Wednesday, 21 October 2026

Frühe Fotografien von George Harrison


Im Vorwort zu diesem eindrucksvollen Zeitdokument, schreibt Olivia Harrison: "Ich bewunderte, wie er sich der Hast verweigerte." Das beschreibt auf recht einzigartige Weise auch das Wesen der Fotografie, allerdings nicht die Pressefotografie, und auch nicht  die Sportfotografie oder die Paparazzis. Fotografie als Meditation.

Überaus treffend fasst Colm Tóibín in seiner Einleitung zusammen, wovon dieser Band handelt: "Diese Bilder zeigen die Beatles in der Zeit ihres aufkeimenden Ruhms. Weitwinkelaufnahmen wechseln sich mit intimen Porträts ab; dichte Publikumsszenen weichen endlosen australischen Landstrassen, amerikanischen Cabriolets mit offenem Verdeck und einladenden Swimmingpools. Wenn Ringo eine Zeitung liest, dann weil mit ziemlicher Sicherheit ein Artikel über ihn und seine Freunde drin steht. Alles strahlt Neuheit und Frische aus. Wenn posiert wird, dann legt John Lennon eine ausgelassenen Miene an den Tag. Paul McCartney wird beim Rasieren fotografiert: ein paar Mal wirkt er in sich gekehrt und nachdenklich. Ringo Starr zeigt seine Zähne. Die vier Liverpooler Jungs sind plötzlich zu vier Cowboys geworden. George, mit seinem breitkrempigen Hut, hat allen Grund, stolz auf sich zu sein, Ihm gebührt der Preis für den umwerfendsten Typ unter den vier."

Eine Zeitreise bzw. Ausschnitte einer Zeit, die vom Aufbruch gekennzeichnet war. Etwas gänzlich Neues begann sich Bahn zu brechen, so glaubte man jedenfalls. Heute weiss man, dass damals vieles aufgebrochen ist, die alte Ordnung nach und nach einer neuen weichen musste, die sich letztendlich jedoch genauso von Geld und Eitelkeit dominiert wird, wie das schon immer war. Und angesichts der menschlichen Natur auch so bleiben wird.

"Alle Welt nutzte die Beatlemania als Vorwand, um durchzudrehen – und schob die Schuld auf uns. Aber wir sassen einfach nur im Auto oder im Hotelzimmer und konnten wirklich nicht viel tun – wir konnten nicht einmal nach drausen gehen." Es sind solche Aussagen, die mir diesen Band vor allem wertvoll machen. Und die Bilder? Nahm ich eher als supporting act wahr.
"Ob mit oder ohne Kamera – George wollte das Leben in seiner ganzen Fülle erfassen.", so Olivia Harrison. Doch war er ein talentierter Fotograf? Schliesst man von den Fotos in diesem band (nicht alle stammen von ihm, auf nicht wenigen ist er selber zu sehen), wurden fotografischen Kriterien (Ausschnitt, Licht und Schatten, Hintergrund etc.) wenig Bedeutung geschenkt, der Enthusiasmus, die Fülle der Szenen und Sujets, der Hunger nach dem Festhalten des Augenblicks ist definitiv ausgeprägter. Und was würde sich dazu besser eignen als Schnappschüsse?

Dieser schön gestaltete Band ist überaus reich an Anekdoten. Um den Fans zu entgehen, verbrachten die Beatler auch einige Tage auf der Pigman Ranch in in Missouri. Das war 1964. Um die Ranch zu erreichen, mussten sie in ein kleines Flugzeug steigen, das von Reed Pigman, Ihrem Gastgeber, persönlich geflogen wurde, was George mit einer Nahtoderfahrung verglich. Reed kam ein paar Jahre darauf beim Absturz eines Flugzeugs, das er selber pilotierte, ums Leben, zusammen mit 83 von insgesamt 96 Passagieren. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten und während Jahren die Behörden über seinen fragilen Gesundheitszustand getäuscht.
"Ich habe jetzt diese Fischaugenobjektiv –  durch das sieht alles total verrückt aus!" Die Kamera lässt George die Welt neu entdecken, seine Begeisterung ist spürbar.. Er ist keine Fotoprofi, er ist ein Amateur –  und sieht deswegen die Welt unverfälschter, nicht durch eine vorgefertigte Brille.

Und dann entdeckt er Indien. "Indien ist einfach unglaublich. Man geht die Strasse entlang und sieht einen Bus, ein Taxi, ein Fahrrad, ein Huhn, eine Kuh, jemandem im Anziûg mit Aktentasche, einen ergrauten Sannyasin in einer safranfarbenen Robe – alles durcheinander: Schichten von Geräuschen und Farben, reizüberflutend. Ich hatte das Gefühl, in die Vergangenheit zurückgereist zu sein."

George Saunders weist in seinem Nachwort auch auf eine weitete Entdeckung George Harrisons hin: Die Meditation, über die er damals seiner Mutter schrieben: "Es ist so einfach, dass es jeder tun kann –  man fügt es einfach seinem Leben hinzu und muss auf nichts verzichten, denn es ist der Vorgang diesen Zustand zu erreichen und dann wieder herauszukommen, der ihn (den reinen Zustand des SEINS) in den Geist einfliessen lässt." George Saunders hat sich davon inspirieren lassen und meditiert heute selber.
Beim Betrachten dieser frühen Fotos hat man unwillkürlich den Eindruck: Das sind ja ganz normale junge Männer, die vier Beatles. Liest man dann aber die Texte, wird einem bewusst, dass sie ein derart unnormales Leben führten (führen mussten), dass man sich gelegentlich fragt, ob das ihnen auch gut getan hat. In London zu leben ging nicht, da die Haustüre belagert wurde, und sie nur auf die Strasse treten konnten, nachdem die Poilzei ihnen den Weg freigemacht hatte. Sicher, sie hatten auch Privilegien. So rasten sie etwas auf den Bahamas mit kleinen Sportwagen durch die Gegend, ohne von der Polizei behelligt zu werden, "da die gesamte örtliche Polizei im Film mistpielte." (Help! hiess der Film). Doch wer will bloss ein Leben unter Polizeischutz führen?

