Wednesday, 17 June 2026

Vorsehung

Der Einstieg in diesen Roman ist schlicht grandios: Der Flug von Hobart nach Sydney hat Verspätung, was der Autorin die Möglichkeit gibt, die Flugpassagiere vorzustellen. Wie auf jedem Flug kommt da eine recht bunte Truppe zusammen, die derart lebensnah geschildert ist, dass ich ständig laut herauslachen muss. Wir Menschen sind schon eine überaus eigenartige Spezies! Kurz vor der Landung steht eine alte Dame von ihrem Platz auf, geht durch die Reihe, bleibt bei den einzelnen Passagieren stehen und prophezeit ihnen ihre Krankheiten sowie das Alter ihres Ablebens. Natürlich wollen das nicht alle wissen, doch darauf nimmt die Frau keine Rücksicht (obwohl sie durchaus Skrupel hat) und so bleibt es den Passagieren überlassen, wie sie mit diesen Botschaften umgehen. Ein 29Jähriger, dem sein Tod mit 30 vorausgesagt wird, ist definitiv nicht in der selben Liga wie eine 87Jährige, die noch bis 101 Zeit hat.

Ist sie eine Hellseherin? Und falls ja, können Hellseher irren? Die alte Dame stellt klar: Der Satz „Gegen das Schicksal kommt man nicht an“ stamme nicht etwa von ihr, sondern von ihrer Mutter, die eine Deterministin gewesen sei. Was meint: Der Mensch handelt wie er handelt, weil das in ihm so vorbestimmt ist und sein Tun und Lassen der Kausalität folgt. Der bärtige Mann („er war Universitätsdozent, er genoss es noch mehr als der Durchschnittsmann, Vorträge zu halten“), der den Begriff erläuterte, entpuppte sich als Vertreter des „harten Determinismus“, für den es keinen freien Willen gibt. „Zwischen zweien seiner Schneidezähne steckte ein braunes Reiskorn, und niemand, nicht einmal seine Frau, wies ihn darauf hin. Möglicherweise hielt sie es für kausal unausweichlich.“

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ist eine philosophische. Von praktischer Relevanz ist sie nicht, denn unser soziales Leben beruht auf der Annahme, dass wir einen freien Willen haben. Darauf gründet auch die Strafjustiz, ansonsten man niemandem eine Tat vorwerfen bzw. ihn dafür bestrafen könnte. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass wir uns die Realität zurechtbiegen (was wir eindeutig tun), denn den Nachweis zu erbringen, dass es den freien Willen auch wirklich gibt, ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Wir glauben eben, was wir glauben wollen; dass uns unser Bauchgefühl täuschen könnte, halten wir nur theoretisch für möglich.

Vorsehung ist glänzend geschrieben, eine Comédie Humaine vom Feinsten. Die Autorin präsentiert ganz unterschiedliche Charaktere (und was würde sich dazu besser eignen als Flugzeugpassagiere, denen Algorithmen ihre Plätze und damit ihre Sitznachbarn zuweisen), die man alle aus dem richtigen Leben zu kennen glaubt. Da ist zum Beispiel Sue, deren Söhne alle den gleichen, dümmlichen Blicke hatten, „als sie plötzlich in die Höhe schossen. Ich weiss gar nicht, wie ich hier hochgekommen bin! “ Sue ist Pflegekraft in der Notfallambulanz, und gehört zu der Sorte Mensch, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. Doch auf einmal überkommt es sie: „Überhaupt nichts hat sie gesehen! Ein ganzer Planet voller Burgen und Kathedralen, Gemälde und Skulpturen, Berge und Ozeane wartet darauf, von Sue und Max O’Sullivan gesehen und bewundert zu werden.“

