Wednesday, 30 September 2026

In Pirenópolis

Pirenópolis, Brasilien, 5 März 2026

 Der erste Eindruck: Ein schmuckes Städtchen, das man in ein, zwei Stunden gesehen zu haben vermeint. Kopfsteinpflaster, einige sehr teure Pousadas, sagt die Besitzerin von „meiner“, der Supermarkt gehört zu den saubersten, die ich in Brasilien gesehen habe. Pirenópolis sei vor allem bei Brasilianern populär, besonders am Wochenende. Da habe ich es gut getroffen, denkt es so in mir, bis dann bin ich wieder weg.

Ob Frühstück um 8 okay sei? Als ich zustimme, schlägt sie vor, in einer anderen ihrer Pousadas (die Familie besitzt drei) zu frühstücken. Ich bin dabei. Als ich am folgenden Morgen um 8 auftauche, hat die Hausangestellte bereits alles fürs Frühstück hergerichtet und antwortet auf meine Fragen mit: Mir hat man nichts gesagt. Ela não me avisou (sie hat mich nicht informiert) gehört zu den brasilianischen Sätzen, die man täglich hören kann. Als die dona de casa später auftaucht, verliert sie kein Wort darüber.

Der Haupteingang sei unverschlossen, sagt die dona de casa. Ungewöhnlich in Brasilien, merke ich an, worauf sie meint, in Pirenópolis kenne man sich und bis jetzt sei noch nie etwas passiert. Einigermassen sprachlos ob dieser Logik, enthalte ich mich einer Antwort. Als die Hausangestellte mich nachmittags um drei fragt, ob ich nochmals ausgehe, sie fahre jetzt nach Hause, erfahre ich auch, dass die dona de casa gar keine sei und auch gar nicht hier wohne, es aber einen dono de casa gebe, der allerdings gerade in einer anderen Stadt ein Haus anstreiche. Als sie mich dann fragt, ob es okay für mich sei, alleine im Haus zu sein, muss ich das erst einmal verdauen. Zugegeben, leicht mulmig war mir schon, doch wenn ich es recht bedachte, war das letzte Nacht ja auch so, nur wusste ich es nicht. Ich nicke also etwas lahm, als sie lächelnd hinzufügt, die Brasilianer seien schon etwas doido.

Ab drei Uhr nachmittags habe ich dann die ganze Pousada für mich. Ich lege mich an den Pool, lese etwas in Dostojewskis Jogador, doch in der Hauptsache liege ich einfach da, schaue rum, bin erstaunt ob der Stille, die was Ewiges hat, und wundere mich über einen Vogel, der sich auf einem Draht niedergelassen hat und bestimmt zwanzig Minuten dort verweilt. Gegen fünf beginnt dann ein Vogelkonzert, das sich gewaschen hat. Erstaunlich, was die für einen Lärm machen, die scheinen sich ganz viel zu erzählen zu haben.

Um sieben höre ich dann lautes Geschnatter vor meinem Zimmer. Sieht ganz so aus, als ob doch noch Gäste gekommen sind … allein hier zu sein, war schon spezieller …. und definitiv ruhiger …

Während des Frühstücks am folgenden Tag plaudere ich mit der Hausangestellten, die einmal im Leben nach Frankreich will. Was sie damit verbinde? O frio, antwortet sie. Zweiundvierzig sei sie, wohne zwölf Kilometer entfernt, mit dem Motorrad seien das um die zwanzig Minuten. Zwei Söhne, 9 und 17, der ältere mache ihr Sorgen. Er lebe mit einer 32Jährigen zusammen, die schwanger sei, aber nicht von ihm. Wieder einmal bin ich verblüfft, wie offenherzig die Brasilianer sind.

Beim Spazieren fallen mir die vielen umher streunenden Hund auf. Geimpft sind die bestimmt nicht. Und dann in einer Seitenstrasse, ein Pferd, das da weidet. Eine Leine hängt ihm vom Hals, vielleicht ist es ausgerissen.

An diesem Tag lande ich in einem Stadtteil, den ich bisher nicht kannte, und in der recht viel Betrieb herrscht. Die Atmosphäre sagt mir nicht zu, warum wüsste ich nicht zu sagen. Mir reicht, wie ich mich an diesem Morgen fühle und mache mich von dannen …

***

Meine Gewohnheit, den Schweizer Winter in Brasilien zu verbringen, wird übrigens geteilt, wie ich in Pirenópolis erfuhr. Allerdings in umgekehrter Richtung: Ein Brasilianer aus Pirenópolis begibt sich für den Winter jeweils in die Schweiz – zum Schneeräumen.

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