Wednesday, 1 July 2026

La Realidad

Neige, die Ich-Erzählerin aus einem Dorf in den französischen Alpen, und Maga, aus Andalusien, schlecht bezahlte Sprachlehrerinnen an einer Universität in Michigan, machen sich auf nach Chiapas, wo sie, vor allem aber Maga, den Sub-Commandante Marcos zu treffen hoffen. Das war 2003, die Geschichte wird im Rückblick, aus der Erinnerung, erzählt, und diese ist bekanntlich unzuverlässig. Neige trägt dem Rechnung, "kann ich mir nicht ganz sicher sein, dass alles zu einer bestimmten Zeit genau auf diese Weise stattgefunden hat. Aber wenn ich es gar nicht erzähle, wenn ich nicht versuche, genau zu sein, auch auf die Gefahr hin, ein bisschen was auszuschmücken, dann könnten wir nicht an diese Orte zurückkehren, dann blieben wir im Ungefähren ...".

Neige Sinno versteht es ausgezeichnet, die Atmosphäre Mexikos, erlebt von jungen Backpackerinnen, zu vermitteln. Eingezwängt in überfüllten Bussen, hinter zugesperrten Türen in schmuddeligen Unterkünften, die Angst vor übergriffigen Männern – man wähnt sich vor Ort mit dabei.

Die beiden jungen Frauen sind sehr verschieden. Maga, sehr feinfühlig für Situationen, die aus dem Ruder zu laufen scheinen; Neige, die die Gefahr immer erst bemerkt, wann es zu spät ist, dann aber die Ruhe behält. "Wir bildeten zwar ein komplementäres Du, doch unsere Komplementarität schützte uns nicht, sie brachte uns in den heiklen Momenten, von denen es auf dieser Reise einige gab, keine grössere Klarheit und half uns auch nicht dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Im Grossen und Ganzen nutzte sie uns gar nichts." Subtil, klarsichtig, selbstreflexiv. Und auch dies: Ohne, dass man handelnd eingreift, kann sich nichts entwickeln.

Sie brechen ihre Reise ab, verzichten auf ihr Vorhaben, La Realidad zu erreichen. "Ustedes no entienden nada", wurde ihnen gesagt, was wohl mit dafür ein Grund war, dass sie aufgaben. Sie hatten keinen Kompass mehr, was die Mexikaner mit desmadre bezeichnen, als "eine Situation, in der es keine Mutter mehr gibt." Manchmal sagt der Gebrauch der Sprache sehr viel über das Denken der Leute aus.

Neige kehrt nach Mexiko zurück, zu Luis, der an der Küste Oaxacas ein Hippieleben, mit vielen Drogen, führt. Doch sie muss zurück, ihre Sachen in Ordnung bringen, und will dann wiederkommen, als sie erfährt, dass Luis der Drogentod ereilt hat. So dramatisch das auch ist, was an Neiges mexikanischen Schilderungen, es sind ganz viele, ganz unterschiedliche, so berührend ist, ist ihre rücksichtsvolle und aufmerksame Art, die sie ausgesprochen reflektiert beschreibt, und dadurch deutlich macht, dass Eindeutigkeiten so recht eigentlich nicht zu haben sind, dass wir uns mit der Komplexität des Lebens arrangieren müssen.

Das einzig Beständige ist der Wandel – und genau dem trägt das Erzählen Neige Sinnos Rechnung. "Wir verändern uns dermassen, dass selbst eine subjektive Wahrnehmung nicht einzig, sondern multipel ist, denn sie muss einer der vielen Rollen entsprechen, in die man je nach den Umständen schlüpft. (...) Man reist nicht von der Unwissenheit zur Wahrheit, sondern von einer Unwissenheit zu einer anderen, vielleicht besser belegten." Dieses Schreiben kommt der Wirklichkeit sehr nahe – und das ist ausgesprochen selten.

Zehn Jahre, nachdem sie mit Maga versuchte, nach La Realidad zu reisen, ist Neige nach Chiapas zurückgekommen, diesmal mit Max und ihrer zweijährigen Tochter. Dieses Buch verschafft einem auch vielfältige Einblicke in ganz verschiedene Aspekte Mexikos. Unweigerlich tauchen dabei ständig Bilder meiner zwei mexikanischen Monate, die ich vor Jahren mir meiner damaligen, aus Havanna stammenden Frau, dort verbracht habe, in meinem Kopf auf.

Noch ein paar Jahre später kehrt Neige wiederum nach Chiapas zurück, dieses Mal ohne Max, doch mit ihrer Tochter. Dieses Kapitel ist mit Begegnungen kämpfender Frauen (nachträglich gebildete Meinung) überschrieben. "Ich folgte einer Gruppe von Freundinnen, ohne recht zu wissen, wohin es ging." Es gehört mit zum Anregendsten in diesem Buch, wie die anteilnehmende und aufrichtige Autorin, sich auf Unvorhergesehenes einlässt.

