Sunday, 11 October 2026
Die Fotografin Eva Kemlein
Wednesday, 7 October 2026
Die Welt aus der Kinderperspektive
Die Erzählerin dieser Geschichte, Joséphine ("Es heisst, ich würde die Dinge zu schnell verstehen. Ich sehe nicht, wo das Problem liegt, aber anscheinend ist es eins.") besucht zusammen mit fünf Klassenkameraden eine Förderschule ("Eine Förderschule ist eine Schule, wo die Kinder hingehen, die nicht auf die anderen Schulen gehen."), als an einem nicht ganz normalen Montag Feuerwehrautos vor der Schule stehen. Es habe eine Überschwemmung gegeben, wird den Schülern mitgeteilt. Ihre Lehrerin, die bezaubernde Mademoiselle Jennings, ist untröstlich. Der Direktor versucht, sie auf andere Gedanken zu bringen. "Statt sie auf andere Gedanken zu bringen, hätte er lieber mal die Leitung in Ordnung bringen sollen, die unsere geliebte Schule unter Wasser gesetzt hatte."
Es ist die Sprache, der Rhythmus, der Ton (ces't le ton qui fait la musique), die mir dieses Werk sympathisch machen. Das ist bemerkenswert, handelt es sich doch um eine Übertragung aus dem Französischen. Dafür verantwortlich zeichnet Isabelle Toppe.
Da die Ausführungen des Feuerwehrchefs, jemand hätte vergessen, die Wasserhähne zuzudrehen, die Kinder nicht überzeugen, beschliessen sie, selber herauszufinden, wer die Schule unter Wasser gesetzt hat. Und sie finden es auch tatsächlich heraus, mit Hilfe einer Krimiaffinen Grossmutter und eines aus dem Krankenhaus entflohenen Polizisten
Kindermund hat Gold im Mund, heisst es bekanntlich. Und Joël Dicker führt dies an zahlreichen Beispielen vor, witzig und clever. Ob man im Auto Schimpfwörter sagen dürfe? Nein, belehrt der Polizist die Kinder. "Wir haben gezittert, weil all unsere Eltern im Auto Schimpfwörter sagen. Und Thomas hat erzählt: 'Mein Vater sagt eine Menge Schimpfwörter, wenn er fährt. Maman meint, dass er wahnsinnig wird, sobald er das Lenkrad anfasst.'"
Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo ist eine überaus amüsante Geschichte über die Erwachsenenwelt aus der Kinderperspektive, die unter anderem auf die eigenartige Verkehrsregel aufmerksam macht, dergemäss die Fussgänger angehalten sind, sich vor dem Überqueren der Strasse zu vergewissern, ob die Bahn frei sei. Und nicht etwas die Autofahrer.
"Dürfen Blinde eine Fahrbahn überqueren?", habe ich den Fahrer gefragt.
Die Schilderung der Welt aus Kindersicht zeigt, dass Erwachsene auf Kinderfragen selten überzeugende Antworten haben. Auch wird anschaulich vorgeführt, wie Hypothesen der Vorstellungswelt der Erwachsenen entspringen, und kaum einmal mit der Faktenlage übereinstimmen.
Fazit: Unterhaltsam und lehrreich.
Joël
Dicker
Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo
Piper,
München 2026
Sunday, 4 October 2026
Bellegarde sur Valserine & Valence
Von Annemasse kommend ist mein erster Stopp Bellegarde-sur-Valserine, das an der Strecke nach Lyon liegt, ich bislang nur aus dem Zugfenster kenne und noch nie attraktiv gefunden habe. Warum ich hier einen Zwischenstopp mache, ist mir selber nicht so klar, doch hatte ich keine Lust einen ganzen Tag im Zug zu verbringen, und in etwa so lange dauert die Fahrt von Sargans nach Valence. Die Stadt enpuppt sich dann als weit grösser als ich gedacht hatte. Und auch ansprechender, als ich mir vorgestellt hatte.
Das Hotel liege etwas zweieinhalb Kilometer vom Bahnhof, also rund 30 Minuten Fussmarsch. Die Leute, die ich unterwegs nach dem Hotel frage, schütteln alle den Kopf: Viel zu weit. Doch ich habe Zeit und nichts anderes zu tun, und so laufe ich. Und verlaufe mich. Schlussendlich brauche ich eine gute Stunde, um hinzukommen, den letzten Abschnitt im Auto. Und das kam so: Ein junges Paar arabisches Herkunft (sie sass am Steuer und entschied, er sass neben ihr und führte ihre Anweisungen aus), das ich um Auskunft gefragt hatte, als es gerade von einem Parkplatz wegfahren wollte, sagte, ich solle einsteigen, sie würden mich hinbringen.
