Im Juni 1976 entführte ein deutsch-palästinesisches Terrorkommando eine Passagiermaschine nach Entebbe, Uganda. Erstaunt lese ich: "Für Empörung sorgte vor allem die israelische Befreiung der Geiseln." Meine eigene Erinnerung ist ganz anders: Ich war beeindruckt von der gelungenen Befreiung. Heutzutage wundert mich diese Empörung allerdings nicht mehr, denn was auch immer Israelis tun oder lassen, der Zorn von sich engagiert Wähnenden wird nicht ausbleiben. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Meines Erachtens gehören Netanjahu, ganz viele Siedler und alle, die Gaza dem Erdboden gleich gemacht haben, ins Gefängnis. Der Antisemitismus, und ganz speziell der linke, ist jedoch eine ganz andere Geschichte. Ich halte Antisemiten für krank, in Kopf und Seele.
Fluchtpunkt Entebbe handelt nicht hauptsächlich von der Befreiungsaktion in Uganda (wie ich fälschlicherweise angenommen hatte), sondern von dem, was der Untertitel sagt: "Der linke Terrorismus und Israel". Ob es wirklich eine so gute Idee ist, diesem linken Terrorismus eine Plattform zu gehen, ist fraglich. Ich selber tendiere zur Einschätzung des ehemaligen regierenden Bürgermeister Berlins (in Berlin gibt es offenbar auch nicht-regierende Bürgermeister), Heinrich Albertz, der die Demonstranten gegen den Berlin Besuch des Schahs von Persien als "lächerliche Minderheit von Verrückten und Böswilligen" bezeichnete.
Autor Jan Gerber bietet diesen sogenannt linken Ideen jedoch nicht nur eine Plattform, er macht auch auf vieles aufmerksam, dass einem schon längst wieder entfallen ist, wie den Mord an den beiden Mitabeitern der israelischen Botschaft in Washington, Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky am 21. Mai 2025, oder von dem man gar nie Kenntnis genommen hat (Ja, natürlich, ich spreche von mir), wie etwa den Angriff auf eine El Al-Maschine im Januar 1975 am Pariser Flughafen Orly, bei der die Sprengköpfe die startende Maschine nur knapp verpassten. Auch viele andere, überaus nützliche Informationen liefert dieses Buch.
Wie schon die Nazis, so trennten auch die Flugzeugentführer in Entebbe Israelis von anderen Passagieren. Die Staatsangehörigkeit, die man (in aller Regel) bei der Geburt bekommt (ungefragt), macht einen gemäss einer mehr als nur gerade verqueren Logik, zu einem "legitimen" Ziel? Ein Phänomen, das sich durch die Geschichte zieht und wiedereinmal zeigt, dass der Mensch alles andere als ein rationales Wesen ist.
Überaus aufschlussreich sind Sigmund Freuds Ausführungen zum Antisemitismus, den er auf religionsgeschichtliche Ursprünge zurückführt. "Ich wage die Behauptung", so Freud 1939, "dass die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen heute noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben geschenkt hätten."
Jan Gerber ist bei der Suche nach der Motivation für den bewaffneten deutschen Antizionismus auch auf das antiimperialistische Weltbild gestossen. "Es diente der Linken über Jahrzehnte hinweg als Schablone zur Bewertung des Weltgeschehens." Ideologie pur also, und entsprechend lebensfremd und gefährlich. "Eine Ursache für die Anziehungskraft dieser starren Weltsicht lag in der Dauerkrise, in der sich die ausserparlamentarische Linke während des Kalten Krieges befand." Dass der Politikwissenschaftler und Historiker zu politischen Erklärungen greift, ist wenig überraschend, doch "die Anziehungskraft dieser starren Weltsicht" liegt abseits der Politik: In der Psyche dieser Leute.
Fluchtpunkt Entebbe ist reich an Fussnoten, was irgendwie impliziert, mit dem rechten Wissen müsste dem Antisemitismus beizukommen sein. Dahinter steckt der Glaube an die Macht der Argumente, der allerdings nur von Studierten geteilt wird. Begriffe werden geklärt, historische Herleitungen präsentiert (das akademisch Übliche also), doch ab und zu stösst man auch auf solch erfreuliche Formulierungen wie "Kasernenhofsozialismus sowjetmarxistischer Machart", die sogenannt Komplexes überaus treffend auf den Punkt bringen.
"Dieser Band versammelt Texte aus mehr als zwei Jahrzehnten", so die editorischen Bemerkungen am Schluss des Buches. Neben dem Artikel über Entebbe ist vor allem "Der Mord an Heinz-Herbert Karry" zu erwähnen, der zusammen mit Juliane Weiss verfasst wurde. Der hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry, "einer der ersten Juden, die es nach der Ermordung Walther Rathenaus durch Angehörige der völkischen Organisation Consul 1922 auf einen deutschen Ministerposten geschafft hatten", wurde am 11. Mai 1981 in Frankfurt erschossen. Die Auseinandersetzung mit seiner Ermordung stehe immer noch am Anfang (!?), erfahre ich. Und auch, dass der nachmalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Karrys Freund, Ignatz Bubis, zum Feindbild der Linken wurde.
Mit Ignatz Bubis verbinde ich eine Geschichte, die er in einer Fernsehsendung erzählte und mich veranlasste, Vilnius zu besuchen. Bei einer Versammlung der Rabbiner im dortigen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg, berieten diese, ob Gott angesichts der Nazi-Gräueltaten nicht wegen erwiesener Unmenschlichkeit zum Tode verurteilt werden müsse. Nach durchwachter Nacht kamen sie am frühen Morgen zu ihrem Urteil. Ja, Gott gebühre der Tod, befanden sie einmütig. Da ging die Sonne auf und der Oberrabbiner sagte: Und jetzt, lasset uns beten und Gott preisen für die Pracht dieser Welt.
Jan Gerber
Fluchtpunkt Entebbe
Der linke Terrorismus und Israel
Artikel, Aufsätze und ein Gespräch
Edition Tiamat, Berlin 2026


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