So recht eigentlich ist La Realidad eine Erzählung übers Reisen, keine klassische, mit Anfang, Mittelteil und Ende, in der sich alles irgendwie folgerichtig ergibt, sondern eine der Suche nach dem Leben, die auch eine Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen ist. Dabei lernen wir auch, dass wir gerade dabei sind, "alles, was uns das Leben auf der Erde ermöglicht, zu vernichten. Unsere Wissenschaft, unsere Vernunft erreichen einen absurd hohen Entwicklungsstand. Statt uns zu retten, reiten wir uns jeden Tag ein wenig tiefer hinein." Und wir machen Bekanntschaft mit Antonin Artaud, der nach Mexiko flüchtete, eine Revolution des Bewusstseins forderte, und kein schriftstellerisches Werk hervorbringen wollte. "Keine Werke, keine Sprache, kein Sprechen, kein Geist. Er will nur leben."

Neige Sinno
La Realidad
Ort der Frauen
dtv, München 2026

Sunday, 28 June 2026

Frieden - Wie geht das?

Es handelt sich bei diesem Buch um die transkribierte Fassung eines Gesprächs zwischen Klaus von Dohnanyi und Erich Vad vom Februar 2026 in Hamburg. Beide hatten hohe Positionen in der Bundesregierung inne, und entsprechend ist auch dieses Gespräch von der Überzeugung getragen, dass Geschichte von Personen gemacht wird. So setzen sich die beiden etwa auch mit Donald Trump auseinander, ganz so, als ob dieser Mann eine Ideologie hätte, die über „Ich Ich Ich“ hinausgeht. Wer sich ernsthaft mit der vermeintlichen Ideenwelt des amerikanischen Präsidenten auseinandersetzt („Trump ist eine Art emotionaler Pragmatiker“, so Erich Vad), verkennt, dass ein Denken, das Politiker als Führer versteht (sie sind wohl eher Getriebene), in die Irre führt. 

Man kann mit dem Denken von gestern (der Mensch weiss, was er tut) nicht die Probleme von heute (der Mensch ist heillos überfordert) lösen. Das hat auch damit zu tun, dass Aussagen wie "Geopolitik und strategische Interessen bestimmen die Sicherheit" (Erich Vad) fälschlicherweise suggerieren, der Mensch sei ein rational handelnder Akteur – und das ist schlicht lächerlich. Dazu kommt, dass beide Herren offenbar glauben, dass man immer beiden Seiten Gehör schenken müsse, was ein fataler Irrtum ist, dem bedauerlicherweise auch die Massenmedien huldigen. Viktor Frankl hatte einmal gemeint, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da erstere leider in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken. Anders gesagt: Nicht alle Aussagen müssen/sollen gleichwertig behandelt werden.

Beide Herren sind konventionell gebildet, also einschlägig belesen, verweisen auf Lenin und Clausewitz, die Illias und Stahlgewitter, und gehen davon aus, dass die Weltgeschichte (die Goethe für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt) uns Aufschluss geben könne über Künftiges. Wären die beiden mit C.G. Jung vertraut, wüssten sie, dass das gänzlich unsinnig ist. Thoroughly unprepared, we take the step into the afternoon of life. Worse still, we take this step with the false presupposition that our truths and our ideals will serve us as hitherto. But we cannot live the afternoon of life according to the program of life’s morning, for what was great in the morning will be little at evening and what in the morning was true, at evening will have become a lie.
 
Dazu kommt: Eine vollkommen irrationale Politik rational erklären zu wollen, ist schlicht irrational. "Donald Trump ist doch offenbar sehr viel mehr als nur ein Störenfried. Der ist ein wirklicher Revolutionär für die amerikanische Innenpolitik." (Klaus von Dohnanyi). Auch Erich Vad glaubt zu wissen, worum es dem Amateur-Golfer primär gehe ("Russland aus dem engen Bündnis mit China zu ziehen"). Soviel Weltfremdheit ist nur Menschen eigen, die in der Politik unterwegs sind (und auch der Grund, weshalb die meisten Menschen nichts von Politik wissen wollen).

"Gelingt es uns eigentlich, durch unsere Gespräche das Vertrauen in den Frieden zu stärken?", fragt von Dohnanyi. Wie das konkret vonstatten gehen sollte, ist mir unverständlich. Auch ist dies kein wirkliches Gespräch, vielmehr werfen sich die beiden Stichworte zu, die dann Anlass sind zu eitler Selbstdarstellung.

Was die beiden unter anderem fordern, ist der Mut zum Dialog. Ich sehe das entschieden anders, halte das Fordern von Verhandlungen für Selbstbetrug. Was Not tut, ist das genaue und nüchterne Hinschauen, die Konfrontation mit den Dingen wie sie sind. Nicht mit Geopolitik und Macht (das ist viel zu abstrakt und Leuten, die ums tägliche Überleben kämpfen, nicht zu vermitteln), sollten wir uns auseinandersetzen, sondern mit der Frasge: Wie sollen und wollen wir eigentlich leben?

Dass Frieden dem Krieg vorzuziehen ist, ist einigermassen banal, doch ein Satz wie "Eine Friedensplanung in Europa geht nur mit, nicht gegen Russland" (Erich Vad), ist nur eine Behauptung. Was Russlands Kriegsführung in der Ukraine unter anderem zeigt, ist eine Gewalt und Brutalität, die ich nicht mit Europa assoziiere. Mit diesem russischen Regime sollte man nicht reden, sondern zu ihm auf grösstmögliche Distanz gehen.

