Wednesday, 2 April 2025
Sunday, 30 March 2025
Bern schläft
Mein Hotel liegt direkt am Meer. Als ich eintreffe erläutert die Rezeptionistin am Telefon einem offenbar begriffsstutzigen Motorradfahrer, wie er die Parkgarage finden könne. Als ich sie später frage, ob der Mann eingetroffen sei, sagte sie, er schon, das Motorrad nicht.
Beim Frühstück wähne ich mich in einem Fellini-Film. Einige haben Tische reserviert, nicht nur am Fenster, auch vor einer Säule. Als mir eine ältere Frau zulächelt, geht mir mein brasilianischer Freund Ricardo durch den Kopf, der vor Jahren meinen geplanten Besuch in Torres, einer Stadt am Strand in Rio Grande do Sul, so kommentierte: Da wirst du viele schöne junge Frauen im Bikini zu sehen kriegen, die dich jedoch keines Blickes würdigen. Die einzigen, die dich anschauen, sehen so aus wie deine Grossmutter, sind aber wahrscheinlich jünger als du.
Alássio, Einwohnerzahl um die 10’000, ist eine Touristenhochburg. Anfang September vor allem für ältere Semester. Ich staune über die günstigen Cappuccino-Preise: 1 Euro 70 oder 1 Euro 80.
Eine Buchanzeige per Email. Ob mich eine Analyse darüber, wie wir über die Covid-Impfung getäuscht wurden, geschrieben von einer Rechtsanwältin, zu besprechen interessiere? Definitiv nicht. Ich finde sogenannte Aufarbeitungen wohlfeil. Was sie bewirken sollen, ist mir schleierhaft, denn dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt, ist nun wirklich nichts Neues.
Meine derzeitige Lektüre: Robertson Davies‚ The Lyre of Orpheus, reich an so wunderbaren Sätzen wie: „Maria thought of herself as a determined scholar, not as a rich man’s wife, or a woman of remarkable beauty which drew all sorts of unscholarly things into her path.“ Sowie eine Geschichte der Hitze, die mich zum ersten Mal den zweiten Satz der Thermodynamik begreifen lässt: Hitze fliesst immer von heiss zu kalt. Nie umgekehrt.
Ortsansässige empfehlen regelmässig den Besuch von Touristenattraktionen. Mich interessieren weder Museen noch historische Stätten und ich wundere mich, dass man sich dafür interessieren kann. Ich muss nicht wissen, was meine Vorfahren angeblich gedacht und gefühlt haben. Als ob das jemand wüsste! Ich weiss nicht einmal, was ich selber denke, habe eher den Eindruck, dass in mir etwas denkt, wovon ich nur zu einem ganz geringen Teil etwas mitkriege.
Es sei klar besser, sagt mir die Rezeptionistin, direkt beim Hotel und nicht via Booking zu buchen. Und wieso das? Weil man dann immer über den Preis verhandeln könne. Ich habe alles bezahlt, ausser der Kurtaxe, sage ich zwei Tage später beim Check-out. Due Euro, winkt sie ab.
35 Minuten Verspätung habe mein Zug nach Ventimiglia, informiert mich Trenitalia per Email. Am Bahnhof sagt die Anzeigetafel dann die Verspätung betrage 60 Minuten. Als ich zwanzig Minuten später noch einmal hinschaue, ist keine Verspätung mehr aufgeführt. Ich gehe zum Gleis, wo gerade ein anderer, ebenfalls verspäteter Zug nach Ventimiglia einfährt, allerdings kein Intercity, für den meine Fahrkarte gültig ist. Ob ich auch diesen Zug nehmen könne, frage ich einen Bahnangestellten, der meint, vermutlich schon, er würde es jedenfalls empfehlen, denn der Intercity habe eine Stunde Verspätung. Ich beschliesse, es zu riskieren, werde dann gar nicht kontrolliert, doch leider setzt sich eine Frau mit zwei Kindern neben mich, die einen derartigen Lärm machen, dass ich meine Stimme erhebe und ohne nachzudenken diesen ziemlich bescheuerten Satz von mir gebe. „Nella prima classe il silenzio é obligatorioI“ Dann ist Ruhe. Als der Lärmhaufen in Sanremo aussteigt, verabschiedet sich das Mädchen mit einem lachenden Ciao.