Es finden sich in diesem Band  200 Fotografien, die die Beatles auf ihren Tourneen und in ihrer Freizeit zeigen. Olivia Harrsion macht uns dabei auch auf oft Übersehenes aufmerksam. "Wie weit wir den Verschluss einer Kamera öffnen, ähnelt unseren ureigenen Entscheidungen, Licht in unser Leben zu lassen. Wir können weder Bilder in der Dunkelheit aufnehmen noch in ihr leben." Damit erinnert sie uns implizit auch an René Magrittes Ceci n'est pas une pipe, womit er unterstrich, dass das Bild einer Pfeife keine Pfeife sei. Anders gesagt: Fotos sind Fotos, sie sind nicht die Wirklichkeit. Und doch scheinen sie genau dies zu tun ....

George Harrison
The Third Eye
Frühe Fotografien
Prestel, München, London, New York 2026

Sunday, 18 October 2026

Einer wie Heusser

Zahlreiche Männer und Frauen, die die sechzig erreicht haben, drängt es offenbar, einen Lebensbericht zu hinterlassen. Wer nicht berühmt ist und einen Verlag sucht, ist gut beraten, einen Text so konventionell wie möglich, also mit Anfang, Mittelteil und Ende, zu verfassen, denn Verlagsleute sind wie alle anderen auch: Sie wollen das Gewohnte. Bruno Winzaps Einer wie Heusser fällt eindeutig in diese Kategorie, wobei mich sein Schreibstil sowohl sachlich als auch eigernartig aus der Zeit gefallen dünkte. Ein seriöser Schreiber, der sich viel Mühe gibt, die Dinge und Ereignisse akkurat wiederzugeben (etwa die Zürcher Jugendunruhen), so wirkt er auf mich, wobei ihm allerdings entgeht, dass er sich immer mal wieder wiederholt bzw. zusammenfasst, was er bereits andernorts ausführlich geschildert hat.

"Über die Jahre hatte sich viel angesammelt. Nun kam es zur Sprache. Das Gespräch bewegte sich hin und her: heitere Anekdoten aus der Zeit an der Universität, traurige Erinnerungen rund um die Drogentoten von Zürich in den Achtzigerjahren, Bedeutsames. Nebensächliches – und dazwischen Momente, die Peter unvermittelt berührten; Bob Marleys Konzert, ein Jahr bevor dieser starb." 

Erfreulicherweise ist dieser Roman weit detallierter und konkreter, als die gerade zitierte Passage, die nichtssagender kaum sein könnte, andererseits jedoch den zeitlichen Hintergrund umreisst, als Peter Wallner, aus einem Bündner Bergdorf stammend, in Basel und in Zürich landet, Tiermedizin studiert, und schlussendlich im Unterland eine eigene Veterinärpaxis eröffnet. Beziehungs- und Familiengeschichten kommen dazu. Auf mich wirkt nicht nur das Geschilderte, sondern auch die Sprache sehr schweizerisch, was meint: Ohne Chichi, rechtschaffen, ernst, solide. Leichtigkeit kommt nicht auf, doch ab und zu scheint Humor durch. Etwa, als er in Catania das  Vier-Stern-Hotel beschreibt, von dem gerade der dritte Stern abfällt.

Keine Frage, Einer wie Heusser ist autobiografisch, zumindest zu grossen Teilen. Nicht eins zu eins, natürlich, doch dass dem Autor sein eigenes Leben Pate zu diesem Roman gestanden hat, ist mehr als offensichtlich. Im Gegensatz zu Menschen, die Literatur studiert haben, und der Auffassung sind, Literatur und Leben in einen Topf zu werfen, sei zu kurz gegriffen (wieso hätten sie sonst so lange studieren sollen?), bin ich der Meinung, wir Menschen kennen nur uns selber, und können nur darüber schreiben, was wir kennen bzw. aus uns heraus will. Alles andere ist prätentiös, Wichtigtuerei.

Unser Leben sei nichts anderes, als die Geschichten, die wir uns selber darüber erzählen, habe ich einmal gelesen. Mit anderen Worten: Autobiografien, wie alle Romane, sind primär Fiktion. Und auch Einer wie Heusser ist natürlich Fiktion, gibt auch gar nichts anderes vor. So gibt es etwa kein Bündner Dorf mit Namen Furlan, wo der Protagonist Peter geboren wurde. Anzunehmen ist jedoch, dass die Schilderungen aus dem Stall so vorgefallen sind, die Beziehungsgeschichten wohl so etwa ähnlich abgelaufen sind, also vom realen Leben informiert sind, was ich schätze.

Der Titel, Einer wie Heusser, geht auf den Tierarzt Heusser in den Bündner Bergen zurück. So einer will Peter Wallner auch werden. Erfreulicherweise wird jedoch nicht einfach das Lob des Tierarztdaseins gesungen (dafür ist der Autor zu reflektiert): ".... dass für diese Tiere öffentliche Gelder flossen, während der Bauer draussen mit dem Traktor über die Felder fuhr und sich niemand um die Tiere kümmerte."

