Wednesday, 8 April 2026

Auf dem Weg zum Tier

"Die Zeit des Tiers ist gekommen. Der Satz gilt in seiner doppelten Bedeutung. Noch nie hat das Tier so viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs geweckt wie in den letzten Jahrzehnten, und gleichzeitig könnte die Zeit des Tiers abgelaufen sein." So beginnt der deutsche Kulturhistoriker Bernd Hüppauf sein Werk, das mir zu würdigen, wie ich vorhatte, allerdings nicht möglich ist. Aufgrund des Untertitel hatte ich mir eine Auseinandersetzung mit Bildern vorgestellt, und nicht etwa von Bildern im übertragenenen Sinne, also Konzepten Vorstellungen, Theorien. Dazu kommt, dass ich keinen wirklichen Bezug zur akademisch-universitären Gedankenwelt des emeritierten Professors habe.

"Nicht im Rahmen der Physik, sondern der Biologie und den Theorien vom Leben stellen wir heute die Frage nach dem Menschen. Sie ist von der Frage nach dem Tier nicht zu trennen, Nur wenn wir eine Vorstellung von dem bisher eingeschlagenen Weg zum Tier entwickeln, wird es möglich sein, in die Zukunft zu denken und Entscheidungen zwischen Alternativen mit Besonnenheit, von der Herder spricht, zu treffen und trotz der deprimierenden Bilanz einen Hoffnungsschimmer zu bewahren."

Es ist ein ungemein dichter, hoch reflektierter, einleuchtend argumentierender Text, den Bernd Hüppauf mit Auf dem Weg zum Tier vorlegt, der jedoch, wie das angeführte Zeit zeigt, im allgemein akzeptierten Denken unterwegs ist: Wir müssen die Vergangenheit kennen, aus ihr lernen, und bedürfen der Hoffnung, um nicht zu verzweifeln. Nur eben: Die Geschichte beweist so recht eigentlich zur Genüge, dass wir aus ihr nicht lernen. Dazu kommt, dass je älter ich werde, desto mehr unseren gängigen Rationalisierungen misstraue. Und so will ich mich hier auf einige Aspekte beschränken, die ich glaube, verstanden zu haben und überdies  anregend und bereichernd finde.

Fakt ist: Tierarten sterben heute in unvorstellbaren Grössenordnungen aus. Viele Zeitgenossen berührt das nicht, die meisten nehmen davon auch gar keine Kenntnis. "Stets schiebt sich ein anderer Reichtum, der in Geld ausgedrückt werden kann, nach vorn. Vor dem deklarierten Schutz der Tiere stehen die Interessen der Chemieindustrie, der industrialisierten Landwirtschaft und grosser Wählergruppen."

Mit dem Aufkommen des Rationalismus in der frühen Neuzeit (Mitte des 13. Jahrhunderts bis Ende des 15. Jahrhunderts) erwachte nicht nur ein neues Selbstbild des Menschen, auch sein Verhältnis zum Tier änderte sich. "Mangel an Vernunft, Unberechenbarkeit und Gewaltsamkeit, werden dem Tier zugeschrieben." Der sich an der Wissenschaft orientierende Mensch verschrieb sich dem Fortschritt. "Dem steht das Erlebnis Tier gegenüber. Im Erlebnis ist das Tier die Verkörperung von Fortschrittslosigkeit. Nicht der Vorschein von Verbesserung, sondern das Sich-Abfinden mit den Verhältnissen geht vom Tier aus."

Ich zitiere hier ohne die Berücksichtigung des Kontextes, erwähne also nur, was ich erhellend finde bzw. worüber ich bis anhin nicht nachgedacht habe. "Das Bild vom Leben, das die Moderne entwickelt, ist eine getarnte Fortsetzung der Gewalt und Herrschaft über das nicht-menschliche Leben. (...) Gewalt wird als die Nutzung der Natur zum Vorteil des Menschen gerechtfertigt."

Der Mensch begreift sich nicht als Teil der Natur, sondern als Herrscher über die Natur. "Der Verzicht auf Herrschaft über die Natur verlangt einen radikalen Wandel im Denken, für den es bisher keine Anzeichen gibt. Auch die Tierrechtsbewegung ist in den Zirkel eingebunden (...) Es könnte dem Tier gut gehen, ist die Überzeugung der Bewegung, wenn seine Rechte kodifiziert und sanktioniert würden. Das ist eine naive Erwartung (...) Es kann dem Tier erst gut gehen, wenn sich die mentale Haltung ändert und die Sorge für die Natur und das Tier zur Grundeinstellung wird."