Als ich in Cannes meine Email konsultiere, erfahre ich von Trenitalia, dass mein verspäteter Intercity in Arquata Scrivia zu einem definitiven Stillstand gekommen und ich autorisiert sei, den Regionalzug zu nehmen.
Die Unterschiedlichkeit der Leute macht mich immer mal wieder staunen. Im Zug: Die zwei Araberinnen, die sich offenbar nur sehr, sehr laut unterhalten können. Die Afrikanerin in buntes Tuch gehüllt, die mich über den Gang hinweg bittet (und nicht etwa die, welche neben ihr sitzen) kurz auf ihr Gepäck aufzupassen. Die junge Frau, die mir zu Hilfe eilt, als mein Koffer umfällt. Ob ich wohl so alt aussehe, dass ich Hilfe brauche?
Eigenartig, in einem Hotel zu sein, wo ich ausschliesslich die Landessprache höre. Jetzt in Toulon ist es so, doch auch in Alássio ist mir das aufgefallen.
Am Hafen von Toulon, einer Stadt mit 160’000 Einwohnern, geht mir Schopenhauer durch den Kopf, der beim Anblick der Galeerensklaven zutiefst erschüttert war und den Glauben an die Menschheit verlor. In der Innenstadt dann Erinnerungen an Dijon.
Nach dem ausgiebigen Hotelfrühstück habe ich zwar keinen Hunger, doch dem Thai-Restaurant beim Bahnhof kann ich dann doch nicht widerstehen. Ein Fehler, die Hühnersuppe schmeckte, als ob man anstatt eines Kaffeelöffels Bouillon (oder was auch immer es gewesen ist) zwei Kochlöffel davon reingeschmissen hätte. Ich brachte es nicht über mich, aufzuessen.
Cappuccino in Frankreich ist meist eine Enttäuschung, Café au lait oft die bessere Option. Mit einer Ausnahme: In einer Bar Tabac war er exzellent, für zwei Euro!
Heftiger Wind, der mich zeitweilig an Rio Grande gemahnt, wo ich mich wunderte, dass jemand damit leben kann. Gewohnheit, wie immer.
Nach gut fünf Stunden der Stadterkundung, glaube ich es gesehen zu haben und ziehe mich ins Hotel zurück, wo ich mir Jerzy Kosinkis L’oiseau barriolé vornehme und unter anderem lerne, dass ein Drittel der im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden weniger als 16 Jahre alt war. Kosinski, von dem meine verstorbene Freundin Irène schwärmte, habe ich einst verschlungen … und auch jetzt packt er mich.
Eine Literatursendung im Fernsehen. Sehr französisch, intelligentes Palaver von Leuten, die alles für bedeutsam halten, vor allem sich selber. Früher mochte ich das nicht nur, ich war beeindruckt, und nahm es ernst, im Gegensatz zur Politik, die ich immer schon hohl gefunden habe. Heute sehe ich nur noch Eitelkeit und Selbstüberschätzung.
Schon komisch, was ich in̈ Hotelzimmern so alles google, von Heather Mills bis zu Olivia Newton-John, die in Australien offenbar ein Staatsbegräbnis gekriegt hat. Was wir Menschen alles für normal halten – Staatsbegräbnisse! –zeigt wie durchgeknallt wir sind.
Im Internet lese ich, eine Schweizer Politikern habe auf Instagram ein Bild von sich gepostet, das zeigt wie sie auf ein Bild von Maria mit Jesuskind schiesst, worauf sie ihren Job als Kommunikationsberaterin (!?) sowie politische Ämter verliert. Wie konnte sie nur, was hat sie sich bloss gedacht? wird nun gefragt. Diesen Fragen liegt die Annahme zugrunde, wir wüssten, was wir tun. Das ist Humbug. Wir haben keinen Schimmer, warum wir tun, was wir tun. Was wir bewusst äussern ist Theater bzw. klassische Dissonanz-Reduktion. Wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen. Das Unbewusste regiert uns. Was uns wirklich antreibt, wie wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.