Das für mich Aufschlussreichste an diesem Buch war, dass da einer, so in etwa der selben Generation zugehörig (der Autor ist 1960 geboren und somit sieben Jahre jünger), eine Geschichte aus der Zeit erzählt, in der auch ich gross geworden bin und diese Zeit ganz offensichtlich ganz, ganz anders erlebt hat. Gemeinsamkeiten gibt es natürlich (Rock und Pop), doch vor allem ist mir aufgefallen, was für eine ganz andere Sprache wir sprechen. Als Peter und Charlotte einander fremd werden, beschreibt Bruno Winzap das so: ".... verspürte sie plötzlich, wie zwischen ihr und Peter ein unsichtbarer Vorhang gefallen war, ein Schleier, der Distanz, der Trennung vielleicht (...) Ein sachtes Auseinandertreiben ohne Streit und Ungewitter." Für mich läuft das unter abgehoben, schöngeistig, mir fremd und unzugänglich.

Peter kritzelt auch immer wieder Gedanken in sein Notizbuch. "Wer versteht, der nicht Jurist, die Sprache der Juristen? Welchen Dialekt spricht die Gerechtigkeit?" Zu Frage 1: Na ja, das ist bei jeder sogenannten Fachdisziplin so, von der Medizin zur Linguistik. Zu Frage 2: Eine philosophische  oder doch eher eine nonsense Frage?

Die Verlagswerbung charakterisiert Peter als "Philosophen unter den Tierärzten". Er ist definitiv einer, der sich Fragen stellt, viele Fragen stellt, allerdings meist von sehr allgemeiner Art. Konkret wird es diesbezüglich nur selten. "Es siegt, wer verliert", hatte er bei Marc Aurel gelesen. "Ein schwieriger Gedanke, gestand er sich ein, militärisch kaum nachzuvollziehen und zwischenmenschlich wohl nur im verklärenden Rückblick zu verstehen." Man könnte Marc Aurel allerdings auch ganz anders interpretieren: Wer siegt, wird in seinem Denken bestätigt und sich nicht ändern, er bleibt stehen; wer verliert, ist hingegen gezwungen, sein Denken auszuweiten, was klar ein Gewinn ist.

Nichtsdestotrotz, dieser Entwicklungsroman bringt einen das damalige Landleben wie auch den Alltag eines Tierarztes ("Tierarzt sein heisst Jazzer sein.") näher, eine Welt, die wohl von vielen nie so richtig wahrgenommen wurde. In diesem Sinne ist Einer wie Heusser auch eine willkommene Horizonterweiterung.

Zu den für mich stärksten Szenen  gehört die Schilderung des Sterbens von Peters Onkel Cornelius, einem Bankdirektor, in Basel. "'Was bleibt, ist Erinnerung. Der Rest ist Entsorgung', hatte er gesagt. Und hinzugefügt: 'Für immer.' Im Testament stand jedoch alles anders. Wie Cornelius fühlte, nicht wie er sprach." Schön, und überzeugend, wie Autor Bruno Winzap hier des Menschen Widersprüchlichkeiten zum Ausdruck bringt.

Bruno Winzap
Einer wie Heusser
Edition Bücherlese, Luzern 2026

Wednesday, 14 October 2026

Hermann Hesse oder der Aufbruch ins Leben

Der Titel, Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben, ist genial, denn dieser Aufbruch ins Leben, ist genau das, was Hermann Hesse dem jungen Hilmar Klute ermöglichte. Der früheste Türöffner war Hesses Bibliothek der Weltliteratur, mit deren Lektüre ich ähnliche Gefühle verbinde wie Autor Klute. "Er will uns die Welt nicht erklären, er will uns die Welt zeigen am eigenen Beispiel,"

Wenn Hilmar Klute, Jahrgang 1967, heutzutage in alten Hesse-Ausgaben liest, fühlt er manches von dem, was ihn als jungen Leser ergriffen hat. Das liegt einerseits an "der Empathie und dem Lebensernst", die Hesses Haltung und seine Bücher ausmachen, dann aber auch am Eigensinn, den er so eindrücklich pries. "Der Mensch, der einmal den Mut zu sich selber gefühlt und die Stimme seines eigenen Schicksals gehört hat, dem ist an Politik nicht das mindeste mehr gelegen, sie sei nun monarchisch oder demokratisch, revolutionär oder konservativ!  Ihn kümmert anderes!" Besser geht schlicht nicht!

Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben ist keine der üblichen Hesse-Biografien (unter der zitierten Literatur figuriert Hesses Werk prominent, die Sekundärliteratur nur spärlich), sondern ein erfeulich persönliches Buch über Hilmar Klutes Hesse. Über Peter Camenzind notiert er unter anderem. "Und dann geht der Kampf los; die grossen Mühen, nicht stehen zu bleiben, nicht im Gegebenen zu verharren, treiben den Roman voran." Aufbruch also, jedoch kein Vorwärtsstürmen. "Aufbruch ist bei Hermann Hesse auch immer wieder Rückzug und Abkehr von der Welt."

So recht eigentlich macht Hilmar Kulte in diesem Werk genau das, was auch Hesse gemacht hat. Er führt uns ein in seine Hesse-Welt, am eigenen Beispiel. Wir erfahren also, was die Hesse-Lektüre bei ihm auslöst. Und da er in einem sogenannt bildungsfernen Haushalt grossgeworden ist, ist auch seine Prägung ein andere als die des mit Büchern aufgewachsenen Hesse. "Das arme, herbe Leben mag er selbst auch ein bisschen erfahren haben, aber es war mehr oder weniger frei gewählt und hatte den Beiklang von Folklore. Seine Askese war nicht dem Mangel geschuldet, sondern dem Überdruss...".

Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben ist auch eine Einführung in Hesses Werk, wobei sich Hilmar Klute auch mit der Kritik an Hesse auseinandersetzt, dem etwa vorgeworfen wurde, er sei kitschig. Er vermutet, "dass diejenigen, die bei Hesse Kitsch vermuten, eine gewisse Scheu vor dem Wagemut dieses Schriftstellers haben. Denn es gehört eine grosse Portion Kühnheit dazu, Gefühle und Begierden, Depressionen und Zweifel dergestalt in Worte zu fassen, dass diese Worte zu Instrumenten der Ertüchtigung werden." Oder aber einen ausgeprägten Sendungsdrang.

Auch die Germanistik hat offenbar Mühe mit Hesse. "Ein Schriftsteller, dessen Romane, Gedichte und Essays nicht nur die Geheimnisse der Kunst in unablässigen Reflexionen spiegeln, sondern den Lesern zurufen, aus ihrem Lesen, ihrer Liebe zu Wörtern und Gedanken auch einen Nutzen für ihr eigenes Leben zu ziehen, womöglich Trost und Aufmunterung zu gewinnen – so einer muss den konventionellen Interpreten verdächtig bleiben." Genau das ist es auch, was Hesse meines Erachtens vor allem bei jugendlichen Sinnsuchern so prominent macht, da es hier nicht um die abgehobene, alltagsferne Literatur geht, die allzu oft um sich selbst kreist, sondern um Orientierungshilfe in einer rätselhaften Welt..

Thomas Carlyle wird der Satz zugeschrieben: The best effect of any book is that it excites the reader to self activity. Ein Satz, der für mich auch auf Hesses Bücher zutrifft. Auch damit, so stelle ich mir vor, wird die Germanistik wohl wenig anfangen können. Und ich nicht mit der Germanistik, und generell mit all den Analysen, Betrachtungen und Interpretationen, die für das reale Leben meist folgenlos bleiben, auch wenn nicht wenige (zu meinem nicht gelinden Erstaunen) damit ihr Leben zu bestreiten vermögen.

In Hilmar Klutes Jugendzimmer hing eine Foto von Hermann Hesse an der Tapete. "Ich wollte den Schriftsteller, der mich zum Lesen und zum Nachdenken über mich und die Welt gebracht hatte, jeden Tag vor mir haben." Auch seine Stimmer wollte er hören, besorgte sich eine Schallplatte, auf der man zwei Texte zu hören bekam. Der junge Hilmar war enttäuscht, die Stimme schien ihm "so greisenhaft und so getragen", und er fragte sich, "ob Hesse auch im Gespräch mit Freunden in derart pastoralem Ton geredet hat." Das Pastorale, so scheint mir, ist Hesse schon auch eigen. Und irritiert mich auch immer mal wieder.

Neben Eugène Ionesco ist Hermann Hesse so ziemlich der Einzige, dessen Einsichten für mich seit meiner Jugend Gültigkeit haben. "Meine Freunde und Feinde wissen und tadeln es längst: Ich habe an vielen Dingen keine Freude und glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube nicht an die Idee des Fortschritts, ja nicht einmal an die Demokratie, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten 'Führer', während ich vor dem, was man so 'Natur' nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe."

Zu den wohl besten Gründen, heute zu Hesse zu greifen, gehört Hilmar Klutes kluge Einschätzung: "Ich lese Hesses Texte heute mehr denn je als Gegengift auch zu den Aufregungen unserer Zeit. Sie sind Appelle an die Vernunft, Einladungen, der Besonnenheit den Vorzug vor der Hysterie zu geben.." Nichts, was uns Heutigen notwendiger wäre.

Fazit: Ein Juwel, ungemein einsichtsvoll, überaus hilfreich, von praktischer Relevanz.

PS: Die Aussage, es gebe Fotos von Hesse beim "Nacktklettern am Walensee bei St. Gallen", gehört dahingehend korrigiert, dass der Walensee keineswegs bei St. Gallen, sondern im Kanton St. Gallen liegt. Leute wie ich, die in der Nähe wohnen, wissen das.

Hilmar Klute
Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben
C.H. Beck, München 2026

Sunday, 11 October 2026

Die Fotografin Eva Kemlein

Die Erinnerungen an das "Familienmitglied" Eva Kemlein von Jenny Erpenbeck, die diesen Band einleiten, sind ungemein sympathisch, auch natürlich, da Eva Kemleins Einsichten Jenny Erpenbecks Leben mitgeprägt haben. Im Gegensatz dazu stehen die üblichen  "Bedeutungszuschreibungen", die Bücher über Fotografie prägen. So glauben die Autorinnen selbst im Hundenamen Ouzo ("Alle meine Hunde hatten Schnapsnamen", so die Fotografin) darüber Hinausweisendes zu erkennen: "Der Name erinnert an eine längst vergangene Zeit." Vielleicht doch eher einfach an das griechische Nationalgetränk. Obwohl: Die Autorinnen weisen eingangs auch auf Wesentliches hin. Etwa, dass Eva Kemlein sich nicht als Künstlerin sah ("zu viel Technik dazwischen"). Und sie heben ihre Haltung hervor: "So wie's ist, bleibt's nicht. Und das ist das Interessante!" Es gehört zum Wesen der Fotografie, dass das, was sie zeigt, so nicht mehr existiert.