Doch wie ändert man eine mentale Haltung? Grundlegende Einsichten bietet dieses Werk, allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass auch noch so überzeugende Kopfeinsichten (und dieses Buch ist voll davon) einen solchen Wandel, so wünschenswert und nötig er meines Erachtens auch ist, werden bewerkstelligen können. Erst wenn der Mensch sich als Teil der Natur erlebt (und dafür müsste er seinen Kopf leeren), wird sich seine mentale Einstellung ändern können.

Bernd Hüppauf bleibt jedoch nicht in der Theorie gefangen, sondern macht praktische Vorschläge. Er plädiert für die Sorge, auf die Tiere seiner Meinung nach ein Anrecht haben. "Es geht um die Verpflichtung des Menschen, für das Tier Sorge zu tragen wie für seinen Nächsten, um ein an zahlreichen Stellen der Bibel gebrauchtes Wort zu variieren."

Bernd Hüppauf
Auf dem Weg zum Tier
Tiere und Tierbilder von der
frühen Neuzeit zur ökologischen Krise
transcript, Bielefeld 2026

Sunday, 5 April 2026

Stern von Laufenburg

Um es gleich vorwegzunehmen: Mich begeistert dieses Buch, da es für mich exemplarisch vorführt, worum es bei der Fotografie geht: Ästhetik, Schönheit, Formvollendung. Um das Abbilden dessen, was unser Auge erfreut. Zugegeben, das ist eine sehr persönliche Sicht. Und zudem eine, die ich noch gar nicht so lange pflege, denn die meiste Zeit, seit ich im Jahre 2000 eine Master-Thesis über Dokumentarfotografie verfasst habe, galt mein Interesse der Kombination von Bild und Text. Erst seit ich vor einigen Jahren selber regelmässig zu fotografieren begonnen habe, wurde mir das Einrahmen wichtig, das Kaspar Thalmann in diesem Band (Stern von Laufenburg) so hervorragend beherrscht.

Beim Stern von Laufenburg handelt es sich um "eine Schaltanlage in der Schweiz, ein Knotenpunkt des europäischen Stromnetzes", wie Sam Scherrer im Vorwort ausführt. "Die Fotografien von Kaspar Thalmann sind nicht nur ein künstlerischer Blick auf ein technisches Motiv. Sie sind auch eine Einladung, genauer hinzuschauen auf das, was uns versorgt, verbindet und herausfordert."


Für mich sind diese Fotografien zuallererst Bilder, die mich ansprechen. Warum, interessiert mich wenig. Klar, Begründungen könnte ich schon liefern, doch diese entstehen im Nachhinein. Was im Moment des Anschauens passiert, weiss ich nicht, doch ich kann unschwer konstatieren, ob mich etwas anzieht oder abstösst, mir gefällt oder nicht.

Manchmal, doch beileibe nicht immer, folgen auf die ersten Eindrücke Fragen. Was sehen meine Augen da eigentlich? Was wird mir gezeigt? Strommasten, lese ich. Die elektrische Energie, die sie transportieren, sehe ich hingegen nicht. Strom ist unsichtbar.

Strom fliesst in einem geschlossenen Stromkreis, lese ich. Diese Information beeinflusst meinen Blick auf die Hochspannungsmasten: Ich versuche mir jetzt vorzustellen, wie der Strom durch diese Leitungen fliesst, obwohl ich mir gar nicht richtig vorstellen kann, wie Elektronen fliessen können.

Wir sehen nur, was wir wissen, können nur er-kennen, was wir kennen, meinte einst Goethe. Meines Erachtens wird Wissen jedoch überbewertet. Alles, was ich jetzt über Elektrizität lese (viel ist es nicht), tritt schon bald wieder in den Hintergrund; die Empfindungen, die diese clever gestalteten Bilder bei mir auslösen, treten wieder in den Vordergrund.

