Wednesday, 21 July 2021

Planetar denken

Der erste Eindruck. Ein clever gestalteter Umschlag, höchst ansprechende und gut platzierte Illustrationen.
"Kann es sein, dass wir immer  noch nicht weit genug denken?", lese ich im Vorwort – und bin gespannt, denn dass man Probleme nicht mir der Art Denken lösen kann, die diese Probleme hervorgebracht haben, wie Einstein bekanntlich meinte, liegt meines Erachtens auf der Hand. Nur eben: Sich vorzustellen, dass mit Planetar denken eine neue oder andere Art zu denken gemeint sein könnte, erweist sich bereits auf den ersten Seiten als Wunschdenken, denn da werden wie gewohnt haufenweise Akademiker zitiert, die zwar Bedenkenswertes und Nützliches geschrieben haben, doch die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden und wir Menschen nicht das Zentrum des Universums sind, das wusste ich bereits. Doch das Buch lohnt sich, sehr sogar. Weil es gut geschrieben ist. Und weil man gar nicht oft genug auf die darin formulierten Perspektiven aufmerksam machen kann.

Hier zwei Beispiele. Das erste vom Astronauten Edgar Mitchell, der den Blick aus einem Raumschiff schildert: "Man entwickelt hier oben spontan ein globales Bewusstsein, eine Zuwendung zu den Menschen, eine starke Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und den Drang, etwas dagegen zu unternehmen. Von da draussen auf dem Mond sieht die internationale Politik so kleinlich aus. Du willst einen Politiker beim  Genick packen, ihn eine Viertelmillion Meilen hinaufziehen und ihm sagen: 'Schau dir das an, du Hurensohn.'"

 Das zweite Beispiel stammt von Suzanne Simard, einer kanadischen Forstwissenschaftlerin. "Kohlenstoff, Wasser, Nährstoffe, Alarmsignale und Hormone können durch diese  unterirdischen Kreisläufe von Baum zu Baum gelangen. Ressourcen fliessen in der Regel von den ältesten und grössten Bäumen zu den jüngsten und kleinsten. Von einem Baum erzeugte Alarmsignale bereiten Bäume in der Nähe auf Gefahren vor. Sämlinge, die von den unterirdischen Lebensadern des Baumes abgetrennt wurden, sterben viel häufiger als ihre vernetzten Gegenstücke. Und wenn ein Baum am Rande des Todes steht, hinterlässt er seinen Nachbarn manchmal einen erheblichen Teil seines Kohlenstoffs."

Der Planet Erde lässt sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten: von oben, von unten, als Teil des Universums. Überdies stand er nicht für ein und alle Mal fest, sondern veränderte sich im Laufe der Zeit. Insbesondere Abb. 18 zeigt schön, wie die Erde immer mal wieder eine andere geworden ist und auch künftig wieder eine andere werden wird. "Der Planet Erde ist kein solider Block, der sich menschenfreundlich entwickeln lässt, er bleibt Teil einer komplexen, fluiden und riskanten Biosphäre."

Was muss der Mensch auch zum Mond und Mars und sonst wohin fliegen? Gescheiter wäre doch, er würde dieses Geld zur Minderung der Ungerechtigkeiten auf der Erde einsetzen. Wer hat das nicht schon gehört und gedacht? Dabei wird jedoch vergessen, dass wir den 'Pale Blue Dot', der den Raumfahrern ihr Blick auf die Erde beschert hat, nicht nur nicht hätten sehen, sondern auch kein visuelles Bewusstsein von unserem Dasein im Universum hätten haben können. Und dass dieses Not tut, gehört zu den eindrücklichen Lektionen, die Planetar denken bereit hält.

Dass alles mit allem verbunden ist, bedeutet auch vielfältige Wechselwirkungen. So stellen die Autoren unter anderem fest: "Fast zwei Drittel menschlicher Erkrankungen werden durch Tiere übertragen, unter anderem Pest, Tuberkulose, Schweinegrippe, Tollwut, Milzbrand (Anthrax), Borreliose, Aviäre Influenza ('Vogelgrippe'), Taeniose (Bandwurm-Befall) u.v.a., darunter auch Ebola und HIV."

Planetar denken bedeutet, das grosse Ganze zu sehen und entsprechend zu handeln. Was das im Detail heisst, führt dieses Buch an zahlreichen, aus ganz unterschiedlichen Wissensgebieten stammenden Beispielen aus. Das geht von Cornelia Funke (die festgestellt hat, "dass es in indigenen Märchen vor der Christianisierung ein ganz selbstverständliches Verhältnis zu Tieren und Pflanzen gibt, wo man mit ihnen redet und sie göttliche Qualitäten haben. Nach der Christianisierung sind das plötzlich nur noch dumme Geschöpfe, der Mensch ist masslos überlegen.") zu der visuellen Dokumentation von Umweltschäden durch Sebastião Salgado und andere.

Fazit: Vielfältig anregend, grundsätzlich und relevant.

Frederic Hanusch, Claus Leggewie, Erik Meyer
Planetar denken
Ein Einstieg 
Transcript Verlag, Bielefeld 2021

Wednesday, 14 July 2021

Das Elend der Medien

Das Positive zuerst: Die beiden Autoren schreiben gut, anschaulich und nachvollziehbar. Mein Problem liegt bei Aussagen wie "Es steht das Vertrauen in die politische Weisheit der 'Vielen' auf dem Spiel." (Michael Meyen), die so tut, als ob es Demokratie, die eine echte Herrschaft des Volkes wäre, irgendwo geben würde ("the best democracy money can buy" hat Greg Palast einmal die amerikanische Variante genannt) und bei der typisch journalistischen Personalisierung von Allem und Jedem: "In dieser Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier ..." (Alexis Mirbach). In meiner Welt gibt es niemanden, der sich um die Meinungen von Politikern scheren, geschweige denn sie zitieren würde. Mit anderen Worten: Die sogenannten Gefährder der sogenannten Demokratie sind das Resultat "der politischen Weisheit der Vielen" oder, weniger prosaisch, der Mehrheit der bei Wahlen Stimmenden (so ist jedenfalls zu vermuten). 

Das Elend der Medien lehnt sich an Bourdieus La misère du monde an, das, kurz zusammen gefasst, propagierte: "weg von Konflikten, flüchtigen Berichten und Dramen, hin zum Alltag." So sehr mir das zusagt, in einer Gesellschaft, die auf dem Sich-Verkaufen, also der Prostitution, aufbaut, scheint mir das weitgehend illusorisch. Trotzdem: Dieses Buch gehört zu den spannendsten Medienbüchern, die ich kenne.

Die Autoren haben ganz unterschiedliche Medienleute befragt und das Buch in Themenblöcke gegliedert. Was der öffentliche Rundfunk braucht, um seinen Auftrag zu erfüllen; Die Regionalpresse, mit DDR-Erfahrung von Innen gesehen; Sieben Stimmen vom Rand des journalistischen Feldes; Vom Kampf um Definitionsmacht; Linker Aktivismus von Kreuzberg bis Kurdistan; Medienkritik von unten; Corona-Gespräche in München und Oberbayern; Vier Stimmen aus dem Osten, dreissig Jahre danach; Am Rande der Wahrheit in Hildburghausen.

Michael Meyen weist in seinem Vorwort unter anderem auf dies hin: "Eine Angst geht um in der Wissenschaft, die sich schwer greifen lässt und einen eigenen Forschungsverbund verdienen würde oder wenigstens ein eigenes Buch." Ob man damit dieser Angst, die sich wesentlich als Selbstzensur äussert, beikommen kann, sei einmal dahingestellt, doch darum geht es in diesem Buch ja nicht. Und Alexis Mirbach erläutert in seinem einführenden Beitrag "Jenseits von Gut und Böse. Warum das Elend der Medien viele Gesichter hat", dass sie Menschen befragt hätten, die mit dem Status Quo unzufrieden sind, denn sie wollten deren Kritik verstehen. "Wir haben mit den Befragten folglich nicht Pro und Contra diskutiert, sondern sie wohlwollend unterstützt." Ein mir sympathischer Ansatz.

Die Interviews geben ein ziemlich umfassendes Bild von den vielen Facetten der Medien. Wer sich derart intensiv und ausführlich mit der Funktionsweise der Medien auseinandersetzt wie die an diesem Buch Beteiligten es tun, geht ziemlich ernüchtert durch die Welt – und das ist gut so. Besonders verdienstvoll finde ich, dass ich selten so deutlich vorgeführt gekriegt habe, dass und wie die Medien als Stützen der herrschenden Ordnung fungieren. Und dass Medienleute nicht anders funktionieren als alle anderen auch. "Menschen, die am Machtpol des Feldes sind  oder nicht sehr weit davon weg, suchen Nachfolger, die so ähnlich ticken wie sie selbst."

