Wednesday, 21 January 2026

Migration und Kriminalität

„Die meisten Leute haben nicht den leisesten Schimmer, was in Sachen Migration los ist“, ereiferte sich Fabian. „Asyl setzt ja voraus, dass man politisch oder religiös verfolgt ist. Das trifft auf die wenigsten Asylbewerber zu. Kennst du Frank Urbaniok, den forensischen Psychiater und Autor? In Schattenseiten der Migration weist er darauf hin, dass die Ausländerkriminalität in Deutschland, Österreich und der Schweiz überrepräsentiert ist. Und das bedeutet, dass Kriminalität auch mit der Kultur zu tun hat. Für mich, der ich einen Grossteil meines Lebens ausserhalb der Schweiz verbracht habe und interessiert an fremden Kulturen bin, ist das überhaupt keine Frage, sondern selbstverständlich. Genauso, dass wir lebenslang von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, geprägt bleiben. So habe ich in fremden Kulturen vor allem herausgefunden, wie schweizerisch ich bin.“

„Da fällt mir die Grünen Politikerin ein“, ergänzte Hugo, „die auf Instagram ein Bild von sich postete, das zeigte wie sie auf ein Bild von Maria mit Jesuskind schoss, worauf sie ihren Job als Kommunikationsberaterin sowie politische Ämter verlor. Sie wurde in Bosnien in eine muslimische Familie geboren, kam mit drei Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Integrierter kann man kaum sein, doch war sie es auch emotional? Wie konnte sie nur, was hat sie sich bloss gedacht?, wurde in der Folge gefragt. Diesen Fragen liegt die Annahme zugrunde, wir wüssten, was wir tun. Das ist Humbug. Wir haben keinen Schimmer, warum wir tun, was wir tun. Was wir bewusst äussern ist Theater bzw. klassische Dissonanz-Reduktion. Wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen. Das Unbewusste regiert uns. Was uns wirklich antreibt, wie wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.“

„Kommunikationsberaterin? Nur schon, dass das ein Beruf sein soll!“

„So ist eben unsere Zeit, die Fassade ist das Wichtigste. Doch das letztlich Entscheidende geschieht hinter verschlossenen Türen. Die Aufgeblasensten finde ich die selbst ernannten Spezialisten für Krisenkommunikation, die nie etwas anderes raten, als die Wahrheit zu sagen, da sie letztendlich doch heraus käme. Und dafür kriegen die Honorar, und nicht zuwenig!“

„Noch einmal zu Urbaniok. Er erwähnte auch, dass nicht alle Kulturen polizeilich auffällig werden, Kleinkriminelle kommen nie aus Westeuropa, Skandinavien, Asien, Nordamerika oder Australien. Dass sich linke Kreise darüber empören und Rassismus schreien, zeigt so recht eigentlich nur, in was für einer Fantasiewelt diese Leute leben.“

Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession. Tredition, 2025

Sunday, 18 January 2026

Chinas entführte Töchter

Dass Kindsentführungen im Krieg eingesetzt werden, ist mir zum ersten Mal bei der russischen Ukraine-Invasion bewusst geworden. Daher mein Interesse an diesem Werk. Dass Nationen, die sich als zivilisiert verstehen, sich derart unzivilisiert verhalten, zeigt vor allem, dass der unzivilisierte Mensch, wie das die Medien jeden Tag anhand des amerikanischen Narzissten vorführen, ein globales Phänomen und offenbar eher die Regel als die Ausnahme ist.

Bereits nach wenigen Seiten weiss ich, dass ich ein wichtiges Buch vor mir habe, bei dem es sich nicht nur, wie der Untertitel besagt, um eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel und der Suche nach Gerechtigkeit handelt, sondern ebenso sehr um die Darstellung der Gedanken- und Vorstellungswelt der herrschenden Kommunistischen Partei Chinas, "die dem nahezu mystischen Glauben anhing, Bevölkerungskontrolle sei das Geheimnis, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen."