Im Gegensatz zur Malerei, bei der der Maler mit einer leeren Fläche anfängt, ist beim Fotografieren alles schon vorhanden. Der Fotograf zeigt einen Ausschnitt, er rahmt ein, entscheidet, was er in den Rahmen reinnimmt, und was er draussen lässt. Mich dem hinzugeben, was meine Augen registrieren, genügt mir, da mir nur allzu bewusst ist, dass meine (und nicht nur meine) Erklärungen willkürlich sind. Auch sind sie nicht statisch, sondern verändern sich.

Was Kaspar Thalmann zu diesen Aufnahmen bewogen hat, weiss ich nicht. Er selber äussert sich nicht dazu, doch Meret Arnold schreibt: "Dass die Digitalisierung über alles gestellt wird und ihre Gefahren ausgeblendet werden, irritiert Kaspar Thalmann. Deshalb ist der Fotograf und Architekt den Leitungen gefolgt, um die Infrastruktur zu sehen, die uns mit Strom versorgt." Einige Bilder sind mit einer Drohne aufgenommen worden, andere wurden herangezoomt und "enfalten mitunter lyrische Qualitäten." – eine Assoziation, die mir selber ferner kaum sein könnte. Wie heisst es doch im Talmud so treffend: We do not see things as they are, we see things as we are.

Ein weiterer Text stammt von Adi Kälin, der einen überaus anregenden, bestens informierten Abriss über die Geschichte der Elektrizität in der Schweiz vorlegt, und auch auf Phänomene aufmerksam macht, die mir nicht bekannt gewesen sind: den Mastenfan und die Dunkelflaute.

Kaspar Thalmann
Stern von Laufenburg
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Wednesday, 1 April 2026

On Belief: The Power of Pictures

According to a recent article in The Guardian, "AI images of people – such as women in military contexts – are making money and serving as propaganda, researchers say." More worrying is however: „‘They feel true’: political deepfakes are growing in influence – even if people know they aren’t real.

We know or we should know, of course, that photographs have been manipulated from the very beginning of photography. The various attempts to somehow distinguish the true from the fake haven't been really convincing; in the end, the veracity depended on whether you trusted the photographer.

The presumption has often been that knowing the facts would free us from the dictatorship of our emotions. Not so, as the example above seems once again to demonstrate. Differently put: Knowledge does not stand a chance against belief.

"Man is made by his belief. As he believes, so he is“, the Bhagavad Gita states. Only personal experience, it seems to me, stands a chance to challenge belief. And, needless to say, this is most definitely not good news.

Sunday, 29 March 2026

Q: Das unglaubliche Leben der Queen

Was ich einst über Craig Browns Biografie der Beatles, One Two Three Four, geschrieben habe ("Eine ganz wunderbare Zeitreise, sehr amüsant, höchst informativ, glänzend geschrieben. Eine Perle von einem Buch!"), trifft genauso auf Q: Das unglaubliche Leben der Queen zu: Nie wurde ich besser unterhalten, nie wurde ich umfassender informiert, nie wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie wunderlich, ja irre, sich der Mensch in diesem selber fabrizierten Welttheater aufführt. Ich habe Tränen gelacht!

"Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen." Was auch immer man über sie denken mochte, man begegnete ihr gleichsam ehrfürchtig. Nicht nur ihre Fans, auch ihre Kritiker.

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es völlig selbstverständlich, dass alle – Männer, Frauen und Kinder – sich erhoben, wenn die Nationalhymne erklang." Diese Melodie, und diesen Text, mit dem die Menschen Gott baten, sie zu beschützen, hat wohl kaum ein Mensch derart oft gehört wie die Queen. "Ihre Reaktion war meist dieselbe: Sie machte ein besinnliches, aber auch etwas gleichgültiges Gesicht und blickte unbeirrt geradeaus   so, als würde sie geduldig auf den nächsten Bus warte."

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Queen (und auch von Queen Mum) gehörte das Puzzeln, wobei galt: Je mehr Teile, desto besser. "Puzzles gefallen all denen besonders gut, die gern Chaos in Ordnung verwandeln." Das ist jedoch nur ein Teil der Persönlichkeit der Queen, die bekanntlich auch eine Vorliebe für Corgis hat, die das genaue Gegenteil von Puzzles repräsentieren. "Diese Hunde waren planlos, sorglos, aggressiv und fordernd. (....) Sie waren wie vierbeinige Diktatoren, sturzbetrunkene Kleinkinder, randalierende Hooligans. Ehrerbietung oder Majestät waren Fremdwörter für sie." Darüber hinaus hatten sie gegenüber Hausangestellten einen entschiedenen Vorteil: "Kein königlicher Corgi hat je seine Memoiren geschrieben oder Oprah Winfrey sein Herz ausgeschüttet."

