Wednesday, 2 September 2026

In Brasília

Nach Brasília wollte ich schon lange. Bilder der architektonischen Perlen habe ich schon viele bewundert. Dazu kommt: Mich faszinieren Städte, die auf dem Reissbrett entstehen und dann umgesetzt werden.

Der zweieinhalb Stundenflug von Porto Alegre war ruhig, der Flieger, ein Airbus, knallvoll. Ich solle aufpassen mit den Taxis, es gebe viele nicht so saubere, sagt mir die junge Frau von der Flughafenauskunft, deren erster Arbeitstag es an diesem Montag ist. Kaum bin ich aus der Auskunftshalle raus, werde ich schon von nicht besonders vertrauenserweckenden Männern angesprochen, ob ich einen Uber benötige. Eingedenk des Hinweises der jungen Frau, sage ich Nein und mache mich auf die Suche nach einem offiziellen Taxi, das es auch gibt. Eine Uniformierte zeigt mir wie das funktioniert: Ich gebe die Destination ein, begleiche den geforderten Betrag, worauf ein Taxifahrer auftaucht, mein Gepäck behändigt und, Navigationssystem im Ohr, losfährt – in eine Gegend, die wenig mit dem Brasília meiner Fotobücher gemein hat. Weit, flach, vereinzelte Ansiedlungen. Das Zentrum sei nicht weit, antwortet der Fahrer auf meine Frage. Um die 12 Kilometer, vielleicht auch 16. Es sind 17, ich habe nachgeschaut.

Mein“ Hotel liegt in einer ausgesprochen tristen Gegend, den Swimmingpool, den ich meinte, mitgebucht zu haben, gibt es nicht, und das Spa im Hotelnamen, erläutert mir der junge, hilfsbereite Mann an der Rezeption, stehe für Wassermassage; ich bin unentschlossen, ob er wohl Whirlpool meint oder ob ich in einem Puff gelandet bin – die Ausstattung ist dermassen geschmacklos, dass Letzteres naheliegt. Doch es erweist sich dann, dass ich mich geirrt habe.

Ob es eine Bäckerei oder einen Supermarkt in der Nähe gebe? Er muss nachschauen, er wohnt in einer anderen Gegend. Er wird rasch fündig und ich mache mich auf den Weg. In der Bäckerei gibt es Mousse de Maracujá (wenn auch nicht die beste), im Supermarkt Wassermelonenscheiben – und ich bins zufrieden.

Blicke ich aus dem Fenster, sehe ich diesen unfassbar weiten Himmel, dessen Anblick stets mit einem Gefühl von Freiheit einhergeht. Flüge setzen zur Landung an, die Wolken formieren sich immer wieder neu. Nach einer Weile gehe ich online, klicke mich kurz durch einen Artikel über Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss – ich nicht mehr. Und dabei konnte ich von den sogenannt richtigen Büchern einst nie genug kriegen. Heute ist es selten, dass ich einen Schriftsteller (Frauen inklusive) keinen eitlen, sich übermässig wichtig nehmenden Langweiler finde. Selbst die glänzendesten Debattierer, wie etwa Christopher Hitchens, erlebe ich als unangenehme Rechthaber, mit einem Stolz und Vertrauen in ihre Intelligenz, die mir unbegreiflich ist.

 Der Uber-Fahrer zum Pontão Lago Sul, einer Parkanlage am Seeufer, sieht aus wie ein jüngerer Bruder von Eddie Murphy und wundert sich, was mich denn bloss in diese nicht gerade tolle Gegend getrieben habe. Die Hotelwerbung habe von Flughafennähe gesprochen, sage ich lahm, worauf er lacht, da stimme, allerdings liege das Hotel weit entfernt von allem anderen. Er redet wie ein Maschinengewehr und bestätigt wieder einmal, dass die Brasilianer begeisterte Plauderer, doch wenig begabte Zuhörer sind, sonst müsste dem Mann doch auffallen, dass ich fast ausschliesslich mit undefinierbaren Lauten antworte. Viellleicht hat er es ja gemerkt, doch gekümmert hat es ihn nicht.

Die Fahrt zum Pontão Lago Sul dauert im Morgenverkehr eine gute Stunde und kostet mich gerade mal 6 Schweizer Franken; die Rückfahrt dauert 20 Minuten und kostet mich dasselbe. Wechselgeld haben Uber-Fahrer nicht: Entweder man hat den genauen Betrag zur Hand oder man zahlt mit Pix.

