin und Empedokles sollten Nietzsches
kreatives Denken viele Jahre inspirieren. „Empedokles postuliert
einen universellen Kreislauf der Dinge, in dem es weder Schöpfung
noch Vernichtung gibt. Vielmehr existiert eine in der Summe
unveränderliche und ewige Form der Materie aufgrund der Mischung und
Entmischung der beiden ewigen – und ewig widerstreitenden –
Mächte: Liebe und Hass.“
Als Nietzsche mit
23 Jahren zum Professor für Klassische Philologie in Basel berufen
wurde („Er hatte zwei Semester in Bonn und zwei Semester in Leipzig
an der Universität verbracht, besass aber keinerlei Abschluss.
Dennoch hatte sein hoch angesehener Professor Ritschl seinen
Musterschüler für den Posten vorgeschlagen.“ – was doch
Einfluss alles bewirken kann! Der für den Lehrstuhl unabdingbare
Doktortitel wurde ihm übrigens von Leipzig ohne Examen verliehen.),
studierten gerade einmal 120 Studenten an der kleinen Universität,
die meisten von ihnen Theologie. Erspriessliche Kontakte hielt der
talentierte Pianist Nietzsche in dieser Zeit mit dem in Tribschen bei
Luzern residierenden Richard Wagner und dem Basler Kunsthistoriker
Jacob Burckhardt, zwei Menschen, die gegensätzlicher kaum hätten
sein können.
Ich
bin Dynamit ist
ein hervorragend geschriebenes Werk (glänzend übersetzt von Thomas
Pfeiffer und Hans-Peter Remmler), das Nietzsches Leben höchst
anschaulich erzählt, wobei auch immer wieder der sehr englische
Humor der Autorin, die heute in Norwegen lebt, durchscheint. So
kommentiert sie etwa sein kompositorisches Bemühen mit „Das Stück
war typisch für Nietzsches Klavierkompositionen in jener Phase, ein
Potpourri aus Bach, Schubert, Liszt und Wagner. Zerfasert,
übertrieben emotional und arm an Entwicklung wecken seine
Kompositionen unweigerlich den Gedanken, Nietzsche hätte, wäre er
ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher
Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“
.
Nietzsche war ein
sehr impulsiver Mann (als Mathilde Trampedach, die er gerade mal ein
paar Tage kannte, eine Bemerkung macht, in der er sich erkannt fühlt,
macht er ihr gleich einen Heiratsantrag) und litt ein Leben lang an
den unterschiedlichsten Gebrechen – dass er diesen standhielt, ist
ein Wunder und zeugt von einer ungeheueren inneren Stärke. Überaus
eindrucksvoll ist, dass er seine Krankheiten zum Anlass nahm, sich
immer wieder neu zu orientieren und dabei seinem Credo „Werde, der
du bist“ stetig näher kam.
Als
ich als 18Jähriger „Also sprach Zarathustra“ las, hat es mich
regelrecht umgehauen. Von der damaligen Lektüre weiss ich nur noch,
dass mein gesamtes Wertesystem ins Wanken geriet und sich Abgründe
auftaten. Ich
bin Dynamit verschafft
mir eine gute Ahnung davon, warum das so gewesen sein musste, denn
Nietzsche war ein höchst radikaler Denker, der nichts mit den
Repräsentanten des relativierenden Zeitgeistes am Hut hatte, sich
von der Ketten-Krankheit (wie er die fehlgeleitete Loyalität seiner
Familie gegenüber nannte) befreien und selbstverantwortlich das
Leben begreifen wollte.
Priester und
Philosophen lenken davon ab, worum es geht – um das Leben in der
realen Welt. Nur eben: Der Mensch erträgt die Wirklichkeit nicht,
sie macht ihm Angst, weswegen er Systeme kreiert, die ihm
vermeintlich Halt geben. Doch davon gilt es sich zu verabschieden und
sich dem Hier und Jetzt zu widmen. „Wenn sein ganzes Leben seinen
Moment im Jetzt gefunden hatte, so war er bereit, den gesamten
Lebenszyklus zu bejahen – alles, was bisher geschehen war und was
noch kommen würde. Das Jetzt bot alles, und es war glanzvoll.“
Sue
Prideaux ist mit Ich
bin Dynamit ein
absolut singuläres Buch gelungen, auch wenn es, wie alle Bücher,
nicht ohne geringfügige Fehler ist. Bei dem kleinen Kurort in den
Schweizer Alpen, wo Nietzsche zusammen mit Romundt und von Gersdorff
einmal den Sommer verbrachte, handelt es sich nicht um Chur, sondern
um Flims und der dortige See heisst nicht Caumesee, sondern Caumasee
(S. 157). Doch das sind Details (andere sind mir nicht aufgefallen,
ich bin kein Nietzsche-Kenner, doch ich kenne Flims und den
Caumasee), die nicht ins Gewicht fallen und nur erwähnt werden, um
zu zeigen, wie aufmerksam ich gelesen habe.
Ganz wunderbar
geschildert ist unter anderem wie Lou Andreas Salomé auf der
Bildfläche erscheint. Zum Einen verdreht sie vielen Männern den
Kopf, zum Andern ist sie von einer erfrischenden Eigenständigkeit.
Als Elisabeth fürchtet, sie habe es auf ihren Bruder abgesehen,
macht sie ihr mehr als deutlich, dass dem nicht so sei. Kommentiert
Sue Prideaux: „Auf den Schreck dieser vulgären Kritik hin drehte
sich Elisabeth der Magen um. Man applizierte kalte Umschläge.“
Auch Nietzsches
Philosophie kommt natürlich nicht zu kurz. Es gebe keine ewige
Vernunft, vielmehr sei das Leben ein „Tanzboden für göttliche
Zufälle“. Und was ist der Sinn, die Bedeutung des Ganzen? Die
Biografin erläutert: „Bedeutung muss dadurch gefunden werden, dass
der Mensch ‚Ja‘ sagt zu diesen göttlichen Zufällen auf dem
Tanzboden.“ Zudem sei Nietzsche der Auffassung gewesen, es gebe
„kein spezifisches Problem des Menschlichen, das es zu lösen
gälte, aber seine allgemeine Beschreibung des Übermenschen ermutigt
vielmehr jeden einzelnen von uns, nach seiner individuellen,
unabhängigen Lösung zu suchen.“
Überaus
lehrreich, äusserst packend und enorm clever – ein Geniestreich!
Sue Prideaux
Ich bin Dynamit
Das Leben des Friedrich
Nietzsche
Klett-Cotta, Stuttgart
2020