Wednesday, 23 June 2021

Unterwegs mit den Arglosen

Bei diesem edel gestalteten Band (im Schuber) handelt es sich um die, wie der Untertitel verheisst, "Originalreportagen aus Europa und den Heiligen Land" aus dem Jahre 1867. Schon die Vorbemerkung  von Alexander Pechmann ist ein Genuss und was dann folgt erst recht. Erste Station sind die Azoren. "Niemand kommt hierher, und niemand geht fort." Von den dort ansässigen Portugiesen hält sich Mark Twains Achtung in Grenzen. "Der fromme portugiesische Katholik bekreuzigt sich und betet zu Gott, er möge ihn beschützen vor jedem blasphemischen Verlangen, mehr zu wissen als sein Vater."

Von Gibraltar und Tanger berichtet er. Und natürlich von seinen Mitreisenden, von denen ihm (und allen anderen) eine oder zwei Personen ständig auf die Nerven gehen. Von der Mauren erzählt er, dass diese nicht viel von England, Frankreich und Amerika halten, das "deren Repräsentanten sich mir einer umständlichen Bürokratie herumschlagen müssen, ehe man ihnen die üblichen Rechte einräumt oder ihnen gar eine Gunst gewährt. Doch stellt ein spanischer Minister eine Forderung, wird diese sogleich erfüllt, ob sie nun gerechtfertigt ist oder nicht."

Irgendwo habe ich einmal gelesen, Mark Twain hätte bei dem, was er äusserte, durchaus auch auf den Zeitgeist Rücksicht genommen, also nicht einfach so hingeschrieben, was ihm durch den Kopf gegangen ist. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, müssen damals andere Vorstellungen vom politischer Korrektheit geherrscht haben als heute. "Ich konnte die Gesichter einiger maurischer Frauen kurz sehen (denn sie sind nur menschlich und lassen ihr Antlitz von einem Christenhund bewundern, wenn kein Mann in der Nähe ist), und ich verneige mich vor der Weisheit, die sie veranlasst, etwas so abgrundtief Hässliches zu verbergen."

Versailles, wo er auf Reihen aus Waldbäumen trifft, die alle dieselbe Dicke und Höhe haben, begeistert ihn, der Bois de Boulogne, der nicht nur von ihm, sondern gleichzeitig von "rund 30 000 anderen Reisegruppen" besucht wurde, entschieden weniger. Doch er sieht auch Napoleon III., über den er konstatiert: "In Fleisch und Blut wirkt er wie eine bedeutender Mann – auf den Porträts hingegen wie ein niemand." Das ist nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, weil es ja oft gerade umgekehrt ist.

In Genua will er sein Lager aufschlagen, weil er anderswo noch nie schönere Frauen gesehen hat. "Ich begreife nicht, wie ein Mann von durchschnittlicher Willenskraft hier heiraten kann, denn bevor er seiner Sache sicher ist, hat er sich sicherlich schon in eine andere Frau verliebt." Eine anzusprechen fehlt ihm jedoch der Mut, er ist zu anständig. "Anstand hat mich seit jeher daran gehindert, im Leben weiterzukommen, und so wird es wohl immer sein." Es sind vor allem solch einfache und bestechende Einsichten, die mir die Twain-Lektüre wertvoll machen: Erfolg und Anstand gehen selten zusammen einher.

Odessa sehe genauso aus wie eine amerikanische Stadt, notiert er. Und unterstreicht seine Beobachtung auch damit: "Aus dem Reiseführer erfuhren wir, dass es in Odessa keine Sehenswürdigkeiten gab, und freuten uns darüber." Von Smyrna (dem heutigen Izmir) schreibt, die Stadt gleiche allen anderen orientalischen Städten, womit er meint: "Die Häuser der Moslems sind folglich wuchtig und dunkel und ebenso unbequem wie Gräber. Die Strassen sind krumm, schlampig und grob gepflastert und so schmal wie eine durchschnittliche Treppe; sie führen den Spaziergänger unweigerlich an einen anderen Ort als den, den er erreichen möchte, und sorgen für eine Überraschung, indem sie ihn dort absetzen, wo er es am wenigsten erwartet hat."