Er sei aus Algerien, sagte der Hotelangestellte (er war so um die dreissig), habe sich aber mit seiner Frau in Frankreich niedergelassen. Er habe immer sehr gemischte Gefühle, wenn er seine Verwandten in Algerien besuche. Er sei dann der mit den Euros. Überhaupt die heutige Welt. Derart materialistisch, dass wohl kaum ein Zurück möglich sei. auch gebe es bald keine Mittelklasse mehr, nur noch Reiche und Arme, nichts dazwischen. Als ich anmerke: Dass mit KI das Denken abgestellt wird, treibt die Dummheit noch weiter voran, nicht er nur.
Als ich mich am nächsten Tag wiederum zu Fuss zum Bahnhof aufmache und im ersten Abschnitt (den ich nicht in Erinnerung hatte, denn da war ich hinten im Auto gesessen) nach dem Weg fragte, erhielt ich so komplizierte Anweisungen, dass ich mich wiedereinmal fragte, was wohl in den Köpfen der Leute vor sich ging. Wer sich nicht klar ausdrücken kann, hat nicht klar gedacht, habe ich den Spezialisten für Haftpflichtrecht, Professor Karl Oftinger, im Kopf. Und genau so ist es auch. Schliesslich frage ich einen Mann, der sich als Maurer entpuppt, und in dieselbe Richtung geht. Sein Vater sei schon Maurer gewesen, Arbeit habe er immer genug, er arbeite selbstständig, sich unterzuordnen sei nicht so sein Ding. Es ist eine wahre Freude, in seiner Begleitung Richtung Stadtzentrum auszuschreiten und uns einfachen praktischen Fragen zu widmen.
Ich brauchte diesmal eine gute halbe Stunde bis zum Bahnhof, der Zug stand schon bereit. In Greg Iles, La Femme au portrait, las ich: "Stop! dit une voix dans ma tête. Celle de mon père. Oublie les questions! Qu'est-ce que tu devrais faire, maintenant?" In Chambéry erhielt ich Gesellschaft von zwei jungen Frauen aus Paraguay, die sich im Flieger kennengelernt hatten (die eine im Sekretariat einer Uni tätig, die andere im eigenen Geschäft) und jetzt zusammen reisten. Nach Avignon der Geschichte und Kultur wegen (die Päpste), dann nach Barcelona, Madrid, Brasilien und wieder nach Hause. Wohin in Brasilien? Guarulhos (so heisst der der grösste Flughafen von São Paulo).
Sie sprechen kein Französisch, wissen sich jedoch bestens zu orientieren. Was ich studiert habe? will die Geschäftsfrau wissen. Zuerst Jura, sage ich, als sie mich unterbricht. Das habe sie sich gedacht, lacht sie, mein ganzer Habitus, wie ich argumentiere ... Und ich staune wieder einmal, wie ich wahrgenommen werden kann ...
Wie viele Sprachen ich spreche? Sprechen sei übertrieben, verstehen treffe es besser, erwidere ich, da sich nicht wenige der Sprachen, die ich einst gelernt hatte, verselbstständigt hätten und sich in meinem Kopf zu etwas vermischten, das wohl eine Mischung aus Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch sei. Mein Spanisch habe einen italienischen Einschlag, sagt jetzt die Geschäftsfrau, was mich an Brasilien erinnert, wo nicht wenige mir einen spanischen Einschlag attestieren, wenn ich Portugiesisch zu sprechen vermeine.
Ich spaziere durch die Stadt, der Rhone entlang zum Hafen, sitze in Parks und Cafés, fotografiere, lese - das Übliche, und doch immer wieder anders. Es fühlt sich an wie Frankreich sich eben anfühlt. Leicht und schön. Wobei ich nicht die allüberall zur Schau gestellte Grandeur de la France meine, die ganz offensichtlich Respekt fordert.
In diesen Tagen ist es aussergewöhnlich heiss, bis 38 Grad, der Wind ist angenehm. Einmal landete ich in einer Vorortgegend, durch die ein Bach floss, dessen baumbestandenes Ufer sehr idyllisch wirkte. Momente emotionaler Trunkenheit, enorm berührend.