Der Fotografie, und nicht etwa dem fotografischen Handwerk, eignet etwas Magisches. So gelingt es ihr auch immer wieder, unseren Sehnsüchten Ausdruck zu verleihen. Und so verstehe ich auch den Titel "Sie verlieh dem Augenblick Dauer", denn so recht eigentlich sind ja auch Fotografinnen der Natur unterworfen und haben so ziemlich gar keinen Einfluss auf die Zeit und deren Ablauf.

Wie jede Biografie, so ist auch Sie verlieh dem Augenblick Dauer wesentlich Fiktion, schliesslich ist schon das, was wir erinnern, eine recht willkürliche Auswahl dessen, was vorgefallen ist. Erinnert sei auch an das russische Sprichwort: Er lügt wie ein Augenzeuge. Die Autorinnen tragen dem durchaus Rechnung, deklarieren als Vermutungen, was sie als solche wahrnehmen.

Mit ihrem Mann, Herbert Kemlein, wandert Eva, geborene Graupe, 1933 nach Griechenland aus, wo er als Journalist Reiseberichte verfasste, die sie nach und nach auch bebilderte. Auf Betreiben von Herberts Mutter (die NSDAP hatte von dieser Mischehe erfahren), lassen sich die beiden scheiden, wollten aber vorerst weiter zusammenleben. Das ist alles ansprechend und nachvollziehbar geschrieben, doch will ich hier nicht das Leben von Eva Kemlein nacherzählen. Vielmehr interessieren mich Ihre Tätigkiet als Fotografin sowie ihre Fotografien, von denen sich allerdings nur wenige und im Kleinstformat abgebildet finden.

Anfang des 19ten Jahrhunderts spielte besonders die Porträtfotografie eine Rolle. Vor allem in Wien, aber auch in Berlin hatten sich zahlreiche jüdische Frauen einen Namen gemacht. "Im Juni 1942 musste Eva Kemlein ihre fotografische Ateliereinrichtung abgeben: eine Reisekamera, ein Holzstativ. Leuchten, mehrere Dunkelkammerlampen und diverses fotografisches Zubehör. Die kleine Leica, die ihr der Vater 1930 geschenkt hatte, behielt sie jedoch."

Sie wird zur Zwangsarbeit aufgeboten, taucht später, zusammen mit Werner Stein, unter. Ihre Mutter wird verschleppt; viele, denen die Deportation drohte, brachten sich um; und auch vor Juden mussten sich die Juden, drohender Denunziationen wegen, in Acht nehmen. Erica Fischer und Simone Ludwig-Winters informieren eingehend und aufklärend über die damalige Zeit. Allerdings bin ich, als gleichsam ahistorisch angelegter Mann (für mich ist Geschichte weitestgehend Fiktion) gänzlich ungeeignet, ein Werk, in dem vor allem die Geschichte im Vordergrund steht, zu würdigen.

Da es für mein Dafürhalten nichts Blöderes gibt, als ein Rezensent, der den Autorinnen vorwirft, nicht das Buch geschrieben zu haben, das er sich erwartete (die Fotografie, obwohl der Buchtitel etwas anderes suggeriert, kommt in diesem Buch nur am Rande vor), werde ich das selbstverständlich unterlassen.

Nach dem Krieg "entstanden Tausende Fotos von unnachahmlicher Eindringlichkeit, die illustrieren, wie die Überlebenden und Davongekommenen ihr Leben bewältigten und so etwas wie Hoffnung aufkeimte: Ein Mann und eine Frau beim Einsammeln von Stahlhelmen, die auf einem grossen Haufen im Hinterhof eines Hauses lagern und aus denen findige Berliner Kochgeschirr herstellten. Frauen und Männer in Gummistiefeln trocknen die Tümpel und Kanäle im Berliner Tiergarten aus, um Epidemien vorzubeugen. Zwei Jugendliche, ganz amerikanisch mit Brillantine im Haar gestylt, am Schwarzmarkt an der Friedrichstrasse, einer bietet dem anderen, der scheu in die Kamera lächelt, eine Lucky Strike an (S. 133) ... und und und ...". So verdienstvoll es ist, diese Aufnahmen detailliert zu beschreiben, dass kaum eine davon gezeigt wird, ist mir unverständlich. Habe ich da was überlesen?

"Ihre Herangehensweise an die Menschen, die sie fotografierte, war stets von Respekt getragen, man sieht es ihren Fotos an: 'Wenn die Menschen spürten, dass keine Schaulust dahintersteckte, wenn sie das Engagement bemerkten, dass eine Art Hilfe über das Foto angeboten wurde, waren sie immer bereit, sich fotografieren zu lassen.'" Ich kann das zwar gut nachvollziehen, doch dass man Fotos ansehen kann, dass sie von Respekt getragen seien, ist Unsinn. Fotos, diese zweidimensionalen Verkürzungen einer dreidimensionalen Realität, die weder klingen noch riechen, können das schlicht nicht. 

Und noch dies: Dass eine Auseinandersetzung mit Eva Kemleins Fotografien nicht stattfindet, ist schon fast typisch, denn die meisten Fotobücher bzw. Biografien von Fotografierenden erzählen Geschichten ums Bild herum oder interpretieren Dargestelltes – und sagen so recht eigentlich vor allem etwas über die Interpretierenden selber aus, und nicht darüber, was die Bilder zeigen.