Seit 1979 gestattete das Gesetz den meisten chinesischen Familien nur noch ein Kind. Verstösse wurden drastisch geahndet. Verschleppung, Abtreibung, hohe Bussen sowie die "Zerstörung des Hauses und die Beschlagnahmung des Eigentums" waren die Folge. Wie unerbittlich die chinesischen Behörden Gesetze durchsetzen, wurde mir klar, als ich vor 25 Jahren ein Semester lang in der Provinz Fukkien unterrichtete und von chinesischen Kollegen entsprechend aufgeklärt wurde.

Barbara Demick hat von 2007 bis 2016 als Korrespondentin in Peking gearbeitet und weiss kenntnisreich von den chinesischen Sitten und Gebräuchen zu berichten. Nicht zuletzt, dass der Nationalheilige Konfuzius auch eindeutig bescheuerte Vorstellungen gehabt hat. „Nach dem konfuzianischen Ideal war die höchste Pflicht eines Mannes, einen Sohn zu zeugen.“

Nordamerikanischer Qualitätsjournalismus (und darum handelt es sich bei diesem Werk) zeichnet sich auch dadurch auch, dass man mit vielen Details fast erschlagen wird (Amerikaner sind Puritaner durch und durch) und gelegentlich aufstöhnt: Jetzt komm endlich mal zum Punkt! Andererseits liefert diese Detailbeflissenheit aber eben auch viel Aufschlussreiches wie "Hochgepriesene Konzepte kamen so rasch wieder aus der Mode, wie sie aufgetaucht waren." Und da dachte ich immer, die Chinesen mit ihrer 5000 Jahre alten Geschichte, auf die sie gemäss meiner Erfahrung unablässig hinweisen, seien wirklich so beständig wie sie selber zu glauben scheinen. Nun ja, man kann bekanntlich viel glauben und Selbsttäuschung ist nach wie vor der Spitzenreiter unter den menschlichen Talenten.

Das brutale Vorgehen der Mediziner (es kam vor, dass nach Austritt des Kopfes bei der Geburt, dem Baby eine Injektion von Formaldehyd in den Schädel appliziert wurde) lässt einen sprachlos, doch wenn Barbara Demick fragt: "Wie konnten Menschen so brutal werden?" impliziert sie, dass es die Umstände sind, die die Menschen brutal machen und das ist schlicht Blödsinn; vielmehr ist es so, dass die Umstände es dem Menschen erlauben (um Rechtfertigungen war er noch nie verlegen), seine brutalen Seiten auszuleben.

Das chinesische Unterdrückungssystem geht mit grosser Härte gegen alle die vor, die sich ihm nicht beugen wollen. Dazu kommt, dass der Staat umfassend informiert ist; wie jeder totalitäre Staat ist auch der chinesische weder an Diskussionen noch an Kritik und Argumenten interessiert. Dieses Buch vermittelt die in China herrschende Unfreiheit höchst überzeugend.

Chinas entführte Töchter erzählt die Geschichte von Zwillingen, die beide, kurz nach der Geburt getrennt, sehr unterschiedlich aufwachsen, und deren Schicksal wie auch das ihrer Eltern die Autorin engagiert und einfühlsam dokumentiert. Dabei erläutert sich auch die grösseren Zusammenhänge ("Kinderhandel war in China seit jeher eine Plage."). Die Fülle an historischen Details legt den Schluss nahe, dass die Autorin offenbar glaubt, man könne aus der Geschichte lernen. Die Lektüre lohnt allerdings auch für die, die diese Auffassung nicht teilen, da dieses Werk auch eine überaus ansprechende Einführung in die chinesische Geschichte ist.

Barbara Demick zeigt unter anderem auf, wie kreativ sich die Rationalisierungen der Ein-Kind-Politik gestalten und auch wie willig sich der Mensch zeigt, andere zu diffamieren. Nicht nur während der Kulturrevolution erlebte der agent provocateur goldene Zeiten. Sehr gelungen werden auch diejenigen geschildert, die sich nicht einschüchtern lassen und sich gegen das Regime wehren.

Anhand der erzwungenen Separierung von Zwillingen, das eine Mädchen wächst in China auf, das andere in Texas, werden nicht nur die chinesischen und amerikanischen Denkweisen aufgezeigt, es wird auch auf die Zwillingsforschung sowie auf die Auswirkungen von Covid-19 eingegangen.