Vorsehung bietet ein überaus unterhaltsames Welttheater, da Liane Moriarty uns nicht nur am Innenleben der Menschen auf diesem Flug teilhaben lässt, sondern auch schildert, wie sie miteinander umgehen. Da ist etwa der Flugpassagier Ethan Chang, gerade zurück von der Beerdigung seines Kumpels Harvey. Es war Ethans erste Beerdigung und nicht alles lief rund. So sprach er irrtümlicherweise einer Angestellten des Cateringservice sein Beileid aus. „Sie trug eine weisse Bluse und eine schwarze Hose und hielt ein Tablett mit Schinkensandwiches in Händen. Es gab durchaus Anhaltspunkte.“ Oder das frisch verheiratete Paar, Dom und Eve. „Eve weiss nie, ob er nur glücklich tut oder einfach vergisst, was ihm Sorgen gemacht, und sich irgendwann wieder daran erinnert.“

Als das Flugzeug gelandet ist, hat die Hellseherin keine Erinnerung daran, dass sie den anderen Flugpassagieren ihre Vorhersagen aufgezwungen hat. Sie ist die Personifizierung der Vorstellung, dass der Mensch nicht weiss, was er tut, und von seinem Schicksal gelenkt wird. Ob es sich dabei um ein psychisches Problem handelt (die gängige Standardantwort, wenn wir heutzutage nicht weiter wissen), wie „der starke, muskulöse Mann mit dem militärischen Bürstenschnitt, der so aussieht, als könnte er die Welt im Alleingang retten“, behauptet, soll hier nicht verraten werden.

Auch die Hellseherin erzählt ihr Leben, die Flugpassagiere machen sich auf die Suche nach ihr. Zum Einsatz kommt dabei auch eine Facebook-Seite, die in der Folge von vielen besucht wird, die zwar sachlich nichts beitragen können, doch auf sich und ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Vorsehung ist auch ein sehr gelungenes Porträt unserer Zeit, in der wir alle gezwungen werden, für uns zu trommeln.

Vorsehung handelt auch davon, was man mit Wissen anstellt, das man lieber nicht hätte.. So wissen wir alle, dass wir sterben werden. Die übliche Variante ist die Verdrängung. Liane Moriarty zeigt uns weitere Möglichkeiten, zu denen auch das Einholen einer Zweitmeinung, das Sich-Austauschen mit Freundinnen und Bekannten sowie das Relativieren von Vorahnungen gehören. Doch dann stirbt eine junge Flugpassagierin sowie ein altes Ehepaar; alle drei waren auf dem Flug gewesen …

Vorsehung ist weit mehr als ein ungemein unterhaltender Roman; die vielfältigen Einsichten und Hinweise, die er vermittelt, sind vielfältig hilfreich und von praktischer Relevanz. So herrscht, wie wir alle wissen, etwa die Überzeugung vor, dass alles seinen Grund haben müsse. Das ist natürlich Unsinn, denn die Dinge sind ganz einfach wie sie sind. Ohne Grund. Und weshalb glauben wir trotzdem, dass alles seinen Grund haben müsse? Die Antwort (eine einleuchtende) findet sich in diesem echt tollen Roman.

Es ist die Mischung von Witz (als die Flugbegleiterin Allegra von einem Kind vollgekotzt wird: „‚Bitte machen sie sich keine Sorgen‘, sagt Allegra. ‚So etwas kommt vor‘. Ihr Entschluss, kinderlos zu bleiben, ist jetzt in Stein gemeisselt.“), Spannung (Wie werden sich die Voraussagen der alten Dame auswirken?), und philosophischer Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir unser Schicksal beeinflussen können, welche Vorsehung zu einem rundum überzeugenden Roman macht. Und zu einem Lesevergnügen erster Güte.

Fazit: Packend, clever, anregend und sehr, sehr lustig. Grossartig, ein Meisterwerk!

Liane Moriarty
Vorsehung
Roman
Droemer, München 2025

Sunday, 14 June 2026

All'Italiana!