Die Corgis ihrer Majestät drehten auch immer mal wieder durch. Als Dotty ("die Verrückte") einmal zwei Jungs auf Fahrrädern attackierte und der Fall vor Gericht kam, wurde auch der Hundepsychologe Dr. Roger Mugford beigezogen, dessen Ausführungen, absolut preiswürdig waren.

Queen Elizabeth II war gerade mal 26 als sie gekrönt wurde. Dass die ganze Nation, wie einstmals, zur Monarchin hochschauen würde, hielt der Schriftsteller John Fowles für unwahrscheinlich, da die Welt heute ein Bienenstock sei, wo jeder seine eigene Wabe bewohne und alles den Anschein von Gleichberechtigung habe. "Wenn die Monarchie bestehen bleibt, dann deshalb, weil das Leben der breiten Masse derart blass und eintönig ist, dass die Leute jede Gelegenheit zur Sublimierung nur zu gern ergreifen. Und so wird die Krone zum seelischen Anker, zur Erholungspause – zum Treibanker. Sie hemmt uns, aber sie ermöglicht uns gerade dadurch eine sichere Weiterfahrt." Am Rande: Der hochnäsige britische Adel, so lerne ich, schätzt die Königsfamilie gering, lauter Parvenüs!

Q: Das unglaubliche Leben der Queen ist überaus reich an teils skurillen Details, darunter die Karriere der Elizabeth-Doppelgängerin Jeannette Charles, die bei ihrem Tod genauso alt war wie die Queen, als sie starb. Oder: Der zehnjährige Paul McCartney wird für seinen Schüleraufsatz über den Krünungstag mit einem Preis bedacht; die 23jährige Reporterin Jaqueline Bouvier ist im Auftrag der Zeitung Washington Times-Herald vor Ort. Und und und ....Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Beileibe kein Detail war jedoch die Detailgenauigkeit, mit der alles und jedes im königlichen Haushalt vonstatten zu gehen hatte. Alles, wirklich alles hatte einem rigorosen Drehbuch zu folgen, selbst der Gang zur Toilette. Die Queen "war überzeugt, dass sich dadurch letztlich alle sicherer fühlen konnten, ganz egal welchen gesellschaftlichen Rang sie einnahmen, denn immerhin wussten sie auf diese Weise,woran sie waren." Man darf daraus füglich schliessen, dass sich dadurch auch die Queen sicher fühlen konnte.

Durchregulierter als das Leben der Queen und der Umgang mit ihr, geht eigentlich nicht, was jedoch nicht allein ein Garant für Stabilität, sondern auch eine Methode der Einschüchterung ist. Unterwerfung wird nicht verlangt, sondern erwartet. Und die Untertanen (!) der Königin enttäuschen sie nicht: Nichts, was geeigneter wäre, um die Menschen als das vorzuführen, was sie wirklich sind: Folgsame Trottel (und Trottelinnen).

Dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen, lernt man nicht zuletzt an Universitäten, ansonsten sich das akademische Tun kaum begründen liesse. Der von Craig Brown vorgelegte Kontext orientiert sich erfreulicherweise am realen Leben und liest sich unter anderem so: "Schätzungsweise 150 Prostituierte vom europäischen Festland werden rechtzeitig zu den Krönungsfeierlichkeiten im Londoner Westend eintreffen. Das überrascht wenig, denn schliesslich wirken pompöse Veranstaltungen wie diese auf verschiedene Menschen ganz verschieden, und die aphrodisierende Wirkung der Monarchie ist noch lange nicht ausreichend erforscht."

Fazit: Informativer und unterhaltsamer geht nicht. Ein Lesegenuss erster Güte!