Wednesday, 26 March 2025
Auf Reisen
Es sei gleich vorweg genommen: Dies ist ein ganz wunderbares Buch: differenziert, elegant, witzig, eine Anleitung für intelligentes Reisen, besser als jeder Reiseführer.
Seinen Ausgang nimmt der Text in Berlin, der Stadt, in welcher der Autor laut Klappentext seit 25 Jahren als Schriftsteller und Filmemacher lebt. „Nach Jahren erst lernte ich zu akzeptieren, dass es in Berlin nirgends besser ist als da, wo ich mich gerade aufhalte. Seither übe ich mich täglich darin, die ewige Angst zu verdrängen, das Glück sei dort, wo ich nicht bin, und versuche, das Schöne im Grauen zu entdecken. Dann fängt die Stadt an, sich zu entfalten. Halten Sie also das Hotel, in das es Sie verschlagen hat, für das bestmögliche, die gottverlassene Ausfallstrasse, über die Sie sich gerade schleppen, für sehenswert, das Café, in dem Sie aufgegeben haben, nach einem besseren zu suchen, für ein apartes, und Berlin wird zu einer Oase der Erholung.“ Das ist nicht einfach nur clever (das ist es auch), das ist weise. „Was man gesehen haben muss? Nichts. Berlin ist keine Attraktion.“ Treffender kann man es kaum sagen.
Von Berlin geht es nach Guggisberg. „Um halb neun geht man in sein Zimmer. Da es nichts zu versäumen gibt, legt man sich ins Bett und schläft ein. Am nächsten Morgen erwacht man, der Brunnen plätschert, man kann weiterhin nichts versäumen, schläft also noch einmal ein.“ Nein, das ist nicht alles, was der Autor zu Guggisberg zu sagen hat. Zum Essen im Wirtshaus merkt er zum Beispiel an: „Das Essen wird aufgetragen, grosse Portionen, frisch und ehrlich gekocht, souverän geradeaus: Gemüse schmeckt nach Gemüse, Fleisch nach Fleisch, Kartoffelstock nach Kartoffelstock. Die Bedienung freut sich, dass sie etwas zu tun hat. Wenn man fertig gegessen hat, freut sie sich, dass sie nichts mehr zu tun hat. Nicht dass ich sie zu einem Vreneli verklären möchte, aber mindestens benahm sie sich wie eine, die nicht einsieht, warum sie sich im einundzwanzigsten Jahrhundert anders benehmen soll als im siebzehnten – so eine Haltung schätze ich.“ Toll, nicht?
Die nächste Station ist Porto. Wer liest, wie Zschokke die dortige Kultur des Kaffeetrinkens beschreibt und nicht sofort selber dorthin will, dem (es kann auch eine Frau sein) kann nicht geholfen werden. Weiter geht’s ins Maderanertal, nach Weimar, Grenchen, Baden-Baden, Amman, Budapest, wieder Amman und und und, in dieser Reihenfolge – das illustriert unter anderem gut, dass Reisen keine lineare Angelegenheit ist.