Der Untertitel Wie ich versuchte, Italienerin zu werden lässt vermuten, dass Petra Reskis Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt war, obwohl sie sich jede erdenkliche Mühe gibt, und es irgendwie dann eben doch geklappt hat. „Es war mein Land, von Anfang an. Es ist ein fehlerhaftes Land, es sündigt, es ist perfide und manchmal sogar teuflisch. Dennoch liebe ich es. Das mag daran liegen, dass ich immer meine lebenslustige ostpreussische Familie gesucht habe, vermischt mit Teilen der melancholischen Schlesier. Und am Ende habe ich sie in Italien gefunden.“

Petra Reski hat Romanistik studiert und ist, wie ihr früh verstorbener Vater einst prophezeite, Auslandskorrespondentin geworden. Sie will verstehen, braucht Erklärungen, erwartet sich diese auch von der Politik, die in Italien allerdings von der Mafia häufig nicht zu unterscheiden ist. Ihre sizilianischen Schilderungen sind ungemein berührend, vielfältig informativ und aufwühlend. Und ihre Ausführungen zu Berlusconi machen klar, dass der Florida-Golfer keineswegs so einzigartig ist, wie dieser selbst und auch viele Journalisten offenbar glauben.

So abstrus einem Aussenstehenden die italienische Politik auch vorkommen mag, das italienische Wahlvolk verhält sich auch nicht viel anders als, sagen wir, das amerikanische, das auch in schöner Regelmässigkeit Gauner und Deppen, denen es immer nur um sich selber (und ihre Klientel) geht, als Regierung wählt. Die Italiener wissen, was sie tun. Warum sie es tun, ist egal, und auch wenn sie es wüssten, würde es keinen Unterschied machen. Das ist überall so.

Petra Reskis Mann ist Venezianer (und nur im Ausland Italiener) und erträgt es nur schwer von Festlandbewohnern regiert zu werden. Wenn seine Frau sich wieder einmal aufregt und fassungslos fragt, wie das denn um Himmels Willen nur möglich sei, “dass sich ganz Italien diesem Berlusconi in die Arme wirft, obwohl über ihn und seine Mafiamachenschaften alles bekannt ist“, antwortet er mit „Du bist hier in Italien!“ „Ja und? Was soll das denn heissen?, frage ich. Und er sagt: Niente. Das sagt er immer, wenn jemand zu begriffsstutzig ist, um die offensichtlichsten Zusammenhänge zu verstehe.“ Schön gesagt, doch ich vermute, dass Italiener Italien genauso wenig begreifen wie die Nicht-Italiener, weil man Italien und die Italiener schlicht nicht verstehen kann. Und so recht bedacht, gilt das für so ziemlich alle anderen Völker und Länder auch. Nur ist es anderswo oft weniger laut, lustig und so offensichtlich chaotisch.

Der grösste Teil dieses sehr gut geschriebenen Buches handelt von der Politik, ist aufklärend und geht sehr in die Details. Wer, wie ich, wenig Lust auf die eitlen Selbstdarsteller hat, die von der Macht und dem Rampenlicht nicht genug kriegen können, kommt allerdings nicht zu kurz, denn die Entdeckerfreude der Autorin erstreckt sich weit über die Politik hinaus. So erfährt man unter anderem auch höchst Aufschlussreiches darüber wie Journalismus funktioniert, bornierter Kollegenneid inklusive, oder das italienische Fernsehen … doch lesen Sie selbst, es lohnt sich!

Besonders erhellend sind Petra Reskis Ausführungen zur Sprache. „Das passato remoto macht mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.“ Die italienische Politik komme ihr ähnlich knifflig vor wie die diversen Vergangenheitsformen des Italienischen, konstatiert sie. Sehr schön, denn der Zusammenhang von Sprache und Mentalität wird oft übersehen.

