Wednesday, 31 December 2025

Eine orientalische Tänzerin aus Niederbayern

 

Elfriede Sattler, 1931 in ärmlichen Verhältnissen im Passauer Land aufgewachsen, flieht mit zwanzig vom elterlichen Bauernhof, zuerst nach München, wo sie als Haushaltshilfe und Bedienung arbeitet, bis sie dann mit einer Tanzgruppe nach Zypern zieht und schliesslich in Kairo den orientalischen Tanz entdeckt.

„Nabelfrei“ ist ein beeindruckendes Buch. So erfährt man zum Beispiel, wie die Verhältnisse auf dem Land in den 1930ern und 1940ern waren. „Damals suchten die Geistlichen in ihrer Gemeinde noch diejenigen Ehepaare auf, bei denen sich nicht jedes Jahr ein Kind ankündigte, um sie zur Rede zu stellen. Selbst eine Frau, die schon viele Kinder hatte – vierzehn und mehr waren keine Seltenheit – , kam bei einer Pause von ein, zwei Jahren in Erklärungsnot. Häufig starben die Mütter nach einigen Schwangerschaften an Entkräftung oder am Kindbettfieber, wodurch sich das Thema irgendwann auf diese Weise erledigte. Der Mann nahm sich danach oft eine zweite Frau und vielleicht auch eine dritte, und alles ging wieder von vorne los.“

In diesem Umfeld wächst Elfriede auf, von der Mutter als Rauschdepp betitelt und vom Stiefvater regelmässig vergewaltigt, bis sie schliesslich das Weite sucht. „Die Männer bei uns in Niederbayern“, schreibt sie, „schienen wohl keine andere Lösung für ihre Probleme zu kennen als das Wirtshaus.“ Und fügt dann hinzu: „Aber wenn man es recht bedenkt, war und ist es überall auf der Welt so.“ Übrigens, und auch dies lernt man aus diesem Buch, durften damals Frauen über kein eigenes Bankkonto verfügen und wenn es der Gatte untersagte, auch keinen Beruf ausüben. Erst in den siebziger Jahren wurden diese Gesetze restlos ausgemerzt.

Diese Welt hat Elfriede Sattler radikal hinter sich gelassen: „Meine Bereitschaft, kompromisslos alles hinter mir zu lassen, überraschte mich selbst.“ An klaren Meinungen scheint es ihr nie gefehlt zu haben. Über den damaligen Frauenschwarm und Schwerenöter Curd Jürgens stellt sie fest: „Der Mann stinkt nach Alkohol, Schweiss und Samen.“

Spannend und lehrreich ist auch, was die Autorin vom Orient und vom Tanzen zu berichten weiss. So wurde ihr etwa über König Farouk von Ägypten erzählt, dass er fresssüchtig, spielsüchtig und sexbesessen war. Knapp fünftausend Frauen habe er mit seiner Manneskraft schon beglückt, und trotzdem sei sein Komplex immer noch nicht geheilt. In Rom, wo er im Exil lebe, stehe die ganz Stadt Kopf, weil niemand wisse, woher man noch Prostituierte nehmen solle, die allein durch die Nähe zum Vatikan ausgelastet seien.

In Kairo, von dem sie hingerissen ist, lernt sie den ägyptischen Tanz-Superstar Samia kennen, die ihr klar macht, dass sie weder einen ‚bellydance‘ noch einen ‚dance du ventre‘ und auch keinen Bauchtanz, sondern einen ‚oriental dance‘ ausübe. Dabei gelte es nicht nur den Bauch, sondern auch allen anderen Körperteile, vom kleinen Zeh bis zur Kopfhaut, zu beherrschen. Elfriede will das unbedingt lernen. „’Ich gebe dir nur Tipps, der Rest liegt bei dir‘, betonte Samia.“ In der Folge bringt es die gebürtige Niederbayerin unter dem Namen Ulfat Sharif zu einer der gefragtesten Tänzerinnen der arabischen Welt („… im Nahen Osten … sahen die Menschen eine orientalische Tänzerin nicht als kulturelles Eigentum an. Sie verkörperte vielmehr ein Lebensgefühl. Entscheidend für ihre Anerkennung war, wie sie das ewig Weibliche in ihrem Tanz erzählte.“) und hat ausgesprochen klare Vorstellungen, was sie von einem Mann erwartet: „… Grosszügigkeit setzte ich bei einem Mann schon voraus. Sozusagen als Massstab für die Wertschätzung, die er mir entgegenbrachte.“ Zudem hat sie vor sich selbst „ein Gelübde abgelegt: in jedem Land ein anderer Mann. Vielleicht auch mal keiner. Falls ich ein Land mehrmals besuchte, sollte die Devise für jeden Aufenthalt gelten. Nie, nie, niemals wollte ich mich für länger binden. Familie und Kinder? Dazu war ich viel zu beschäftigt.“ Ob es dabei geblieben ist, und noch vieles andere mehr, erfährt man in diesem anregenden Buch.