Dieses Buch ist kein Plädoyer für den Frieden. sondern eine Darstellung weltpolitischer Betrachtungen, auch über Kriege, die gerade im Gange sind (was kann man darüber schon sagen?), aus der Lehnstuhlperspektive zweier Wichtigtuer. ("Mir hatte in einem Gespräch der damalige Schah Rez Pahlavi einmal gesagt, der Iran sei ein Stück Europa, verloren in Asien." Klaus von Dohnanyi). Mit anderen Worten: Viel mehr als das gängige informierte Rätseln, das wir aus Talkshows kennen, ist da nicht. Für mich zeugen Vorstellungen wie, die Amerikaner wollen dies, die Russen das, die Chinesen wiederum etc., von einer abgehobenen Weltsicht, die mich nicht erreicht.

Mir selber steht eine Initiative von Mitgliedern der Russischen Akademie der Wissenschaften weit näher, die einen Tag nach dem Einmarsch in die Ukraine geschrieben wurde, und nach einigen Tagen von dreitausend Wissenschaftlern unterzeichnet worden war. Dieser Text erreicht mich, weshalb ich ihn denn auch hier zitiere (er ist schon lange aus dem russischen Netz verschwunden; er findet sich in Orion von Petra Morsbach).

Wir russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, protestieren mit Nachdruck gegen die Militäraktion, die durch die Streitkräfte unseres Landes auf dem Territorium der Ukraine eingeleitet wurde. Dieser verhängnisvolle Schritt wird zu riesigen Verlusten an Menschenleben führen und untergräbt das etablierte System der internationalen Sicherheit. Für die Entfesselung des neuen Krieges in Europa trägt allein Russland die Verantwortung.
Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung für diesen Krieg. Versuche, den Vorwand für die Miltäroperation durch den Verweis auf die Situation im Dombass beizubringen, sind absolut unglaubwürdig. Es ist evident, dass die Ukraine keine Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes darstellt. Der Krieg gegen sie ist ungerecht und offensichtlich sinnlos.
...

Durch den jetzt eröffneten Krieg hat Russland sich selbst zur Isolation verurteilt und nimmt in Kauf, aus der internationalen Staatengemeinschaft verstossen zu werden. Das bedeutet, dass wir als Wissenschaftler bald nicht mehr in der Lage sind, normal unseren Vorhaben nachzugehen. Ohne vollwertige Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern ist wissenschaftliche Forschung nicht denkbar. Die Isolierung Russlands von der Welt wird den kulturellen und technologischen Niedergang unseres Landes beschleunigen und den Verlust aller positiven Perspektiven zur Folge haben. Ein Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Nichts.

Uns ist bitter bewusst, dass unser Land, das entscheidend zum Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen hat, jetzt zum Brandstifter eines neuen Kriegs auf dem europäischen Kontinent geworden ist. Wir fordern die sofortige Einstellung aller Militäraktionen gegen die Ukraine. Wir fordern die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität des ukrainischen Staates. Wir fordern Frieden für unsere Länder. Wir wollen die Wissenschaft voranbringen, nicht Krieg führen.
 
Klaus von Dohnanyi
Erich Vad
Frieden - Wie geht das?
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026

Wednesday, 24 June 2026

Zsömle ist weg

Der ehemalige Elektriker und angebliche Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, 91 Jahre alt, der nicht Majestät, sondern Onkel Józsi genannt werden will, hat genug vom Leben und sich in die Wälder zurückgezogen. Doch dann wird er von einer bunten Truppe vermeintlicher Anhänger aufgespürt, die ihn dazu bewegen wollen, in ihrem Sinne in die Politik einzugreifen. Sie wollen die Monarchie wieder herstellen. Onkel Józsi lehnt ab und meint, sinnvoller wäre, sich auf das Ende der Welt vorzubereiten ("das zu Ende des Jahres zu erwarten ist, wie ich in den Nachrichten lese"). Und überhaupt habe er weder Lust noch Energie, um am Leben noch lange teilzuhaben.

László Krasznahorkai schreibt in Bandwürmern, Punkte gibt es in diesem Text nicht, Kommas schon. Abschnitte fehlen, eine nennenswerte Gliederung gibt es nicht (wobei: es gibt 11 Teile), stattdessen endlose Sätze, die einem Gedankenfluss recht nahe kommen, auch wenn ein solcher letztlich viel zu komplex ist, um überhaupt erfasst werden zu können. Es gelingt dem Autor ausgezeichnet, den Leser, jedenfalls diesen Leser, (die Leserin spar ich mir, ich bin ein Mann und kann nicht für Frauen sprechen, und auch nicht für andere Männer) in die Geschichte hineinzuziehen.

Der Adlige zeigt seinen Besuchern (Monarchisten, unter denen sich auch "ein ungeschlachter junger Mann" namens László Krasznahorkai findet) ein Schwert, das er von der englischen Königin erhalten, und einen Brief von Dschimmi Karter ("mit J und C, fügte er hinzu, und in seiner Stimme verbarg sich eine leise Verwunderung, auf welch interessante Weise, nicht wahr, diese Amerikaner die Buchstaben benutzten") ihm geschrieben hat.

