Als ich mich an der Rezeption "meines" Hotels in Pohang erkundige, wie ich am besten nach Gyeongju käme, sagt man mir: Mit dem Bus, das Terminal sei nicht weit und bequem mit dem Taxi zu erreichen.Ich könne mit ihm fahren, sagt der Hotel Manager, der dazukommt. Er müsse nach Buhan. Gerne, sage ich.
Als wir uns am nächsten Tag auf den Weg machen und irgendwann einmal aus der Stadt raus sind, dämmert mir, dass der Mann mich nicht zum Bus Terminal, sondern nach Gyeongju fährt! Und zwar bis vors Hotel. Das nennt man Service!
Es war eine überaus aufschlussreiche Fahrt. Südkorea aus der Perspektive eines bequemen Autositzes ist etwas ganz anderes (viel Grün) als aus dem Zugfenster |(vor allem Steinwüsten). Er stamme aus ärmlichen Verhältnissen, erfahre ich. Sein Vater habe Landwirtschaft betrieben (Apfel und Ginseng), sei mit 92 gestorben, die Mutter könne auch mit 93 noch für sich selber sorgen. Er ist Vater von zwei Buben. Früher habe man auf dem Land viele Kinder gehabt, heute nicht mehr. 70 Prozent der Fläches des Landes seien Berge, also unbewohnbar, lerne ich. Das ist ja wie in der Schweiz, denkt es so in mir. Auch sind beide Länder überaus innovativ bzw. verfügen über viele kreative Leute. Kreativität entsteht aus Notwendigkeit.
57 ist er, mich schätzt er auf 65. Und mich wundert, dass ich mich mit meinen 72 darüber freue. Genauer: Ich finde es komisch, dass ich mein Alter nicht fassen kann, emotional nicht zu verstehen imstande scheine, dass ich Richtung Ziellinie unterwegs bin.
Die junge Rezeptionistin in Gyeongju reist offenbar so wie ich: Ohne Plan. Sie habe ihren Eltern gesagt, sie habe keine Lust aufs Studium, wolle lieber reisen. Ihre Eltern unterstützten sie, und so ging sie für ein halbes Jahr nach Kanada und Amerika. Nichts habe sie über diese beiden Länder gewusst, nicht einmal, dass der kanadische Dollar sich vom amerikanischen unterscheide. Wunderbar, sage ich, diese Erziehung in Selbstständigkeit. Genau, strahlt sie.
Nach ihrer Rückkehr hat sie ihr Studium (IT) abgeschlossen; neben dem Hotel-Job hat sie sich eine Yacht zugelegt, die sie vermietet. Was ihr Vater mache? Er sei selbstständig, was ich mit: Offenbar liege ihr das auch, kommentiere. Sie sieht es auch so.
Frühmorgens sind die Gehsteige mehrer Strassen in Gyeongju voll mit Marktleuten. Gemüse, Fleisch, Fisch, aber auch Textilien werden feilgeboten von zumeist uralten Frauen. Jemandem etwas verkaufen zu müssen, wäre für mich Stress pur, ein echter Albtraum.
Wir leben in Zeiten, in denen alles zum Verkauf steht. Es ist nur eine Frage des Preises. Wenn nicht nur alles käuflich ist, sondern das auch noch als normal gilt, hat der homo sapiens (als Ideal) abgedankt und dem homo oeconomicus (als ausschliesslich an seinem pekuniären Vorteil Interessierter) Platz gemacht.
Gyeongju ist eine Touristenstadt, mit ganz anderen vibes als Pohang. Hier erschöpft mich das Herumspazien schon bald, erlebe ich mich auch als eigenartig lustlos. Diese so gänzlich absurde Welt, wo alle gezwungen werden, dem Geld nachzurennen.
Die englischen Fernsehprogramme in den Hotels beschränken sich auf CNN. BBC und Bloomberg. Vom G7-Gipfel in Evian lassen sie den amerikanischen Präsidenten zu Wort kommen, der ganz offensichtlich (weider einmal) von nichts eine Ahnung hat. Die Polit-Medien anscheinend auch nicht, sonst würden sie kaum versuchen, irgendetwas Bedeutsames in vollkommen nochtssagende Aussagen hineinzulesen.
Kurz habe ich auf CNN einer Talk-Runde zugeschaut. Das Zuhören kann man sich sparen, weil vorauszusehen ist, wer was sagt, da alle auf ihren entsprechenden Parteilinien unterwegs sind. Das Niveau ist unterirdisch und peinlich. Ich bin zutiefst fassungslos, das die Polit-Medien (und die Politik) mich jemals haben interessieren können
Andong sei eher etwas heruntergekommen, hatte ich eine australische Touristin im Ohr, was definitiv für meine Unterkunft zutraf, die ich blöderweise für 4 Nächte gebucht und, wie hierzulande üblich, im Voraus bezahlt hatte.
Als ich im Bad den uralten Wasserhahn zum Händewaschen aufdrehte, ging die Dusche an und spritzte mich nass. Offenbar musste man da einen Hebel umlegen, was mir natürlich nicht erklärt worden war, der Mann am Empfang sprach ausschließlich Koreanisch.
Ansonsten gefiel mir, was ich in der Stadt antraf. Ein Restaurant mit Kimchi Dumplings ums Eck; eine Filiale von Mega Coffee quasi gegenüber; die Verkäuferin im GS25 Convenience Store, die mir einen schönen, kleinen Münzbeutel schenkte, als sie sah, dass ich meine Münzen lose in der Hosentasche spazierenführte; der Schüler, der mich zum Supermarkt geleitete, wo ich eine Seife kaufen wollte.
In Andong steht auch die längste hölzerne Fussgängerbrücke Südkoreas, lese ich, sie sei zu Fuss in etwa 45 bis 50 Minuten zu erreichen – was allerdings so ziemlich gar nicht stimmt. Als ich nach gut drei Stunden (ich hatte irgendwann entnervt aufgegeben, nicht zuletzt, weil mir unterwegs auch klar wurde, dass es da von Touristen wimmeln würde) wieder im Hotel eintraf, hatte ich recht schittere Teile einer Stadt gesehen, die es auf der ganzen Welt zuhauf gibt, sobald man einmal die meist schillernden Zentren hinter sich gelassen hat.
Mir ist das Zimmer zu dunkel, das tut meiner Seele gar nicht gut. Und so lasse ich die vierte gebuchte Nacht sausen (Rückerstattung ist in Asien nicht vorgesehen), und reserviere mir für Sonntag ein Zimmer in einem brandneuen Hotel in Bahnhofsnähe.
Die Wettervorhersage prognostizierte einen wolkenfreien Himmel für den ganzen Tag, ab Mittag wars damit vorbei. Windig und grau in grau; immer wieder verblüffend wie ein Wetterumschwung auf die Stimmung drückt.
Wo man auch hinschaut, die Koreanet (vor allem Fauen) sind am Karten spielen.
Reisen bedeutet auch, jedenfalls für mich, hin und her gerissen sein, zwischen dem, was man angeblich gesehen haben muss, und sich diesen gesellschaftlichen Imperativen (die ja durchaus ihren Reiz haben) zu verweigern, was schwieriger ist. Ich setze mich in eine der vielen Grünanlagen und lese in Einsteins Auzeichnungen Out of My Later Years, in denen ich gleich zu Beginn (Self-Portrait) auf einen Satz stosse, mit dem ich mich bestens identifizieren kann: For the most part I do the thing which my own nature drives me to.


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