Elfriede Sattler
mit Ulaya Gadalla
Nabelfrei
Mein Leben, kein Roman
Knaur Verlag, München 2012

Sunday, 28 December 2025

Der letzte Mensch

Es liegt noch nicht lange zurück seit ich Mary Shelleys Frankenstein oder der neue Prometheus gelesen habe, schwer beeindruckt, dass eine so junge Frau (sie war 18 als sie damit begann, 21 als sie es zu Ende gebracht hatte) über eine derartige Hellsichtigkeit verfügen kann. Seit dieser Lektüre weiss ich wieder einmal, dass es Klassiker gibt, die diese Bezeichnung zu Recht tragen.

Den Roman Der letzte Mensch aus dem Jahre 1826, habe Mary Shelley für eines ihrer wichtigsten Werke gehalten, erfahre ich aus dem Klappentext. Das mag mit ein Grund sein, weshalb ich mich dafür interessiere, der wichtigere jedoch ist, dass mich Dystopien faszinieren und dieses Buch als die erste Dystopie der Weltliteratur bezeichnet wird.

Worum geht’s? Adrian und Idris, die Kinder des abgedankten Königs, befreunden sich mit den Waisenkindern Lionel und Perdita, deren Vater mit dem König gut bekannt gewesen war. Lionel und Idris werden ein Paar, Perdita heiratet den kriegerischen Lord Raymond.

Der Idealist Adrian („Dass Hass, Tyrannei und Furcht nicht länger ihre Zuflucht in menschlichen Herzen fänden! Dass jeder Mann einen Bruder in seinem Gefährten finden würde …“) und Lord Raymond („… er handelte stets voller Selbstsucht. Er betrachtete die Struktur der Gesellschaft als einen Teil der Maschinerie, die das Netz, auf dem sein Leben beruhte, stützte.“) könnten unterschiedlicher nicht sein, doch zusammen mit Lionel, Perdita und Idris bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, die Raymond zum Lordprotektor von England macht. Diese Wahl wird ausgesprochen spannend geschildert und offenbart auch die ausgeprägten psychologischen Einsichten der Autorin – es war Raymonds ursprüngliche Absicht gewesen, Adrian für diesen Posten zu nominieren, ohne sich bewusst zu sein, dass er ihn für sich selber erhoffte.

Wieder einmal bin ich erstaunt, wie ähnlich die Zeit, die hier geschildert wird, der heutigen ist. „Der physische Zustand des Menschen würde bald nicht mehr hinter der Schönheit der Engel zurückstehen; Krankheit sollte verbannt; die Arbeit ihrer schwersten Last entledigt werden (…) Das Böse hatte freilich überlebt, und die Menschen waren nicht glücklich, nicht weil sie es nicht konnten, sondern weil sie sich nicht dazu aufraffen wollten, selbstauferlegte Hindernisse zu überwinden.“

Andererseits würde man heutzutage kaum mehr so romantisch überschwänglich schreiben. Die Gefühle sind edel, da wird auch viel geweint und viel idealisiert. „ …in Perdita besass er alles, was sein Herz begehren konnte. Ihre Liebe brachte Zuneigung hervor; ihre Klugheit liess sie jedes seiner Worte verstehen; ihre Geistesgaben befähigten sie, ihn zu unterstützen und zu führen.“

Gelegentlich kam mir diese Dichtung auch arg melodramatisch vor, was jedoch von den ewigen Wahrheiten gemildert wurde, die von grosser Weisheit zeugen. „Wir nennen die überirdischen Lichter unbeweglich, aber sie wandern auf jener Ebene umher, und wenn ich wieder hinsehe, wo ich vor einer Stunde hingesehen habe, ist das Antlitz des ewigen Himmels verändert: Der törichte Mond und die unbeständigen Planeten ändern nämlich ihren unberechenbaren Tanz, die Sonne selbst, die Herrscherin des Himmels, verlässt ihren Thron und überlässt ihre Herrschaft der Nacht und dem Winter.“