À propos Amman: Wer noch nie vor Ort war, den Mittleren Osten nur aus Zeitungsberichten kennt, dem seien Zschokkes erhellende, von Zuneigung geprägte Schilderungen (eine der wesentlichsten Voraussetzungen, wenn man über einem fremde Ort schreibt) heftig empfohlen: „Jeder Europäer sollte dringend dann und wann nach Arabien, um sich daran zu erinnern, wie Menschen miteinander umgehen könnten, wenn sie nur wollten. Hier begegnet man den Figuren aus seinen Kindheitsräumen, aus den Märchen, aus der illustrierten Sonntagsschulbibel des Julius Schnorr von Carolsfeld, aus der Welt von Karl May und Lawrence of Arabia: höflich. Edel, und schön anzuschauen in ihren langen Gewändern und den dramatischen Falten. Jeder Tag unter ihnen ist eine Erholung fürs Gemüt und für die Seele.“
Eine der schönsten Stellen ist diese hier:
„Ich setzte mich unter das Schattendach einer Hähnchenbraterei und schaue in die flimmernde Helligkeit, eine Stunde, zwei Stunden, Autos fuhren vorüber, Busse auch, aber die hielten nicht an, weil sie voll waren, Fliegen setzten sich auf mich, ein silbergrauer Esel trottete vorbei, eine Ziegenherde, ein Knabe, wieder ein Lastwagen, eine alte Frau, die Fliegen liefen übers Gesicht, über die Hände – und ich hatte das Empfinden: Endlich angekommen! Das ist es: Hier sitzen, warten, mit den Fliegen, dem samtenen Wind, dem Staub, ohne Uhr – ich hatte sie im Hotel vergessen – , und nicht eine Sekunde Ungeduld oder gar Missmut. Einfach die Zeit verstreichen lassen. Alttestamentarisch. Nur ruhiges Gefühl der Gegenwart ist Glück.“ Das ist genau, schnörkellos und instruktiv; näher beim Leben kann das Beschreiben des Lebens eigentlich nicht sein. Grossartig!
Und dann der Humor, nicht zuviel, nicht zuwenig, gerade richtig. Es ist auch ein Buch zum Schmunzeln. „Im Strassenverkehr sind Tugenden wie Mut, Kühnheit und Behendigkeit gefragt. Vor einer roten Ampel zu bremsen oder beim Einbiegen in einen sechsspurigen Kreisel zu schauen, ob von links einer kommt, überhaupt nur den Blick in den Rückspiegel, der besitz eines Rückspiegels an sich – all das sind Zeichen von Feigheit.“
Nein, hier soll nicht das ganze Buch nach erzählt werden. Entdecken Sie es selber, es lohnt sich. Und Kritisches, gibt es da nichts anzumerken? Doch, die vierte Umschlagseite, auf der ein schönes Zitat aus dem Buch zu finden ist („Suchen Sie nicht herauszufinden, warum dieser Bahnhof berühmt ist. Gehen Sie ein wenig auf und ab, als sei das etwas.“), doch leider eben auch ein Zitat (eigentlich nur eine beliebige Aneinanderreihung von Wörtern) von Pia Reinacher aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Matthias Zschokke gelingt es, die Welt aus den Angeln zu heben und die freie Sicht auf das Poetische zu öffnen.“ Wer das versteht, für den ist dieses Buch ungeeignet. Wer hingegen mit diesem blumig nichts sagenden FAZ-Schöngeistigen nichts am Hut hat, sollte schleunigst in die nächste Buchhandlung rennen und sich Matthias Zschokkes „Auf Reisen“ besorgen.
Sunday, 23 March 2025
Der ultimative Guide zu absolut allem*
Wenige Bücher machen mich bereits mit der Einführung jubeln, doch Der ultimative Guide zu absolut Allem* gehört eindeutig dazu. Das liegt an den Beispielen, anhand derer aufgezeigt wird, „wie schlecht der Mensch dafür ausgerüstet ist, das Universum zu begreifen“, und es liegt an Sätzen wie etwa diesem: „Wie man es auch dreht und wendet: Die Intuition ist ein miserabler Ratgeber."
Wir wissen zwar, dass vieles nicht so ist, wie es uns erscheint, doch erstaunlicherweise hilft dieses Wissen nicht, unsere Wahrnehmung anzupassen. Unsere Gewohnheiten sind stärker als unsere Erkenntnisse – so reden wir, wider besseres Wissen, nach wie vor davon, dass die Sonne auf- und untergeht.