„Komisches Land, dieses Italien, denke ich. Voller Widersprüche: Man spricht offen über schreckliche Skandale, und Zustände, die anderswo eine Revolution ausgelöst hätten, werden hier belacht. Man regt sich darüber auf, dass die Sozialisten klauen, und lacht, als ein Kabarettist aus dem Fernsehen eliminiert wird. Man lebt in einer der schönsten Landschaften der Welt und legt sich an einen verpesteten Strand. Und lacht auch darüber.“ Wer angesichts einer solchen Realität glaubt, Erziehung könne Wesentliches bewirken, irrt.

Petra Reskis Beobachtungen sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Und laden häufig zum Schmunzeln ein. „Ich habe mal beobachtet, wie Engländer in der Vaporettostation an der Rialtobrücke eine Schlange gebildet haben. Die Italiener haben das Prinzip gar nicht verstanden. Sie sind einfach an ihnen vorbeigegangen.“

Über ein anderes Land und deren Bewohner nachzudenken, führt auch unweigerlich zu Vergleichen mit dem, was einen geprägt hat. Mit anderen Worten: In der Fremde lernt man, vorausgesetzt, man ist bereit dazu, auch immer viel über sich selber. Und manchmal entdeckt man im vermeintlich Neuen, was schon immer in einem angelegt gewesen ist. All’Italiana! ist nicht zuletzt erfreulich selbst-reflektiv.

Dieses Buch beschreibt eine Faszination, ein Rätsel und das unweigerliche Sich-Immer-Mal-Wieder-An-Den-Kopf-Fassen, weil das doch Alles nicht wirklich sein kann. In diesem überaus gelungenen Mix vielfältiger Absurditäten und bewegender Momente stösst man auch auf ganz wunderbare Sätze, die Wesentliches auf den Punkt bringen. „Zu einer Zeit, als Venedig noch halbwegs eine Stadt ist und kein Freizeitpark …“. Im Spiegel liest sie: „Südlich von Florenz beginnt für die strengen nordischen Herrenmenschen schon Afrika, Rom liegt für sie fast im Urwald.“ Bessere Aufklärung geht eigentlich nicht.

All’Italiana! schliesst mit einem Kapitel über „Lukrez und das Ende des Obskurantismus“. Es ist so recht eigentlich mein Lieblingskapitel. Zum Einen, weil ich Lukrez‘ De rerum natura für einen der erhellendsten Texte überhaupt halte (eine grundlegend andere Sicht der Welt als die gemeinhin akzeptierten und uns benebelnden). Zum Andern dieser Ausführungen wegen, die von einer Lebensneugier zeugen, die nicht nur ihrem Mann, sondern auch Petra Reski selber eigen sind. „Der Venezianer kann eine Lupine nicht von einem Löwenzahn unterscheiden, er kennt nur Marmorsorten und weiss, wie man Tintenfische mit Licht und Kescher fängt, aber er hört Ivano aufmerksam zu, denn es gibt kaum etwas, was ihm mehr Achtung abringt als Menschen, die ihr Handwerk beherrschen.“

Fazit: Grandios! Engagierter, unterhaltsamer und treffender kann man Italien kaum schildern.

Petra Reski
All’italiana!
Wie ich versuchte, Italienerin zu werden
Droemer, München 2024

Wednesday, 10 June 2026

Sunday, 7 June 2026

On Books & Travelling

Standing in front of my book shelves, I'm astonished how little (if at all) I recall of the content of all of these books that I have seemingly read – many of them however convey feelings (I felt totally absorbed when reading this or that tome) and memories of where and under what circumstances I had read them.

There's no system to my shelving books, a thriller can be found next to a memoir of addiction, the work of a nobel prize laureate in literature next to reflections on how to live well.

From time to time, I look at these shelves and realise that the covers or the book titles make my mind wander in time. John Ralston Saul's The Paradise Eater takes me to Bangkok's Sukhumvit area where I spent on and off some years in the 1990s. Jonah Blacks Arrow of the Blue-Skinned God, Retracing the Ramayana Through India reminds me of the time in my life when I felt totally entranced by literally everything from the Far East.