Im zweiten Teil dann tritt die Pest auf. „Sie wurde eine Epidemie genannt. Aber die grosse Frage war noch immer ungeklärt, wie diese Epidemie erzeugt und verstärkt wurde.“ Unweigerlich denkt man an Covid-19. Dazu Rebekka Rohleder in ihrem Nachwort: „Die Welt von Shelleys Roman und nicht zuletzt die Pest, um die es darin geht, unterscheiden sich doch zu stark von Covid-19 und die Welt des 21. Jahrhunderts, als dass eine gründliche Lektüre von Der letzte Mensch als erschöpfende Vorbereitung für die Corona-Pandemie hätte gelten können.“ Was für die Literaturwissenschaftlerin stimmen mag, trifft auf mich nicht zu. Das liegt nicht nur daran, dass meine Lektüre wenig gründlich war und ich beim besten Willen nicht weiss, was eine „erschöpfende Vorbereitung“ hätte sein können, es liegt wesentlich daran, dass ich anders lese. Konkret: Mich interessiert weder der historische Kontext noch die Absichten der Autorin, mich interessiert alleine, wie ein Buch auf mich wirkt. Natürlich auch deswegen, weil ich unsere Unterteilungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für eine Illusion halte. Zugegeben, eine ziemlich beständige.

Sätze wie diese machen für mich deutlich, dass sich die letzten zweihundert Jahre nichts Wesentliches geändert hat. „ … ein Gefühl der Ehrfurcht, eine atemlose Empfindung des Staunens, eine schmerzliche Erniedrigung der Menschheit schlich sich in jedes Herz. Die Natur, unsere Mutter und Freundin, blickte uns drohend an. Sie zeigte uns deutlich, dass sie uns zwar erlaubte, ihre Gesetze anzuerkennen und uns ihren sichtbaren Kräften zu unterwerfen, doch wenn sie nur einen Finger höbe, müssten wir beben.“

Und auch wie die Behörden auf die Pest reagierten, scheint mir nicht gross anders als in unseren Corona-Zeiten: Ignorant und überfordert (auch die Intelligenten unter ihnen, denn ihre Vernunft reicht nur für den üblichen Lauf der Dinge, nicht jedoch für Unvorhergesehenes), denen nachgebend, die am lautesten schreien.

Ausführlich werden die Auswirkungen der Seuche beschrieben. Die Angst, Panik und Hilflosigkeit, aber auch die Beherztheit einiger. „War die Seuche einmal in den ländlichen Gebieten aufgetreten, erschienen ihre Auswirkungen schrecklicher, gefährlicher und schwieriger zu heilen als in den Städten.“ Das ist heutzutage sicher anders, jedenfalls in der kleinen, industrialisierten Schweiz. In Malawi, wie ich letzthin vernommen habe, scheint es hingegen nach wie vor so zu sein. Wie auch immer: Den Überblick hat niemand, mir scheint es auch unwahrscheinlich, dass ihn jemand haben könnte. Umso beeindruckender, dass Der letzte Mensch eine so recht eigentlich ziemlich umfassende Schilderung zustande bringt.

Mary Shelley ist eine Kennerin der menschlichen Seele. Eindrücklich versteht sie zu vermitteln, wie die Seuche das Beste wie auch das Übelste in den Menschen hervorbringt. Sie weiss um die Fragilität unseres angelernten Wissens, weiss, dass wir für Unerwartetes nicht gewappnet sind.

Fazit: Gescheit, empathisch und horizonterweiternd.

Mary Shelley
Der letzte Mensch
Reclam Verlag, Ditzingen 2021

Wednesday, 24 December 2025

On Stories and Memories

 I haven't a clue how memory works but I do know that mine is incredibly creative for it does remember things that never happened. There are also stories that I clearly recall and prefer not to check whether they are true or not – for the simple reason that I treasure them.

One of them concerns the late Cassius Clay, who, when about to be sent to fight in Vietnam, responded: I do not have any problems with these guys over there. and so I won't go. If you have problems with them, you go.

Another story I'm fond of: Many years ago, the then Swiss foreign minister, a social democrat, gave a speech that the media praised for being almost revolutionary. The minister however wasn't that pleased: Who the fuck wrote this speech?, he furiously wanted to know after he had left the stage.

Another foreign minister, not Swiss but South African, after addressing a crowd at a political rally during the times of Apartheid: To my supporters, let me say: Get back home safely, as to the others, who am I to tell them what to do?

Sunday, 21 December 2025

Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen

Berührt einen das gesellschaftliche und insbesondere das politische Geschehen wenig (die immergleichen Langweiler streiten sich um Geld und Privilegien), entgeht einem leider auch für unsere Zeit Kennzeichnendes, worauf der 1972 in Kiel geborene Knut Cordsen hinweist. "Ich habe, wie man das halt so macht als Journalist. mitgeschrieben, wenn mir Dinge auffielen, wenn es mir merkwürdig vorkam, wie meine Mit- und Nebenmenschen redeten. Nebenmensch trifft es oft besser als das eingemeindende 'Mitmensch.'" Der Begriff Nebenmensch geht übrigens auf Goethe zurück – dieses Buch ist auch eine lehrreiche Lektüre.