Dieses Buch plädiert dafür, unser Primatenhirn auszuschalten und uns der Hilfsmittel zu bedienen, „die wir erfunden haben, um unsere evolutionär bedingten Blockaden zu überwinden.“ Darüber hinaus zeigt es, wie wenig wir unseren Instinkten vertrauen können, und ermuntert uns, „einen Weg zu finden, wie man herausfindet, was man nicht weiss.“ Zudem lehrt es, dass „die Bereitschaft, seine Meinung zu ändern, eine grosse Tugend darstellt (ganz generell, aber insbesondere in der Wissenschaft).“
Wissenschaft zu betreiben, bedeutet, genau hinzuschauen, Fragen zu stellen und auch sich selber in Frage zu stellen – was vielen Verschwörungstheoretikern unvorstellbarer nicht sein könnte. Wissenschaft zu betreiben, bedeutet auch, sich von seinen Vorstellungen leiten zu lassen und gleichzeitig bereit zu sein, sich von ihnen zu befreien.
Um zu verstehen, wer oder was wir sind, ist auch ein Blick auf unsere Vorfahren vonnöten. Wie alle Primaten sind wir hauptsächlich mit unserem Überleben und der Fortpflanzung befasst. „Der Grossteil unserer biologischen Hardware hat sich seit den Zeiten, in denen keine der hochfliegenden Ideen, wie unser Universum wohl gestrickt sein mag, irgend jemanden interessierte, so gut wie überhaupt nicht verändert.“
„Steinalt (noch älter als die Stones)“ lautet der Titel eines der Kapitel, das sich unter anderem mit der Frage auseinandersetzt, vor wie langer Zeit die Erde entstanden ist. Es kommt darauf an, wen man fragt? Nein, Meinungen sind hier nicht gefragt. Das Zusammenspiel von Geologie, Chemie und Atomphysik liefert Daten, die Gesteinsbildungen von vor ca. 4,5 Milliarden Jahren annehmen lassen. Vorstellen kann ich mir das zwar nicht, doch was kann ich mir schon vorstellen?
Der ultimative Guide zu absolut Allem* ist reich an faszinierenden Geschichten über Ursprünge, Anfänge, die Zeit, das Leben, ja so recht eigentlich über so ziemlich alles, was neugierige Menschen eben so beschäftigt. Vor allem aber handelt es davon, dass „es ein sehr reales Universum gibt, das aus physischer Materie besteht und Regeln gehorcht, die jedenfalls auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind.“ Gleichzeitig sind wir Menschen „wundersame Wesen, die mit ihren Erfindungen und Kenntnissen Zeit und Raum zu transzendieren vermögen. Und zugleich sind wir zutiefst fehlerhaft und absolut miserabel darin, dieses fantastische Universum so zu sehen, wie es wirklich ist. Der erste Schritt zur wahren Aufklärung und Erleuchtung besteht darin, sich genau dieser Tatsache bewusst zu sein.“
Dazu liefert dieses hervorragend geschriebene Buch mehr als nur einen überaus lehrreichen und vergnüglich zu lesenden Beitrag, es präsentiert ein Sammelsurium erhellender Geschichten, die sich auch dadurch auszeichnen, dass sie vermeintlich Widersprüchliches nebeneinander stehen lassen. So wissen wir in der Rückschau, dass jede Wirkung eine Ursache hat, haben jedoch nicht das Gefühl, dass unser künftiges Handeln von Vergangenem abhängt.
Eine der zentralen Fragen, um die es in diesem Buch geht, betrifft den Determinismus: Ist alles vorherbestimmt oder verfügen wir über einen freien Willen? Das Problem dabei ist, „dass wir ganz und gar schlecht gerüstet sind, um die Frage zu beantworten.“ Richard Feinman, Nobelpreisträger für Physik, hat es einmal so formuliert: „The first principle is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool.“
So recht eigentlich weiss ich nie so recht, weshalb mir gewisse Sätze hängenbleiben und andere, von denen ich gerne hätte, dass sie mir hängenbleiben würden, nicht. So erinnere ich mich in einem Philosophie-Buch gelesen zu haben, dass Platon nie gelacht haben soll – eine bleibende Erinnerung. Ich vermute, dass mich auch die Ausführungen von Hannah Fry und Adam Rutherford über Kolumbus fortan begleiten werden. Sie beginnen so: „Dass Christoph Kolumbus von Selbstzweifeln geplagt gewesen wäre, kann man nun wirklich nicht behaupten.“
Sicher, auch ein Griesgram wie Platon kann mit vielem Recht haben, ich selber ziehe es jedoch vor, auf Humor-begabte Menschen zu hören. Mir dies wieder einmal bewusst gemacht zu haben, gehört zu den Vorzügen dieses ausgezeichneten Buches.