Viel Geschichtliches wird angesprochen, die Habsburger kommen dabei schlecht weg, Auch viel Ungarisches wird einem näher gebracht, wobei wohlmeinende Kritiker ständig auf die quasi universelle Gültigkeit von Krasznahorkai Schreiben hinweisen, wofür sie dann regelmässig die verschiedenen Orte, an denen er lebt bzw. gelebt hat, anführen. Mir selber ist egal, wo ein Roman spielt; für mich sind alle Orte gleichzeitig provinziell und universell.

Es finden sich ganz viele Geschichten in diesem Roman, und nicht wenige von ihnen haben mich schmunzeln lassen. Als etwa Onkle Józsis Schwiegersohn, zusammengeschlagen auf der Intensivstation von Eger, auf die Frage der Polizisten, "was geschehen sei, woran er sich erinnere, und ob er den Angreifer 'und/oder' die Angreifer beschreiben können, nichts sagen konnte, weil er sich einzig und allein daran erinnerte, dass er nichts antworten durfte, wenn die Polizisten ihn dies fragten, weil man ihn dann bei nächsten Mal wortwörtlich totschlagen würde ...".

Ob die Bezugnahmen auf die ungarische Geschichte wahr oder erfunden sind, weiss ich nicht zu sagen, da ich von ungarischer Geschichte keine Ahnung habe; es spielt meines Erachtens auch keine Rolle, handelt es sich bei Zsömle ist weg (Zsömle ist der Hund von Onkel Józsi) um einen Roman, also um etwas Erfundenes. Dass Onkel Józsi "mit Storm geheizt hat" hielt ich zuerst für einen Druckfehler, als dann jedoch "Storm" noch weitere Male auftauchte, liess mich das einigermassen ratlos. Ebenso wenig erschlossen hat sich mir, dass Onkel Józsi gemäss eigenen Angaben keine Kinder hat und dann doch von seiner Tochter und seinen Enkeln gesprochen wird. Nun ja, in der Literatur geht eben vieles ...

Der Thronfolger fühlt sich zunehmend unverstanden von den Monarchisten, die ihn zwar verehren, doch nicht in der Form, die er für sich gewählt hat. In Budapest zeigen sie ihm in herrschaftlichen Räumen befindliches unterirdisches Waffenlager. Onkel Józsi ist entsetzt, Gewalt lehnt er ab. Doch er liebäugelt eben doch auch mit den sogenannt guten alten Zeiten, "weil heutzutage die Moral als Ganzes" fehlt. Der Autor zeigt eindrücklich, dass sich beide Seiten, obwohl sie sich viele Gedanken auch über die andere Seite machen, nur von ihren eigenen Interessen geleitet bzw. diesen unterworfen sind.

So sehr Zsömle ist weg eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Gefahren, die der Demokratie durch Reichsbürger und Verschwörungsfans drohen, ist, es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Vor allem ist es jedoch ein ungewöhnliches Sprach- und Denkerlebnis, das vom Leser Geduld und die Art Aufmerksamkeit verlangt, die einer Meditation gleichkommt.

Fazit: Scharfsinnig, gescheit, amüsant, unterhaltsam, witzig und lehrreich.

László Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Sunday, 21 June 2026

Der unentdeckte Kontinent

Als ich vor einigen Jahren anfing Bäume zu fotografieren, hielt ich das für eine Entdeckung. Eine Durchsicht von älteren Fotografien belehrte mich eines Besseren – ich hatte immer schon Bäume fotografiert. Mit anderen Worten: Mir scheint, unsere Gewohnheiten sind uns selten wirklich bewusst; etwas Neues zu entdecken kommt nicht oft vor. Womit ich zu Meg Lowmans Der unentdeckte Kontinent komme, einem Buch, bei dem ich schon nach den ersten paar Seiten weiss, dass ich da definitiv auf etwas Neues gestossen bin. Und mich wieder einmal darüber wundere wie partiell blind man durchs Leben gehen kann.

„Stellen Sie sich vor, Sie gehen für einen Gesundheitscheck zum Arzt, und der untersucht ausschliesslich ihren grossen Zeh. Am Ende erfahren Sie, dass Sie vollkommen gesund sind, dabei wurden Ihre Vitalfunktionen, Puls, Sehkraft oder irgendein anderer Körperteil gar nicht untersucht – sondern nur Ihr grosser Zeh. „.. jahrhundertelang wurde die Gesundheit von Bäumen, auch die jener alten Riesen, die haushoch in die Wolken aufragen, genau auf diese Weise begutachtet.“ Viel überzeugender und anregender kann man ein Buch kaum beginnen ...

