Sunday, 2 August 2026

In Lyon und Montpellier

 Im Zug nach Genf geht mir Laurence durch den Kopf, die vor zwei Jahren im Alter von 56 gestorben ist und die ich während vieler Jahre in Choulex bei Genf regelmässig besucht hatte. Ob ihre Mutter, die auch dort wohnte und mit der ich mich immer gerne ausgetauscht habe, noch lebt? Meine Google-Suche listet auch ihre Todesanzeige, sie ist vor einem Jahr im Alter von 90 gestorben. In Genf regnet es, der Himmel ist bewölkt, meine Stimmung auch. Es ist alles so traurig, pflegte mein lieber Freund Wamse bei unseren Telefonaten zu sagen.

Laurence habe ich zum letzten Mal im April 2019 in Zürich getroffen, als sie im Literaturhaus aus ihrem neuesten Buch las und gefragt wurde, ob, was sie beschreibe, auch so vorgefallen sei? Natürlich, erwiderte sie, auch wenn ihr klar sei, dass die von ihr geschilderte Absurdität unwahrscheinlich sei.

In Lyon. Vom Bahnhof zu meinem Hotel sei es zu Fuss gut vierzig Minuten, sagt Google. Die Leute, alt und jung, die ich unterwegs nach dem Weg frage, sind ausnahmslos freundlich. Dabei merke ich, dass wer mit einem Ziel durch die Stadt geht, nichts sieht. Erst als ich im Hotel eingecheckt, Kamera-bewehrt und offen für Fotomotive durch die Gegend spaziere, sehe ich etwas.

Am nächsten Tag, auf halber Strecke zum Bahnhof, vergewissere ich mich bei einer Schwarzen so um die 40, ob ich immer noch auf dem richtigen Weg bin. Zu welchem Bahnhof ich wolle? Part Dieu. Da solle ich die Metro nehmen, zu Fuss sei das viel zu weit. Höchstens eine halbe Stunde, sage ich. Viel zu weit, insistiert sie. Hält sie mich für zu alt, zu unfit für eine solche Stecke? Oder würde einfach sie selber eine solche Strecke nicht laufen? Ich laufe und entdecke Blumen am Strassenrand, die mir sonst entgangen wären.

Am Bahnhof warten zwei Afrikanerinnen um die 50/60 neben mir, goldene Ohrringe, Winterkleidung, unaufhörlich laut schwatzend. Als sie sich erheben und davongehen, verabschiedet sich die eine lachend, sie hat offenbar bemerkt, dass ich mich amüsiert habe.

So viele Leute am Bahnhof; die Zeiten in denen ich das Reisen als Abenteuer und mich selbst als Abenteurer empfand, sind passé ...

***

Montpellier. C'est vraiment mal indiqué, sagt der Mann, den ich nach dem Hotel frage, tout le monde demande. Die Sonne scheint, es hat um die 20 Grad

"Mein" Hotelzimmer hat zwar keinen Tisch oder sonst eine Ablage, dafür finden sich an den Wänden alte Schallplattencover und auf einem Gestell Bücher aufgereiht, darunter auch eine Biografie von Anne Sinclair, in die ich mich sofort vertiefe, die jedoch schon bald von der über Johnny Hallyday abgelöst und dann von einem Krimi verdrängt wird. Wunderbar, in Büchern zu blättern, auf die man selber nie gekommen wäre.

Am Nebentisch ein Mann, der während er isst, auf Spanisch telefoniert; seine Partnerin ist mit ihrem Handy beschäftigt.

Die Rue David Néel und die Rue Isabelle Eberhardt führen durch moderne Steinwüsten.

Zum Strand? Tram Nummer 3 ab Bahnhof Saint Roch, sagt man mir an der Rezeption. Mit der Nummer 3 zum Strand? Geht heute nicht, il y a une manifestation, informiert mich eine Verkehrspolizistin. Und so laufe ich durch die Strassen, mache Fotos, und finde alles Französische wie immer très sympa.

Die werden ja wohl nicht den ganzen Tag protestieren, denkt es so in mir, und so fahre ich dann am Nachmittag doch noch mit der Tram zum Meer. Und so sehe ich wieder einmal das Mittelmeer. Genauer: ich sehe viel Wasser, von dem ich weiss, dass man es Mittelmeer nennt.

Was fällt mir auf in Montpellier? Spontan: Die vielen Schwarzen. Und die freundlichen Leute.