Das Elend der Medien ist auch ein (in Massen) grundsätzliches Buch. Auch wenn die Probleme überall ganz ähnlich sind, genüge es nicht, "Menschen zu haben, die sich für 'ihr' Thema engagieren. Diversität braucht eine materielle Basis und dafür möglicherweise ein Mediensystem, das nicht am Gewinn ausgerichtet ist und auch nicht an den eher kurzfristigen Förderungszielen der Politik", so Alexis Mirbach. 'Möglicherweise' gehörte meines Erachtens gestrichen, denn solange die Gewinnorientierung das Leitprinzip ist, kann man sich so recht eigentlich alle Gesellschaftsdebatten sparen. 

"Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sachbezogenheit", antwortet Volker Bräutigam auf die Frage, was für ihn guter Nachrichtenjournalismus sei. Das sind so recht eigentlich Eigenschaften, die überall, also in allen gesellschaftlichen Bereichen, gelten sollten. Dass sie es nicht tun, sagt mehr über unsere Welt aus, als alle gescheiten Analysen zusammen. Was also ist zu tun? Sich um "Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sachbezogenheit" bemühen, in allen Bereichen, auch im Journalismus. Das Elend der Medien leistet dazu einen wertvollen Beitrag.

Fazit: Differenziert und vielfältig; eine bessere und umfassendere Darstellung darüber, wie die modernen Medien funktionieren, kenne ich zur Zeit nicht.

Alexis von Mirbach / Michael Meyen
Das Elend der Medien
Schlechte Nachrichten für den Journalismus
Herbert von Halem Verlag, Köln 2021

Wednesday, 7 July 2021

The Media and Corona

Information is crucial; what is reliable information and what is not is often difficult to say. It has always been that way yet distrust in information providers never seems to have been bigger. So who can we trust, who should we listen to? I'm sorry to say that I do not have an answer but I can tell you what I do and what I don't. And, how I react to what I hear. For now, that is.

I do not listen to politicians, I listen to scientists. The reason is simple: Politicians need to please people, their goal is to win majorities, they're in the game of personal interests. And so they fight their opponents instead of the virus. Needless to say, I do not expect them to change

Scientists are in the business of proven facts and not of wishful thinking, hopes and dreams that got us where we are today. I listen to them because they study, think and analyse before they say something. I suppose, they do not simply rely on their gut feeling

No, I do not believe that science has the answer to the present pandemic. In fact, nobody in the Western World has it. But my trust in medical historians, virologists and epidemiologists far outweighs my faith in self-serving professional approval seekers who behave pretty much like their electorate, spoiled children, that is.

People strive for certainty despite the fact that the only certainty in life is death. Likewise ... For the full op-ed, see here

Wednesday, 30 June 2021

Arctic Heroes

Photographer Ragnar Axelsson (*1958) hails from Island and has been documenting the Arctic (people, animals, landscapes) for more than forty years. The black and white photographs in this book were taken between 1986 and 2020 in Greenland; they give testimony to the extraordinary relationship between sledge dogs and hunters.

“Time and again, I visited small villages all over Greenland to collect stories of dogs and hunters. Sometimes I’d be lucky to get one story, other times none at all. I can safely say that it was just as difficult to squeeze stories out of these hunters as it was to photograph them out on the freezing cold of the sea ice.” People in cold climates are indeed given less to chatting than folks in warmer climates, I thought to myself and felt reminded of this Norwegian joke: Up in the cold north of the country, a traveller enters a bar where a lonely costumer is nursing his beer. After he had ordered a beer for himself, the traveller turned to the lonely customer and said: “Cheers!”, whereupon the other one said: “Wanna drink or wanna talk?”

The photographer’s encounters with the hunters weren’t always as anticipated and hoped for ... For the full review, go here

Wednesday, 23 June 2021

Unterwegs mit den Arglosen

Bei diesem edel gestalteten Band (im Schuber) handelt es sich um die, wie der Untertitel verheisst, "Originalreportagen aus Europa und den Heiligen Land" aus dem Jahre 1867. Schon die Vorbemerkung  von Alexander Pechmann ist ein Genuss und was dann folgt erst recht. Erste Station sind die Azoren. "Niemand kommt hierher, und niemand geht fort." Von den dort ansässigen Portugiesen hält sich Mark Twains Achtung in Grenzen. "Der fromme portugiesische Katholik bekreuzigt sich und betet zu Gott, er möge ihn beschützen vor jedem blasphemischen Verlangen, mehr zu wissen als sein Vater."

Von Gibraltar und Tanger berichtet er. Und natürlich von seinen Mitreisenden, von denen ihm (und allen anderen) eine oder zwei Personen ständig auf die Nerven gehen. Von der Mauren erzählt er, dass diese nicht viel von England, Frankreich und Amerika halten, das "deren Repräsentanten sich mir einer umständlichen Bürokratie herumschlagen müssen, ehe man ihnen die üblichen Rechte einräumt oder ihnen gar eine Gunst gewährt. Doch stellt ein spanischer Minister eine Forderung, wird diese sogleich erfüllt, ob sie nun gerechtfertigt ist oder nicht."

Irgendwo habe ich einmal gelesen, Mark Twain hätte bei dem, was er äusserte, durchaus auch auf den Zeitgeist Rücksicht genommen, also nicht einfach so hingeschrieben, was ihm durch den Kopf gegangen ist. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, müssen damals andere Vorstellungen vom politischer Korrektheit geherrscht haben als heute. "Ich konnte die Gesichter einiger maurischer Frauen kurz sehen (denn sie sind nur menschlich und lassen ihr Antlitz von einem Christenhund bewundern, wenn kein Mann in der Nähe ist), und ich verneige mich vor der Weisheit, die sie veranlasst, etwas so abgrundtief Hässliches zu verbergen."

Versailles, wo er auf Reihen aus Waldbäumen trifft, die alle dieselbe Dicke und Höhe haben, begeistert ihn, der Bois de Boulogne, der nicht nur von ihm, sondern gleichzeitig von "rund 30 000 anderen Reisegruppen" besucht wurde, entschieden weniger. Doch er sieht auch Napoleon III., über den er konstatiert: "In Fleisch und Blut wirkt er wie eine bedeutender Mann – auf den Porträts hingegen wie ein niemand." Das ist nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, weil es ja oft gerade umgekehrt ist.

In Genua will er sein Lager aufschlagen, weil er anderswo noch nie schönere Frauen gesehen hat. "Ich begreife nicht, wie ein Mann von durchschnittlicher Willenskraft hier heiraten kann, denn bevor er seiner Sache sicher ist, hat er sich sicherlich schon in eine andere Frau verliebt." Eine anzusprechen fehlt ihm jedoch der Mut, er ist zu anständig. "Anstand hat mich seit jeher daran gehindert, im Leben weiterzukommen, und so wird es wohl immer sein." Es sind vor allem solch einfache und bestechende Einsichten, die mir die Twain-Lektüre wertvoll machen: Erfolg und Anstand gehen selten zusammen einher.

Odessa sehe genauso aus wie eine amerikanische Stadt, notiert er. Und unterstreicht seine Beobachtung auch damit: "Aus dem Reiseführer erfuhren wir, dass es in Odessa keine Sehenswürdigkeiten gab, und freuten uns darüber." Von Smyrna (dem heutigen Izmir) schreibt, die Stadt gleiche allen anderen orientalischen Städten, womit er meint: "Die Häuser der Moslems sind folglich wuchtig und dunkel und ebenso unbequem wie Gräber. Die Strassen sind krumm, schlampig und grob gepflastert und so schmal wie eine durchschnittliche Treppe; sie führen den Spaziergänger unweigerlich an einen anderen Ort als den, den er erreichen möchte, und sorgen für eine Überraschung, indem sie ihn dort absetzen, wo er es am wenigsten erwartet hat."

Kein Zweifel, Mark Twain hat klare Ansichten und hält damit nicht zurück, Das ist, wie wir alle wissen, nicht immer ein Vorteil (man denke an all die Trottel, die zwar Meinungen haben, denen jedoch das vorgängige Beobachten und Denken fehlt), in seinem Fall ist das eindeutig zu begrüssen, da er nicht nur über Verstand, sondern auch voller Widersprüche ist (was bekanntlich menschlich macht).

