Wednesday, 18 November 2020

Wie Blazenka mich sieht




Im Jahre 2006 hat die Fotografin Blazenka Kostolna (wir kennen uns seit Anfang der 1990er Jahre) beschlossen, mich zu ihrem Foto-Projekt zu machen. Seither macht sie fast alljährlich Aufnahmen von mir. Eine Auswahl der neuesten, für einmal in Schwarz und Weiss, finden sich hier abgebildet; sie sind in Zürich, auf der Allmend Brunau, entstanden, am 7. November 2020.

Wednesday, 11 November 2020

Die Kunst, sich zu verlieren

Unsere Corona-Zeiten haben mir wieder einmal vor Augen geführt, wie schlecht wir mit Unsicherheiten umgehen können. Das Unbekannte ist uns generell eher unheimlich, wir versuchen ihm auszuweichen so gut es eben geht. Wir wollen uns nicht verlieren, ganz im Gegenteil, uns ist es um Sicherheit zu tun. Und obwohl wir wissen, dass alles im Leben so recht eigentlich unsicher ist, streben wir trotzdem nach Sicherheit. Kein Drang ist ausgeprägter.

Nicht alle wollen sich ihm einfach so unterwerfen. John Keats etwa fragte sich, was einen Mann bedeutsam mache und kam zum Schluss: "wenn jemand fähig ist, das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen, ohne alles aufgeregte Greifen nach Fakten und Verstandesgründen." Zugegeben, ich bin überhaupt nicht so, doch nichts finde ich als Wegweiser attraktiver.

Für Virginia Woolf war das Sich-Verlieren nicht nur ein leidenschaftlicher Wunsch, sondern eine dringende Notwendigkeit, "niemand und jeder zu werden, die Ketten abzuwerfen, die einen daran erinnern, wer man ist, wer man anderen zufolge ist." In der Gegenwart zu sein, bedeutet sich von seinen Konditionierungen zu befreien. Gemäss Walter Benjamin "bedeutet sich verirrt zu haben, völlig gegenwärtig zu sein, und völlig gegenwärtig zu sein heisst, es auszuhalten im Ungewissen und Unergründlichen.

Rebecca Solnit hat sich mit Outdoorexperten unterhalten, hat sich in der Geschichte kundig gemacht. "Verirrt zu sein, halfen mir meine Gesprächspartner zu verstehen, war hauptsächlich ein Geisteszustand, und das trifft auf all die metaphysischen und metaphorischen Verirrungen genauso zu wie auf das Herumstolpern in irgendwelchen entlegenen Gegenden."

Sokrates meinte übrigens: "Man kenne bereits das, was  unbekannt zu sein scheint; man sei bereits hier gewesen, allerdings nur als jemand anderes." Das erinnert mich an Empedokles, der einen universellen Kreislauf der Dinge postuliert, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt." Demnach, dies schliesse ich daraus, wäre alles, restlos alles schon immer dagewesen – wir haben es nur nicht gesehen.

Rebecca Solnit erzählt die Geschichte des spanischen Konquistadoren Cabeza de Vaca, der 1527 von Florida aus das Landesinnere erkundete und in der Autorin den Gedanken weckte, man wäre gut beraten die Fähigkeiten des Spurenlesens, des Jagens, des Sich-Zurechtfindens zu erlernen. Und sie berichtet vom Zusammentreffen mit einem Franziskanerpater, als sie im Great-Basin-Nationalpark im Schatten ihres Pick-ups lag und die 'Göttliche Komödie' las. Und sie beschreibt ihre erste Wüste, die nördlich vom Death Valley liegt, und sie das Schreiben lehrte.