Abseits vom Zentrum, in den Seitenstrassen, wo alles gewöhnlich und deswegen speziell für mich ist, fühle ich mich präsent. Und erinnere mich an meine langen, meditativen Spaziergänge in japanischen und südkoreanischen Städten. Insbesondere Kyoto und Seoul gehen mir gerade durch den Kopf.
In einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu sein, bedeutet nicht, dass man auch geistig ist, wo man physisch ist. Woher die verschiedenen Filme herkommen, die in meinem Kopf ablaufen, als ich durch die Strassen von Valence spaziere, ist mir unerfindlich. Heute prominent war der Gedanke, dass mein Leben so recht eigentlich gekennzeichnet war von: Ich will nicht. Viele meiner beruflichen Tätigkeiten übte ich gerne aus, gab sie dann aber doch auf. Irgendetwas schien zu fehlen, lehnte sich auf. I´d rather not. Warum ist keine Frage, die mich heutzutage noch gross umtreibt.
Eine Fernsehdokumentation über Solschenizyn, dessen Archipel Gulag André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy bewog, sich vom Sozialismus/Kommunismus, mit dem sie (und viele andere sogenannt Fortschrittliche) bis dahin geflirtet hatten, radikal loszusagen.
Ich überquere einen Fussgängerstreifen, als mir ein Autofahrer etwas zuruft. Ich beachte ihn nicht. Kurz darauf, beim Überqueren eines anderen Fussgängerstreifens, ruft mir eine Automobilistin durch das offene Fenster etwas zu, von dem ich automatisch annehme, sie wolle sich orientieren. und so verwerfe ich die Hände, damit andeutend, ich wisse es nicht, würde mich nicht auskennen..Erst dann sinkt in mein Hirn ein, was sie gesagt hat: Votre sac à dos est ouvert. Und genau so war es. Schon verblüffend, wie unser Leben durch (oft falsche) Annahmen gesteuert wird.
Ein Satz von Charles Bukowski geht mir durch den Kopf: Die Leute würden sich übertrieben wichtig nehmen. Alle. Und für mich gedacht: Die Bedeutung, die wir allem und jedem verleihen, ist bodenlos dumm. Darin bestätigt fühle ich mich, als ich mir am Abend eine Fernsehsendung mit drei Intellektuellen anschaue, die sich zum Klima äussern, worüber alle drei Bücher verfasst haben. Der Mensch wisse zwar um die Gefahren, tue aber nichts, um sich davor zu schützen. Es gelte, ihn intelligent zu motivieren. Sie argumentierten eloquent, deckten damit allerdings mehr zu als dass sie erhellten. Das Argumentieren wichtig zu nehmen, bedeutet, sich vom Handeln abzuhalten. Wir wissen in der Regel, was wir wissen müssen, um anständig durchs Leben zu gehen (und so recht eigentlich ist alles andere unwichtig). Argumentieren, debattieren und diskutieren ist meistens nur eitel: Schau mal, was ich alles weiss. Ich weiss mehr als du. Und vor allem: Ich habe recht. Ganz so, als ob dies das Universum kümmern würde.
To act your way into a new way of thinking ist bei weitem die beste praktische Philosophie, die ich kenne.
Wednesday, 30 September 2026
In Pirenópolis
Der erste Eindruck: Ein schmuckes Städtchen, das man in ein, zwei Stunden gesehen zu haben vermeint. Kopfsteinpflaster, einige sehr teure Pousadas, sagt die Besitzerin von „meiner“, der Supermarkt gehört zu den saubersten, die ich in Brasilien gesehen habe. Pirenópolis sei vor allem bei Brasilianern populär, besonders am Wochenende. Da habe ich es gut getroffen, denkt es so in mir, bis dann bin ich wieder weg.
Ob Frühstück um 8 okay sei? Als ich zustimme, schlägt sie vor, in einer anderen ihrer Pousadas (die Familie besitzt drei) zu frühstücken. Ich bin dabei. Als ich am folgenden Morgen um 8 auftauche, hat die Hausangestellte bereits alles fürs Frühstück hergerichtet und antwortet auf meine Fragen mit: Mir hat man nichts gesagt. Ela não me avisou (sie hat mich nicht informiert) gehört zu den brasilianischen Sätzen, die man täglich hören kann. Als die dona de casa später auftaucht, verliert sie kein Wort darüber.