Er staune, dass er überhaupt seinen Arm bewegen könne, las ich letzthin bei einem Zen-Meister. Seither taucht dieser Satz immer mal wieder in meinem Kopf auf. Und hilft mir, gegen den von den Medien verbreiteten Irrsinn, der darin besteht, Durchgeknallten eine Plattform zu geben, worauf die geneigte Leserschaft, den eigenen Irrsinn normal findet, nicht durchzudrehen.

Nur ältere Leute schauen beim Gehen nicht ständig aufs Handy. In einer Talkshow höre ich zum ersten Mal von einem anderen (einem israelisch-arabischen Muslim) als von mir, dass es bei Israel/Palästina um einem Kulturkrieg gehe.

Auch der Mann, der mit seinem Hund auf der Strasse lebt und mir freundlich Auskunft gibt, ist ständig mit seinem Handy beschäftigt.

Zu den Dingen, die ich mir im Ausland gönne, gehören McDonalds und der Besuch von Nagelstudios, deren Preise (bis auf eines, das jedoch ausgebucht war) allerdings Schweizer Niveau entsprechen, so dass ich es gelassen habe. Beim Abklappern der diversen Studios kriege ich ein Montpellier zu sehen, das mich (abgesehen von den Einkaufszentren, die auf der ganzen Welt gleich aussehen und die Uniformität des Menschen bezeugen) baulich und ästhetisch sehr anspricht. Sehr viel Grün, majestätische Architektur, enge Gassen, wunderschöne Alleen.

Am Bahnhof eine Pro-Palästina Demo, eine bunte Mischung aus alt und jung wie einst bei Ostermärschen, laut ist vor allem der Einpeitscher. Heutzutage finde ich das alles vor allem peinlich, naiv und verblendet.

Es könne morgen am Gare du Sud, von wo ich nach Lyon fahre, zu Verkehrsproblemen kommen, warnt mich die SNCF per SMS. Mir ist nicht klar, was ich da machen soll/kann.

Der Gare du Sud befindet sich an der Peripherie von Montpellier, erreichbar ist er mit Tram und Bus. Ein modernes Gebäude, das an einen Flughafen erinnert. Viele Leute warten, ausnahmslos alle starren auf ihr Handy und so tue ich es selber für einmal nicht, sitze einfach da, gucke vor mich hin und um mich rum. Kopfkino.

***

Zurück in Lyon. Die Ohrstöpsel, die im Hotel bereitliegen, finde ich wenig beruhigend. Kurz darauf rattert ein Zug durchs Zimmer.

Frühmorgens auf dem Weg zur Boulangerie, die Sonne scheint durch die von Baumkronen bedeckte Avenue. Wie in Mendoza, denkt es in mir. Wieder einmal das Gefühl, dass alles gleichzeitig geschieht.

Der Text wurde 2024 geschrieben.

Wednesday, 29 July 2026

On Documentary Photography

"In photographs," Susan Irvine wrote about the designer Calvin Klein, "he looks handsome, tanned, the all-American success story. In person, he looks withered, hunched, dancing nervily from foot to foot."

"Ceci n'est pas une pipe," the painter René Magritte explained his picture of a pipe, thus making the point that the picture of a pipe is nothing but a picture of a pipe. The same applies to photographs, although — and unlike paintings — we perceive them as strangely real. Moreover, despite us knowing that they can be, and sometimes are, manipulated, we trust them to be truthful — unless someone proves them to have been tampered with.

Essentially, photographs are documents, they are records. Even in our digital times in which we know less and less what to take for certain, our belief in the power of photographs to serve as evidence has not faltered. When, for instance, the death of Saddam Hussein's sons needed to be proven, it was done with photographs.

Photographs can thus serve as visual memories. And as much as they can become memory, they can also be used to block memory. It is precisely for this reason that the personalities of the people who contribute to the shaping of a photograph are important — it is the credibility of photographers as well as photo-editors and curators of photo-exhibitions that "guarantees" the authenticity of photographs. Yet, authenticity is not always relevant in photography — in advertising, for example, it is of no importance. In documentary photography, however, it is imperative for we want from documents what they, implicitly, promise — evidence of things observed.