Am Pontão Lago Sul verwickelt mich ein Sicherheitsangestellter in ein Gespräch. Er war früher Sportlehrer in einer Schule, doch im Sicherheitsdienst habe er mehr Sicherheit (!).

Tags zuvor hatte ich nahe beim Hotel eine Reklame für Manicure und Pedicure gesehen. Wo das sei, erkundigte ich mich beim Rezeptionisten, der zum Telefon griff, mir den Preis nannte, und als ich nickte und zwei Uhr sagte, die Sache finalisierte. Der Uber dorthin koste 13 Reais, sagt er dann, und ich wundere mich, da ich angenommen hatte, der Salon sei in der Nähe. Kurz vor meiner Ankunft vor Ort ereignete sich ein Wolkenbruch und es schüttete massiv. Obwohl mir die Saloninhaberin, die ich auf Mitte fünfzig schätzte, mit einem Schirm zu Hilfe eilte, war ich nach ein paar Metern bereits durchnässt.

Während der Nagelbehandung, bei der ich zweimal vor Schmerzen kurz aufschrie, was die Frau wortlos überging, ergoss sich eine Geschichte nach der andern über mich, von denen mir vor allem geblieben ist, dass ihr Mann, als Covid wütete, verstarb und ihr Sohn in eine Depression verfiel. Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern, als sie dies erzählte, obwohl wir die beiden einzigen im Raum waren.

Dass dies einmal mein Einstieg in Brasília sein würde, hätte ich mir nicht vorstellen können. Doch es gefällt mir, auch dieses Brasília erlebt zu haben.

Sunday, 30 August 2026

In Milano

Ich bewege mich ausschliesslich in der Gegend um mein Hotel (dunkle Zimmer, in Marmor, selbst die Lichtschalter sind schwarz, kaum zu sehen und nur zu ertasten; die Bauherren, denen dies zu verdanken ist, waren definitiv nicht von Nützlichkeitserwägungegn geleitet), also in der Gegend Piazza Lima, Corso Buenos Aires, Porta Venezia, mehrmals besuche ich die Giardini Pubblici, schaue durch die Gitter, um im Garten der Villa Invernizzi die rosa Flamingos zu sehen. Bedauerlicherweise ist das Licht ungünstig, gute Fotos sind so nicht möglich. 

Ich gehe durch Häuserschluchten und frage mich, wer wohl diese städtischen Wohnkomplexe einst geplant und gebaut hatte (und wem sie heute gehören), komme an vielen Cafés vorbei und auch an Parkanlagen, die lange Strassen unterteilen, und wo unter Baumkronen Gruppen von Senioren an Tischen sitzen und Karten spielen.

In der Nähe gibt es auch eine Pizzeria Spontini (gemäss Internet gibt es drei in der Stadt), wo es traditionell zu und her gehe, wie ich lese, ohne Chichi, zu günstigen Preisen. Stimmt alles, die Gäste sind ausschliesslich Italiener (stelle ich mir vor), die Pizzaioli und die Bedienung Asiaten.

Der Mann in der Gelateria glaubt in meinem Italienisch einen spanischen oder portugiesischen Akzent auszumachen. Er selber stammt aus Brasilien, aus Paraná.

Ich lande auf einem grossen Kleider- und Gemüsemarkt und in diversen Cafés, wo man hervorragenden Cappuccino bekommt, für 2 Euro 10 bis 2 Euro 30! Mein amerikanischer, ursprünglich aus Äthiopien stammender, Sitznachbar wundert sich im Zug nach Zürich über die Preise in der Schweiz. Die kleine Flasche Wasser kostet ihn satte 5 Euro! Wahrscheinlich Hahnenwasser, kommentiere ich ...

A person's life is like a heavy burden carried on a long road, one should not rush through, steht auf einem Schild in Hiroshima, das am Fuss einer 600stufigen Treppe angebracht ist, die zu einem Mahnmal hochführt. Warum mir das gerade jetzt durch den Kopf geht? Egal, besser ich halte mich daran.