Die Autorin ist nicht nur die typische Merkerin (wie das angeblich die journalistische Rolle verlangt), sondern sie greift ein, handelt und schafft es, die chinesische und die amerikanische Familie zusammenzubringen. Eine erfreulich untypische Journalistin. 

Barbara Demick zeichnet das Bild eines rücksichtslosen Machtmissbrauchs im Namen des Gesetzes. Dass dies nicht nur in China der Fall ist, weiss jeder, der Zeitung liest. Also wenige. Und dass die Menschen in China angefangen haben, sich zu wehren, wissen noch weniger Menschen. Aufklärung liefert dieses gut geschriebene, engagierte und differenzierte Buch.

Barbara Demick
Chinas entführte Töchter
Eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel
und der Suche nach Gerechtigkeit
Droemer, München 2026

Wednesday, 14 January 2026

Bad Blood

Bad Blood“ handelt nicht nur von der Studienabbrecherin Elizabeth Holmes, der Gründerin von Theranos einem Start-up, das die Medizinindustrie revolutionieren sollte, sondern erzählt auch die Geschichte einer Besessenheit, der ganz viele kapitalistisch Erfolgreiche verfallen sind. Vor allem aber zeigt dieses sehr spannend geschriebene Buch, dass die Werte, die „unser“ Wirtschaftssystem hochhält (grösser und besser und mehr), uns letztlich alle ins Verderben stürzen. Nicht etwa, dass uns diese Aussicht beeindrucken würde, denn es ist zu vermuten (dies lehrt uns die Geschichte), dass Solches oder Ähnliches immer wieder passieren wird. Bisher sind wir trotz (und nicht etwa wegen) unserer Anstrengungen davon gekommen.

Im Vorstand von Theranos, einem Unternehmen, das versprach, dass ein einziger Tropfen Blut reichen würde, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu steuern, sassen unter anderen Henry Mosley ein Veteran der Technologieszene des Sillicon Valley, Channing Robertson, der stellvertretende Dekan der School of Engineering der Stanford University und andere Arrivierte, denen Elizabeth Holmes Eindruck machte – Channing Robertson verglich sie mit Steve Jobs. Sicher, es gab auch immer wieder Zweifler, doch verblüffend ist schon, wie Hoffnung, Gier und Eitelkeit mit Einwänden, die einem nicht passen, umgehen. Klingt etwas vielversprechend, so ist es fast unmöglich, die Menschen, die daran glauben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Orientierung an Fakten ist den meisten wesensfremd

Ständig wurden bei Theranos Leute gefeuert, laufend kamen neue hinzu, einige kündigten auch von sich aus. Jedem aufmerksamen Beobachter musste auffallen (und einigen fiel es in der Tat auf), dass Elizabeth Holmes allzu viele Versprechen machte, die sie nicht einlöste. Immer wieder zeigte es sich, dass sie zwar äusserst smart war und hervorragend zu inspirieren und motivieren wusste, doch gleichzeitig auch extrem unberechenbar war, keinen Widerspruch ertragen konnte, absolute Loyalität forderte sowie etwa den eigenen Bruder (der keine einschlägigen Qualifikationen mitbrachte) ins Unternehmen holte – das System-Trump lässt grüssen: „Eine derartig hohe Personalfluktuation hatte er noch nie erlebt. Ausserdem machte ihm die Kultur der Unehrlichkeit im Unternehmen immer mehr zu schaffen.“

Dass Elizabeth Holmes mit dem CEO ihres Unternehmens zusammen lebte, hielt sie geheim. „Wenn Elizabeth schon bei einer solchen Sache nicht aufrichtig war, log sie dann auch bei anderen Dingen?“ Würden die Menschen die richtigen Konsequenzen aus ihren Beobachtungen und Einsichten ziehen, wäre es nicht zu einem „Fall Theranos“ gekommen – „unsere“ Gehorsamskultur steht der Zivilcourage jedoch entgegen.

Nach inspirierenden Figuren zu suchen, sich nach Heldinnen und Heilsbringern zu sehnen, scheint dem Menschen Schicksal – nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, im Sport, ja, so recht eigentlich allüberall. Tyrannen, die Machiavellis Diktum vom Teilen und Herrschen in den Genen haben, nutzen das aus. Dass sie gelegentlich tief fallen, sollte keine Beruhigung sein – lernen, sich nicht tyrannisieren zu lassen, wäre weit wichtiger.