I've gone through quite different episodes in my life, and the books on my shelves give testimony to that. It started with my sports period (especially football), followed by my rock and pop period (I was singing in a rockband), and and and ... Lately, I concentrated mostly on thrillers and books on science.

The one constant of my life has been travelling, physically as well as mentally.

Santa Cruz do Sul, Brazil, 6 February 2026

Wednesday, 3 June 2026

The Big City. A Visual Anthology

"Die Idee zu diesem Buch entstand 2009 in Kairo, beim Besuch bei Freunden", schreibt Philipp Sarasin in seiner Einführung. "Die Megacity war überwältigend, anstrengend und in ihrer Komplexität kaum zu fassen." Megacities sind in der Tat so, jedenfalls die, die ich kenne, wobei für mich "kaum zu fassen" mit "nicht einmal ansatzweise zu fassen" ersetzt werden müsste.

Mehr als zwanzig Städte hat Philipp Sarasin im Lauf von fünfzehn Jahren besucht und dabei unter anderem festgestellt, dass sie sich immer ähnlicher werden. Und genau diesen Eindruck hatte ich auch, als ich diese überaus vielfältigen Fotos anschaute. Hätte mir die Bildlegende (die nur gerade eine Ortsangabe ist), nicht jeweils gesagt, welche Stadt (oder vielmehr: welchen Ausschnitt einer Stadt) ich gerade vor Augen hatte, es hätte in den meisten Fällen so recht eigentlich (fast) überall sein können.

So unterschiedlich diese Fotos auch sind, es ist die Uniformität, die mir den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat. Wobei: So erstaunlich ist das letztlich gar nicht: In seinem Bestreben, speziell und anders zu sein, ist sich der Mensch eben überall gleich.

Besonders spannend waren für mich die Aufnahmen, die in Städten aufgenommen wurden, die ich aus persönlicher Anschauung kenne, etwa Panama City (das ich sofort erkannte) oder Jakarta (das ich ohne Bildlegende wohl nicht richtig zugeordnet hätte), oder Istanbul (das löste beim Lesen der Bildlegende ein Ja, klar aus), oder ganz speziell Bangkok (wo ich on and off einige Jahre zugebracht habe), das ich sehr gut getroffen fand.

Dass mich dieser Band anspricht, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich seit einigen Jahren (nachdem ich über zwanzig Jahre über Dokumentarfotografie geschrieben habe) selber (fast täglich) fotografiere, und mir in Städten Ähnliches ins Auge fällt, wie ich es auch in The Big City vorfinde.

Panama City

New York

Los Angeles

Wie jeder Fotograf zeigt auch Philipp Sarasin nicht, was er gesehen hat, sondern was er sich zu fotografieren entschieden hat. Mit anderen Worten: Er hat ausgewählt, was er wie einrahmen, und was er uns zeigen will. In diesem Sinne ist jedes Fotobuch, ungeachtet des Sujets, letztlich ein Selbstporträt, das sagt: So will ich in diesem Moment die Welt sehen. 

Fotografieren bedeutet zu wählen. Was nehme ich in den Rahmen rein, was lasse ich draussen? Dass dieser Band viel Disparates nebeneinander präsentiert, hat meine Sympathie, denn so ist, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, die Realität. Übrigens: Dass Fotos einem das Gefühl vermitteln können, die Realität abzubilden, ist erstaunlich, denn weder klingen, noch riechen sie. Doch sie sind Träger von Emotionen, und die prägen und bestimmen uns mehr, als uns bewusst ist. Understanding is a feeling, hat Robert Adams in Why People Photograph geschrieben.

