Wednesday, 7 October 2026

Die Welt aus der Kinderperspektive

Die Erzählerin dieser Geschichte, Joséphine ("Es heisst, ich würde die Dinge zu schnell verstehen. Ich sehe nicht, wo das Problem liegt, aber anscheinend ist es eins.") besucht zusammen mit fünf Klassenkameraden eine Förderschule ("Eine Förderschule ist eine Schule, wo die Kinder hingehen, die nicht auf die anderen Schulen gehen."), als an einem nicht ganz normalen Montag Feuerwehrautos vor der Schule stehen. Es habe eine Überschwemmung gegeben, wird den Schülern mitgeteilt. Ihre Lehrerin, die bezaubernde Mademoiselle Jennings, ist untröstlich. Der Direktor versucht, sie auf andere Gedanken zu bringen. "Statt sie auf andere Gedanken zu bringen, hätte er lieber mal die Leitung in Ordnung bringen sollen, die unsere geliebte Schule unter Wasser gesetzt hatte."

Es ist die Sprache, der Rhythmus, der Ton (ces't le ton qui fait la musique), die mir dieses Werk sympathisch machen. Das ist bemerkenswert, handelt es sich doch um eine Übertragung aus dem Französischen. Dafür verantwortlich zeichnet Isabelle Toppe.

Da die Ausführungen des Feuerwehrchefs, jemand hätte vergessen, die Wasserhähne zuzudrehen, die Kinder nicht überzeugen, beschliessen sie, selber herauszufinden, wer die Schule unter Wasser gesetzt hat. Und sie finden es auch tatsächlich heraus, mit Hilfe einer Krimiaffinen Grossmutter und eines aus dem Krankenhaus entflohenen Polizisten

Kindermund hat Gold im Mund, heisst es bekanntlich. Und Joël Dicker führt dies an zahlreichen Beispielen vor, witzig und clever. Ob man im Auto Schimpfwörter sagen dürfe? Nein, belehrt der Polizist die Kinder. "Wir haben gezittert, weil all unsere Eltern im Auto Schimpfwörter sagen. Und Thomas hat erzählt: 'Mein Vater sagt eine Menge Schimpfwörter, wenn er fährt. Maman meint, dass er wahnsinnig wird, sobald er das Lenkrad anfasst.'"

Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo ist eine überaus amüsante Geschichte über die Erwachsenenwelt aus der Kinderperspektive, die unter anderem auf die eigenartige Verkehrsregel aufmerksam macht, dergemäss die Fussgänger angehalten sind, sich vor dem Überqueren der Strasse zu vergewissern, ob die Bahn frei sei. Und nicht etwas die Autofahrer.

"Dürfen Blinde eine Fahrbahn überqueren?", habe ich den Fahrer gefragt.

"Äh, ja ..."
"Und dürfen Blinde Auto fahren?"
"Nein."
"Na bitte! Um die Strasse zu überqueren, muss man nicht sehen können, aber beim Fahren muss man sehr wohl schauen."

Die Schilderung der Welt aus Kindersicht zeigt, dass Erwachsene auf Kinderfragen selten überzeugende Antworten haben. Auch wird anschaulich vorgeführt, wie Hypothesen der Vorstellungswelt der Erwachsenen entspringen, und kaum einmal mit der Faktenlage übereinstimmen.

Fazit: Unterhaltsam und lehrreich.

Joël Dicker
Der äusserst katastrophale Ausflug in den Zoo
Piper, München 2026

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