„Bad Blood“ handelt nicht nur von der Studienabbrecherin Elizabeth Holmes, der Gründerin von Theranos einem Start-up, das die Medizinindustrie revolutionieren sollte, sondern erzählt auch die Geschichte einer Besessenheit, der ganz viele kapitalistisch Erfolgreiche verfallen sind. Vor allem aber zeigt dieses sehr spannend geschriebene Buch, dass die Werte, die „unser“ Wirtschaftssystem hochhält (grösser und besser und mehr), uns letztlich alle ins Verderben stürzen. Nicht etwa, dass uns diese Aussicht beeindrucken würde, denn es ist zu vermuten (dies lehrt uns die Geschichte), dass Solches oder Ähnliches immer wieder passieren wird. Bisher sind wir trotz (und nicht etwa wegen) unserer Anstrengungen davon gekommen.
Im
Vorstand von Theranos, einem Unternehmen, das versprach, dass ein einziger
Tropfen Blut reichen würde, um Blutbilder zu erstellen und Therapien zu
steuern, sassen unter anderen Henry Mosley ein Veteran der Technologieszene des
Sillicon Valley, Channing Robertson, der stellvertretende Dekan der School of
Engineering der Stanford University und andere Arrivierte, denen Elizabeth
Holmes Eindruck machte – Channing Robertson verglich sie mit Steve Jobs.
Sicher, es gab auch immer wieder Zweifler, doch verblüffend ist schon, wie
Hoffnung, Gier und Eitelkeit mit Einwänden, die einem nicht passen, umgehen.
Klingt etwas vielversprechend, so ist es fast unmöglich, die Menschen, die
daran glauben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Orientierung an Fakten
ist den meisten wesensfremd
Ständig
wurden bei Theranos Leute gefeuert, laufend kamen neue hinzu, einige kündigten
auch von sich aus. Jedem aufmerksamen Beobachter musste auffallen (und einigen
fiel es in der Tat auf), dass Elizabeth Holmes allzu viele Versprechen machte,
die sie nicht einlöste. Immer wieder zeigte es sich, dass sie zwar äusserst
smart war und hervorragend zu inspirieren und motivieren wusste, doch
gleichzeitig auch extrem unberechenbar war, keinen Widerspruch ertragen konnte,
absolute Loyalität forderte sowie etwa den eigenen Bruder (der keine
einschlägigen Qualifikationen mitbrachte) ins Unternehmen holte – das
System-Trump lässt grüssen: „Eine derartig hohe Personalfluktuation hatte er
noch nie erlebt. Ausserdem machte ihm die Kultur der Unehrlichkeit im
Unternehmen immer mehr zu schaffen.“
Dass
Elizabeth Holmes mit dem CEO ihres Unternehmens zusammen lebte, hielt sie
geheim. „Wenn Elizabeth schon bei einer solchen Sache nicht aufrichtig war, log
sie dann auch bei anderen Dingen?“ Würden die Menschen die richtigen
Konsequenzen aus ihren Beobachtungen und Einsichten ziehen, wäre es nicht zu
einem „Fall Theranos“ gekommen – „unsere“ Gehorsamskultur steht der
Zivilcourage jedoch entgegen.
Nach
inspirierenden Figuren zu suchen, sich nach Heldinnen und Heilsbringern zu
sehnen, scheint dem Menschen Schicksal – nicht nur in der Politik, auch in der
Wirtschaft, im Sport, ja, so recht eigentlich allüberall. Tyrannen, die
Machiavellis Diktum vom Teilen und Herrschen in den Genen haben, nutzen das
aus. Dass sie gelegentlich tief fallen, sollte keine Beruhigung sein – lernen,
sich nicht tyrannisieren zu lassen, wäre weit wichtiger.
Dem
Autor John Carreyrou, einem investigativen Journalisten beim „Wall
Street Journal“, ist mit diesem Buch auch eine Persönlichkeitsstudie gelungen,
die es in sich hat. Würden wir von Ehrgeiz getriebene, charismatische und
inspirierende Egozentriker wie Elizabeth Holmes verstehen, so wäre uns klar,
dass sie nur in Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder denken können,
nur an der Verwendbarkeit (dem Ausnutzen) von anderen interessiert und gänzlich
unfähig zur Empathie sind. Kurz und gut: Wir
würden nicht auf sie hereinfallen.
„Bad Blood“ liest sich wie ein
Thriller und lässt wenig Hoffnung aufkommen, solche Betrügereien könnten einmal
überwunden werden, denn des Menschen Blödheit (maskiert als Glaube, Hoffnung
oder Vision) wird sich kaum ändern. In der Wissenschaft, hat der Physiker und
Nobelpreisträger Richrad Feynman einmal gemeint, gehe es darum, sich nicht
selber herein zu legen, doch da dies das Allerleichteste überhaupt ist, tun wir
es ständig. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern generell.
Eindrücklich,
überzeugend und spannend. Notwendige Aufklärung vom Feinsten!
John
Carreyrou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des grössten Betrugs im Silicon Valley
DVA, München 2019
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