Documentary does not mean television features about African wildlife or about historical events; neither does it allude to official documents such as passports, stamps, or school certificates. Documentary, as understood here, is about the things as they are, and not about how we would like them to be. It is about making personal records of events that take place in the physical world — for other people to see how the photographer has framed what he has witnessed. It is about telling a story. "Look at what my eyes have allowed me to see," as well as "Look at what I have allowed my eyes to see," such pictures exclaim. Moreover, they need to be taken with an open and respectful attitude towards the world we were born into. Documentary's task is to explore the world in a humanistic spirit — in a loving, caring and dignified way, that is. It is about discovery, not about creation; about finding out, not about inventing, it is about learning to become aware of the miracle called life.

Photography is still about the eye behind the lens. It is about being a filter, and it is about recording. It is about leaving one's home and seeing what is out there, it is about taking a look at the world that surrounds us. It is about reminding us of how things once have looked.

This, of course, can be done with any camera, yet it seems that the thinking of the digitalists has more to do with painting than with photography — for painting and digital imaging are about creating images, they are about being in command of the process of creation whereas documentary is mainly concerned with reflecting what is out there. Digital imaging, despite its making use of the camera, is a discipline of its own, for it is essentially about artistic arrangements of pixels on a computer screen; it is about the rearrangement of the world according to one's whims.

This is not to say that such undertakings can't be interesting, this is only to say that I find the world out there far more tempting than the prison of my own thoughts. Documentary photographers, as far as I'm concerned, should do what they've always done — in the words of Ken Brower "wander the world ... like the Zen archers we imagine them to be, with just thirty-six chances per roll."

Brasília, 3 March 2026

Sunday, 26 July 2026

The Girl who played with Fire

Santa Cruz do Sul, Brazil, January 2026

She had discovered that the most effective method of keeping the fear at bay was to fantasize about something that gave her a feeling of strength.

In Lisbeth's eyes Camilla was insincere, corrupt, and manipulative. But it was Lisbeth whom society had declared incompetent.

Unlike most other people who knew her, Palmgren was sure that Salander was something else, a genuinely moral person. The problem was that her notion of morality did not always coincide with that of the justice system.

She didn't think it was worth trying to explain anything to uniformed authorities. She refused on principle to respond when psychiatrists tried to determine her mental state.

Files are one thing, people are something else.“

Stieg Larsson: The Girl who played with Fire

Wednesday, 22 July 2026

Wer war Ingeborg Bachmann?

Gleich vorneweg: Das ist ein tolles Buch! Weil es nicht eine, sondern ganz viele Geschichten erzählt, ganz, ganz vieles berücksichtigt, und auch aufzeigt, wie die Autorin zu ihren Informationen gekommen ist.

Mir selber liegen Menschen nicht, die sich ins Rampenlicht drängen (Ingeborg Bachmann tut das), hadere mit mir, dass ich trotzdem über sie lese, und geniesse es gleichzeitig, wenn ich derart gescheit und kenntnisreich informiert werde, wie das Ina Hartwig in dieser "Biografie in Bruchstücken" tut.

Achtundzwanzig ist die Lyrikerin, als sie auf dem Spiegel-Cover landet. Das waren definitiv andere Zeiten! Herbert List, ein damals erfolgreicher Fotograf, hat sie ins Bild gesetzt. Während Bilder uns bleiben (was auch der Buchumschlag dokumentiert), gehen die Begleittexte meist unter. "Image outlives fact", so die New Yorker Fotografin Lisa Kahane, weswegen denn auch Ina Hartwig Gegensteuer gibt und sich mit dem die Bilder begleitenden Text auseinandersetzt, differenziert und eigenständig.
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Da mir Lyrik fremd ist, ich keinen Bezug zu ihr habe, mutet mich die Hochachtung, ja, Ehrerbietung gegenüber den schriftlich geäusserten Gedanken von Celan und Bachmann befremdlich an, insbesondere das Hineinlesen von Bedeutsamem in einigermassen Banales. Geradezu erlösend dann aber Hartwigs Einschätzung, "dass die elegisch auftretende Dichterin sich bestens als Reisebüroangestellte bewährt hätte, wenn die Lebensumstände das verlangt hätten." Was mich unweigerlich an Sue Prideauxs Bemerkung in Ich bin Dynamit erinnert: "Nietzsche hätte, wäre er ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“ .

Wer war Ingeborg Bachmann? zeichnet sich durch die vielfältigen Aspekte aus, die Ina Hartwig aufgreift. Etwa Bachmanns Stimme. Oder ihre politische Einstellung. Oder ihre Beschäftigung mit Simone Weil ("Eine junge Philosophin schreibt über eine junge Philosophin."). Oder die Einschätzung von Marcel Reich-Ranicki, die einer Selbsbeschreibung ausgesprochen nahekommt.