Dem Autor John Carreyrou, einem investigativen Journalisten beim „Wall Street Journal“, ist mit diesem Buch auch eine Persönlichkeitsstudie gelungen, die es in sich hat. Würden wir von Ehrgeiz getriebene, charismatische und inspirierende Egozentriker wie Elizabeth Holmes verstehen, so wäre uns klar, dass sie nur in Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder denken können, nur an der Verwendbarkeit (dem Ausnutzen) von anderen interessiert und gänzlich unfähig zur Empathie sind. Kurz und gut: Wir würden nicht auf sie hereinfallen.

„Bad Blood“ liest sich wie ein Thriller und lässt wenig Hoffnung aufkommen, solche Betrügereien könnten einmal überwunden werden, denn des Menschen Blödheit (maskiert als Glaube, Hoffnung oder Vision) wird sich kaum ändern. In der Wissenschaft, hat der Physiker und Nobelpreisträger Richrad Feynman einmal gemeint, gehe es darum, sich nicht selber herein zu legen, doch da dies das Allerleichteste überhaupt ist, tun wir es ständig. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern generell.

Eindrücklich, überzeugend und spannend. Notwendige Aufklärung vom Feinsten!

John Carreyrou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des grössten Betrugs im Silicon Valley
DVA, München 2019

Sunday, 11 January 2026

Die Fotografin

Die Fotografin“ ist nicht mein erstes Boyd-Buch, doch keines der vorherigen (Unser Mann in Afrika, Brazzaville Beach, Solo) hat mich dermassen berührt. Das kann natürlich Ursachen haben, die alleine bei mir liegen. So kann es sein, dass mich das Thema Fotografie heutzutage mehr anspricht als die afrikanischen Themen von damals. Vielleicht ist es aber eben auch so, dass William Boyd niemals besser geschrieben hat als in „Die Fotografin.“

Die Fotografin Amory Clay, deren Schicksal in diesem Buch erzählt wird, hat es nie gegeben, sie ist erfunden und zwar so gut, dass ich sie für real gehalten habe. Und da der Autor so ziemlich alles tut, damit man seine Heldin für real hält – dem Buch sind auch Fotos beigegeben, sein Dank geht ausschliesslich an Fotografinnen und Autorinnen, die wirklich existiert haben – , ist das auch nicht wirklich verwunderlich.

Vorangestellt ist diesem Roman ein Ausschnitt aus Jean-Baptiste Charbonneaus „Avis de Passage“ aus dem Jahre 1957, der mich sofort berührte, obwohl der Mann und das Werk fiktiv (das schliesst das fehlerhafte Zitat im französischen „Original“ mit ein) sind: „Wie lange man auch auf diesem kleinen Planeten verweilen mag, was immer einem dabei widerfahren mag, das Wichtigste ist, dass man dann und wann empfänglich ist für die sanfte Liebkosung des Lebens.“

Amory weiss schon früh, dass sie nicht studieren, sondern Fotografin lernen will. In Berlin gelingen ihr Fotos, die in London einen Skandal auslösen. Ein Angebot aus New York ermöglicht ihr einen ersten Neuanfang, weitere werden folgen. Im Frankreich des Zweiten Weltkrieges und später in Vietnam ist sie als Kriegsfotografin unterwegs, was Boyd dazu inspiriert, sie diese cleveren Gedanken zu Robert Capas „Fallendem Soldaten“, der wohl berühmtesten Kriegsfotografie aller Zeiten, denken zu lassen: „Wird man von einer Gewehr- oder MG-Kugel tatsächlich mit solcher Wucht nach hinten geschleudert? Genau hier liegt meiner Ansicht nach das Problem. Capas zurückstürzender Soldat mit den ausgebreiteten Armen hätte auch problemlos in einen zweitklassigen Hollywood-Western gepasst. Es ist ein gewissermassen ‚bühnenreifer‘ Tod, den dieser Soldat zu sterben scheint.“

Die Fotografin“ ist ein ungemein atmosphärischer Roman, reich an Szenen, die einem noch lange nachhängen. Etwa die, als der seelisch und geistig verwirrte Vater sich umbringen will und mit der kleinen Amory in einen See rast. Oder die, als die nach New York übersiedelte Amory der Ehefrau ihres Liebhabers vorgestellt wird. Oder die, als sie während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich auf das Flugzeugwrack ihres verunglückten Bruders trifft, der den Absturz überlebt hatte, doch dann von deutschen Soldaten erschossen wurde.

