Dass
Kindsentführungen im Krieg eingesetzt werden, ist mir zum ersten Mal
bei der russischen Ukraine-Invasion bewusst geworden. Daher mein
Interesse an diesem Werk. Dass Nationen, die sich als zivilisiert
verstehen, sich derart unzivilisiert verhalten, zeigt vor allem, dass
der unzivilisierte Mensch, wie das die Medien jeden Tag anhand des
amerikanischen Narzissten vorführen, ein globales Phänomen und
offenbar eher die Regel als die Ausnahme ist.
Bereits
nach wenigen Seiten weiss ich, dass ich ein wichtiges Buch vor mir
habe, bei dem es sich nicht nur, wie der Untertitel besagt, um eine
wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel und der Suche nach
Gerechtigkeit handelt, sondern ebenso sehr um die Darstellung der
Gedanken- und Vorstellungswelt der herrschenden Kommunistischen
Partei Chinas, "die dem nahezu mystischen Glauben
anhing, Bevölkerungskontrolle sei das Geheimnis, um die
Wirtschaft in Schwung zu bringen."
Seit
1979 gestattete das Gesetz den meisten chinesischen Familien nur noch
ein Kind. Verstösse wurden drastisch geahndet. Verschleppung,
Abtreibung, hohe Bussen sowie die "Zerstörung des Hauses und
die Beschlagnahmung des Eigentums" waren die Folge. Wie
unerbittlich die chinesischen Behörden Gesetze durchsetzen, wurde
mir klar, als ich vor 25 Jahren ein Semester lang in der Provinz
Fukkien unterrichtete und von chinesischen Kollegen entsprechend
aufgeklärt wurde.
Barbara
Demick hat von 2007 bis 2016 als Korrespondentin in Peking gearbeitet
und weiss kenntnisreich von den chinesischen Sitten und Gebräuchen
zu berichten. Nicht zuletzt, dass der Nationalheilige Konfuzius auch
eindeutig bescheuerte Vorstellungen gehabt hat. „Nach dem
konfuzianischen Ideal war die höchste Pflicht eines Mannes, einen
Sohn zu zeugen.“
Nordamerikanischer
Qualitätsjournalismus (und darum handelt es sich bei diesem Werk)
zeichnet sich auch dadurch auch, dass man mit vielen Details fast
erschlagen wird (Amerikaner sind Puritaner durch und durch) und
gelegentlich aufstöhnt: Jetzt komm endlich mal zum Punkt!
Andererseits liefert diese Detailbeflissenheit aber eben auch viel
Aufschlussreiches wie "Hochgepriesene Konzepte kamen so rasch
wieder aus der Mode, wie sie aufgetaucht waren." Und da dachte
ich immer, die Chinesen mit ihrer 5000 Jahre alten Geschichte, auf
die sie gemäss meiner Erfahrung unablässig hinweisen, seien
wirklich so beständig wie sie selber zu glauben scheinen. Nun ja,
man kann bekanntlich viel glauben und Selbsttäuschung ist nach wie
vor der Spitzenreiter unter den menschlichen Talenten.
Das
brutale Vorgehen der Mediziner (es kam vor, dass nach Austritt des
Kopfes bei der Geburt, dem Baby eine Injektion von Formaldehyd in den
Schädel appliziert wurde) lässt einen sprachlos, doch wenn Barbara
Demick fragt: "Wie konnten Menschen so brutal werden?"
impliziert sie, dass es die Umstände sind, die die Menschen brutal
machen und das ist schlicht Blödsinn; vielmehr ist es so, dass
die Umstände es dem Menschen erlauben (um Rechtfertigungen war
er noch nie verlegen), seine brutalen Seiten auszuleben.
Das
chinesische Unterdrückungssystem geht mit grosser Härte gegen alle
die vor, die sich ihm nicht beugen wollen. Dazu kommt, dass der Staat
umfassend informiert ist; wie jeder totalitäre Staat ist auch der
chinesische weder an Diskussionen noch an Kritik und Argumenten
interessiert. Dieses Buch vermittelt die in China herrschende
Unfreiheit höchst überzeugend.
Chinas
entführte Töchter erzählt die Geschichte von Zwillingen, die
beide, kurz nach der Geburt getrennt, sehr unterschiedlich
aufwachsen, und deren Schicksal wie auch das ihrer Eltern die
Autorin engagiert und einfühlsam dokumentiert. Dabei erläutert
sich auch die grösseren Zusammenhänge ("Kinderhandel war in
China seit jeher eine Plage."). Die Fülle an historischen
Details legt den Schluss nahe, dass die Autorin offenbar glaubt, man
könne aus der Geschichte lernen. Die Lektüre lohnt allerdings auch
für die, die diese Auffassung nicht teilen, da dieses Werk auch
eine überaus ansprechende Einführung in die chinesische
Geschichte ist.
Barbara
Demick zeigt unter anderem auf, wie kreativ sich die
Rationalisierungen der Ein-Kind-Politik gestalten und auch wie willig
sich der Mensch zeigt, andere zu diffamieren. Nicht nur während der
Kulturrevolution erlebte der agent provocateur goldene
Zeiten. Sehr gelungen werden auch diejenigen geschildert, die sich
nicht einschüchtern lassen und sich gegen das Regime wehren.
Anhand
der erzwungenen Separierung von Zwillingen, das eine Mädchen wächst
in China auf, das andere in Texas, werden nicht nur die chinesischen
und amerikanischen Denkweisen aufgezeigt, es wird auch auf die
Zwillingsforschung sowie auf die Auswirkungen von Covid-19
eingegangen.
Die
Autorin ist nicht nur die typische Merkerin (wie das angeblich die
journalistische Rolle verlangt), sondern sie greift ein, handelt und
schafft es, die chinesische und die amerikanische Familie
zusammenzubringen. Eine erfreulich untypische Journalistin.
Barbara
Demick zeichnet das Bild eines rücksichtslosen Machtmissbrauchs im
Namen des Gesetzes. Dass dies nicht nur in China der Fall ist, weiss
jeder, der Zeitung liest. Also wenige. Und dass die Menschen in China
angefangen haben, sich zu wehren, wissen noch weniger Menschen.
Aufklärung liefert dieses gut geschriebene, engagierte und
differenzierte Buch.
Barbara
Demick
Chinas
entführte Töchter
Eine
wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel
und
der Suche nach Gerechtigkeit
Droemer,
München 2026