„Ich werde Bäume nie wieder so sehen wie früher, und der Rest der Welt auch nicht – dank der Autorin dieses Buches“, schreibt Sylvia A. Earle in ihrem Vorwort. Recht hat sie! Wer also ist diese Autorin? Meg Lowman, geboren 1953, aufgewachsen im ländlichen Staat New York. Die Botanik brachte sie zum Studium ins schottische Aberdeen, ein Forschungsstipendium über tropische Wälder nach Sydney. „Sie stammte aus der gemässigten Klimazone und war in Bezug auf die Tropen völlig grün hinter den Ohren. Bei ihrem ersten Besuch in einem australischen Regenwald starrte sie in die schwindelerregendsten Bäume, die sie je gesehen hatte, und dachte: 'Du heilige Scheisse, ich sehe noch nicht mal den Wipfel!'“

Zuerst dachte sie, sie könne die Baumwipfel mit dem Fernglas zu sich herunterholen. Als dies wenig fruchtete, kletterte sie nach oben. Um ihre Seile an den oberen Ästen zu befestigen, baute sie sich aus einer Eisenstange eine spezielle Schleuder. In den Baumkronen, dem '“achten Kontinent“, entdeckte sie eine völlig unbekannte Welt. „Wohin ich auch blickte, offenbarten die Wipfel Geheimnisse, die vom Boden aus nicht zu erkennen waren – glänzende Käfer frassen junges (aber kein altes) Blattgewebe, Raupen operierten in Gangs, die ganze Äste vom jüngsten bis zum älteren Laub kahl frassen, Vögel schnappten sich diese arglosen Larven, als bedienten sie sich an einer Salatbar, und plötzliche Regengüsse trieben alle diese wuselnden Geschöpfe auf der Suche nach Unterschlupf unter die nächsten Blätter oder in einen Spalt in der Rinde.“

Der unentdeckte Kontinent ist genau das, was der Untertitel verheisst: „Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen.“ Sie erzählt von ihren schwierigen Studienanfängen inmitten von Männern, von ihrer Zeit in Aberdeen, vom Tropenwald von Malaysia, von ihren Bemühungen um den äthiopischen Wald und von den Citizen Scientists.

Meg Lowman ist ein Naturfreak. Von klein auf begeisterte sie die Naturbeobachtung, obwohl es in ihrer Familie keine leidenschaftlichen Botaniker gab. Ihr Enthusiasmus ist aus jeder Zeile spürbar. Und er ist ansteckend.

Der unentdeckte Kontinent bietet eine interessante, informative, lehrreiche und ausgesprochen unterhaltsame Lektüre, was auch daran liegt, dass Meg Lowman eine begabte Erzählerin ist, die mich immer mal wieder zum Lachen brachte. „Als mein Flug in Aberdeen landete, war der Himmel kalt und grau, was ich schnell als Normalfall kennenlernte. Ein Jahr in Schottland lässt sich zusammenfassen zu 364 Tagen grauem Himmel, was meine über tausend Fotos von sonnenfreien Landschaften bestätigen.“ Da sie über wenig Geld verfügt, mietet sie zusammen mit anderen, die ebenfalls knapp bei Kasse waren, ein Bauernhaus ohne Heizung und Warmwasser. „Meine beiden Mitbewohner, Alan und Peggy, besassen einen klapprigen Morris Minor, der so alt war, dass in seiner Aussenverkleidung Moos wuchs, und waren sehr geschickt darin, zum Hauptgericht überfahrenes Wild aufzufinden.“ Im Anschluss an ihr schottisches Jahr ging es zum Doktorat nach Sydney. „In London bestieg ich nach Flugzeug mit zwanzig Kilo Handgepäck, weil ich die Gebühren für einen zusätzlichen Koffer sparen wollte.“ Das waren noch Zeiten ...

Meg Lowman bezeichnet sich als Arbonautin (und wird von ihren Kindern auch scherzhaft als Arboraut-Irre), eine sowohl einleuchtende wie auch treffende Bezeichnung für eine Botanikerin, die sich aufgemacht hat, die Baumkronen, für die sich kaum jemand zu interessieren schien, zu erforschen. „Bald stellte ich fest, dass die meisten Arten in den oberen Baumkronen der Wissenschaft unbekannt waren. Fast jede der 60000 Baumarten beherbergt einzigartige Lebensgesellschaften.“

Der unentdeckte Kontinent ist ein Augenöffner. Mir jedenfalls war nicht bewusst, dass ein Kronendach Sauerstoff produziert, Regenwasser filtert, Sonnenlicht in Zucker umwandelt, unsere Luft reinigt, indem es CO2 absorbiert, Tieren Unterschlupf bietet und und und.

Der Mensch hat sich dermassen von der Natur entfremdet, dass er sie allzu oft nur als Bedrohung wahrnimmt. Selten ist mir das klarer geworden als bei Lowmans Schilderung einer Bootsfahrt auf dem Amazonas als ein einheimischer Guide gefragt wurde, ob es während der Fahrt auch Anacondas zu sehen geben würde. „Unser Guide hatte die verräterischen Luftblasen gesehen, die Anacondas unter Wasser ablassen, war auf sie gesprungen und hatte schnell Kopf und Schwanz gegriffen, und das alles im Dunkeln. Ehrfürchtig bestaunten wir alle nicht nur dieses grossartige Tier, sondern auch Guillermos gründliche Kenntnis der heimischen Natur – so wie man sie sich aus einem Lehrbuch oder in einem Hörsaal gar nicht aneignen kann.“

Wir müssen den Wald hegen und pflegen, denn die Gesundheit des Planeten hängt von ihm ab. Doch das Gegenteil geschieht, die Zerstörung des Waldes nimmt zu. Was also ist zu tun? „Ein Weg, mehr Bäume zu retten, besteht darin, mehr Menschen in ihre Wunder einzuweihen.“ Kein Buch, dass geeigneter wäre, genau dies zu tun als Der unentdeckte Kontinent.