Es sind ungemein starke Bilder, die dieses Buch hinterlässt. Das liegt einerseits daran, dass William Boyd ein begabter Geschichtenerzähler ist und hat andererseits damit zu tun, dass es einem (mir jedenfalls) immer mal wieder verblüffende Einsichten vermittelt. „Ich stellte fest, dass das Leben durch einen langwierigen Genesungsprozess ungeheuer vereinfacht wurde. Als Patient musste man lediglich die Krankheit erdulden und sich bemühen, gesund zu werden. Für alle übrigen Belange – Körperhygiene, Essen, die Kommunikation mit der Aussenwelt – waren andere zuständig.“

Anhand seiner fiktiven Heldin schildert Boyd spannend und überzeugend ein ganzes Jahrhundert. Dass er die Figuren, die seine Geschichte bevölkern, erfunden hat, tut dem keinen Abbruch. „Si non è vero, è ben trovato“ heisst es im Italienischen. „Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden“, dieser Giordano Bruno zugeschriebene Satz bringt nicht nur die gängige Geschichtsschreibung, sondern auch Boyds Buch auf den Punkt

Die Fotografin“ ist sowohl ein höchst lehrreiches Werk und als auch eine raffinierte Fälschung. Und es ist ein wunderbar gelungener Roman, durchsetzt mit weisen Sätzen wie etwa diesem: „Ja, mein Leben war sehr kompliziert, doch nun wird mir klar, dass gerade diese Komplikationen mich gefordert und am Ende beglückt haben.“

William Boyd
Die Fotografin 
Berlin Verlag, München 2016

Wednesday, 7 January 2026

Wie Journalisten ticken

Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Warzen der Welt sehen, die Unzulänglichkeiten von Menschen und Orten. Die gesunde Normalität, die unser Leben zumeist ausmacht, der Grossteil unseres Planeten, der nicht dem Wahnsinn verfallen ist, reizt sie weniger als Aufstände und Razzien, zusammenbrechende Staaten und sinkende Schiffe, nach Rio geflohene Banker und brennende buddhistische Nonnen – Unglück ist ihr Geschäft, das Spektakel ihre Leidenschaft, die Banalität ihr Erzfeind.

Journalisten treten stets im Rudel auf, eine Meute, deren Spannung jederzeit auf ihre Umwelt überspringen kann, und es lässt sich nur erahnen, inwiefern ihre geballte Anwesenheit ein Ereignis nicht erst auslöst, Leute erst zu ihren Taten anstachelt.

Neuigkeiten, über die nicht berichtet wird, zeitigen nun mal keine Konsequenzen, ja, es ist, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben. Deshalb ist der Journalist ein solch wichtiger Verbündeter der Ehrgeizigen, er ist die Zündfackel, die den Star zum Leuchten bringt.

Manch ein Journalist gibt sich dem Irrglauben hin, es sei sein Charme, nicht seine Nützlichkeit, dem er seine Privilegien verdankt; doch die meisten Journalisten sind Realisten, die sich nichts vormachen lassen. Sie benutzen andere, so wie sie selbst benutzt werden.

Gay Talese. Das Reich, die Macht und die Herrlichkeit der New York Times

Sunday, 4 January 2026

Am Rande des Grönland-Eises

„Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die verblüffenden Kunstwerke erkundet“, schreibt der Geologe William E. Glassley in „Eine wildere Zeit“. Und genau das tut er denn auch. Zusammen mit zwei Kollegen macht er sich auf, um nach Beweisen für die These zu suchen, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben.
 
Doch was genau tun eigentlich Geologen, wie gehen sie vor? Im Falle der drei Grönland-Erkunder sieht das so aus, dass sie zu Fuss oder per Boot durch eine Welt unterwegs sind, in der grossteils noch nie ein Mensch gewesen ist. Und das ist, wie die drei erfahren, nicht ungefährlich. Sie nehmen Proben, fotografieren und vermessen uralte Felsen – sie sammeln Daten.
 