Der Haupteingang sei unverschlossen, sagt die dona de casa. Ungewöhnlich in Brasilien, merke ich an, worauf sie meint, in Pirenópolis kenne man sich und bis jetzt sei noch nie etwas passiert. Einigermassen sprachlos ob dieser Logik, enthalte ich mich einer Antwort. Als die Hausangestellte mich nachmittags um drei fragt, ob ich nochmals ausgehe, sie fahre jetzt nach Hause, erfahre ich auch, dass die dona de casa gar keine sei und auch gar nicht hier wohne, es aber einen dono de casa gebe, der allerdings gerade in einer anderen Stadt ein Haus anstreiche. Als sie mich dann fragt, ob es okay für mich sei, alleine im Haus zu sein, muss ich das erst einmal verdauen. Zugegeben, leicht mulmig war mir schon, doch wenn ich es recht bedachte, war das letzte Nacht ja auch so, nur wusste ich es nicht. Ich nicke also etwas lahm, als sie lächelnd hinzufügt, die Brasilianer seien schon etwas doido.
Ab drei Uhr nachmittags habe ich dann die ganze Pousada für mich. Ich lege mich an den Pool, lese etwas in Dostojewskis Jogador, doch in der Hauptsache liege ich einfach da, schaue rum, bin erstaunt ob der Stille, die was Ewiges hat, und wundere mich über einen Vogel, der sich auf einem Draht niedergelassen hat und bestimmt zwanzig Minuten dort verweilt. Gegen fünf beginnt dann ein Vogelkonzert, das sich gewaschen hat. Erstaunlich, was die für einen Lärm machen, die scheinen sich ganz viel zu erzählen zu haben.
Um sieben höre ich dann lautes Geschnatter vor meinem Zimmer. Sieht ganz so aus, als ob doch noch Gäste gekommen sind … allein hier zu sein, war schon spezieller …. und definitiv ruhiger …
Während des Frühstücks am folgenden Tag plaudere ich mit der Hausangestellten, die einmal im Leben nach Frankreich will. Was sie damit verbinde? O frio, antwortet sie. Zweiundvierzig sei sie, wohne zwölf Kilometer entfernt, mit dem Motorrad seien das um die zwanzig Minuten. Zwei Söhne, 9 und 17, der ältere mache ihr Sorgen. Er lebe mit einer 32Jährigen zusammen, die schwanger sei, aber nicht von ihm. Wieder einmal bin ich verblüfft, wie offenherzig die Brasilianer sind.
Beim Spazieren fallen mir die vielen umher streunenden Hund auf. Geimpft sind die bestimmt nicht. Und dann in einer Seitenstrasse, ein Pferd, das da weidet. Eine Leine hängt ihm vom Hals, vielleicht ist es ausgerissen.
An diesem Tag lande ich in einem Stadtteil, den ich bisher nicht kannte, und in der recht viel Betrieb herrscht. Die Atmosphäre sagt mir nicht zu, warum wüsste ich nicht zu sagen. Mir reicht, wie ich mich an diesem Morgen fühle und mache mich von dannen …
***
Meine Gewohnheit, den Schweizer Winter in Brasilien zu verbringen, wird übrigens geteilt, wie ich in Pirenópolis erfuhr. Allerdings in umgekehrter Richtung: Ein Brasilianer aus Pirenópolis begibt sich für den Winter jeweils in die Schweiz – zum Schneeräumen.
Sunday, 27 September 2026
Tage in Brasília
Im Bus von Pirenópolis nach Brasília habe ich einen Platz in der vordersten Reihe und sehe, was der Chauffeur zu sehen kriegt. Mich faszinieren vor allem die schnurgeraden Abschnitte durchs Nirgendwo. Einige Leute fahren nicht bis zur Endstation und wollen vorher aussteigen, was sie dem Chauffeur mitteilen, der auch jeweils bereitwillig hält. Wo genau sie denn aussteigen wolle, fragt er eine Frau, die mit quando desce do alto (wenn er von der Höhe runterkomme) antwortet. Gespannt warte ich, was das wohl heissen mag, denn in den darauffolgenden zehn Minuten geht es immer mal wieder rauf und runter. Schliesslich entdeckt die Frau eine verlassene Haltestelle und sagt, da ist sie ja.
Kurz vor unserer Ankunft in Brasília brüllt ein paar Reihen hinter mir einer derart laut ins Telefon, dass ich automatisch an den Satz denken muss, den ich vor ein paar Tagen gehört habe. É um telefone, não é um megafone.
