Am Flughafen in Kloten auf meinen Flug nach Abu Dhabi wartend, stellt eine junge Frau allerhand Sachen auf den Sitz neben mir und fragt, auf Englisch, mit einem in meinen Ohren australischen Einschlag, ob ich ein Auge darauf haben könne. Sowieso. Wenn ich es recht bedenke, finde ich es erstaunlich, sage ich bei ihrer Rückkehr, dass sie mir, einem völlig Unbekannten, ihre Sachen anvertraue. Sie erklärt sich das mit Schweizer Gepflogenheiten (sie stammt aus Montenegro und spricht Appenzellisch), wundert sich dann aber auch etwas. Sie sei auf dem Weg nach Bali, werde insgesamt um die 20 Stunden unterwegs sein, und ich bin ganz froh, dass es bei mir nicht ganz so viele Stunden sein werden.
Das Highlight von Zürich nach Abu Dhabi ist eine philippinische Flugbegleiterin, deren Familie auf der ganzen Welt verstreut ist. Sie selber hat Psychologie studiert, zwei Jahre als Psychologin gearbeitet und ist dann in die Fussstapfen ihrer Mutter getreten, mit der sie heute in Abu Dhabi lebt, und Stewardess geworden. Wir unterhielten uns angeregt über Gott und die Welt, die Details sind mir entfallen, doch die vibes waren exzellent.
In Abu Dhabi, der Flughafen ist riesig und mein Flug hatte Verspätung, muss ich mich dann sputen, um meinen Anschluss nach Seoul zu erwischen. Es solle ein ruhiger Flug werden, wird uns prophezeit, und wie (fast) immer bei solchen Voraussagen rumpelt es dann ziemlich heftig (Die Flugbegleiterinnen wurden wiederholt vom Captain aufgefordert, sich hinzusetzen und den Service einzustellen).
Da ich vermute (zu recht, wie sich herausstellen wird), dass ich meine Unterkunft in Incheon nicht vor 14 Uhr (es war dann 15 Uhr) beziehen kann, nehme ich mir Zeit, um dahinzukommen. Am besten und billigsten sei die Variante Zug, sagt mir die Frau von der Information am Flughafen. Zwei junge Frauen assistieren mir beim Billetkauf an der Maschine, sie führen in dieselbe Richtung, ich solle mich ihnen doch einfach anschliessen. Die beiden sind aus China, was sie nach Seoul gebracht hat, ist natürlich Shopping.
Als ich in Unseo aus dem Bahnhof komme und unentschlossen auf den Plan starre, den ich von einem Angestellten des Bahnhofs abfotografiert habe, kommt mir eine junge Frau zu Hilfe, die anbietet, mich gleich hinzubringen, sie habe heute frei. Sie arbeitet seit zwei Jahren in einem der Casinos, die Leute seien nicht immer einfach.
Mein Guesthouse liegt nahe beim Flughafen und wird von einer Frau, die ich (zuerst) auf etwa 80 schätze, jedoch 61 ist, und ihrem Sohn betrieben, dem ich so in etwa 50 gebe, der aber 30 ist. Als ich am nächsten Tag Kimchi Dumplings kaufe, will der Mann mein Alter wissen (er hatte mich auf 70 geschätzt, was mich etwas verstimmte, da ich manchmal finde, ich sähe entschieden jünger aus, als meine 72) , und so gebe ich ihm im Gegenzug 50 (er sah jünger aus, war aber 52).
Seoul Station liegt eine gute Stunde Zugfahrt von Unseo, meinem Aufenthaltsort auf Incheon, entfernt. Ich fahre mit zwei jungen Männern, die sich als Japaner entpuppen, der eine Primarlehrer, der andere Ingenieur. Sie machen oft Abstecher nach Seoul, hauptsächlich wegen der Casinos, die in Japan verboten seien.
An der Seoul Station spricht mich eine junge Frau an, die offenbar gemerkt hatte, das ich nicht so recht weiss, wohin. Ich wolle mich orientieren, sage ich, wo ich am Sonntag den Zug nach Busan zu nehmen hätte. Sie zeige es mir, sie fahre nach Daejeong zu ihren Eltern, das sei dieselbe Richtung wie Busan. Sie arbeite am Flughafen, beim Check-in, Englisch habe sie von Filmen gelernt. Daejeong lohne keinen Besuch, da gebe es gar nichts, sagt sie auf meine Frage, und eilt zu ihrem Zug.
Ich erkunde die Gegend um den Bahnhof, entdecke Seitengassen, die aus der Zeit gefallen sind, und wo mich – wie schon in Japan – die Stille fasziniert, die etwas Ewiges auszustrahlen scheint.
Zurück am Bahnhof verlaufe ich mich. Es gibt verschiedene Züge nach Incheon. Es dauert eine geraume Weile, bis ich das merke, und finde dann doch noch den für mich richtigen.
Bei einem Cafe Latte und einem Croissant in der Bahnhofsbäckerei in Unseo spricht mich ein junger Mann an. Er ist aus Laos und ist wegen eines Meetings hier (er vermittelt laotische Arbeiter an südkoreanische Firmen). Ein junger Koreaner mischt sich in unser Gespräch ein: Es sei selten, dass man hier Englisch sprechen höre. In Korea gebe es Leute, die beim Englischexamen viel besser abgeschlossen hätten als er, sich jedoch nicht zu sprechen trauten. Es sei so recht eigentlich abstrus, wie man in Korea Englisch lerne. Es komme drauf an, alles richtig zu sagen. Das ist in der Tat abstrus, werfe ich ein, denn es sei der Sprache so recht eigentlich eigen, das man fast alles auch ganz anders sagen könne. Mit Sprache, so scheine mir, habe diese Art Lernen wenig zu tun, stattdessen mit Anpassung und Unterwerfung. Asiatische Kulturen seien meines Erachtens Gehorsamkeitskulturen, führe ich aus (die beiden nicken zustimmend), während ich mich gerade wieder einmal frage, ob die westliche Kultur, die angeblich so frei sein soll, wirklich so anders ist oder sich einfach nur anders verkauft.


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