Es sei gleich gesagt: Niall Williams ist ein begnadeter Fabulierer und dieser Roman ein Lesegenuss erster Güte. Die Charakterisierungen der Gemeindemitglieder des kleinen irischen Dorfes Faha machten mich Tränen lachen "... die bereits drei Mal die letzte Ölung erhalten hatte, sich aber, hiess es, nicht in den Himmel aufmachen wollte, solange sie nicht sicher sein konnte, dass ihr Mann Tom am entgegengesetzten Ort gelandet war ...".
Es regnet, als ich mit der Lektüre beginne. Passender könnte es kaum sein, denn in Faha regnete es "zu jeder Tages- und Nacht- und auch zu jeder Jahreszeit, beachtete weder den Kalender noch die Wettervorhersage ...", bis der Regen dann doch aufhört, in der Karwoche 1958, als die Religion und der Glaube noch eine ganz andere Bedeutung hatten als heutzutage. Ein Haarschnitt am Karfreitag, hiess es damals in Irland, verbannte den Kopfschmerz für ein ganzes Jahr!
Faha ist ein aus der Zeit gefallener Ort, die Einwohner Neuerungen gegenüber skeptisch- Man kennt sich, weiss, wer wer ist und wohin gehört. "Direktheit lag nicht in der Natur von Faha." Und natürlich geht man in die Kirche. Und macht sich Gedanken über Gott. "Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (...) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (...) anders lässt sich das nicht erklären."
Das ist Glück ist ein ungemein dichter Text, der mich dermassen begeistert, dass ich fast jeden Satz unterstreichen könnte, auf dass er sich in meine Gehirnwindungen eingraben möge, denn nicht nur schreibt Niall Williams überaus witzig, er vermittelt auch ganz viele hilfreiche Erkenntnisse, die einem die Welt neu sehen lassen. "... mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen...".
Hat man schon eine Weile gelebt (der smarte Erzähler ist 78) und ist zudem humorbegabt, dann sieht man das Leben (immer mal wieder) als die Komödie, die es auch deswegen ist, weil wir Menschen auf die eine oder andere Art wichtig tun müssen. Woran erinnert man sich eigentlich, fragt sich der Erzähler hin und wieder, und kommt zum Schluss, dass man das nicht wirklich sagen kann, doch dass einem dieses oder jenes manchmal heller und intensiver vorkommt. Und das reicht ja eigentlich auch. Niall Williams ist ein Philosoph, ein vom Leben geschulter. "All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen."
Das ist Glück spielt in einer Zeit als es noch eine Welt der Heiligen gab, und alle deren Namen wussten. Auch Mond und Sterne standen zur Verstärkung bereit. Zudem: "Die bekannte Welt war damals längst noch nicht so scharf umrissen, und Wissen wurde nicht mit Tatsachen gleichgesetzt. Geschichten waren so eine Art menschlicher Kitt." Die Welt, obwohl viel unbekannter als heute, kam einem damals bekannter vor.
1958 kommt der Strom nach Faha, und zwar in Gestalt des weitgereisten Christy, der für die Regierung arbeitet, und als Untermieter bei Noels Grosseltern einzieht. Eine Million Strommasten werden benötigt, doch da das irische Holz für Admiral Nelsons Flotte draufgegangen war und sich jetzt mitsamt der Flotte auf dem Meeresgrund befand, wurde man in Finnland vorstellig. Der Abgesandte Mangan hatte zwar keine Ahnung, was für einen Fisch ("grösser als der Teller") er vorgesetzt bekam, "aber mit genügend Salz, so seine Überzeugung, bekam man selbst ein Stück Holz hinunter." Die Bücher, die mich dauernd zum Lachen bringen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist Glück gehört eindeutig dazu.
Am Beginn der Freundschaft von Christy (der nicht nur des Stroms, sondern auch einer alten Liebe wegen nach Faha gekommen ist) und dem siebzehnjährigen Noel (der dem Priesterseminar entflohen ist) steht ein Besäufnis mit einem anschliessenden Kater, der literarisch gleichsam veredelt wird. "Wenn man nach einer solchen Nacht erwacht, reagiert man mit einem Rezept universeller Gültigkeit. Es besteht aus einem Teil Scham, zwei Teilen Selbsttadel, drei Teilen Fassungslosigkeit, und der Rest ist blosses Staunen. Mein Mund fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgeschlagen, meine Augen sassen auf Stielen. Nie zuvor hatte ich mich so wenig mich selbst gefühlt, was allerdings auch nicht eines gewissen Reizes entbehrte."
Das ist Glück wirft auch einen Blick zurück, nicht nur auf eine Zeit ohne Strom, sondern auch auf die Jugend, die einem im Nachhinein eigenartig, oft auch ziemlich blöd und gelegentlich rührend vorkommt. "Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat."
Dass das Wesen des Menschen unergründlich ist, wissen zwar alle zum Denken Befähigte, doch selten wurde das so witzig beschrieben wie in diesem Roman. Man nehme etwa das Haar der Frauen. "Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten." Warum es so schwierig ist, sich als die oder der anzunehmen, als die oder der man zur Welt gekommen. lässt sich letztlich wohl nicht beantworten. Auch darin zeigt sich das Unergründliche des Menschen.
Das ist Glück ist ein wahrer Glücksfall. Sehr lustig, sehr clever sowie reich an vielfältig lehrreichen Einsichten, wie etwa der, dass jeder echte Realist über Genauigkeit und Strenge verfügt, oder dass jemand, der mit einer Religion aufgewachsen ist, sich davon niemals wirklich lösen kann, oder... Nein, Halt, Stopp! Selber lesen, es lohnt, garantiert.


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