Mich mehrmals täglich ermahnend, das hier, das jetzt, das  ist dein Leben. Doch mein Hirn will davon nichts wissen, rennt davon, wie es so seine Art ist. Ich bemühe mich trotzdem, den Wind auf der Haut zu spüren, das Auftreffen der Füsse auf dem Asphalt wahrzunehmen. Die Momente, in denen es gelingt, sind selten und wunderbar.

Ich bin viel zu früh am Bahnhof (viel Polizei, es gibt eine Sicherheitsschleuse, um auf die Bahnsteige zu gelangen), traue den italienischen Zügen nicht, stelle mich darauf ein, dass „meiner“ ausfallen könnte (wie letzthin in Trento), will darauf vorbereitet sein, mich nach einer alternativen Verbindung umtun zu müssen. Es war unnötig, alles klappte bestens, der Zug fuhr pünktlich.  

Wednesday, 26 August 2026

In Montbéliard

Die junge Frau an der Rezeption wirkt sehr scheu und sagt, sie sei neu hier, es könne also etwas dauern. Ob dies heute ihr erster Tag sei? Nein, nein, sie sei bereits seit letzten September hier. Ob ich wisse, was Autismus sei? So in etwa, erwidere ich. Das sei nicht erblich, sondern eine Laune der Natur. In ihrem Fall hätte es sie mit drei Jahren erwischt. Was so alles auf sie einstürze, sei häufig zuviel für sie, deshalb brauche sie dann einige Zeit, um es zu ordnen. Ich bedanke mich für die hilfreiche Information, und fühle mich sehr berührt.

Ich wolle aus der Stadt raus, zu Fuss, Richtung Héricourt. Da gebe es keinen Fussweg, auch sei es viel zu weit. Im Parc du Près-la-Rose gebe es Fuss- und Velowege, möglicherweise bis nach Belfort, wurde mir gesagt. Im Parc du Près-la-Rose stiess ich dann jedoch auf Wege, die in eine ganz andere Richtung führten, und so landete ich im Parc de l'Île-en-Mouvement, einer grosszügigen Anlage für Jung und Alt, in der viele Hündeler unterwegs sind.

Entlang des Doubs gibt es einen Radweg (Veloroute Nantes Budapest) sowie eine Beschilderung auf Französisch (Nous sommes sur une véloroute, partageons la!), Englisch (This is a cycle route, let's share the road!), Deutsch (Das ist ein Radweg, bitte Rücksicht aufeinander nehmen!), die aufschlussreich Zeugnis über die unterschiedlichen Mentalitäten gibt.

Allan, ein Nebenfluss des Doubs

Petite Hollande steht auf einem Schild. Ich frage einen entgegenkommenden Mann, was das sei? Er entpuppt sich als rüstiger 85Jähriger, der mir zuerst auf sympathische Art und Weise sein Leben erzählt, bevor er schliesslich darauf hinweist, dass diese Gegend einst bedeutende Autofabriken beherbergt habe (Peugeot). Petite Hollande sei ein Arbeiterquartier gewesen.

Wieder auf der Hauptstrasse folge ich dem Allan, in der Annahme irgendwann zu einer Brücke zu gelangen, was dann auch der Fall ist. Viel Schöneres als unter Baumkronen, durch die die Sonne scheint, einem Fluss entlangzugehen, gibt es für mich selten.

Das Café de la Poste ist fest in arabischer Hand, Ein Neunkömmling geht von Tisch zu Tisch und gibt ausnahmslos jedem (Frauen sehe ich heute keine; später merke ich, dass ich eine alte Dame übersehen habe) die Hand.

Ein Mann um die fünfzig, zwei Einkaufstaschen neben sich, pinkelt mitten in der Stadt an eine Hauswand, bevor er sich zur Busstation aufmacht. Eines der Merkmale der heutigen Zeit, ist die Absenz jeglichen Schamgefühls.

Sunday, 23 August 2026

Transkription

Die Rezensenten überschlugen sich geradezu, ich bin wieder einmal darauf reingefallen, denn wenn sich Rezensenten überschlagen, dann hat das Buch etwas mit ihrem Leben zu tun. Doch da ich die Leben von Rezensenten sogenannt angesehener Publikationen wenig interessant finde (der Kulturbetrieb ist ein eitles Haifischbecken und für mich langweilig), hätte ich mir die Lektüre sparen können, dachte es so in mir bei den ersten zwanzig Seiten dieses Romans, geschrieben von einem amerikanischen Uniprofessor, dessen Welt (ich mache keinen Unterschied zwischen Erzähler und sogenannt fiktivem Erzähler) aus den Fugen gerät, als ihm sein Handy ins Wasser des Spülbeckens fällt. "Ich brauchte mein Telefon, um herauszufinden, wie ich es ersetzen könnte." 