Kein Zweifel, Mark Twain hat klare Ansichten und hält damit nicht zurück, Das ist, wie wir alle wissen, nicht immer ein Vorteil (man denke an all die Trottel, die zwar Meinungen haben, denen jedoch das vorgängige Beobachten und Denken fehlt), in seinem Fall ist das eindeutig zu begrüssen, da er nicht nur über Verstand, sondern auch voller Widersprüche ist (was bekanntlich menschlich macht).

Wie viel Ironie bei diesen Schilderungen jeweils dabei ist, vermag ich nicht zu sagen, doch Sätze wie diese beschreiben Amerikaner so wie sie auch heutzutage an vielen Orten der Welt auftreten und wahrgenommen werden. "Überall starrten uns die Menschen an, und wir starrten zurück. Wir gaben ihnen auch meist das Gefühl, unbedeutend zu sein, ehe wir mit ihnen fertig waren, denn wir blickten mit amerikanischer Grösse auf sie herab, bis wir sie zurecht gestutzt hatten. Und doch fanden wir Gefallen an den Sitten und Gebräuchen und besonders an den Moden der verschiedenen von uns besuchten Völker."

Unterwegs mit den Arglosen  ist auch eine Anleitung zum intelligenten Reisen.  u jedenfalls verstehe ich etwa diesen Hinweis, der dafür plädiert, sich Zeit zu nehmen. "Man merkt erst wie wunderschön eine wunderschöne Frau ist, nachdem man sie kennengelernt hat; und die Regel gilt für die Niagarafälle, majestätische Berge und Moscheen – besonders für Moscheen."

Fazit: Scharfsinnig, witzig und unterhaltsam.

Mark Twain
Unterwegs mit den Arglosen
mareverlag, Hamburg 2021

Wednesday, 16 June 2021

Kommunikations- und Mediengeschichte

Philomen Schönhagen ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Uni Fribourg und das vorliegende, zusammen mit Mike Messner verfasste, Werk "ein Begleitbuch" zur ihrer Vorlesung. Mit anderen Worten: es ist ein akademisches Buch und das meint, dass noch die banalsten Aussagen referenziert werden. Das ist usus, ich weiss; Eitelkeit hat eben viele Formen.

Ich bin zwar akademisch ausgebildet, verstehe mich jedoch nicht als Akademiker (die arbeiten an der Uni): mich interessiert allein, ob dieses Buch (für mich) zu einer hilfreichen Horizonterweiterung beiträgt. Und es sei gleich vorweggenommen: Das tut es. Im Nachfolgenden greife ich einige Aspekte heraus, die mich besonders spannend dünkten; für eine fachliche Einschätzung fehlen mir die einschlägigen, und besonders die historischen, Kenntnisse.

Mediengeschichte beginnt mit der Schrift, ihre erste Revolution wird gemeinhin der Typografie von Gutenberg zugeschrieben. Nur eben: der Buchdruck für sich alleine wäre noch kein revolutionärer Umbruch gewesen, es brauchte dazu auch ein funktionierendes Postwesen. Es sind nicht zuletzt die vielfältigen Wechselwirkungen (wie die gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aufeinander einwirken), die dieses Buch verdienstvollerweise herausstreicht.

Versammlungskommunikation hat es so recht eigentlich immer schon gegeben, lerne ich. Und sie gibt es auch heute noch, etwa bei den Dowayo in Kamerun (der Bezug auf Nigel Barley bringt automatisch dies hier zu Bewusstsein), den schriftlosen Kulturen Nordost-Neuguineas und in einigen Schweizer Kantonen. Womit sich wieder einmal bestätigt findet, dass die Schweiz ein ausgesprochen exotisches Land ist.

Wie kommt es eigentlich, dass "die Entwicklung zur journalistisch vermittelten Kommunikation nachhaltig nur im Europa der Frühen Neuzeit zustande gekommen ist", da China zwar über kein Postsystem, doch über Papier und Typografie verfügte? Weil es "in Europa eine Tradition des umfassenden Austauschs (im Modus der Versammlungskommunikation)" gab, meinen die Autoren. Dazu kommt, dass die Renaissance aufs Diesseits und nicht mehr aufs Jenseits  ausgerichtet war, was auch zu einer Nachfrage nach weltlichen Nachrichten führte.

