Claudia Durastanti, geboren 1984 in Brooklyn, erzählt die Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter und ihr Vater sind gehörlos. Im Internat lernt die Mutter die Gebärdensprache, ihre Klassenkameradinnen sehen sie nach dem Abitur im Theater Karriere machen. Es sind Sätze wie "es ist so naheliegend, dass ein gehörloses Mädchen Schauspielerin wird, ihr ganzes Leben ist eine Performance.", die dieses Buch aussergewöhnlich machen. Und es hat viele davon, die mich überraschen, mir eine Sichtweise zeigen, die ich nicht kenne, mir jedoch sympathisch ist. Über ihre Grossmutter notiert sie: "Kunst hat immer ihr Missfallen erregt." Und über das italienische Dorf, in dem ihre Grossmutter aufgewachsen war: "Auf den Neid der anderen zu verzichten, ist das wahre Tabu in einem kleinen Dorf."
Die Lehrerinnen ihres Vater, eines schönen Mannes, befanden, er solle Schauspieler werden, "doch mein Vater zögerte, er wollte sich nicht schminken und so tun als ob." Wunderbar, dieser sehr eigenständige Blick auf die Schauspielerei.
In den sechziger Jahren sind ihre Eltern nach New York ausgewandert. Nach der Scheidung zieht die Mutter mit Sohn und Tochter in ein italienisches Dorf, wo sie als Mädchen ihre Ferien verbracht hatte, doch niemanden kannte. "Obwohl meine Mutter nicht arbeitete, beschäftigte sie sich nicht oft mit mir, also verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit im Garten meiner Grosseltern ...".
Die Fremde ist keine chronologisch erzählte Familiengeschichte, sondern eine hoch reflektierte Auseinandersetzung mit dem Dasein. So führen die Erkenntnisse der Ökologin Suzanne Simard, die gezeigt hat, dass der Wald ein kooperatives System ist, die Erzählerin zur Vermutung, "dass es eine ursprüngliche Intelligenz gab, die unsere Körper beherrschte und, noch bevor wir uns begegneten, elementare Teilchen in die Luft entliess, die durch die Stadt, durch Zementwände und Hautmembrane drang, um mit ähnlichen Substanzen in Kontakt zu treten und eine Art gemeinsamer Widerstandskraft zu entwickeln, einen Schutz gegen die Anfeindungen der Welt. Meine Eltern sind sich nicht begegnet, weil es so geschrieben stand, sondern weil es rückwirkende Prozesse gab, wie die in einem Wald vor dem Feuer."
Es sind die vibes, die uns regieren. In uns scheint weit mehr angelegt, als wir uns gemeinhin bewusst sind. "Es gibt Handlungen, von denen wir glauben, dass sie eigentlich nicht zu uns gehören, waghalsige Entschlüsse, die uns das ganze Leben lang prägen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, bis wir erkennen, dass sie von Anfang an unsere waren, dass wir sie besassen und kontrollierten. Sie waren keine Zufälle, sondern Übersetzungen aus einer tieferliegenden Sprache."
So recht eigentlich kann man keine in sich geschlossenen Lebensgeschichte erzählen, wenn die Charaktere nicht wirklich zu fassen sind, was sowohl auf die Mutter wie auch auf den Vater der Ich-Erzählerin zutrifft, die beide in ihrer jeweils eigenen, recht unberechenbaren Lebensversion unterwegs sind, doch immer wieder gibt es Hinweise, die einen zumindest erahnen lassen, wie schwierig sich die Verhältnisse (von Mutter zu Vater, zu deren Eltern wie auch zu den Kindern) gestaltet haben. Sagt die Mutter über ihre Ehe: "Es gibt keine Liebe zwischen Gehörlosen, das ist eine Wunschvorstellung der Hörenden." Sagt die Tochter über den Vater: "Mit vierzehn habe ich aufgehört, ihn um Geschenke zu bitten, sie waren alle gestohlen."
Ich lese Die Fremde als eine ungemein vielfältige Anregung sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Anhand der experimentellen Musik von John Cage und seinen Schülern, die ihr nicht immer gefallen hat, entdeckt die Autorin etwa, "dass sie (diede Musik) im Vergleich zu anderen Kunstformen sehr geduldig und sorgfältig mit allem umgeht, was von unserer gemeinsamen Fähigkeit des Hörens abweicht." Und sie lernt: "Behinderte Eltern zu haben, ist besonders anstrengend, weil man sich der wahrscheinlichen Unveränderlichkleit ihrer Lage stellen, sich bewusst machen muss, dass sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr aus diesem Zustand herauskommen werden."
Claudia Durastanti erzählt scharfsinnig und sehr witzig von ihrer Familie (etwa über den an Aids erkrankten Onkel Arturo: "Er liebte hohe Häuser und Frauen, die tanzen konnten."), und auch von ihrem Aufwachsen in Italien ("Schon, dass ich von woanders herkam, machte mich rechtlos, in der Schule auch noch gut zu sein, wäre ein Affront gewesen."). Berührt hat mich insbesondere die Geschichte ihrer drogensüchtigen Cousine Malinda, die ihr auch Anlass ist, über Nan Goldins fotografische Auseinandersetzung mit Oxycontin zu berichten, einer Seuche, die ihresgleichen sucht.
Malinda habe sich bei Narcotics Anonymous eingeschrieben, lese ich, was entweder ein Übersetzungsfehler ist oder von Unkenntnis zeugt, da man sich bei Narcotics Anonymous nicht einschreiben muss (man geht einfach hin, oder auch nicht). Aufschlussreich dann die ganz wunderbare Schilderung der Treffen, bei denen vor allem Afroamerikaner zugegen waren, denn diese waren überaus lebhaft. "Ein Mann hatte von seinen Erfahrungen erzählt, da schrie jemand mehrmals Amen."
Fazit: Eine eigenwillige, gescheite und humorvolle Auseinandersetzung mit dem Dasein.
Claudia Durastanti
Die Fremde
Wagenbach, Berlin 2026


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