Ohne Handy ist der Mann am Arsch, nicht zuletzt, weil er es braucht, um ein Gespräch aufzuzeichnen. Wie kompliziert er sich das Leben macht, weil er glaubt, seinem Gesprächspartner nicht sagen zu können, was wirklich vorgefallen ist, ist glänzend geschildert. "Doch welche Erklärung sollte ich ihm liefern, wenn ich ohne Aufnahme-Möglichkeit zu ihm kam? Ihm die Wahrheit zu sagen, schien unmöglich." Nicht wenige dürften sich wohl in dem Mann, für den das Wichtigste zu sein scheint, dass er gut rüberkommt, bestens erkennen.

Auf dem Weg zu diesem Gespräch mit seinem 90jährigen Mentor Thomas, einer Koryphäe der Kultur- und Kunstwelt, trifft er auf eine Bekannte aus Studienzeiten, was eine Rückschau auf seine Studentenzeit auslöst, die (wenig überraschend) vor allem von Seelenschmerz geprägt gewesen ist.

Thomas, so habe ich gelesen, soll Alexander Kluge nachempfunden sei. Ich kann das nicht beurteilen, doch es scheint mir sehr plausibel, denn auch Kluge, den ich nur am Rande mitgekriegt habe, blieb mir stets so fremd wie Thomas: Intelligent, originell, aufmerksam, immer interessant, doch nie hilfreich, so wirken die beiden auf mich. Intellektuelle, die den Intellekt als Sedativ benutzen.

Sie reden über Träume, über Filme, über ein Treffen in der Schweiz, oder war es in Frankreich? Das Gedächtnis, wenig verwunderlich, ist nicht zuverlässig.

Der Ich-Erzähler hat seiner Tochter Eva versprochen, sie über FaceTime anzurufen, was mit dem nicht mehr funktionierenden Handy natürlich nicht geht. Er kann Thomas' Festnetztelefon benutzen, und konstatiert, dass Eva anders klingt. Es gibt nicht wenige solch aufmerksame Feststellungen in diesem Werk, die von einer scharfen Wahrnehmung zeugen, doch leider nicht darüber hinausgehen.

Doch dann wird es spannend. Thomas ist gestorben, das Gespräch mit ihm, das wegen des kaputten Handys nicht aufgezeichnet werden konnte und aus dem Gedächtnis rekonstruiert wurde, war sein letztes Interview, ja, sein Testament. Doch wie verlässlich bzw. authentisch ist ein erinnertes Gespräch, von dem es keine Aufzeichnung gibt? Der Autor liefert hier ein Glanzstück darüber, welche Bedeutung Aussagen bzw. Äusserungen beigemessen werden, die sich (im wörtlichen Sinne) schon längst in Luft aufgelöst haben.

Gefolgt wird diese Auseinandersetzung über Verlässlichkeit (dass nicht wenige sich heutzutage auf digitale Aufzeichnungen, die bei jedem Stromausfall weg sind, verlassen, ist der blanke Irrsinn), von langwierigen Erörterungen über kindliche Essstörungen, anhand von Thomas' Enkelin Emmie in Los Angeles, einer Stadt, die Thomas als persönliche Beleidigung wahrnimmt.

Gegen den Schluss spielt Transkription dann in der Schweiz, wohin Thomas' Sohn Max den Vater zu Dignitas begleiten soll. So richtig schlau geworden bin ich nicht aus diesem Roman, nichtsdestotrotz haben sich mir einige Szenen ins Gedächtnis eingegraben. So etwa, dass Thomas mit seiner Enkelin als Baby gar nichts anfangen konnte, doch richtiggehend den Narren an ihr gefressen hatte, als sie zu sprechen anfing ...

