Sunday, 8 November 2026

Zwischen Australien und Antarktis

Shearwater ist eine kleine Insel zwischen Australien und Antarktis, auf der eine Forschungsstation betrieben wird. Da der Meeresspiegel steigt, soll sie bald aufgegeben werden. Nur noch der Verwalter, Dominic Salt, und seine drei Kinder sind vor Ort, als eine Frau an den Strand gespült wird. Wie sich die Kinder der Frau namens Rowan annehmen (sie stellen keine Fragen; tun, was getan werden muss, um ihr Überleben zu ermöglichen), wird ungemein berührend geschildert.

Rowan ist eine Schiffbrüchige; sie wisse selbst nicht, was sie hier wolle, sagt sie. Dominic hält sie für eine Lügnerin. Sie erkundet die Insel und es zeigt sich, dass sie sehr genau weiss, wo sie an den Strand gespült wurde. Wie Charlotte McConaghy die Insel schildert, besticht durch die einfache, genaue Sprache, die einen veritablen Sog entwickelt und einen regelrecht in die Geschichte hineinzieht. Man wähnt sich mit vor Ort in dieser von Wind und Wasser bedrängten Gegend, den Naturgewalten ausgeliefert.

Dominics Misstrauen gegenüber Rowan hat einen guten Grund. Kurz nachdem der Funk auf der Insel ausgefallen war, tauchte sie in einem Boot auf. Nach und nach erfahren wir auch, dass sie die Frau von Hank, dem Teamleiter auf Shearwater, ist, der sie hatte wissen lassen, dass er Hilfe brauche. Hank habe zusammen mit den anderen Forschern die Insel verlassen, sagt Dominic, doch Rowan entdeckt Hinweise, die das unwahrscheinlich erscheinen lassen. Wurde Hank ermordet?

Rowan will weg von der Insel, was Dominic nur recht ist, denn ihre Ankunft löst ganz Unterschiedliches aus, mit dem schwierig umzugehen ist. Besonders der Jüngste von Dominics Kindern, der neunjährige Orly, sehnt sich nach seiner vor neun Jahren verstorbenen Mutter und so hängt er sich an Rowan.

Dominic: "Ich will sie hier nicht haben, ich traue ihr nicht, aber ich muss mich trotzdem um sie kümmern." Das ist so in etwa das Leitmotif dieses Romans. Nicht, was man will bzw. möchte, muss unser Leben leiten, sondern das, was unsere Situation erfordert. Es ist überaus eindrücklich, wie Charlotte McConaghy diesen Gedanken ausführt

Wir leben in Zeiten des Klimawandels. Davon haben wir zumeist eine bestenfalls recht abstrakte Vorstellung. Die Rettung schafft es hervorragend, diesen Wandel mit von Worten ausgelösten Bildern zu konkretisieren. "Unterwegs fällt mir auf, wie sehr der Strand sich mit dem steigenden Meeresspiegel verändert hat  – die See hat sich grosse Bissen Land geholt. Zahlreiche Felsen sind fort, weggespült vom Sturm. Die Küste sieht völlig anders aus als bei unserer Ankunft vor acht Jahren."

Berührend ist vor allem, wie einfühlsam die sich entwickelnden zwischenmenschlichen Beziehungen geschildert werden (alle sind ausgesprochen selbst-reflektiv), genauso wie die realistische Darstellung der Tiere. "Einer (der Königspinguine) watschelt mir direkt vor die Füsse und sieht mich an, als wollte er fragen, was ich hier will  – oder einfach hallo sagen. Ich erwidere den Blick, will wortlos mit ihm kommunizieren, ihn wissenlassen, wie schön ich ihn finde, aber er verliert das Interesse und wackelt davon."

Die Rettung ist ein hochkarätiger Klima-Triller, spannend (inklusive einem dramatischen Finale) und erhellend, der den Klimawandel nachvollziehbar bzw. spürbar zu machen. "Sie hat schon viele tote Robben gesehen und empfindet dabei jedes Mal aufs Neue Trauer – und spürt, wie egal der Natur Dinge wie Fairness und Würde sind. Sie spürt, dass die Welt kein Mitleid mit Tieren hat. Sie sieht ja, wie sie einander zerfleischen, sich gegenseitig auffressen. Irgendwie hat sie immer geglaubt, für Menschen gelte das nicht. Jetzt weiss sie, dass das ein Irrtum war." 

Fazit: Packend und lehrreich; ein aussergewöhnlicher Roman!

Charlotte McConaghy
Die Rettung
Roman
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2026

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