Ihre vielfältigen Assoziationen sind es, die diese Essays für mich faszinierend machen. So bringt sie in 'Das Blau der Ferne' unter anderem die Kartografie ( "... die Selbstzufriedenheit, die die Vorstellung begleitet haben muss, dass die Welt, wie es der englischen Seefahrtsbegiff ausdrückt, 'encompassed' war, das heisst in allen Richtungen der Kompassnadel von Wasser eingefasst, entspricht wohl unserer eigenen Selbstgefälligkeit, die es äusserst unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass man auf heutigen Weltkarten die Wörter 'terra incognita' findet.")  mit Yves Klein zusammen, der 1957 "mit seinem tiefen, elektrischen Blau einen Globus" bemalte und damit eine Welt schuf, "auf der es keine Trennung zwischen verschiedenen Ländern gab, oder zwischen Wasser und Land, als sei die Erde selbst zum Himmel geworden ...".

Fazit: Horizonterweiternd, anregend und hilfreich.

Rebecca Solnit
Die Kunst, sich zu verlieren
Ein Wegweiser
Matthes & Seitz Berlin 2020

Wednesday, 4 November 2020

The artist called nature (2)





Santa Cruz do Sul, 22 Fevereiro 2018

Wednesday, 28 October 2020

Expedition Arktis

Keine Frage, der Forschungsdrang des Menschen ist grenzenlos, in so ziemlich jedem Sinne des Wortes. Was uns genau aus dem Haus und Richtung Mond und Mars treibt, wüsste ich nicht zu sagen, doch dass wir erkunden wollen, wo wir eigentlich leben, wie "unser" Planet ausschaut und unter was für Bedingungen Leben eigentlich möglich ist, ist naheliegend, wenn auch ziemlich weit entfernt vom gewohnten Alltag.

"Die grösste Forschungsreise aller Zeiten" lautet der Untertitel von "Expedition Arktis" der Fotografin Esther Horvath mit Texten von Sebastian Grote und Katharina Weiss-Tuider. Dokumentiert wird wie sich ein internationales Forscherteam in das Epizentrum des Klimawandels aufmachte, "um die Klimaprozesse der Zentralarktis im Jahresverlauf zu untersuchen." Markus Rex, der Leiter der MOSAIC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of the Arctic Climate) schreibt im Vorwort: "Wir brauchen solide wissenschaftliche Grundlagen, um die anstehenden politischen Entscheidungen zum Klimaschutz treffgenau und evidenzbasiert gestalten zu können (...) Nur so können unsere Gesellschaften auf fundierten Erkenntnissen beruhende Entscheidungen treffen."

"Die Vermessung einer schwindenden Welt" ist eine aufwendige Sache, die umfassenden Vorbereitungen fanden auf Spitzbergen statt, das auf halber Strecke zwischen Norwegen und dem Nordpol liegt und sich seit Anfang der 1990er-Jahre, als Markus Rex zum ersten Mal da war, sehr gewandelt hat: "Wir sind in diesen Jahren oft mit Skiern oder Schneemobilen auf dem Eis unterwegs gewesen. Wenn ich heute zur selben Jahreszeit an diesen Ort komme, stehe ich vor offenem Wasser."

Apropos Vorbereitungen: "Insgesamt 500 Tonnen Fracht wird die Expedition mitnehmen – von schwerem Gerät wie Pistenraupen bis hin zu einer Vielzahl an Schrauben." Die Dimensionen dieses Unternehmens erahnt man auch, wenn man die Fotos betrachtet, von denen viele bei Nacht gemacht wurden (die Polarnacht dauert sechs Monate)  – eine besondere Herausforderung, welche Esther Horvath überzeugend gemeistert hat. Was die Fotos nicht leisten können, vermitteln die aufschlussreichen Texte.

"... versetzt die Anziehungskraft des Erdtrabanten das Eis immer wieder in Bewegung. Durch ein plötzliches Krachen und Knarzen kündigt es sich oftmals an, gefolgt von Poltern und Bersten, auch Kreischen und Stöhnen. Wo gerade noch scheinbar massive Eisebenen ruhten, tun sich innerhalb weniger Minuten Risse auf, brechen Eisfelder und driften auseinander. Andernorts schieben sich unter der Macht des Vollmonds die Eismassen zu gewaltigen, meterhohen Presseisrücken zusammen. Minutenlang donnern diese Bewegungen des Eises durch die Dunkelheit, sie zerren und drücken auch am Rumpf der Polarstern und bringen das Schiff zum Dröhnen. Dann verfällt die Arktis wieder in eisige Stille – und eine von den Naturgewalten umgestaltete Welt liegt vor den Augen der Forscher und Forscherinnen."