"Man is made by his belief, as he believes so he is“ heisst es in der Bhagavad Gita. Leider, will ich da nur hinzufügen, denn der Unsinn, den der Mensch zu glauben imstande ist, ist so recht eigentlich uferlos. Man ist deshalb froh, dass sich zum Ausgleich und als Orientierungshilfe Der ultimative Guide zu absolut Allem* anbietet. “Wir wissen, dass sie glauben, einen freien Willen zu haben. Wir glauben das ja auch. Aber was wir glauben und was wirklich zutrifft, das sind oft zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Am Rande: Wer an den bevorstehenden Weltuntergang glaubt, ist gut beraten, das Datum so festzulegen, dass er oder sie davon ausgehen kann, das mögliche Ausbleiben der Apokalypse nicht mehr mitbekommen zu müssen.
Der ultimative Guide zu absolut Allem* liefert wunderbar nützliche, höchst unterhaltsame und sehr englische, mit viel Witz gespickte Aufklärung, die es uns ermöglicht, die Dinge zu sehen wie sie sind, so wir denn die Bereitschaft mitbringen, dies überhaupt in Betracht ziehen zu wollen. Und wozu soll das gut sein? Es macht das Leben leichter ...
Hannah Fry & Adam Rutherford
Der ultimative Guide zu absolut Allem*
(*gekürzt)
C.H. Beck, München 2023
Wednesday, 19 March 2025
Im Westen Finnlands
Ende Januar, Anfang Februar 2009 verbrachte ich zwei Wochen im Westen Finnlands. Ich führte an der Fachhochschule in Nykarleby, das liegt eine Autostunde nördlich von Vaasa, einen Kurs zum Thema „Thinking Photography“ durch. Ich war noch nie in dieser Weltgegend, hatte mich auch vorgängig nicht wirklich darüber informiert, wo ich da hinkommen würde, nur über das Wetter hatte ich mich kundig gemacht, wusste also, dass es da kalt sein würde und so traf ich, mit einigen Pullovern im Gepäck, vor Ort ein, merkte dann aber sehr schnell, dass Pullover, Handschuhe und Mütze nicht wirklich nötig gewesen wären, denn ich verbrachte den grössten Teil meiner Zeit ohnehin drinnen und dort war es nicht nur warm, sondern heiss. Jedenfalls in meinem Zimmer, wo es eindeutig wärmer war als im südbrasilianischen Winter. In Brasilien sind nämlich Zentralheizungen unbekannt, in Finnland hingegen findet man sie meist voll aufgedreht. Im Kühlschrank fand ich dann einen Orangensaft gegen meinen Durst, er hiess „Brasil“.
In diesem Teil Finnlands spricht man hauptsächlich Schwedisch (93%, wurde mir gesagt), fühlt sich aber deswegen nicht weniger Finnisch; die Strassen sind in beiden Sprachen angeschrieben. Ob es da keine kulturellen Reibereien gebe? fragte ich die Schulsekretärin. Nicht bei denen, die beide Sprachen sprechen, antwortete sie.
Viel Tageslicht hat es nicht gerade; die Sonne geht so gegen neun Uhr auf und um vier Uhr wieder unter. Da habe man mehr Zeit, sich die Sterne anzugucken, emailte mir Elsa aus dem südlichen Brasilien. Der Gedanke gefiel mir und so ging ich raus und starrte zum Himmel hoch, doch Sterne waren da keine zu sehen, der Himmel war die ganze Zeit über bedeckt.