In „Eine wildere Zeit“ schildert William E. Glassley fünf Expeditionen, die er zu den Gesteinen Grönlands gemacht hat. Dabei schreibt er unter anderem von Erwartungen, die zerbröckeln. Als er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“ Der zerstörerische Akt der Probenentnahme beschäftigt ihn.
 
Er stört sich an seinem Eindringen in die Stille, macht sich Gedanken über die Folgen seiner schweren Schuhe für diese empfindliche Welt. Und er denkt über die Wissenschaft nach, dieses eigenartige Geschäft, die mit einem vereinfachten und zwangsläufig fehlerhaften Abbild der Wirklichkeit arbeitet.
 
„Die Linien auf unseren Karten suggerieren Grenzen, die unsere Erwartungen bestimmen und einengen. Grenzen vereinfachen, kategorisieren und verleiten uns dazu, zu reagieren, ohne zu überlegen. In der Natur aber ist alles ein Fliessen, ein Prozess, der keine Grenzen kennt.“ Was bestenfalls möglich ist, ist eine Annäherung. Wesentlich ist, zu begreifen, „dass Grenzen eine andere Form der Fata Morgana sind.“
 
William E. Glassley ist nicht nur wissenschaftlich unterwegs, er beschreibt auch, wie er die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises erlebt und erfährt. Wie er das eiskalte Bad in arktischen Gewässern schildert, lässt einen selber fast vor Kälte erzittern; wie er bei seiner Rückkehr Licht, Luft und Geräusche mit geschärften Sinnen wahrnimmt, regt einen dazu an, die eigenen Sinne zu schärfen.
 
„Während ich halb gedankenverloren durch die Gräser und kurzstieligen Blumen des Tundrateppichs spazierte, breitete sich in mir ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, als hiesse mich der weite Raum willkommen.“ Es sind solche Passagen, die diesen schmalen Band zu weit mehr als einem geologischen Bericht vom Rande des Grönland-Eises machen.
 
Als er sich einmal mit seinem Gesicht dem Boden nähert, wird er ganz unvermutet von süssem Blumenduft überschwemmt. Dabei realisiert er unter anderem, dass wir Menschen üblicherweise nur einen winzigen Teil der Welt erleben. „Evolutionär sind wir mehr oder weniger optimal an einen Raum angepasst, der etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen ist hilfreich, wenn wir über unseren Platz auf diesem Planeten etwas erfahren wollen.
 
William E. Glassley führt vor, dass Wissen und Erleben ganz verschiedene Dinge sind. Am Ende seiner Expeditionen ist er ein anderer Mensch geworden. Gewissheiten, die er für unumstösslich hielt, haben sich in der Abgeschiedenheit der Wildnis gewandelt. „Hier müssen wir uns nicht unermüdlich anstrengen, alles in richtig und falsch einzuteilen, denn die ungestüme Wildnis kennt keine Urteile, nur das Sein.“
 
„Eine wildere Zeit“ ist eine höchst eindrückliche Einladung, sich mit dem Wunder der Existenz auseinanderzusetzen.

William E. Glassley
Eine wildere Zeit
Verlag Antje Kunstmann, München 2018

Wednesday, 31 December 2025

Eine orientalische Tänzerin aus Niederbayern

 

Elfriede Sattler, 1931 in ärmlichen Verhältnissen im Passauer Land aufgewachsen, flieht mit zwanzig vom elterlichen Bauernhof, zuerst nach München, wo sie als Haushaltshilfe und Bedienung arbeitet, bis sie dann mit einer Tanzgruppe nach Zypern zieht und schliesslich in Kairo den orientalischen Tanz entdeckt.