Stand Jetzt "möchte nicht verdammen, es möchte erheitern", so der Autor in seinem Vorwort. Und, um es gleich vorwegzunehmen, das tut es auch. Doch es tut noch mehr: Es klärt auf, denn wie wir uns ausdrücken, verrät nicht zuletzt wie wir denken bzw. wie wir gerne wahrgenommen würden.

Politiker machen uns heutzutage Angebote. Damit präsentieren sie sich als das, was sie sind: Verkäufer. Die Verkäuferin Annalena Baerbock sagt es so: "Ich möchte heute hier mit meiner Kandidatur ein Angebot machen, für die gesamte Gesellschaft. Dass wir Zukunft gestalten, das ist mein Angebot, das ist unser Angebot, dafür treten wir an."

Neben dem Angebot ist auch "das Aus" ein ziemlich inflationär gebrauchter Begriff, der vom "Pokal-Aus" bis zum "Kriegs-Aus" geht und massgeblich von der Bild-Zeitung, dem Zentralorgan der Niedertracht (so Max Goldt), befördert worden ist.

Wir leben in einer Zeit, "die nicht anders als zuckerwattiert zu charakterisieren ist", meint Knut Cordsen, der festgestellt hat, "dass der auf -ie endende Diminutiv immer weitere Kreise zieht." Von Messie bis zu Selfie. Sprache diente eben schon immer auch dem Verschleiern. So lügen etwa britische Politiker nicht, sie pflegen einen ökonomischen Umgang mit der Wahrheit.

Schon mal von Brandmauerspechten und Brandmauertoten gehört? Nun ja, es gibt sie nicht. Dafür gibt es nicht wenige, die definitiv nicht wissen, wovon sie reden, wie die Ausführungen zur Brandmauer klarmachen. Stand Jetzt, mit seinen vielen Beispielen aus der deutschen Politik, kann mit Gewinn auch als Einführung in die inszenierte Politik gelesen werden.

Zur den ausgeprägsten Fähigkeiten des Menschen zählt der Selbstbetrug. Was sich auch in Begriffen wie "gottoffen", "zukunfstoffen" und "ergebnisoffen" zeigt, denn es ist davon auszugehen, dass diejenigen, die sie benutzen, sie nicht anwenden. Wer glaubt, was er sagt. so sinngemäss einst Konrad Adenauer, ist ungeeignet für die Politik.

Zu meinen Favoriten gehören die Ausführungen zu "fair", einem Begriff, der wohl auch deshalb Eingang in die englische Sprache gefunden, weil er selten praktiziert wird. Die Evangelische Kirche Deutschlands sieht das anders, hoffnungsfroher; sie bezeichnete 2007 "fairgeben – fairsorgen – fairteilen" als "Gottes Spielregeln für eine gerechte Welt." Treffend kommentiert Autor Cordsen: "Mas kann es für eine Ausgeburt des Kulturprotestantismus halten."

Stand Jetzt ist eine überaus gelungene Bestandesaufnahme der heutigen Zeit bzw. des jetzigen Moments, in dem der militärische vom friedliebenden Helden abgelöst worden ist. "Heutzutage ist offenbar schon ein Held, wer am Wochenende Oldtimer spazieren fährt." Doch obwohl mittlerweile so ziemlich jede Tätigkeit als heldenhaft durchgehen kann (vom Sparhelden zum 'Delivery Hero'), ist der Pantoffelheld gänzlich aus der Mode gekommen. Unsere moderne Zeit verlangt Taten, und begnügt sich mit Worten.

Fazit: Geistreich, witzig und erhellend

Knut Cordsen
Stand Jetzt
Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen
Kunstmann, München 2025

Wednesday, 17 December 2025

In Stockholm

 Vor dem Abflug nach Stockholm komme ich am Zürcher Flughafen mit einer seit vielen Jahren in Witikon wohnenden Spanierin aus Bilbao ins Gespräch. Sie ist auf dem Weg zu ihrer Schwiegermutter, die in der dortigen aramäischen Gemeinschaft ansässig sei. Bei den Aramäern handle es sich um eine christliche Minderheit in der Türkei, die jedoch hauptsächlich in der Diaspora lebe. Und wieder einmal wundere ich mich über unsere bunte, vielfältige Welt.

Im Flugzeug sitze ich neben einer Schwedin, die mit ihren beiden Kindern ihre Schwester und deren Mann, die am Zürichsee leben, besucht hatte. Nach einem PhD in Klima und Meteorologie hat sie sich gegen das akademische Leben entschieden und beschäftigt sich nun in einer Projektgruppe mit einer App für Behinderte. Wer denken gelernt hat, kann vieles machen, denkt es so in mir.