Craig Brown
Q
Das unglaubliche Leben der Queen
C.H. Beck, München 2026

Wednesday, 25 March 2026

Schon eigenartig, das Gedächtnis

Zu den grössten Schwierigkeiten bei seiner Weltreise-Vorbereitung gehörte der Entscheid, welche Bücher er mitnehmen sollte. Schliesslich entschied er sich für Montaignes Essais, Fontanes Effi Briest, Shakespeares Hamlet, Goethes Faust, Sophokles‘ Antigone und und und … Er las sie alle. Und hatte nach seiner Rückkehr Null-Erinnerung an die Lektüre, auch wenn ein Satz aus Shakespeares Hamlet zu seinem Leitgedanken geworden war: The readiness is all. Er hatte ihn aus The Prince of West End Avenue von Alan Isler.

Im Nachhinein wunderte er sich, wie wenig ihm von dieser Weltumrundung geblieben war. Eine Busfahrt in Neuseeland, auf der er eine junge Maori fragte, wie sie Rotorua, das bekannt für seine Schwefelquellen ist, beschreiben würde – „it stinks“, sagte sie; Bilder aus Hawaii, wo er jeden Tag in dasselbe Restaurant ging, wegen der hübschen Bedienung, die er sich jedoch nicht anzusprechen traute; ein Lokal beim Santa Monica Pier in Los Angeles, wo jeder, der wollte, sich auf der Bühne produzieren durfte und ein Schwarzer dermassen falsch sang, dass Hugo sich vor Lachen kaum mehr erholen konnte (er war bis dahin der Meinung gewesen, alle Schwarzen hätten Musik und Rhythmus im Blut); die Beaconsfield Parade in Melbourne, wo er in einer Wohngemeinschaft untergekommen war; Brigitte, die in einem vegetarischen Lokal kochte; eine Hochhauswohnung nahe beim Bondi Beach in Sydney, wo die Freundin einer Zufallsbekanntschaft mit ihrem Freund wohnte.

Schon eigenartig, das Gedächtnis. Dass ihm die Dinge blieben, die ihm wichtig waren, konnte er nicht sagen. Doch auch das Gegenteil stimmte nicht. Vielmehr war es ein ziemliches Durcheinander, abhängig von Stimmungen, die er kaum beeinflussen konnte. Dazu kam: Unangenehmes verdrängte er bewusst. Und vermutlich auch unbewusst. Diejenigen, die das Unbewusste interpretierten, hielt er für Scharlatane.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025

Sunday, 22 March 2026

Cold Case

Der Südkoreaner Kim Sang-young stirbt in den 1970er Jahren durch Erfrieren, in Kanada, wo er aus einer psychiatrischen Klink abgehauen ist. Der Klinikdirektor fragt sich, was Menschen in sogenannt verantwortungsvoller Position sich weltweit fragen: Was musste geschehen, um vor dem Klinikausschuss gut dazustehen?

Der Erzähler von Cold Case geht dieser Geschichte, zusammen mit seiner koreanischen Freundin Kim Minkyung (Kim Sang-young ist ihr Onkel), nach. Dabei herausgekommen ist einerseits eine Detektivgeschichte und andererseits ein facettenreiches Bild der südkoreanischen Realität, die der Autor Alexandre Labruffe auch aus eigener Anschauung kennt, war er doch einige Jahre für die Alliance Française vor Ort.  Auch die kanadische Wirklichkeit wird geschildert, besonders aufschlussreich am Beispiel des Arztes und Abgeordneten Morton Shulman

So erfährt man etwa, dass Fremdgehen in Korea ein Geschäft ist. "weil Trennung als Schande gilt. Anders (im Stillen) gesagt: In Korea ist Fremdgehen besser als Scheidung, weil letztere dich erniedrigt und herabstuft. Die Scheidung, soziales Versagen oder Verrat an der Nation, lässt die Grundfesten der koreanischen Gesellschaft, ihre ewigen Werte bröckeln. Im Land der Neokonfuzianisten ist die Heuchelei Königin." Nicht nur in Korea, will ich da gleich hinzufügen, denn ohne Heuchelei gibt es keine Zivilisation.

Wie jede Gesellschaft ist auch die koreanische geprägt vom stetigen Wandel. "In den 60er Jahren war das Café in Korea das Distinktionsmerkmal der besseren Gesellschaft, Treffpunkt für besondere Gelegenheiten." In den 80er Jahren "quollen die Strassen des Landes vor Schamanen und Wahrsagern über. Scharlatane oder nicht."