Einiges in diesem Buch machte mich sehr schmunzeln. Etwa, dass es ab 1705 in der Schweiz eine "natur- und länderkundliche Zeitschrift" mit dem Titel "Seltsamer Naturgeschichten des Schweizerlandes wochentliche Erzehlung", oder dass es ab 1730 in Schaffhausen  das "Hoch Oberkeitlich begünstigtes Kundschafts-Blättlein", oder dass es im 19. Jahrhundert Damenlesehallen gab. Letzteres erinnerte mich auch daran, wie Souad Mekhennet in "Nur wenn du allein kommst" eine Buchhandlung nahe einer Hamburger Moschee beschrieb: "Der kleine Bereich mit den Büchern für Frauen und Kinder war mit einem Vorhang vom Rest des Raums abgetrennt."

Kommunikations- und Mediengeschichte ist reich an mich faszinierenden Details. So wurde etwa der seit 1959 von Ringier herausgegebene "Blick" zu Beginn abgelehnt, nicht nur von der Konkurrenz, sondern auch von der Bevölkerung – "die 'reisserische' Art (die Schlagzeilen) galt als 'geschmacklos' und 'unschweizerisch'" (und wurde trotzdem zu einem Erfolg).

Jedes menschliche Zusammenleben erfordert den kommunikativen Austausch über "das, was alle angeht", zitieren die Autoren ein Rechtsgutachten von Peter Schneider zur Spiegel-Affäre. Von der Antike bis ins Mittelalter geschah dies vorwiegend auf Versammlungen, also da, wo der Mensch physisch präsent war. Im 16. Jahrhundert nahm dann die Kommunikation auf Distanz, die heute dominierende mediale Form, ihren Anfang. Dieser gesamtgesellschaftliche Austausch scheint zur Zeit gefährdet, da sich Social Media und Digitalplattformen nicht mehr an einem imaginierten öffentlichen Interesse, sondern an den situativen Bedürfnissen einzelner Nutzer orientieren.

Wie eingangs erwähnt: Dies ist ein akademisches Buch, definitive Aussagen sucht man also vergebens, mehr als ein differenziertes Sowohl als Auch ist da nicht zu haben. "Es bleibt also offen, ob die journalistische Vermittlung grundlegend für die gesellschaftliche Kommunikation bleiben wird und wie der umfassende gesellschaftliche Austausch ansonsten realisiert werden könnte, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wesentlich ist." Manchmal sind Akademiker eben auch ganz schön realistisch.

Philomen Schönhagen / Mike Meissner
Kommunikations- und Mediengeschichte
Von den Versammlungen bis zu den digitalen Medien
Herbert von Halem Verlag, Köln 2021

Wednesday, 9 June 2021

Those were the days ...

This is how I looked in 1978, on the back cover of "Carezzas" by Benni & Others, a rock group of which I was the singer.

Looking at this photograph triggers lots of other pictures in my head: The long recording sessions, the different people involved ... It is not a story with a beginning, a middle, and an end but a wild farrago, blurred like the picture above.

It does not cease to baffle me that although we (okay, not all but quite some) know that time does not exist, photographs do show us the passing of time. How come? No idea, really, it is just like it is for contradictions only exist in our minds.

Wednesday, 2 June 2021

Sugimoto & Sakakida: Old Is New

Winter Solstice Light at Enoura Observatory

The firm New Material Research Laboratory (NMRL) was founded in 2008 by Hiroshi Sugimoto (born 1948) and Tomoyuki Sakakida (born 1976) and is guided by the idea that “The oldest things are the newest.” Since I’m at a loss what this exactly means, I turn to the press release that informs me that “Sugimoto and Sakakida founded New Material Research Laboratory with an aim to develop “new” materials for construction based upon much older materials and techniques. The NMRL reinvigorates material from ancient times and the Middle Ages by using it in the context of a distinctly contemporary design sensibility and thus creating a physical connection between the past and the present.”

My interest in this tome is two-fold: On the one hand, things Japanese (mainly Zen ideas and design) have accompanied me throughout my life. Moreover, after a visit to Japan, two years ago, I became fond of writers like Haruki Murakami, Keigo Higashino and Mieko Kawakami. On the other hand, my fascination with the world of pictures that started with documentary photography (the stories behind the picture) has over time turned into being mostly attracted by the surface (what has been framed, that is) and it is the art of framing that defines architectural photography for me. 