Wie viel Ironie bei diesen Schilderungen jeweils dabei ist, vermag ich nicht zu sagen, doch Sätze wie diese beschreiben Amerikaner so wie sie auch heutzutage an vielen Orten der Welt auftreten und wahrgenommen werden. "Überall starrten uns die Menschen an, und wir starrten zurück. Wir gaben ihnen auch meist das Gefühl, unbedeutend zu sein, ehe wir mit ihnen fertig waren, denn wir blickten mit amerikanischer Grösse auf sie herab, bis wir sie zurecht gestutzt hatten. Und doch fanden wir Gefallen an den Sitten und Gebräuchen und besonders an den Moden der verschiedenen von uns besuchten Völker."

Unterwegs mit den Arglosen  ist auch eine Anleitung zum intelligenten Reisen.  u jedenfalls verstehe ich etwa diesen Hinweis, der dafür plädiert, sich Zeit zu nehmen. "Man merkt erst wie wunderschön eine wunderschöne Frau ist, nachdem man sie kennengelernt hat; und die Regel gilt für die Niagarafälle, majestätische Berge und Moscheen – besonders für Moscheen."

Fazit: Scharfsinnig, witzig und unterhaltsam.

Mark Twain
Unterwegs mit den Arglosen
mareverlag, Hamburg 2021

Wednesday, 16 June 2021

Kommunikations- und Mediengeschichte

Philomen Schönhagen ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Uni Fribourg und das vorliegende, zusammen mit Mike Messner verfasste, Werk "ein Begleitbuch" zur ihrer Vorlesung. Mit anderen Worten: es ist ein akademisches Buch und das meint, dass noch die banalsten Aussagen referenziert werden. Das ist usus, ich weiss; Eitelkeit hat eben viele Formen.

Ich bin zwar akademisch ausgebildet, verstehe mich jedoch nicht als Akademiker (die arbeiten an der Uni): mich interessiert allein, ob dieses Buch (für mich) zu einer hilfreichen Horizonterweiterung beiträgt. Und es sei gleich vorweggenommen: Das tut es. Im Nachfolgenden greife ich einige Aspekte heraus, die mich besonders spannend dünkten; für eine fachliche Einschätzung fehlen mir die einschlägigen, und besonders die historischen, Kenntnisse.

Mediengeschichte beginnt mit der Schrift, ihre erste Revolution wird gemeinhin der Typografie von Gutenberg zugeschrieben. Nur eben: der Buchdruck für sich alleine wäre noch kein revolutionärer Umbruch gewesen, es brauchte dazu auch ein funktionierendes Postwesen. Es sind nicht zuletzt die vielfältigen Wechselwirkungen (wie die gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aufeinander einwirken), die dieses Buch verdienstvollerweise herausstreicht.

Versammlungskommunikation hat es so recht eigentlich immer schon gegeben, lerne ich. Und sie gibt es auch heute noch, etwa bei den Dowayo in Kamerun (der Bezug auf Nigel Barley bringt automatisch dies hier zu Bewusstsein), den schriftlosen Kulturen Nordost-Neuguineas und in einigen Schweizer Kantonen. Womit sich wieder einmal bestätigt findet, dass die Schweiz ein ausgesprochen exotisches Land ist.

Wie kommt es eigentlich, dass "die Entwicklung zur journalistisch vermittelten Kommunikation nachhaltig nur im Europa der Frühen Neuzeit zustande gekommen ist", da China zwar über kein Postsystem, doch über Papier und Typografie verfügte? Weil es "in Europa eine Tradition des umfassenden Austauschs (im Modus der Versammlungskommunikation)" gab, meinen die Autoren. Dazu kommt, dass die Renaissance aufs Diesseits und nicht mehr aufs Jenseits  ausgerichtet war, was auch zu einer Nachfrage nach weltlichen Nachrichten führte.

Einiges in diesem Buch machte mich sehr schmunzeln. Etwa, dass es ab 1705 in der Schweiz eine "natur- und länderkundliche Zeitschrift" mit dem Titel "Seltsamer Naturgeschichten des Schweizerlandes wochentliche Erzehlung", oder dass es ab 1730 in Schaffhausen  das "Hoch Oberkeitlich begünstigtes Kundschafts-Blättlein", oder dass es im 19. Jahrhundert Damenlesehallen gab. Letzteres erinnerte mich auch daran, wie Souad Mekhennet in "Nur wenn du allein kommst" eine Buchhandlung nahe einer Hamburger Moschee beschrieb: "Der kleine Bereich mit den Büchern für Frauen und Kinder war mit einem Vorhang vom Rest des Raums abgetrennt."

Kommunikations- und Mediengeschichte ist reich an mich faszinierenden Details. So wurde etwa der seit 1959 von Ringier herausgegebene "Blick" zu Beginn abgelehnt, nicht nur von der Konkurrenz, sondern auch von der Bevölkerung – "die 'reisserische' Art (die Schlagzeilen) galt als 'geschmacklos' und 'unschweizerisch'" (und wurde trotzdem zu einem Erfolg).

Jedes menschliche Zusammenleben erfordert den kommunikativen Austausch über "das, was alle angeht", zitieren die Autoren ein Rechtsgutachten von Peter Schneider zur Spiegel-Affäre. Von der Antike bis ins Mittelalter geschah dies vorwiegend auf Versammlungen, also da, wo der Mensch physisch präsent war. Im 16. Jahrhundert nahm dann die Kommunikation auf Distanz, die heute dominierende mediale Form, ihren Anfang. Dieser gesamtgesellschaftliche Austausch scheint zur Zeit gefährdet, da sich Social Media und Digitalplattformen nicht mehr an einem imaginierten öffentlichen Interesse, sondern an den situativen Bedürfnissen einzelner Nutzer orientieren.

Wie eingangs erwähnt: Dies ist ein akademisches Buch, definitive Aussagen sucht man also vergebens, mehr als ein differenziertes Sowohl als Auch ist da nicht zu haben. "Es bleibt also offen, ob die journalistische Vermittlung grundlegend für die gesellschaftliche Kommunikation bleiben wird und wie der umfassende gesellschaftliche Austausch ansonsten realisiert werden könnte, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wesentlich ist." Manchmal sind Akademiker eben auch ganz schön realistisch.

Philomen Schönhagen / Mike Meissner
Kommunikations- und Mediengeschichte
Von den Versammlungen bis zu den digitalen Medien
Herbert von Halem Verlag, Köln 2021

Wednesday, 9 June 2021

Those were the days ...

This is how I looked in 1978, on the back cover of "Carezzas" by Benni & Others, a rock group of which I was the singer.

Looking at this photograph triggers lots of other pictures in my head: The long recording sessions, the different people involved ... It is not a story with a beginning, a middle, and an end but a wild farrago, blurred like the picture above.

It does not cease to baffle me that although we (okay, not all but quite some) know that time does not exist, photographs do show us the passing of time. How come? No idea, really, it is just like it is for contradictions only exist in our minds.

Wednesday, 2 June 2021

Sugimoto & Sakakida: Old Is New

Winter Solstice Light at Enoura Observatory

The firm New Material Research Laboratory (NMRL) was founded in 2008 by Hiroshi Sugimoto (born 1948) and Tomoyuki Sakakida (born 1976) and is guided by the idea that “The oldest things are the newest.” Since I’m at a loss what this exactly means, I turn to the press release that informs me that “Sugimoto and Sakakida founded New Material Research Laboratory with an aim to develop “new” materials for construction based upon much older materials and techniques. The NMRL reinvigorates material from ancient times and the Middle Ages by using it in the context of a distinctly contemporary design sensibility and thus creating a physical connection between the past and the present.”

My interest in this tome is two-fold: On the one hand, things Japanese (mainly Zen ideas and design) have accompanied me throughout my life. Moreover, after a visit to Japan, two years ago, I became fond of writers like Haruki Murakami, Keigo Higashino and Mieko Kawakami. On the other hand, my fascination with the world of pictures that started with documentary photography (the stories behind the picture) has over time turned into being mostly attracted by the surface (what has been framed, that is) and it is the art of framing that defines architectural photography for me. 

