Sunday, 4 October 2026

Bellegarde sur Valserine & Valence

 Von Annemasse kommend ist mein erster Stopp Bellegarde-sur-Valserine, das an der Strecke nach Lyon liegt, ich bislang nur aus dem Zugfenster kenne und noch nie attraktiv gefunden habe. Warum ich hier einen Zwischenstopp mache, ist mir selber nicht so klar, doch hatte ich keine Lust einen ganzen Tag im Zug zu verbringen, und in etwa so lange dauert die Fahrt von Sargans nach Valence. Die Stadt enpuppt sich dann als weit grösser als ich gedacht hatte. Und auch ansprechender, als ich mir vorgestellt hatte.

Das Hotel liege etwas zweieinhalb Kilometer vom Bahnhof, also rund 30 Minuten Fussmarsch. Die Leute, die ich unterwegs nach dem Hotel frage, schütteln alle den Kopf: Viel zu weit. Doch ich habe Zeit und nichts anderes zu tun, und so laufe ich. Und verlaufe mich. Schlussendlich brauche ich eine gute Stunde, um hinzukommen, den letzten Abschnitt im Auto. Und das kam so: Ein junges Paar arabisches Herkunft (sie sass am Steuer und entschied, er sass neben ihr und führte ihre Anweisungen aus), das ich um Auskunft gefragt hatte, als es gerade von einem Parkplatz wegfahren wollte, sagte, ich solle einsteigen, sie würden mich hinbringen.

Er sei aus Algerien, sagte der Hotelangestellte (er war so um die dreissig), habe sich aber mit seiner Frau in Frankreich niedergelassen. Er habe immer sehr gemischte Gefühle, wenn er seine Verwandten in Algerien besuche. Er sei dann der mit den Euros. Überhaupt die heutige Welt. Derart materialistisch, dass wohl kaum ein Zurück möglich sei. auch gebe es bald keine Mittelklasse mehr, nur noch Reiche und Arme, nichts dazwischen. Als ich anmerke: Dass mit KI das Denken abgestellt wird, treibt die Dummheit noch weiter voran, nicht er nur.

Als ich mich am nächsten Tag wiederum zu Fuss zum Bahnhof aufmache und im ersten Abschnitt (den ich nicht in Erinnerung hatte, denn da war ich hinten im Auto gesessen) nach dem Weg fragte, erhielt ich so komplizierte Anweisungen, dass ich mich wiedereinmal fragte, was wohl in den Köpfen der Leute vor sich ging. Wer sich nicht klar ausdrücken kann, hat nicht klar gedacht, habe ich den Spezialisten für Haftpflichtrecht, Professor Karl Oftinger, im Kopf. Und genau so ist es auch. Schliesslich frage ich einen Mann, der sich als Maurer entpuppt, und in dieselbe Richtung geht. Sein Vater sei schon Maurer gewesen, Arbeit habe er immer genug, er arbeite selbstständig, sich unterzuordnen sei nicht so sein Ding. Es ist eine wahre Freude, in seiner Begleitung Richtung Stadtzentrum auszuschreiten und uns einfachen praktischen Fragen zu widmen.

Ich brauchte diesmal eine gute halbe Stunde bis zum Bahnhof, der Zug stand schon bereit. In Greg Iles, La Femme au portrait, las ich: "Stop! dit une voix dans ma tête. Celle de mon père. Oublie les questions! Qu'est-ce que tu devrais faire, maintenant?" In Chambéry erhielt ich Gesellschaft von zwei jungen Frauen aus Paraguay, die sich im Flieger kennengelernt hatten (die eine im Sekretariat einer Uni tätig, die andere im eigenen Geschäft) und jetzt zusammen reisten. Nach Avignon der Geschichte und Kultur wegen (die Päpste), dann nach Barcelona, Madrid, Brasilien und wieder nach Hause. Wohin in Brasilien? Guarulhos (so heisst der der grösste Flughafen von São Paulo).

Sie sprechen kein Französisch, wissen sich jedoch bestens zu orientieren. Was ich studiert habe? will die Geschäftsfrau wissen. Zuerst Jura, sage ich, als sie mich unterbricht. Das habe sie sich gedacht, lacht sie, mein ganzer Habitus, wie ich argumentiere ... Und ich staune wieder einmal, wie ich wahrgenommen werden kann ...