For the full review, see here

Wednesday, 26 May 2021

Menschwerdung eines Affen

"Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung" heisst der Untertitel dieser Memoiren, von denen sich die Autorin fragt: "Ist ein Text noch eine Autobiografie, wenn er sich bemüht, Elemente einer autobiografischen Fremdbeschreibung zu liefern?" Klingt etwas arg akademisch, finde ich, doch die nachfolgenden Zeilen machen deutlich, was es mit diesem Buch auf sich hat: "Tatsächlich ist mein Text der Versuch nachzuvollziehen, wie im Austausch mit den Subjekten meiner Forschungen zahlreiche sehr befremdliche und sehr beunruhigende 'Ichs' entstanden, die mich fragen liessen, welche Wahrheit, welche Kritik, welches Versprechen und welches Versagen diese fremden Namen bergen, die mir gegeben wurden."

"Affe" und "Kannibale" war die Ethnologin in Kenia und Uganda, das war Ende der 1970er, von Frauen und Männern genannt worden. Statt diese Bezeichnungen zurückzuweisen, versucht sie, sich mit den Augen ihrer Forschungsobjekte zu sehen. Ein nobles Unterfangen, das Nicht-Akademikern vermutlich nicht in den Sinn kommen würde. Auch den kolonialen Kontext berücksichtigt die Autorin, die während einiger Jahre zwischen Berlin und Ostafrika pendelt und das als "festen Rhythmus der Zerrissenheit" (klingt ziemlich dramatisch) bezeichnet.

Heike Behrends Einleitung wirkt auf mich sensibel, differenziert und bedeutungsschwanger, ganz so, als ob noch den simpelsten Vorgängen Bedeutung gegeben werden müsse. Mir kam es vor als würde ich so etwas wie "die heiligen Hallen der Ethnologie" betreten. So kommt sie nicht einfach nach Hause und schreibt die Monografie, sondern: "Dieses Schreiben hat Michael Harbsmeier als 'Heimkehrritual' bezeichnet, durch das die Heimgekehrte 'gereinigt' wird und sich reintegriert." Fehlt nur noch der Weihrauch ...

Davon abgesehen ist dieser Bericht über vier ethnografische Forschungsreise in Kenia und Uganda in einem Zeitraum von fast fünfzig Jahren erfreulich nüchtern geschrieben und machte mich auch immer mal wieder laut herauslachen. Etwa darüber, dass die neue asphaltierte Strasse, auf der vornehmlich Ziegen verkehrten, genau bis zum Geburtsort des Präsidenten führte, "keinen Schritt weiter."

Neben den Regeln der Höflichkeit war ihr auch die tonale Sprache (wer sich schon einmal in einer solchen versucht hat, weiss, dass das keine einfache Sache ist) fremd, was die Kommunikation schwierig machte. Sie ist also auf einen Dolmetscher angewiesen, was auch im besten Falle, die Lage zusätzlich verkompliziert. Besonders aufschlussreich dünkte mich, dass bei den Bewohnern der Tugenberge nicht die individuelle, sondern die soziale Biografie im Vordergrund steht. "Sie sahen sich eher von aussen und betrachteten ihre Person als opak, 'als ein geschlossenes Gefäss, in das man nicht hineinschauen kann.' Ihr 'Ich' gehörte vor allem den anderen."

Nach und nach wird sie zur Chronistin befördert und ihr aufgetragen, dies und jenes aufzuschreiben. Obwohl ich selber einmal in Afrika gearbeitet habe (fürs IKRK), fühlte ich mich gelegentlich an thailändische Gepflogenheiten erinnert. Dass sich ältere Frauen mit 'Was essen die Grossmütter heute?' begrüssen hat dort sein Äquivalent in 'Hast du schon gegessen?', obwohl das Motiv, das Heike Behrend ausmacht (Hunger, knappe Nahrung), dort ein anderes ist (In Thailand dreht sich alles ums Essen, ständig; in meinen Thai-Kursen lernte man fast ausschliesslich Ausdrücke für Nahrungsmittel).

Sie lernt Sitten und Gebräuche kennen, schämt sich für den Fauxpas, ihren Teller leer gegessen zu haben und ich realisiere zum ersten Mal, wie eigenartig ich Ethnologen finde (ich war selber einmal für zwei Semester für das Fach eingeschrieben, doch damals fiel mir das nicht auf): Sie passen sich einer fremden Kultur an, akzeptieren Sitten und Hierarchien in einem Ausmass, das mir absurd vorkommt. Zugegeben, mir fehlt die Neugierde für das Funktionieren von Gesellschaftssystemen generell (es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich das verstanden habe) und insbesondere für Rituale, die ich in jeder Kultur als Theater wahrnehme (ich bin kein Fan von Inszenierungen).

