Wednesday, 21 October 2026

Frühe Fotografien von George Harrison


Im Vorwort zu diesem eindrucksvollen Zeitdokument, schreibt Olivia Harrison: "Ich bewunderte, wie er sich der Hast verweigerte." Das beschreibt auf recht einzigartige Weise auch das Wesen der Fotografie, allerdings nicht die Pressefotografie, und auch nicht  die Sportfotografie oder die Paparazzis. Fotografie als Meditation.

Überaus treffend fasst Colm Tóibín in seiner Einleitung zusammen, wovon dieser Band handelt: "Diese Bilder zeigen die Beatles in der Zeit ihres aufkeimenden Ruhms. Weitwinkelaufnahmen wechseln sich mit intimen Porträts ab; dichte Publikumsszenen weichen endlosen australischen Landstrassen, amerikanischen Cabriolets mit offenem Verdeck und einladenden Swimmingpools. Wenn Ringo eine Zeitung liest, dann weil mit ziemlicher Sicherheit ein Artikel über ihn und seine Freunde drin steht. Alles strahlt Neuheit und Frische aus. Wenn posiert wird, dann legt John Lennon eine ausgelassenen Miene an den Tag. Paul McCartney wird beim Rasieren fotografiert: ein paar Mal wirkt er in sich gekehrt und nachdenklich. Ringo Starr zeigt seine Zähne. Die vier Liverpooler Jungs sind plötzlich zu vier Cowboys geworden. George, mit seinem breitkrempigen Hut, hat allen Grund, stolz auf sich zu sein, Ihm gebührt der Preis für den umwerfendsten Typ unter den vier."

Eine Zeitreise bzw. Ausschnitte einer Zeit, die vom Aufbruch gekennzeichnet war. Etwas gänzlich Neues begann sich Bahn zu brechen, so glaubte man jedenfalls. Heute weiss man, dass damals vieles aufgebrochen ist, die alte Ordnung nach und nach einer neuen weichen musste, die sich letztendlich jedoch genauso von Geld und Eitelkeit dominiert wird, wie das schon immer war. Und angesichts der menschlichen Natur auch so bleiben wird.

"Alle Welt nutzte die Beatlemania als Vorwand, um durchzudrehen – und schob die Schuld auf uns. Aber wir sassen einfach nur im Auto oder im Hotelzimmer und konnten wirklich nicht viel tun – wir konnten nicht einmal nach drausen gehen." Es sind solche Aussagen, die mir diesen Band vor allem wertvoll machen. Und die Bilder? Nahm ich eher als supporting act wahr.
"Ob mit oder ohne Kamera – George wollte das Leben in seiner ganzen Fülle erfassen.", so Olivia Harrison. Doch war er ein talentierter Fotograf? Schliesst man von den Fotos in diesem band (nicht alle stammen von ihm, auf nicht wenigen ist er selber zu sehen), wurden fotografischen Kriterien (Ausschnitt, Licht und Schatten, Hintergrund etc.) wenig Bedeutung geschenkt, der Enthusiasmus, die Fülle der Szenen und Sujets, der Hunger nach dem Festhalten des Augenblicks ist definitiv ausgeprägter. Und was würde sich dazu besser eignen als Schnappschüsse?

Dieser schön gestaltete Band ist überaus reich an Anekdoten. Um den Fans zu entgehen, verbrachten die Beatler auch einige Tage auf der Pigman Ranch in in Missouri. Das war 1964. Um die Ranch zu erreichen, mussten sie in ein kleines Flugzeug steigen, das von Reed Pigman, Ihrem Gastgeber, persönlich geflogen wurde, was George mit einer Nahtoderfahrung verglich. Reed kam ein paar Jahre darauf beim Absturz eines Flugzeugs, das er selber pilotierte, ums Leben, zusammen mit 83 von insgesamt 96 Passagieren. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten und während Jahren die Behörden über seinen fragilen Gesundheitszustand getäuscht.
"Ich habe jetzt diese Fischaugenobjektiv –  durch das sieht alles total verrückt aus!" Die Kamera lässt George die Welt neu entdecken, seine Begeisterung ist spürbar.. Er ist keine Fotoprofi, er ist ein Amateur –  und sieht deswegen die Welt unverfälschter, nicht durch eine vorgefertigte Brille.

Und dann entdeckt er Indien. "Indien ist einfach unglaublich. Man geht die Strasse entlang und sieht einen Bus, ein Taxi, ein Fahrrad, ein Huhn, eine Kuh, jemandem im Anziûg mit Aktentasche, einen ergrauten Sannyasin in einer safranfarbenen Robe – alles durcheinander: Schichten von Geräuschen und Farben, reizüberflutend. Ich hatte das Gefühl, in die Vergangenheit zurückgereist zu sein."

George Saunders weist in seinem Nachwort auch auf eine weitete Entdeckung George Harrisons hin: Die Meditation, über die er damals seiner Mutter schrieben: "Es ist so einfach, dass es jeder tun kann –  man fügt es einfach seinem Leben hinzu und muss auf nichts verzichten, denn es ist der Vorgang diesen Zustand zu erreichen und dann wieder herauszukommen, der ihn (den reinen Zustand des SEINS) in den Geist einfliessen lässt." George Saunders hat sich davon inspirieren lassen und meditiert heute selber.
Beim Betrachten dieser frühen Fotos hat man unwillkürlich den Eindruck: Das sind ja ganz normale junge Männer, die vier Beatles. Liest man dann aber die Texte, wird einem bewusst, dass sie ein derart unnormales Leben führten (führen mussten), dass man sich gelegentlich fragt, ob das ihnen auch gut getan hat. In London zu leben ging nicht, da die Haustüre belagert wurde, und sie nur auf die Strasse treten konnten, nachdem die Poilzei ihnen den Weg freigemacht hatte. Sicher, sie hatten auch Privilegien. So rasten sie etwas auf den Bahamas mit kleinen Sportwagen durch die Gegend, ohne von der Polizei behelligt zu werden, "da die gesamte örtliche Polizei im Film mistpielte." (Help! hiess der Film). Doch wer will bloss ein Leben unter Polizeischutz führen?

Es finden sich in diesem Band  200 Fotografien, die die Beatles auf ihren Tourneen und in ihrer Freizeit zeigen. Olivia Harrsion macht uns dabei auch auf oft Übersehenes aufmerksam. "Wie weit wir den Verschluss einer Kamera öffnen, ähnelt unseren ureigenen Entscheidungen, Licht in unser Leben zu lassen. Wir können weder Bilder in der Dunkelheit aufnehmen noch in ihr leben." Damit erinnert sie uns implizit auch an René Magrittes Ceci n'est pas une pipe, womit er unterstrich, dass das Bild einer Pfeife keine Pfeife sei. Anders gesagt: Fotos sind Fotos, sie sind nicht die Wirklichkeit. Und doch scheinen sie genau dies zu tun ....

George Harrison
The Third Eye
Frühe Fotografien
Prestel, München, London, New York 2026

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