Wie viele Sprachen ich spreche? Sprechen sei übertrieben, verstehen treffe es besser, erwidere ich, da sich nicht wenige der Sprachen, die ich einst gelernt hatte, verselbstständigt hätten und sich in meinem Kopf zu etwas vermischten, das wohl eine Mischung aus Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch sei. Mein Spanisch habe einen italienischen Einschlag, sagt jetzt die Geschäftsfrau, was mich an Brasilien erinnert, wo nicht wenige mir einen spanischen Einschlag attestieren, wenn ich Portugiesisch zu sprechen vermeine.

Valence, am Morgen des  31. Juli 2026

Ich spaziere durch die Stadt, der Rhone entlang zum Hafen, sitze in Parks und Cafés, fotografiere, lese - das Übliche, und doch immer wieder anders. Es fühlt sich an wie Frankreich sich eben anfühlt. Leicht und schön. Wobei ich nicht die allüberall zur Schau gestellte Grandeur de la France meine, die ganz offensichtlich Respekt fordert.

In diesen Tagen ist es aussergewöhnlich heiss, bis 38 Grad, der Wind ist angenehm. Einmal landete ich in einer Vorortgegend, durch die ein Bach floss, dessen baumbestandenes Ufer sehr idyllisch wirkte. Momente emotionaler Trunkenheit, enorm berührend.

Abseits vom Zentrum, in den Seitenstrassen, wo alles gewöhnlich und deswegen speziell für mich ist, fühle ich mich präsent. Und erinnere mich an meine langen, meditativen Spaziergänge in japanischen und südkoreanischen Städten. Insbesondere Kyoto und Seoul gehen mir gerade durch den Kopf.

In einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu sein, bedeutet nicht, dass man auch geistig ist, wo man physisch ist. Woher die verschiedenen Filme herkommen, die in meinem Kopf ablaufen, als ich durch die Strassen von Valence spaziere, ist mir unerfindlich. Heute prominent war der Gedanke, dass mein Leben so recht eigentlich gekennzeichnet war von: Ich will nicht. Viele meiner beruflichen Tätigkeiten übte ich gerne aus, gab sie dann aber doch auf. Irgendetwas schien zu fehlen, lehnte sich auf. I´d rather not. Warum ist keine Frage, die mich heutzutage noch gross umtreibt.

Eine Fernsehdokumentation über Solschenizyn, dessen Archipel Gulag André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy bewog, sich vom Sozialismus/Kommunismus, mit dem sie (und viele andere sogenannt Fortschrittliche) bis dahin geflirtet hatten, radikal loszusagen.

Ich überquere einen Fussgängerstreifen, als mir ein Autofahrer etwas zuruft. Ich beachte ihn nicht. Kurz darauf, beim Überqueren eines anderen Fussgängerstreifens, ruft mir eine Automobilistin durch das offene Fenster etwas zu, von dem ich automatisch annehme, sie wolle sich orientieren. und so verwerfe ich die Hände, damit andeutend, ich wisse es nicht, würde mich nicht auskennen..Erst dann sinkt in mein Hirn ein, was sie gesagt hat: Votre sac à dos est ouvert. Und genau so war es. Schon verblüffend, wie unser Leben durch (oft falsche) Annahmen gesteuert wird.

Ein Satz von Charles Bukowski geht mir durch den Kopf: Die Leute würden sich übertrieben wichtig nehmen. Alle. Und für mich gedacht: Die Bedeutung, die wir allem und jedem verleihen, ist bodenlos dumm. Darin bestätigt fühle ich mich, als ich mir am Abend eine Fernsehsendung mit drei Intellektuellen anschaue, die sich zum Klima äussern, worüber alle drei Bücher verfasst haben. Der Mensch wisse zwar um die Gefahren, tue aber nichts, um sich davor zu schützen. Es gelte, ihn intelligent zu motivieren. Sie argumentierten eloquent, deckten damit allerdings mehr zu als dass sie erhellten. Das Argumentieren wichtig zu nehmen, bedeutet, sich vom Handeln abzuhalten. Wir wissen in der Regel, was wir wissen müssen, um anständig durchs Leben zu gehen (und so recht eigentlich ist alles andere unwichtig). Argumentieren, debattieren und diskutieren ist meistens nur eitel: Schau mal, was ich alles weiss. Ich weiss mehr als du. Und vor allem: Ich habe recht. Ganz so, als ob dies das Universum kümmern würde.

To act your way into a new way of thinking ist bei weitem die beste praktische Philosophie, die ich kenne.

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