Ben Lerner
Transkription
Suhrkamp, Berlin 2026

Wednesday, 19 August 2026

Soziale Brennpunkte

Als ich vor über 25 Jahren an der School of Media, Journalism and Cultural Studies der Universität Cardiff eine Magisterarbeit über Dokumentarfotografie verfasste, galt mein Interesse der sozial engagierten Fotografie. Das hat sich geändert; heutzutage beschäftigt mich vor allem, ob mich eine Aufnahme ästhetisch anspricht – die Geschichte hinter dem Bild interessiert mich nur noch wenig, da es zu einem Bild soviele Geschichten wie Betrachter gibt. Viele solcher Bilder gibt es davon nicht in diesem Band – zu meinen Favoriten gehören die Sihlhochbrücke (Bild 041),  eine Aufnahme aus dem Frauenhaus (Bild 141) sowie eine vom Albisgütli (Bild 173) – , den ich hauptsächlich als zeitgebundene soziale Dokumentation wahrnehme.

Daniela Janser weist in ihren einleitenden Betrachtungen auch auf den sogenannten Beobachtungseffekt hin (was beobachtet wird, verändert sich), behauptet dann aber, bei Gertrud Vogler spiele dieser keine Rolle. "Ihre Sujets scheint es schlicht nicht zu kümmern, dass gerade eine Fotografin in der Nähe ist – und abdrückt." In einigen Fällen wird das wohl stimmen ("Michi hat sich seinen Kick vorbereitet, ruhig, konzentriert, ich bin am Fotografieren, ruhig, konzentriert."), bei anderen wohl eher nicht. Das lehrt die Lebenserfahrung. Dazu kommt, dass wir ja nicht wirklich wissen können, ob und wie wir beeinflusst sind, da es sich dabei um unbewusste Vorgänge handelt.

Die Vorstellung, der Journalist bzw. die Fotografin habe neutral zu sein, teile ich nicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich die meisten Medien selten mehr tun, als interessierten Parteien eine Plattform zu verschaffen, ist eine klare Positionierung gefragt. Gertrud Vogler lagen die von ihr Porträtierten am Herzen. Kann man das sehen? Ich schon, jedenfalls bilde ich mir das ein, auch wenn es wohl wesentlich damit zu tun hat, dass ich weiss (gelesen habe), dass sie eine sozial engagierte Frau gewesen ist.

"Es wird kein moralisches Urteil gefällt. Das schlägt sich auch in der Bildsprache nieder", so Daniela Janser. Das ist natürlich Unsinn, denn Bilder verfügen über keine Sprache, auch wenn wir ihnen eine zuschreiben. Nur eben: Was wir der Welt zuschreiben, ist der Welt egal.

Zudem: Die Moral der Gertrud Vogler zeigt sich schon in der Wahl der Sujets, denen gemeinsam ist, dass sie von Menschen und Ereignissen an den gesellschaftlichen Rändern handeln. Sie fotografierte aus der zweiten Reihe (im Gegensatz zu einigen ihrer Berufskollegen [Bild 182]). Und auch dies ist eine moralische Haltung. Ebenso, dass sie ihre Subjekte nicht als Zielscheiben verstand (besonders treffend umgesetzt in Bild 017). Noch mal anders gesagt: Wir urteilen immer moralisch (also wertend), das ist so recht eigentlich unumgänglich.

Was mich von Anfang an positiv für diesen Band einnimmt: Dass Gertrud Vogler Autodidaktin ist, ihr Blick auf die Welt ein sehr eigenständiger und kein verbildeter ist. Die ganz unterschiedlichen Bilder (entstanden zwischen1975-2000) geben davon nicht nur Zeugnis, sondern illustrieren auch ihre Lebensneugier.

Stefan Länzlinger und Silvan Lerch haben unter dem etwas eigenartigen Titel "Aufwühlend einfühlsam" das Leben von Gertrud Vogler nachgezeichnet, aufschlussreich und informativ, inklusive gelegentlicher Bewertungen, die unfreiwillig komisch wirken. "Sie fängt Szenen ein, die haften bleiben. Und wählt Ausschnitte, die nie banal sind." (Was ums Himmels Willen soll bloss ein banaler Ausschnitt sein?). Auch die Bezeichnung "Chronistin des Alltags" könnte verfehlter kaum sein, wenn schon, dann eher eine Chronistin des sozialen Umbruchs.