Überaus aufschlussreich wird auch die Stipendien- und Literaturpreisvergabe zur Zeit des Kalten Krieges geschildert, "die in der Regel chronisch klamme Schriftsteller in die Lage versetzt, an Orte zu reisen, die sie sonst nicht sehen würden, und vorübergehend in Wohnungen zu leben, die sie sich normalerweise niemals leisten könnten," Es ist ein Privilegiensystem und – das liegt in seiner Natur – ein solches korrumpiert. Davon ist in diesem Buch allerdings nicht die Rede – die Autorin ist selber Teil des Kultursystems.

Ina Hartwig geht auch der Frage nach, wo in Berlin Ingeborg Bachmann gelebt hat. Es ist spannend von ihrer diesbezüglichen Recherche zu lesen. Im ersten Stock, im zweiten? Die Auskünfte varieren. Gab es da wirklich eine Strassenbahn in der Nähe oder war es nicht ein Bus? Warum soll relevant sein, wo genau Ingeborg Bachmann gewohn hat, entzieht sich mir, doch Ina Hartwigs detektivische Spürnase nötigt mir Respekt ab: Sie will's wirklich wissen, Aufgeben ist keine Option.

Es wimmelt im damaligen Berlin von im Kulturbetrieb bekannten Namen; auch der Besuch von John F. Kennedy, der sein "Ich bin ein Berliner" in die jubelnde Menge vor dem Schöneberger Rathaus ruft (das sei spontan geschehen, so die Autorin. Wer's glaubt, wird selig) kommt zur Sprache. Und wieder einmal wundere ich mich, was den sogenannt Kulturschaffenden für eine Bedeutung zugeschrieben wird.

Eigenartig auch, wie die Autorin eine Orgie mit Bachmann (drei Männer, eine Frau) kommentiert: "Wichtig – für uns – ist ohnehin weniger das Vorkommnis als solches als vielmehr die Frage, was es für Bachmann bedeutet. Wichtig an der Orgie ist ihre Funktion, auch ihre Wunschstruktur, die sich im literarischen Gestaltungsversuch offenbart." Echt jetzt, das Wichtigste an der Orgie ist ihre Funktion?! Lebensfremder geht kaum ...

In der zweiten Hälfte kommen dann Zeitzeugen zu Wort. Das ist überaus aufschlussreich, erfährt man da doch auch, wer wen nicht mag, und warum. Nichts, das anregender und entblössender sein könnte. Erstaunlich auch, dass Bachmanns Drogensucht, ihr Saufen, für ihre Bekannten kein Thema war, geschweige denn angesprochen wurde. Wie kann man bloss glauben, jemanden zu verstehen bzw. beurteilen zu können, wenn man die Sucht, die immer persönlichkeitsprägend ist, gar nicht zur Kenntnis nimmt? "Wichtig scheint mir seine (Günter Herburgers) Beobachtung zu sein, dass die Freunde ihren Zustand nicht wahrhaben wollten." Die Auseinandersetzung mit Sucht bzw. destruktiver Abhängigkeit fällt eben Intellektuellen besonders schwer ...

Fazit: Ein sehr gut geschriebenes, überaus instruktives, ja erhellendes Werk.

Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biografie in Bruchstücken,
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2026

Sunday, 19 July 2026

Geschichte einer Erhebung

Sie werde im Literaturhaus in Zürich aus Safari lesen, ob ich sie hinbegleiten wolle, mailte mir Laurence im Frühjahr 2019. Sie war in einem Hotel beim Lindenhof abgestiegen, wo ich sie dann abholte. Mir kommt es vor, als ob das erst letzthin gewesen sei. Soviel zu unseren Zeitvorstellungen.

Bei der Lesung wurde sie unter anderem gefragt, woher sie ihre Ideen habe, denn was sie schreibe, könne doch unmöglich so geschehen sein. Sie erfinde nichts, antwortete Laurence, sie beschreibe, was sie wahrnehme, etwas anderes sei ihr gar nicht möglich. 
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Wir haben uns 1994 beim IKRK in Südafrika kennengelernt, es folgten regelmässige Besuche in Choulex, wir sind gute Freunde geworden, was insofern ungewöhnlich ist, als Laurence aus einer IKRK-Familie (Grossvater und Vater in leitender Funktion) stammt, und ich selber nach eineinhalb Jahren ernüchtert zum Schluss kam, bei diesen NGOs handle es sich um humanitären Kolonialismus. Unsere Gemeinsamkeit war das Lachen (was auch meint, wir verfügten über ähnliche Grundwerte): Ich habe mich selten mit jemandem derart oft amüsiert. Was natürlich auch ein Hinweis darauf ist, dass vibes weit wichtiger sind als Lebensumstände.