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Wednesday, 26 May 2021

Menschwerdung eines Affen

"Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung" heisst der Untertitel dieser Memoiren, von denen sich die Autorin fragt: "Ist ein Text noch eine Autobiografie, wenn er sich bemüht, Elemente einer autobiografischen Fremdbeschreibung zu liefern?" Klingt etwas arg akademisch, finde ich, doch die nachfolgenden Zeilen machen deutlich, was es mit diesem Buch auf sich hat: "Tatsächlich ist mein Text der Versuch nachzuvollziehen, wie im Austausch mit den Subjekten meiner Forschungen zahlreiche sehr befremdliche und sehr beunruhigende 'Ichs' entstanden, die mich fragen liessen, welche Wahrheit, welche Kritik, welches Versprechen und welches Versagen diese fremden Namen bergen, die mir gegeben wurden."

"Affe" und "Kannibale" war die Ethnologin in Kenia und Uganda, das war Ende der 1970er, von Frauen und Männern genannt worden. Statt diese Bezeichnungen zurückzuweisen, versucht sie, sich mit den Augen ihrer Forschungsobjekte zu sehen. Ein nobles Unterfangen, das Nicht-Akademikern vermutlich nicht in den Sinn kommen würde. Auch den kolonialen Kontext berücksichtigt die Autorin, die während einiger Jahre zwischen Berlin und Ostafrika pendelt und das als "festen Rhythmus der Zerrissenheit" (klingt ziemlich dramatisch) bezeichnet.

Heike Behrends Einleitung wirkt auf mich sensibel, differenziert und bedeutungsschwanger, ganz so, als ob noch den simpelsten Vorgängen Bedeutung gegeben werden müsse. Mir kam es vor als würde ich so etwas wie "die heiligen Hallen der Ethnologie" betreten. So kommt sie nicht einfach nach Hause und schreibt die Monografie, sondern: "Dieses Schreiben hat Michael Harbsmeier als 'Heimkehrritual' bezeichnet, durch das die Heimgekehrte 'gereinigt' wird und sich reintegriert." Fehlt nur noch der Weihrauch ...

Davon abgesehen ist dieser Bericht über vier ethnografische Forschungsreise in Kenia und Uganda in einem Zeitraum von fast fünfzig Jahren erfreulich nüchtern geschrieben und machte mich auch immer mal wieder laut herauslachen. Etwa darüber, dass die neue asphaltierte Strasse, auf der vornehmlich Ziegen verkehrten, genau bis zum Geburtsort des Präsidenten führte, "keinen Schritt weiter."

Neben den Regeln der Höflichkeit war ihr auch die tonale Sprache (wer sich schon einmal in einer solchen versucht hat, weiss, dass das keine einfache Sache ist) fremd, was die Kommunikation schwierig machte. Sie ist also auf einen Dolmetscher angewiesen, was auch im besten Falle, die Lage zusätzlich verkompliziert. Besonders aufschlussreich dünkte mich, dass bei den Bewohnern der Tugenberge nicht die individuelle, sondern die soziale Biografie im Vordergrund steht. "Sie sahen sich eher von aussen und betrachteten ihre Person als opak, 'als ein geschlossenes Gefäss, in das man nicht hineinschauen kann.' Ihr 'Ich' gehörte vor allem den anderen."

Nach und nach wird sie zur Chronistin befördert und ihr aufgetragen, dies und jenes aufzuschreiben. Obwohl ich selber einmal in Afrika gearbeitet habe (fürs IKRK), fühlte ich mich gelegentlich an thailändische Gepflogenheiten erinnert. Dass sich ältere Frauen mit 'Was essen die Grossmütter heute?' begrüssen hat dort sein Äquivalent in 'Hast du schon gegessen?', obwohl das Motiv, das Heike Behrend ausmacht (Hunger, knappe Nahrung), dort ein anderes ist (In Thailand dreht sich alles ums Essen, ständig; in meinen Thai-Kursen lernte man fast ausschliesslich Ausdrücke für Nahrungsmittel).

Sie lernt Sitten und Gebräuche kennen, schämt sich für den Fauxpas, ihren Teller leer gegessen zu haben und ich realisiere zum ersten Mal, wie eigenartig ich Ethnologen finde (ich war selber einmal für zwei Semester für das Fach eingeschrieben, doch damals fiel mir das nicht auf): Sie passen sich einer fremden Kultur an, akzeptieren Sitten und Hierarchien in einem Ausmass, das mir absurd vorkommt. Zugegeben, mir fehlt die Neugierde für das Funktionieren von Gesellschaftssystemen generell (es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich das verstanden habe) und insbesondere für Rituale, die ich in jeder Kultur als Theater wahrnehme (ich bin kein Fan von Inszenierungen).

Mein besonderes Interesse an diesem Band gehört dem Bericht über "Fotografische Praktiken an der ostafrikanischen Küste". Auch, weil ich mich an das Modul "Understanding Pictures" während meines Studiums in Cardiff erinnerte, wo offenbar wurde, wie abhängig das Bilderlesen von der Kultur ist (afrikanische und asiatische Auffassungen waren selten kompatibel mit westlichen), was sich auch in diesem Bericht zeigt. Er beginnt mit einer schönen Geschichte über das "Berlin Studio", das Heike Behrend Anfang der 1980er-Jahre in Nakura entdeckte und leitet dann über zur Rolle die die Fotoporträts, die ihren späteren Text begleiten sollten, einnehmen, nämlich "eine Art Korrektiv zu meinen Interpretationen". Und: "Die Bilder besassen das Potential, meinem Text immer wieder in den Rücken zu fallen." Eine ungewöhnliche und anregende Sichtweise, denn Bilder werden im Zusammenhang mit Text eher selten eigenständig wahrgenommen und haben zumeist (leider) eine untergeordnete, zudienende Funktion.

Menschwerdung eines Affen ist auch eine aufschlussreiche Ethnografie-Geschichte, die unter anderem aufzeigt, dass auch das rücksichtsvollste Vorgehen und die besten Absichten zu absolut unvorhergesehenen Resultaten führen können. Nicht nur in der Ethnografie, auch in der Dokumentarfotografie wie das Walker Evans und James Agee während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren erlebten. Verblüfft hat mich, wie bereitwillig die Autorin gelegentlich Erklärungen akzeptierte, die ich selber für Humbug halte. "Wir wurden fast immer frontal zur Kamera aufgenommen, den Blick direkt auf das Objektiv gerichtet. Das entspräche den Regeln der Höflichkeit, erklärte ein Fotograf." Eher einem Mangel an Fantasie, würde ich sagen.

Um mögliche Konflikte zu vermeiden, fotografiert sie selber nicht; Fotos brauchte sie gleichwohl, für ihr Archiv. Fündig wird sie in Studios, wo sie Bilder erwirbt, die nicht abgeholt worden waren. "In Kenia zahlt der Kunde nach dem Fototermin den halben Preis und tilgt den Rest bei Abholung. Da viele Leute den Akt des Fotografierens an sich schon geniessen, weil er etwas als Ereignis markiert und aufwertet, kommt es relativ häufig vor, dass die fertigen Bilder nicht abgeholt werden." Das Fotografiert-Werden als Erfahrung genügt! Wie wunderbar!

Heike Behrend
Menschwerdung eines Affen
Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung
Matthes & Seitz Berlin 2021

Wednesday, 19 May 2021

Photographic Circumstances

Sri Lanka 2014

What made me photograph these fishermen? My best guess is this: I had seen such pics before and wanted to shoot my own. I remember a guy observing and then approaching me: He wanted money from me for taking these photographs. Needless to say, I didn't give him any but couldn't stop wondering what sort of world we have created.
Bolivia 2014

I shot his picture from a car. This is surreal, I thought when we were passing by. For one reason or another, it reminded me of the former Soviet Union that, by the way, I've had never visited, only seen pictures of. What also comes to mind: buildings on a high plateau near Quanzhou in China where a Chinese English teacher once had taken me on his bike.

Chachoengsao, Thailand, 2016

Taken near the large swimming pool of a very nice, big and almost empty hotel outside of town. Two things come to mind when thinking of my time there: I suffered from an eye infection that I treated with wet tea bags. How's your eye?, asked the waitress at breakfast. I think it is okay now, I replied but she wasn't impressed and brought me two more tea bags. And: The hotel manager who told me about an increasing mosquito plague to which an acquaintance of his had recently succumbed.

Lat Krabang, Thailand, December 2016

After "my" hotels on Sukhumvit and Ploenchit had disappeared; I usually stayed at Lat Krabang, close to Suvarnabhumi airport, where this picture was taken. One day, my friend Jing came to visit from Thonburi. On our way to lunch, she spotted a 7/11, headed for the door, turned around and asked: Do you want something? No, I said, and wondered what she needed for we had almost arrived at our restaurant. I need air con, she smiled and entered the 7/11 store.

