Ich gehe dieses Buch mit gemischten Gefühlen an. Eine 62jährige Frau, die kurz vor einer Brustkrebs-OP steht, und ein 22 Jahre jüngerer Mann, frisch getrennt, beginnen eine Affäre. Und dokumentieren diese auch mit Fotos, die hauptsächlich am Boden verstreute Kleider zeigen, von denen man liest, sie hätten sie sich am Vorabend vom Körper gerissen.
Ich war neugierig, wie ihre Intimität (der Mann ist Fotograf) dargestellt werden würde – und bin enttäuscht. Ich finde die Idee, Unordnung bildlich festzuhalten, wenig inspirierend. Ohne die begleitenden Texte sind diese Aufnahmen unverständlich (sie erinnern an einen Tatort), als besonders ästhetisch empfand ich sie nicht. Auch fühlte ich mich als Voyeur (zu Beginn, mit dem Lesen der Texte legte sich das) und fragte mich, weshalb jemand seine/ihre Intimität öffentlich machen will. Mir selber ist solcher Exhibitionismus vollkommen fremd.
Das erste Foto in diesem Band wird nur beschrieben ("Sein Penis im Profil ist erigiert."), nicht gezeigt. Und man ist froh, dass es auch in unseren Zeiten der Schamlosigkeit rücksichtsvoll zugehen kann. Auch den kahlen Schädel von Annie Ernaux kriegen wir nicht zu sehen, und auch kein Porträt der beiden. Ihr erstes gemeinsames Foto, so erfahren wir, sei in Brüssel entstanden.
Annie Ernaux und Marc Marie einigen sich darauf, vierzehn Fotos aus den insgesamt vierzig auszuwählen, "und vereinbarten, dass jeder für sich über sie schreiben würde, völlig frei, ohne dem anderen den Text zu zeigen, ohne darüber zu sprechen, bis er fertig war." Wie schreibt man über dahingeworfene, auf dem Boden liegende Kleider und Schuhe? Zu beschreiben, was man sieht, ist langweilig, weil das jeder mit eigenen Augen sehen kann, und so schildert man eben, was einem beim Betrachten so durch den Kopf geht, obwohl es dafür so recht eigentlich gar keine Bilder braucht. Doch die aufmerksamen, reflektierten Beschreibungen dessen, was man nicht auf den Bildern sieht, sind aufschlussreich und setzen ganz viele Bilder im Kopf in Gang.
"Spontan einigten wir uns auf eine Regel: Die Kleidung durfte nicht angerührt werden." Das Betrachten der Fotos eine Woche später war dann eine Überraschung: "Wir erkannten nicht auf Anhieb, in welchem Zimmer das Foto entstanden war. Es war nicht mehr die Szene, die wir gesehen hatten und retten wollten, die viel zu schnell verlorene Szene, sondern ein mysteriöses Gemälde, oft in satten Farben, mit seltsamen Formen." Eine bedenkenswerte Aussage, macht sie doch deutlich, dass, was wir einnern, und was Fotos zeigen, oft etwas ganz anderes ist.
Dass die beiden jeweils Bezug auf die Fotos nehmen, drängt sich geradezu auf. Was das Betrachten bei ihnen in Gang setzt, kann nicht gezeigt, aber beschrieben werden. Und das machen die beiden auch, überaus anregend. Ja, die Bilder, die ihre von den Fotos ausgelösten Assoziationen in meinem Kopf hevorbringen, sind weitaus ansprechender als die für mich nichtssagenden Aufnahmen hingeworfener Kleidungsstücke, von Einbauschränken, einer Spülmaschine, einer Leselampe etc.
Ich weiss nicht so recht, was ich mir von diesem Band erwartet habe. Doch was immer es auch gewesen sein mag, mir diese Aufnahmen anzuschauen, bewirkte bei mir nur: Was soll das bloss? Das ist umso erstaunlicher als mich die Kombination Foto/Text viele Jahre beschäftigt hat. Jetzt merke ich: Wenn mich ein Foto nicht anspricht (aus was für Gründen auch immer), interessiert mich auch die Geschichte hinter dem Bild wenig. Im Falle von Auf den Bildern sprechen mich allein die Texte an, die Bilder übergehe ich.
Natürlich handeln diese Text auch vom Krebs, von dem Annie Ernaux kaum jemandem erzählt hatte. Ihr ist klar, dass die mögliche Betroffenheit und Anteilnahme nicht ihr, sondern iden Fragenden selber gegolten hätte. Klar geworden wäre dadurch auch: "Für die Leute war ich nicht mehr derselbe Mensch. In ihren Augen las ich meine künftige Abwesenheit. Sie ahnten nicht, dass ich ihre vor mir sah, denn ihr Tod war nicht weniger sicher als meiner. Nur war ich ihnen insofern überlegen, als dass ich es wusste."
Befremdet hat mich hingegen dies: "Eines Tages sagte M. zu mir. 'Du hast nur deshalb Krebs bekommen, um darüber schreiben zu können.'" Blöder geht für mich kaum, doch des Menschen Bedürfnis nach Sinngebung macht ganz offensichtlich auch vor dieser Nobelpreiträgerin nicht Halt, da sie befindet, er habe in gewisser Hinsicht recht!?
Wichtig ist mir dabei auch dies: Wie Fotos auf einen wirken ist subjektiv. Was mich anspricht, mag andere kalt lassen. Zudem: Warum mich etwas anzieht, interessiert mich nicht, da meine Interpretationen von allzu vielen Faktoren abhängt, die ich nicht kontrollieren kann und mir zumeist gar nicht bewusst sind. Mit anderen Worten: Die Bilder in diesem Band sich vor Augen zu führen, lohnt allemal. Schon allein der Auseinandersetzung mit ihnen wegen. Denn vor allem dazu laden Fotos ein.
Diese Bilder (die weder klingen noch riechen und eine dreidimensionale Wirklichkeit auf zwei Dimensionen verkürzen) machen mir wieder einmal bewusst, dass Fotos die Realität nicht abbilden können. "Nichts auf dem Foto von den Gerüchen der Küche am Morgen, der Mischung aus Kaffee, Toast, Katzenfutter und Märzluft. Auch nichts von den Geräuschen, dem regelmässig einsetzenden Brummen des Kühlschranks, vielleicht dem Rasenmäher des Nachbarn, einem Flugzeug auf dem Weg nach Roissy." Stattdessen: Bilder als Auslöser. Wem das genügt, der/die ist mit diesem Werk bestens bedient.
Annie Ernaux / Marc Marie
Auf den Bildern
Suhrkamp, Berlin 2026


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