"Expedition Arktis" ist Dokumentarfotografie vom Feinsten und das meint: Fotos und Text gehören zusammen, sie ergänzen sich. Neben den informativen Bildlegenden und den thematisch gegliederten Texten (etwa über die Nacht und über den Alltag) findet sich auch ein Gespräch mit der Fotografin in diesem eindrücklichen Band, worin sie unter anderem ausführt, wie sie beim Fotografieren vorgeht. "Bei jedem Bild habe ich zunächst eine Geschichte im Kopf. Dazu recherchiere ich vorher und spreche viel mit den Menschen. Ich weiss, wann ich warum auf den Auslöser drücke und was ich damit erzählen will."

Die mich am meisten beeindruckenden Aufnahmen zeigen die weiten Meereislandschaften, doch das Bild, das mir am stärksten eingefahren ist, stammt nicht von einer Fotokamera, sondern entstand in meinem Kopf, als ich Esther Horvaths Schilderung dieser Erfahrung gelesen habe, "... auf dem Meereis zu stehen und sich bewusst zu werden, dass unter uns ein mehrere Kilometer tiefer Ozean ist. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Es lässt sch kaum beschreiben."

Ein grandioses Werk, das einen das Staunen lehrt!

Esther Horvath, Sebastian Grote, Katharina Weiss-Tuider
Expedition Arktis
Die grösste Forschungsreise aller Zeiten
Mit einem Vorwort von Markus Rex
Prestel, München-London-New York 2020

Wednesday, 21 October 2020

Das Klischee des Engländers

Als ich noch jünger war, war das Klischee des Engländers – sofern es sich nicht gerade um den Sänger der Rolling Stones handelte – ein hagerer, dürrer Mensch mit Melone und Regenschirm, der sogenanntes Queen's English sprach und eine unerschütterliche Contenance an den Tag legte, die weltweit einzigartig war.

Der damalige Engländer war ein Produkt diverser Weltkriege und der harten Nachkriegszeit, während er heutzutage das Resultat einer modernen Überfluss- und Fast-Food-Gesellschaft ist, in der eine Diät aus Pommes frites, Chips, Speckschwarten und literweise Bier am Tag für eine kräftige, konstant übergewichtige Bevölkerung sorgt. Und von Contenance war keine Rede mehr, seit die ersten Fussballhooligans quer durch Europa reisten, Läden zu Kleinholz machten und in Springbrunnen pinkelten.

Mats Olsson: Demut

Wednesday, 14 October 2020

Self Evident Truths

“In the spirit of Richard Avedon, this book contains striking photographic portraits of 10,000 people from across the US, bringing readers face to face with LGBTQ America,” the press release lets me know. Patrisse Cullors, “the cofounder of several organizations including Dignity and Power Now, The Crenshaw Dairy Mart, and Black Lives Matter” characterises this book as “the largest collection of photographs of queer, trans and non-binary people – 10,000 beautiful images that capture us in all our complexity, our honesty, our raw selves.”

Well, I do not think that photographs can do what Patrisse Cullors claims they do. What she sees in them is what she brings to them. As far as I’m concerned photographs are inherently incapable of showing complexity, or honesty, or raw selves.

So what do I see in these photographs? Portraits of different people posing in a variety of ways against a black background. Some smile, some don’t, all try, I assume, to show themselves in what they consider a favourable pose. The vast majority of the pics are very small, some are presented in a larger format. Had I not been told that I’m looking at LGBTQ America I would have neither known nor guessed it; I would have simply seen fellow human beings.

For the full review, see here

Wednesday, 7 October 2020

Framing "my" surroundings (2)




Santa Cruz do Sul, Janeiro 2019