29 Palms, California 2007

In the summer of 2007, I spent three months as a ghostwriter in the Californian desert. What made me pose like this in front of the house that I was inhabiting at the time? No idea really. Maybe my subconscious imagined me as a cowboy. The photo was taken by my friend Emelle.

Wednesday, 12 May 2021

Die Natur auf der Flucht

"Warum sich unser Wald davonmacht und der Braunbär auf den Eisbär trifft – Wie der Klimawandel Pflanzen und Tiere vor sich hertreibt" lautet der überaus ausführliche Untertitel, der damit so recht eigentlich zusammenfasst, was in diesem anregenden und informativen Werk zur Sprache gebracht wird. Autor Benjamin von Brackel, Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München, beschäftigt sich darin mit dem Phänomen, dass auch Tiere und Pflanzen wegen der steigenden Temperaturen ihren angestammten Lebensraum verlassen.

"Wie konnte es sein, dass sich gerade eine massive Umverteilung des Lebens auf der Erde abspielt wie seit Zehntausenden von Jahren nicht mehr – und keiner weiss davon? Jedenfalls abgesehen von den Biologen, die dazu forschen?" Benjamin von Brackel, der seit 2012 über den Klimawandel schreibt und bis vor vier Jahren selber nichts davon mitbekommen hat, begibt sich auf Spurensuche.

Die Erderwärmung hat zur Folge, dass sich der Lebensraum der Tiere verändert. So nehmen etwa in der Arktis die Biberpopulationen zu, die Flüsse und ganze Landstriche überfluten, und entziehen damit dem Polarfuchs die Lebensgrundlage. Und es überschneiden sich die Lebensräume, was unter anderem zu Cappuccino-Bären führt, Hybriden aus der Paarung von Eis- und Grizzlybären.

Dazu kommt, dass vielen indigenen Gemeinschaften die Lebensgrundlage entzogen wird, wenn auf einmal die Grönlandwale oder Lachse ausbleiben. Das grösste Problem für diese traditionellen Jäger, die Meister der Anpassung sind, so Benjamin von Brackel, ist jedoch der moderne Mensch mit seiner Massenindustrie.

Er berichtet von Baumarten, die wandern. Und von mitwandernden Insekten, die in und von ihnen leben. So sehr uns die Corona-Pandemie zu Bewusstsein gebracht hat, wie rücksichtslos wir in den Refugien von Tieren und Pflanzen unterwegs sind, wir müssen überdies zu Kenntnis nehmen, dass der Klimawandel den Spiess umdreht: "Nicht mehr wir kommen zur Wildnis, sondern die Wildnis kommt zu uns." 

Der Volksmund kennt den Spruch: Gelegenheit macht Diebe. Und genau wie Diebe verfahren auch die Mücken, Zecken und Raupen, die neuerdings bei uns einfallen  "sie nutzen ganz einfach alle Möglichkeiten, die Klimawandel und Globalisierung ihnen bieten."

Dass Biologen bei Politikern auf taube Ohren stossen, wenn sie ihnen von der Wanderung der Arten erzählen, erstaunt wenig, macht aber andererseits (wieder einmal) deutlich, dass der Mensch schlecht beraten ist, wenn er sich von der Politik anderes erwartet als die Durchsetzung von kurzsichtigen Eigeninteressen.

Ich lese Die Natur auf der Flucht auch als Einladung, mich in die Schuhe eines anderen zu versetzen. Etwa in die von Pierre Rasmont, des "Hummelpapstes Europas", der im aussergewöhnlich heissen Sommer 2003, als in Paris so viele Menschen starben, dass ein Kühllager für Lebensmittel zur Leichenhalle umfunktioniert werden musste, in den Pyrenäen und im finnischen Kevo, einem Hummel-Eldorado, nur noch einen Bruchteil der üblichen Insektenmenge vorfand.

Die Natur auf der Flucht ist ein journalistisches Buch und das meint in diesem Fall, dem Storytelling und dem Personalisieren verpflichtet, was teilweise etwas komische Züge annimmt. "Unter der Dusche erinnerte sich Peters an einen Science-Artikel, der ihm in die Hände gefallen war." Doch diese Herangehensweise hat Vorteile: Der Text ist anschaulich, liest sich leicht und ist informativ. 

Benjamin von Brackel
Die Natur auf der Flucht
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Wednesday, 5 May 2021

Die Globalgeschichte des Menschen

Den Überblick zu haben, die grossen Linien zu verstehen, bedeutet auch, sich in einem grösseren Ganzen zu sehen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor bzw. ist dies der Grund für mein Interesse an diesem Buch. Ich lese es mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis, da es meinen Horizont übersteigt, wie jemand ernsthaft glaubt, Aussagen über Ereignisse, die Millionen von Jahren zurückliegen, machen zu können. Doch Autor Laurent Testot weiss, dass viele dieser Annahmen hypothetischer Natur sind. "Festzuhalten bleibt, dass die heute erhaltenen Spuren zu spärlich sind, um eine zusammenhängende Familiensaga der ersten menschlichen Erdbewohner zu erstellen." Zudem hat er Humor (und damit meine Sympathie): "Als flexibler Allesfresser kommt der Mensch in sämtlichen Ökosystemen zurecht."

Die Globalgeschichte des Menschen bietet viel Spannendes, Interessantes und Lehrreiches. So nahm ich etwa mit einiger Verblüffung zur Kenntnis, dass Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Zoroastrismus, Judentum und das  Denken der Griechen zur gleichen Zeit entstanden, zwischen dem 7. und 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Und ich erhalte Antworten auf Fragen, die mich, als Historie-Ignoranten, immer mal wieder ratlos gelassen haben: Wir kann es sein, dass um 1600 Spanien und Portugal die Welt unter sich aufteilen, die Niederländer sich in Indonesien breit machen konnten, die Briten einmal die halbe Welt beherrschten?

Gelegentlich habe ich auch gestutzt. Etwa als ich lese, dass im Jahr 221 v.u.Z. der König von Qin China geeint habe und unter anderem die als 'Klassiker' geltenden Bücher verbrennen liess. Gab es damals in China wirklich schon Bücher? Übrigens: Die erste Pest ereignet sich im Mittleren Orient und Europa im Jahre 541 und verschwindet um 850 wieder. "Um 610 herum hat eine ähnliche Epidemie China am anderen Ende Eurasiens getroffen und die dortige Bevölkerung um ein Drittel dezimiert. Dann vergisst die Welt fünf Jahrhunderte lang diese Plage und die überlebenden Bevölkerungsgruppen verlieren ihre teuer erkaufte Immunität ...". Die Geschichte könnte uns schon einiges lehren!

Das Goldene Zeitalter des Islam (von 650 bis 950) wurde begleitet von einer 'grünen islamischen Revolution' und das meint, dass nicht nur der Raum zwischen Pakistan und Spanien unter einer Autorität steht, sondern sich ungefähr entlang eines Breitengrades erstreckt, also klimatisch homogen ist. "Reis, verschiedene Hirsearten, Sorgho, Wassermelone, Zitrone, Orange, Artischocke, Spinat, Zuckerrohr, Aubergine, Mango, Kokosnuss, Banane und Baumwolle profitieren von einer schnelleren Verbreitung von Indien nach Europa über die Levante, ebenso wie in umgekehrter Richtung."

Zwischen 950 und 1200 wächst die Welt immer mehr zusammen. Das hat wesentlich mit dem Handel zu tun: Dieser befördert den Fortschritt, denn er ermöglicht, voneinander zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Zum Beispiel werden Tee und Baumwolle aus Asien gefragter und haben erfreuliche Nebeneffekte. "Für Tee muss man Wasser kochen, das dadurch desinfiziert wird – so werden Krankheiten des Verdauungsapparats eingedämmt, die seit den Anfängen der Urbanisierung auftreten" Und: "Was die Baumwolle anlangt, so können dank der Professionalisierung indischer Weber qualitativ hochwertige Kleidungsstücke hergestellt werden, die preiswerter sind als die aus dem zuvor verwendeten Hanf und leicht waschbar: Flöhe und andere Überträger von Krankheiten verschwinden."