Bangkok 

Bangkok

Was Philipp Sarasin motiviert hat, aufzunehmen, was er aufgenommen hat, weiss ich nicht. Ausser, dass ihn interessierte, "wie die Bedingungen beschaffen sind, unter denen Menschen heute in Grossstädten und Megacitys leben" (wie Fotos das zeigen könnten, entzieht sich mir), äussert er sich nicht. Da mich Motivationsforschung nicht interessiert, beschränke ich mich hier darauf, was die Fotos bei mir auslösen.

Zuallererst: Ich finde den Mix (Gebäude, Hochhäuser, Menschen, Autos, Fassaden etc.) überaus gelungen. Das bunte Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, am Tag und in der Nacht fotografiert, legt nicht gerade den Eindruck nahe, Stadtplanung sei hier federführend gewesen, wobei es auch immer wieder Stadtteile gibt, die eindeutig am Reissbrett entstanden sind.

Philipp Sarasin hat ein gutes Auge (man blättere etwa zu den Seiten 101, 105, 159 oder 211), und auch einen Sinn für das Witzig-Absurde. Ein Bild aus Nairobi, auf dem auch ein Raja Yoga Centre angepriesen wird. Oder die Bilder aus Los Angeles, insbesondere der Parkplatz mit Palmen und Hochhäusern im Hintergrund – ein ziemlich einzigartiges Porträt einer Stadt, in der man ohne Auto total am Arsch ist.

Die Bilder in diesem Band strahlen für mich die Stimmung aus, die Grossstädten eigen ist. Letztlich unfassbar, doch mich immer mal wieder an das Durcheinander auf einem Kinderspielplatz erinnernd. Besonders an den Rändern fransen diese Moloche richtiggehend aus (ich denke gerade an Lima). Dass diese Megacities überhaupt funktionieren (wenn auch nicht alle so wie Tokio), kommt so recht eigentlich einem Wunder gleich.

In meiner Zeit in Bangkok nahm ich hin und wieder den Bus und fragte mich gelegentlich, ob es für die Fahrer eigentlich einen Fahrplan gebe oder ob die alle irgendwann einfach  losfahren (oder auch nicht). Gestern bin ich im Bus eingeschlafen, sagte meine Freundin Jing einmal, und als ich aufgewacht bin, standen wir immer noch an der genau gleichen Stelle. Mit anderen Worten: Mich erstaunt und fasziniert, dass mir diese Aufnahmen ein Grossstadtgefühl vermitteln, das mir vertraut ist. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil es Bilder ohne Worte sind, die dies bei mir auslösen.

Die Einführung von Philipp Sarasin, einem in Berlin und Zürch ansässigen Schweizer Historiker, wie auch der Essay des Kunsthistorikers Martino Stierli, der sich unter anderem der Frage widmet, "in welchem Masse der Blick auf das relativ neue Phänomen der globalen Megacity durch den Erfahrungshorizont jenes mitteleuropäischen Betrachters konditioniert wird."), sind auf Deutsch und Englisch verfasst.

Philipp Sarasin
The Big City
A Visual Anthology
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Sunday, 31 May 2026

Die Fakten & Wir

 

Ein Titel auf Spiegel Online; „Schauspielerin Fritzi Haberlandt isst am liebsten Leberwurststullen.“ Hugo las zum ersten Mal von dieser Frau. Es zeigte ihm wieder einmal, wie uninformiert er war. Er wusste nicht einmal, was seine Nachbarin am liebsten ass.

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„… es ist therapeutisch, wenn du mit bestimmten Menschen sprichst. Du fühlst dich hinterher besser. Niemand weiss, warum. Es ist alles Chemie“, so die 94jährige Erika Freeman, die einst vor den Nazis fliehen musste, sich in New York als Psychoanalytikerin einen Namen machte, und mittlerweile wieder in Wien lebt. Den Florida-Golfer hält Erika Freeman für einen armen Mann, von seinem Vater nicht gemocht, von seiner Mutter für einen Nichtsnutz gehalten. Selbst Eltern, ging Hugo durch den Kopf, können manchmal ein gutes Gespür für ihre Kinder haben.

