"Die Zeit des Tiers ist gekommen. Der Satz gilt in seiner doppelten Bedeutung. Noch nie hat das Tier so viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs geweckt wie in den letzten Jahrzehnten, und gleichzeitig könnte die Zeit des Tiers abgelaufen sein." So beginnt der deutsche Kulturhistoriker Bernd Hüppauf sein Werk, das mir zu würdigen, wie ich vorhatte, allerdings nicht möglich ist. Aufgrund des Untertitel hatte ich mir eine Auseinandersetzung mit Bildern vorgestellt, und nicht etwa von Bildern im übertragenenen Sinne, also Konzepten Vorstellungen, Theorien. Dazu kommt, dass ich keinen wirklichen Bezug zur akademisch-universitären Gedankenwelt des emeritierten Professors habe.
"Nicht im Rahmen der Physik, sondern der Biologie und den Theorien vom Leben stellen wir heute die Frage nach dem Menschen. Sie ist von der Frage nach dem Tier nicht zu trennen, Nur wenn wir eine Vorstellung von dem bisher eingeschlagenen Weg zum Tier entwickeln, wird es möglich sein, in die Zukunft zu denken und Entscheidungen zwischen Alternativen mit Besonnenheit, von der Herder spricht, zu treffen und trotz der deprimierenden Bilanz einen Hoffnungsschimmer zu bewahren."
Es ist ein ungemein dichter, hoch reflektierter, einleuchtend argumentierender Text, den Bernd Hüppauf mit Auf dem Weg zum Tier vorlegt, der jedoch, wie das angeführte Zeit zeigt, im allgemein akzeptierten Denken unterwegs ist: Wir müssen die Vergangenheit kennen, aus ihr lernen, und bedürfen der Hoffnung, um nicht zu verzweifeln. Nur eben: Die Geschichte beweist so recht eigentlich zur Genüge, dass wir aus ihr nicht lernen. Dazu kommt, dass je älter ich werde, desto mehr unseren gängigen Rationalisierungen misstraue. Und so will ich mich hier auf einige Aspekte beschränken, die ich glaube, verstanden zu haben und überdies anregend und bereichernd finde.
Fakt ist: Tierarten sterben heute in unvorstellbaren Grössenordnungen aus. Viele Zeitgenossen berührt das nicht, die meisten nehmen davon auch gar keine Kenntnis. "Stets schiebt sich ein anderer Reichtum, der in Geld ausgedrückt werden kann, nach vorn. Vor dem deklarierten Schutz der Tiere stehen die Interessen der Chemieindustrie, der industrialisierten Landwirtschaft und grosser Wählergruppen."
Mit dem Aufkommen des Rationalismus in der frühen Neuzeit (Mitte des 13. Jahrhunderts bis Ende des 15. Jahrhunderts) erwachte nicht nur ein neues Selbstbild des Menschen, auch sein Verhältnis zum Tier änderte sich. "Mangel an Vernunft, Unberechenbarkeit und Gewaltsamkeit, werden dem Tier zugeschrieben." Der sich an der Wissenschaft orientierende Mensch verschrieb sich dem Fortschritt. "Dem steht das Erlebnis Tier gegenüber. Im Erlebnis ist das Tier die Verkörperung von Fortschrittslosigkeit. Nicht der Vorschein von Verbesserung, sondern das Sich-Abfinden mit den Verhältnissen geht vom Tier aus."
Ich zitiere hier ohne die Berücksichtigung des Kontextes, erwähne also nur, was ich erhellend finde bzw. worüber ich bis anhin nicht nachgedacht habe. "Das Bild vom Leben, das die Moderne entwickelt, ist eine getarnte Fortsetzung der Gewalt und Herrschaft über das nicht-menschliche Leben. (...) Gewalt wird als die Nutzung der Natur zum Vorteil des Menschen gerechtfertigt."
Der Mensch begreift sich nicht als Teil der Natur, sondern als Herrscher über die Natur. "Der Verzicht auf Herrschaft über die Natur verlangt einen radikalen Wandel im Denken, für den es bisher keine Anzeichen gibt. Auch die Tierrechtsbewegung ist in den Zirkel eingebunden (...) Es könnte dem Tier gut gehen, ist die Überzeugung der Bewegung, wenn seine Rechte kodifiziert und sanktioniert würden. Das ist eine naive Erwartung (...) Es kann dem Tier erst gut gehen, wenn sich die mentale Haltung ändert und die Sorge für die Natur und das Tier zur Grundeinstellung wird."
Doch wie ändert man eine mentale Haltung? Grundlegende Einsichten bietet dieses Werk, allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass auch noch so überzeugende Kopfeinsichten (und dieses Buch ist voll davon) einen solchen Wandel, so wünschenswert und nötig er meines Erachtens auch ist, werden bewerkstelligen können. Erst wenn der Mensch sich als Teil der Natur erlebt (und dafür müsste er seinen Kopf leeren), wird sich seine mentale Einstellung ändern können.
Bernd Hüppauf bleibt jedoch nicht in der Theorie gefangen, sondern macht praktische Vorschläge. Er plädiert für die Sorge, auf die Tiere seiner Meinung nach ein Anrecht haben. "Es geht um die Verpflichtung des Menschen, für das Tier Sorge zu tragen wie für seinen Nächsten, um ein an zahlreichen Stellen der Bibel gebrauchtes Wort zu variieren."
Bernd Hüppauf
Auf dem Weg zum Tier
Tiere und Tierbilder von der
frühen Neuzeit zur ökologischen Krise
transcript, Bielefeld 2026