Was das Besondere hier in Westfinnland sei, fragte ich die Studentinnen (es gab auch Studenten, doch die Mehrzahl war weiblichen Geschlechts und stammte aus Finnland, Schweden und Norwegen). Die Stille, sagte einer. Von da ab achtete ich auf die Stille und fand sie magisch. Viele halten sie nicht aus, hörte ich später jemanden sagen.
Ich unterrichte, weil ich etwas lernen will. Und ich lernte viel in diesen zwei Wochen in Nykarleby. Ein Beispiel: Fotos scheinen ein Eigenleben zu haben, ja gleichsam über magische Kräfte zu verfügen, sagte ich, wer das nicht glaube, solle doch mal versuchen, ein Foto der eigenen Mutter zu nehmen und ihr die Augen rauszuschneiden. Ich fand dies ein Hammer-Beispiel (ich verdanke es W. J. Mitchell) und konnte mir nicht vorstellen, dass da jemand dagegen reden würde, doch ich hatte mich getäuscht. Eine der Studentinnen meinte, das sei überhaupt kein Problem, sie habe das gerade gemacht. Es sei ja mittlerweile bekannt, dass sie zurzeit nicht gerade ein glückliches Verhältnis zu ihren Eltern habe. Dem gebe sie dadurch Ausdruck, dass sie Fotos von ihnen zerschneide und Collagen draus mache.
Das Meer zwischen Finnland und Schweden sei auf dieser Höhe etwa 100 Kilometer breit, erfuhr ich. Und es ist zurzeit vereist. Lisen, eine Studentin, zeigte mir den Hafen. Als wir ankommen, geht gerade die Sonne unter – ein feuerroter Ball verschwindet im Schnee. Dass Lisen noch mehr beeindruckt ist als ich, macht mir klar, dass ich es mit einem nicht alltäglichen Ereignis zu tun habe. Wenig alltäglich – für mich jedenfalls – ist auch die Tatsache, dass da plötzlich ein Auto auftaucht und übers Eis in Richtung der nahe liegenden Inseln fährt. Die Winter seien ja auch nicht mehr, was sie einmal waren, sagt Lisen, doch früher seien einige mit dem Auto übers Eis nach Schweden hinüber gefahren.
Mein stärkstes Finnland-Bild ist jedoch ein gänzlich unspektakuläres: da mein Flug von Vaasa nach Helsinki frühmorgens geht, bringt mich Emma, die Dozentin, die meinen Aufenthalt organisiert hat, bereits am Vorabend nach Vaasa, wo ich in einem sehr schönen Hotel untergebracht werde. Der Blick aus dem Fenster morgens um fünf zeigt eine tief verschneite, von Strassenlampen erleuchtete, fast lautlose Stadt – es ist wie im Märchen, und es ist magisch. Und es ist dieses Bild, das ich heute hauptsächlich mit Finnland verbinde.
Sunday, 16 March 2025
On asking questions
(knowing what you liked was,
he felt, one of the most important
characteristics of a modern life well lived)
"Is Google making us stupid," asked Nicholas Carr in the July/August 2008 edition of The Atlantic.com. Carr writes:
"Over the past few years I've had an uncomfortable sense that someone, or something, has been tinkering with my brain, remapping the neural circuitry, reprogramming the memory. My mind isn't going — as far as I can tell — but it's changing. I'm not thinking the way I used to think. I can feel it most strongly when I'm reading. Immersing myself in a book or a lengthy article used to be easy. My mind would get caught up in the narrative or the turns of the argument, and I'd spend hours strolling through long stretches of prose. That's rarely the case anymore. Now my concentration often starts to drift after two or three pages. I get fidgety, lose the thread, begin looking for something else to do. I feel as if I'm always dragging my wayward brain back to the text. The deep reading that used to come naturally has become a struggle."
Sounds familiar? In my case, yes, though, as usual it depends — what would we do without this fabulous expression "it depends," I wonder? — for there are still lengthy texts that I can quite easily concentrate on, provided they really interest me, are well written, in print — and that I'm far away from a computer.
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