Wir kommen auf die Welt, dekonstruieren unsere Kindheit und dann sterben wir“, zitiert ihr Interviewer Dirk Stermann einen Comic aus dem New Yorker. Das deprimiert ihn. Ganz anders Erika Freeman. „Warum ist das deprimierend? Wir kommen auf die Welt, das ist doch schon mal sehr gut. Wir schauen, was in unserem Leben passiert, auch gut. Und wenn der Herrgott findet, dass wir genug angestellt haben, gehen wir.“

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Als der Physiker Leo Szilard eines Tages seinem Kollegen Hans Bethe mitteilte, er trage sich mit dem Gedanken, ein Tagebuch zu schreiben, fügte er hinzu, er habe nicht die Absicht, es zu veröffentlichen, er wolle nur die Fakten aufzeichnen, zur Information Gottes. Ob er denn nicht glaube, Gott kenne die Fakten, fragte Bethe. Sicher, er kenne die Fakten, doch diese Version der Fakten, die kenne er noch nicht, antwortete Szilard.

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Buddhisten glauben, das Ich sei eine Illusion. Wer sich die Tatsache vor Augen führt, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist, weiss das auch. Unser Lebenstrieb will hingegen, dass es ein Ich gibt. Da unser Lebenswille stärker ist als alle anderen Triebe, klammern wir uns daran — und leiden. Sich an der Vorstellung eines stabilen Ich festzuhalten, das es gar nicht geben kann, wird zwangsläufig ins Leiden münden.

Der Personenkult, den wir pflegen, ist nicht nur schädlich, er ist absurd. Und er entmündigt uns, weil er uns sagt, wir seien nicht in Ordnung, müssten anders und besser sein, am besten so wie die, denen andere Talente mit auf den Lebensweg gegeben wurden.

Hans Durrer, Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025

Wednesday, 27 May 2026

Das ist Glück

 

Es sei gleich gesagt: Niall Williams ist ein begnadeter Fabulierer und dieser Roman ein Lesegenuss erster Güte. Die Charakterisierungen der Gemeindemitglieder des kleinen irischen Dorfes Faha machten mich Tränen lachen "... die bereits drei Mal die letzte Ölung erhalten hatte, sich aber, hiess es, nicht in den Himmel aufmachen wollte, solange sie nicht sicher sein konnte, dass ihr Mann Tom am entgegengesetzten Ort gelandet war ...".

Es regnet, als ich mit der Lektüre beginne. Passender könnte es kaum sein, denn in Faha regnete es "zu jeder Tages- und Nacht- und auch zu jeder Jahreszeit, beachtete weder den Kalender noch die Wettervorhersage ...", bis der Regen dann doch aufhört, in der Karwoche 1958, als die Religion und der Glaube noch eine ganz andere Bedeutung hatten als heutzutage. Ein Haarschnitt am Karfreitag, hiess es damals in Irland, verbannte den Kopfschmerz für ein ganzes Jahr!

Faha ist ein aus der Zeit gefallener Ort, die Einwohner Neuerungen gegenüber skeptisch- Man kennt sich, weiss, wer wer ist und wohin gehört. "Direktheit lag nicht in der Natur von Faha." Und natürlich geht man in die Kirche. Und macht sich Gedanken über Gott. "Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (...) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (...) anders lässt sich das nicht erklären."

Das ist Glück ist ein ungemein dichter Text, der mich dermassen begeistert, dass ich fast jeden Satz unterstreichen könnte, auf dass er sich in meine Gehirnwindungen eingraben möge, denn nicht nur schreibt Niall Williams überaus witzig, er vermittelt auch ganz viele hilfreiche Erkenntnisse, die einem die Welt neu sehen lassen. "... mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen...".