Wie wohl ich mich fühle, wenn ich im Bus (oder im Zug) in mir unbekannten Gegenden unterwegs bin. So eine Art innerer Jubel stellt sich dann ein.
Als ich am verkehrsleeren Sonntag die Esplanada dos Ministérios entlanggehe, die in meinem Kopf eigenartigerweise unter Esplanada dos Mistérios figuriert, wähne ich mich in einer Geisterstadt. Die am Strassenrand aufgereihten Ministerien sind Zeugen, dass der Mensch Pläne umzusetzen weiss. Die Menschen in diesen Gebäuden, so stelle ich mir vor, sind allerdings unverändert in ihrer Steinzeit Mentalität verhaftet und immun gegen auch noch so wohlwollende Veränderungen. Die wenigen Brasilianer, mit denen ich in Berührung komme, machen jedenfalls nicht den Eindruck, dass die futuristisch anmutende Umgebung sich gross auf ihre Psyche ausgewirkt hat. Sie wirken wie Grossstädter auf der ganzen Welt: nicht besonders freundlich, geschäftig, in der Tendenz überheblich.
Nach zwei Stunden in der prallen Sonne drängt mich meine seit dem frühen Morgen gereizte Blase ins Hotel zurück, wo ich im Internet lese, es gelte in diesem Fall viel Wasser zu trinken. Und so mache ich mich auf zur nahegelegenen Rodoviária, wo ich für den Liter Wasser doppelt so viel zahle wie im Supermarkt, und werde zum Ausgleich auf dem Weg zurück ins Hotel von einem heftigen Regenschauer heimgesucht.
Als
ich später das Shoppingcenter aufsuche, um mich mit zwei pastéis
de frango
und einem amerikanischen Cookie mit Pistache-Geschmack zu versorgen,
fällt mir von Neuem auf, dass Brasília entschieden teurer ist als
das Brasilien, das ich bisher kennengelernt habe.
Brasília, Brasil, 11 März 2026
Das zweite Hotel, das ich gebucht habe, gemäss der Karte nahe beim Zentrum (nahe nur für Brasilianer, ein paar Kilometer sind es schon), liegt an einem künstlichen See (dem Paranoá-See), an dessen Ufer zwei Wasserschweine im Gras liegen (Capivari heissen die, liess mich ein junger Mann wissen), über die ich fast gestolpert bin, und entpuppt sich als Freizeitanlage. Zimmer, Küche, Schreibtisch, alles wunderbar. Weniger wunderbar war allerdings die Ankunft – derart inkompetente Rezeptionisten habe ich noch nie erlebt.
Einchecken kann man ab 14 Uhr, das hiess in meinem Falle eineinhalb Stunden Wartezeit. Ob das Zimmer bereit war oder nicht, wurde nicht abgeklärt (die Anlage war nur zum Teil belegt; die Wahrscheinlichkeit, dass das Zimmer bezugsbereit war, recht gross). Dann konnte der Rezeptionist mir das Passwort fürs Internet nicht sagen, loggte mein Handy über einen QR-Code ein, mit dem ich nun auch meinen PC via Handy verbinden könne – es war dann aber nicht so. Sein Kollege wollte zehn Minuten, nachdem ich meinen Pass vorgelegt hatte, diesen von Neuem sehen, starrte dann minutenlang auf den Bildschirm, bis er mir eine Zimmerkarte gab, die nicht funktionierte. Erst als die Chefin für den Unterhalt später bei mir im Zimmer auftaucht, ist das Internet Problem in Nullkommanix gelöst. Das Passwort fürs Zimmer war ein anderes als für den Eingangsbereich. Sie wunderte sich im Übrigen nicht über meine frustrierenden Erfahrungen mit der Rezeption – das dortige Personal gehöre zu einer anderen Firma, was mich wieder einmal an einen meiner ersten brasilianischen Sätze erinnert: Você está perguntando para a pessoa errada (Da fragen Sie den Falschen).