Mein Hotel verfügt über einen Shuttle, der alle dreissig Minuten fährt, und gerade mal sechs Minuten bis zum Flughafen benötigt. Vorgestellt hatte ich mir, dass mich in Flughafennähe flaches Gelände erwarten würde, um mir den Blick in die Weite zu verschaffen – nichts, das meiner Seele besser tut. Das regnerische und teils stürmische Wetter machte mir allerdings einen Strich durch die Rechnung und wartete mit einer tiefliegenden Wolkendecke auf; viel Weite gab es nicht zu sehen.

Nur einmal, im Bus von Arlanda nach Märsta, klarte es auf. Und meine Seele jubelte.

Das abendliche Zudröhnen mittels BBC, CNN und FOX News für einmal ausser Kraft, da gerade einmal vier schwedische Sender zu empfangen sind. Als ich mich erkundige, ob das üblich sei, sagt man mir, nein, nein, man werde sich darum kümmern. Das dauerte dann eine ganze Weile; schlussendlich hatte ich dreizehn Kanäle, auch ein paar englische waren dabei und boten Filme, bei denen ich definitiv nicht zum Zielpublikum gehöre.

Drei Nobelpreisträger für Literatur habe ich mit dabei, doch keinen finde ich lesbar. Im Gegensatz zu früher glaube ich heute nicht mehr, dass ich verpflichtet bin, Nobelpreisträger zu schätzen und so lege ich sie zur Seite. Wobei: Ich habe auch einige gelesen, die ich beeindruckend fand. Stattdessen nehme ich mir bereits Gelesenes von Alan Watts, Krishnamurti und Eugen Herrigel vor – und werde wieder einmal an Wesentliches erinnert: dass man lernen soll, Meister seiner selbst zu werden.

Die Zeit vergeht langsamer, sobald man aus seinen Routinen fällt.

An meinem ersten Tag regnet es, am zweiten auch; es regnet die ganzen vier Tage, in denen ich mit einem Drei-Tages-Pass für Senioren (Nie hätte ich gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte!) die Stadt erkunde. Die Innenstadt ist voller Touristen, zu viele für mich. Als Jugendlicher fand ich Menschenansammlungen geil, heute ist es das Gegenteil. „Que lindo perrito“, höre ich eine männliche Stimme hinter mir und sehe einen etwa Sechzigjährigen einen Hund aus Stein streicheln. Ich ergreife die Flucht.

In einer menschenleeren Seitenstrasse: Hej, zwei kleine, blonde Schwedenmädels, die mir lachend zuwinken.

Die Shuttle-Busfahrer sind entweder dunkelhäutig oder tragen Bart, manchmal auch beides. Im Lokalbus heute zum ersten Mal eine blonde Frau am Steuer. Wie in der Schweiz so winken sich auch hier die Buschauffeure zu.

Die Verkehrsanbindung des Flughafens ist exzellent, Züge und Busse zuhauf. Ein Flughafen fühlt sich ganz anders an, wenn man sich regelmässig dort aufhält. Junge Männer kauften vor allem Bücher darüber, wie man schnell erfolgreich wird, sagt der junge Buchhändler.

Es nieselt, Wind kommt auf. Dann ganz plötzlich dringen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Das Ganze dauert nur einige wenige Minuten. Gibt es eigentlich Faszinierenderes als Wetter?

Die junge Frau aus Simbabwe neben mir im Bus sagt, ihre eigenen Erfahrungen in Polen, wo sie studiert hat, seien total anders als die einer Bekannten. Von Labels halte sie übrigens gar nichts, die seien eine amerikanische Manie. Ob jemand ein Psychopath oder ein Narzisst sei, er sei einfach ein schlechter Mensch. Sie hat einen vierzehnstündigen Stopover in Stockholm und ist begeistert, dieses Europa hier sei verglichen mit Warschau um Klassen besser. Sie werde sich nach Arbeit als Englischlehrerin erkundigen, doch zuerst gehe es jetzt nach Harare, mit einem weiteren Stopover, dreieinhalb Stunden, in Addis Abeba. Das muss ein billiger Flug gewesen sein, schmunzle ich. Das war es in der Tat, lacht sie.

Die Rezeptionistin trägt ihr Haar meist hoch gesteckt. Heute nicht, heute trägt sie es offen und wirkt wie eine gänzlich andere Person.