Erica Fischer
Simone Ludwig-Winters
Sie verlieh dem Augenblick Dauer
Die Fotografin Eva Kemlein
Berlin Verlag, München 2026

Wednesday, 7 October 2026

Die Welt aus der Kinderperspektive

Die Erzählerin dieser Geschichte, Joséphine ("Es heisst, ich würde die Dinge zu schnell verstehen. Ich sehe nicht, wo das Problem liegt, aber anscheinend ist es eins.") besucht zusammen mit fünf Klassenkameraden eine Förderschule ("Eine Förderschule ist eine Schule, wo die Kinder hingehen, die nicht auf die anderen Schulen gehen."), als an einem nicht ganz normalen Montag Feuerwehrautos vor der Schule stehen. Es habe eine Überschwemmung gegeben, wird den Schülern mitgeteilt. Ihre Lehrerin, die bezaubernde Mademoiselle Jennings, ist untröstlich. Der Direktor versucht, sie auf andere Gedanken zu bringen. "Statt sie auf andere Gedanken zu bringen, hätte er lieber mal die Leitung in Ordnung bringen sollen, die unsere geliebte Schule unter Wasser gesetzt hatte."

Es ist die Sprache, der Rhythmus, der Ton (ces't le ton qui fait la musique), die mir dieses Werk sympathisch machen. Das ist bemerkenswert, handelt es sich doch um eine Übertragung aus dem Französischen. Dafür verantwortlich zeichnet Isabelle Toppe.

Da die Ausführungen des Feuerwehrchefs, jemand hätte vergessen, die Wasserhähne zuzudrehen, die Kinder nicht überzeugen, beschliessen sie, selber herauszufinden, wer die Schule unter Wasser gesetzt hat. Und sie finden es auch tatsächlich heraus, mit Hilfe einer Krimiaffinen Grossmutter und eines aus dem Krankenhaus entflohenen Polizisten

Kindermund hat Gold im Mund, heisst es bekanntlich. Und Joël Dicker führt dies an zahlreichen Beispielen vor, witzig und clever. Ob man im Auto Schimpfwörter sagen dürfe? Nein, belehrt der Polizist die Kinder. "Wir haben gezittert, weil all unsere Eltern im Auto Schimpfwörter sagen. Und Thomas hat erzählt: 'Mein Vater sagt eine Menge Schimpfwörter, wenn er fährt. Maman meint, dass er wahnsinnig wird, sobald er das Lenkrad anfasst.'"

Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo ist eine überaus amüsante Geschichte über die Erwachsenenwelt aus der Kinderperspektive, die unter anderem auf die eigenartige Verkehrsregel aufmerksam macht, dergemäss die Fussgänger angehalten sind, sich vor dem Überqueren der Strasse zu vergewissern, ob die Bahn frei sei. Und nicht etwas die Autofahrer.

"Dürfen Blinde eine Fahrbahn überqueren?", habe ich den Fahrer gefragt.

"Äh, ja ..."
"Und dürfen Blinde Auto fahren?"
"Nein."
"Na bitte! Um die Strasse zu überqueren, muss man nicht sehen können, aber beim Fahren muss man sehr wohl schauen."

Die Schilderung der Welt aus Kindersicht zeigt, dass Erwachsene auf Kinderfragen selten überzeugende Antworten haben. Auch wird anschaulich vorgeführt, wie Hypothesen der Vorstellungswelt der Erwachsenen entspringen, und kaum einmal mit der Faktenlage übereinstimmen.

Fazit: Unterhaltsam und lehrreich.

Joël Dicker
Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo
Piper, München 2026

Sunday, 4 October 2026

Bellegarde sur Valserine & Valence

 Von Annemasse kommend ist mein erster Stopp Bellegarde-sur-Valserine, das an der Strecke nach Lyon liegt, ich bislang nur aus dem Zugfenster kenne und noch nie attraktiv gefunden habe. Warum ich hier einen Zwischenstopp mache, ist mir selber nicht so klar, doch hatte ich keine Lust einen ganzen Tag im Zug zu verbringen, und in etwa so lange dauert die Fahrt von Sargans nach Valence. Die Stadt enpuppt sich dann als weit grösser als ich gedacht hatte. Und auch ansprechender, als ich mir vorgestellt hatte.

Das Hotel liege etwas zweieinhalb Kilometer vom Bahnhof, also rund 30 Minuten Fussmarsch. Die Leute, die ich unterwegs nach dem Hotel frage, schütteln alle den Kopf: Viel zu weit. Doch ich habe Zeit und nichts anderes zu tun, und so laufe ich. Und verlaufe mich. Schlussendlich brauche ich eine gute Stunde, um hinzukommen, den letzten Abschnitt im Auto. Und das kam so: Ein junges Paar arabisches Herkunft (sie sass am Steuer und entschied, er sass neben ihr und führte ihre Anweisungen aus), das ich um Auskunft gefragt hatte, als es gerade von einem Parkplatz wegfahren wollte, sagte, ich solle einsteigen, sie würden mich hinbringen.

Er sei aus Algerien, sagte der Hotelangestellte (er war so um die dreissig), habe sich aber mit seiner Frau in Frankreich niedergelassen. Er habe immer sehr gemischte Gefühle, wenn er seine Verwandten in Algerien besuche. Er sei dann der mit den Euros. Überhaupt die heutige Welt. Derart materialistisch, dass wohl kaum ein Zurück möglich sei. auch gebe es bald keine Mittelklasse mehr, nur noch Reiche und Arme, nichts dazwischen. Als ich anmerke: Dass mit KI das Denken abgestellt wird, treibt die Dummheit noch weiter voran, nicht er nur.