Eröffnung des Tramtunnels an der Haltestelle
Schörlistrasse. Stadtkreis Schwamdeningen, 1986

Warten auf die Zukunft: 180 Kurden, Pakistani,
Tamilen und Türken werden notdürftig im Obergeschoss
einer Turnhalle untergebracht. Aarau, 1986

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind, heisst es im Talmud. Auf das obige Bild bezogen: Ich habe während 18 Jahren als Dolmetscher mein Geld verdient, vor allem für Asylbewerberr aus Afrika. Derart bequeme Sitzgelegenheiten habe ich in dieser Zeit nie gesehen.

Ein aufwühlendes Bild, das keine Legende braucht. Bei mir löst es Trauer, Wut und Hilflosigkeit aus. Trauer über das weggeworfene Leben, Wut auf die Umstände, die ein solches Schicksal hervorrufen können, Hilflosigkeit begleitet von der Frage: Was hat Gertrud Vogler gemacht, nachdem sie dieses Bild aufgenommen hat?

Für mich sind diese Fotografien in erster Linie eine Zeitreise aus der Betrachter-Perspektive, ein wertvolles Sozial-Dokument, denn, wie die New Yorker Fotografin Lisa Kahane einmal geschrieben hat: "Image outlives fact." Doch dokumentarische Bilder brauchen Text, um verstanden zu werden. Und dieser Band trägt dem Rechnung; erst die vielfältigen Texte (Die Bewegung - Jahre der Unruhe; "Wo-, Wo-, Wohnige" - Besetzte Räume; Vom Platzspitz zum Letten - Das Drogenelend; Selbstermächtigt - Frauen im Fokus; Langzeitmomente - Besuch bei Jenischen; Integration und Ausgrenzung - Destination Schweiz, Festgehaltener Wandel - Die Welt der Arbeit; Der Alltag - Wiederkehrend einmalig; In Szene gerückt - Tanz der Subkulturen) ermöglichen das Nachvollziehen dieser Zeit, denn die Bildlegenden sind mehrheitlich arg dürftig, worin sich auch zeigt, dass das Bewusstsein fürs Bilderlesen nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. Und dies, notabene, in einem Bildband!

Und dann gibt es auch noch ein Gespräch. Mit "In Gertrud Voglers Fotografie der Frauenbewegung spiegeln sich aktuelle Debatten: ein Generationengespräch über Care-Arbeit, feministische Strukturen und das Potenzial von Bildern als Quellen" wird das Gespräch zwischen Anne-Christine Schindler und Elisabeth Joris eingeleitet, wobei keine vertiefte Auseinandersetzung mit Gertrud Voglers Bildern stattfindet. So befremdend das in einem Bildband auch ist, es ist die Regel. Im Vordergrund steht die Frauenbewegung, in der Elisabeth Joris aktiv war und über die sie entsprechend Aufschlussreiches zu berichten weiss. 

Gertrud Vogler
Soziale Brennpunkte
Fotografien
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026

Sunday, 16 August 2026

Die Liebeshungrigen

Bereits auf den ersten Seiten macht Karine Tuil klar, dass Politiker Süchtige sind. Gezeigt wird das am Ex-Präsidenten Dan Lehman, einem Alkoholiker, für den das Schlimmste im Leben zu sein scheint, dass man gesellschaftlich nicht zählt. Die Hohlheit, die das öffentliche Leben regiert, ist wirklich schwer zu überbieten!

Den Alkoholiker zeichnet wesentlich aus, dass er sich der Realität nicht stellen will. In jeder Hinsicht. Doch so sehr dieser Roman auch ein bewegendes Dokument des destruktiven Potentials von Alkohol ist, er macht auch deutlich, dass da, wo der Schein wichtiger ist als alles andere (also in der Politik, beim Film, und ja, auch in der Literatur) stets auch die zerstörerische Seite des Menschen zutage tritt.

Dan Lehman, 60, ist in zweiter Ehe mit der 25Jahre jüngeren Schauspielerin Hilda verheiratet. Zu den drei Kindern aus erster Ehe mit einer Frau, die ihn immer vorbehaltslos unterstützt hatte, gesellt sich nun ein Mädchen, das taubstumm zur Welt gekommen ist. "... trotz aller Liebe zu dem Neugeborenen begriff er, dass er seine Freiheit aufgegeben hatte, als sie endlich zum Greifen nahe war."