Meg Lowman
Der unentdeckte Kontinent
Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen
Blessing, München 2022

Wednesday, 17 June 2026

Vorsehung

Der Einstieg in diesen Roman ist schlicht grandios: Der Flug von Hobart nach Sydney hat Verspätung, was der Autorin die Möglichkeit gibt, die Flugpassagiere vorzustellen. Wie auf jedem Flug kommt da eine recht bunte Truppe zusammen, die derart lebensnah geschildert ist, dass ich ständig laut herauslachen muss. Wir Menschen sind schon eine überaus eigenartige Spezies! Kurz vor der Landung steht eine alte Dame von ihrem Platz auf, geht durch die Reihe, bleibt bei den einzelnen Passagieren stehen und prophezeit ihnen ihre Krankheiten sowie das Alter ihres Ablebens. Natürlich wollen das nicht alle wissen, doch darauf nimmt die Frau keine Rücksicht (obwohl sie durchaus Skrupel hat) und so bleibt es den Passagieren überlassen, wie sie mit diesen Botschaften umgehen. Ein 29Jähriger, dem sein Tod mit 30 vorausgesagt wird, ist definitiv nicht in der selben Liga wie eine 87Jährige, die noch bis 101 Zeit hat.

Ist sie eine Hellseherin? Und falls ja, können Hellseher irren? Die alte Dame stellt klar: Der Satz „Gegen das Schicksal kommt man nicht an“ stamme nicht etwa von ihr, sondern von ihrer Mutter, die eine Deterministin gewesen sei. Was meint: Der Mensch handelt wie er handelt, weil das in ihm so vorbestimmt ist und sein Tun und Lassen der Kausalität folgt. Der bärtige Mann („er war Universitätsdozent, er genoss es noch mehr als der Durchschnittsmann, Vorträge zu halten“), der den Begriff erläuterte, entpuppte sich als Vertreter des „harten Determinismus“, für den es keinen freien Willen gibt. „Zwischen zweien seiner Schneidezähne steckte ein braunes Reiskorn, und niemand, nicht einmal seine Frau, wies ihn darauf hin. Möglicherweise hielt sie es für kausal unausweichlich.“

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ist eine philosophische. Von praktischer Relevanz ist sie nicht, denn unser soziales Leben beruht auf der Annahme, dass wir einen freien Willen haben. Darauf gründet auch die Strafjustiz, ansonsten man niemandem eine Tat vorwerfen bzw. ihn dafür bestrafen könnte. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass wir uns die Realität zurechtbiegen (was wir eindeutig tun), denn den Nachweis zu erbringen, dass es den freien Willen auch wirklich gibt, ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Wir glauben eben, was wir glauben wollen; dass uns unser Bauchgefühl täuschen könnte, halten wir nur theoretisch für möglich.

Vorsehung ist glänzend geschrieben, eine Comédie Humaine vom Feinsten. Die Autorin präsentiert ganz unterschiedliche Charaktere (und was würde sich dazu besser eignen als Flugzeugpassagiere, denen Algorithmen ihre Plätze und damit ihre Sitznachbarn zuweisen), die man alle aus dem richtigen Leben zu kennen glaubt. Da ist zum Beispiel Sue, deren Söhne alle den gleichen, dümmlichen Blicke hatten, „als sie plötzlich in die Höhe schossen. Ich weiss gar nicht, wie ich hier hochgekommen bin! “ Sue ist Pflegekraft in der Notfallambulanz, und gehört zu der Sorte Mensch, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. Doch auf einmal überkommt es sie: „Überhaupt nichts hat sie gesehen! Ein ganzer Planet voller Burgen und Kathedralen, Gemälde und Skulpturen, Berge und Ozeane wartet darauf, von Sue und Max O’Sullivan gesehen und bewundert zu werden.“

Vorsehung bietet ein überaus unterhaltsames Welttheater, da Liane Moriarty uns nicht nur am Innenleben der Menschen auf diesem Flug teilhaben lässt, sondern auch schildert, wie sie miteinander umgehen. Da ist etwa der Flugpassagier Ethan Chang, gerade zurück von der Beerdigung seines Kumpels Harvey. Es war Ethans erste Beerdigung und nicht alles lief rund. So sprach er irrtümlicherweise einer Angestellten des Cateringservice sein Beileid aus. „Sie trug eine weisse Bluse und eine schwarze Hose und hielt ein Tablett mit Schinkensandwiches in Händen. Es gab durchaus Anhaltspunkte.“ Oder das frisch verheiratete Paar, Dom und Eve. „Eve weiss nie, ob er nur glücklich tut oder einfach vergisst, was ihm Sorgen gemacht, und sich irgendwann wieder daran erinnert.“

Als das Flugzeug gelandet ist, hat die Hellseherin keine Erinnerung daran, dass sie den anderen Flugpassagieren ihre Vorhersagen aufgezwungen hat. Sie ist die Personifizierung der Vorstellung, dass der Mensch nicht weiss, was er tut, und von seinem Schicksal gelenkt wird. Ob es sich dabei um ein psychisches Problem handelt (die gängige Standardantwort, wenn wir heutzutage nicht weiter wissen), wie „der starke, muskulöse Mann mit dem militärischen Bürstenschnitt, der so aussieht, als könnte er die Welt im Alleingang retten“, behauptet, soll hier nicht verraten werden.