Als ich mich am nächsten Tag wiederum zu Fuss zum Bahnhof aufmache und im ersten Abschnitt (den ich nicht in Erinnerung hatte, denn da war ich hinten im Auto gesessen) nach dem Weg fragte, erhielt ich so komplizierte Anweisungen, dass ich mich wiedereinmal fragte, was wohl in den Köpfen der Leute vor sich ging. Wer sich nicht klar ausdrücken kann, hat nicht klar gedacht, habe ich den Spezialisten für Haftpflichtrecht, Professor Karl Oftinger, im Kopf. Und genau so ist es auch. Schliesslich frage ich einen Mann, der sich als Maurer entpuppt, und in dieselbe Richtung geht. Sein Vater sei schon Maurer gewesen, Arbeit habe er immer genug, er arbeite selbstständig, sich unterzuordnen sei nicht so sein Ding. Es ist eine wahre Freude, in seiner Begleitung Richtung Stadtzentrum auszuschreiten und uns einfachen praktischen Fragen zu widmen.

Ich brauchte diesmal eine gute halbe Stunde bis zum Bahnhof, der Zug stand schon bereit. In Greg Iles, La Femme au portrait, las ich: "Stop! dit une voix dans ma tête. Celle de mon père. Oublie les questions! Qu'est-ce que tu devrais faire, maintenant?" In Chambéry erhielt ich Gesellschaft von zwei jungen Frauen aus Paraguay, die sich im Flieger kennengelernt hatten (die eine im Sekretariat einer Uni tätig, die andere im eigenen Geschäft) und jetzt zusammen reisten. Nach Avignon der Geschichte und Kultur wegen (die Päpste), dann nach Barcelona, Madrid, Brasilien und wieder nach Hause. Wohin in Brasilien? Guarulhos (so heisst der der grösste Flughafen von São Paulo).

Sie sprechen kein Französisch, wissen sich jedoch bestens zu orientieren. Was ich studiert habe? will die Geschäftsfrau wissen. Zuerst Jura, sage ich, als sie mich unterbricht. Das habe sie sich gedacht, lacht sie, mein ganzer Habitus, wie ich argumentiere ... Und ich staune wieder einmal, wie ich wahrgenommen werden kann ...

Wie viele Sprachen ich spreche? Sprechen sei übertrieben, verstehen treffe es besser, erwidere ich, da sich nicht wenige der Sprachen, die ich einst gelernt hatte, verselbstständigt hätten und sich in meinem Kopf zu etwas vermischten, das wohl eine Mischung aus Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch sei. Mein Spanisch habe einen italienischen Einschlag, sagt jetzt die Geschäftsfrau, was mich an Brasilien erinnert, wo nicht wenige mir einen spanischen Einschlag attestieren, wenn ich Portugiesisch zu sprechen vermeine.

Valence, am Morgen des  31. Juli 2026

Ich spaziere durch die Stadt, der Rhone entlang zum Hafen, sitze in Parks und Cafés, fotografiere, lese - das Übliche, und doch immer wieder anders. Es fühlt sich an wie Frankreich sich eben anfühlt. Leicht und schön. Wobei ich nicht die allüberall zur Schau gestellte Grandeur de la France meine, die ganz offensichtlich Respekt fordert.

In diesen Tagen ist es aussergewöhnlich heiss, bis 38 Grad, der Wind ist angenehm. Einmal landete ich in einer Vorortgegend, durch die ein Bach floss, dessen baumbestandenes Ufer sehr idyllisch wirkte. Momente emotionaler Trunkenheit, enorm berührend.

Abseits vom Zentrum, in den Seitenstrassen, wo alles gewöhnlich und deswegen speziell für mich ist, fühle ich mich präsent. Und erinnere mich an meine langen, meditativen Spaziergänge in japanischen und südkoreanischen Städten. Insbesondere Kyoto und Seoul gehen mir gerade durch den Kopf.

In einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu sein, bedeutet nicht, dass man auch geistig ist, wo man physisch ist. Woher die verschiedenen Filme herkommen, die in meinem Kopf ablaufen, als ich durch die Strassen von Valence spaziere, ist mir unerfindlich. Heute prominent war der Gedanke, dass mein Leben so recht eigentlich gekennzeichnet war von: Ich will nicht. Viele meiner beruflichen Tätigkeiten übte ich gerne aus, gab sie dann aber doch auf. Irgendetwas schien zu fehlen, lehnte sich auf. I´d rather not. Warum ist keine Frage, die mich heutzutage noch gross umtreibt.

Eine Fernsehdokumentation über Solschenizyn, dessen Archipel Gulag André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy bewog, sich vom Sozialismus/Kommunismus, mit dem sie (und viele andere sogenannt Fortschrittliche) bis dahin geflirtet hatten, radikal loszusagen.

Ich überquere einen Fussgängerstreifen, als mir ein Autofahrer etwas zuruft. Ich beachte ihn nicht. Kurz darauf, beim Überqueren eines anderen Fussgängerstreifens, ruft mir eine Automobilistin durch das offene Fenster etwas zu, von dem ich automatisch annehme, sie wolle sich orientieren. und so verwerfe ich die Hände, damit andeutend, ich wisse es nicht, würde mich nicht auskennen..Erst dann sinkt in mein Hirn ein, was sie gesagt hat: Votre sac à dos est ouvert. Und genau so war es. Schon verblüffend, wie unser Leben durch (oft falsche) Annahmen gesteuert wird.

