Sunday, 20 September 2026

Die Komponistin

Der Auftakt packt mich sofort. Ein zweijähriges Mädchen ist gestorben.. "Und dann. plötzlich nichts mehr. Taubheit, Leere und der albtraumhafte Abgrund. Nichts anderes als das ist der Tod." Ihre Schwester Mélanie bringt sich im Alter von sieben selber das Klavierspielen bei.

Die Geschichte spielt Mitte des 19ten Jahrhunderts und ist inspiriert vom Leben der Komponistin Mel Bonis. César Franck ("Etwas an ihr hat ihn ergriffen, als du Bach gespielt hats. Deine langen Hände, ja, sicher, dein Geschick, deine Art, die Takte zu spielen, deine Genauigkeit.") wird auf sie aufmerksam, und vermittelt ihr einen Platz am Konservatorium, wo sie auch den Dichter Amédée kennenlernt und sich verliebt. Sie wollen heiraten, doch Mels Mutter stellt sich entgegen, will, dass sie sich vom Konservatorium abmeldet, und Mel fügt sich. Was für ein Glück, nicht in der damaligen Zeit und mit solch einer Mutter aufgewachsen zu sein! Nicht, dass dies ein Loblied auf die heutige wäre ...

Die Weigerung von Mels Mutter, ihr Einverständnis zu geben, kommentiert Amédée eindrücklich. "Es ist die Sprache der Vernunft und der Sicherheit, die Sprache jener, die weder Poesie noch Liebe kennen, er hat diesen Menschen da nichts mehr zu sagen, diesen Menschen, die Klavierdeckel zuknallen, die rechnen und spekulieren, die ihre Kinder an den erstbesten Menschenfresser verschachern, die von Status und einer guten Partie reden, die an all das glauben und es überaus ernst nehmen." Mir scheint, die meisten Menschen sind so, auch heute noch.

Sie wird mit einem begüterten, wesentlich älteren Mann verheiratet, bringt zwei Kinder zur Welt, die ihr Ein und Alles sind. Doch dabei kommt sich selbst abhanden. "Du träumst, er rechnet. Ein unüberbrückbarer Abgrund." Ernsthaft zu komponieren gelingt ihr nicht mehr. "Dir fehlt es an Luft, an Zeit, an Raum, an Verlangen. Dir fehlt es an Inspiration. Dir fehlt es an einer Zukunft, oder vielmehr an interessierten Ohren. Dir fehlt ein Austausch. Dir fehlt es an Einsamkeit. Dir fehlt es an allem, dabei ist dein Leben doch so voll. Dir fehlt es an Leere. Dir fehlt es an Tiefe." Es sind solche, überaus luzide Sätze, die von grosser Seelenkenntnis zeugen, und mich für diesen Roman begeistern. Und dann diese Perle: "Lächeln ist eine Frage des Willens." Und diese ganz wundervolle Anregung: "Du machst es dem Zufall so leicht wie möglich."

Amédée zieht nach Rom, heiratet, kommt zurück nach Paris, sie treffen sich. Er ist wütend, dass sie ihre Bestimmung, das Komponieren, verraten hat. In der Folge bittet er sie, ein Gedicht, das er für sie geschrieben hat, zu vertonen. Sie stimmt freudig zu. Und fühlt sich nach vollbrachter Tat wie auferstanden.

Natürlich ist dieser Roman auch ein Porträt seiner Zeit, in der ausschliesslich Männer die Pariser Cafés bevölkerten. Die Kirche versucht, Mel unerbittlich in ihre Schranken verweisen, behauptet zu wissen, was ihre Bestimmung sei. Doch mittlerweile erlaubt Mel den sozialen Gegebenheiten nicht mehr, sie einzuschränken. "Du entdeckst, dass der Egoismus auch eine Tugend sein kann." Sie spielt, was ihr einfällt, folgt den Melodien, die ihn ihr sind und durch ihre Fantasie geistern. "Du versuchst nicht, es zu verstehen, es zu bezwingen, auch nicht, etwas nachzuahmen (...) Du willst sein wie du selbst, dem eigenen Rhythmus treu, deinem Gespür."

So berührend Alissa Wenz das Leben der Mel Bonis auch nachzeichnet, dieses Buch ist weit mehr als eine Biografie, die überaus reich an unerwarteten Wendungen ist. 

Zuallererst ist es eine Liebeserklärung an die Musik. "Denn Musik ist Gebet, eine sakrale Sprache, Erinnerung an deine Faszination für Kirchen in der Kindheit." Dann ist dieser Roman aber auch eine einfühlsame Schilderung einer Zeit, in der den Mädchen Bescheidenheit beigebracht wurde, wozu auch das Schweigen gehörte.Treffend beobachtet auch dies: "... während sie sich unterhalten, wie Erwachsene das so tun, ernsthaft und belanglos zugleich."

Die Komponistin ist vor allem eine ganz wundervolle Anleitung, sich selber zu sein, auf sich zu vertrauen, hervorzubringen, was in einem angelegt ist. Ein Meisterwerk!

Alissa Wenz
Die Komposinistin
Roman
Wagenbach, Berlin 2026

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