Die Liebeshungrigen (der französische Originaltitel, "La guerre par d'autres moyens", ist weit treffender) ist ein gut geschriebener und bestens informierter Roman über Politik und Medien bzw. über das Leben in der Öffentlichkei, was letztlich meint, ein Dasein der Abhängigkeit von ganz vielen, ganz unangenehmen Zeitgenossen (Frauen wie Männer). Dabei erfährt man viel Aufschlussreiches über diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten, bei dem es stets darum geht, wie etwas bzw. jemand von anderen wahrgenommen wird.

Die sogenannt öffentliche Meinung, heutzutage repräsentiert durch die Massenmedien und die sozialen Netzwerke (weshalb die so heissen, ist ein Rätsel), sind unerbittlich. Lässt man Karine Tuils Schilderungen auf sich einwirken, fragt man sich unwillkürlich, wie krank man eigentlich sein muss, um sich diesen Meinungsterror anzutun. Selbst Hilda, als Schauspielerin die Aufmerksamkeit gewohnt, glaubt das ständige Scheinwerferlicht, das den politischen Aushängeschildern zuteil wird, nur mit Antidepressiva ertragen zu können.

Erzählt wird dieser Roman, der so recht eigentlich eine scharfsinnige Betrachtung des Kapitalismus darstellt (also um die Frage kreist: Wieviel ist man wert?), vor allem aus der Perspektive von Dan, Hilda und Dans Ex. Es ist nicht nur der materielle Erfolg, der unsere gesellschaftliche Stellung definiert, sondern im Falle der Frau auch das Alter. Als Dans Ex nach der Scheidung Anfang fünfzig ist, und sich niemand mehr für sie interessiert. "Ich fremdelte mit der neuen Ökonomie der Sexualität, in der man seine erotischen Bedürfnisse irgendwelchen Dating-Apps anvertraute, und ich misstraute Liebesbeziehungen, in denen man die sexuelle Freizügigkeit als dogmatische Norm einforderte, obwohl sie nichts weiter als eine Ausdrucksform des Kapitalismus war."

Sowohl Dan, Hilda als auch Dans Ex sind gescheite, differenzierte und reflektierte Charaktere, die in einem Masse Sklaven der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung sind, dass man an einen Gefängnisaufenthalt erinnert wird. "Sollte er Präsident werden, wird kein Regisseur mehr mit dir drehen wollen. Ab dann bist du nur noch die Frau von." So kommt es dann auch – und eben doch anders, denn Hilda brilliert in einem Film, für den sie zwar nicht die erste Wahl gewesen war, der in der Folge aber für die Goldene Palme in Cannes nominiert wird.

Die Liebeshungrigen zeichnet sich nicht zuletzt durch Vielfalt aus: Das Schicksal einer Schauspielerin, die sich nicht den ungeschriebenen Regeln des Filmgeschäfts unterwerfen wird, kommt genauso zur Sprache wie die Kunst des Schauspiels. "Die wahre Leistung einer Schauspielerin bestand darin, nicht nachzuahmen. Hilda lernte und probte ihren Text zu Hause oder auf Spaziergängen im Wald, mit dem Ziel, sich am Ende von ihm zu befreien."

Aufschlussreich sind auch die Ausführungen über die Auswirkungen von MeToo. Nicht nur Narzissten scheinen überfordert, viele Männer "trauten sich nichts mehr, gingen nur noch klar geregelte Beziehungen ein, deren Ablauf von den Dating-Apps vorgeschrieben wurde." Wieder einmal zeigt sich, dass, was als Befreiung intendiert war, sich ins Gegenteil verkehrt. Und natürlich gibt es auch ganz viele sexuelle Verstrickungen, schliesslich ist dies ein französischer Roman, was auch meint: Viel Verführung, viel Eifersucht, viel Narzissmus und viele Intrigen. Das heisst jeoch nicht, dass die Handlung vorhersehbar wäre, denn die clevere Karine Tuil versteht es ausgezeichnet, immer wieder von Neuem zu verblüffen.

Der erste Teil dieses Romans ist mit "Das Kapital" überschrieben, der zweite mit "Persona", wobei einleitend darauf hingewiesen wird, dass "das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet." (Erving Goffman), treffender kann man Cannes kaum charakterisieren. "Der Erfolg hat einen gewaltigen Preis. Alle hier sind bereit, ihn zu bezahlen." Der dritte Teil trägt den Titel "Mitleidenschaft" und handelt wesentlich von der Co-Abhängigkeit.

