Als Susan Bernofsky vor über dreissig Jahren begann, Robert Walsers Werke ins Englische zu übersetzen, war eine Biografie über ihn zu schreiben, das letzte woran sie dachte. Wie sie dabei vorgegangen ist, erläutert sie in ihrer Einleitung, der die Begeisterung für ihre Arbeit anzumerken ist.
Die Bezeichnung "Hellseher im Kleinen" geht auf W.G. Sebald zurück. Dass wer eine Biografie schreibt, vor der Gefahr der Projektion nicht gefeit ist, weiss Susan Bernofsky, dass Walser oft Geschichten geschrieben hat, "die zumindest zum Teil autobiografisch sind", scheint mir untertrieben. Nun gut, ich bin kein sogenannter Fachmann, doch mir scheint das Autobiografische (Susan Bernofsky weist oft genug darauf hin) mehr als offensichtlich. Zugegeben, die Vorstellung, etwas könne nicht autobiografisch sein, halte ich für grotesk; mir scheinen die Unterscheidungen, die Menschen vornehmen (insbesondere im sogenannt Geistigen, das nicht wirklich fassbar ist), so recht eigentlich absurd.
Robert Walser ist mir nicht vertraut. Zwar sind mir die Titel seine Romane geläufig, einige habe ich auch gelesen, wenn auch ohne Erinnerung daran. Auch Biografisches weiss ich von ihm. Mit anderen Worten. "Hellseher im Kleinen" ist für mich eine Einführung in Leben und Werk. Wie die beiden zusammenhängen und ineinander greifen, zeigt Susan Bernofsky eindrücklich. Was sich in Robert Walsers Leben findet, findet sich grossenteils auch in seinen Büchern.
Detailliert und ausgesprochen vorsichtig äussert sich Susan Bernofsky. "Im zeitlichen Abstand von 15 Jahren lässt sich unmöglich sagen, ob Walser sich an seine damaligen Gefühle erinnert oder ob er sie im Nachhinein heraufbeschwört." Wie sie seine Texte analysiert und interpretiert, ist eine Meisterleistung. Man lese etwa, was sie zu seinem Prosadebüt "Der Greifensee" zu sagen hat (Seite 108) – man liest den Text anschliessend wie neu bzw. intensiver.
Ganz wunderbar auch, wie sie Walsers Miniaturessay über die Sehnsucht einordnet (Seite 72), wobei sie für mein Dafürhalten allerdings übers Ziel hinausschiesst, wenn sie etwa diesen Satz: "Dass die Menschen etwas Lästiges so viel und gern betreiben, etwas so Sehnsüchtiges wie die Sehnsucht, das ist das Krankhafte, das an uns haftet!" als "pseudophilosophisches Sinnieren" bezeichnet. Pseudophilosophisch? Was immer das sein mag. Vermutlich das, was alle tun, die nicht einschlägig akademisch diplomiert worden sind. Walser sagt hier nichts anderes als dass die Sehnsucht (wie auch das Christentum) von Übel ist, weil sie uns vertröstet auf etwas Fernes, das womöglich nie eintritt. Das ist ganz einfach klar gedacht, was man von vielen Philosophen und Philosophinnen nicht sagen kann.
"Hellseher im Kleinen" ist auch ein Buch, das mich die Schweiz und insbesondere die Städte Biel, Zürich und Basel mit neuen Augen sehen lässt, so treffend hat die Autorin die verschiedenen Stadtteile charakterisiert, vor allem durch Zürich machte ich gleichsam eine Zeitreise und die Schilderung Basels ist ein veritabler Augenöffner. "Basel war allgemein düster, weil die Bollwerke zum Schutz vor einer Überschwemmung durch den Rhein, der durch die Stadt floss, dazu geführt hatten, dass die Strassen und Gassen so kompliziert verzweigt und verschlungen waren, dass es schwerfiel, überhaupt irgendwo eine Aussicht zu bekommen." Auch Thun, Solothurn (wo die Kirchenglocken Tag und Nacht alle Viertelstunden läuteten!) und Wädenswil figurieren prominent.
Schriftsteller wollte Robert Walser sein, die gängigen Karrieren interessierten ihn nicht, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kommt zumeist in kleinen Zimmern unter. "Als dreissigjähriger Schriftsteller ohne Familienvermögen im Hintergrund zur Absicherung seiner Künstler-Existenz-Bestrebungen hatte sich Robert allein auf der Grundlage seiner Begabung und seines Werkes einen Namen gemacht." Von Hesse und Kafka gelobt, hat er es im literarischen Berlin geschafft, ohne die einschlägig formale Bildung und mit einem starken Schweizerakzent, auch wenn Kritiker und Verleger seine Romane oft als formlos und mäandernd beurteilten.
In seiner Berliner Zeit lässt er sich auch zum Diener ausbilden, was seine Biografin unter anderem zu dieser wunderbar hellsichtigen Frage inspirierte: "War die Schauspielerei etwas so anderes als das Dasein eines Dieners?" Eine weitere Perle auch dieser Satz: "Das Handwerk des Soldaten verband, wie das des Butlers, Dienstbarkeit mit Können."
So beeindruckend die Akribie dieses Werkes auch ist, gelegentlich versteckt sich die Autorin auch dahinter. "Vieles weist in der Tat darauf hin, dass sein Trinken als Versuch der Selbstmedikation zu verstehen ist." Versuch der Selbstmedikation? Wer sich seine Angst wegtrinkt, ist definitiv ein Trinker. Erstaunlich auch, dass sie sein gelegentlich erratisches Verhalten nicht mit seinem Trinken in Verbindung bringt. Obwohl: "Nicht unwesentlich für die Verbesserung von Roberts Zustand dürfte der Umstand gewesen sein, dass es in der Klinik keinen Alkohol gab ...".
Robert Walsers Leben, geprägt von ständigen Geldsorgen, dauernden Wohnungswechseln, gewaltigen Spaziergängen, unerfüllter Liebe, Alkoholproblemen und einem überaus reichen literarischen Schaffen, fasziniert nicht zuletzt, weil da einer seinen ureigenen Weg gegangen ist. Susan Bernofsky vermutet jedoch, "dass sein eigener Status als Figur am Rande weniger die Folge einer bewussten Entscheidung seinerseits als eine Falle war, in die er immer wieder hineintappte. Aber vielleicht war ihm das als Künstler am Ende doch irgendwie nützlich." Es spricht sehr für diese Biografie, dass sie mit Fragen und nicht mit Antworten schliesst. Wer weiss schon, warum wir tun, was wir tun?
Fazit: Grandios, ein Meisterwerk! Eine kenntnisreichere Einführung in Robert Walsers Leben und Werk ist schwer vorstellbar.


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