„Nabelfrei“ ist ein beeindruckendes Buch. So erfährt man zum Beispiel, wie die Verhältnisse auf dem Land in den 1930ern und 1940ern waren. „Damals suchten die Geistlichen in ihrer Gemeinde noch diejenigen Ehepaare auf, bei denen sich nicht jedes Jahr ein Kind ankündigte, um sie zur Rede zu stellen. Selbst eine Frau, die schon viele Kinder hatte – vierzehn und mehr waren keine Seltenheit – , kam bei einer Pause von ein, zwei Jahren in Erklärungsnot. Häufig starben die Mütter nach einigen Schwangerschaften an Entkräftung oder am Kindbettfieber, wodurch sich das Thema irgendwann auf diese Weise erledigte. Der Mann nahm sich danach oft eine zweite Frau und vielleicht auch eine dritte, und alles ging wieder von vorne los.“

In diesem Umfeld wächst Elfriede auf, von der Mutter als Rauschdepp betitelt und vom Stiefvater regelmässig vergewaltigt, bis sie schliesslich das Weite sucht. „Die Männer bei uns in Niederbayern“, schreibt sie, „schienen wohl keine andere Lösung für ihre Probleme zu kennen als das Wirtshaus.“ Und fügt dann hinzu: „Aber wenn man es recht bedenkt, war und ist es überall auf der Welt so.“ Übrigens, und auch dies lernt man aus diesem Buch, durften damals Frauen über kein eigenes Bankkonto verfügen und wenn es der Gatte untersagte, auch keinen Beruf ausüben. Erst in den siebziger Jahren wurden diese Gesetze restlos ausgemerzt.

Diese Welt hat Elfriede Sattler radikal hinter sich gelassen: „Meine Bereitschaft, kompromisslos alles hinter mir zu lassen, überraschte mich selbst.“ An klaren Meinungen scheint es ihr nie gefehlt zu haben. Über den damaligen Frauenschwarm und Schwerenöter Curd Jürgens stellt sie fest: „Der Mann stinkt nach Alkohol, Schweiss und Samen.“

Spannend und lehrreich ist auch, was die Autorin vom Orient und vom Tanzen zu berichten weiss. So wurde ihr etwa über König Farouk von Ägypten erzählt, dass er fresssüchtig, spielsüchtig und sexbesessen war. Knapp fünftausend Frauen habe er mit seiner Manneskraft schon beglückt, und trotzdem sei sein Komplex immer noch nicht geheilt. In Rom, wo er im Exil lebe, stehe die ganz Stadt Kopf, weil niemand wisse, woher man noch Prostituierte nehmen solle, die allein durch die Nähe zum Vatikan ausgelastet seien.

In Kairo, von dem sie hingerissen ist, lernt sie den ägyptischen Tanz-Superstar Samia kennen, die ihr klar macht, dass sie weder einen ‚bellydance‘ noch einen ‚dance du ventre‘ und auch keinen Bauchtanz, sondern einen ‚oriental dance‘ ausübe. Dabei gelte es nicht nur den Bauch, sondern auch allen anderen Körperteile, vom kleinen Zeh bis zur Kopfhaut, zu beherrschen. Elfriede will das unbedingt lernen. „’Ich gebe dir nur Tipps, der Rest liegt bei dir‘, betonte Samia.“ In der Folge bringt es die gebürtige Niederbayerin unter dem Namen Ulfat Sharif zu einer der gefragtesten Tänzerinnen der arabischen Welt („… im Nahen Osten … sahen die Menschen eine orientalische Tänzerin nicht als kulturelles Eigentum an. Sie verkörperte vielmehr ein Lebensgefühl. Entscheidend für ihre Anerkennung war, wie sie das ewig Weibliche in ihrem Tanz erzählte.“) und hat ausgesprochen klare Vorstellungen, was sie von einem Mann erwartet: „… Grosszügigkeit setzte ich bei einem Mann schon voraus. Sozusagen als Massstab für die Wertschätzung, die er mir entgegenbrachte.“ Zudem hat sie vor sich selbst „ein Gelübde abgelegt: in jedem Land ein anderer Mann. Vielleicht auch mal keiner. Falls ich ein Land mehrmals besuchte, sollte die Devise für jeden Aufenthalt gelten. Nie, nie, niemals wollte ich mich für länger binden. Familie und Kinder? Dazu war ich viel zu beschäftigt.“ Ob es dabei geblieben ist, und noch vieles andere mehr, erfährt man in diesem anregenden Buch.

Elfriede Sattler
mit Ulaya Gadalla
Nabelfrei
Mein Leben, kein Roman
Knaur Verlag, München 2012