Ein Satz von Charles Bukowski geht mir durch den Kopf: Die Leute würden sich übertrieben wichtig nehmen. Alle. Und für mich gedacht: Die Bedeutung, die wir allem und jedem verleihen, ist bodenlos dumm. Darin bestätigt fühle ich mich, als ich mir am Abend eine Fernsehsendung mit drei Intellektuellen anschaue, die sich zum Klima äussern, worüber alle drei Bücher verfasst haben. Der Mensch wisse zwar um die Gefahren, tue aber nichts, um sich davor zu schützen. Es gelte, ihn intelligent zu motivieren. Sie argumentierten eloquent, deckten damit allerdings mehr zu als dass sie erhellten. Das Argumentieren wichtig zu nehmen, bedeutet, sich vom Handeln abzuhalten. Wir wissen in der Regel, was wir wissen müssen, um anständig durchs Leben zu gehen (und so recht eigentlich ist alles andere unwichtig). Argumentieren, debattieren und diskutieren ist meistens nur eitel: Schau mal, was ich alles weiss. Ich weiss mehr als du. Und vor allem: Ich habe recht. Ganz so, als ob dies das Universum kümmern würde.

To act your way into a new way of thinking ist bei weitem die beste praktische Philosophie, die ich kenne.

Wednesday, 30 September 2026

In Pirenópolis

Pirenópolis, Brasilien, 5 März 2026

 Der erste Eindruck: Ein schmuckes Städtchen, das man in ein, zwei Stunden gesehen zu haben vermeint. Kopfsteinpflaster, einige sehr teure Pousadas, sagt die Besitzerin von „meiner“, der Supermarkt gehört zu den saubersten, die ich in Brasilien gesehen habe. Pirenópolis sei vor allem bei Brasilianern populär, besonders am Wochenende. Da habe ich es gut getroffen, denkt es so in mir, bis dann bin ich wieder weg.

Ob Frühstück um 8 okay sei? Als ich zustimme, schlägt sie vor, in einer anderen ihrer Pousadas (die Familie besitzt drei) zu frühstücken. Ich bin dabei. Als ich am folgenden Morgen um 8 auftauche, hat die Hausangestellte bereits alles fürs Frühstück hergerichtet und antwortet auf meine Fragen mit: Mir hat man nichts gesagt. Ela não me avisou (sie hat mich nicht informiert) gehört zu den brasilianischen Sätzen, die man täglich hören kann. Als die dona de casa später auftaucht, verliert sie kein Wort darüber.

Der Haupteingang sei unverschlossen, sagt die dona de casa. Ungewöhnlich in Brasilien, merke ich an, worauf sie meint, in Pirenópolis kenne man sich und bis jetzt sei noch nie etwas passiert. Einigermassen sprachlos ob dieser Logik, enthalte ich mich einer Antwort. Als die Hausangestellte mich nachmittags um drei fragt, ob ich nochmals ausgehe, sie fahre jetzt nach Hause, erfahre ich auch, dass die dona de casa gar keine sei und auch gar nicht hier wohne, es aber einen dono de casa gebe, der allerdings gerade in einer anderen Stadt ein Haus anstreiche. Als sie mich dann fragt, ob es okay für mich sei, alleine im Haus zu sein, muss ich das erst einmal verdauen. Zugegeben, leicht mulmig war mir schon, doch wenn ich es recht bedachte, war das letzte Nacht ja auch so, nur wusste ich es nicht. Ich nicke also etwas lahm, als sie lächelnd hinzufügt, die Brasilianer seien schon etwas doido.

Ab drei Uhr nachmittags habe ich dann die ganze Pousada für mich. Ich lege mich an den Pool, lese etwas in Dostojewskis Jogador, doch in der Hauptsache liege ich einfach da, schaue rum, bin erstaunt ob der Stille, die was Ewiges hat, und wundere mich über einen Vogel, der sich auf einem Draht niedergelassen hat und bestimmt zwanzig Minuten dort verweilt. Gegen fünf beginnt dann ein Vogelkonzert, das sich gewaschen hat. Erstaunlich, was die für einen Lärm machen, die scheinen sich ganz viel zu erzählen zu haben.

Um sieben höre ich dann lautes Geschnatter vor meinem Zimmer. Sieht ganz so aus, als ob doch noch Gäste gekommen sind … allein hier zu sein, war schon spezieller …. und definitiv ruhiger …

Während des Frühstücks am folgenden Tag plaudere ich mit der Hausangestellten, die einmal im Leben nach Frankreich will. Was sie damit verbinde? O frio, antwortet sie. Zweiundvierzig sei sie, wohne zwölf Kilometer entfernt, mit dem Motorrad seien das um die zwanzig Minuten. Zwei Söhne, 9 und 17, der ältere mache ihr Sorgen. Er lebe mit einer 32Jährigen zusammen, die schwanger sei, aber nicht von ihm. Wieder einmal bin ich verblüfft, wie offenherzig die Brasilianer sind.

Beim Spazieren fallen mir die vielen umher streunenden Hund auf. Geimpft sind die bestimmt nicht. Und dann in einer Seitenstrasse, ein Pferd, das da weidet. Eine Leine hängt ihm vom Hals, vielleicht ist es ausgerissen.

An diesem Tag lande ich in einem Stadtteil, den ich bisher nicht kannte, und in der recht viel Betrieb herrscht. Die Atmosphäre sagt mir nicht zu, warum wüsste ich nicht zu sagen. Mir reicht, wie ich mich an diesem Morgen fühle und mache mich von dannen …

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Meine Gewohnheit, den Schweizer Winter in Brasilien zu verbringen, wird übrigens geteilt, wie ich in Pirenópolis erfuhr. Allerdings in umgekehrter Richtung: Ein Brasilianer aus Pirenópolis begibt sich für den Winter jeweils in die Schweiz – zum Schneeräumen.