Mein besonderes Interesse an diesem Band gehört dem Bericht über "Fotografische Praktiken an der ostafrikanischen Küste". Auch, weil ich mich an das Modul "Understanding Pictures" während meines Studiums in Cardiff erinnerte, wo offenbar wurde, wie abhängig das Bilderlesen von der Kultur ist (afrikanische und asiatische Auffassungen waren selten kompatibel mit westlichen), was sich auch in diesem Bericht zeigt. Er beginnt mit einer schönen Geschichte über das "Berlin Studio", das Heike Behrend Anfang der 1980er-Jahre in Nakura entdeckte und leitet dann über zur Rolle die die Fotoporträts, die ihren späteren Text begleiten sollten, einnehmen, nämlich "eine Art Korrektiv zu meinen Interpretationen". Und: "Die Bilder besassen das Potential, meinem Text immer wieder in den Rücken zu fallen." Eine ungewöhnliche und anregende Sichtweise, denn Bilder werden im Zusammenhang mit Text eher selten eigenständig wahrgenommen und haben zumeist (leider) eine untergeordnete, zudienende Funktion.

Menschwerdung eines Affen ist auch eine aufschlussreiche Ethnografie-Geschichte, die unter anderem aufzeigt, dass auch das rücksichtsvollste Vorgehen und die besten Absichten zu absolut unvorhergesehenen Resultaten führen können. Nicht nur in der Ethnografie, auch in der Dokumentarfotografie wie das Walker Evans und James Agee während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren erlebten. Verblüfft hat mich, wie bereitwillig die Autorin gelegentlich Erklärungen akzeptierte, die ich selber für Humbug halte. "Wir wurden fast immer frontal zur Kamera aufgenommen, den Blick direkt auf das Objektiv gerichtet. Das entspräche den Regeln der Höflichkeit, erklärte ein Fotograf." Eher einem Mangel an Fantasie, würde ich sagen.

Um mögliche Konflikte zu vermeiden, fotografiert sie selber nicht; Fotos brauchte sie gleichwohl, für ihr Archiv. Fündig wird sie in Studios, wo sie Bilder erwirbt, die nicht abgeholt worden waren. "In Kenia zahlt der Kunde nach dem Fototermin den halben Preis und tilgt den Rest bei Abholung. Da viele Leute den Akt des Fotografierens an sich schon geniessen, weil er etwas als Ereignis markiert und aufwertet, kommt es relativ häufig vor, dass die fertigen Bilder nicht abgeholt werden." Das Fotografiert-Werden als Erfahrung genügt! Wie wunderbar!

Heike Behrend
Menschwerdung eines Affen
Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung
Matthes & Seitz Berlin 2021

Wednesday, 19 May 2021

Photographic Circumstances

Sri Lanka 2014

What made me photograph these fishermen? My best guess is this: I had seen such pics before and wanted to shoot my own. I remember a guy observing and then approaching me: He wanted money from me for taking these photographs. Needless to say, I didn't give him any but couldn't stop wondering what sort of world we have created.
Bolivia 2014

I shot his picture from a car. This is surreal, I thought when we were passing by. For one reason or another, it reminded me of the former Soviet Union that, by the way, I've had never visited, only seen pictures of. What also comes to mind: buildings on a high plateau near Quanzhou in China where a Chinese English teacher once had taken me on his bike.

Chachoengsao, Thailand, 2016

Taken near the large swimming pool of a very nice, big and almost empty hotel outside of town. Two things come to mind when thinking of my time there: I suffered from an eye infection that I treated with wet tea bags. How's your eye?, asked the waitress at breakfast. I think it is okay now, I replied but she wasn't impressed and brought me two more tea bags. And: The hotel manager who told me about an increasing mosquito plague to which an acquaintance of his had recently succumbed.

Lat Krabang, Thailand, December 2016

After "my" hotels on Sukhumvit and Ploenchit had disappeared; I usually stayed at Lat Krabang, close to Suvarnabhumi airport, where this picture was taken. One day, my friend Jing came to visit from Thonburi. On our way to lunch, she spotted a 7/11, headed for the door, turned around and asked: Do you want something? No, I said, and wondered what she needed for we had almost arrived at our restaurant. I need air con, she smiled and entered the 7/11 store.