Hat man schon eine Weile gelebt (der smarte Erzähler ist 78) und ist zudem humorbegabt, dann sieht man das Leben (immer mal wieder) als die Komödie, die es auch deswegen ist, weil wir Menschen auf die eine oder andere Art wichtig tun müssen. Woran erinnert man sich eigentlich, fragt sich der Erzähler hin und wieder, und kommt zum Schluss, dass man das nicht wirklich sagen kann, doch dass einem dieses oder jenes manchmal heller und intensiver vorkommt. Und das reicht ja eigentlich auch. Niall Williams ist ein Philosoph, ein vom Leben geschulter. "All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen."

Das ist Glück spielt in einer Zeit als es noch eine Welt der Heiligen gab, und alle deren Namen wussten. Auch Mond und Sterne standen zur Verstärkung bereit. Zudem: "Die bekannte Welt war damals längst noch nicht so scharf umrissen, und Wissen wurde nicht mit Tatsachen gleichgesetzt. Geschichten waren so eine Art menschlicher Kitt." Die Welt, obwohl viel unbekannter als heute, kam einem damals bekannter vor.

1958 kommt der Strom nach Faha, und zwar in Gestalt des weitgereisten Christy, der für die Regierung arbeitet, und als Untermieter bei Noels Grosseltern einzieht. Eine Million Strommasten werden benötigt, doch da das irische Holz für Admiral Nelsons Flotte draufgegangen war und sich jetzt mitsamt der Flotte auf dem Meeresgrund befand, wurde man in Finnland vorstellig. Der Abgesandte Mangan hatte zwar keine Ahnung, was für einen Fisch ("grösser als der Teller") er vorgesetzt bekam, "aber mit genügend Salz, so seine Überzeugung, bekam man selbst ein Stück Holz hinunter." Die Bücher, die mich dauernd zum Lachen bringen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist Glück gehört eindeutig dazu.

Am Beginn der Freundschaft von Christy (der nicht nur des Stroms, sondern auch einer alten Liebe wegen nach Faha gekommen ist) und dem siebzehnjährigen Noel (der dem Priesterseminar entflohen ist) steht ein Besäufnis mit einem anschliessenden Kater, der literarisch gleichsam veredelt wird. "Wenn man nach einer solchen Nacht erwacht, reagiert man mit einem Rezept universeller Gültigkeit. Es besteht aus einem Teil Scham, zwei Teilen Selbsttadel, drei Teilen Fassungslosigkeit, und der Rest ist blosses Staunen. Mein Mund fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgeschlagen, meine Augen sassen auf Stielen. Nie zuvor hatte ich mich so wenig mich selbst gefühlt, was allerdings auch nicht eines gewissen Reizes entbehrte."

Das ist Glück wirft auch einen Blick zurück, nicht nur auf eine Zeit ohne Strom, sondern auch auf die Jugend, die einem im Nachhinein eigenartig, oft auch ziemlich blöd und gelegentlich rührend vorkommt. "Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat."

Dass das Wesen des Menschen unergründlich ist, wissen zwar alle zum Denken Befähigte, doch selten wurde das so witzig beschrieben wie in diesem Roman. Man nehme etwa das Haar der Frauen. "Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten." Warum es so schwierig ist, sich als die oder der anzunehmen, als die oder der man zur Welt gekommen. lässt sich letztlich wohl nicht beantworten. Auch darin zeigt sich das Unergründliche des Menschen.

Das ist Glück ist ein wahrer Glücksfall. Sehr lustig, sehr clever sowie reich an vielfältig lehrreichen Einsichten, wie etwa der, dass jeder echte Realist über Genauigkeit und Strenge verfügt, oder dass jemand, der mit einer Religion aufgewachsen ist, sich davon niemals wirklich lösen kann, oder... Nein, Halt, Stopp! Selber lesen, es lohnt, garantiert.

Niall Williams
Das ist Glück
Roman
Ullstein, Berlin 2025