Cold Case ist auch ein Roman, der mich immer mal wieder schmunzeln machte. Des Austauschs zwischen dem Erzähler und seiner Freundin wegen, der nicht zuletzt von der eigenwilligen Sprache der Koreanerin geprägt ist. "M: Bist du warnsinnig? Was gehst du mich an? L: Ich geh dich nicht an. Ich beliebe nur zu scherzen. M: Du verirrst mich."

Sprache lernt man ja auch über Laute, wobei dann, in der koreanischen Variante, etwa solches herauskommen kann: " Quaartsch mit Soja." 

Alexandre Labruffe ist nicht nur ein genauer Beobachter, sondern bringt auch scharfsinnig auf den Punkt, worum es bei den Besäufnissen der koreanischen Jugend geht. "Zum Heiligtum erhobene Trunksucht, Ekstase im Koma. Nichts geht über die Auslöschung der Gegenwart."

Es ist der Ton (c'est le ton qui fait la musique), der mich ganz besonders für diesen Roman einnimmt. So beschreibt der Autor die Psychiatrie als "Planet Klinik, der über ein eigenes Neusprech verfügt", wo man , "die aus der Gesellschaft Entfernten, Verhaltensgestörten, Geisteskranken und Verrückten aller Art, dem Blick entzogene Zombies, Spinner, Bekloppte, territorial Verdrängte" untergebracht hat. Illusionfrei konstatiert er: "Ich denke: exiliert im eigenen Land."

Es sind vor allem die Passagen über die Psychiatrie, die mich am meisten gepackt haben. Auf eine Diagnose folgt die medikamentöse Einstellung. Nur eben: "Es gibt keine Medikamente gegen Wahnsinn. Scheisse noch mal, Minkyung, so etwas gibt es nicht. Sie schalten ihn ab, deinen Vater. Sie lähmen sein Hirn mit Rattengift."

Cold Case ist ein überaus origineller Roman, der zwei Kulturen (Kanada und Südkorea) schildert, anhand der Psychiatrie bzw. des gesellschaftlichendes Umgangs mit Nicht-im-System Funktionierenden. Smart und witzig.

Alexandre Labruffe
Cold Case
Roman
Wagenbach, Berlin 2026

Wednesday, 18 March 2026

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess

In jüngeren Jahren, also vor meinem Lizentiat der Rechtswissenschaften, als ich noch idealistische Vorstellungen von Recht und Rechtsstaat hegte, gehörten Gerichtsreportagen zu meiner Lieblingslektüre. Mittlerweile halte ich das sogenannte Recht und alles drumherum wesentlich für ein Business-Modell, und bin jetzt gespannt wie wohl diese drei Reportagen auf mich wirken, wobei ich positiv voreingenommen bin, denn was ich von Martha Gellhorn gelesen habe (insebesondere ihren Roman Liana) schätze ich sehr. Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Lektüre ist ganz unbedingt empfehlenswert, da aufklärend, wesentlich und horizonterweiternd. 

Ein Gerichtssaal ist einem Theater vergleichbar: Die Inszenierung ist wichtig. Für Juristen entscheidend sind jedoch die Argumente, die häufig absurder kaum sein könnten. So zitiert Janet Flanner etwa Görings Anwalt mit "Es ist unmöglich, eine Handlung zu beurteilen, ohne das Motiv zu kennen." Nun ja, Motive sind meist unbewusst. Zudem: Das Unbewusste wird so genannt, weil es dem Bewusstsein nicht zugänglich ist!

Juristen unterscheiden zwischen der objektiven und der subjektiven Seite eines Geschehens, was impliziert, der Beweggrund für eine Tat könne erkannt werden. So nachvollziehbar dies gemäss unserem Denken auch ist, mir selber steht die Herangehensweise der noch nicht sozial auf Linie Getrimmten näher: "Young children tend to focus on causal responsibility, while older children and adults tend to focus on intent." (Fiery Cushman: Should the Law Depend on Luck?).