Ich mache mich auf zu der ein paar hundert Metern entfernten Hauptstrasse, an der ich ein paar Geschäfte gesehen habe. Für Früchte müsse ich die Strasse hoch und dann links, wird mir in einer Caféteria gesagt. Es sei nicht weit, nahe allerdings auch nicht. Als ich mich auf den Weg mache, stosse ich auf menschenleere Strassen, die nicht gerade einladend wirken, streunende Hunde und auf eine ununterbrochen redende alte Frau, die wie ich zum Supermarkt will und mich hinführt. Für den Rückweg nehme ich, jetzt vollbepackt, ein Taxi und vereinbare mit dem Fahrer, mich am Donnerstag zum Flughafen zu bringen. Und dann lege ich mich mit der gestern erstandenen Psicologia aplicada de C.G. Jung an den Pool und lerne unter anderem, dass Jung ein Verfechter der Polygamie gewesen sei, die er auch praktizierte, sehr zur Missbilligung seiner Gattin. Gründe und eine Theorie dafür fand er natürlich auch. Und in mir denkt es wieder einmal: Sieh dir an, wie die Leute leben, was sie tun. Die üblichen Rechtfertigungen kann man sich sparen.
Doch dann dieser Satz, der noch lange nachhallt. Jung acreditava que as crianças desenvolvem a propensão de compensar em suas próprias vidas os fracassos dos pais. (Jung glaubte, dass Kinder die Neigung entwickeln, die Fehler ihrer Eltern in ihrem eigenen Leben zu kompensieren.) Für ihn hiess das: Portanto, ao contrario do pai, Jung demonstra coragem espiritual e rigor intelectual, resistindo ao dogma sempre que o encontrasse. (Im Gegensatz zu seinem Vater zeigte Jung daher spirituellen Mut und intellektuelle Strenge und widersetzte sich Dogmen, wann immer er ihnen begegnete.)
Nein zu sagen ist den Brasilianern definitiv nicht gegeben. Fragt man in England, Frankreich oder Deutschland, ob sie Kaffee haben und sie haben keinen, hört man: Nein. Nicht so in Brasilien. Hier sagt man: Tem, mas acabou. (Ja, wir haben, doch er ist gerade ausgegangen).
Am Ufer des Paranoá-Sees kann man auf der Höhe „meines“ Hotels nicht am Ufer entlang spazieren. Das junge Paar, das ich um Rat frage, erklärt, ich müsse die Strasse hoch, dann rechts rüber und dann wieder die Strasse hinunter. Also parallel zu dieser hier? Ja, genau. Als sich dann unterwegs Zweifel melden (Brasilianer sagen oft einfach irgendetwas, um nicht Nein sagen zu müssen), will ich mich bei einem entgegenkommenden Mann versichern, ob das wirklich der rechte Weg zum Seeufer sei? Nein, das sei viel zu weit. Stattdessen weist er in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin: Da geht’s lang. Er redet übrigens so halb Spanisch mit mir. Dass mein Portugiesisch Spanisch gefärbt sei, habe ich schon oft gehört. Und mich gewundert, da mir das Spanische, nachdem ich es zwanzig Jahre lang nicht mehr gesprochen habe, nicht mehr aktiv präsent ist.
Auf dem Rückflug nach Porto Alegre komme ich neben eine Frau zwischen 50 und 60 zu sitzen, die in einer Art Rucksack einen Hund mit sich führt. Sie müsse ihn jetzt rausnehmen und hoffe, das störe mich nicht, es sei ihm zu heiß, er brauche Wasser. Später nimmt sie ihn in die Arme, die vorbeigehenden Flugbegleiter sagen nichts. Erst gegen Ende des Fluges schaut ein Flugbegleiter vorbei, das gehe nicht, sie müsse ihn in den Rucksack zurückbefördern. Die Frau wehrt sich wortreich, der arme Hund, seit Jahren fliege sie mit ihm, habe eine Bewilligung, und jetzt sei er bereits elf Stunden unterwegs, aus Salvador, noch nie habe sie Probleme gehabt … Da taucht eine energische Flugbegleiterin auf und will von den Erklärungen der Frau rein gar nichts wissen, es gebe Regeln, und überhaupt sei sie nicht der einzige Fluggast, es gebe auch allergische Fluggäste, jedenfalls gehe sie nicht weg, bis der Hund verstaut sei. Und so geschah es dann auch …
Im Taxi vom Flughafen zu „meinem“ Hotel in der Altstadt, unterhalte ich mich mit dem Fahrer, der so in etwa in meinem Alter ist, über Japan. Er hat Tokio, Kyoto und Nagoya besucht und war schwer beeindruckt. Wir sind uns einig: Zivilisierter als die Japaner ist niemand.