Laurence Boissier ist, wie sie schreibt, und sie schreibt, wie sie ist. Hoch reflektiert, skurril, distanziert und warmherzig (doch, doch, das geht zusammen), ohne Chichi, mit einem ausgeprägten Sensorium für die absurden, abstrusen, komischen Seiten der Menschen. Jedenfalls lese ich ihre Texte so, kenne allerdings nur die französischen. Geschichte einer Erhebung ist meine deutsche Premiere.

Der Ton ist gut getroffen, ich glaube Laurence mit ihrem sich wundernden Gesichtsausdruck vor mir zu sehen, wenn ich lese. "Erste Feststellung: Die schaffen es, Schritt zu halten und gleichzeitig zu reden." Und freue mich an ihrer Fähigkeit, die Dinge originell auf den Punkt zu bringen. "In den Bergen entspricht mein Status dem eines Haustiers. Man nimmt mich mit hinauf, um mich nicht allein zu Hause zu lassen." Ironie und britisches Understatement (ihre Mutter stammte aus Wales) gehören zu ihren Markenzeichen. Sie hatte einen unabhängigen Kopf, Schnörkel waren nicht ihr Ding. Und das zeigt sich in ihrem Schreiben.

Worum geht's? Laurence schliesst sich einer Gruppe an, die zu einer neuntägigen Bergwanderung aufbricht. Wie sie die Teilnehmer ("Da haben wir das bei Abenteuergefährten so beliebte Duzen."; "Der Mann ist eine Fundgrube der Weisheit. Ich spüre, dass er damit nicht geizen wird.")  und sich selbst bzw. was ihr so durch den Kopf geht, beschreibt, lässt mich immer mal wieder an Woody Allen denken. Auf den "spartanischen Komfort" der Berghütte war sie nicht vorbereitet, und über den Schwierigkeitsgrad der Wanderung hatte sie sich anscheinend getäuscht.

Die Eindrücke, die ständig auf uns einstürmen, müssen in eine Ordnung gebracht werden. Laurence' Blick auf "dieses ganze Felsbrockendurcheinander" ist ihrem Bedürfnis nach Komposition diametral entgegengesetzt. Dazu kommt, dass ihr die "Fähigkeit, Details zu ignorieren" definitiv abgeht. Anders gesagt: Sie ist eine aufmerksame Beobachterin, mit viel Sinn für die sogenannten Kleinigkeiten, die eben alles andere als klein, sondern so recht eigentlich das Wesentliche sind.

Ständig kämpft sie mit den Tücken des Daseins, wobei sich stets ihr Gespür für Situationskomik zeigt. "Ich wische mich mit meinen neuen, superschnell trocknenden Mikrofasertuch ab. Seine Funktionsweise ist megaeinfach – es weigert sich, auch nur den geringsten Tropfen aufzusaugen. Ich ziehe meine Sachen über die feuchte Haut und gebe die Dusche frei."

Der Bergführer informiert über Biologie und Geographie, Laurence erinnert sich an die Sportstunden als Schulkind, hadert damit, dass sie sich für diese Tour angemeldet hat, für die sie sich körperlich alles andere als fit fühlt, und wird dahingehend belehrt, dass das alles eine Frage der mentalen Einstellung sei. Nur eben: "Wie könnte die mentale Einstellung meine Jahre der Faulheit kompensieren?"

Geschichte der Erhebung, ein Reisebericht der besonderen Art, ist ein sehr unterhaltsames Dokument der gescheiten, selbst-ironischen Wahrnehmung. Laurence Boissier registriert nicht nur, was ihre Augen ihr zeigen, sondern beschreibt auch, was ihr Hirn damit macht. "Wir können unser Ziel von der Hütte aus sehen. Es handelt sich um einen riesigen Blätterteig, den ein von der Geologie besessener Konditor in zwei Hälften gefaltet hat."