Im Herzen des Weltfeindes wird eingeleitet durch ein Vorwort des Rechtswissenschaftlers Ingo Müller, der den Hauptanklagevertreter Robert Jackson höchst wohlwollend porträtiert, was Janet Flanner jedoch ganz anders sieht ("Ihm schien es nicht nur an Hintergrund und Weisheit zu mangeln ..."). Überhaupt zeichnet dieses Buch aus, dass drei ganz unterschiedliche Temperamente zu Wort kommen, die jedoch, wie Klaus Bittermann in seinem informativen und vielfätig aufschlussreichen Nachwort festhält, sich ausserstande sahen, "die Deutschen nicht zu hassen. Und auch Lee Miller (von der die Fotos vom zerstörten Nürnberg in diesem Band stammen) machte aus ihrem Hass keinen Hehl. Sie setzte nie wieder einen Fuss auf deutsches Gebiet. Sie wollte nie wieder an Deutschland erinnert werden. Ihre Erschütterung war so tiefgreifend, dass sie zur Alkoholikerin wurde." Am Rande: Warum jemand zu einer Alkoholikerin wird, darüber kann man bestenfalls rätseln. 

Was diesen drei Frauen, die einander nie begegnet sind, auch gemein ist: Eine höchst differenzierte Beobachtungsgabe, die sich unter anderem in der Beschreibung des Äusseren sowie der Gebahrens der auftretenden Personen zeigt. Und dass sie viel Vertrauen und Hoffnung in den Rechtsstaat setzen. "Es (das Tribunal) erscheint wie eine Insel der Hoffnung, des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit der Alliierten inmitten der düsteren, auf Untergang eingestimmten Deutschen und deren zerstörter Stadt." (Janet Flanner). "Seine (Sir Geoffrey Laurence, der Präsident des Tribunals) Stimme war ein Symbol für das, was alle zivilisierten Menschen von der Gerechtigkeit erwarten und was sie darunter verstehen – etwas Klares und Unerschrockenes, stärker als die Zeit." (Martha Gellhorn). "Es war notwendig, und zwar wirklich notwendig, dass eine grosse Anzahl von Personen, inklusive der Führung von Armee und Zivilbehörden, nach Nürnberg fuhr und sich die Urteilsverkündung anhörte, denn auf keine andere erdenkliche Weise konnten sie sonst nachvollziehen, worum es in dem Prozess überhaupt gegangen war." (Rebecca West). 

Im Herzen des Weltfeindes ist auch eine Dokumentation eines interkulturell  einzigartigen Vorgangs. Die Verteidiger waren Deutsche, die Ankläger und Richter stammten aus Nationen mit unterschiedlichen Auffassung hinsichtlich des Verfahrens. Gemäss Janet Flanner wurde der Prozess als amerikanische Veranstaltung begriffen, die dann auch mit einem Kreuzverhör von Göring ihren Anfang nahm. "Die Franzosen kennen kein Kreuzverhör, die Russen hatten vermuitlich überhaupt keine Ahnung, und die Briten wussten wenigstens, wie sie sich über den Tag retten konnten."

Verblüfft hat mich, dass vermutlich die meisten Deutschen von dem Prozess nicht gross Kenntnis genommen haben, auch wenn es verständlich ist, schliesslich hatten sie andere Sorgen  – die Stadt war zerstört, die Läden leer, auch sind wohl nicht wenige davon ausgegangen, dass die Schuld der Angeklagten feststand. Doch zeigt dies eben auch (wieder einmal), dass das, worüber die Zeitungen berichten bzw. in Büchern zu lesen ist, das Leben der allermeisten kaum beeinflusst.

Im Herzen des Weltfeindes kommt zur richtigen Zeit, da der Antisemitismus wieder vermehrt offen zutage tritt (fehlende Scham ist ein Merkmal der Unzivilisiertheit) und die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis unterzugehen droht. Es zeichnet diese Reportagen aus, dass die Autorinnen Stellung beziehen und keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis auf der Anklagebank machen, die sich allesamt unschuldig geben.
 
Im Herzen des Weltfeindes erschöpft sich nicht in Berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (Rebecca West schildert auch ihre Streifzüge durch das kaputtte Land), sondern weist darüber hinaus, indem es uns eindringlich vor Augen führt, dass sich der Verantwortung zu stellen, feigen, brutalen und selbstherrlichen Anstiftern unbekannt ist. Es ist auch heute noch so.

Janet Flanner, Martha Gellhorn, Rebecca West
Im Herzen des Weltfeindes
Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Reportagen
Mit Fotos vom zerstörten Nürnberg von Lee Miller
Edition Tiamat, Berlin 2026