Auch die Hellseherin erzählt ihr Leben, die Flugpassagiere machen sich auf die Suche nach ihr. Zum Einsatz kommt dabei auch eine Facebook-Seite, die in der Folge von vielen besucht wird, die zwar sachlich nichts beitragen können, doch auf sich und ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Vorsehung ist auch ein sehr gelungenes Porträt unserer Zeit, in der wir alle gezwungen werden, für uns zu trommeln.

Vorsehung handelt auch davon, was man mit Wissen anstellt, das man lieber nicht hätte.. So wissen wir alle, dass wir sterben werden. Die übliche Variante ist die Verdrängung. Liane Moriarty zeigt uns weitere Möglichkeiten, zu denen auch das Einholen einer Zweitmeinung, das Sich-Austauschen mit Freundinnen und Bekannten sowie das Relativieren von Vorahnungen gehören. Doch dann stirbt eine junge Flugpassagierin sowie ein altes Ehepaar; alle drei waren auf dem Flug gewesen …

Vorsehung ist weit mehr als ein ungemein unterhaltender Roman; die vielfältigen Einsichten und Hinweise, die er vermittelt, sind vielfältig hilfreich und von praktischer Relevanz. So herrscht, wie wir alle wissen, etwa die Überzeugung vor, dass alles seinen Grund haben müsse. Das ist natürlich Unsinn, denn die Dinge sind ganz einfach wie sie sind. Ohne Grund. Und weshalb glauben wir trotzdem, dass alles seinen Grund haben müsse? Die Antwort (eine einleuchtende) findet sich in diesem echt tollen Roman.

Es ist die Mischung von Witz (als die Flugbegleiterin Allegra von einem Kind vollgekotzt wird: „‚Bitte machen sie sich keine Sorgen‘, sagt Allegra. ‚So etwas kommt vor‘. Ihr Entschluss, kinderlos zu bleiben, ist jetzt in Stein gemeisselt.“), Spannung (Wie werden sich die Voraussagen der alten Dame auswirken?), und philosophischer Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir unser Schicksal beeinflussen können, welche Vorsehung zu einem rundum überzeugenden Roman macht. Und zu einem Lesevergnügen erster Güte.

Fazit: Packend, clever, anregend und sehr, sehr lustig. Grossartig, ein Meisterwerk!

Liane Moriarty
Vorsehung
Roman
Droemer, München 2025

Sunday, 14 June 2026

All'Italiana!

Der Untertitel Wie ich versuchte, Italienerin zu werden lässt vermuten, dass Petra Reskis Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt war, obwohl sie sich jede erdenkliche Mühe gibt, und es irgendwie dann eben doch geklappt hat. „Es war mein Land, von Anfang an. Es ist ein fehlerhaftes Land, es sündigt, es ist perfide und manchmal sogar teuflisch. Dennoch liebe ich es. Das mag daran liegen, dass ich immer meine lebenslustige ostpreussische Familie gesucht habe, vermischt mit Teilen der melancholischen Schlesier. Und am Ende habe ich sie in Italien gefunden.“

Petra Reski hat Romanistik studiert und ist, wie ihr früh verstorbener Vater einst prophezeite, Auslandskorrespondentin geworden. Sie will verstehen, braucht Erklärungen, erwartet sich diese auch von der Politik, die in Italien allerdings von der Mafia häufig nicht zu unterscheiden ist. Ihre sizilianischen Schilderungen sind ungemein berührend, vielfältig informativ und aufwühlend. Und ihre Ausführungen zu Berlusconi machen klar, dass der Florida-Golfer keineswegs so einzigartig ist, wie dieser selbst und auch viele Journalisten offenbar glauben.

So abstrus einem Aussenstehenden die italienische Politik auch vorkommen mag, das italienische Wahlvolk verhält sich auch nicht viel anders als, sagen wir, das amerikanische, das auch in schöner Regelmässigkeit Gauner und Deppen, denen es immer nur um sich selber (und ihre Klientel) geht, als Regierung wählt. Die Italiener wissen, was sie tun. Warum sie es tun, ist egal, und auch wenn sie es wüssten, würde es keinen Unterschied machen. Das ist überall so.