Ihre Assoziationen erheitern und entzücken mich. So schläft sie in diesen Berghütten schlecht, fantasiert immer mal wieder übers Abbrechen dieser nicht nur körperlichen Herausforderung, und konstatiert dann wiederum des Bergführer beneidenswerte Fähigkeit, umstandslos einzuschlafen. "Bei einer solchen Erholungsfähgikeit ist es nicht verwunderlich, dass er eine Alpenwanderung nach der anderen machen kann, ohne zu ermüden."

Aufklärungen über die Alpen wechseln sich ab mit Erinnerungen an die Jugendzeit (sie hat sich nicht verändert, hatte schon früh den Mut und die Gabe, zu sein, wer sie ist), und Gesprächen zwischen den Teilnehmern mit Gedankengängen über das Hier und Jetzt. Sie fühlt sich gelegentlich unbehaglich, und zeigt es auch; einige halten sie deswegen für kapriziös. Eine hält sie für "einerseits erleichtert von der Einfachheit und andererseits enttäuscht von den mangelnden Komplikationen." Und ich selber fühle mich daran erinnert, wie nachdenklich, rücksichtsvoll, liebenswert und lebensklug sie gewesen ist.

Fazit: Nicht nur ein grosses Lesevergnügen, sondern auch ein überaus einnehmendes, luzides Dokument eines sehr eigenwilligen Daseins.

Laurence Boissier
Geschichte einer Erhebung
Roman
übersetzt von Hilde Fieguth
verlag die brotsuppe, Biel/Bienne 2025

Wednesday, 15 July 2026

Impressionen aus Busan & Pohang

Erstaunlich immer wieder, wie wenig Hotelangestellte Englisch können, von dem man allgemein annimmt, dass es weltweit gesprochen wird. Als Telmo, ein Freund aus Santa Cruz do Sul, der hier eine Weiterbildung absolviert, im Hotel in Busan nach der Toilette fragt, wird ihm der Weg zu McDonalds gezeigt.

Dass man auch mit ganz wenig Fremdsprachenkenntnissen reisen kann, beweisen die beiden Russinnen beim Einchecken im Hotel: Sie antworten auf jede Frage mit 'Russian'.

In Busan bin ich, wie bereits in Seoul, durch Seitenstrassen spaziert und habe die Stille dort genossen. Ausser einigen alten Einheimischen habe ich dort niemanden angetroffen. Ein ganz anderes Busan erlebte ich als ich mit Telmo und dem Mann, der seinen Aufenhalt in Busan organisiert hat (Telmo lernt hier neue Operationstechniken), im Auto Ost-Busan kennenlernte. Drei Stunden waren wir im Auto unterwegs, vor allem entlang spektakulärer Küstenabschnitte, und hatten am Ende doch nur einen kleinen Teil der Stadt gesehen.

Busan, am 9, Juni 2026

Die Amerikaner probieren einfach, wagen etwas (und richten oft ein Chaos an), die Koreaner hingegen planen minutiös, sagt Telmos Spital-Kontakt. In einem Cafe am Strand in Pohang zeigt sich das darin, dass der Angestellte nicht ein Jota vor seinen Vorschriften abweicht: Ich bin der einzige Gast an diesem Morgen, mir wird ein Fensterplatz im zweiten Stock zugewiesen. Nach zehn Minuten kommt eine elektronische Mitteilung, der Kaffee sei bereit, worauf ich wieder in den ersten Stock hinuntersteigen und ihn mir holen muss.

Beim Blick aus dem Fenster auf der Zugsfahrt von Busan nach Pohang muss ich manchmal laut auflachen, so absurd kommt mir die Szenerie vor. Das reiht sich Hochhaus an Hochhaus, was mich an China erinnert. Ein eigenartiges Wesen, der Mensch: Dass es an Platz mangelt auf der Welt, kann man nun wirklich nicht sagen. Nur eben: Der Mensch will dahin, wo auch alle anderen hinwollen. Und glaubt dann noch, das sei seinem Individualismus geschuldet.

An Informationsschalter im Bahnhof von Pohang arbeiten zwei Damen im fortgeschrittenen Alter, die zwar kein Englisch sprechen, doch nicken, als ich ihnen den Namen des Hotels ein paar Mal wiederhole. Irgendwie schaffe ich es, ihnen klarzumachen, dass sie mir den Hotelnamen in koreanischen Zeichen aufschreiben sollen. Sie tun dies bereitwillig und so mache ich mich gewappnet auf zum Taxistand, wo mich in der Warteschlange ein Outdoor-Spezialist aus Seoul anspricht, und in der Folge dem Taxifahrer Anweisungen gibt, wo er mich hinfahren soll. Vorbereitet zu sein, bringt auch nicht immer viel.