Im Zug ein Finne, der zum Motorradeinkauf hierher gekommen ist. Hier koste das Motorrad 12000 Euro, in Finnland 18000. Alles sei bereits arrangiert: Er gehe es jetzt abholen, nehme es dann mit der Fähre nach Helsinki. Früher sei er Koch gewesen, dann gab es plötzlich keine Arbeit mehr und so wurde er Fernfahrer. In Schweden, Norwegen, Finnland. Heute arbeitet er als Manager für Frachtgut.

Wieder einmal eine E-Mail der Obama Foundation, die mich in schöner Regelmässigkeit auffordert, Geld zu spenden. Das ist ja wie bei Trump. Die Reichen betteln bei denen, die entschieden weniger haben, um Geld. Kränker geht kaum.

Ich bin auf dem Weg nach Solna, als der Zug in den Bahnhof von Sollentuna einfährt und ich das farbige Gebäude wieder sehe, das mir schon vor zwei Tagen aufgefallen war. Und so steige ich aus und mache Fotos. Ganz verschiedene Firmen beherberge dieses Gebäude, das auch ‚Colour House‘ genannt werde, sagt der mit einem iPad beschäftigte Mann, den ich angesprochen hatte und der sich als Stadtplaner entpuppte. Das schwarz/weisse Gebäude daneben sei übrigens das Gericht, schmunzelt er.

                                                               Sollentuna, 10 August 2023

Ich fahre nach Uppsala. Und nach Märsta. Gehe durch die Strassen und mache Fotos. Mich einer mir unbekannten Umgebung auszusetzen und sie auf mich wirken zu lassen, das ist heutzutage meine Form des Reisens. Ihn interessiere die Geschichte der Stadtteile und Gebäude, sagt der Stadtplaner aus Sollentuna. Das kann ich bestens nachvollziehen, so war es fast mein ganzes Leben. Mittlerweile hingegen zählt nur noch, ob etwas meine Augen anspricht, ob mir etwas ästhetisch gefällt

Wir reden noch über dies und das, doch hauptsächlich über Wissen und Wahrnehmung, gut zwanzig Minuten lang. Ob ich ein Professor sei, für Ethnologie vielleicht? Das Denken in Systemen sei nicht mein Ding, antworte ich, mein Interesse gehöre der Welt der Ideen, dem unabhängigen Denken ausserhalb der Institutionen.

Der weite Himmel, die mächtig wirkenden Wolken wirken befreiend auf mich.

Ob er Englisch spreche, frage ich den beleibten, mit seinem Handy beschäftigten Kioskbetreiber an der Bahnstation Upplands Väsby. Nein, sagt er, ohne aufzuschauen und beschäftigt sich weiter mit seinem Handy. Ehrlich oder gleichgültig? Ich tippe auf faul.

Im Zug. Eine Frau um die fünfzig, Kopfhörer in den Ohren, telefoniert angeregt, ihre Mimik und ihre Gesten sprechen für sich, der ganze Körper ist in Bewegung. Besonders der Gebrauch ihres Zeigefingers ist eindrücklich, auch und obwohl ihre Gesprächspartnerin nichts davon wissen kann.

Life is ‚a crack of light‘ between the two great voids, before birth and after death“, so oder ähnlich habe ich das über ein Buch von Jenny Diski gelesen.

Sunday, 14 December 2025

Im Spiegel des Kosmos

Es geschieht selten, sehr, sehr selten, also eigentlich nie, dass ich wegen eines Zitats, das einem Buch vorangestellt ist, in regelrechte Begeisterungsstürme ausbreche. Die Ausnahme ist dieses Zitat hier, es stammt von Edgar D. Mitchell, Astronaut der Apollo 14: „Von dort draussen, vom Mond aus betrachtet wirkt die Weltpolitik so lächerlich kleinlich. Am liebsten möchte man einen Politiker am Schlafittchen packen, ihn eine Viertelmillion Meilen hinaus ins Weltall zerren und zu ihm sagen: „Schau dir das an, du kleiner Mistkerl."

Der US-amerikanische Astrophysiker Neil deGrasse Tyson, geboren 1958 in New York City, weist in seinem Vorwort auf „zwei rasche Lehren aus diesem Buch“ hin: „1) Das menschliche Auge reicht nicht aus, um die fundamentalen Wahrheiten über die Abläufe in der Natur zu enthüllen. 2) Die Erde ist nicht der Mittelpunkt aller Bewegung. Sie kreist um die Sonne, als lediglich einer unter mehreren anderen bekannten Planeten.“ Das wissen wir doch, werden vermutlich die meisten denken. Schon, aber eben nur in der Theorie, denn in der Praxis lassen wir uns von dem leiten, was wir sehen und in unserem Erleben dreht sich die Welt um uns. Und genau deswegen ist Im Spiegel des Kosmos so überaus nützlich – „als Fundgrube von Einsichten, informiert durch das Universum und vermittelt mit den Methoden und Werkzeugen der Wissenschaft.“ Übrigens: „Objektive wissenschaftliche Wahrheiten fussen nicht auf Glaubenssystemen“, sie gründen auf Experimenten, können also nachgewiesen werden.