Petra Reskis Mann ist Venezianer (und nur im Ausland Italiener) und erträgt es nur schwer von Festlandbewohnern regiert zu werden. Wenn seine Frau sich wieder einmal aufregt und fassungslos fragt, wie das denn um Himmels Willen nur möglich sei, “dass sich ganz Italien diesem Berlusconi in die Arme wirft, obwohl über ihn und seine Mafiamachenschaften alles bekannt ist“, antwortet er mit „Du bist hier in Italien!“ „Ja und? Was soll das denn heissen?, frage ich. Und er sagt: Niente. Das sagt er immer, wenn jemand zu begriffsstutzig ist, um die offensichtlichsten Zusammenhänge zu verstehe.“ Schön gesagt, doch ich vermute, dass Italiener Italien genauso wenig begreifen wie die Nicht-Italiener, weil man Italien und die Italiener schlicht nicht verstehen kann. Und so recht bedacht, gilt das für so ziemlich alle anderen Völker und Länder auch. Nur ist es anderswo oft weniger laut, lustig und so offensichtlich chaotisch.

Der grösste Teil dieses sehr gut geschriebenen Buches handelt von der Politik, ist aufklärend und geht sehr in die Details. Wer, wie ich, wenig Lust auf die eitlen Selbstdarsteller hat, die von der Macht und dem Rampenlicht nicht genug kriegen können, kommt allerdings nicht zu kurz, denn die Entdeckerfreude der Autorin erstreckt sich weit über die Politik hinaus. So erfährt man unter anderem auch höchst Aufschlussreiches darüber wie Journalismus funktioniert, bornierter Kollegenneid inklusive, oder das italienische Fernsehen … doch lesen Sie selbst, es lohnt sich!

Besonders erhellend sind Petra Reskis Ausführungen zur Sprache. „Das passato remoto macht mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.“ Die italienische Politik komme ihr ähnlich knifflig vor wie die diversen Vergangenheitsformen des Italienischen, konstatiert sie. Sehr schön, denn der Zusammenhang von Sprache und Mentalität wird oft übersehen.

„Komisches Land, dieses Italien, denke ich. Voller Widersprüche: Man spricht offen über schreckliche Skandale, und Zustände, die anderswo eine Revolution ausgelöst hätten, werden hier belacht. Man regt sich darüber auf, dass die Sozialisten klauen, und lacht, als ein Kabarettist aus dem Fernsehen eliminiert wird. Man lebt in einer der schönsten Landschaften der Welt und legt sich an einen verpesteten Strand. Und lacht auch darüber.“ Wer angesichts einer solchen Realität glaubt, Erziehung könne Wesentliches bewirken, irrt.

Petra Reskis Beobachtungen sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Und laden häufig zum Schmunzeln ein. „Ich habe mal beobachtet, wie Engländer in der Vaporettostation an der Rialtobrücke eine Schlange gebildet haben. Die Italiener haben das Prinzip gar nicht verstanden. Sie sind einfach an ihnen vorbeigegangen.“

Über ein anderes Land und deren Bewohner nachzudenken, führt auch unweigerlich zu Vergleichen mit dem, was einen geprägt hat. Mit anderen Worten: In der Fremde lernt man, vorausgesetzt, man ist bereit dazu, auch immer viel über sich selber. Und manchmal entdeckt man im vermeintlich Neuen, was schon immer in einem angelegt gewesen ist. All’Italiana! ist nicht zuletzt erfreulich selbst-reflektiv.

Dieses Buch beschreibt eine Faszination, ein Rätsel und das unweigerliche Sich-Immer-Mal-Wieder-An-Den-Kopf-Fassen, weil das doch Alles nicht wirklich sein kann. In diesem überaus gelungenen Mix vielfältiger Absurditäten und bewegender Momente stösst man auch auf ganz wunderbare Sätze, die Wesentliches auf den Punkt bringen. „Zu einer Zeit, als Venedig noch halbwegs eine Stadt ist und kein Freizeitpark …“. Im Spiegel liest sie: „Südlich von Florenz beginnt für die strengen nordischen Herrenmenschen schon Afrika, Rom liegt für sie fast im Urwald.“ Bessere Aufklärung geht eigentlich nicht.

All’Italiana! schliesst mit einem Kapitel über „Lukrez und das Ende des Obskurantismus“. Es ist so recht eigentlich mein Lieblingskapitel. Zum Einen, weil ich Lukrez‘ De rerum natura für einen der erhellendsten Texte überhaupt halte (eine grundlegend andere Sicht der Welt als die gemeinhin akzeptierten und uns benebelnden). Zum Andern dieser Ausführungen wegen, die von einer Lebensneugier zeugen, die nicht nur ihrem Mann, sondern auch Petra Reski selber eigen sind. „Der Venezianer kann eine Lupine nicht von einem Löwenzahn unterscheiden, er kennt nur Marmorsorten und weiss, wie man Tintenfische mit Licht und Kescher fängt, aber er hört Ivano aufmerksam zu, denn es gibt kaum etwas, was ihm mehr Achtung abringt als Menschen, die ihr Handwerk beherrschen.“

Fazit: Grandios! Engagierter, unterhaltsamer und treffender kann man Italien kaum schildern.

Petra Reski
All’italiana!
Wie ich versuchte, Italienerin zu werden
Droemer, München 2024

Wednesday, 10 June 2026