Mein Zimmer ist geräumig, besonders der Schreibtisch ist sehr willkommen, ein Fenster hat es obendrein (das war in Busan nicht so), und so beschliesse ich, mich hier ein paar Tage niederzulassen, die Gegend zu erkunden und zu lesen. Ich spaziere zwischen vier und fünf Stunden durch die Strassen, mache Fotos und versuche, präsent zu sein. Damit das gelingt, muss ich mich ständig ermahnen, meine Schritte zu verlangsamen, mir für die Fotos Zeit zu nehmen.

Keine Ahnung, weshalb mir einiges in Erinnerung bleibt, und anderes nicht. Die gängigen Erklärungsversuche haben mich noch nie überzeugt. Die allersimpelste Version (man erinnert sich an das, was einem wichtig ist), ist von schwer zu übertreffender Blödheit. Woran ich mich seit ein paar Tagen erinnere, ist der Satz der jungen Japanerin am Bahnhof von Unseo: Die Koreaner seien Meister des Designs. Jeden Tag wird mir das vor Augen geführt. Und dann ist da noch ein Zitat von Roald Dahl, das mir nicht mehr aus dem Kopf will (und ich bin froh drum):“The same boiling water that softens the potato hardens the egg. It's about what you're made of, not the circumstances.”

Oft weiss ich nicht, wo ich mich befinde, besonders beim Aufwachen. In Kuba, in Japan, in Thailand? Mir kommt es vor, als ob alles gleichzeitig geschieht und der Mensch die Zeit erfunden hat, um sich Halt und Orientierung zu geben. Bis sie sich dann gegen uns wendet und uns terrorisiert.

Aus mir unerfindlichen Gründen gelingt es mir nicht, online ein Ticket für Korean Rail zu erwerben, und so bitte ich an der Rezeption um Hilfe. Ich wolle nach Gyeongju und von dort nach Andong. Da ich Gyeongju (das praktisch ums Eck rum liegt) offenbar wie Jinju (das weit weg, im südlichsten Süden des Landes liegt) ausspreche, stellt das die Rezeptionistin vor eine schwierige Aufgabe: Die Reise, von der ich aufgrund meiner Internet Recherchen geglaubt hatte, sie würde aus einer direkten, recht kurzen Zugsverbindungung bestehen, entpuppt sich als kompliziertes Unterfangen mit mehrmaligem Umsteigen und stundenlanger Dauer. Nach gut eineinhalb Stunden verfalle ich schliesslich auf die Idee, der Rezeptionistin die Schreibweise von Gyeongju vor die Nase zu halten, worauf sich alles in NullKommaNix ändert und ich in nunmehr kürzester Zeit mein Ticket habe.

Pohang, am 11. Juni 2026

Sunday, 12 July 2026

Die Fremde

Claudia Durastanti, geboren 1984 in Brooklyn, erzählt die Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter und ihr Vater sind gehörlos. Im Internat lernt die Mutter die Gebärdensprache, ihre Klassenkameradinnen sehen sie nach dem Abitur im Theater Karriere machen. Es sind Sätze wie "es ist so naheliegend, dass ein gehörloses Mädchen Schauspielerin wird, ihr ganzes Leben ist eine Performance.", die dieses Buch aussergewöhnlich machen. Und es hat viele davon, die mich überraschen, mir eine Sichtweise zeigen, die ich nicht kenne, mir jedoch sympathisch ist. Über ihre Grossmutter notiert sie: "Kunst hat immer ihr Missfallen erregt." Und über das italienische Dorf, in dem ihre Grossmutter aufgewachsen war: "Auf den Neid der anderen zu verzichten, ist das wahre Tabu in einem kleinen Dorf."

Die Lehrerinnen ihres Vater, eines schönen Mannes, befanden, er solle Schauspieler werden, "doch mein Vater zögerte, er wollte sich nicht schminken und so tun als ob." Wunderbar, dieser sehr eigenständige Blick auf die Schauspielerei.

In den sechziger Jahren sind ihre Eltern nach New York ausgewandert. Nach der Scheidung zieht die Mutter mit Sohn und Tochter in ein italienisches Dorf, wo sie als Mädchen ihre Ferien verbracht hatte, doch niemanden kannte. "Obwohl meine Mutter nicht arbeitete, beschäftigte sie sich nicht oft mit mir, also verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit im Garten meiner Grosseltern ...".