29 Palms, California 2007

In the summer of 2007, I spent three months as a ghostwriter in the Californian desert. What made me pose like this in front of the house that I was inhabiting at the time? No idea really. Maybe my subconscious imagined me as a cowboy. The photo was taken by my friend Emelle.

Wednesday, 12 May 2021

Die Natur auf der Flucht

"Warum sich unser Wald davonmacht und der Braunbär auf den Eisbär trifft – Wie der Klimawandel Pflanzen und Tiere vor sich hertreibt" lautet der überaus ausführliche Untertitel, der damit so recht eigentlich zusammenfasst, was in diesem anregenden und informativen Werk zur Sprache gebracht wird. Autor Benjamin von Brackel, Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München, beschäftigt sich darin mit dem Phänomen, dass auch Tiere und Pflanzen wegen der steigenden Temperaturen ihren angestammten Lebensraum verlassen.

"Wie konnte es sein, dass sich gerade eine massive Umverteilung des Lebens auf der Erde abspielt wie seit Zehntausenden von Jahren nicht mehr – und keiner weiss davon? Jedenfalls abgesehen von den Biologen, die dazu forschen?" Benjamin von Brackel, der seit 2012 über den Klimawandel schreibt und bis vor vier Jahren selber nichts davon mitbekommen hat, begibt sich auf Spurensuche.

Die Erderwärmung hat zur Folge, dass sich der Lebensraum der Tiere verändert. So nehmen etwa in der Arktis die Biberpopulationen zu, die Flüsse und ganze Landstriche überfluten, und entziehen damit dem Polarfuchs die Lebensgrundlage. Und es überschneiden sich die Lebensräume, was unter anderem zu Cappuccino-Bären führt, Hybriden aus der Paarung von Eis- und Grizzlybären.

Dazu kommt, dass vielen indigenen Gemeinschaften die Lebensgrundlage entzogen wird, wenn auf einmal die Grönlandwale oder Lachse ausbleiben. Das grösste Problem für diese traditionellen Jäger, die Meister der Anpassung sind, so Benjamin von Brackel, ist jedoch der moderne Mensch mit seiner Massenindustrie.

Er berichtet von Baumarten, die wandern. Und von mitwandernden Insekten, die in und von ihnen leben. So sehr uns die Corona-Pandemie zu Bewusstsein gebracht hat, wie rücksichtslos wir in den Refugien von Tieren und Pflanzen unterwegs sind, wir müssen überdies zu Kenntnis nehmen, dass der Klimawandel den Spiess umdreht: "Nicht mehr wir kommen zur Wildnis, sondern die Wildnis kommt zu uns." 

Der Volksmund kennt den Spruch: Gelegenheit macht Diebe. Und genau wie Diebe verfahren auch die Mücken, Zecken und Raupen, die neuerdings bei uns einfallen  "sie nutzen ganz einfach alle Möglichkeiten, die Klimawandel und Globalisierung ihnen bieten."

Dass Biologen bei Politikern auf taube Ohren stossen, wenn sie ihnen von der Wanderung der Arten erzählen, erstaunt wenig, macht aber andererseits (wieder einmal) deutlich, dass der Mensch schlecht beraten ist, wenn er sich von der Politik anderes erwartet als die Durchsetzung von kurzsichtigen Eigeninteressen.

Ich lese Die Natur auf der Flucht auch als Einladung, mich in die Schuhe eines anderen zu versetzen. Etwa in die von Pierre Rasmont, des "Hummelpapstes Europas", der im aussergewöhnlich heissen Sommer 2003, als in Paris so viele Menschen starben, dass ein Kühllager für Lebensmittel zur Leichenhalle umfunktioniert werden musste, in den Pyrenäen und im finnischen Kevo, einem Hummel-Eldorado, nur noch einen Bruchteil der üblichen Insektenmenge vorfand.

Die Natur auf der Flucht ist ein journalistisches Buch und das meint in diesem Fall, dem Storytelling und dem Personalisieren verpflichtet, was teilweise etwas komische Züge annimmt. "Unter der Dusche erinnerte sich Peters an einen Science-Artikel, der ihm in die Hände gefallen war." Doch diese Herangehensweise hat Vorteile: Der Text ist anschaulich, liest sich leicht und ist informativ. 

Benjamin von Brackel
Die Natur auf der Flucht
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021