Mit „Wahrheit & Schönheit. Ästhetik im Leben und im Kosmos“ überschreibt Neil deGrasse Tyson das erste Kapitel. Und diese Formulierung is so recht eigentlich ein Geniestreich, denn Schönheit ist in der Tat Wahrheit, das behauptet er nicht nur, das führt er an Beispielen vor. „In unserem Sonnensystem haben wir Kometen und Planeten und Asteroiden und Monde, und sie alle präsentieren sich dem Auge in umwerfend einziger Form und Gestalt. Zu vielen dieser Objekte haben wir detaillierte und objektiv wahre Kenntnisse angesammelt, woraus sie bestehen, wo sie herkommen und wohin sie unterwegs sind. Derweil drehen und bewegen sie sich auf ihren zugewiesenen Pfaden durch das Vakuum des Weltalls, wie Pirouetten drehende Tänzer in einem kosmischen Ballett, und mit den Gravitationskräften als Choreograph.“ Wunderbar!

Im Spiegel des Kosmos ist ein ungemein hilfreiches Buch, da es einen Perspektivenwechsel vornimmt: Nicht unser Ach-so-delikates-Ego wird gehätschelt, sondern unser Dasein im Kosmos wird uns vor Augen geführt. „Für mich persönlich als Wissenschaftler und als Erdenbewohner ist vielleicht das Schönste am Universum, dass wir überhaupt etwas darüber wissen können.“ Man sollte sich Zeit nehmen für diesen Satz, ihn wirken lassen und zu begreifen bereit sein, dass nichts, absolut gar nichts, selbstverständlich ist. Oder uns zusteht. Oder gar verdient wäre ...

Es liegt an unserem Lebenstrieb, dass wir an der Idee, das Ego sei Realität, festhalten. Obwohl wir wissen (können), dass es dieses Ego gar nicht geben kann, denn schliesslich ist alles in stetiger Veränderung begriffen. Diese Vorstellung eines Ego führt übrigens auch zur Astrologie, die lehrt, „dass Sonne, Mond, Planeten und Sterne sich ganz persönlich auf uns auswirken“ ... Dazu Neil deGrasse Tyson: „Kenntnisse über das Universum im Allgemeinen – und kosmische Perspektiven im Besonderen – helfen uns zugleich unser Ego von allem zu lösen, was am Himmel passiert, und dabei selbst die Verantwortung für unser eigenes Tun zu übernehmen.“

Dass wir so wenig fähig sind, das Wunder des Lebens, unserer Existenz, des Universums zu sehen, wirklich zu sehen, liegt grösstenteils an unserem Denken, das linear unterwegs ist. Doch: „Wissen wächst nicht linear, sondern exponentiell, deshalb ist jeder Versuch unseres Gehirns hoffnungslos, die Zukunft allein auf Grundlage der Vergangenheit vorherzusagen.“

Im Spiegel des Kosmos liest sich über weite Strecken als Plädoyer für die Wissenschaft und das meint: Verstehen zu wollen, wie die Dinge wirklich sind. Als zu Beginn von Corona viele sich berufen fühlten, ihre Meinung kundzutun – Politiker, Geschäftsleute und andere Ideologen – , waren Wissenschaftler die Einzigen, auf die ich bereit war, zu hören. Nicht, weil sie immer recht hatten, doch weil sie, sofern sie ernsthaft unterwegs waren, bereit waren, sich an Überprüfbarem zu orientieren.

„Die ganze Mission im Leben eines Wissenschaftlers besteht darin, die wahren Merkmale und Eigenschaften der Natur herauszufinden, selbst wenn sie im Widerspruch zu den eigenen philosophischen Überzeugungen stehen. Genau deshalb werden Sie niemals Bataillone von Astrophysikern bei der Erstürmung eines Hügels beobachten können.“ Wir wären gut beraten, uns die Geisteshaltung hinter dieser Mission anzueignen. Argumente dazu liefert dieses Buch zuhauf.

Im Spiegel des Kosmos führt eindrücklich, anregend und überzeugend vor, wie wir unseren Verstand zum Wohle von uns allen nutzen können.