Neben dem Handel haben auch kriegerische Eroberungen zu Innovationen geführt. So übernahmen und integrierten etwa die Mongolen, die zwischen 1200 und 1450 ein riesiges Reich beherrschten, das  militärische Wissen, das sie vor Ort antrafen und sicherten die Handelsrouten – Verbindungen, deren sich auch die wieder ausbrechende Pest bedient. Vier Jahrhunderte lang wütete sie in Eurasien und "löscht in Zehn- bzw. Zwanzigjahreszyklen ein Viertel oder gar die Hälfte der Bevölkerung ganzer Landstriche aus. Ihr letztes Aufflammen in Europa, 1720-22, tötet mehr als jeden zweiten Bewohner von Marseille."

Die französische Originalausgabe der Globalgeschichte des Menschen erschien 2019, die gegenwärtige Covid-19 Pandemie hat also keinen Eingang gefunden in Laurent Testots Überlegungen, doch da sich dieses Werk mit Grundsätzlichem befasst, gelten die planetaren Grenzen, die der Autor ausgemacht hat, nach wie vor. Es sind dies die Erderwärmung, das Artensterben sowie sozio-ökonomische Verknappung und Brüche. Sie alle rühren von einem grundsätzlich falschen Bild her, das der Mensch von sich hat: dass er Herr der Welt und nicht Teil von ihr ist.

Laurent Testot ist ein nüchtern argumentierender Mann, dessen Blick in die Zukunft nicht von Hoffnung, sondern von Realismus geprägt ist: "Wir haben noch ein paar Jahrzehnte, um die Erde zu retten – zwar nicht vor dem ökologischen Desaster, denn dieses hat bereits stattgefunden, aber wir können zumindest beweisen, dass Menschsein bedeutet, seine Würde zu bewahren und zu retten, was möglich ist."

Fazit: Ein überaus nützliches Werk, das hilft, sich in einem grösseren Ganzen zu sehen und von den Alltagsaufgeregtheiten nicht erschlagen zu werden.

Laurent Testot
Die Globalgeschichte des Menschen
Vom Faustkeil zur Digitalisierung
Reclam, Ditzingen 2021

Wednesday, 28 April 2021

Die Gechichte der Universalgenies

Es sei dies ein Buch "über Einzelpersonen und kleine Gruppen, denen es ebenso um das grosse Ganze wie um Details ging und die sich oft um den Transfer oder die 'Übertragung' bestimmter Ideen und Praktiker von einer Disziplin zur anderen bemühten", schreibt Peter Burke in seinem Vorwort.

Mich haben Universalgelehrte immer schon fasziniert. Das hat auch damit zu tun, dass mir die einzelnen Disziplinen zu künstlich und willkürlich sind, ich mich mit Abgrenzungen schwer tue und nicht so recht erkennen kann, worin denn ihr Sinn bestehen könnte. Die Beschränkung auf Überschaubares? Die Möglichkeit, sich als Experte zu profilieren?

Doch was ist eigentlich ein Universalgelehrter? Ich verstehe darunter einen breit gebildeten, höchst neugierigen und überaus kreativen Menschen. Leonardo da Vinci kommt mir in den Sinn. Und James Lovelock. Und Goethe. Dazu zählen würde ich auch die als Astronominnen bekannt gewordenen Maria Mitchell und Mary Somerville. Doch was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem aussergewöhnlichen Menschen und einem Universalgenie?

Gemäss der "Polymath Discussion Group" ist ein Universalgelehrter jemand, "der sich für viele Themen interessiert und viel über sie erfahren will." Peter Burke konzentriert sich hingegen auf Akademiker mit enzyklopädischen Interessen oder, anders gesagt, auf Gelehrsamkeit. Und so kriegt meine Lektüre bereits den ersten Dämpfer, denn akademisches Wissen finde ich eigentlich nur akademisch, also nicht von praktischem Nutzen. Umso erstaunter bin ich dann, dass sich der Autor auch mit Aldous Huxley und Jorge Luis Borges auseinandersetzt. Der Grund? Sie haben auch nicht-belletristische Literatur hervorgebracht. Genauso wie Vladimir Nabokov und Umberto Eco.

"Das Buch konzentriert sich auf Europa und Nord- und Südamerika in der Zeit vom 15. bis zum 21. Jahrhundert." Wobei: Die Debatte über den Wert des Wissens ist seit den Griechen immer die gleiche geblieben: Breite versus Tiefe. Bei der zunehmend ausufernden Erfindung von immer neuen Disziplinen, die meines Erachtens weniger von der Sache als von der Jobbeschaffung geleitet werden, tritt die Neugierde für breites Wissen leider immer mehr in den Hintergrund. Und das ist einer der Gründe, weshalb sich die Lektüre dieses Werkes lohnt.

Giganten der Gelehrsamkeit ist kein Buch, das man von Anfang bis Ende durchliest, dazu ist das geballte Wissen, das da auf einen einprasselt zu umfangreich. Klar doch, ich spreche von mir (von wem auch sonst?). Zum ersten Mal so richtig hängen bleibe ich bei Leonardo, der ein denkbar untypischer Renaissance-Mensch war. Es mangelte ihm an humanistischer Bildung, er hatte vermutlich nie eine Schule besucht, auch Latein konnte er nur mit Schwierigkeiten lesen.

Giganten der Gelehrsamkeit bringt mir auch viele Frauen näher, von denen ich noch nie gehört hatte. Etwa die Französin Marie de Gourney, die 1584 Montaignes 'Essais' für sich entdeckte. "Deren Lektüre versetzte sie in einen solchen Erregungszustand, dass ihre Mutter sie mit Medikamenten ruhigstellen wollte. Später lernte sie Montaigne persönlich kennen, wurde eine Art Tochter für ihn ...". Natürlich nahm ich unverzüglich mein Reclam-Bändchen aus dem Regal.

Viele, die in diesem Buch erwähnt werden, waren mir gänzlich unbekannt. Und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als ich vom deutschen Jesuit Athanasius Kircher las, er "studierte medizinische Chemie, beobachtete Eklipsen und versuchte, Codes zu dechiffrieren und die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern." Zudem: "Er schrieb in Latein, Italienisch, Spanisch, Deutsch, Holländisch, Griechisch, Hebräisch, Armenisch, Arabisch und Koptisch und konnte in vielen weiteren lesen." Ein Buch über China kam auch noch dazu, das von Leibniz bewundert wurde, der jedoch zu Kirchers ägyptischen Studien befand: "Er versteht nichts."

Wie alles andere auch, so unterliegen auch die Einschätzungen von Universalgelehrten dem stetigen Wandel, denn die allgemeine Weltsicht wandelt sich nun mal mit den jeweiligen neuen Einsichten sowie den Denkmoden, Giganten der Gelehrsamkeit zeigt das an konkreten Personen wie auch an Ausprägungen der Zeit wie etwa den Bibliotheken. "Plinius hatte Zugriff auf zweitausend Bücher, wohingegen im 9. Jahrhundert die Klosterbibliotheken von Reichenau und St. Gallen – seinerzeit bedeutende geistige Zentren – über jeweils nicht mehr als vierhundert Bücher verfügten."

Peter Burke lässt mich auch Vieles neu sehen. So war mir zwar Joseph Needham als Vermittler östlichen Denkens bekannt, doch hatte ich keine Ahnung, dass er auch Professor für Biochemie und für die 'Needham-Question' berühmt war: "Warum fand die Wissenschaftliche Revolution in Europa und nicht in China statt?" Auch wäre mir nie in den Sinn gekommen, Susan Sontag als Universalgelehrte zu sehen. Nicht bekannt war mir überdies, wie vielfältig Gregory Bateson, den ich hauptsächlich mit  Anthropologie und Systemtheorie in Verbindung bringe, unterwegs gewesen war. Und verblüfft konstatierte ich, dass Aldous Huxley und Jorge Luis Borges die 'Encyclopaedia Britannica' lasen und nicht etwa nur konsultierten.

Universalgelehrte sind Generalisten (und im besten Sinne des Wortes Amateure  sie liebten, was sie taten) und damit eine Bedrohung für die Spezialisten, die ihnen denn auch immer wieder Ungenauigkeiten und unzulässiges Pauschalisieren vorwerfen. Nur eben: Wer die grösseren Zusammenhänge nicht kennt, verpasst das Wesentliche. In den Worten von Isaac Barrow im 17. Jahrhundert: Die "Verbindung der Dinge untereinander und die Bedingtheit von Gedanken"..

Fazit: Ein sehr gelehrtes und überaus anregendes Werk.

