Sunday, 18 January 2026

Chinas entführte Töchter

Dass Kindsentführungen im Krieg eingesetzt werden, ist mir zum ersten Mal bei der russischen Ukraine-Invasion bewusst geworden. Daher mein Interesse an diesem Werk. Dass Nationen, die sich als zivilisiert verstehen, sich derart unzivilisiert verhalten, zeigt vor allem, dass der unzivilisierte Mensch, wie das die Medien jeden Tag anhand des amerikanischen Narzissten vorführen, ein globales Phänomen und offenbar eher die Regel als die Ausnahme ist.

Bereits nach wenigen Seiten weiss ich, dass ich ein wichtiges Buch vor mir habe, bei dem es sich nicht nur, wie der Untertitel besagt, um eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel und der Suche nach Gerechtigkeit handelt, sondern ebenso sehr um die Darstellung der Gedanken- und Vorstellungswelt der herrschenden Kommunistischen Partei Chinas, "die dem nahezu mystischen Glauben anhing, Bevölkerungskontrolle sei das Geheimnis, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen."

Seit 1979 gestattete das Gesetz den meisten chinesischen Familien nur noch ein Kind. Verstösse wurden drastisch geahndet. Verschleppung, Abtreibung, hohe Bussen sowie die "Zerstörung des Hauses und die Beschlagnahmung des Eigentums" waren die Folge. Wie unerbittlich die chinesischen Behörden Gesetze durchsetzen, wurde mir klar, als ich vor 25 Jahren ein Semester lang in der Provinz Fukkien unterrichtete und von chinesischen Kollegen entsprechend aufgeklärt wurde.

Barbara Demick hat von 2007 bis 2016 als Korrespondentin in Peking gearbeitet und weiss kenntnisreich von den chinesischen Sitten und Gebräuchen zu berichten. Nicht zuletzt, dass der Nationalheilige Konfuzius auch eindeutig bescheuerte Vorstellungen gehabt hat. „Nach dem konfuzianischen Ideal war die höchste Pflicht eines Mannes, einen Sohn zu zeugen.“

Nordamerikanischer Qualitätsjournalismus (und darum handelt es sich bei diesem Werk) zeichnet sich auch dadurch auch, dass man mit vielen Details fast erschlagen wird (Amerikaner sind Puritaner durch und durch) und gelegentlich aufstöhnt: Jetzt komm endlich mal zum Punkt! Andererseits liefert diese Detailbeflissenheit aber eben auch viel Aufschlussreiches wie "Hochgepriesene Konzepte kamen so rasch wieder aus der Mode, wie sie aufgetaucht waren." Und da dachte ich immer, die Chinesen mit ihrer 5000 Jahre alten Geschichte, auf die sie gemäss meiner Erfahrung unablässig hinweisen, seien wirklich so beständig wie sie selber zu glauben scheinen. Nun ja, man kann bekanntlich viel glauben und Selbsttäuschung ist nach wie vor der Spitzenreiter unter den menschlichen Talenten.

Das brutale Vorgehen der Mediziner (es kam vor, dass nach Austritt des Kopfes bei der Geburt, dem Baby eine Injektion von Formaldehyd in den Schädel appliziert wurde) lässt einen sprachlos, doch wenn Barbara Demick fragt: "Wie konnten Menschen so brutal werden?" impliziert sie, dass es die Umstände sind, die die Menschen brutal machen und das ist schlicht Blödsinn; vielmehr ist es so, dass die Umstände es dem Menschen erlauben (um Rechtfertigungen war er noch nie verlegen), seine brutalen Seiten auszuleben.

Das chinesische Unterdrückungssystem geht mit grosser Härte gegen alle die vor, die sich ihm nicht beugen wollen. Dazu kommt, dass der Staat umfassend informiert ist; wie jeder totalitäre Staat ist auch der chinesische weder an Diskussionen noch an Kritik und Argumenten interessiert. Dieses Buch vermittelt die in China herrschende Unfreiheit höchst überzeugend.

Chinas entführte Töchter erzählt die Geschichte von Zwillingen, die beide, kurz nach der Geburt getrennt, sehr unterschiedlich aufwachsen, und deren Schicksal wie auch das ihrer Eltern die Autorin engagiert und einfühlsam dokumentiert. Dabei erläutert sich auch die grösseren Zusammenhänge ("Kinderhandel war in China seit jeher eine Plage."). Die Fülle an historischen Details legt den Schluss nahe, dass die Autorin offenbar glaubt, man könne aus der Geschichte lernen. Die Lektüre lohnt allerdings auch für die, die diese Auffassung nicht teilen, da dieses Werk auch eine überaus ansprechende Einführung in die chinesische Geschichte ist.

Barbara Demick zeigt unter anderem auf, wie kreativ sich die Rationalisierungen der Ein-Kind-Politik gestalten und auch wie willig sich der Mensch zeigt, andere zu diffamieren. Nicht nur während der Kulturrevolution erlebte der agent provocateur goldene Zeiten. Sehr gelungen werden auch diejenigen geschildert, die sich nicht einschüchtern lassen und sich gegen das Regime wehren.

Anhand der erzwungenen Separierung von Zwillingen, das eine Mädchen wächst in China auf, das andere in Texas, werden nicht nur die chinesischen und amerikanischen Denkweisen aufgezeigt, es wird auch auf die Zwillingsforschung sowie auf die Auswirkungen von Covid-19 eingegangen.

Die Autorin ist nicht nur die typische Merkerin (wie das angeblich die journalistische Rolle verlangt), sondern sie greift ein, handelt und schafft es, die chinesische und die amerikanische Familie zusammenzubringen. Eine erfreulich untypische Journalistin. 

Barbara Demick zeichnet das Bild eines rücksichtslosen Machtmissbrauchs im Namen des Gesetzes. Dass dies nicht nur in China der Fall ist, weiss jeder, der Zeitung liest. Also wenige. Und dass die Menschen in China angefangen haben, sich zu wehren, wissen noch weniger Menschen. Aufklärung liefert dieses gut geschriebene, engagierte und differenzierte Buch.

Barbara Demick
Chinas entführte Töchter
Eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel
und der Suche nach Gerechtigkeit
Droemer, München 2026

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