Neil deGrasse Tyson
Im Spiegel des Kosmos
Perspektiven auf die Menschheit
Klett-Cotta, Stuttgart 2024

Wednesday, 10 December 2025

Schwarzlicht

In jüngeren Jahren, als ich mir von Büchern sinngebende Einsichten versprach, pflegte ich mir wichtige Sätze anzustreichen – und da ich fast alles wichtig fand, nahmen die Unterstreichungen gelegentlich ganze Seiten ein. Daran musste ich denken, als ich María Gainzas Schwarzlicht zur Hand nahm, denn bereits die ersten Seiten begeisterten mich derart, dass ich drauf und dran war, praktisch jeden einzelnen Satz zu unterstreichen.

Hier einige ganz willkürlich ausgewählte Beispiele:

„Sie trug eine zitronengelbe Bluse und ein zerknittertes stahlgraues Kostüm. Sie machte einen gewöhnlichen, ja geradezu etwas lächerlichen Eindruck, doch ihr Äusseres war, wie ich nach einiger Zeit feststellen sollte, ihrer Geisteshaltung genau entgegengesetzt.“ Soviel zu all den Trotteln, die vom ersten Eindruck auf eine Person schliessen.

„Auch wenn sie selten davon sprach, schien sie einer älteren Zivilisation zu entstammen, die es nicht nötig hatte, alles in Worte zu fassen.“ Wie wohltuend, denkt es so in mir.

„Ich war jung, wusste wenig, und was ich wusste, verstand ich kaum, dafür jedoch weckte nahezu alles rasendes Interesse bei mir.“ Treffender kann ich meine eigene Jugend nicht beschreiben!

Die Kunstkritikerin María, die in der Welt der Kunst eine Zeitlang „ein gewisses Prestige erlangt hatte, das sich der Illusion verdankte, eine empfindsame Prosa sei Ausdruck einer ehrbaren Gesinnung, am Stil erkenne man den Charakter“, ist eigentlich nicht darauf aus, sich zu etablieren, als sie bei der Taxierungsabteilung des Banco Ciudad eine neue Stelle antritt.

Ihre Chefin, Enriqueta Macedo, führt sie in die Welt der gefälschten Kunstwerke ein. Enriqueta hatte die Fälschungen der Bande der melancholischen Fälscher („Ihre Mitglieder, die davon lebten, dass sie die Reichen übers Ohr hauten, fühlten sich wie durch ein brüderliches Band verbunden.“), ansässig in Buenos Aires, im Stadtteil Belgrano, während vierzig Jahren für echt erklärt. Im Namen der Kunst und nicht etwa des Geldes wegen. „Falsch waren ihrer Ansicht nach bloss Werke von zweifelhafter Qualität.“

Es geht in diesem glänzend geschriebenen Roman nicht nur um die darstellende Kunst („Ein Sammler kauft keine Kunst, er kauft die gesellschaftliche Bestätigung seiner Investition.“), sondern auch, und vor allem, um die Lebenskunst. „Obwohl es vordergründig immer um Malerei ging, schienen ihre Ratschläge sich in Wirklichkeit auf die Kunst des Lebens zu beziehen.“

Als Enriqueta stirbt, wird María Kunstkritikerin bei einer Zeitung. Als sie den Job verliert, macht sie sich auf die Suche nach der legendären Kunstfälscherin Negra. „… frage ich mich manchmal, ob das Fälschen nicht das einzig wirklich grosse Kunstwerk des 20. Jahrhundert darstellt.“

Schwarzlicht ist ausgesprochen reich an Lebensweisheiten, zu denen auch gehört: „Wie die Grossmutter einer Freundin immer sagte: ‚Nur weil dir schon mal was Schlimmes passiert ist, heisst das nicht, dass dir danach nichts Schlimmes mehr passieren kann.’“ Ob die Erkenntnisse, die etwa Proust („Jeder Mensch kann auf sieben genaue Kopien seiner selbst zählen.“) und anderen bekannten Autoren zugeschrieben werden, erfunden sind oder nicht, ist bei einem Werk, das sich der Fälschung widmet, schwer abzuschätzen – ich jedenfalls habe mich entschieden, sie als wahr zu betrachten.

Immer mal wieder muss/darf ich Tränen lachen. „Ohne sie war ich wie eine Kuh ohne Weide …“. Fühle ich mich nachdenklich gestimmt. „Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie ‚die glücklichste Zeit des Lebens‘, eine Feststellung, die einen ganz schön traurig machen kann.“ Weiss ich mich mit Wesentlichem konfrontiert. „Doch wie Bach, der darum bat, ihn niemals bewaffnet ausser Haus gehen zu lassen – er fürchtete, ihn könne plötzlich Mordlust befallen – , hielt ich mich von allen Verlockungen fern.“

Schwarzlicht ist gescheit, witzig und lebensklug. Und überdies vielfältig lehrreich. Eine Perle!

María Gainza
Schwarzlicht
Roman
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2023