Peter Burke
Giganten der Gelehrsamkeit
Die Geschichte der Universalgenies
Wagenbach, Berlin 2021

Wednesday, 21 April 2021

Faltergestöber

Dass es exponentielles Wachstum gibt, ist mir erst in der Corona-Zeit wirklich bewusst geworden, obwohl ich das berühmte Seerosenbeispiel schon lange kannte. Dass sich die Weltbevölkerung in nur vierzig Jahren, von 1960 bis 2000 von drei auf sechs Milliarden verdoppelt hat, ist mir jedoch überhaupt nicht klar gewesen. "Im Jahrzehnt darauf kam eine weitere Milliarde hinzu und in den nächsten vier Jahrzehnten wird sie noch einmal um drei Milliarden wachsen", schreibt Michael McCarthy in Faltergestöber. Doch nicht nur die Bevölkerung, auch der Konsum explodiert. Das rechte Mass ist uns schon längst abhanden gekommen; Mehr-Mehr-Mehr ist unsere Devise. Wir sind alle süchtig und das meint nicht etwa 'auf der Suche', sondern krank (Sucht kommt von siech = krank).

Wir sind gerade dabei, unsere Lebensgrundlage, den Planeten Erde, zu zerstören. Wie können wir nur so blöd sein? Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass wir uns falsch sehen, denn uns fehlt die Einsicht, "dass Menschen nicht per se gut sind und sich nicht freiwillig ändern, wenn es gegen ihre egoistischen Motive geht. Da kann man genauso gut von Katzen verlangen, dass sie keine Vögel mehr jagen."

Nur eben: Dass alles mit allem verbunden ist, "dass einzelne Pflanzen- und Tierarten mit anderen lebenden Organismen, die allesamt nicht bloss miteinander, sondern auch mit ihrer Umgebung agieren", ist eine relativ neue Einsicht. Unser fragiles Ökosystem verlangt Rücksichtnahme, eine Eigenschaft also, mit der man im Raubtierkapitalismus nicht weit kommt. "In den Mainstream jedoch hat das Empfinden der Einheit mit der Biosphäre keinen Eingang gefunden. Er spielt bei den Entscheidungsträgern der modernen Welt und den Abermillionen, die sich nach ihnen richten, keine Rolle, sondern wird in anthropologische und spirituelle Nischen abgedrängt."

Faltergestöber ist ein zutiefst persönliches Buch, das auch die schwierigen familiären Umstände des Autors, die offen und gänzlich unprätentiös geschildert werden, nicht ausspart und damit deutlich macht. in was für einem komplexen und schwer zu durchschauenden Netzwerk unser Leben abläuft: Ganz viele Faktoren, die wir nicht bestimmen können, sind da am Werk. Doch da sind auch die, auf die wir Einfluss nehmen. Wie wir das tun, hängt von unserer Grundeinstellung ab.

Michael McCarthys Grundeinstellung ist die Liebe zur Natur. Und diese zu wecken ist das Ziel dieses Buches. Seine nüchterne und pragmatische Herangehensweise hat meine Sympathie. "Ich bin kein Wissenschaftler, weder Evolutionsbiologe noch Psychologe; ich will nichts beweisen, nicht logisch argumentieren, sondern schlicht sagen: Das habe ich erlebt, vielleicht kann es zum Verständnis beitragen." Wobei: Wie viele gebildete Engländer, stapelt er da schon ziemlich tief, denn schliesslich kommentiert er aussergewöhnlich kenntnisreich, was er beobachtet hat

Wir Menschen halten uns für Rationalisten, doch die Eigenbeurteilung, wir wir alle wissen, trifft selten zu. Auch wenn es unsere Eitelkeit kränken mag, unsere Instinkte prägen unser Verhalten weit mehr als unser Kopf. "Verallgemeinernd könnte man sagen, wir besässen, tief in unseren Genen verankert, eine starke, intuitive Bindung zu unserer Umwelt."

Das Problem ist: Die wenigsten nehmen diese Intuition wahr; unser Wirtschaftssystem verlangt Wachstum. Innert nur gerade 50 Jahren wurde die Hälfte der britischen Biodiversität vernichtet, grösstenteils durch die Landwirtschaft. Dass die Ressourcen begrenzt sind, kümmert uns nicht, da unser Denken nicht langfristig ausgerichtet, sondern von 'Nach mir die Sintflut' geprägt ist. Auch das angeblich in grossen Zeitspannen denkende China  richtet sich danach aus. "Nirgendwo auf der Welt wird die Zerstörung der Natur unerbittlicher und gründlicher betrieben als in der Volksrepublik, die vermutlich in Kürze zur grössten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen wird."

Faltergestöber handelt unter anderem von einer Flussmündung in Südkorea, die einem Prestigeprojekt weichen muss. Dafür  wird der Lebensraum von vielen Watvögeln zerstört. Als ich das lese, wird mir bewusst, wie selten mir klar ist (wie selten ich spüre, heisst das), dass die Erde nicht nur der Lebensraum von uns Menschen ist. Faltergestöber schärft mein Bewusstsein. Und das ist nötig. Apropos Flussmündung: "Kennen Sie etwa ein winziges Mündungslied? Über Berge und Flüsse, über Wälder und Wiesen und Seen gibt es Lieder in Hülle und Fülle. Aber über Mündungen? Nein." Ich bin mir gewiss, ich werde Flussmündungen künftig neu sehen.

Michael McCarthy versteht es ausgezeichnet, sein Staunen über die Welt zu vermitteln. Jedenfalls glaubte ich seine Glücksgefühle und, ja, seine Liebe zur Natur nachempfinden zu können. Nur wenn wir das Staunen wieder lernen, werden wir den Glauben an den Wert der Natur, die Ehrfurcht vor der Schöpfung erfahren. Faltergestöber regt vielfältig dazu an, es ist ein ganz wunderbares Buch!

Michael McCarthy
Faltergestöber
Vom Glück, das die Natur uns schenkt
Matthes & Seitz Berlin 2021

Sunday, 18 April 2021

Cully, Vaud





Cully, Vaud. le 11 avril 2021

Wednesday, 14 April 2021

Daisy Bates in der Wüste

Die Autorin Julia Blackburn, 1948 in London geboren, informiert mich der Verlag, "sucht in Tagebüchern, Briefen und vergilbten Fotografien nach dem wahren Leben der Daisy Bates", einer Irin, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Aborigines im australischen Outback lebte und bekannt für ihre Lügen war. "Vielleicht hatte Daisy Bates schon als kleines Kind damit begonnen, sich selbst ihre Geschichte und ihre Erinnerungen zu erfinden, und es später nicht mehr geschafft, diese Gewohnheit aufzugeben, oder einfach nicht bemerkt, dass dies nicht ganz die übliche Art war, der Welt Sinn zu verleihen", so Julia Blackburn.

Wir wissen, dass das Gedächtnis kreativ ist, können nicht immer mit Gewissheit sagen, ob und wie etwas stattgefunden hat oder ob wir es uns "nur" einbilden. Aus dieser Perspektive ist es nicht abwegig, das Leben einer zum Lügen neigenden Frau zu beschreiben. "Als alte Dame sitzt sie in ihrem Zelt und verschanzt sich hinter geschwätzigen Geschichten von all ihren Abenteuern, all den wichtigen Persönlichkeiten, die sie gekannt habe. Manches stimmt tatsächlich, aber das meiste nicht, und es ist ein kurioses Unterfangen, die Person, die sie war, von jener zu trennen, die sie gern gewesen wäre, die beiden auseinanderzureissen, sie aus ihrer Umklammerung zu lösen."

Nicht nur ein kurioses, sondern ein ziemlich unmögliches Unterfangen, würde ich sagen, denn für mein Dafürhalten ist bereits traditionelle Biografie-Arbeit weitestgehend Fiktion, umso mehr also muss dies beim Porträt einer Frau der Fall sein, von der so recht eigentlich nur ihr Äusseres bekannt ist. Was macht man also in so einer Situation? Julia Blackburn stellt sich vor, was sich wohl Daisy Bates vorgestellt haben mag. Geht das, sich in die Schuhe einer anderen Person zu versetzen? Ja, das geht. Und Julia Blackburn zeigt wie.

1905 liess sich Daisy Bates mit ihrem Zelt bei den Aborigines im Reservat von Maamba, östlich von Perth nieder. Mit einem staatlichen Stipendium ausgestattet will sie während zwei Jahren Sprache und Sitten der Menschen, die man aus den umliegenden Gebieten ins Reservat gebracht hatte, studieren. 