Die Fremde ist keine chronologisch erzählte Familiengeschichte, sondern eine hoch reflektierte Auseinandersetzung mit dem Dasein. So führen die Erkenntnisse der Ökologin Suzanne Simard, die gezeigt hat, dass der Wald ein kooperatives System ist, die Erzählerin zur Vermutung, "dass es eine ursprüngliche Intelligenz gab, die unsere Körper beherrschte und, noch bevor wir uns begegneten, elementare Teilchen in die Luft entliess, die durch die Stadt, durch Zementwände und Hautmembrane drang, um mit ähnlichen Substanzen in Kontakt zu treten und eine Art gemeinsamer Widerstandskraft zu entwickeln, einen Schutz gegen die Anfeindungen der Welt. Meine Eltern sind sich nicht begegnet, weil es so geschrieben stand, sondern weil es rückwirkende Prozesse gab, wie die in einem Wald vor dem Feuer."

Es sind die vibes, die uns regieren. In uns scheint weit mehr angelegt, als wir uns gemeinhin bewusst sind. "Es gibt Handlungen, von denen wir glauben, dass sie eigentlich nicht zu uns gehören, waghalsige Entschlüsse, die uns das ganze Leben lang prägen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, bis wir erkennen, dass sie von Anfang an unsere waren, dass wir sie besassen und kontrollierten. Sie waren keine Zufälle, sondern Übersetzungen aus einer tieferliegenden Sprache."

So recht eigentlich kann man keine in sich geschlossenen Lebensgeschichte erzählen, wenn die Charaktere nicht wirklich zu fassen sind, was sowohl auf die Mutter wie auch auf den Vater der Ich-Erzählerin zutrifft, die beide in ihrer jeweils eigenen, recht unberechenbaren Lebensversion unterwegs sind, doch immer wieder gibt es Hinweise, die einen zumindest erahnen lassen, wie schwierig sich die Verhältnisse (von Mutter zu Vater, zu deren Eltern wie auch zu den Kindern) gestaltet haben. Sagt die Mutter über ihre Ehe: "Es gibt keine Liebe zwischen Gehörlosen, das ist eine Wunschvorstellung der Hörenden." Sagt die Tochter über den Vater: "Mit vierzehn habe ich aufgehört, ihn um Geschenke zu bitten, sie waren alle gestohlen."

Ich lese Die Fremde als eine ungemein vielfältige Anregung sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Anhand der experimentellen Musik von John Cage und seinen Schülern, die ihr nicht immer gefallen hat, entdeckt die Autorin etwa, "dass sie (diede Musik) im Vergleich zu anderen Kunstformen sehr geduldig und sorgfältig mit allem umgeht, was von unserer gemeinsamen Fähigkeit des Hörens abweicht." Und sie lernt: "Behinderte Eltern zu haben, ist besonders anstrengend, weil man sich der wahrscheinlichen Unveränderlichkleit ihrer Lage stellen, sich bewusst machen muss, dass sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr aus diesem Zustand herauskommen werden."

Claudia Durastanti erzählt scharfsinnig und sehr witzig von ihrer Familie (etwa über den an Aids erkrankten Onkel Arturo: "Er liebte hohe Häuser und Frauen, die tanzen konnten."), und auch von ihrem Aufwachsen in Italien ("Schon, dass ich von woanders herkam, machte mich rechtlos, in der Schule auch noch gut zu sein, wäre ein Affront gewesen."). Berührt hat mich insbesondere die Geschichte ihrer drogensüchtigen Cousine Malinda, die ihr auch Anlass ist, über Nan Goldins fotografische Auseinandersetzung mit Oxycontin zu berichten, einer Seuche, die ihresgleichen sucht. 

  Malinda habe sich bei Narcotics Anonymous eingeschrieben, lese ich, was entweder ein Übersetzungsfehler ist oder von Unkenntnis zeugt, da man sich bei Narcotics Anonymous nicht einschreiben muss (man geht einfach hin, oder auch nicht). Aufschlussreich dann die ganz wunderbare Schilderung der Treffen, bei denen vor allem Afroamerikaner zugegen waren, denn diese waren überaus lebhaft. "Ein Mann hatte von seinen Erfahrungen erzählt, da schrie jemand mehrmals Amen."

Fazit: Eine eigenwillige, gescheite und humorvolle Auseinandersetzung mit dem Dasein.

Claudia Durastanti
Die Fremde
Wagenbach, Berlin 2026