Das zweite Hotel, das ich gebucht habe, gemäss der Karte nahe beim Zentrum (nahe nur für Brasilianer, ein paar Kilometer sind es schon), liegt an einem künstlichen See (dem Paranoá-See), an dessen Ufer zwei Wasserschweine im Gras liegen (Capivari heissen die, liess mich ein junger Mann wissen), über die ich fast gestolpert bin, und entpuppt sich als Freizeitanlage. Zimmer, Küche, Schreibtisch, alles wunderbar. Weniger wunderbar war allerdings die Ankunft – derart inkompetente Rezeptionisten habe ich noch nie erlebt.

Einchecken kann man ab 14 Uhr, das hiess in meinem Falle eineinhalb Stunden Wartezeit. Ob das Zimmer bereit war oder nicht, wurde nicht abgeklärt (die Anlage war nur zum Teil belegt; die Wahrscheinlichkeit, dass das Zimmer bezugsbereit war, recht gross). Dann konnte der Rezeptionist mir das Passwort fürs Internet nicht sagen, loggte mein Handy über einen QR-Code ein, mit dem ich nun auch meinen PC via Handy verbinden könne – es war dann aber nicht so. Sein Kollege wollte zehn Minuten, nachdem ich meinen Pass vorgelegt hatte, diesen von Neuem sehen, starrte dann minutenlang auf den Bildschirm, bis er mir eine Zimmerkarte gab, die nicht funktionierte. Erst als die Chefin für den Unterhalt später bei mir im Zimmer auftaucht, ist das Internet Problem in Nullkommanix gelöst. Das Passwort fürs Zimmer war ein anderes als für den Eingangsbereich. Sie wunderte sich im Übrigen nicht über meine frustrierenden Erfahrungen mit der Rezeption – das dortige Personal gehöre zu einer anderen Firma, was mich wieder einmal an einen meiner ersten brasilianischen Sätze erinnert: Você está perguntando para a pessoa errada (Da fragen Sie den Falschen).

Ich mache mich auf zu der ein paar hundert Metern entfernten Hauptstrasse, an der ich ein paar Geschäfte gesehen habe. Für Früchte müsse ich die Strasse hoch und dann links, wird mir in einer Caféteria gesagt. Es sei nicht weit, nahe allerdings auch nicht. Als ich mich auf den Weg mache, stosse ich auf menschenleere Strassen, die nicht gerade einladend wirken, streunende Hunde und auf eine ununterbrochen redende alte Frau, die wie ich zum Supermarkt will und mich hinführt. Für den Rückweg nehme ich, jetzt vollbepackt, ein Taxi und vereinbare mit dem Fahrer, mich am Donnerstag zum Flughafen zu bringen. Und dann lege ich mich mit der gestern erstandenen Psicologia aplicada de C.G. Jung an den Pool und lerne unter anderem, dass Jung ein Verfechter der Polygamie gewesen sei, die er auch praktizierte, sehr zur Missbilligung seiner Gattin. Gründe und eine Theorie dafür fand er natürlich auch. Und in mir denkt es wieder einmal: Sieh dir an, wie die Leute leben, was sie tun. Die üblichen Rechtfertigungen kann man sich sparen.

Doch dann dieser Satz, der noch lange nachhallt. Jung acreditava que as crianças desenvolvem a propensão de compensar em suas próprias vidas os fracassos dos pais. (Jung glaubte, dass Kinder die Neigung entwickeln, die Fehler ihrer Eltern in ihrem eigenen Leben zu kompensieren.) Für ihn hiess das: Portanto, ao contrario do pai, Jung demonstra coragem espiritual e rigor intelectual, resistindo ao dogma sempre que o encontrasse. (Im Gegensatz zu seinem Vater zeigte Jung daher spirituellen Mut und intellektuelle Strenge und widersetzte sich Dogmen, wann immer er ihnen begegnete.)

Nein zu sagen ist den Brasilianern definitiv nicht gegeben. Fragt man in England, Frankreich oder Deutschland, ob sie Kaffee haben und sie haben keinen, hört man: Nein. Nicht so in Brasilien. Hier sagt man: Tem, mas acabou. (Ja, wir haben, doch er ist gerade ausgegangen).

Am Ufer des Paranoá-Sees kann man auf der Höhe „meines“ Hotels nicht am Ufer entlang spazieren. Das junge Paar, das ich um Rat frage, erklärt, ich müsse die Strasse hoch, dann rechts rüber und dann wieder die Strasse hinunter. Also parallel zu dieser hier? Ja, genau. Als sich dann unterwegs Zweifel melden (Brasilianer sagen oft einfach irgendetwas, um nicht Nein sagen zu müssen), will ich mich bei einem entgegenkommenden Mann versichern, ob das wirklich der rechte Weg zum Seeufer sei? Nein, das sei viel zu weit. Stattdessen weist er in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin: Da geht’s lang. Er redet übrigens so halb Spanisch mit mir. Dass mein Portugiesisch Spanisch gefärbt sei, habe ich schon oft gehört. Und mich gewundert, da mir das Spanische, nachdem ich es zwanzig Jahre lang nicht mehr gesprochen habe, nicht mehr aktiv präsent ist.

Auf dem Rückflug nach Porto Alegre komme ich neben eine Frau zwischen 50 und 60 zu sitzen, die in einer Art Rucksack einen Hund mit sich führt. Sie müsse ihn jetzt rausnehmen und hoffe, das störe mich nicht, es sei ihm zu heiß, er brauche Wasser. Später nimmt sie ihn in die Arme, die vorbeigehenden Flugbegleiter sagen nichts. Erst gegen Ende des Fluges schaut ein Flugbegleiter vorbei, das gehe nicht, sie müsse ihn in den Rucksack zurückbefördern. Die Frau wehrt sich wortreich, der arme Hund, seit Jahren fliege sie mit ihm, habe eine Bewilligung, und jetzt sei er bereits elf Stunden unterwegs, aus Salvador, noch nie habe sie Probleme gehabt … Da taucht eine energische Flugbegleiterin auf und will von den Erklärungen der Frau rein gar nichts wissen, es gebe Regeln, und überhaupt sei sie nicht der einzige Fluggast, es gebe auch allergische Fluggäste, jedenfalls gehe sie nicht weg, bis der Hund verstaut sei. Und so geschah es dann auch …

Im Taxi vom Flughafen zu „meinem“ Hotel in der Altstadt, unterhalte ich mich mit dem Fahrer, der so in etwa in meinem Alter ist, über Japan. Er hat Tokio, Kyoto und Nagoya besucht und war schwer beeindruckt. Wir sind uns einig: Zivilisierter als die Japaner ist niemand.