Dreissig Jahre verbringt sie insgesamt bei den Aborigines, macht anthropologische Aufzeichnungen, die sie später einmal ordnen will. "Ich überliess es den Aborigines zu entscheiden, wo ich mein Zelt aufstellen sollte und wann es Zeit sein würde, wieder weiterzuziehen. Ich mochte diese Ungewissheit irgendwie; es gefiel mir, nicht zu wissen, was sich meinen Augen als Nächstes darbieten würde."

In Jeegala Creek, östlich von Eucla, findet ein vierzehntägiger Tanz verbunden mit einer Initiationszeremonie statt, bei der ihr von  Aborigines gesagt wird, sie sei in der Alten Zeit ein Mann gewesen, "ein Stammesältester, und nun sei ich weder Mann noch Frau. Ich war ein übernatürliches Wesen jenseits der Geschlechtergrenze." Doch auch die Briten sehen sie als eine der ihren – 1934 verlieh man ihr den CBE, den Commander of the British Empire.

Man muss seine Komfortzone verlassen, um andere als die gewohnten Erfahrungen zu machen. Je unvertrauter die Umgebung, desto besser. Und die Wüste eignet sich ganz besonders. "Der Himmel ist  blau und flach, flach und blau und knochentrocken (...) Der heutige Tag ist so heiss und lautlos wie der gestrige. Ich habe nicht einmal den Morgenzug vorbeifahren hören; vielleicht ist er zusammengebrochen unter dieser Hitze."

Da Daisy Bates widersprüchliche Berichte über ihr Leben hinterlassen habe, schreibt Julia Blackburn im Nachwort, habe sie sich ihren eigenen Weg durch das verfügbare Material bahnen müssen. Daisy Bates in der Wüste, so schliess ich daraus, ist also ebenso sehr ein Buch über Julia Blackburn. "Seltsam, wie man die Taschen voller Erinnerungen hat, von denen man gar nichts weiss, bis sie plötzlich hervorbrechen und das Gehirn überfluten mit Bildern aus längst vergangenen Zeiten."

Julia Blackburn
Daisy Bates in der Wüste
Unionsverlag, Zürich 2021

Wednesday, 7 April 2021

Women Street Photographers

When thinking of street photography, Vivian Maier comes to mind, and Lisa Kahane. And then, all of a sudden, I ask myself: What the hell is a street photographer? Do they photograph only streets? Do they photograph only what can be seen when standing on a street? Melissa Breyer quotes in her introduction the Encyclopedia Britannica that descibes street photography as „a genre of photography that records everyday life in a public place ... Street photographers do not necessarily have a social purpose in mind, but they prefer to isolate and capture moments which otherwise might go unnoticed.“

Difficult to imagine a definition more vague ... Melissa Breyer dryly comments: „While the discourse over what comprises street photography may endure into eternity, the body of work by Staten Island resident Alice Austen could serve as a model for the genre itself.“ And while I do agree for she „took photos of anything and everyone that interested her“, I also believe her approach to be a good recipe for any kind of photography – and so I decide to simply look at the photographs in this tome and see what they do to me.

But before embarking on this visual adventure, I feel like quoting Melissa Breyer again who decrribes what gave birth to photography:„..a French inventor by the name of Nicéphore Niépce was looking for a way to make images without having to draw them.“ I've no idea whether this really was Niépce's motivation (I always wonder what makes people think they know the motivation of others – I cannot even figure out my own), but I love the story and so I like to think it was his motivation.

For the full review, see here

Wednesday, 31 March 2021

Istanbul

Istanbul: Against all odds @ Timurtaş Onan

In the fall of 2006, I taught English in Istanbul, for two months. I had not prepared myself for this assignment, didn’t know anything about the city or Turkish culture. To be sure, I was not free of preconceptions like that Turkey was a country dominated by bearded men and women had not much to say. Needless to say, I was in for a surprise. Well, Istanbul is not Turkey but one of these modern cosmopolitan cities where elegantly clad women work in all sorts of professions. One of my students was a professor of child psychiatry who gave lectures at universities in the US. Why you want to take classes with me?, I wondered. In order to keep up with my hyper-active colleagues from Michigan, she smiled.

In other words, I have pictures in my head when looking at Timurtaş Onan’s Istanbul books. That he has another view of his native city than the visitor, isn’t exactly a surprise. Neither is it astonishing that quite a few pics arouse familiar feelings in me, especially the ones showing the ferries that I often took – Istanbul is divided by the Bosporus, also known as the Strait of Istanbul, a waterway that separates Europe and Asia. 

For more, see here

Wednesday, 24 March 2021

Die Pflanzen und ihre Rechte

Schön gestaltet ist dieses Buch, gut in der Hand liegt es auch, doch der Titel erregt mein Missfallen. Können wir eigentlich nur in Rechten und Pflichten denken? Und überhaupt: Rechte zeichnet aus, dass man sie einklagen kann. Wer  also soll für Pflanzen sprechen? Nach den ersten paar Seiten bin ich jedoch bereits versöhnt und als ich dann noch den Originaltitel nachschlage – La nazione delle piante – ist mir klar, dass hier nicht eine Gruppe selbsternannter Aktivisten einen Lebenssinn sucht und sich wichtig macht, sondern es hier um Grundsätzliches geht.

"In unserer Wahrnehmung sind Pflanzen der anorganischen Welt sehr viel näher als der lebendigen Welt – ein grundlegender Perspektivfehler, der uns teuer zu stehen kommen könnte." Denn ohne Pflanzen gäbe es uns nicht, wir können nur mit ihnen zusammen existieren. Stefano Mancuso stellt sich die Pflanzen gerne als fürsorgliche Eltern vor, die unsere Existenz erst möglich machen. Ein wunderbar hilfreicher Gedanke, wir sollten ihn pflegen.

"Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur" nennt der Autor sein Werk im Untertitel. Seine Charta besteht aus acht Artikeln. Artikel 1 benennt den Ausgangspunkt, aus dem sich alles ergibt:  "Die Erde ist die gemeinsame Heimat allen Lebens. Die Macht gehört allen Lebewesen." Bei diesem Gedanken zu verweilen, ihn zu spüren versuchen, ermöglicht uns, uns als Teil des Universums zu fühlen.

An zahlreichen Beispielen zeigt Stefano Mancuso auf, weshalb der Mensch nicht nur schlecht beraten ist, wenn er sich wie der Herrscher des Planeten aufführt, der sich  einfach nimmt, was ihm passt, sondern an seinem eigenen Untergang arbeitet. Das Leben auf dem Planeten Erde ist ein Geschenk, wir sollten entsprechend damit umgehen. Darauf kopf- und rücksichtslos herum zu trampeln ist  keine Option.

Doch leider tun wir genau das, denn wir verkennen, dass die vielen ökologischen Gemeinschaften den Motor des Lebens bilden. Mit anderen Worten: Alles ist miteinander verknüpft. Einzugreifen, ohne die Folgen abschätzen zu können (und das können wir oft deswegen nicht, weil wir nicht wissen, wir die Gesetzmässigkeiten nicht kennen, nach denen Lebensgemeinschaften auf der Erde funktionieren), ist mehr als dumm. Wir tun es trotzdem, denn langfristig zu denken scheint uns nicht gegeben. 

"Wir sind Neuankömmlinge auf dem Planeten und verhalten uns wie Kinder, die gefährlichen Unsinn anstellen, ohne den Wert und die Bedeutung dessen zu erkennen, womit sie herumspielen." Dieses Buch zeigt, dass man am besten Gegensteuer geben kann, indem man respektiert, was man vorfindet und sich nicht einmischt. Die Erde sollte ganz im Sinne der Gaia-Theorie als ein einziges Lebewesen betrachtet werden.

Stefano Mancuso fordert eine radikale Neuausrichtung. Und führt am Beispiel der Hierarchie aus, weshalb diese Form der Organisation die Falschen fördert und überdies krank macht. Dabei nimmt er auch Bezug aufs Peter-Prinzip, die Parkinson'schen Gesetze, Hannah Arendt und Stanley Milgram. Mit anderen Worten: Dieses Buch handelt nicht "nur" von Pflanzen, sondern vom Leben auf dem Planeten Erde, das die Raubtiernatur des Menschen im Begriff ist zu zerstören. Höchste Zeit also, dem angeblich so natürlichen Egoismus den Riegel vorzuschieben und uns für Zusammenarbeit (und gegen den Wettbewerb) zu entscheiden. Die Pflanzen zeigen uns wie das geht.

Fazit: Eine notwendige und überaus hilfreiche Lektüre.

Stefano Mancuso
Die Pflanzen und ihre Rechte
Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur
Klett-Cotta, Stuttgart 2021