Die Liebeshungrigen ist ein spannender Roman über Menschen, gefangen in ihren Abhängigkeiten. Sie alle wollen nicht fühlen, was sie fühlen und betäuben sich deswegen, sei es mit Alkohol, der eigenen Wichtigkeit, der Gier nach Anerkennung. Sie alle führen anstrengende Leben; Gelassenheit scheint ihnen fremd. Stattdessen: Ich ich ich. Eindrücklicher wurde das, und das damit einhergehende Leiden, selten geschildet.

Fazit: Ein hellsichtiges, berührendes und packendes Porträt der vielfältigen gesellschaftlichen Realitäten, die vorgeben, Sicherheit und Orientierung zu geben, sich jedoch als Gefängnis entpuppen.

Karine Tuil
Die Liebeshungrigen
dtv, München 2026

Wednesday, 12 August 2026

Bücher und ihre Zeit

 Raum und Zeit sind menschliche Erfindungen, zudem überaus beständige. Dies zu wissen, ist nicht besonders hilfreich, denn wir orientieren uns an dem, was wir kennen, und nicht am Unbekannten, auch wenn sich aufs Unbekannte einzulassen zu den faszinierendsten Erfahrungen eines Menschenlebens zählt. Ja klar, ich spreche von mir, von wem denn auch sonst?

Die Zeit kann erfahren werden. Aufgegangen ist mir das unter anderem am Beispiel der Zeit in Frank Wilczeks Fundamentals. „Die Beobachtung, dass es ein gemeinsames, universelles Tempo gibt, ist eine tiefgreifende Erkenntnis über die Art und Weise, wie die physikalische Welt funktioniert.“ So entwickeln sich etwa Säuglinge weltweit „ungefähr nach dem gleichen Zeitplan und beginnen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten zu laufen, zu sprechen und andere Fähigkeiten an den Tag zu legen.“ Auch im gemeinsamen Musizieren, bei dem alle Beteiligten synchron agieren müssen, zeigt sich, „dass wir eine gemeinsame sehr präzise Vorstellung davon haben, wie die Zeit vergeht.“

Mit der Zeit vergeht noch ganz viel anderes. Was mich einst interessierte, interessiert mich heute nicht mehr. Bücher, die ich einst verschlungen habe, sind mir heute nicht mehr zugänglich. Ich lese heute anders als mit zwanzig; so ist mir etwa das Bedürfnis nach Identifikation und Orientierung weitestgehend abhanden gekommen.

Von Zeit zu Zeit schenkt mir mein jüngerer, in Kalifornien lebender Bruder, Bücher, von denen er annimmt, sie würden mir gefallen. Da unser Geschmack ähnlich ist, trifft das auch regelmässig zu. Letzthin war es Pico Iyers Aflame: Learning from Silence. Ich habe Einiges von Iyer gelesen und auch geschätzt. Und auch bei diesem Buch war es nicht anders, habe ich viel Hilfreiches gelernt, bis mich dann so gegen Ende etwas zu stören begann. Mir war das alles etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Und dann diese unsägliche Wichtigtuerei: Gib es eigentlich ein Buch von dem Mann, in dem er nicht betont, beiläufig natürlich, dass er mit dem Dalai Lama auf Du und Du ist?

Einige Zeit später lieh ich mir in der Schulbibliothek in Santa Cruz do Sul Iyers The Lady and the Monk aus, das ich vor vielen Jahren ganz toll gefunden habe. Nach gut einer Stunde gab ich auf; auch dieses Werk war mir etwas zu salbungsvoll, eitel, und bedeutungsschwanger. Mir war unerfindlich, was mich einst daran so fasziniert hat, ausser natürlich, dass ich damals selber so drauf gewesen bin.

Thomas Manns Buddenbrooks habe ich einst gefressen, den Zauberberg, trotz zahlreicher Anläufe nicht geschafft. Von David Foster Wallace habe ich viel gelesen und gut gefunden, doch die beiden Hauptwerke Infinite Jest und The Pale King sind mir bis heute unzugänglich geblieben.

Meine Lesepräferenzen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, weil ich mich, ohne das gross zu merken, verändert habe. Das einzig Beständige sei der Wandel, heisst es bei den Buddhisten. Und ab und zu nehme ich diesen Wandel sogar wahr!

Rio Pardinho, Rio Grande do Sul, 31. Januar 2026