Der Titel, Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben, ist genial, denn dieser Aufbruch ins Leben, ist genau das, was Hermann Hesse dem jungen Hilmar Klute ermöglichte. Der früheste Türöffner war Hesses Bibliothek der Weltliteratur, mit deren Lektüre ich ähnliche Gefühle verbinde wie Autor Klute. "Er will uns die Welt nicht erklären, er will uns die Welt zeigen am eigenen Beispiel,"
Wenn Hilmar Klute, Jahrgang 1967, heutzutage in alten Hesse-Ausgaben liest, fühlt er manches von dem, was ihn als jungen Leser ergriffen hat. Das liegt einerseits an "der Empathie und dem Lebensernst", die Hesses Haltung und seine Bücher ausmachen, dann aber auch am Eigensinn, den er so eindrücklich pries. "Der Mensch, der einmal den Mut zu sich selber gefühlt und die Stimme seines eigenen Schicksals gehört hat, dem ist an Politik nicht das mindeste mehr gelegen, sie sei nun monarchisch oder demokratisch, revolutionär oder konservativ! Ihn kümmert anderes!" Besser geht schlicht nicht!
Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben ist keine der üblichen Hesse-Biografien (unter der zitierten Literatur figuriert Hesses Werk prominent, die Sekundärliteratur nur spärlich), sondern ein erfeulich persönliches Buch über Hilmar Klutes Hesse. Über Peter Camenzind notiert er unter anderem. "Und dann geht der Kampf los; die grossen Mühen, nicht stehen zu bleiben, nicht im Gegebenen zu verharren, treiben den Roman voran." Aufbruch also, jedoch kein Vorwärtsstürmen. "Aufbruch ist bei Hermann Hesse auch immer wieder Rückzug und Abkehr von der Welt."
So recht eigentlich macht Hilmar Kulte in diesem Werk genau das, was auch Hesse gemacht hat. Er führt uns ein in seine Hesse-Welt, am eigenen Beispiel. Wir erfahren also, was die Hesse-Lektüre bei ihm auslöst. Und da er in einem sogenannt bildungsfernen Haushalt grossgeworden ist, ist auch seine Prägung ein andere als die des mit Büchern aufgewachsenen Hesse. "Das arme, herbe Leben mag er selbst auch ein bisschen erfahren haben, aber es war mehr oder weniger frei gewählt und hatte den Beiklang von Folklore. Seine Askese war nicht dem Mangel geschuldet, sondern dem Überdruss...".
Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben ist auch eine Einführung in Hesses Werk, wobei sich Hilmar Klute auch mit der Kritik an Hesse auseinandersetzt, dem etwa vorgeworfen wurde, er sei kitschig. Er vermutet, "dass diejenigen, die bei Hesse Kitsch vermuten, eine gewisse Scheu vor dem Wagemut dieses Schriftstellers haben. Denn es gehört eine grosse Portion Kühnheit dazu, Gefühle und Begierden, Depressionen und Zweifel dergestalt in Worte zu fassen, dass diese Worte zu Instrumenten der Ertüchtigung werden." Oder aber einen ausgeprägten Sendungsdrang.
Auch die Germanistik hat offenbar Mühe mit Hesse. "Ein Schriftsteller, dessen Romane, Gedichte und Essays nicht nur die Geheimnisse der Kunst in unablässigen Reflexionen spiegeln, sondern den Lesern zurufen, aus ihrem Lesen, ihrer Liebe zu Wörtern und Gedanken auch einen Nutzen für ihr eigenes Leben zu ziehen, womöglich Trost und Aufmunterung zu gewinnen – so einer muss den konventionellen Interpreten verdächtig bleiben." Genau das ist es auch, was Hesse meines Erachtens vor allem bei jugendlichen Sinnsuchern so prominent macht, da es hier nicht um die abgehobene, alltagsferne Literatur geht, die allzu oft um sich selbst kreist, sondern um Orientierungshilfe in einer rätselhaften Welt..
Thomas Carlyle wird der Satz zugeschrieben: The best effect of any book is that it excites the reader to self activity. Ein Satz, der für mich auch auf Hesses Bücher zutrifft. Auch damit, so stelle ich mir vor, wird die Germanistik wohl wenig anfangen können. Und ich nicht mit der Germanistik, und generell mit all den Analysen, Betrachtungen und Interpretationen, die für das reale Leben meist folgenlos bleiben, auch wenn nicht wenige (zu meinem nicht gelinden Erstaunen) damit ihr Leben zu bestreiten vermögen.
In Hilmar Klutes Jugendzimmer hing eine Foto von Hermann Hesse an der Tapete. "Ich wollte den Schriftsteller, der mich zum Lesen und zum Nachdenken über mich und die Welt gebracht hatte, jeden Tag vor mir haben." Auch seine Stimmer wollte er hören, besorgte sich eine Schallplatte, auf der man zwei Texte zu hören bekam. Der junge Hilmar war enttäuscht, die Stimme schien ihm "so greisenhaft und so getragen", und er fragte sich, "ob Hesse auch im Gespräch mit Freunden in derart pastoralem Ton geredet hat." Das Pastorale, so scheint mir, ist Hesse schon auch eigen. Und irritiert mich auch immer mal wieder.
Neben Eugène
Ionesco ist Hermann Hesse so ziemlich der Einzige, dessen Einischten für mich seit meiner Jugend Gültigkeit haben. "Meine Freunde und Feinde wissen und tadeln es längst: Ich habe an vielen Dingen keine Freude und glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube nicht an die Idee des Fortschritts, ja nicht einmal an die Demokratie, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten 'Führer', während ich vor dem, was man so 'Natur' nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe."
Zu den wohl besten Gründen, heute zu Hesse zu greifen, gehört Hilmar Klutes kluge Einschätzung: "Ich lese Hesses Texte heute mehr denn je als Gegengift auch zu den Aufregungen unserer Zeit. Sie sind Appelle an die Vernunft, Einladungen, der Besonnenheit den Vorzug vor der Hysterie zu geben.." Nichts, was uns Heutigen notwendiger wäre.
Fazit: Ein Juwel, ungemein einsichtsvoll, überaus hilfreich, von praktischer Relevanz.
PS: Die Aussage, es gebe Fotos von Hesse beim "Nacktklettern am Walensee bei St. Gallen", gehört dahingehend korrigiert, dass der Walensee keineswegs bei St. Gallen, sondern im Kanton St. Gallen liegt. Leute wie ich, die in der Nähe wohnen, wissen das.
Hilmar Klute
Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben
C.H. Beck, München 2026


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